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Der böse Baron von Krosigk

Paul Schreckenbach: Der böse Baron von Krosigk - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer böse Baron von Krosigk
publisherL. Staackmann Verlag
addressLeipzig
year1922
firstpub
printrun43.-47. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100603
projectid88f3ed26
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III.

Am folgenden Tage begab sich das Krosigksche Ehepaar schon in der Frühe zu Reil, um Abschied zu nehmen. Der vierspännige Wagen, der sie nach Poplitz tragen sollte, kam eine Stunde später vor das Haus gefahren, aber er mußte noch lange stehen, ehe die Herrschaften endlich von dannen fuhren. Sie blickten immer wieder zurück und winkten mit der Hand, so lange sie das Haus und seine Bewohner noch sehen konnten, als könnten sie sich nur schwer von ihnen trennen. Es war ja auch in der Tat ein ernster Abschied gewesen, ein Abschied vielleicht auf Jahre, denn der berühmte Gelehrte war an die neugegründete Universität nach Berlin berufen worden und sollte schon in wenigen Tagen dorthin übersiedeln.

Finster, mit gefurchter Stirn saß Heinrich von Krosigk im Wagen und brütete stumm vor sich hin. Endlich ergriff Friederike seine Hand, als wollte sie ihn daran erinnern, daß sie noch da sei. Diese Berührung schreckte ihn aus seinen Träumen auf. Er drückte ihre Hand und rief, indem er ihr innig in die Augen schaute: »Ja, du mahnst mich mit Recht daran, wie reich ich noch bin. Noch habe ich ja dich. Ich darf nicht trauern, so viele von den besten Freunden mir das Leben auch nach und nach in die Ferne führt!«

Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und lehnte ihr Haupt an seine Schulter. Er küßte sie auf ihr dunkles Haar und sagte: »So lange ein Mann eine liebevolle und hochgesinnte Frau an seiner Seite hat, ist er nie ganz unglücklich. Es ist wohl der bitterste Tropfen in dem Wermutskelche, den unser König leeren muß, daß ihm der letzte Sommer auch noch die Königin Luise genommen hat. Das wird er nie überwinden.«

Friederikes Augen füllten sich mit Tränen. »Ach, Liebster, wir überwinden es ja alle niemals. Mir gibt es immer wieder einen Stich durchs Herz, wenn ich an ihren Tod denke.«

»Ja, sie ist das edelste Opfer des korsischen Tyrannen. Die Schande Preußens hat ihr das Herz gebrochen. Wann endlich wird der Tag kommen, an dem wir ihren Tod rächen?«

Er stemmte beide Fäuste auf das Kutschenleder und starrte wieder düster und wie geistesabwesend vor sich hin. Plötzlich aber veränderten sich seine Züge. Er blickte angestrengt den Weg entlang, und seine Augen weiteten sich vor Erstaunen.

»Das ist doch Steffens?« rief er, auf einen Mann deutend, der in ziemlicher Entfernung auf einem Meilensteine saß, wo die Straße nach Deutleben abzweigt, und den Wagen offenbar zu erwarten schien.

Es war wirklich der Professor. Er schwenkte, als man herankam, schon von weitem den Hut und rief: »Hurra!«

»Nun sagen Sie mir bloß, Steffens, was machen Sie hier am frühen Morgen auf dem Meilensteine?« rief Krosigk.

»Ich erwarte Sie, Verehrtester,« erwiderte der Gelehrte kaltblütig und verneigte sich mit einem ziemlich mißglückten Kratzfuße vor der Baronin.

»Wollen Sie mit nach Poplitz?«

Steffens trat dicht an den Wagenschlag heran. »Nicht im entferntesten, teuerster Gönner und Freund. Ich möchte nur ein kleines Kolloquium mit Ihnen halten.«

»Wozu die Landstraße sich doch wohl schwerlich eignet!« siel Krosigk ein. »Kommen Sie her, steigen Sie auf!«

»Unmöglich!« entgegnete Steffens. »Ich muß Sie vielmehr bitten, einmal aus Ihrer Karosse zu steigen und wie ein gewöhnlicher Sterblicher eine Strecke mit mir zu Fuße zu wandern. Ich habe diese Nacht einen Besuch erhalten, der mir die wichtigsten Nachrichten gebracht hat, ja, ich kann wohl sagen, die allerwichtigsten. Die möchte ich Ihnen gleich mitteilen, und meinen neuen Bekannten möchte ich Ihnen auch vorstellen, er wartet hier in der Nähe. Auf der Landstraße, wo man Umschau halten kann, redet es sich über manche Dinge gefahrloser als sonstwo. Es gibt hier wenigstens keine Wände und Lauscher.

Der Baron sah Steffens scharf an. »Von Berlin?« fragte er halblaut.

Der Gelehrte nickte. Mit einem Satz war Krosigk aus dem Wagen. Seine Augen blitzten. »Fahre langsam vor uns her, liebes Kind,« sagte er zu Friederike. »Wir holen dich dann wieder ein.«

Die beiden Männer blieben in eifriger Unterhaltung zurück. Als Friederike sich einmal nach ihnen umschaute, sah sie zu ihrem Erstaunen, daß ihr Mann den Professor heftig umarmte. Dann kam er mit hastigen Schritten dem Wagen nach. Er befand sich offenbar in der höchsten freudigen Aufregung.

»Ich muß dich bitten, liebe Frau,« sagte er, »allein nach Poplitz weiter zu fahren. Ich habe hier in der Nähe eine unaufschiebbare Sache zu erledigen. Das Nähere später. Du schickst mir den Wagen mit den beiden Braunen so, daß er nachmittag vier Uhr vor dem Pfarrhause zu Domnitz hält. Schröder und Breitmann,« wandte er sich an die beiden auf dem Bocke sitzenden Diener, »ihr schweigt davon gegen jedermann. Schröder mag mich hier abholen und Breitmann, du reitest, wenn du gegessen hast, auf der Stelle nach Piesdorf und bittest Herrn von Wedell, heute abend herüber zu kommen und mein Gast zu sein. Es wäre sehr dringend, handelte sich um einen Freundschaftsdienst. Und nun lebe einstweilen wohl, liebes Riekchen. Setze uns etwas recht Gutes vor am Abend. Wir werden wohl Hunger haben.«

Er gab seiner Frau noch einen Kuß, und der Wagen rollte von bannen.

»Donnerwetter, Steffens,« sagte er, als sie allein waren, »wissen Sie auch, daß Ihre Botschaft mir neue Lebenslust in die Adern gießt? Eben dachte ich darüber nach, ob es nicht das Beste für mich wäre, den ganzen Plunder hier im Stiche zu lassen und nach Preußen zu gehen und, wenn es nicht anders ginge, dem Heere unentgeltlich zu dienen. Nun sagen Sie mir, es soll endlich losgehen, Preußen rührt sich, und wir dürfen uns für Preußen rühren. Ich bin gleich wie neugeboren. Wo haben Sie denn den Mann versteckt, der Ihnen die kostbare Kunde gebracht hat?«

»Im Gasthofe zum Sattel. Er ist mir vorausgegangen und erwartet uns dort.«

»Nein,« sagte hinter ihm eine tiefe Stimme, »dort ist er nicht, denn dort sind westfälische Gendarmen.« Ein hochgewachsener Mann, den trotz seines Zivilrockes jeder für einen Offizier halten mußte, trat hinter einem Gestrüpp hervor. »Hauptmann von Boltenstern,« stellte er sich mit einer leichten Verbeugung vor. »Ich habe wohl die Ehre, Herrn Major Krosigk vor mir zu sehen?«

»Der bin ich,« erwiderte Krosigk und drückte seine Hand mit großer Heftigkeit. »Und wenn ich Ihnen sage, ich freue mich, Sie zu sehen, so ist das ein ganz matter Ausdruck für das, was ich bei Ihrem Anblicke empfinde. Kommen Sie mit Vollmacht vom Könige, so stelle ich Ihnen meine Person und meine Habe zur Verfügung.«

»Aber verehrter Herr Major,« rief Boltenstern – »vom Könige? Nein, da erwarten Sie zu viel. Der Monarch kann sich doch nicht in solche Dinge einlassen.

Der König kann sich erst erklären, wenn Preußen wirklich losschlägt. Vorläufig komme ich von Gneisenau und Scharnhorst. Genügt Ihnen das nicht?«

»Ja, das genügt mir. Sie gehören ja, Gott sei Dank, jetzt zu den nächsten Beratern des Königs. Wenn die uns raten, etwas zu tun, so halte ich mit, denn dann muß allerdings die sichere Aussicht sein auf die nahe Stunde der Befreiung.«

Boltenstern wollte etwas erwidern, aber Steffens unterbrach ihn. »Halt,« sagte er, »nicht weiter. Wir wollen die dort erst arbeiten lassen.«

Sie waren bei einer Wegbiegung angelangt, die aus einem kleinen Gehölz herausführte. In der Ferne sah man den Wagen des Barons über den Sattelberg dahin fahren. Etwa tausend Schritte vor ihnen lag links seitwärts der Landstraße ein langes, hochgiebliges Gebäude, über dessen Tür eine Laterne und ein Schild mit einem gesattelten Schimmel heraushing. Dies war das uralte Wirtshaus zum Sattel, wo alle Fuhrleute zwischen Halle und Cönnern seit undenklichen Zeiten zu rasten pflegten.

Vor dem Sause stand eine hölzerne Krippe, aus der zwei Pferde ihren Hafer fraßen. Die zu ihnen gehörigen Reiter, zwei westfälische Gendarmen, traten eben aus der Tür. Ihr Abzug schien mit einigen Unannehmlichkeiten verknüpft zu sein, denn hinter ihnen erschien eine stämmige Frau mit zornrotem Gesicht, die ihnen eine Fülle saftiger Kernworte nachrief.

Die drei Herren beobachteten hinter einem Gebüsche ergötzt die Szene. »Das ist die Ullrichen, ein ganz verteufeltes Weibsbild!« sagte der Baron. »Ich kenne sie seit meiner Kindheit; sie ist das resoluteste Frauenzimmer, das mir jemals vorgekommen ist. Schon zur Zeit des seligen Ullrich hatte sie gar sehr die Hosen an; jetzt als Witwe führt sie ein straffes Regiment in ihrer Wirtschaft.«

»Und was an ihr das Löblichste ist,« fügte Steffens hinzu, »sie kann keine Franzosen sehen, ohne daß ihr die Galle überläuft. In ihrem Hause kann man ganz frei reden, wird nicht belauscht, braucht nichts zu fürchten. Deshalb kam mir der Gedanke, unsere Konferenz hier abzuhalten. In Halle wären wir lange nicht so sicher gewesen.«

»In Poplitz wären wir noch sicherer. Warum sind Sie nicht ganz einfach mit in meinen Wagen gestiegen?«

»Das will ich Ihnen sagen, lieber Krosigk,« entgegnete Steffens. »Ich bin der festen Überzeugung, daß Sie nach den letzten Vorkommnissen stark beobachtet werden. Ich möchte sogar darauf schwören, daß die Kerls dort, die Gendarmen, nicht ganz zufällig hier gewartet haben und nun hinter Ihrem Wagen herreiten.«

»Beim Styx!« rief Krosigk, »Sie mögen recht haben. Die Halunken werden sich nicht schlecht wundern, wenn sie nur meine Frau darin sitzen sehen.«

»Darum en avant! Erreichen wir das Haus, ehe sie umkehren; sie sind jetzt hinter den Häusern von Domnitz verschwunden,« mahnte Steffens. »Dort sind wir geborgen. Einkehren werden sie bei der Witwe Ullrich schwerlich zum zweiten Male.«

Die rundliche Wirtin stand noch in der Tür und sperrte vor Erstaunen den nicht eben kleinen Mund auf, als sie die drei ansehnlichen Herren in eiligem Lauf auf ihr Haus zukommen sah. »Ach du mein Herrgott!« rief sie, als sie Steffens und Krosigk erkannte, »der Herr Baron und der Herr Professor! Na so was! Das hat sicher was zu bedeuten.«

»Hat es auch!« antwortete Krösigk atemlos. »Wir wollen von den beiden Buntröcken nicht gern gesehen werden, die eben abgeritten sind. Der Herr hier ist Preuße und möchte nicht mit westfälischen Gendarmen zusammentreffen.«

Die Augen der Wirtin glänzten wie Leuchtkugeln. »Da sind Sie vor die rechte Schmiede gekommen!« flüsterte sie aufgeregt. »Ich habe schon manchem durchgeholfen; Schillsche Leute lagen drei Tage und Nächte im Hause, und keine Katze hat's gemerkt. Wollen Sie ins Heu oder in den Keller?«

»Nein nein, gute Frau,« wehrte Krosigk lachend ab. »Der Herr wird nicht verfolgt, sein Paß ist in Ordnung. Führe sie uns in eine Stube, wo wir ganz ungestört sind und bringe sie uns Bier, denn trocken wollen wir nicht sitzen.«

»Wird alles gemacht, Herr Baron!« erwiderte die Frau. »Kommen Sie nur mit.« Sie schritt voran durch eine kleine einfenstrige Stube im hinteren nach dem Garten zu gelegenen Teile des Hauses. Dann öffnete sie die Tür zu einem geräumigen Zimmer, in dem ein großer Glasschrank mit bunten Tassen und Tellern, ein Kattunsofa und schreiend bunte Bilder an den Wänden jedem Kundigen anzeigten, daß er sich im Allerheiligsten des Hauses, in der »guten Stube«, befinde.

»Hier,« sagte die Wirtin mit einer einladenden Handbewegung, »sind die Herren ungestört. Ich bringe gleich das Bier. Dann können Sie auch die Stube draußen mit von innen abriegeln.«

Als sie nach einer Weile mit einem Krug und drei Gläsern wiederkam, wies Steffens auf ein Bild an der Wand, das mit einem Trauerflor umwunden war. Es übertraf alle anderen bei weitem an Größe und stellte die preußische Königsfamilie vor.

»Sie hat aber Mut, Frau Ullrich!« rief er.

»In diese Stube kommen nur anständige Leute,« erklärte die Wirtin. »Franzosen und Westfälische lasse ich nicht rein. Und wenn ja einmal einer rein käme und wollte frech werden, der sollte die Ullrichen kennen lernen!« Sie fuchtelte mit den derben Fäusten bedrohlich in der Luft herum. Die drei Herren lachten.

»Das glaub' ich ihr aufs Wort,« sagte Krosigk. »Was hatten denn vorhin die beiden Landjäger verbrochen?«

»Die schimpften über meine hausschlachtene Wurst, und da setzte ich sie an die Luft.«

»Recht so!« lobte der Baron. »Man muß sich von der Bande nichts gefallen lassen. Sie kann übrigens einmal aufpassen, ob die Kerle zurück reiten. Es liegt uns daran, das zu wissen.«

»Recht sehr gern!« erwiderte die Wirtin und verließ das Zimmer.

Steffens goß das goldbraune Bier in die Gläser. »Setzen wir uns hier um den runden Tisch,« rief er. »Und nun, Herr Hauptmann, legen Sie los!«

»Ich bin,« begann Boltenstern, »von Scharnhorst, Gneisenau und Chasôt an Herrn Professor Steffens gesendet worden. Sie wissen, Herr Baron, daß diese drei Männer in Berlin an der Spitze der Patrioten stehen. Sie sind die eigentlichen Häupter der Kriegspartei in der Hauptstadt, wie der General von Blücher in Pommern und der Graf Götzen in Schlesien. Oberst Gneisenau ist, wie Ihnen ja wohl ebenfalls bekannt sein dürfte, augenblicklich nicht in aktivem Dienste, weil Napoleon ebenso wie Steins Entlastung auch seine Entlassung gewünscht hat. Der Kaiser sieht in ihm einen seiner gefährlichsten Feinde.«

»Und mit Recht,« unterbrach ihn Krosigk. »Doch das ist mir alles bekannt; kommen Sie zur Sache!«

»Nun, denn also: Gneisenau und seine Freunde sehen die Zeit für reif an, die Unzufriedenen, die Feinde der Fremdherrschaft in den von Preußen abgetretenen Provinzen zu organisieren. Denn, meine Herren,« – er dämpfte unwillkürlich die Stimme – »wir stehen am Vorabend der größten Ereignisse. Man hat im Kabinette Seiner Majestät in Berlin die genaueste und sicherste Kunde davon, daß der Krieg zwischen Napoleon und dem Zaren unvermeidlich geworden ist.«

Krosigk fuhr mit funkelnden Augen empor. »Dann kann die Stunde der Befreiung kommen.«

»Sie kann kommen, gewiß, und Gott lasse sie uns schlagen!« fuhr Boltenstern fort. »Zunächst aber befindet sich unser Staat, eingekeilt zwischen die beiden Kolosse, in einer sehr ernsten Lage. Die Situation ist so gefährlich, daß es sehr schwer für den König ist, die richtige Entscheidung zu treffen. Neutral bleiben kann er nicht; das ist absolut unmöglich. Von Petersburg kommt schon jetzt eine geheime Botschaft über die andere, die zur Allianz drängt. Napoleon weiß das auch oder er ahnt es wenigstens. Sobald er gerüstet genug ist – zurzeit scheint er es noch nicht zu sein –, wird er uns die Schicksalsfrage stellen, ob wir für ihn sein wollen oder wider ihn.«

»Aber das ist doch ganz unmöglich, daß Preußen für ihn ist!« rief Krosigk. »Der Staat Friedrichs des Großen kann doch nicht die Rolle eines Rheinbundstaates spielen wie Lippe oder Reuß! Das wäre der Gipfel der nationalen Schmach!«

»So empfinden die Patrioten in Berlin natürlich auch,« erwiderte Boltenstern, »und deshalb setzen sie alles daran, den König zum Anschluß an Rußland zu bewegen. Aber Sie wissen, wie langsam russische Hilfe herbeizukommen pflegt. Wir alle haben es noch in frischer Erinnerung von Anno sechs her, und der König hat das eben auch nicht vergessen. Deshalb hat Gneisenau keinen leichten Stand, wenn er ihm rät, sich im entscheidenden Augenblicke Rußland in die Arme zu werfen.«

Krosigk machte eine heftige Bewegung, als wollte er wieder auffahren. Aber er preßte die Lippen zusammen und schwieg.

»Wir wissen nicht,« sprach Boltenstern weiter, »wie weit der Kaiser mit seinen Rüstungen ist. Der Zug gegen Rußland ist ein gigantisches Unternehmen und fordert die ungeheuersten Heeresmassen. So meint Gneisenau, vor Jahresfrist könne er auf keinen Fall fertig sein, vielleicht werde es auch noch länger dauern. Es kommt uns nun sehr viel darauf an, zu wissen, wie Napoleon seine Heeresmassen verstärkt und nach Osten vorschiebt. Wir müssen genaue Nachrichten haben von den Bewegungen der französischen Truppen, ihren Standquartieren, den Anführern und Waffengattungen. Herr Professor Steffens erklärt, ganz und gar außerstande zu sein, derartige Nachrichten sich zu verschaffen und uns zu liefern. Er hat mir Sie, Herr Baron, als den dazu geeigneten Mann bezeichnet. Wollen Sie?«

»Das Spionieren,« entgegnete Krosigk, »ist mir ein verhaßtes Geschäft. Aber wenn ich Preußen damit dienen kann, nehme ich auch das auf mich.«

»Es ist nur ein Teil der Aufgabe, die Ihrer wartet,« bemerkte Boltenstern. »Viel mehr wird verlangt. Sie sollen Gleichgesinnte werben, so daß ein Bund in Westfalen entsteht von lauter solchen, die einen bewaffneten Aufstand beginnen, wenn von Berlin aus die Weisung erfolgt. Sie müssen sich Kenntnis davon verschaffen, wie viele und welche Waffen sich in Privatbesitz befinden, und müssen diese Waffen, besonders auch Pulver, ohne Aufsehen an bestimmten zweckmäßigen Orten vereinigen. Wollen Sie das?«

»Mit tausend Freuden,« rief Krosigk aufspringend. »Ich bin Ihnen von Herzen dankbar, Steffens, daß Sie mich zu dem Werke vorgeschlagen haben.«

»Sie sind in allem der geeignete Mann,« versetzte der Gelehrte. »Nur vor einem, um Ihnen das offen zu sagen, bangt mir.«

»Nun?«

»Vor Ihrer Tollkühnheit. Sie spielen leicht mit der Gefahr.«

»In eigener Sache, ja,« versetzte Krosigk ernst. »Anderer Leute Leben und Freiheit setze ich nie leichtsinnig aufs Spiel, darauf können Sie sich verlassen. Darum habe ich mich auch Anno Neun von den Insurgenten ferngehalten, so mächtig mich mein Herz zu Schill und Dörnberg hinzog.«

Steffens nickte bestätigend. »Sehen Sie, seit der Zeit habe ich auch erst das richtige Vertrauen zu Ihrer Klugheit gewonnen. Ich glaube seitdem selbst, was mir Wedell einmal sagte, daß Sie ganz das Zeug haben zum Haupte einer Verschwörung. Ihren Mut und Ihre Entschlossenheit habe ich überdies von jeher bewundert.«

»Stoßen wir also an. Freunde und Bundesgenossen, auf Preußen, auf den König, auf ein gutes Gelingen unseres Werkes!« rief Krosigk. »Gott sei Lob und Dank, daß endlich die faule Zeit vorüber ist!«

Die drei Männer leerten ihre Gläser und gaben sich dann schweigend die Hände. Es war wie ein Gelöbnis ohne Worte. Darauf setzten sie sich wieder an den Tisch und besprachen die Einzelheiten ihres Planes. Nach einer gemeinsamen Mahlzeit, die nur aus Erbsen und Rauchfleisch bestand, trennten sie sich endlich. Steffens ging nach Halle zurück. Boltenstern erbat sich von der Wirtin einen Führer nach dem Gute seines Schwiegervaters, das in der Nähe lag. Krosigk begab sich nach der Pfarrei Domnitz, um dort seinen Wagen zu erwarten.

»Ich beginne heute noch meine Arbeit,« sagte er. »Jetzt werbe ich den Pastor von Domnitz; am Abend weihe ich meinen Freund, den Piesdorfer Wedell, in das Geheimnis ein. Beide gehören zu den besten ihres Standes, und auf die Gewinnung der beiden Stände, der Rittergutsbesitzer und Pastoren, müssen wir ein besonderes Gewicht legen. Auf dem Lande ist niemand einflußreicher.«

»Ihrem Werkmeister in Laublingen sagen Sie aber ja nichts! Wedell schilderte ihn als enragierten Franzosenfreund,« warnte Steffens.

»Der wäre allerdings der letzte,« brummte der Baron. »Er ist aber, Gott sei Dank, eine Ausnahme. Die meisten Geistlichen hier zu Lande sind gute Patrioten, wenn auch manche, besonders die älteren unter ihnen, nicht durch besonderen Mut glänzen. Viele getraue ich mir doch zu gewinnen. Sie, Steffens, hören bald von mir.« Darauf schied er von den anderen mit einem festen Händedruck. Aufrechten Ganges schritt er die Straße dahin, seine Augen leuchteten und seine Wangen brannten vor innerer Erregung. Er fühlte sich so froh und gehoben, wie seit Jahren nicht. Endlich, endlich schimmerte von ferne das Morgenrot der Freiheit, einen herrlichen Tag verkündend, und er durfte diesen Tag, den hunderttausende ersehnten, mit heraufführen. Er durfte wieder arbeiten für sein geliebtes Preußen, sein Leben hatte wieder einen großen Zweck.

Heute hatte er überall Glück. Zuerst gewann er den Pfarrer von Domnitz, der ihm freiwillig schwur, alles für die Sache des eigentlichen und wahren Königs zu tun, was er irgend könne. Dann gewann er seinen Freund Wedell, mit dem er bis in die späte Nacht zusammensaß. Endlich, und das erfreute ihn am meisten, gewann er seine Frau für die große Sache. Er fand, als Wedell abgefahren war, Friederike noch angekleidet und in einem Buche blätternd im Schlafzimmer vor. Ohne ihre Frage abzuwägen, setzte er sich zu ihr und erzählte ihr alles. »Du hast mein vollstes Vertrauen, und deiner Verschwiegenheit bin ich sicher. Auch weiß ich, daß dich die Gefahr nicht schrecken wird,« schloß er.

Sie warf sich an seine Brust. »Nein, Geliebter, du sollst mich nicht schwach sehen,« sagte sie. »Ich will ja nur dein Glück, und dein Glück ist Gefahr und Kampf und ein Leben für höhere Güter.«

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