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Der böse Baron von Krosigk

Paul Schreckenbach: Der böse Baron von Krosigk - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer böse Baron von Krosigk
publisherL. Staackmann Verlag
addressLeipzig
year1922
firstpub
printrun43.-47. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100603
projectid88f3ed26
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II.

Heinrichs Weissagung ging in Erfüllung. Die Kunde, daß der böse Baron auf Poplitz die Gendarmen des Königs Jérôme ins Spritzenhaus gesperrt habe, erregte bei allen patriotischen Gemütern des Landes eine unbändige Heiterkeit. Man hatte lange nichts mehr von ihm gehört, aber nun war sein Name auf einmal wieder in aller Munde. Man hielt überhaupt im Magdeburgischcn nicht gern mit seiner Meinung hinter dem Berge, aber so frech und trotzig hatte noch niemand das allgemein gehaßte und verachtete Landesregiment in Cassel zu verhöhnen gewagt, wie dieser wilde Krosigk. Es lachte der Adel auf seinen Gütern, es lachten die Bauern in den Dörfern und die Bürger in den Städten, und die hochentzückten Studenten in Halle waren nur schwer von dem Plane abzubringen, ihn durch einen feierlichen Fackelzug zu ehren.

Die begeisterten Musensöhne hätten sich, um solches auszuführen, gar nicht erst nach Poplitz zu bemühen brauchen; denn der Baron nahm im Herbste einen sechswöchentlichen Aufenthalt in ihrer eigenen guten Stadt. Freiwillig geschah das allerdings nicht, er saß dort vielmehr eine Haftstrafe ab. Man hatte bis jetzt von Cassel aus sich verwunderlich viel von ihm gefallen lassen, aber diese hagebüchene Grobheit schlug dem Fasse den Boden aus. Er hatte die westfälische Justiz und Polizei zum Gelächter gemacht, dafür mußte er büßen. Ein summarischer Prozeß wurde gegen ihn eingeleitet, und das Urteil lautete, er solle zweitausend Francs Strafe zahlen oder sechs Wochen lang in der Einsamkeit über seine Schandtat nachdenken.

Als ihm die Sentenz ausgehändigt wurde, brummte er: »Das fehlte gerade noch, daß ich die Kerle mit meinem guten Gelde bereichere. Ich zahle keinen Heller. Mögen sie mich sechs Wochen in Halle einsperren.«

Seine Frau machte auch nicht den leisesten Versuch, ihn zur Zahlung zu bewegen. Sie wußte wohl, daß seine Starrköpfigkeit unbeugsam war, und überdies schien ihm die ganze Sache einen ungeheuren Spaß zu bereiten.

So fuhr er denn an einem schönen Septembertage seelenvergnügt mit seinem Diener Breitmann nach Halle, um seine Strafe abzusitzen. »Direkt ins Loch!« schrie er dem alten Pastor Moldenhauer zu, als er an dem Lustwandelnden vorüberfuhr.

Er lachte über diese Veranstaltung seiner Behörde, und er hatte allen Grund zu lachen. Seine Haft in Halle war die reine Komödie, denn alle, die ihn bewachen sollten, waren seine guten Freunde und taten, was sie konnten, ihm das Leben zu erleichtern. Reil reichte sogleich ein Memorandum beim Unterpräfekten Schele ein, worin er behauptete, Krosigk habe eine geschwächte Gesundheit und müsse notwendigerweise eine Brunnenkur gebrauchen. Schele hatte nur darauf gewartet und erlaubte ihm nun täglich auszugehen, angeblich um die vor der Stadt gelegene Badeanstalt zu besuchen, in Wahrheit, um ihm so viel Bewegung in freier Luft zu ermöglichen, wie er bedurfte und haben wollte. Allerdings begleitete ihn bei jedem Ausgange ein bewaffneter Gendarm, um ihn am Entweichen zu hindern. Aber das war ihm gleichgültig, denn daran dachte er ganz und gar nicht. Er bewohnte mehrere gemütliche Zimmer in der »Alten Wage«, einem Hause, das der Stadt gehörte und zu Universitätszwecken benutzt wurde, durfte sich selbst verköstigen und verpflegen, sah häufig Freunde bei sich, mit denen er bis in die Nacht beim Weine zusammensaß, und führte also alles in allem in seinem fidelen Gefängnisse ein recht behagliches Leben. Es ward endlich sogar seiner Frau gestattet, zu ihm zu ziehen, und so wurde die Strafe, die von der erbosten Regierung über ihn verhängt war, zur lächerlichen Farce.

Eine Buße mußte er aber doch für seinen tollen Streich entrichten, und die traf ihn härter als eine schwere Kerkerhaft. Durch einen unwillkommenen Besuch wurde er daran erinnert, daß es manchmal doch nicht wohlgetan ist, seine Freiheit, wenn auch nur auf kurze Zeit, aufs Spiel zu setzen.

Es war ein regnerischer und nebliger Herbstabend. Heinrich saß rauchend und plaudernd in einem Lehnstuhle, während seine Frau mit einer Näharbeit beschäftigt war. Plötzlich näherten sich der Tür sporenklirrende Tritte, eine kräftige Hand klopfte an, und auf des Barons verwundertes »Herein!« trat ein hochgewachsener, in einen dichten Mantel gehüllter Mann ins Zimmer.

Der Baron erhob sich erstaunt und erwiderte die höfliche Begrüßung des Fremden ebenso höflich, ohne zu ahnen, wer vor ihm stand. Friederike aber erkannte ihn auf der Stelle. Sie fuhr mit einem leichten Schrei in die Höhe und rief: »Herr von Boisselliers!«

»Ah, in der Tat, Herr von Boisselliers. Was verschafft mir die Ehre?« fragte der Baron und nahm eine sehr steife Haltung an.

»Ich komme, Herr Baron, um mit Ihnen über eine Angelegenheit zu reden, die mir mehr als alles andere am Herzen liegt,« antwortete der französische Oberstleutnant.

»Bitte!« sagte der Baron frostig und wies auf einen Stuhl, indem er gleichzeitig wieder Platz nahm.

Friederike raffte ihr Nähzeug zusammen und wollte das Zimmer verlassen, aber ihr Gatte hielt sie zurück. »Ich vermute, die Angelegenheit wird auch dich interessieren,« sprach er. »Außerdem wüßte ich nicht, welche Geheimnisse ich mit Herrn Oberstleutnant von Boisselliers hätte.«

Es entstand nach seinen Worten eine kleine Pause. Boisselliers redete nicht sogleich, er suchte offenbar nach Worten. Währenddessen sah ihn Krosigk unverwandt an, und je länger er ihn betrachtete, um so mehr begriff er, daß dieser Mann wohl geeignet sein konnte, einem heißblütigen Mädchen wie Minette eine blinde und tolle Leidenschaft einzustoßen. Boisselliers war keineswegs ein Adonis, nichts Weiches und Weichliches war an ihm. Er war eine kraftvolle, männliche und dabei durchaus aristokratische Erscheinung. Das von Wind und Wetter gebräunte, fast bronzefarbige Antlitz hatte eine nicht geringe Ähnlichkeit mit den Zügen seines großen Imperators, und aus den dunklen Augen leuchtete südliches Feuer.

»Nun, was wünschen Sie von mir, mein Herr? Bitte, ohne Umschweife!« begann Krosigk.

»Sehr wohl, ohne Umschweife,« erwiderte der Oberstleutnant. »Sie wissen, ich liebe Ihre Schwägerin Wilhelmine.«

Krosigk bejahte durch ein kurzes Neigen des Hauptes.

»Sie wissen auch, daß mich Wilhelmine ihrer Liebe würdigt.«

»Leider ist mir auch das bekannt.«

»Ich komme eben von Groß-Salze,« fuhr Boisselliers fort, »wo ich mir das Jawort des Mädchens holen wollte, das ich seit Jahren liebe und an dessen Gegenliebe ich keinen Augenblick zweifeln konnte. Ich finde sie nicht, man hatte sie nach Hecklingen zu ihren Verwandten gebracht.«

»Darin irren Sie sich,« unterbrach ihn der Baron. »Minette ist freiwillig gegangen.«

»Was heißt in einer solchen Lage: freiwillig –,« versetzte Boisselliers bitter. »Man hat das arme Kind mit Vorwürfen und Bitten gequält, man hat ihr gesagt, ihre Liebe sei Frevel und anderes mehr, und da ist sie dann gegangen.«

»Sie mögen nicht ganz unrecht haben,« gab Krosigk ruhig zurück als Antwort.

»Nun sagt mir Frau von Schurff, Sie, mein Herr, wären die Seele des Widerstandes gegen meine Bewerbung in Ihrer ganzen Familie. Die alte gute Dame fürchtet sich selbst vor Ihnen, und alle Onkels und Tanten, sagte sie, bangten vor Ihrem Zorn – bitte, lassen Sie mich ausreden!« rief er, als der Baron eine heftige Bewegung machte, ihn zu unterbrechen – »solange Sie dagegen wären, werde sie es nie wagen, in unsere Verbindung zu willigen.«

»Das hat meine Mutter gesagt? Das sieht ihr doch gar nicht ähnlich!« rief Friederike dazwischen.

»Ich will Ihnen die Erklärung dafür geben, meine gnädige Frau,« sagte Boisselliers, sich leicht auf seinem Sitze gegen sie verneigend. »Es ist zugleich die Erklärung dafür, daß ich hier bin. Ihre Schwester Minette ist erkrankt. Sie soll ja schon länger leidend sein. Frau von Schurff schreibt diese Krankheit den ewigen Aufregungen zu, die das arme Mädchen hat durchmachen müssen. Sie sieht ein, daß diese Liebe ihrer Tochter doch nicht aus dem Kerzen zu reißen ist, und sie ist doch eben die Mutter, die ihr Kind nicht einer Laune oder einem Vorurteile aufopfern will.« Er neigte sich wieder gegen sie, die erblaßt in ihren Stuhl zurückgesunken war, und wandte sich ihrem Gatten zu. »Ja, einem Vorurteile, mein Herr, und um Sie zu fragen, worauf dieses Vorurteil beruht, bin ich hier. Sie sind mein Gegner. So sollen Sie mir Auge in Auge sagen, warum Sie mein Gegner sind. Ist Ihnen irgend etwas zu Ohren gekommen, was meine Ehrenhaftigkeit als Mensch, als Offizier oder als Edelmann in Frage stellt?«

Der Baron blickte ihn fast erstaunt an und entgegnete dann ohne alle Karte, aber mit fester Bestimmtheit: »Nein, Herr von Boisselliers, mit Ihrer Person

hat meine Abneigung gegen diese Heirat nichts zu tun. Alles, was ich von Ihnen gehört und wahrgenommen habe, läßt mich in Ihnen einen Mann von Ehre sehen. Aber Sie sind Franzose. Deshalb ist zwischen uns und Ihnen eine tiefe Kluft befestigt, und die hinüber und herüber wollen, können nicht.«

»Wie?« rief Boisselliers. »Den Unterschied der Nationalität wollen Sie zwischen zwei Herzen stellen? Welche Idee, mein Herr! Das ist also alles, was Sie gegen mich haben? In welchem Zeitalter leben wir denn? Leben wir nicht im Jahrhundert der Intelligenz, wo die Ideen der Humanität und Brüderlichkeit immer mehr und mehr die Welt durchdringen? Wie bald werden alle die Schranken fallen, und alle Menschen werden Brüder sein!«

»Ja, Sie haben uns Ihre Humanität und Brüderlichkeit glänzend demonstriert,« sagte Krosigk sarkastisch. »Ich danke dafür. Verzeihen Sie, Herr von Boisselliers, wenn ich das ganze Gerede von humanité und civilisation und fraternité für das halte, was es ist: Phrasengewäsch. Was zwischen unseren Nationen geschehen ist, macht sie für Menschenalter zu Feinden. Da könnten denn die Kinder von Minette und Friederike von Schurff sich auf den Schlachtfeldern gegenüberstehen und einander würgen und morden.«

»Sie vergessen,« fiel Boisselliers ein, »daß Sie Westfale sind.«

Der Baron machte eine verächtliche Handbewegung. »Westfale? Bah! Ich kann leider augenblicklich nicht Preuße sein; aber ein Deutscher bleibe ich immer.

»Deutschland ist nur ein geographischer Begriff!« rief Boisselliers. »Sie gehören einem Staate an, der immer mit Frankreich verbündet bleiben wird.«

Krosigk lachte. »Sie irren in allem. Ich gehöre zur Zeit einem Staate an, der nichts ist als ein Kunstprodukt. Ob er in zehn, ja auch nur in fünf Jahren noch besteht, das wissen die Götter. Wenn Ihrem Kaiser heute etwas Menschliches begegnet, gibt es in vierzehn Tagen kein Westfalen mehr. Verläßt ihn einmal das Glück im Felde, und er wird über den Rhein zurückgetrieben, dann hört die ganze Jérômesche Herrlichkeit auch auf.«

»Aber mein Herr! Sie sind westfälischer Untertan!« rief Boisselliers. »In Ihrem Munde ist das Hochverrat. Ich will die Worte nicht gehört haben,« setzte er hinzu.

»Sehr gütig,« erwiderte Krosigk ironisch. »Das war also Ihr erster Irrtum. Der zweite ist, daß Sie Deutschland für einen bloßen geographischen Begriff halten. Wir sind geteilt, zerspalten, uneins in uns selbst und deshalb eine Beute der Fremden. Aber wir sind eine Nation. Wir haben nicht nur unsere eigenen Sitten und Gebräuche – unsere ganze Denkungsart ist himmelweit verschieden von der Denkungsart anderer Völker, ist durchaus eigenartig.«

»Die Denkungsart vornehmer Menschen ist in jedem Volke die gleiche,« warf Boisselliers ein.

»Mit einigen Einschränkungen dürfte das richtig sein,« fuhr Krosigk fort. »Aber in Ihrem Volke sind die vornehmen Menschen so dünn gesät, daß man dort zu Lande auf Schritt und Tritt mit Leuten von niedriger Denkungsart zusammenstoßen muß.«

»Was soll das heißen? Was wollen Sie damit sagen?« fuhr Boisselliers auf.

»Damit will ich sagen: Frankreich hat seinen alten Adel in der Revolutionszeit vernichtet. Ihr Offizierkorps, Ihre höhere Beamtenschaft besteht deshalb fast nur aus Parvenüs. Das mögen zum großen Teile tapfere und gewandte Männer sein, Leute von Erziehung, von vornehmem Charakter sind sie sicherlich nicht. Sie sind Abenteurer aus Frankreich und aller Herren Länder. Ich erinnere Sie nur an einen, den wir beide kennen: Major Martignac.«

»Oberstleutnant Martignac gehört der Armee des Kaisers nicht mehr an. Er ist in westfälische Dienste getreten,« entgegnete Boisselliers.

»So, so! Das wußte ich noch nicht. Da kann man ja leicht wieder einmal die Ehre haben, mit ihm zusammenzutreffen,« sagte Krosigk. »Aber das ist ganz gleichgültig. Er ist nur einer von vielen. Nehmen Sie doch einmal Ihre höchsten Offiziere, Ihre Marschälle. Sind Leute wie Vandamme und Augereau vornehme Menschen? Nicht einmal Bildung und Lebensart haben sie, wissen kaum anständig zu essen und zu trinken.«

Boisselliers biß sich auf die Lippe. »Es geziemt mir nicht, meine höchsten Vorgesetzten zu kritisieren,« versetzte er kurz.

»In solche Gesellschaft bringen Sie Ihre Frau,« redete Krosigk weiter. »Sie wird darunter täglich leiden; ja das Leben unter ungebildeten und rohen Menschen muß ihr mit der Zeit zum Ekel und zur Qual werden. Und es sind ja nicht nur die Manieren, die sie abstoßen müssen, es ist der Geist Ihrer Rasse, der uns zuwider ist. So wie sich Ihre Nation in den letzten Jahrzehnten gezeigt hat, ist sie eine Nation ohne Liebe und Treue und Glauben.«

»Mein Herr!« rief Boisselliers, »solche Beleidigungen seiner Nation erträgt kein Franzose!«

»Sie haben verlangt, meine Meinung zu hören. Ich bin gewohnt, was ich denke, deutlich zu sagen,« erwiderte Krosigk gemessen. »Übrigens bin ich leider noch nicht zu Ende. Ich muß noch eins hinzufügen, nämlich dies: Selbst wenn Ihr Volk das edelste und vorzüglichste auf Erden wäre, es ist nun einmal unser Erbfeind, und zwar unser siegreicher Erbfeind. Darum durfte ein deutsches Mädchen die Liebe zu einem Feinde ihres Vaterlandes gar nicht erst in sich groß werden lassen; sie hätte sie von Anfang an ganz anders bekämpfen müssen. Denn sich einem Landesfeinde an den Hals zu werfen, das ist und bleibt nun einmal für eine Tochter unseres Landes eine Schmach und Schande!«

»Monsieur!« schrie Boisselliers. »Das ist eine neue Beleidigung und diesmal auch eine Beleidigung meiner Braut!« Er ballte die Fäuste und knirschte: »Sie sind ein Poltron, mein Herr, ein Raufbold, Sie wollen mich reizen, daß ich mich Ihrer Pistole stelle. Ah, das wäre eine Lösung in Ihrem Sinne!«

Krosigk maß den Wütenden mit einem kalten Blicke und entgegnete mit überlegener Ruhe: »Sie irren. Die Absicht, Sie zu beleidigen, lag mir völlig fern. Von meinen Worten aber nehme ich nicht ein einziges zurück und muß es Ihnen überlassen, sich damit abzufinden. Glauben Sie, mich zur Rechenschaft ziehen zu müssen, – bitte, genieren Sie sich nicht!«

»Nein,« sagte Boisselliers. »Ich schlage mich nicht mit Ihnen. Um zweier Frauen willen tue ich's nicht. Und wenn das in Ihren Augen eine Schwäche oder eine Feigheit ist – was tut's! Meinen Mut in Zweifel zu ziehen, haben Sie kein Recht. Sie haben Ihre Pflicht in einer Schlacht getan, ich in vierundzwanzig Schlachten und trage das Kreuz der Ehrenlegion. – Sie aber, meine gnädige Frau, frage ich, ob auch Sie die Schwester verdammen.«

Friederike erhob sich und trat an die Seite ihres Mannes. Sie war sehr bleich und ihre Lippen zuckten, aber sie erwiderte mit fester Stimme: »Ich verdamme niemand, am wenigsten meine Schwester, und ich werde nicht aufhören, sie zu lieben. Nein, ich beklage ihr Los; denn ich bin ebenso überzeugt wie mein Mann, daß sie unglücklich werden wird, wenn sie sich losreißt von ihrer Familie. Sie weiß es jetzt nicht im Rausche der Leidenschaft, was sie alles opfert um ihrer Liebe willen. Sie aber, Herr von Boisselliers, Sie sollten sich scheuen, solch ein übermenschliches Opfer anzunehmen. Liebten Sie Minette so, daß Ihnen ihre Ruhe, der Friede ihres Herzens über alles ginge, so kreuzten Sie niemals wieder ihren Weg.«

Der Franzose sah sie erstarrt an. »Wie sagen Sie? Ich sollte mich und sie unglücklich machen?« rief er leidenschaftlich.

»Sie sind ein Mann,« versetzte Friederike. »Sie müssen die Kraft haben, zu entsagen. Und Minette wird mit der Zeit auch überwinden. Jede Flamme erlischt, wenn ihr keine Nahrung zugeführt wird.«

»O, Sie wissen nicht, was lieben heißt!«

»Ja, ich weiß es!« rief Friederike. »Ich weiß es so sehr, daß ich um meines Mannes willen selbst die Schwester lasse. Wird sie die Frau eines französischen Offiziers, Ihre Frau, Herr von Boisselliers, so ist zwischen uns kein schwesterlicher Verkehr mehr möglich. Gott weiß, was mich das kostet, aber ich kann nicht anders!«

Boisselliers stand ein paar Augenblicke regungslos. Er war tief erblaßt, seine Augen funkelten. »Es ist genug!« stieß er endlich hervor. »Mich reut jedes Wort, das ich mit Ihnen gesprochen!«

Er wandte sich um und verließ das Zimmer ohne Gruß.

Vierzehn Tage später erhielt Friederike einen Brief ihrer Mutter, der vor lauter Tränenspuren kaum zu lesen war. Die alte Dame schrieb, sie habe das Elend Minettes nicht länger ertragen können. Entweder müsse sie mit ansehen, wie ihr Kind dahinsieche und immer schwächer und kränker werde, oder sie müsse es dulden, daß sie dem erwählten Manne folge als sein Weib. Minette hätte nach herzerschütternden Kämpfen gewählt und Boisselliers ihr Jawort gegeben, und sie als Mutter könne ihr Kind nicht verlassen, auch wenn es in der Irre gehe.

Die junge Frau gab den Brief stumm ihrem Manne, als sie ihn gelesen hatte, und sah ebenso stumm, wie vernichtet vor sich nieder, während er ihn durchflog. Sie fürchtete einen Ausbruch seines Zornes; aber er blieb ganz still. Erst nach einer Weile sagte er hart und finster: »Es ist gut, daß wir morgen abreisen, denn es ekelt mich an, das den Freunden erzählen zu müssen. Es ist eine Schmach, eine Schmach!«

Friederike brach in Tränen aus. »Durch meine Familie!« schluchzte sie.

Heinrich legte den Arm um ihre Schulter und sagte ruhig: »Dafür kannst du nichts. Aber bleibe fest.«

»Und meine Mutter?« rief Friederike.

»Das Verhalten deiner Mutter zu richten steht dir und mir nicht zu,« sagte Heinrich düster. »Deine Schwester aber hat sich von uns geschieden. Als Frau von Boisselliers existiert sie nicht für mich.«

»Ja,« sprach Friederike mit tränenerstickter Stimme, indem sie sich an die Brust des Gatten warf. »Sie hat gewählt, und ich habe auch gewählt. Nur wenn sie unglücklich wird und etwa eine Zuflucht sucht, dann, Heinrich, wollen wir ihr das Haus nicht verschlossen halten.«

Ihr Mann schwieg eine Weile, dann antwortete er: »In diesem Falle darfst du tun, was du nicht lassen kannst. Vor der Hand aber bitte ich dich, mir nicht mehr von ihr zu reden und ihren Namen nicht zu nennen. Sie soll und muß aus unserem Leben verschwinden.«

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