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Der böse Baron von Krosigk

Paul Schreckenbach: Der böse Baron von Krosigk - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer böse Baron von Krosigk
publisherL. Staackmann Verlag
addressLeipzig
year1922
firstpub
printrun43.-47. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100603
projectid88f3ed26
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I.

Die Rosen im Poplitzer Schloßgarten waren zum zweiten Male verblüht, seit Friederike von Krosigk als junge Frau ihren Einzug gehalten hatte. Für das unglückliche Königreich Westfalen waren die beiden vergangenen Jahre eine Zeit immer härteren Druckes gewesen. Die nie aufhörenden Aussaugungen des Landes durch die beständigen französischen Einquartierungen, die immer mehr anschwellende Steuerlast, die rohe Willkür der Polizei hatten das Volk so schwer gedrückt und so tief erbittert, daß in einem Teile Westfalens die offene Revolution ausgebrochen war. Als Österreich sich wider Napoleon erhob, da entfaltete der tapfere Oberst von Dörnberg in den hessischen Bergen die Fahne der Empörung; aber er hatte kein Glück, die beginnende Volkserhebung wurde von den bewaffneten Schergen Jérômes sogleich im Blute der Aufständigen erstickt. Um dieselbe Zeit erschien im Magdeburgischen der Major von Schill mit seinem Husarenregimente, um den Volkskrieg zu entzünden. Aber auch seine Hoffnungen erfüllten sich nicht; das Volk stand nicht auf wie ein Mann, und nach anfänglichen kleinen Erfolgen unterlag der tollkühne Reiterführer mit seiner Schar der erdrückenden Übermacht des Imperators. Er fand mit vielen seiner Reiter einen ehrlichen Soldatentod, während elf gefangene Offiziere seines Regiments in Wesel wie Verbrecher erschossen wurden. Unter ihnen befanden sich auch der Leutnant Albert von Wedell, der einst Gast auf dem Poplitzer Schlosse gewesen war, und sein Bruder Karl.

Heinrich von Krosigk hatte allen diesen Versuchen, die Ketten der Fremdherrschaft zu zerbrechen, mit verschränkten Armen zugesehen und keine Hand dafür gerührt. Alte Freunde kamen zu ihm, lockten und baten, schalten und drängten, aber er blieb fest. »Auf solche Weise wollt ihr Deutschland retten, Preußen wiederherstellen?« schrieb er an einen Vertrauten, kurz nachdem Schill in Westfalen eingefallen war. »Seid ihr denn ganz von Gott verlassen? Ein Stabsoffizier marschiert los, unbekümmert um seinen Fahneneid, ohne den König zu fragen. Wenn dieser Geist in der unglücklichen kleinen Armee einreißt, dann ist Preußen verloren. Ich erkenne wohl, daß Schill wohlmeinend handelt, und doch ist seine Tat nicht nur unbesonnen, sondern direkt verwerflich, denn die erste Pflicht eines aktiven Militärs ist der Gehorsam. Daher beklage ich aufs tiefste die armen jungen Leute, die sein Exempel verführt; sie werden es hart zu büßen haben, daß sie ihm blindlings folgten.«

Ebenso streng urteilte er über den Versuch der Leutnants Katte und Hirschfeld, die Festung Magdeburg zu überrumpeln. Eugen von Hirschfeld erschien selbst in Poplitz, um den Baron für das Unternehmen zu erwerben. Er glaubte leichtes Spiel zu haben, denn er kannte ja Krosigks Franzosenhaß und seine deutsche Gesinnung. Aber er erhielt eine runde Absage. »Ich will gern helfen, Zündstoff zusammenzutragen,« sagte der Baron. »Aber erst dann darf der Brand ins Volk hineingeschleudert werden, wenn Preußen wirklich aufsteht. Erst muß unser alter König frei erklären, daß er den Frieden von Tilsit nicht mehr anerkennt. Erst muß er die jetzt Königlich westfälischen Untertanen, die eigentlich seine Untertanen sind, ihres Eides entbinden. Sonst erheben sich gerade die Besten nicht; nur zuchtloses Volk und abenteuerliches Gesindel läuft uns zu. Damit ist nichts zu machen, und mißglückt der Aufstand, so ist das Land dreimal, ja zehnmal miserabler dran als vorher.«

»So hätten wir uns in Ihnen getäuscht? So sind auch Sie, Krosigk, einer von denen geworden, die den Mut verloren haben?« rief Hirschfeld zornig.

»Ich denke, ich habe meinen Mut oft genug bewiesen,« erwiderte Heinrich stolz. »Sie wissen wohl, daß mich der Tod nicht schreckt. Aber ich trage eine ganz andere Verantwortung als Sie, und deshalb erkläre ich Ihnen auf das bestimmteste: so lange ich nicht von Männern, die dem Könige nahe stehen und führende Stellen in Preußen einnehmen, Wink und Weisung erhalte, halte ich mich fern von Unternehmungen dieser Art. Sie sind ebenso nutzlos wie verderblich.«

Als Hirschfeld dann nach lauem Abschied von dannen fuhr, sah er ihm vom Fenster aus noch lange nach. »Schade, jammerschade,« murmelte er vor sich hin, »daß oft die herrlichsten Jünglinge nicht zu Männern werden! Sie rennen in ihr Verderben,« sagte er sich umwendend zu seiner Frau, »und ich muß sie rennen lassen. Er ist irre geworden an mir, und ich empfinde es als die härteste Prüfung, daß ich zeitweise die Verkennung der besten Patrioten auf mich nehmen muß, wenn ich mir selbst treu bleiben will. Hoffentlich dauert es nicht zu lange mehr, bis Gneisenau oder Hardenberg oder Scharnhorst mich zur Tat aufrufen. Preußen kann nicht lange mehr so existieren und ich auch nicht.«

An derartigen Äußerungen merkte Frau Friederike, wie wild noch die unterdrückte Leidenschaft in ihm arbeitete. Sonst waren die zwei Jahre ihrer Ehe merkwürdig ruhig dahingegangen. Zusammenstöße zwischen ihm und der französischen Einquartierung kamen allerdings noch hin und wieder vor. Französische Soldaten, die das landesübliche Schwarzbrot oder das Magdeburger Sauerkraut Schweinefutter nannten, zwang er mit vorgehaltener Pistole, das geschmähte Essen hinabzuwürgen. Dagegen mit Offizieren anzubinden, mangelte mehr und mehr die Gelegenheit, denn sie mieden sein Haus, wenn sie irgend konnten, da sein Ruf als mauvais sujet fest gegründet war. Sie waren keine Feiglinge, aber warum sollten sie sich in den Ruhequartieren täglich ärgern und schließlich wohl gar noch herumschießen mit einem Manne, dessen Treffsicherheit mindestens so groß war wie die ihrige?

Friederike empfand das sehr wohltätig; denn noch immer verabscheute sie Händel dieser Art und konnte auf keine Weise von der Überzeugung abgebracht werden, daß der Zweikampf Sünde sei. Das waren so Prinzipienfragen, in denen sie von ihrem Manne abwich. Aber es waren ihrer sehr wenige. In der Hauptsache war sie ganz mit ihm einig, lebte sich mit jedem Tage mehr ein in sein Fühlen und Denken, lernte die Kraft und Größe seiner Natur immer höher schätzen. So konnte der Professor Steffens, der jetzt häufiger Gast im Poplitzer Schlosse war, einstmals von ihr sagen: »Diese Frau ist ihrem Manne mit rührender Innigkeit, ja mit Andacht ergeben. Eine harmonischere Ehe sah ich nie!«

Sie war mit einem Worte eine wirklich glückliche Frau geworden, und ihre Mutter sagte ihr das auch eines Tages, als sie von Groß-Salze auf Besuch herübergekommen war und nun in einer Nachmittagsstunde mit ihrer Tochter auf der Veranda faß, die nach der Parkseite hinauslag. Die alte Dame trug Trauerkleidung und ein schwarzes Witwenhäubchen, denn der liebe Schurff hatte sie auf der Welt allein zurückgelassen. Er war wenige Monate nach der Hochzeit seiner ältesten Tochter dahin gegangen, wo er seinen großen König und die entschlafenen Kameraden des Siebenjährigen Krieges wiederzufinden hoffte.

»Man soll ein gut Ding nicht berufen; es verkehrt sich sonst leicht ins Gegenteil,« sagte Frau von Schurff. »Aber ich muß es doch einmal aussprechen, wie sehr ich mich deines Glückes freue. Du hast wohl überhaupt keinen Wunsch mehr?«

»Aber Mutter!« rief Friederike. »Keinen Wunsch? Und wir leben im Königreiche Westfalen!«

»Ach, das meine ich jetzt nicht. Ich meine, als Frau bist du doch vollkommen glücklich?« fragte die Mutter weiter.

Aber Friederikes Antlitz huschte ein leichter Schatten. »Man wünscht sich doch noch dies und das,« entgegnete sie.

»Was denn zum Beispiel?«

»Ein Kind,« erwiderte die junge Frau leise.

Die Mutter lachte. »Ach, liebstes Riekchen,« sagte sie, »das hat wohl noch Zeit. Ihr seid ja erst wenig über zwei Jahre verheiratet. Denke an deines Mannes Mutter. Die mußte erst auch ein paar Jährchen warten, und nachher kamen noch – ja wie viele waren es eigentlich? Mit denen, die tot sind, wohl vierzehn. Wovor dich übrigens der liebe Gott in Gnaden bewahre.« Nach einer Weile setzte sie hinzu: »Dein Mann wünscht sich's wohl auch sehr?«

»Ja, Mütterchen, obwohl er nie davon spricht,« antwortete Friederike. »Er ist viel zu rücksichtsvoll und zartfühlend, etwas zu äußern, wodurch er mich betrüben oder kränken könnte. Aber ich weiß es doch. Er wünscht sich auch nicht nur deshalb einen Sohn, weil sonst die Güter auf Dedos Kinder übergehen. Er möchte gern noch etwas haben, woran er sich freuen und was er hegen und lieben könnte. Ich bin überzeugt, er würde der liebevollste Vater werden, wie er der liebevollste Gatte ist.«

Frau von Schurff sah eine Weile sinnend ins Weite, dann entgegnete sie nachdenklich: »Ein merkwürdiger Charakter ist dein Mann. Ich will dir offen gestehen: damals, als ihr euch getrennt hattet, dachte ich eine Zeitlang, es wäre gut so. Ich hatte die Sorge, sein fürchterlicher Starrsinn würde dich unglücklich machen.«

»Starrsinnig ist er,« sagte Friederike lächelnd. »Ja, das ist nun einmal sein Fehler, und ich bin nicht blind dagegen. Er geht niemals ab von dem, was er sich vorgenommen; einen Wandel in Haß und Liebe kennt er nicht. Da er sich aber fast immer nur Tüchtiges vornimmt, die Schlechten haßt und die Guten liebt, so ist mit dieser Art Starrsinn schon auszukommen. Sie sehen doch auch, wie beliebt er bei seinen Freunden und bei seinen Leuten ist. Seine Freunde bauen Häuser auf ihn und seine Diener gehen alle für ihn durchs Feuer. Und nicht nur die Leute im Schlosse, auch alle die Arbeiter draußen auf den Gütern. Wo ist aber auch ein Herr, der das für die Seinen tut? Jeder Tagelöhner erhält Haus, Feld, Fruchtgarten zugewiesen, und wenn er eine Reihe von Jahren im Dienste bleibt, so wird's sein Eigentum. Alte und Kranke werden im Spital verpflegt. So schafft er sich einen Stamm von Arbeitern, der seßhaft und treu ist.«

»Das kann aber auch nur ein Herr von großen Mitteln,« bemerkte die Mutter.

»Man kann auch sagen: er hat die Mittel, weil er so wirtschaftet,« erwiderte Friederike. »Wir haben immer Arbeiter, gute Leute; treues, anhängliches Gesinde. Deshalb leiden wir unter der harten Zeit weniger als viele andere.«

Frau von Schurff ergriff die Hand der jungen Frau und rief lebhaft: »Wie ich mich freue, dich so reden zu hören! Kann es für eine Mutter etwas Schöneres geben, als ihre Tochter so glücklich zu sehen? – Glück ist etwas so Seltenes auf Erden,« setzte sie leise seufzend hinzu, »daß man froh sein muß, wenn unter drei Töchtern wenigstens eine ganz glücklich ist.«

»Aber Mutter!« rief Friederike, »warum sollen nicht auch die andem glücklich werden?«

Der Mutter Antlitz verdüsterte sich, und sie antwortete zögernd: »Luise ist noch ein Kind. Ihr kann es ja noch erblühen. Aber Minette – nein, ich fürchte, die wird niemals glücklich.«

»Ach, das fürchte ich nicht,« sagte Friederike bestimmt.

»Sie hat einen festen Willen. So hoffe ich, daß sie mit der törichten Verliebtheit in den schönen französischen Kapitän fertig wird.«

»Eine Verliebtheit nennst du das?« rief Frau von Schurff. »Nein, mein Kind, da irrst du. Das ist eine Liebe und eine Liebe von der Art, die alles überwindet.«

Die junge Frau sah ihre Mutter bestürzt an. »Das wäre wahrhaft schrecklich!« sagte sie.

»Ja, wahrhaft schrecklich,« gab Frau von Schurff zurück. »Er gehört doch nun einmal zu den Landesfeinden. Wir können doch keinen Offizier des Korsen in unsere Familie aufnehmen!«

»Um Gotteswillen!« rief Friederike.

»Wäre er kein Franzose,« fuhr die Mutter fort, »ich wüßte bei Gott keinen Mann, dem ich mein Kind lieber anvertraute. Boisseliers ist einer der vornehmsten und feinsten Menschen, die ich kenne. Er ist der einzige Franzose, bei dem ich wirkliches Gemüt gefunden habe. Auch ist er von gutem Adel, und seine Karriere ist ausgezeichnet. Denke dir, er ist schon Obristleutnant.«

»Wie? Das ist allerdings schnell gegangen. Woher wissen Sie das, Mutter?«

»Ach, das ist es ja eben. Ich bin deshalb mit hierhergekommen, um mit deinem Manne darüber zu reden. Mein Bruder in Kecklingen riet mir's an. Ich sollte euch fragen, ob ihr Minette nicht im Herbste auf längere Zeit zu euch nehmen wollt.«

»Ja natürlich! Aber was ist geschehen?« fragte Friederike hastig.

»Denke dir, er hat an sie geschrieben!«

»Und der Brief ist in ihre Hand gekommen?«

»Ich konnte es nicht verhindern,« antwortete Frau von Schurff. »Aber ich glaube, es ist auch besser so. Sie muß sich doch selbst entscheiden.«

»Und was, Mutter, hat er ihr geschrieben?« drängte die Tochter.

»Ach, Kind, einen langen Brief. Er schrieb, er sei avanciert und könne nun sehr gut an die Gründung eines standesgemäßen Haushaltes denken. Es sei ihm überdies noch ein kleines Vermögen zugefallen von dem Bruder seiner Mutter. So will er denn im Herbst nach Groß-Salze kommen und sie fragen, ob sie sein Weib werden will.«

»Mutter!« rief Friederike ausspringend, »das darf nicht geschehen! – Was sagt denn Minette?« fragte sie dann ruhiger.

»Minette,« erwidert« die alte Dame leise, »Minette ist am Ende ihrer Kraft. Sie sagt, sie könne nicht mehr. Und ich glaube ihr das. Zwei Jahre hat sie damit gerungen und ist körperlich krank darüber geworden. Sie will noch kämpfen, aber sie traut sich die Kraft nicht zu, ihn abzuweisen, wenn er vor sie hintritt. Deshalb hält sie selbst es für das Beste, ihn nicht in Groß-Salze zu erwarten. Sie willigt ein, nach Hecklingen oder zu euch zu gehen.«

Friederike fiel ihrer Mutter um den Hals. »Schicken Sie sie her, liebe Mutter. Wir nehmen sie jeden Tag auf. Ach, Mutter, welch ein Verhängnis!«

Sie brach in Tränen aus und weinte, an die Schulter ihrer Mutter geschmiegt, eine ganze Weile, während die alte Dame, selbst mit ihrer Bewegung kämpfend, ihr liebevoll die Haare streichelte. »Die arme, arme Minette!« schluchzte sie. »Ach, ich kann mich so in ihre Seele verletzen! Wie muß sie leiden unter diesem schrecklichen Konflikte! Aber es kann ja nicht sein, es darf nicht sein! Wie würde Heinrich das ertragen! Ich glaube, es könnte ihn nichts tiefer verwunden. Er würde es nie überwinden. Ach, bestes Mutterchen, wir wollen sie stärken, daß sie nicht schwach wird. Und wir wollen selbst nicht schwach werden. Nicht wahr, liebstes Mutterchen?«

»Nein,« sagte Frau von Schurff. »Mir wollen tun, was wir können.« Sie mußte dabei trotz ihres Kummers lächeln, indem sie wahrnahm, wie sich bei dieser jungen Frau doch schließlich alles um ihren Mann drehte. Seiner gedachte sie auch in ihrem Gefühlsausbruche zuerst. Wie er es aufnehmen würde,das war ihre erste Sorge.

Ein Geräusch von vielen sich nahenden Männerschritten schreckte da plötzlich die beiden Damen auf. Friederike trocknete rasch ihre Tränen, denn auf dem Damme, der das Schloß umzog und es gegen den Park hin abgrenzte, kam ihr Mann geschritten, gefolgt von etwa fünfzig Arbeitern. Sie trugen die Schurzfelle vorgebunden, hatten Äxte, Beile, Schaufeln und Hacken über die Schultern geworfen und sahen aus, als ob sie eben von der Arbeit kämen oder zur Arbeit gehen wollten.

Der Baron winkte den Damen einen Gruß hinüber, als er ihrer ansichtig wurde, und rief: »Ich komme in einer halben Stunde zu euch. Wir wollen den schönen Abend miteinander genießen und im Freien essen!« Dann schritt er weiter nach dem Wirtschaftshofe.

»Was hat denn dein Mann mit den vielen Leuten vor?« fragte die alte Dame. »Habt ihr einen Bau?«

»Ja, aber nicht hier, drüben zwischen Veesen und Laublingen,« gab Friederike zur Antwort. »Sie haben wohl gehört, daß der König Lustig in Cassel den reichen Kirchen ihr überschüssiges Vermögen wegnimmt. Es wird dann am Hofe verjubelt oder es stießt nach Paris. Dem will Heinrich zuvorkommen und läßt seit einem halben Jahre bauen, was zu bauen geht. Das ganze Kirchenvermögen wird verbaut. Augenblicklich errichtet er ein Predigerwitwenhaus, obwohl gar keine Witwe da ist.«

»Welche Zeiten!« seufzte die alte Dame. »Ein König vergreift sich am Kirchenvermögen, um seinen Lüsten zu frönen!«

»Dafür ist er auch nur ein König aus lackierter Pappe,« versetzte Friederike verächtlich. »Nichts als eine Marionette ohne eigenes Leben. Ach, lassen wir ihn beiseite, Mutter. Mir ist der Kopf noch ganz wirr von dem, was Sie mir erzählt haben. Hoffentlich gelingt es mir, mich zu fassen, wenn Heinrich kommt. Wir wollen lieber morgen früh mit ihm davon reden; abends ist er jetzt meist müde. Er ist ja den ganzen Tag draußen.« –

Unterdessen war der Baron durch den Wirtschaftshof in die Inspektorwohnung getreten. Breitmann hatte ihm gemeldet, daß er dort westfälische Gendarmen vorfinden werde. Das war nichts Auffälliges, denn er hatte als Maire häufig genug mit den Leuten zu tun. Ein für allemal hatte er seinem Inspektor die Weisung gegeben, ihn beim Eintreffen des uniformierten Gesindels vom Felde heimzurufen und die ungebetenen Gäste einstweilen im Nebenhause des Schlosses unterzubringen, wo auch seine Amtsstube lag.

Heute aber erwartete der Baron etwas Besonderes und war entschlossen, etwas Besonderes auszuführen. Es schwebte zwischen ihm und der Regierung in Cassel schon seit Wochen ein ärgerlicher Handel. Das ungeheure Geldbedürfnis des Hofes machte das Ausschreiben immer neuer Steuern nötig, und dabei schreckten der gewissenlose Monarch und seine noch gewissenloseren Räte selbst vor offenbarem Rechtsbruche nicht zurück. So bestimmte die vom König beschworene Konstitution, daß die Rittergüter nie mehr als sieben Prozent ihres Reinertrages als Grundsteuer entrichten sollten. Den Machthabern in Cassel war das völlig gleichgültig. Man brauchte das Geld und nahm es daher, wo man's bekommen konnte. Unbekümmert um das, was eidlich festgelegt war, wurde die Grundsteuer auf zehn Prozent des Reinertrages festgesetzt. Das bedeutete natürlich eine kolossale Belastung des Grundbesitzes, die in der schlechten, geldarmen Zeit hart genug empfunden werden mußte. Noch weit mehr aber als der Verlust von einigen hundert Talern empörte den rechtlichen Sinn Heinrichs von Krosigk der frivole Bruch des gegebenen Königswortes. Er hatte seine adeligen Mitstände bewogen, einen sehr scharfen Protest gegen das gesetzwidrige Verfahren der Regierung mit zu unterzeichnen; bittere und gereizte Schreiben waren zwischen Cassel und dem Saaldepartement hin und her gegangen. Endlich hatte die Regierung mit gewaltsamer Exekution gedroht. Darauf waren die anderen zu Kreuze gekrochen und hatten gezahlt. Nur er war fest geblieben, denn es lag in seiner Art, eine einmal begonnene Sache bis zum äußersten zu treiben. Entweder wurde nun die Drohung wahr gemacht, oder die Regierung ließ die Angelegenheit in aller Stille fallen. Doch wußte er wohl, daß dazu wenig Aussicht war. Die wälsche und verwälschte Rotte in Cassel hatte die Macht, und Recht und Gerechtigkeit waren für sie nur leere Begriffe. So wartete er seit mehreren Tagen schon auf das Eintreffen der Exekution, und als ihm heute Breitmann die Ankunft der Gendarmen meldete, ahnte er sofort, was ihr Besuch zu bedeuten habe.

Er war fest entschlossen, auch jetzt noch nicht nachzugeben, sondern nun etwas zu tun, wovon man reden würde von einer Grenze des Königreichs Westfalen bis an die andere.

Mit frostiger Kälte begrüßte er den Polizeileutnant, der in seinem Amtszimmer auf ihn wartete.

Der junge Mann verbeugte sich sehr höflich und überreichte ihm ein offenes Schreiben. »Ich habe die Ehre, Herr Maire,« sagte er, »Ihnen diesen Befehl der Königlichen Regierung zu überbringen. Sie werden darin aufgefordert, die rückständige Grundsteuer Ihrer Güter im Betrag von zweihundertachtundsechzig Franks zwanzig Zentimes zu erlegen. Im Falle des Unvermögens oder des Widerstrebens Ihrerseits habe ich Ordre, Ihr Reitpferd zu pfänden. Ich hoffe, Herr Maire, Sie werden es dazu nicht kommen lassen.«

»Nein gewiß nicht,« sagte Heinrich. »Sie werden gleich sehen, daß ich es dazu nicht kommen lasse. Wo sind Ihre Mannschaften?«

»Sie werden drunten in der Küche verköstigt.«

»So folgen Sie mir und rufen Sie die Leute im Vorbeigehen,« sagte der Baron, entnahm einem Bücherregale ein schmales Schriftchen und schritt unbekümmert um den Fremden zur Tür hinaus und die Treppe hinab.

Draußen im Wirtschaftshofe hatten sich zu den Leuten, mit denen der Baron gekommen war, auch noch die Arbeiter gesellt, die eben vom Felde heimkehrten. Mehr als hundert Menschen standen vor der Tür, und der Gendarmerieoffizier sah mit Befremden, daß sie alle mit irgend einem ländlichen Werkzeuge versehen waren.

»Was bedeutet diese Zusammenrottung, Herr Maire?« fragte er unruhig.

»Das werden Sie auf der Stelle erfahren, mein Herr,« gab der Baron zur Antwort. Er trat ein paar Schritte vor, entfaltete das Schriftstück, das er in der Hand hielt und rief: »Leute! Ich will euch zuvörderst den Artikel unserer Konstitution vorlesen, der von der ländlichen Grundsteuer handelt.«

Klar und scharf und für jedermann verständlich hallten seine Worte über den Platz hin. Dann setzte er mit lauter Stimme hinzu: »So sagt unsere Konstitution. Keine Behörde hat das Recht, verfassungswidrige Verfügungen zu erlassen. Die vom Könige beschworene Verfassung bin ich als Untertan und noch mehr als Maire verpflichtet aufrecht zu erhalten.« Darauf wandte er sich zu den Polizeisoldaten und rief noch lauter: »Da ich euch also bei einem verfassungswidrigen Verfahren ergreife, da ihr wider das Recht in mein Haus eingedrungen seid, so verhafte ich euch als Maire des Kantons Alsleben hierdurch im Namen des Gesetzes.«

Die Wirkung dieser mit schneidendem Ernst gesprochenen Worte war eine überwältigende. Die umherstehenden Arbeiter brachen in ein jubelndes Beifallsgebrüll aus; die Gendarmen dagegen standen da, verblüfft, bestürzt, wie vom Donner gerührt.

Ihr Führer erholte sich zuerst. »Herr Maire,« sprach er mit blassem Gesicht und bebenden Lippen. »Das kann – das ist nicht Ihr Ernst. Das ist wohl einer Ihrer Scherze.«

»Ich scherze nie mit Ihresgleichen,« erwiderte Krosigk kalt. »Es ist mir voller Ernst mit dem, was ich sage. Wollen Sie sich meinem Befehle fügen oder nicht?«

»Herr Maire, treiben Sie die Sache nicht zu weit!« schrie der Leutnant.

Krosigk sah ihn mit durchdringenden Blicken an. »Noch einmal frage ich: wollen Sie, oder soll ich Gewalt brauchen?«

Der Leutnant schaute sich ratlos um. Dieser rabiate Landjunker sah aus, als wäre er zu allem fähig. Er war wohl verrückt und hatte seine Leute mit verrückt gemacht, denn alle die handfesten Burschen, die da umherstanden, sahen aus, als ob sie sich mit Freuden auf ihn und seine Leute stürzen würden. Darauf konnte er's nicht ankommen lassen, die Übermacht war allzu groß, es standen da zwanzig gegen einen. Darum erwiderte er mit einem wutfunkelnden Blicke auf den Baron: »Ich weiche der Gewalt.«

»So geben Sie Ihre Waffen ab!« gebot Krosigk.

Zähneknirschend reichte der Polizeileutnant seinen Degen hin, während seine Leute ihre Faschinenmesser und Karabiner ablegten. »Sie werden es bereuen, mein Herr!« stieß er hervor.

»Beruhigen Sie sich!« sagte Krosigk ihm gönnerhaft zunickend. »Nur keine unnützen Aufregungen, sie schaden der Gesundheit. Da Sie ein sogenannter Offizier sind, so werden Sie die Nacht im Inspektorhause zubringen. Die anderen Kerls dort sperrt ins Spritzenhaus. Die Sonne geht schon unter; es ist zu spät, sie heute noch nach Halle zu schaffen. Morgen früh aber, mein lieber Inspektor, nehme er einen Leiterwagen und setze diese bunten Herren darauf und fahre sie unter sicherem Geleit nach Halle. Ich werde ihm ein Briefchen mitgeben an meinen Freund, den Unterpräfekten von Schele. Für heute wünsche ich eine geruhsame Nacht!«

Er grüßte ironisch lächelnd und wandte sich dem Parke zu. Im Abgehen rief er noch: »Die Leute erhalten heute noch Wurst und Bier! Die Gendarmen können auch Bier bekommen, müssen es aber auf mein Wohl trinken.« – – –

Als er nach der Veranda herüberkam, fand er den Abendtisch schon gedeckt. Er setzte sich nieder und speiste mit größtem Appetit den Schinken mit grünem Salat und die anderen einfachen ländlichen Genüsse, die seine Frau ihm vorgesetzt hatte. Denn einfach ging es außer bei Festen an seinem Tische zu. Nur ein guter Tropfen Wein war stets vorhanden, darauf hielt er.

»Was wolltest du denn vorhin im Wirtschaftshofe mit den vielen Leuten?« erkundigte sich seine Frau.

Heinrich lehnte sich behaglich zurück, und indem er sein Glas gegen den purpurn glühenden Abendhimmel hielt, erwiderte er: »Etwas Interessantes, liebe Frau, was nicht alle Tage vorkommt.« Und er erzählte den beiden Damen, was geschehen war.

Seine Schwiegermutter sah ihn mit schreckensstarren Augen an. Friederike aber rief halb lachend, halb ärgerlich und besorgt: »Heinrich, Heinrich! Das wird dir etwas Schönes kosten!«

»Ach was!« sagte der Baron wohlgefällig lächelnd. »Man muß sich in den bösen Zeiten auch einmal ein Vergnügen gönnen. Und nicht nur das. Man muß auch einmal anderen ein Vergnügen machen. Glaube mir, liebstes Kind, über diesen Streich wird Freude sein in Israel von Dan bis Berseba, und unsere Urenkel werden noch darüber lachen.«

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