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Der böse Baron von Krosigk

Paul Schreckenbach: Der böse Baron von Krosigk - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer böse Baron von Krosigk
publisherL. Staackmann Verlag
addressLeipzig
year1922
firstpub
printrun43.-47. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100603
projectid88f3ed26
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V.

Drei Tage später brachte der Botenfuhrmann Reinicke, der auch die Post von Bernburg aus besorgte, ein rotgesiegeltes Schreiben an den Major ins Haus. Krosigk schien den Brief mit großer Ungeduld erwartet zu haben; denn er riß ihn dem Boten fast aus der Hand, und seine Finger zitterten, während er ihn öffnete. Aber kaum hatte er einen Blick hineingeworfen, so verdüsterte sich sein Gesicht, und als er beim Schlusse angekommen war, schleuderte er ihn heftig auf den Tisch.

»Der letzte Weg ist mir verbaut,« murmelte er vor sich hin. »Man will mein Opfer nicht.«

Lange ging er, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer auf und nieder. In seinen Zügen spiegelte sich ein heftiger innerer Kampf wieder, und sein Atem ging schwer wie bei einem Manne, der eine drückende Last auf seinen Schultern schleppt.

Endlich blieb er stehen und nahm das Schreiben wieder auf. Er durchflog es noch einmal und steckte es in die Tasche. Dann klingelte er dem Diener.

»Breitmann, spannt die Füchse vor die Kutsche! In zehn Minuten soll er sich bereit halten,« befahl er.

»Um Himmelswillen, Heinrich, du willst bei dem Sturm ausfahren?« rief bestürzt seine Mutter, die eben in die Tür trat.

»In der geschlossenen Kutsche,« erwiderte er. »Das kann mir nichts schaden.«

»Und wohin denn?«

»Das will ich dir berichten, wenn ich zurückkomme, Mutter. Ich bin in zwei Stunden wieder hier.« –

»Nach Peißen in die Pfarre!« sagte er beim Einsteigen. »Laß die Pferde ausgreifen, die haben lange genug gestanden!«

Der alte Pastor Moldenhauer saß in seiner Studierstube auf dem niedrigen alten Kanapee und pfiff unermüdlich die erste Zeile des Liedes »Befiehl du deine Wege« vor sich hin. Er tat das nicht zum Vergnügen, sondern er verfolgte damit einen pädagogischen Zweck, denn auf seinem Zeigefinger saß ein schöner, junger Dompfaff und hörte mit gesenktem Kopfe zu. Solche Tiere zum Gesänge frommer Weisen abzurichten, gehörte zu den Lieblingsvergnügen des geistlichen Herrn, und er besaß darin eine in der ganzen Gegend berühmte Fertigkeit.

Als der Major eintrat, hob er den Finger, und der Vogel flog sogleich gehorsam in seinen Bauer. »Guten Tag, Herr Baron! Sie müssen entschuldigen, daß Sie mich in meinem gestickten Hausrocke antreffen,« rief der Pfarrer sich erhebend. »Ich habe das Nahen des Wagens überhört und war der Ehre nicht gewärtig.«

Der Major faßte seine Hand. »Guten Tag, mein lieber Herr Pastor,« sagte er. »Bitte, bleiben Sie sitzen. Ihr alter Rock ist mir ganz gleichgültig. Ich suche heute das, was unter diesem Wamse schlägt.«

»Ich stehe ganz zu Diensten, Herr Baron. Doch zuvörderst möchte ich Ihnen meine große Freude aussprechen, Sie wiederzusehen!« Er schüttelte ihm lange und herzlich die Hand und räusperte sich heftig, um seine Bewegung zu verbergen.

»Ja, lieber Pastor,« erwiderte der Major, »es ist mir bös ergangen. Um ein Haar war es aus mit mir. Doch lassen wir das! Ich möchte heute eine ernste Frage an Sie richten, eine Gewissensfrage.«

Er machte eine Pause und fuhr dann fort: »Ich weiß, daß ich als Mann und als Protestant die Entscheidung über meine Lebenswege nach meinem eigenen Gewissen zu treffen habe. Aber einen Rat will ich mir doch holen und zwar von Ihnen. Sie haben einundvierzig Jahre lang Gottes Wort gepredigt, nicht so, wie es heute die Mode verlangt, sondern lauter und rein, und Sie tragen in Ehren Ihr weißes Haar. Ich habe zu Ihnen das Vertrauen, daß Sie mir ganz ehrlich und ohne Umschweife sagen, was Sie für recht halten. Wollen Sie?«

Der alte Geistliche ergriff die Rechte des Barons von neuem. In seinen klaren Augen schimmerte es feucht, und sein sonst so fröhliches Antlitz zeigte den tiefsten Ernst. »Wahrhaftig, das will ich nach meinen besten Kräften,« sagte er.

»Nun, so hören Sie: es wird an mich das Ansinnen gestellt, der Maire des neugebildeten Kantons Alsleben zu werden. Um dieses Amt antreten zu können, muß ich natürlich den Beamteneid schwören. Dagegen sträubt sich mein ganzes Empfinden.«

»Sie glauben den Eid nicht halten zu können?« fragte der Pfarrer.

»Nicht können? Nein, ich will ihn nicht halten!« rief Krosigk. »Ich will der Feind der neuen Machthaber sein und bleiben; ich will alles tun, um ihr Regiment zu untergraben und den Tag ihres Sturzes vorzubereiten, alles, was irgend in meiner Macht steht! Ich bin Preuße, und Preußens Feinde werden bis zu meinem letzten Atemzuge auch meine Feinde sein.«

Der Pfarrer schwieg eine Weile und entgegnete dann, die Augen fest auf den Baron richtend: »Es gibt wohl noch einen Weg für Sie, dem allen zu entgehen; aber er fordert von Ihnen die höchste Entsagung. Lassen Sie Ihre Güter hier von einem Ihrer Herren Brüder verwalten und gehen Sie hinüber nach Preußen. Sie sind Major, finden also dort einen Wirkungskreis, bis der Tag der Vergeltung kommt.«

»Ha!« rief der Major, und seine Augen blitzten auf. »Wie doch die Gedanken aller Gutgesinnten sich begegnen! Sehen Sie, das habe ich gewollt. Ich habe deshalb an Köckeritz geschrieben, aber heute bin ich abschlägig beschieden worden.« Er zog den Brief aus der Brusttasche. »Hier schreibt mir der General, daß es ihm trotz meiner vor dem Feinde bewiesenen Bravour leider unmöglich sei, mein Gesuch zu befürworten. Sie wissen in Königsberg nicht, wie sie ihre eigenen Offiziere unterbringen sollen, müssen Hunderte auf Halbsold setzen, denn sie dürfen ja nur eine kleine Armee halten. Buchstäblich hungern jetzt tausend alte Offiziere mit den Ihrigen. So steht es da drüben, und deshalb ist mir der Weg verschlossen; denn ich kann anderen ehrenwerten Leuten nicht das Brot wegnehmen.«

Er starrte finster vor sich nieder. Auch der Pfarrer schwieg lange. Dann begann er: »So befinden Sie sich in einer Zwangslage, wie wir alle. Auch ich muß geloben, dem Usurpator Gehorsam zu leisten bei Verlust meines Amtes. Ich muß das Gotteshaus entwürdigen durch das Kirchengebet für die Fremdherrschaft, während ich in dieser Stube jeden Morgen und jeden Abend für meinen richtigen König bete und für sein Haus. Ich könnte dem ja leicht entgehen, denn ich könnte mich mit meinen einundsiebzig Jahren auf der Stelle emeritieren lassen. Warum tue ich es nicht? Weil ich in die Gemeinde, in der ich seit sechsunddreißig Jahren stehe, nicht einen Fremdling einziehen lassen will. Denn wenn ich aus Gewissensbedenken nicht schwöre, so schwört mein Sohn erst recht nicht. Vielleicht ist dann mein Nachfolger ein klügerer und höher begabter Mensch als ich, vielleicht auch ein gewandterer Prediger. Sicher aber hat er nicht den zehnten Teil des Einflusses auf die Gemeinde, den ich jetzt habe, denn darum muß man Jahrzehnte lang ringen. Er könnte also beim besten Willen das nicht, was ich kann; er könnte nicht in den Leuten die Liebe zum alten Vaterland immer wieder anfachen, den Abscheu gegen wälsche Art und Herrschaft nähren und pflegen. Und das will ich mit meinen letzten Kräften. Ich bin kein Held des Degens wie Sie, Herr Baron, und Großes kann ich nicht verrichten, aber was ich tun kann, das tue ich.«

»Und wie vereinigen Sie das mit Ihrem Amtseide?«

»Zu vereinigen ist das nicht,« erwiderte der alte Pfarrer. »Ich suche nicht nach Gründen, um mein Tun zu rechtfertigen; sie wären ja doch alle nur Scheingründe. Eidbruch bleibt Eidbruch unter allen Umständen.« Er stockte und fuhr dann leise fort, indem er mit einer schmerzlichen Gebärde die Hand aufs Herz legte: »Ich lüge mir keinen Augenblick etwas vor, Herr Baron. Ich weiß, daß ich sündige, und daß ich einst vor dem Angesicht Gottes von dem allen Rechenschaft ablegen muß. Aber ich nehme die Sünde auf meine Seele und hoffe, daß der allmächtige Gott sie mir vergeben wird. Denn ich sündige nicht aus Selbstsucht oder gar aus Bosheit, sondern aus Liebe zu meinem Vaterlande.«

Der Major sah ihn ein paar Augenblicke starr an; dann sprang er auf und umarmte schweigend den alten Mann. Er wußte, was diese Worte in Moldenhauers Munde bedeuteten, denn er kannte seine peinliche Rechtschaffenheit und ängstliche Gewissenhaftigkeit. So sauber er im Äußeren war, so sauber war er auch in seinem Inneren, duldete keine Falten und keine Flecken. Die heitere Fröhlichkeit, die ihn auszeichnete, kam ja eben daher, daß er sich mit seinem Gott im Frieden wußte. Nun nahm er am Ausgange seines Lebens ein bewußtes Unrecht auf seine Seele aus Liebe zu seinem Vaterlande. Wahrlich, kein Mensch konnte ein wertvolleres Opfer bringen als der schlichte Greis, der die Ruhe seines Herzens am Rande des Grabes noch aufs Spiel setzte.

Endlich sagte der Baron: »Sie haben mir geholfen, den Weg zu finden, den ich gehen werde. Das vergesse ich Ihnen niemals. Leben Sie wohl.«

Der Pfarrer wollte ihm noch die Hand reichen und ein »Behüte Gott« mit auf den Weg geben; aber er hatte schon die Tür hinter sich geschlossen. So schnell, wie er gekommen war, so schnell enteilte er wieder.

Unten warf er sich in seinen Wagen, lehnte das Haupt in die Polster zurück und dachte nach über das, was der Pfarrer ihm gesagt hatte. Andere würden sich ja wohl die Sache anders zurecht machen. Sie würden sagen: wenn ich den Amtseid nicht leiste, verliere ich die Stelle, bringe mich und Weib und Kind ums Brot, ergo handle ich unter einem Zwange, ergo ist es keine Sünde, wenn ich schwöre, denn »Erzwungener Eid tut Gott leid«. Aber das war ja doch nur eine Selbstbetäubung des Gewissens. Wenn sie sich nur aus Angst um zeitliche Güter unterwarfen, so bewiesen sie eben dadurch, daß sie Knechte dieser Güter waren. Wie viel redlicher vor sich selbst und wie viel größer war doch der Mann, der sich ehrlich sagte: »Ja, ich tue ein Unrecht; aber weil ich es aus Liebe zu meinem Volke, aus Treue zu meinem Könige tue, so hoffe ich und vertraue darauf, daß Gottes Gnade mir vergeben wird.« So dachte er auch, und wenn dann der Tag herbeikam, den er ersehnte, dann wollte er, wenn es Gott gefiel, sein Unrecht sühnen durch einen ehrlichen Soldatentod.

Zu Hause angekommen, setzte er sich sogleich an seinen Schreibtisch und schrieb mit fester Hand ein kurzes Billet an Schele, worin er sich bereit erklärte, das Amt eines Maires zu übernehmen. Dann ging er zu Tische und war so heiter und aufgeräumt, daß seine Mutter sich von Herzen freute.

Von jetzt an machte seine Genesung unaufhaltsame Fortschritte, und mit zunehmender Lebenskraft erwachte auch wieder das alte Interesse an seinem großen Besitze und dessen Verwaltung. Erst fuhr er, dann ging er täglich aus, inspizierte seine Felder und Wiesen, die Deichanlagen an der Saale und seine Ziegelei. Nach acht Tagen konnte er sogar wieder das Pferd besteigen, und die erste Reitübung auf seiner Reitbahn fiel so gut aus, daß er schon am andern Tag seinem Freunde Wedell eine Visite hoch zu Roß abstattete. Die ungewöhnlich schönen und milden Tage, die der Oktober fast ununterbrochen brachte, trugen mehr als alles andere dazu bei, ihn zu kräftigen, denn sie erlaubten ihm von früh bis spät den Aufenthalt in der freien Natur.

Aber der alte Heinrich von Krosigk ward er trotz alledem nicht wieder. Die frühere Tatkraft war wieder da, die schnelle Entschlossenheit, die man an ihm kannte, blitzte ihm wieder aus den Augen, aber die lebhafte Fröhlichkeit, die ein so hervorleuchtender Zug seines Charakters gewesen war, kehrte nicht zurück. Er tat ernst und schweigsam seine Pflicht; ein Scherzwort fiel selten von seinen Lippen. Nur wenn von dem neuen Königshofe in Cassel die Rede war, und wenn man ihm erzählte, wie der oder jener vom alten Adel des Landes seinen Widerstand aufgegeben und ein Hofamt angenommen hätte, dann floß sein Mund über von den härtesten und schärfsten Sarkasmen. Kein Wort war ihm zu bitter, wenn es galt, die Gesinnung der Überläufer zu brandmarken. So glühend sein Haß gegen die Fremden war, so tief war seine Verachtung gegen die Einheimischen, die sich zu Trabanten und Dienern des welschen Herrschers erniedrigten, und es waren ihrer nur allzuviele. Da war ein Graf von Löwenstein-Wertheim-Freudenberg, den das Wittelsbachische Fürstenblut in seinen Adern nicht hinderte, Kammerherr des gekrönten Advokatensohnes zu werden, und dessen Gemahlin sich mit einer Gräfin Bocholtz um die Ehre stritt, Lieblingsmaitresse des Königs zu sein. Söhne der ältesten Adelsgeschlechter Hessens und Hannovers stellten sich freiwillig in eine Reihe mit den französischen und italienischen Abenteurern, die an dem neugegründeten Hofe Gold, Ehre und Vergnügen suchten. Sie wetteiferten mit diesen verworfenen Fremdlingen an Verschwendungssucht, Frivolität und allen Lastern, ja sie übertrafen bald ihre Lehrer; denn wenn der Deutsche einmal Scham und Zucht verliert, so wird er schlechter als der Wälsche. Schon während dieses ersten Winters wurde der Hof in Cassel eine Brutstätte französischer Sittenlosigkeit, wie sie die deutsche Erde selbst in den Tagen Augusts des Starken und Karl Eugens von Württemberg nicht getragen hatte. Der König war nicht bösartig von Natur und ebensowenig dumm und beschränkt, aber er war ein vollkommener Roué, ein früh entnervter Wüstling, unersättlich im Genuß und in seiner ekelhaften Sinnenlust keine Schranke achtend. Das unverdorbene sechzehnjährige Mädchen und ebenso die verheiratete Frau waren vor seinen Nachstellungen nicht sicher, wenn sie durch Schönheit oder Anmut seine Begierde reizten. Seine ehrbare deutsche Gemahlin behandelte er zwar um ihres Protektors, seines Bruders, willen äußerlich mit Achtung, aber sie war ohne jeden Einfluß, und es hieß, er lebe eigentlich gar nicht mit ihr. Natürlich fand Jérômes Beispiel Nachahmer genug; wie der Sultan lebte, so lebten seine Paschas und Wessire.

Hand in Hand mit dieser Liederlichkeit ging eine ans Wahnsinnige grenzende Verschwendung. Der Machthaber in Paris forderte unerbittlich die Zahlung der riesigen Kontributionen, aber sie konnten nur ungenügend geleistet werden, denn die Kassen waren leer. Das Geld, das nach Paris stießen sollte, konnte kaum aufgebracht werden; denn das eigene Heer und der Unterhalt der französischen Truppen, die teils im Lande lagen, teils das Land durchzogen, kosteten schon unerschwingliche Summen. Trotzdem lebte der Hof, als verfüge man über die Schätze in Saladins Zauberberge. Fabelhafte Dotationen gab der König seinen Günstlingen sowie den Damen seines Harems, und ein rauschendes und prunkvolles Fest jagte das andere. Die Steuern stiegen deshalb auf eine unheimliche Höhe. Die Kopfsteuer, die über fünf Franks betrug, wurde zumal von den Armen und Ärmsten als eine unerträgliche Last empfunden, die hohe Grundsteuer lastete schwer auf den Besitzenden. Es war keine übertriebene und gehässige Behauptung, wenn es hieß, der Hof in Kassel nähre sich von dem Schweiße und Blute der Untertanen.

Schlimmer aber als alles war, daß die Fremdherrschaft die heiligsten Bande lockerte, die sonst die Menschen untereinander verbinden. Alte Freundschaften lösten sich auf, denn der Freund lernte es, dem Freunde zu mißtrauen; überall gab es Menschen, die sich bei den Regierenden durch Denunziationen zu empfehlen suchten; und da sie willige Ohren und oft auch klingenden Lohn fanden, so mehrte sich ihre Zahl von Tag zu Tag. Einige taten solche Spionendienste nur gelegentlich und von Zeit zu Zeit, andere machten ein Gewerbe daraus und wurden Diener der geheimen Polizei, die man nach französischem Muster in der Hauptstadt einrichtete. Vor ihr war nichts und niemand sicher. Man erbrach die Briefe besonders Höhergestellter und schloß sie wieder mit nachgemachten Siegeln oder ließ sie einfach in den Aktenschränken des schwarzen Kabinetts verschwinden. Später tauchten sie dann in politischen Prozessen als Belastungszeugnisse wieder auf. Ein Briefgeheimnis gab es nicht mehr; und wie man die Korrespondenz überwachte, so überwachte man auch das gesprochene Wort. Keiner war sicher, daß seine Äußerungen nicht weitergetragen wurden dorthin, wo sie ihm schaden, ja zum Verderben gereichen konnten. Manche plötzliche Verhaftung bewies, wie gut die geheime Polizei bedient wurde, und mit welch harter Rücksichtslosigkeit sie arbeitete.

So war es denn kein Wunder, daß die große Mehrzahl der Menschen es bald vermied, offen und frei von der Not des Landes und ihrem heimlichen Groll und Schmerz zu reden. Selbst im eigenen Hause sprachen die Glieder der Familie nur scheu und heimlich von dem, was sie bedrückte, denn wer konnte wissen, ob sich nicht unter der Dienerschaft ein bezahltes Subjekt befand, das sein Ohr ans Schlüsselloch legte und das Erlauschte nachher verriet! Nicht einmal den verschwiegenen Blättern des Tagebuches vertraute man seine Gedanken mehr an. So verbrannte in jenen Tagen eine Verwandte Heinrichs von Krosigk, die Frau Auguste Ernestine von Krosigk auf Hohenerxleben, jedes Blatt ihrer Aufzeichnungen, das von politischen Dingen redete, und sie wohnte nicht einmal im Königreich Westfalen, sondern im benachbarten Rheinbundsstaate Anhalt-Bernburg. Aber die französische Polizei, das wußte man, achtete keines Grenzpfahles, wenn sie sich auf der Spur eines Verdächtigen befand oder zu befinden glaubte.

Einer aber war im Lande, der es schlechterdings nicht lernen wollte, sich zu schmiegen und zu fügen und vorsichtig den Mund zu halten. Das war der Schloßherr auf Poplitz. Alle Warnungen besonnener Freunde schlug er in den Wind und lachte darüber. Wagte es jemand in seiner Nähe, irgend eine Einrichtung der Fremdherrschaft zu loben, so ergoß er über ihn die bittere Lauge seines Hohnes, und es war ihm ganz gleichgültig dabei, welchem Stande, Alter und Geschlechte der Lobpreisende angehörte. Traf er aber nun gar mit einem zusammen, der ein offener Franzosenfreund war, so warf er ihm irgend eine Grobheit an den Kopf oder spuckte vor ihm aus und drehte ihm den Rücken zu. Natürlich ließ sich das nicht jeder gefallen, vielmehr trug ihm sein Benehmen eine ganze Reihe von Ehrenhändeln ein, aber alle focht er mit Glück und Geschick durch. Denn die alte Kraft und Gewandtheit war ihm wiedergekehrt, ja sie nahm sogar noch zu. Seine Geschicklichkeit im Pistolenschießen wurde bald im ganzen Saalkreise und darüber hinaus ebenso sprichwörtlich wie die seines Bruders Ernst; denn er brachte oft halbe Tage auf seinem Schießstande zu, um sich zu üben. Am Ende der großen Lindenallee an der Nordostseite des Schloßparkes hatte er ihn errichten lassen. Die Scheibe hatte die Gestalt eines kleinen Mannes in grauem Mantel und kleinem Hütchen, dessen Züge eine verdächtige Ähnlichkeit mit denen Napoleons aufwiesen.

Merkwürdigerweise blieb er bei alledem den ganzen Winter unbehelligt von der Polizei. Entweder hatte man es in Cassel noch nicht aufgegeben, ihn doch noch zu gewinnen; darauf deuteten die mannigfachen Lockungen von seiten hochgestellter Herren, die er alle mit verblüffender Grobheit abwies, oder die Denunzianten wagten sich an ihn nicht heran. Mut war ja meist nicht die hervorstechende Tugend solcher Leute, und deshalb hüteten sie sich, den Tollkühnen anzugreifen. Von einem Manne, der offenbar sein Leben keinen Pfifferling wert erachtete, mußte man ja erwarten, daß er sich furchtbar rächen werde, wenn es etwa nicht sogleich gelang, ihn ganz unschädlich zu machen. Er sollte geäußert haben, einen Spion würde er niederschießen wie einen tollen Hund und dann nach Preußen oder England gehen. Zuzutrauen war ihm das. Darum verdächtigte man lieber Leute, die weniger rabiat und gefährlich erschienen. Was einem anderen sofort eine Untersuchungskommission auf den Hals geladen hätte, das ging ihm alles straflos durch, weil niemand mit ihm anzubinden wagte.

Das Stärkste leistete er sich an dem Dezembertage, an dem ihm seine Bestallung als Maire zugegangen war. Er ließ auf der Stelle durch Trommelschlag bekannt machen, am Nachmittag drei Uhr möchten alle erwachsenen Männer seines Kantons sich in der Poplitzer Reitbahn einfinden, da er ihnen Wichtiges mitzuteilen habe. In hellen Haufen strömte das Volk herbei; denn man kannte den Krosigk und erwartete irgend einen tollen Streich. Darin ward man bestärkt, als man an der rechten Hofseite eine große Menge Bierfässer aufgepflanzt sah, in die der Hahn schon eingeschlagen war; und wie lachten die kleinen Bauern, Tagelöhner und Handwerker, als Schlag drei Uhr der Baron auf die Freitreppe trat und sie mit komischer Feierlichkeit also anredete: »Staatsbürger des Königreichs Westfalen! Seine Majestät der große und erhabene Monarch Hieronymus der Erste hat die hohe Gnade gehabt, mich zu eurem Maire zu ernennen. Ich werde das Amt so führen, wie ich es vor Gott und meinem König verantworten kann. Mein erster Befehl an euch, den ich euch als neuer Maire gebe, betrifft die französische Einquartierung, denn wir haben in den nächsten Monaten wieder Truppendurchzüge zu erwarten. Der König, durchdrungen von der tiefsten Liebe zu euch, wünscht nicht, daß seine Landeskinder von der fremden Rasse ausgesogen werden. Es sind genaue Vorschriften erlassen, wie viel ihr zu geben habt. Keiner gibt mehr und Besseres, als er selbst hat. Wer also nur Schwarzbrot und Kartoffeln hat, der gibt nur Schwarzbrot und Kartoffeln. Werden sie dann etwa unverschämt, so ruft nur auf der Stelle mich, euren Maire, zur Hilfe. Ich will sie schon zur Räson bringen; denn sie haben strengen Befehl, in dem befreundeten Lande jede Gewalttat zu vermeiden. Also keine Liebedienerei, kein Entgegenkommen, keine Gefälligkeit; nichts, als was nach dem Buchstaben des Gesetzes zu leisten ist! Das bitte ich mir aus! Und nun, Staatsbürger des erlauchten Königreiches Westfalen, seht dorthin! Alle diese Fässer habe ich aus Bernburg über die Grenze gepascht, denn es ziemt einem freien Westfalen nicht, den Anhaltinern Zins und Zoll zu zahlen. Aber hebe ich sie auf, so werden sie vielleicht von den Franzosen requiriert. Deshalb stifte ich sie euch, edle und freie Westfalen! Trinkt aus diesen Fässern auf die Gesundheit eures erhabenen Königs, der Königin, seiner durchlauchtigsten Gemahlin, und eures geliebten Maires!«

Brausender Beifall, Gebrüll und Gelächter belohnten diese Rede, die bald im ganzen Saalkreise mit mancherlei Ausschmückungen und Zutaten herumgetragen wurde. Aber auch daraufhin geschah dem Baron nichts; es schien, als sei er gefeit.

Heinrich von Krosigk hatte übrigens nicht nur zum Scherz und in übermütiger Laune so geredet. Es war ihm ganz ernst mit diesem Widerstände gegen französische Übergriffe, und er sorgte dafür, daß seine Leute das begriffen und darnach handelten. Daher fand die Abteilung französischer Husaren, die Anfang Januar im Dorfe Laublingen auf zwei Tage Quartier nahm, eine Aufnahme, wie sie den hochmütigen Reitern wohl kaum je vorgekommen war. Nur der Leutnant erhielt im Pfarrhause ein gutes Quartier, denn Werkmeister war nicht der Mann, den Anregungen seines Patrons zu folgen, wollte das auch gar nicht; er hatte sich mit der neuen Ordnung der Dinge vollständig ausgesöhnt. Die Unteroffiziere und Gemeinen aber murrten und flüchten über die elende Kost, die man ihnen allenthalben vorsetzte. Das zähe Schwarzbrot konnten ihre Magen nicht vertragen, und die gekochten Kartoffeln in der Schale mit sehr wenig Butter und sehr vielem Salze waren nicht nach ihrem Geschmack. Drohungen fruchteten nichts, darum schritten die Husaren bald zur Selbsthilfe, erbrachen Kisten und Kasten, machten Jagd auf das Federvieh in den Höfen und Ställen und traktierten die Bauern, die das hindern wollten, mit Schlägen. Plötzlich aber erschien Heinrich von Krosigk auf dem Plane mit zwanzig bis dreißig bewaffneten Leuten, überschüttete die Plünderer mit einer Flut von Scheltworten und befahl ihnen mit Donnerstimme, sogleich ihren Raub herauszugeben und sich gesittet und anständig zu betragen. Verdutzt gehorchten die Franzosen, denn der finstere Mann, der mit gezogenem Säbel zu Pferde saß und am Sattel drei geladene Pistolen hängen hatte, flößte ihnen Furcht ein. Aber sie meldeten es ihrem Führer, und der kam nun eiligst heran, ebenfalls zu Pferde, das kleine schwarze Bärtchen unablässig zwirbelnd, während er den Baron und seine Leute hochmütig lächelnd mit den Augen maß.

»Mit wem habe ich die Ehre?« fragte er auf französisch.

»Die Frage, dächte ich, kommt mir zu,« erwiderte Heinrich von Krosigk schroff. »Doch wozu die Umschweife! Ich bin der Maire dieses Ortes und habe eben kraft meines Amtes Ihre Soldaten in die gebührenden Schranken zurückgewiesen,«

»Ihre Bauern haben sich unverschämt betragen,« rief der Leutnant. »Sie haben meinen Leuten nur Schwarzbrot, Kartoffeln und Käse vorgesetzt. Das kann kein Franzose essen.«

»Wir haben euch nicht zum Essen eingeladen. Kommt ihr trotzdem, so müßt ihr vorlieb nehmen,« sagte Heinrich trocken. »Die Leute haben übrigens gegen meine Instruktion gehandelt, indem sie auch noch Käse verabreichten. Das war schon viel zu viel.«

Der junge Leutnant wurde puterrot. »Was soll das heißen, mein Herr? Das ist kein Benehmen gegenüber der großen Armee.«

»Ihre große Armee geht mich nichts an,« versetzte Heinrich kühl. »Ich tue hier meine Pflicht, wache darüber, daß meine Leute nicht mehr geben als sie müssen. Es ist Befehl, daß der Soldat in Freundesland mit dem Essen zufrieden sein muß, das der Quartierwirt selbst genießt. Ihr Kaiser hat dafür gesorgt, daß unsere kleinen Besitzer nur noch Schwarzbrot und Kartoffeln als tägliche Kost genießen. Ihre Soldaten müssen also auch damit vorlieb nehmen.«

»Aber sie können dieses Schweinefutter nicht essen!« schrie der erboste Leutnant.

»Dann mögen sie hungern,« erwiderte Krosigk wegwerfend.

»Mein Herr! Das ist eine Unverschämtheit!« fuhr der Franzose auf.

»Grünen jungen Burschen wie Sie, mein Herr Leutnant, steht kein Urteil über mein Verhalten zu,« bemerkte Heinrich gelassen.

»Mein Herr! Sie werden mir Satisfaktion geben!« knirschte der Franzose bleich vor Wut.

»Mit Vergnügen, wenn ich nur erst weiß, mit wem ich die Ehre habe.«

»Ich bin der Leutnant Dumoulin.«

Heinrich nahm mit großer Feierlichkeit den Hut ab und sagte: »Sehr erfreut, Ihre werte Bekanntschaft zu machen. Ich bin der Rittergutsbesitzer von Krosigk- Poplitz, Königlich Preußischer Major außer Dienst. Senden Sie mir Ihre Zeugen, Herr Leutnant; in Alsleben sind mehrere französische Offiziere einquartiert. Hier auf der Straße können wir uns nicht schießen. Ich bin den ganzen Nachmittag zu Hause. A revoir, mein Herr Leutnant.«

Er machte ihm eine sehr förmliche Verbeugung, warf das Pferd herum und jagte davon. Daheim wartete er von Stunde zu Stunde auf den Besuch des Sekundanten seines Gegners, aber kein Mensch erschien. Daran war Pastor Werkmeister schuld, denn als ihm sein Quartiergast das Renkontre noch in der ersten Wut erzählte, warnte er ihn aufs nachdrücklichste, sich mit dem Baron in einen Zweikampf einzulassen. »Mit dem Säbel,« sagte er, »sind Sie ihm schon gar nicht gewachsen, denn der Baron hat Riesenkräfte, schlägt Ihnen die Klinge einfach aus der Hand. Und was die Pistole anbetrifft – wissen Sie, Herr Leutnant, wer sich vor dem seine Waffe stellt, der ist einfach ein toter Mann. Der Krosigk schießt auf dreißig Ellen ein Licht aus, ohne die Kerze zu berühren. Mein Amtsbruder Conrad in Alsleben hat das selbst mit angesehen. Hüten Sie sich vor dem. Gehen Sie ihm aus dem Wege. Ich rate Ihnen in guter Meinung.«

Der Offizier wurde sehr nachdenklich bei seinen Worten. Er war ein blutjunger Mensch, der erst seit wenigen Monaten die Leutnantsepauletten trug. Das Leben lag so rosig vor ihm; eine Braut hatte er auch daheim, die auf die Rückkehr ihres Gaston im schönen Südfrankreich harrte. Sollte er sich hier in einem Winkel dieses kalten, trübseligen Barbarenlandes von der schönen Erde wegfegen und begraben lassen? Nein, er folgte dem Rate dieses wohlgesinnten und verständigen Curé, sammelte seine Leute und zog am Nachmittage still ab nach dem benachbarten Dorfe Mötewitz, um dort Quartier zu nehmen. Am andern Tage verließ man ja die Gegend und würde schwerlich mit dem bösartigen deutschen Bären wieder zusammentreffen.

In der folgenden Zeit wiederholten sich ähnliche Auftritte. Innerhalb des französischen Korps, das in Magdeburg und Westfalen stand, erlangte dadurch der Kanton Alsleben bald den Ruf, daß in ihm die miserabelsten Quartiere zu finden seien, und der Maire des Kantons ward überall bekannt als ein Mann, mit dem nicht gut Kirschen essen sei. Deshalb vermieden die Franzosen schließlich den Kanton, so weit es möglich war, und legten ihre Truppen lieber in der Nachbarschaft ins Quartier.

Eben das hatte Heinrich von Krosigk gewollt und freute sich mächtig darüber. Ebenso freute er sich unbändig, als er den Beinamen erfuhr, den er durch sein rauhes und hartes Wesen von den Franzosen erhalten hatte. In jener Zeit war nämlich der Marschall Davoust vorübergehend in Magdeburg, und an seiner Tafel brachte einer der Offiziere die Bosheit und Widerborstigkeit des Maires von Alsleben zur Sprache. Der scharfe und strenge Marschall wurde sehr zornig, als er das vernahm, und riet dem General Morio, nun erst recht den Kanton mit starker Einquartierung zu belegen und nötigenfalls dem Widerstände gegenüber Gewalt anzuwenden. Man werde so wohl ce mauvais baron klein kriegen und zahm machen. Der Rat ward nicht ausgeführt, aber der Beiname blieb. »Der böse Baron« hieß Heinrich von Krosigk bei den Franzosen. »Den bösen Baron« nannten ihn bald auch alle die Franzosenfreunde, denen er auf die Zehen getreten hatte, und ihrer waren nicht wenige. »Der böse Baron« hieß er bald landauf, landab; ja selbst seine Freunde nannten ihn scherzweise so, denn er selbst hatte gar nichts dagegen, faßte die Bezeichnung vielmehr als einen Ehrennamen auf. Seine Kantoneingesessenen dachten ähnlich, denn der Ruf ihres bösen Maires schaffte ihnen Erleichterungen und machte, daß sie von den Einquartierungslasten dreimal weniger zu spüren hatten, als die umliegenden Dörfer. War Heinrich von Krosigk schon vorher beim Volke beliebt gewesen, so wurde er nun als böser Baron geradezu eine populäre Gestalt, und schon fing die Volkssage an, sich seiner Person zu bemächtigen. Da waren zum Beispiel zwei Franzosen, die in den Poplitzer Tagelöhnerhäusern, der sogenannten »Reihe«, im Quartier gelegen hatten, über Nacht verschwunden. Man konnte sie nicht wiederfinden, soviel man auch suchte. Flugs hieß es, der böse Baron hätte sie dabei überrascht, wie sie einem Dienstmädchen im Schlosse Gewalt antaten, hätte sie niedergestoßen und im Garten verscharren lassen. Ein großer Hügel in der Westecke hieß seitdem beim Volke das Franzosengrab.

Auch diesem Gerede lag etwas Tatsächliches zugrunde. Die beiden Fremdlinge, ihres Zeichens Kuhhirten aus dem Allgäu, waren in die schöne Bergesheimat desertiert und glücklich entkommen. Einer von ihnen hatte am Abend vor seiner Flucht Mamsell Lisette Schicht mit frechen Zudringlichkeiten belästigt, als sie Essen zu einer kranken Wöchnerin trug. Das geängstigte Mädchen hatte sich nicht anders zu helfen gewußt als dadurch, daß sie dem Burschen einen Faustschlag ins Gesicht versetzte. Dabei floß nun wirklich Franzosenblut; denn ihre derbe, arbeitsharte Hand traf den lüsternen Liebhaber mitten auf die Nase und kostete ihm außerdem noch einen Vorderzahn. Der erfreute Baron schenkte ihr dafür einen Louisdor für ihre Sparbüchse, wollte auch, als er die Sache erfuhr, den unverschämten Patron arretieren, fand jedoch das Nest bereits ausgeflogen. Aber das Volk raunte sich trotzdem zu, er habe sie erstochen. Als nun am andern Tage ein großer Grabhügel im Parke sichtbar war, da war kein Zweifel mehr. In Wahrheit hatte der Baron dort sein altes krankes Reitpferd, dem er den Gnadenschuß gegeben, in die Erde senken lassen. Das Volk aber ließ nicht ab von dem Glauben, dort lägen die getöteten Franzosen begraben.

Als Heinrich durch Schröder das Gerücht erfuhr, lachte er und schärfte dem Alten ein, ihm ja nicht entgegenzutreten. Der treue Diener grinste verständnisinnig, ging noch an demselben Abend in das Dorfwirtshaus in Laublingen und log den aufhorchenden Bauern haarsträubende Dinge vor, die sein Herr gegen die Franzosen getan haben sollte.

Die Damen des Hauses sahen diesem Tun und Treiben des Sohnes und Bruders mit sehr verschiedenen Gefühlen zu. Antoinette lobte und pries alles, was er tat; in ihren Augen wurde er täglich mehr zu einem Helden, wie ihn das Land sonst kaum aufzuweisen hatte. Für sie bestand auch kein Zweifel daran, daß er mit seiner Neigung zu Friederike von Schurff endgültig fertig geworden war. Würde er, ein Mann durch und durch, einem Mädchen nachtrauern, das sich als zu schwach und zu weich erwiesen hatte? Nimmermehr. Die Geheimrätin dagegen dachte anders. Mit den scharfen Augen einer Mutter sah sie, daß ihr Sohn heimlich litt. Nicht nur die Not des Vaterlandes drückte ihn nieder, es war noch etwas anderes da, was seine Seele quälte. Sie erriet das an manchem hingeworfenen Worte, auch an der Art, wie er manches Gespräch abbrach und schnell auf ein anderes Thema hinüberlenkte. Traurig verwandelt erschien er ihr, obwohl er wieder in der Fülle seiner Kraft stand. Etwas Heftiges, Unstätes war in sein Wesen gekommen, und in seinen Augen flackerte oft ein düsteres Feuer. Seine häufigen Ritte nach Halle, die großen Gelage, die er gab und besuchte, seine wilden und trotzigen Ausfälle gegen die Landesfeinde – das alles erschien ihr nur wie ein Mittel, sein liebeverlangendes Herz zu betäuben. Sie kannte ja ihren Sohn. Von dem, was er einmal ergriffen hatte, kam er nimmer wieder los.

Es drücke ihr fast das Herz ab, mit ihm darüber zu sprechen, ihm zu helfen wider sein eigenes trotziges Herz. Nur Reils Mahnung verschloß ihr den Mund. Der erfahrene Menschenkenner mochte wohl recht haben; in solchen Dingen mußte ein Mann allein mit sich fertig werden, und nun vollends ein solcher Mann, wie ihr Sohn einer war. Aber als sie ihm am Morgen seines dreißigsten Geburtstages ihre mütterlichen Glückwünsche aussprach, da vermochte sie es nicht mehr über sich, das Schweigen zu bewahren. Sie bat ihn mit Tränen in den Augen, doch nicht sich selbst und eine andere unglücklich zu machen, und sie gab ihm einen Brief, den ihre Freundin, die alte Frau von Schurff, an die Base Krosigk in Hohenerxleben geschrieben hatte. Darin beklagte sie aufs bitterste das Schicksal ihrer Tochter, die von ihrem Bräutigam sitzen gelassen sei, trotzdem noch an ihm hänge und noch kurz vor Weihnachten eine vorteilhafte Partie von der Hand gewiesen habe.

Heinrich gab ihr den Brief, nachdem er ihn gelesen hatte, stumm zurück und sah sie mit einem langen Blicke an, in dem eine zornige Qual lag. Dann sagte er: »Rühre nicht daran, Mutter! Vielleicht kommt ein Tag, an dem ich zu ihr gehen kann, vielleicht auch nicht. Noch kann ich's nicht überwinden, was sie getan hat.«

»Christenpflicht hat, sie geübt!« rief die Mutter. »Sie hat das Gebot des Heilandes erfüllt: Liebet eure Feinde.«

Wieder sah Heinrich sie lange an und entgegnete dann ruhig: »Wer lieben will, muß auch hassen können.« Darauf verließ er das Zimmer.

Die Geheimrätin blieb zurück, und schwere Tränen rollten über ihre Wangen. Sie faltete die Hände und betete, Gott wolle ihren Sohn davor behüten, daß er sich durch seinen Starrsinn das höchste Glück des Lebens verscherze.

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