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Der böse Baron von Krosigk

Paul Schreckenbach: Der böse Baron von Krosigk - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer böse Baron von Krosigk
publisherL. Staackmann Verlag
addressLeipzig
year1922
firstpub
printrun43.-47. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100603
projectid88f3ed26
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IV.

Es waren bange, sorgenvolle Tage, die nun folgten. Die Krankheit hatte den durch Strapazen, Verwundung und seelische Erschütterung geschwächten Körper des Majors mit furchtbarer Gewalt gepackt und hielt ihn fest in eiserner Umklammerung. Tagelang lag er im hohen Fieber und erkannte keinen Menschen, der an sein Bett trat. Hin und wieder versank er in eine totenähnliche Erstarrung, so daß man wähnen konnte, er sei schon gestorben oder werde im nächsten Augenblicke abscheiden. Dann wieder raste er in den wildesten Fieberphantasien, schrie laute Kommandoworte, als ob er ein Bataillon zum Vorgehen anfeuern wolle. Oder er rief: »Mutter, Mutter!« oder »Friederike!« und schwur zähneknirschend, daß er den Hund von einem Franzosen über den Haufen schießen werde. Seine alte Mutter litt entsetzlich unter den fortgesetzten schweren Sorgen um das teure Leben ihres Sohnes, und Antoinettes Wangen fingen an blaß und schmal zu werden, denn sie hatte die Hauptlast der Pflege auf sich genommen und gönnte sich täglich kaum ein paar Stunden der Ruhe. Auch Reil saß oft halbe Tage und Nächte am Lager des Kranken; dazwischen fuhr er wieder nach Halle zurück; vier Pferde standen immer zu seiner Bedienung bereit.

So schwebte Heinrich von Krosigk mehrere Wochen hindurch zwischen Leben und Tod, bis am Morgen des fünfzehnten Septembers Reil der Geheimrätin und ihrer Tochter mitteilen konnte, daß die Gewalt der Krankheit gebrochen sei, und daß der Patient menschlicher Voraussicht nach dem Leben und der Genesung entgegenschlummere.

Beide Damen waren so bewegt, daß sie in Tränen ausbrachen, bei Antoinette ein seltenes Ereignis. Auch Reil wischte sich verstohlen einen feuchten Tropfen ab, der ihm über die Wange rann.

»Sie haben ihn gerettet!« rief die Geheimrätin und ergriff in überströmendem Dankgefühle die Hand des Professors. »Wie können wir Ihnen das jemals danken!«

Der berühmte Arzt schüttelte ernst das Haupt. »Nein, meine gnädige Frau,« sagte er, »nicht mir gebührt der Dank; denn hier war meine Kunst machtlos. Wir können getrost sagen, ohne daß das fromme Wort zur Phrase wird: das ist von dem Herrn geschehen und ist ein Wunder in unseren Augen.«

»Sie aber waren Gottes Werkzeug!« warf die alte Dame ein.

»Ich habe getan, was ich konnte, und ich tat es, um mir einen Freund und dem Vaterlande einen Helden zu erhalten. Übrigens, meine Damen, sind wir noch lange nicht über den Berg. Noch ist der Patient sehr schwach, und Ihre Hauptsorge muß es sein, jede Aufregung von ihm fernzuhalten. Sonst ist ein Rückfall sehr wohl möglich.« Er machte eine Pause und fuhr dann bedächtig fort: »Aus den Phantasien des Kranken scheint mir hervorzugehen, daß er einen französischen Offizier im Duell niedergeschossen hat. Das Duell scheint um jenes Fräuleins willen stattgefunden zu haben, von dem Sie mir erzählt haben, gnädige Frau. Diese junge Dame hat nun aber offenbar eine Neigung zu dem Feinde gefaßt, denn Ihr Sohn beschwor sie oftmals in seinen Delirien, doch endlich von dem Franzosen abzulassen und ihm zu folgen.«

»Ganz so verhält es sich nicht, lieber Professor,« entgegnete die Geheimrätin und erzählte dem Arzte, was sie von ihrem Sohne Ernst erfahren hatte. »Offenbar ist es auch Heinrichs Zureden nicht gelungen, sie von der Pflege des Verwundeten abzubringen, und höchst wahrscheinlich hat es in Groß-Salze einen schlimmen Auftritt gegeben,« schloß sie ihren Bericht.

Reil saß in tiefem Nachdenken da, als sie geendigt hatte. »Ein merkwürdiger Fall,« sagte er endlich, »Und wissen Sie, meine verehrteste Frau, daß mir das Verhalten dieses Fräuleins von Schurff eigentlich gefällt? Sie erinnert mich geradezu an die rührendste Frauengestalt der griechischen Tragödie, die im schweren Konflikte der Pflichten das schöne Wort spricht und nach ihm handelt: Nicht mitzuhassen – mitzulieben weiß ich nur.«

Die Geheimrätin fand nicht sogleich eine Antwort; aber Antoinette rief in fast gereiztem Tone: »Wie, Sie finden das schön? Ich finde es empörend weich und weibisch!«

»Wenn Sie statt weibisch ›weiblich‹ sagen wollten,« versetzte Reil mit seinem Lächeln, »so würden Sie meiner Ansicht nach das Richtige treffen. Ja, sie ist im höchsten Sinne weiblich, die Scheu, über Blut und ein vernichtetes Leben hinweg zu seinem Glücke zu schreiten. Echt weiblich auch das Bestreben, zu verbinden und zu heilen und gut zu machen, was der Geliebte gefehlt hat.«

Halten Sie denn meines Bruders Tat für fehlerhaft?« rief Antoinette.

»Ich nicht, mein gnädiges Fräulein. Der feindliche Offizier wußte ganz genau, was er wagte, und daß ein preußischer Offizier und Mann von Adel ihn daraufhin fordern mußte. Er hat sich also sein Schicksal selbst bereitet. Aber es handelt sich auch gar nicht um meine Auffassung, ebenso wenig um die Ihre, sondern um die Auffassung des Fräuleins von Schurff. Sie sagen, verehrte Frau, sie sei in etwas pietistischen Grundsätzen erzogen worden? Nun, diese Grundsätze sind ihr also in Fleisch und Blut übergegangen, und sie handelt danach, tut nach ihrem Gewissen, läßt selbst den Liebsten im Zorne scheiden, ehe sie nachgibt. O, das ist doch auf jeden Fall ein Charakter, und wenn ich ihre Handlungsweise vielleicht ein wenig überspannt fromm nennen möchte, das tut nichts; alle Hochachtung vielmehr vor diesem reinen Willen! Achtungswert in jedem Falle! Ich kann nur wünschen, daß Ihr Sohn sich wieder mit ihr zusammenfindet; denn auf solch ein Herz kann er sein Glück gründen.«

Antoinette lehnte sich mit eisiger Miene in ihren Stuhl zurück und sah mit zusammengepreßten Lippen an Reil vorüber zum Fenster hinaus. Ihre Mutter dagegen rief, wie von einer Last befreit aufatmend: »Sehen Sie, lieber Freund, so ähnlich habe ich oft gedacht. Ich getraute mir nur nicht es auszusprechen; ja ich wagte kaum, so zu denken, weil der, den sie pflegte, ein Franzose war. Aber jetzt erkenne ich's und will's nun auch sagen: sie hat edel und christlich gehandelt, sie ist eine bessere Christin, als wir vielleicht alle.«

Antoinette erhob sich ungestüm. Ihre Augen funkelten zornig durch Tränen, und sie rief mit erstickter Stimme: »Mutter, Mutter, das sagen Sie? Da drin liegt Ihr Sohn, den die Franzosen beinahe erschossen hätten, und nun soll es Christenpflicht sein, diese Brut zu pflegen! Es ist vielmehr die erste Pflicht für ein deutsches Mädchen, jede Berührung mit der Bande zu vermeiden, und Heinrich hat recht, tausendmal recht, wenn er sie nun laufen läßt. Sie paßt nicht zu ihm!«

Ehe ihre Mutter ein Wort erwidern konnte, war sie zur Tür hinausgeeilt. Die Geheimrätin blickte ihr bekümmert nach. »Ja, sehen Sie, was soll man nun sagen?« klagte sie. »Hat sie nicht auch wieder recht mit dem, was sie sagt, wenn auch so harte Worte im Munde eines Mädchens nicht schön klingen? Sie ist ganz wie ihre Brüder, und ich fürchte, Heinrich wird auch so denken und nie wieder eine Brücke nach Groß-Salze finden. Er hatte von Kind auf einen fürchterlich harten und starren Sinn.«

»Ja, das müssen wir nun der Zeit überlassen, verehrte gnädige Frau,« gab Reil zur Antwort, »und wenn ich mir einen Rat erlauben darf: rühren Sie nicht an diese Wunde. Sucht er eine Aussprache mit Ihnen, gut, dann sagen Sie ihm ehrlich, wie Sie denken. Vielleicht dauert es lange, ehe er sich dazu entschließt; vielleicht aber erkennt er bald, daß Fräulein von Schurff zwar einen anderen Standpunkt hat als er, aber doch eben auch einen edeln und vornehmen Standpunkt. Dann kann er, falls er das Mädchen wirklich liebt, sehr wohl den Weg zu ihr zurückfinden.«

»Wenn sie nur auch wirklich zu ihm paßt!« rief Frau von Krosigk. »So sicher ich das früher glaubte, so groß sind jetzt meine Bedenken.«

»Ach, werteste Frau,« erwiderte Reil, »zu einer glücklichen Ehe gehört meiner Ansicht nach nur zweierlei: von beiden Seiten wirkliche Liebe und auf beiden Seiten ein wahrhaft vornehmer Charakter. Auf dieser Basis lassen sich alle Meinungsverschiedenheiten überwinden. Was ist denn die Ehe überhaupt, als ein beständiges Sichineinanderfügen und Sichineinanderfinden zweier ungleichartiger Menschenwesen! Gleichartiges sucht sich selten. Der männlichste Mann sucht immer das weiblichste Weib und umgekehrt.« Er erhob sich. »Stellen wir diese Frage dem anheim, der die Herzen der Menschen lenkt. Jetzt gestatten Sie mir, mich zu empfehlen, liebe gnädige Frau. Sollte irgend eine Komplikation bei unserem Patienten eintreten, so senden Sie mir auf der Stelle Ihr Viergespann. Aber ich glaube es nicht. Wenn ich richtig sehe, wird seine Genesung langsam aber stetig vorschreiten.« –

Reils Voraussagung ging in Erfüllung. Die Kräfte des Kranken nahmen mit jedem Tage etwas zu, stiegen erst ganz langsam, dann immer schneller. Seine starke Natur hatte den Sieg davongetragen über die Mächte des Todes. Aber freilich, der bleiche Mann mit den scharfen Zügen und den eingesunkenen Augen, der langsam und mühselig, auf seinen Krückstock oder seiner Schwester Arm gestützt, durch die Zimmer des Schlosses schlich, hatte wenig gemein mit dem wilden Heinrich von Krosigk, der im vorigen Jahre auf schäumenden Pferden durch Wald und Feld dahingejagt war. Vor der Hand war er ein körperlich gebrochener Mann, der sich nicht die geringste Anstrengung zumuten durfte. Aber auch die Schwungkraft seines Geistes schien gelähmt. Er saß meist finster vor sich hinbrütend da und gab auf das, was man ihn fragte, nur kurze, mürrische Antworten. Selten fragte er nach irgend etwas aus freiem Antriebe, und was er fragte, betraf meist Fragen der Politik. Mit großer Schonung brachte ihm seine Schwester bei, was sich ereignet hatte, und mit gesenktem Haupte hörte er an, daß aus den abgetretenen preußischen Gebieten und den Ländern der verjagten Fürsten von Braunschweig und Hessen ein Königreich Westfalen gebildet worden sei. Als aber Antoinette weiter erzählte, der Bruder des Kaisers, Jérôme Bonaparte, werde den neuen Thron besteigen, wurde er blaurot vor Wut, und das Fräulein sprang erschrocken hinzu, weil sie einen Schlaganfall befürchtete.

»Also einem Lederhändler aus Baltimore werden wir zu gehorchen haben!« stieß er hervor. »Oder war es Seide, womit er handelte? Schmach über Schmach! Ich dachte, man würde uns wenigstens an einen Wettiner verschenken!«

Er schwieg eine Weile und starrte vor sich hin. »Da wird wohl Braunschweig Residenz?« fragte er dann plötzlich.

»Nein, Cassel,« erwiderte Antoinette.

»Ah so, trefflich spekuliert!« sagte er höhnisch. »Weil der alte Kurfürst der schlechteste war unter den deutschen Landesvätern, so meint der Korse, dort werde das Volk seinem Bruder am meisten zujubeln. Sehr sinnreich gedacht und doch falsch. Denn er kennt die Hessen nicht, den treuesten und zähesten aller deutschen Stämme. Die lassen nie und nimmer von ihrem alten Herrscherhause. Die Sünden des schmierigen Soldatenverkäufers werden bald vergessen sein, aber die Anhänglichkeit an die alte Dynastie wird unter der Fremdherrschaft immer stärker werden.«

Nach einer Weile setzte er im Tone tiefster Bitterkeit hinzu: »Also wo Hohenzollern, Welf und Brabant bis jetzt geboten, ziehen ein Advokatensohn und eine amerikanische Kaufmannstochter im Purpur ein. Ekelhafte Zeit!«

»In einem irrst du,« versetzte Antoinette. »Königin wird oder ist schon die Prinzessin Katharine von Württemberg.«

»So hat sich der frivole Bursche von seinem rechtmäßigen Eheweib scheiden lassen?«

»Geschieden sind sie nicht einmal, denn der Papst hat jede Hilfe dazu abgelehnt. Ein Machtspruch des Kaisers hat sie getrennt.«

»Und eine deutsche Fürstentochter findet sich dann bereit, bei dem Wessir des großen Sultans die Favoritin zu werden?« knirschte Heinrich.

»Ach, wer mag das arme Mädchen gefragt haben, ob sie will oder nicht!« warf Antoinette ein. »Ihr Vater, der König von Napoleons Gnaden, wird aus Furcht vor dem Zorne seines Herrn einfach befohlen haben.«

»Kann eine Nation noch tiefer sinken!« sagte ihr Bruder grimmig, erhob sich, und indem er jede Begleitung ablehnte, begab er sich in den Park, um allein zu sein mit seinen finsteren Gedanken. Antoinette beobachtete ihn vom Fenster aus, wie er langsam an seinem Stocke durch die schon halb entlaubten Baumreihen dahinschritt. Den Kopf trug er tief auf die Brust gesenkt, er hatte keinen Blick für die zahmen Hirsche und Rehe, die ihn verwundert beäugten, und die früher seine Lieblinge gewesen waren. Das Herz der Schwester krampfte sich in bitterem Weh zusammen, als sie ihn so gehen sah wie einen Schatten seiner selbst. Wann würde die Zeit kommen, wo er das Haupt wieder hoch trug, wo seine Augen im alten freudigen Glanze wieder leuchteten? Ach, würde sie überhaupt wiederkommen? So lange das Vaterland gedemütigt am Boden lag, kam sie sicher nicht.

Am Abend überraschte Heinrich Mutter und Schwester damit, daß er befahl, am andern Morgen den alten Steinmetzen Koch aus Alsleben zu ihm zu rufen. Was er von ihm wolle, sagte er nicht, und sie fragten auch nicht. Aber sie freuten sich beide, daß er endlich wieder von selbst einen Wunsch äußerte, daß er wieder irgend etwas unternehmen wollte.

Der Alte stellte sich pünktlich zur angegebenen Zeit im Schlosse ein und wurde vom Baron in seinem Zimmer empfangen. Was die beiden dort miteinander verhandelten, blieb zunächst ein Geheimnis. Aber als der kleine, grauhaarige Mann mit der großen Hornbrille das Schloß wieder verlassen hatte und durch die Allee hinging, blieb er alle Augenblicke kopfschüttelnd stehen und murmelte unverständliche Worte vor sich hin. Endlich setzte er sich auf einen Stein, nahm ein Papier aus seiner Tasche, entfaltete es, schüttelte wieder mit dem Kopfe und sah sehr verlegen und bekümmert aus.

So traf ihn Wedell, dessen leichter Jagdwagen langsam die Allee heruntergefahren kam. Der Alte hatte sein Herannahen offenbar gänzlich überhört, denn er fuhr erschrocken zusammen, als ihn die wohlbekannte Stimme des Edelmanns aus nächster Nähe anrief: »Was treibt er denn da, Meister Koch? Er hat wohl schon in der frühen Morgenstunde einen hinter die Binde gegossen?«

»Ach nein, Herr Landrat,« sagte der Alte und erhob sich mit einem ungeschickten Kratzfuße. Mit tiefbetrübter Miene trat er an den Schlag heran. »Ach, Herr Landrat,« stöhnte er, »ach, Herr Landrat!«

»Na, was zum Henker ist denn los?« rief Wedell.

»Ach, der Herr Major von Krosigk haben mir allergnädigst einen gar zu schrecklichen Auftrag gegeben!«

»Ihm? Wieso?«

»Ach, der Herr Major müssen etwas gehabt haben mit Höchstseinem Herrn Schwager auf Gänsefurth. Und der Herr von Trotha ist doch solch ein lieber gnädiger Herr und hat erst neulich ein teures Grabdenkmal bei mir bestellt. Und nun soll ich ihm helfen so einen großen Schimpf anzutun. Der Herr Major wollen in seinem Parke ein großes Kreuz aus Sandstein aufgerichtet haben, und darauf soll stehen: ,Pfui Monsieur Trotha.«

»Was?« schrie Wedell. »Was schwatzt er da für dummes Zeug? Ist er bei lebendigem Leibe übergeschnappt?«

»Wenn sich der Herr Landrat untertänigst überzeugen wollen, hier sieht es auf dem Papier. Der Herr Major haben die Gnade gehabt, es selbst aufzuschreiben.«

Wedell nahm ihm verwundert das Blatt aus der Hand, warf einen Blick darauf und sank in seinen Sitz zurück. Er lachte, daß ihm die Tränen über die Backen liefen, lachte so kräftig und anhaltend, daß sich der Kutscher auf dem Bocke herumdrehte und dummpfiffig grinste, obwohl er gar nicht wußte, worum sich's handelte.

Fuimus Troes

stand mit großen lateinischen Schriftzügen auf dem Papiere.

Immer noch lachend gab Wedell es dem Meister zurück, der ihn verblüfft anblickte. »Darum sorge er sich nicht, alter Freund,« sagte er, »das hat mit Herrn von Trotha nichts zu tun. Das ist Lateinisch, das versteht er nicht, und wenn ich's ihm erklären wollte, würde er's doch nicht kapieren. Guten Morgen!«

Der Wagen rollte weiter, und der biedere Meister stand noch lange auf demselben Flecke und kratzte sich hinter den Ohren. Es mochte ja wohl wahr sein, was der Landrat gesagt hatte, aber er nahm sich doch vor, mit Herrn von Trotha vorsichtig über die Sache zu reden, wenn er ihn einmal treffen sollte.

Wedell lachte noch, als sein Wagen in den Hof einbog, aber gleich darauf wurde sein Gesicht sehr ernst. Also eine Säule ließ Heinrich von Krosigk in seinem Parke errichten mit der Inschrift aus Virgil: Fuimus Troes – wir waren einst Troer –, dem Klageworte des Trojaners Panthos, als seine länderbeherrschende Vaterstadt in Trümmer gesunken war. Das mußte sich in der ganzen Gegend herumsprechen, und das wollte der trotzige Schloßherr wohl auch. Er wollte keinen Hehl machen aus seiner Gesinnung; jeder sollte wissen, daß er mit ingrimmiger Trauer an das Gewesene denke und nicht aufhören wolle, Preußens Fall zu beweinen. Daß es bei dem Beweinen nicht bleiben werde, konnte sich dann jeder zusammenreimen, der Heinrich von Krosigk auch nur oberflächlich kannte. Diese Steinsäule sollte eine offene Absage sein an das neue Regiment; und wenn die Machthaber in Kassel davon erfuhren, so konnten ihnen ja über Krosigks Gesinnung nicht die leisesten Zweifel bleiben.

Wedell zog die Stirn in Falten. Das war wieder einmal ein Streich, so recht des Poplitzer Feuerkopfes würdig, der aussprach, was er dachte, und sich den Teufel darum scherte, was die anderen dazu sagten. Aber was sollte aus dem Manne werden in der Zeit, der man entgegenging? Wenn der kleine Grundherr des Saalkreises anrennen wollte gegen die neue Ordnung der Dinge, so mußte er sich den Schädel zerbrechen. Denn ein Federstrich des Tyrannen an der Seine, und er verschwand in irgend einen französischen Kerker oder erlitt das Schicksal des Herzogs von Enghien.

Während er vom Wagen stieg, sandte er ein Stoßgebet gen Himmel, daß es ihm gelingen möge, die stürmische Seele des Freundes zu besänftigen. Denn er hatte im Auftrage seines Vetters, des Staatsrates von Wolffradt, und seines Freundes von Schele die schwere Mission übernommen, den wilden Franzosenhasser für den Königlich Westfälischen Staatsdienst zu gewinnen, und fürchtete sich fast, ihm damit entgegenzutreten. Krosigk konnte selbst seinen Freunden gegenüber von rücksichtsloser Schärfe sein, wenn sie irgend wie seinen Grundsätzen zu nahe traten. Daher schlug ihm das Herz, als er die Freitreppe emporschritt, er fürchtete eine unangenehme Szene.

Aber diese Furcht ging unter und verwandelte sich in das größte Mitleid, als ihm der Freund auf der Diele mit zitternden Knien entgegentrat. Das hatte die französische Kugel von Eylau aus Heinrich von Krosigk gemacht! War das der Mann, den er, der so häufig Kränkliche, um seine Kraft und Frische so oft beneidet hatte? Oder war es sein Geist? Er konnte sich kaum der Tränen enthalten, als er ihn zur Bewillkommnung umarmte, und nahm sich vor, mit dem Kranken gar nicht von dem zu reden, was ihn eigentlich hergeführt hatte. Das mußte Zeit haben; jetzt wollte er ihn nicht mit solchen Dingen aufregen.

Aber als er dann dem Freunde bei einem Glase Wein gegenübersaß, änderte er seinen Vorsatz. Der Major war so milde und menschenfreundlich, so ruhig und geklärt, wie er ihn eigentlich noch nie gesehen hatte. Diese Stimmung mußte ein kluger Diplomat benutzen. Auch fragte ihn schließlich Krosigk selbst, ob er Neuigkeiten habe, die ihn interessieren könnten.

So begann er denn: »Du hast wohl gehört, daß Wolffradt, mein Verwandter, der braunschweigische Minister, in den Staatsrat nach Cassel berufen werden soll?«

»Keine Silbe,« sagte Krosigk.

»Ja, er wird voraussichtlich unter dem neuen Regimente eine große Rolle spielen,« fuhr Wedell fort.

»Wünsche viel Glück dazu,« warf der Major trocken hin.

»Man hat das Bestreben, Leute von anerkannten Talenten im Staatsdienste anzustellen,« redete Wedell weiter, »ein Bestreben, das ich sehr vernünftig finde. Zugleich ist dem neuen Könige offenbar daran gelegen, die Träger alter, angesehener, großer Namen an seinen Hof zu ziehen. Da ihr nun zu den ältesten und angesehensten Familien des Landes gehört, so beauftragte mich Wolffradt, dich zu fragen, ob du irgend ein hohes Hofamt übernehmen willst. Die Wahl soll dir freistehen.«

Der Major erwiderte nichts darauf. Er hatte sich in seinen Sessel zurückgelehnt und betrachtete den Sprecher mit der Miene stiller Heiterkeit.

Auch Wedell lächelte. »Natürlich wußt' ich, daß du darauf nicht eingehen würdest, fragte also nur pro forma, um Wolffradt berichten zu können.«

Krosigk lachte jetzt sogar. »Schreibe deinem Wolffradt, nur ein Hofamt würde für mich Reiz haben. Ich wünsche, Hausknecht zu werden, meinetwegen mit dem Exzellenztitel, aber jedenfalls mit der Berechtigung, alle Franzosen aus dem Schlosse in Cassel hinauszuwerfen. Ein Fußtritt müßte dazu erlaubt sein, für neugebackene Grafen, Herzöge oder Majestäten behielte ich mir deren zwei vor.«

»Nun, Gott sei Dank, höre ich dich wenigstens wieder einmal lachen und merke etwas von der alten übermütigen Laune,« versetzte Wedell. »Das ist schon etwas wert. Wie gesagt, ich war der Ablehnung von vornherein sicher und denke darin ganz wie du. Auch ich habe den Kammerherrnschlüssel abgelehnt.«

»Bravo!« rief Krosigk.

»Ebenso bin ich deiner Ablehnung sicher, wenn ich dich in Wolffradts Auftrage frage, ob du in westfälische Militärdienste treten willst. Man will dir dann ein Gardebataillon verschaffen.«

Krosigks Brauen zogen sich finster zusammen, und sein bleiches Gesicht rötete sich. »Diesen Antrag, lieber Freund, kann ich nicht mehr mit Humor auffassen,« sagte er scharf. »Es wäre mir lieber, du hättest seine Ausrichtung einem andern überlassen. Soll ich etwa in die Lage kommen, bei Wiederausbruch des Krieges den preußischen Fahnen gegenüberzustehen? Gott bewahre mich! Mein Vaterland ist und bleibt Preußen, und mein Kriegsherr ist und bleibt Friedrich Wilhelm.«

»Lassen wir das also fallen,« sagte Wedell hastig »Verstehe das alles vollkommen und würde das Gegenteil nicht verstehen. Es bleibt mir also nur noch eine Frage. Du weißt, daß das Land in Kantons eingeteilt werden soll! Wir werden hier den Kanton Alsleben bilden, und du sollst als Maire an seine Spitze treten.«

Krosigk drehte sich um und nahm ein Schreiben vom Nebentische. »Dasselbe schrieb mir vorgestern Schele, der ja Unterpräfekt in Halle werden soll. Er beschwört mich, das Amt nicht zurückzuweisen, und entwickelt dabei Gründe, deren Berechtigung ich nicht leugnen kann. Aber zum Henker, warum bin ich gerade dazu ausersehen? Warum nicht du? Du bist doch zehn Jahre älter als ich und warst ein Jahr lang Landrat, paßtest also viel besser dazu.«

»Vorläufig,« erwiderte Wedell, »bin ich eben unter dem Verdachte einer Verschwörung nach Frankreich transportiert gewesen, wie du ja weißt. Ich bin auch nur deshalb entlassen worden, weil man mir nichts beweisen konnte. Nun sind die Regenten bis zum Einzuge des Königs lauter Franzosen. Denen darf man mich nicht vorschlagen. Später hofft mich Wolffradt in eine Provinzialratstellung hineinzubringen.«

»Und du würdest annehmen?« fragte Krosigk.

»Ohne Frage. Wenn wir grollend bei Seite stehen, erreichen wir gar nichts. Wollen wir verhindern, daß das Land durch und durch französisch gemacht wird, so müssen wir handeln.«

»Und der Eid, den wir unserem Könige geschworen haben?« fragte Krosigk finster.

»Seine Majestät hat uns aller unserer Eide und Pflichten entbunden.«

»Der Not gehorchend, nicht dem eigenen Trieb.« gab Krosigk zurück.

»Und aus demselben Grunde müssen auch wir uns in das Unabänderliche fügen,« versetzte Wedell.

»Ich bleibe immer innerlich an das gebunden, was ich geschworen habe. Dem Könige von Preußen habe ich als halber Knabe den Fahneneid, als Mann den Lehnseid geleistet. Ich bin und bleibe deshalb vor Gott und meinem Gewissen ein Vasall der Hohenzollern.«

»Ja, lieber Krosigk, das bleiben wir alle,« gab Wedell zur Antwort. »Meinst du, ich würde jemals in meinem Herzen meinem Könige untreu? Niemals! Ich denke nur, gerade dadurch halte ich ihm die rechte Treue, daß ich helfe, diese Provinz vor der Verwälschung zu bewahren. Dazu gibt es nur einen Weg: ich muß mich äußerlich der Gewalt beugen und im geheimen alles daran setzen, für meinen allen Herrn zu wirken. Ich zum wenigsten sehe keinen anderen Weg.«

»Vielleicht gibt es doch noch einen anderen, und ich bin bereit, ihn zu gehen,« entgegnete der Major.

Wedell erschrak und sah ihn unruhig von der Seite an. Heinrich erriet seine Gedanken und lächelte düster.

»Fürchte nicht etwa, daß ich den Weg gehe, von dem niemand zurückkehrt. Soweit bin ich nicht und hoffe mit Gottes Hilfe diese Versuchung stets zu überwinden.«

»Was gedenkst du also zu tun?« fragte Wedell.

»Das will ich dir Ende dieser Woche sagen,« erwiderte der Major. »Ich komme dann hinüber zu dir nach Piesdorf. Reiten kann ich freilich noch nicht, aber im Wagen wird's schon gehen. Ich bringe dir dann meinen unwiderruflichen Bescheid, und heute, lieber Freund, laß uns nicht mehr darüber reden.«

Wedell ehrte den Wunsch des Freundes und kam nicht wieder auf die Frage zurück. Aber zu einer Unterhaltung über gleichgültige Dinge gelangte man nicht, auch nicht bei Tische in Gegenwart der Damen. Was man auch berührte – immer wieder mußte man das erwähnen, was man erlitten hatte, immer wieder tauchte die Frage auf: was wird nun werden? welchen Zeiten, welchen Verhältnissen gehen wir entgegen?

Endlich fragte Wedell, um die Gedanken auf etwas anderes zu lenken, wo denn der Kandidat geblieben sei, den er neulich hier getroffen habe.

»Er ist nicht mehr hier, leider nicht einmal mehr in der Gegend,« gab der Major zur Antwort. »Der Oberamtmann, bei dem er früher in Stellung war, hat einen verwaisten Neffen ins Haus genommen und Moldenhauer gebeten, noch einmal ein Mentoramt in seinem Hause zu übernehmen. Ich wundere mich, daß er sich wieder dazu entschlossen hat, obwohl er schon Substitut seines Vaters war; das ist nichts für einen so selbständigen Charakter. Freilich scheint er dort das höchste Vertrauen zu genießen.«

»Du hattest ihm ja auch ein ganz ungewöhnliches Vertrauen geschenkt,« bemerkte Wedell.

»Er hat es in jeder Beziehung gerechtfertigt,« sagte Krosigk und erzählte dem Freunde, wie er sich bei dem Überfalle durch die Franzosen benommen hatte. »Schwerlich hätte der französische Führer mit seiner Drohung wirklich Ernst gemacht,« fügte er hinzu.

»Seine Offiziere würden ihn wohl daran gehindert haben. Aber das schmälert Moldenhauers Verdienst nicht. Er hat sich klug und entschlossen gezeigt.«

»Gewiß,« pflichtete Wedell bei. »Der Mann gäbe vielleicht einen tüchtigeren Offizier als Seelsorger ab.«

»O, er ist ein vorzüglicher Redner und weiß die Leute innerlich anzufassen,« mischte sich die Geheimrätin ins Gespräch. »Auch ist er mit wirklicher Neigung Prediger und wird doch wohl besser einen Pastor als einen Offizier darstellen.«

»Und was sagen Sie dazu, mein gnädiges Fräulein?« wandte sich Wedell an Antoinette.

»Ich sage: es ist am besten, wenn der Sohn des Pastors wieder Pastor und der Sohn des Edelmanns Offizier wird. Da bleibt jeder in seiner Sphäre.«

Wedell lachte. »Sie stehen ja noch auf dem Standpunkte Friedrichs des Großen!« rief er.

»Das ist mir eine Ehre,« erwiderte das Fräulein.

»Aber jetzt gilt das nicht mehr. Die Offiziersstellen werden auch den Bürgerlichen freigegeben.«

»In Westfalen!« sagte Antoinette spöttisch.

»Nein, auch in Preußen wird das so.«

»Und mit Recht,« fiel der Major ein. »Nicht deshalb, weil viele adlige Offiziere ehrlos geworden sind, manche bürgerliche sich brav geschlagen haben, sondern deshalb, weil Preußen ein Volk in Waffen werden muß. Was Scharnhorst schon vor dem Kriege dem Könige vorgeschlagen hat, daß muß jetzt zur Tat werden. Nur, wenn das ganze Volk aufsteht, kann Preußen noch einmal emporkommen. Und in diesem heiligen Kriege, den ich, so Gott will, noch zu erleben hoffe, da müssen die Söhne der alten Geschlechter zeigen, ob sie noch wert sind, adlig zu heißen, und wer dem Vaterlande am meisten nützt, soll Offizier und meinetwegen General werden!«

»Sehr gut!« rief Wedell. »Und doch wunder ich mich, solche Worte aus deinem Munde zu hören. Voriges Jahr nanntest du den Adel das Schwert der Monarchie.«

»Dazwischen liegt der Tag von Jena,« erwiderte der Major. »Ich habe gelernt, lieber Wedell, und ich glaube, wir müssen alle noch Vieles und Schweres lernen. Ich hoffe zu Gott, daß unser Stand die Schmach, die er auf sich geladen, mit Blut auslöschen wird, ja ich glaube bestimmt, daß es geschehen wird. Männer wie Blücher, Gneisenau, York, Graf Götzen und hundert andere haben gezeigt, daß es noch nicht aus ist mit uns, daß der preußische Adel noch eine Zukunft hat. Am meisten wird aber der Adel dem Lande jetzt nützen, wenn er seine alten Privilegien aufgibt. Denn jetzt kommt es nur auf das eine an, daß das Vaterland gerettet wird.«

»Heinrich!« rief seine Mutter. »Wie bin ich froh, dich wieder so reden zu hören! Sie glauben gar nicht, Herr von Wedell, wie trostlos es war, wenn er so müde und teilnahmslos dasaß. Kommen Sie nur recht bald wieder herüber, Ihre Gesellschaft ist für ihn die beste Arznei.«

»Das muß wahr sein,« bestätigte der Major, »denn allerdings habe ich mich lange nicht so frisch gefühlt. Ich hätte sogar Lust, mir eine Pfeife anzustecken, da wir ja wohl nun abgespeist haben.«

Die Mutter holte sie ihm selbst herbei mit Tränen in den Augen. »Seit wie lange das erste Mal wieder!« sagte sie leise.

Man saß dann noch eine Weile rauchend und plaudernd beieinander. Länger ließ sich Wedell nicht halten, da er heimfahren wollte zu seiner kranken Frau. Beim Abschied, als er mit dem Major allein in der Tür des Hauses stand, faßte er seine Hand und sagte, ihm ernst in die Augen blickend: »Krosigk, denke daran, was du unserem Kreise schuldig bist!«

Der Major erwiderte: »Sei versichert, daß ich stets nach bestem Wissen und Gewissen meine Schuldigkeit tun werde!«

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