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Der böse Baron von Krosigk

Paul Schreckenbach: Der böse Baron von Krosigk - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer böse Baron von Krosigk
publisherL. Staackmann Verlag
addressLeipzig
year1922
firstpub
printrun43.-47. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100603
projectid88f3ed26
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II.

Einige Wochen später, in einer stürmischen und regnerischen Augustnacht, kam Heinrich von Krosigk in Magdeburg an. Er war mit Eilpost gereist, und die tagelange Fahrt, auf der die unglücklichen Passagiere auf holprigen Wegen unsanft genug hin- und hergeschüttelt wurden, hatte den noch immer nicht ganz genesenen Mann furchtbar angegriffen. Er war total erschöpft, als er in Magdeburg endlich den großen gelben Kasten verlassen konnte, in den er so lange eingesperrt gewesen war, und als ihn der Posthalter fragte, ob er bei ihm Quartier nehmen wolle, sagte er sofort zu, aß nur ein paar Bissen und warf sich todmüde auf sein Bett. Es war ihm sehr recht, daß er hier Herberge fand; denn er wollte keinen Menschen sehen und sprechen, am wenigsten einem seiner Freunde oder Bekannten begegnen, ehe er in Groß-Salze gewesen war und erfahren hatte, wie es dort eigentlich stand.

Denn es mußten sich bei den Schurffs eigentümliche Dinge ereignet haben. Sein Bruder Ernst, der lange in Kopenhagen hatte liegen müssen und offenbar erst vor etwa acht Tagen nach Groß-Salze gelangt war, hatte ihm ein kleines Billett zugehen lassen, aus dem er nicht ganz klug werden konnte. Man tat in jenen Tagen sehr gut daran, wenn man sich in allen Schriftstücken, die man der Post anvertraute, so vorsichtig wie möglich ausdrückte, denn bei der allgemeinen Unsicherheit konnte man nicht wissen, in wessen Hände sie fielen. Ernst von Krosigk aber hatte sein Schreiben doch allzu dunkel gehalten. Der Brief sprach auf zwei Seiten nur von ganz harmlosen Dingen, von seiner Freude, den geliebten Bruder nun bald wiederzusehen, vom Wetter, von der Ernte, vom Befinden verschiedener Verwandten, von der Jagd und ihren diesjährigen Aussichten, und schloß mit den bedeutungsvollen Worten: »Den Fuchs, der unsern Hühnerstall beunruhigte, habe ich glücklich zur Strecke gebracht. An den Hühnern aber kann man sich nicht freuen, sie sind schwächlich und krank; ich glaube, Du tust am besten, sie abzuschaffen.«

Die letzten Worte beunruhigten den Major über die Maßen. Wer unter dem Fuchse zu verstehen war, das litt ja keinen Zweifel. Sein Bruder hatte ein blutiges Zusammentreffen mit ihm gehabt und hatte ihn über den Haufen geschossen. Das war beides zu erwarten gewesen und erfüllte ihn mit Befriedigung. Dem Burschen war sein Recht geschehen. Aber was sollte der Zusatz heißen? Hatte Friederike sich irgend, wie nicht ganz würdig benommen, so daß man an ihrem Verhalten keine Freude haben konnte? Oder war es buchstäblich zu nehmen, was sein Bruder schrieb, war sie körperlich krank und siech geworden durch die ewigen Aufregungen, in denen sie gelebt hatte? Darüber grübelte Heinrich, so lange er den Brief besaß, und die Tage und Stunden der Reise erschienen ihm in seiner Ungeduld endlos lang, so sehr brannte er darauf, sich darüber Gewißheit zu verschaffen.

Am andern Morgen erfuhr er mit Verdruß, daß die Post erst gegen Mittag abginge. Die mehr als zwei Meilen zu gehen, das traute er seinen geschwächten Kräften noch nicht zu; er wäre sicher ganz erschöpft dort angekommen. So willigte er denn ein, als der Posthalter ihm vorschlug, mit dem Botenfuhrmann zu fahren. Der Mann, der einen Vornehmen in ihm witterte, begleitete ihn selbst nach der kleinen Herberge zum goldenen Eber, von wo aus der alte Boten-Matthies jeden Dienstag, Donnerstag und Sonnabend seine Fahrten nach Schönebeck und Groß-Salze antrat.

Der Alte hörte mißtrauisch und verdrossen, daß der fremde Herr mitfahren wollte. »Ihr werdet doch kein Englischer sein?« knurrte er. »Den Englischen passen die Franzosen höllisch auf.«

»Beruhige er sich, guter Freund,« sagte Heinrich und drückte ihm einen Taler in die Hand. »Ich habe meinen Paß. Durch mich kann er in keine Ungelegenheiten kommen.«

Als der Alte das große Geldstück sah, ging bei ihm die Sonne auf. »Na, denn man zu, Herr!« rief er in seinem derben Platt. »Vor einen Taler kann man sich schon einmal von den Schweinehunden am Tore ankujonieren lassen. Steigen Sie auf, Herr!«

Der Planenwagen, vor den ein ungewöhnlich großer, aber ebenso ungewöhnlich dürrer Gaul gespannt war, rasselte schwerfällig über das schreckliche Pflaster dahin, das Magdeburg damals in seinen Nebenstraßen auf. wies. Der Alte fuhr nur durch enge, winklige Gäßchen, die Hauptstraßen möglichst vermeidend, denn das reiche Trinkgeld hatte ihn nur in der Mutmaßung bestärkt, daß mit dem freigebigen Herrn etwas nicht richtig sei, und daß man wohltue, ihn den Blicken der Menschen, soweit es anging, zu entziehen.

Am Tore hielt ein französischer Sergeant die Reisenden auf. Der alte Botenfuhrmann war ihm schon bekannt, der brauchte sich nicht zu legitimieren. Aber dem anderen Herrn, der da mitfuhr, forderte er den Paß ab, las ihn durch, schüttelte den Kopf, las ihn nochmals, musterte den Inhaber von oben bis unten und trug das Papier dann in die Wachtstube. Eine Minute später erschien ein französischer Offizier und trat an den Wagen heran. Ein zweiter ward hinter ihm in der Tür sichtbar.

»Sie sind der Königlich preußische Major von Krosigk, Monsieur?« fragte der Franzose, der aber seiner Mundart nach ein Rheinhesse war.

»Zu dienen,« antwortete Heinrich kühl.

»Wie kommt es, Herr Major, daß Sie mit diesem elenden Fahrzeuge reisen?«

»Dazu habe ich Gründe, Herr Leutnant, die meine Gründe sind.«

Der Offizier wollte auf diese trotzige Antwort hin auffahren, aber als er den Blicken des Majors begegnete, blieb ihm das Wort in der Kehle stecken. Die Augen Krosigks lagen auf ihm mit einem solchen Ausdruck von Haß und Hohn, daß sie ihn geradezu faszinierten. Er trat nach dem Wachthause zurück und sprach leise mit dem anderen Offizier. Beide schauten in den Paß hinein, redeten und tuschelten dann wieder miteinander, zuckten die Achseln, blickten wieder in das Papier, und endlich kam er an den Wagen zurück.

»Ihr Paß ist in vollkommenster Ordnung, mein Herr, das Signalement stimmt genau. Wohin fahren Sie zunächst?«

»Nach Groß-Salze.«

Die beiden Offiziere warfen einander bedeutungsvolle Blicke zu. »Sie können passieren, mein Herr,« sagte der Leutnant und salutierte.

Heinrich von Krosigk griff nachlässig an seine Mütze und murmelte dabei: »Verfluchte Bande!« was der Franzose glücklicherweise nicht verstehen konnte. Denn der alte Matthies hatte bereits seinen Gaul mit lautem Hott und Hüh wieder in Gang gebracht.

Die beiden fuhren eine Strecke, ohne ein Wort zu sprechen, die Straße dahin. Heinrich war so in Gedanken versunken, daß er erst nach einer Weile das sonderbare Gebaren des alten Mannes an seiner Seite bemerkte. Kaum waren sie nämlich aus der Hörweite der französischen Wachmannschaft, so fing der Alte an, seinem Begleiter von der Seite die wunderlichsten Blicke zuzuwerfen; seine kleinen, boshaften Äuglein funkelten vor Vergnügen, und er grinste so, daß seine beiden kohlschwarzen Stockzähne hervortraten. Er glich dabei auffallend einem überaus häßlichen alten Affen, der irgend einen bösen Streich zu seiner Zufriedenheit ausgeführt hat. Er grunzte alle möglichen unartikulierten Laute vor sich hin, aus denen sich allmählig die Worte heraushoben: »Dat wunnert mich, dat wunnert mich, Düwel noch mal, dat wunnert mich!«

»Was wundert Ihn?« fragte Heinrich erstaunt.

»Dat det Rackertüg, de Franzusen, Sei dochlassen hebben.«

»Warum?«

»Darum, weil Sie doch der Herr von Krosigk sind, der vorig Woche ein' von die Swinegels totgeschossen hat.«

»Ah!« Heinrich horchte hoch auf. »Das weiß er?«

»Dat weiß jeder in Groß-Salze.«

Heinrich schwieg eine Weile, dann sagte er: »Er irrt sich, guter Mann. Nicht ich habe den Franzosen erschossen, es war mein Bruder.«

Der Alte schlug eine rauhe Lache auf, grunzte wieder, schlug sich auf die Schenkel, blinzelte den Major pfiffig an und sagte, von neuem die Zähne fletschend: »Hä, hä, nee, Herr! Mi bruken Sei nicks weiß to machen.«

Der Major lächelte. »Er ist wohl kein Franzosenfreund, was?«

»Hundsfötter, Hundsfötter!« schrie der Alte grimmig und reckte die Faust nach dem Tore zurück. »Mi hebbens dat beste Pird wegnahmen. Nu muß ick mit die olle Schimmähre fahren! Hott, hüh, hüh! Ach, Herr, wenn wir doch den ollen Fritzen noch hätten!«

»Da hat er recht,« erwiderte Heinrich von Krosigk. Dann versank er wieder in seine Gedanken.

Der wunderliche Alte brummte, schnaubte, grunzte wieder eine Weile, dann prustete er die Worte hervor: »Dat Weibsvolk uff'n blagen Hofe, das kann man all der Düwel holen!«

»Wen?« fragte der Major höchst betroffen.

»Hm, na ja, die Schurffs-Frölens auf'm blagen Hofe in Salze. Wenn die den Hund nicht plegen täten, er wier all schon krepiert.«

Der Major faßte den dürren Arm des Alten mit eisernem Griff. »Was sagt er da? Wen pflegen sie?«

»Den französischen Hund, den Sie dotgeschossen hebben.«

»Dann ist er nicht tot?«

»Nee, hei lebet noch, aber man swack. Hei wier schon dot, wenn ihn dat Fröln nich plegt hätt, wat sin Brut is. Pfui Düwel! Pfui Düwel!«

Der Alte spuckte aus, und der Major sank tief erblaßt mit dem Kopfe gegen die harte Leistenlehne zurück. Also die Sachen standen so. Sein Bruder hatte den Franzosen auf den Tod verwundet, und nun pflegte man ihn auf dem Schurffschen Hofe! Friederike und ihre Schwestern pflegten ihn, und sie war dadurch in den Verdacht gekommen, eines Landesfeindes Braut zu sein. Der närrische Greis da an seiner Seite sprach ja nur aus, was als Gerücht im Munde der Leute umlief, und die Leute spuckten also aus und riefen »pfui«, wenn sie von Friederike von Schurff sprachen. Gerechter Himmel, wie war nur so etwas möglich! Waren denn die Schurffs ganz und gar betört und verblendet von Humanitätsschwindel oder sonstigen weichlichen Ideen, daß sie ihren Töchtern das erlaubten? Der alte Schurff, das wußte er, war ein sehr frommer Mann, er gehörte unter die Stillen im Lande. Ging sein Christentum, wie er es verstand, so weit, daß er den Feind, den eine gerechte Strafe getroffen hatte, unter seinem Dache pflegen und warten ließ, und daß er dabei seinen und seiner Töchter Ruf nicht achtete? Ha, zu solchem Christentum war jetzt wahrlich keine Zeit! Wer jetzt die Bibel aufschlug, der sollte die Sprüche lesen, die von der Ausrottung der Feinde Israels redeten. Milde und barmherzige Liebe gegenüber dieser Brut, die das Vaterland knechtete und vom Schweiße und Blute der Landeskinder zehrte, konnte keine Frömmigkeit sein, war armselige weibische Schwäche. Wenn Friederike in solchen Ideen und Gefühlen lebte – wie wenig hatte er sie dann gekannt, wie wenig paßte sie dann zu ihm! Oder sollte gar etwas anderes mitsprechen bei diesem christlichen Werke? Sollte doch das Werben dieses Menschen nicht ohne Eindruck geblieben sein auf ihr Herz? Nein, das – das konnte nicht sein!

Er riß sich gewaltsam empor und griff nach seiner Börse. »Sieht er dies Goldstück?« fragte er und hielt einen Louisdor dem Alten vor die Augen.

»Hä, hä!« grinste der und schaute begehrlich darauf nieder.

»Das kriegt er, wenn er seinen Klepper laufen läßt, was das Zeug hält.«

»Hüh!« brüllte der Greis und schlug mit der Peitsche auf das Tier ein. Der Wagen setzte sich in Trab, aber wirklich schnell laufen konnte das alte Pferd nicht mehr. Der Major wäre am liebsten herausgesprungen und zu Fuße weiter gelaufen; aber er wußte wohl, daß er nach tausend Schritten zusammengebrochen wäre. Finster, mit zusammengepreßten Lippen, saß er auf seinem Platze und sprach kein Wort mehr.

Endlich war Groß-Salze erreicht. Krosigk griff dem Pferde in die Zügel, daß es sogleich stand. »Es ist gut, Alter. Hier hat er das Geld,« sagte er aussteigend.

Mit glänzenden Augen faßte der Greis zu und murmelte dann unzählige Dankesworte. Aber der Major hörte sie nicht mehr, er war schon eine ganze Strecke fort. Ihn drängte es, ins Reine zu kommen, die Wahrheit zu hören. Friederike selbst sollte ihm Rede und Antwort stehen.

Als er an den großen Steinsäulen des Eingangs vorüberschritt, kam ihm flüchtig die Erinnerung, mit welch weichen, sehnsüchtigen Gefühlen er bei seinem Abschied hier gestanden und die Wiederkehr erträumt hatte. Es war anders gekommen, als er sich's gedacht hatte. Nicht mit stürmischer Freude eilte er zu ihr, die er damals an sich gerissen hatte, sondern verstimmt und gereizt, mit Bitterkeit im Herzen.

Vor dem Hause erkundigte er sich bei einigen Dienstleuten, ob Herr von Schurff zu Hause sei. Ihn wollte er zunächst sprechen. Lag etwa ein väterliches Machtgebot vor, so war ja das eigentümliche Verhalten der Tochter ganz anders zu beurteilen. Dann war sie fast entschuldigt.

»Ach Gott, Herr Baron,« sagte Meier, der alte Diener des Kaufes, »Sie wissen noch nicht, daß unseren armen Herrn vor drei Wochen der Schlag gerührt hat?«

»Er ist doch nicht tot?« rief Heinrich erschrocken.

»Nein, er lebt, er wird auch täglich gesünder, Gott sei Dank. Aber er kann kaum sprechen und ist noch ganz krank.«

»So, so,« machte der Major und nagte heftig an seiner Unterlippe. Natürlich war es demnach ausgeschlossen, daß er mit dem Manne über die aufregende Angelegenheit sprechen konnte.

»Wo ist die gnädige Frau?«

»Die gnädige Frau ist mit den Fräuleins Minettchen und Luischen ausgefahren.«

Heinrich stand eine Weile unschlüssig da. Die Eltern hätte er gern gesprochen, ehe er von Friederike eine Erklärung forderte. Nun sah er seinen Plan durchkreuzt.

»Fräulein Riekchen ist oben, Herr Baron,« sagte der alte Diener vertraulich. »Entweder pflegt das Fräulein unseren Vater oder« – er dämpfte die Stimme – »den anderen. Ach, Herr Baron, Sie wissen es? Wir haben den Franzosen hier im Hause, den der Herr Bruder dort hinten im Parke über den Haufen geschossen hat. Ach, ist das ein Kreuz und Elend!«

Heinrich stand noch immer da, starrte ins Leere und gab keine Antwort. Plötzlich hob er den Kopf empor und erblickte droben Friederike am Fenster. Er sah von unten, wie sie erbleichte und zurücktrat.

»Soll ich den Herrn Baron dem gnädigen Fräulein melden?« fragte der Mener.

»Es ist gut, Meier,« erwiderte Heinrich. »Ich finde das gnädige Fräulein schon selbst.« Damit ging er schnell ins Haus hinein.

Der Alte sah ihm kopfschüttelnd nach. »Mein lieber Herrgott, wie sieht der Herr aus!« dachte er bei sich. »Der Franzose droben kann auch nicht blasser aussehen. Kriegen wir vielleicht den dritten Schwerkranken ins Haus?«

Heinrich von Krosigk war inzwischen die Treppen hinaufgestiegen und sah nun Friederike vor sich in einer Türöffnung stehen. Mit einer stummen Handbewegung winkte sie ihm, ins Zimmer zu treten. Er folgte, und als er nun so die Geliebte vor sich stehen sah, blaß, mit blutlosen Lippen, das feine Gesicht so schmal geworden, Züge tiefen Grams im Antlitz, da vergaß er auf einen Augenblick alles, was sein Herz gekränkt hatte. Er streckte ihr die Hände entgegen und rief in tiefer Bewegung: »Friederike!«

Sie aber glitt in einen Sessel nieder und brach in ein heißes, herzzerreißendes Weinen aus. Unaufhaltsam flossen ihre Tränen; ein Schmerz von Wochen und Monaten machte sich in ihnen Luft. Keines sprach ein Wort. Erst als ihr wildes, krampfhaftes Schluchzen nachließ, fragte Heinrich ruhig und ernst: »Wollen Sie mir erklären, Friederike, was das bedeutet?«

Das Mädchen hob das Haupt empor und sah ihn mit einem Blicke voll Jammer an. »O, Herr von Krosigk, was haben Sie getan?« rief sie.

»Ich?«

»Sie haben um meinetwillen das Blut eines Menschen vergießen lassen!«

»Das Blut eines Feindes!« sagte Heinrich kalt. »Leider mußt' ich's einem andern überlassen. Am liebsten hätte ich's selbst getan.«

Friederike starrte ihn mit weitgeöffneten Augen an. »Wie? Ich verstehe Sie nicht,« stammelte sie. »Sie möchten selbst – – –«

»Ich möchte selbst in der Lage gewesen sein, meine Pflicht zu tun,« vollendete er.

»Ihre Pflicht? O mein Gott!« rief sie und rang die Hände. »Wie kann das Pflicht sein, was Gott der Herr und der Heiland selbst verboten hat?«

Heinrich furchte die Stirn. Da war es, was er gefürchtet hatte. Sie sah in ihrem frommen Sinne einen Frevler wider Gottes Gebot in ihm, am Ende sogar einen Mörder, und fühlte sich selbst als Ursache seiner Sünde mit in die Blutschuld verstrickt. Er wußte wohl, daß in manchen adligen Häusern solche Anschauungen herrschten; drüben im Anhaltschen hatte er Vettern und Basen, die akkurat so dachten. Aus Gründen der Humanität und des Christentums erklärten sie sogar den Völkerkrieg für ein barbarisches Überbleibsel aus der Zeit menschlicher Roheit und Unvernunft und träumten davon, daß eine Zeit ewigen Friedens kommen werde, in der alle Nationen friedlich nebeneinander in ihren Grenzen wohnen und um nichts anderes ringen würden, als um die Palme schöner Menschlichkeit. Leider war man ja vorläufig nicht so weit, denn der Napoleon wollte sich nicht zu diesen Ideen bekennen, und unglücklicherweise kam es auf ihn an, ob Friede sein sollte oder nicht. Aber man würde schon noch so weit kommen. Nun gar der Zweikampf zwischen einzelnen Männern erschien ihnen schlechthin als Frevel, als Verletzung des göttlichen Gebotes: du sollst nicht töten.

Heinrich hatte für Gedanken solcher Art nie etwas anderes gehabt als ein Achselzucken und ein herbes Wort der Verachtung. Ihm war der Kampf der Vater aller Dinge; alle Fortschritte des Menschengeschlechtes mußten unter ungeheuern Kämpfen errungen werden, und das war gut so. Denn wenn die Menschen nicht mehr fechten und streiten würden, meinte er, so würden ihnen bald die edelsten männlichen Tugenden verloren gehen; der Krieg war die harte Schule, in der die Völker Mut, Entschlossenheit, Ehrliebe und Selbstaufopferung lernten. .'

Das war seine Ansicht vom Kriege, er hatte sie unter seinen Freunden oft genug mit feurigen Worten verkündet.

Ganz ebenso war er von der Überzeugung durchdrungen, daß der Zweikampf in gewissen Fällen eine Notwendigkeit sei. Er hatte noch niemals einem Gegner im Duell gegenübergestanden, er war kein Raufbold, wie manche seiner jüngeren Kameraden in Potsdam, die gern Händel suchten und sich dann mit ihren Großtaten brüsteten. Jedes Spielen mit dem eigenen oder fremden Leben erschien ihm frivol und verwerflich. Aber Fälle gab es unbedingt, wo ein Mann, besonders ein Edelmann und Offizier, zum Degen oder zur Pistole greifen mußte, und ein Fall dieser Art lag hier vor. Wenn Friederike das verkennen konnte, ja, dann war sie eben in ihrem Denken und Fühlen himmelweit von ihm verschieden, sie lebte dann innerlich in einer anderen Welt als er. War es wohlgetan, zwei Menschen unlösbar aneinander zu binden, die eine verschiedene Anschauung hatten von dem, was ihm das Heiligste war, von der Ehre?

Ein Gefühl der Kälte, das er nicht zu bannen vermochte, legte sich über sein Herz. In langem, düsterm Schweigen lehnte er ihr gegenüber an dem Türpfosten, die Arme über der Brust verschränkt, die Lippen fest aufeinandergepreßt.

Endlich fragte er: »Hat Ihnen der Mensch einen Antrag gemacht? Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich meine einen wirklichen, ernsten Heiratsantrag.«

»Ja.«

»Wann war das?«

»Einmal schon vor vier Wochen. Dann ein paar Tage, ehe Ihr Bruder eintraf.«

»Sie wiesen ihn ohne alle Umschweife klar und bestimmt ab?«

»Natürlich! Wie können Sie zweifeln?« rief Friederike fast entrüstet.

»Und,« fuhr der Major fort, »Sie ließen ihn auch nicht im unklaren darüber, daß Sie sich bereits einem anderen gegenüber gebunden fühlten?«

»Das hat ihm mein Vater mehrmals ganz offen gesagt, einmal auch meine Mutter,« erwiderte Friederike.

»Trotzdem also,« sagte Heinrich, »ließ dieser Ehrenmann nicht von Ihnen ab und belästigte Sie weiterhin. Wissen Sie, Friederike, wie ich das nenne? Ich und meinesgleichen nennen das eine Schurkerei. Einem honetten Manne ist die Braut eines anderen unantastbar, auch die Braut des persönlichen Feindes. Denn der Mensch ist mein persönlicher Feind von früher her. Er beehrt mich mit einem fanatischen Hasse, weil ich einmal meine Soldatenpflicht gegen seinen Vater, einen polnischen Halunken, erfüllt habe. Doch das ist hier Nebensache. Jedenfalls hatte mein Bruder Ernst das volle Recht, ihm seine Infamie vorzuhalten, wenn er ihn persönlich traf. Das Weitere ergab sich dann von selbst.«

»Mein Gott!« rief Friederike. »Ich war ja bereit, mit Ihrem Bruder zu gehen. Wir alle baten ihn, sich verborgen zu halten, als der Franzose zum Besuche angeritten kam. Aber nein, er trat ihm geradezu in den Weg!«

Heinrichs Augen weiteten sich. »Sie alle baten ihn, sich verborgen zu halten? Sie? Nun, das glaube ich. Aber der Herr Major von Schurff zum mindesten mußte wissen, daß ein Krosigk sich nicht versteckt halten durfte, bis es dem Feinde beliebte, das Haus von seiner Gegenwart wieder zu befreien. Nach dieser Auffassung hätte wohl mein Bruder bei Nacht und Nebel mit Ihnen entfliehen sollen?«

»Dann wäre wenigstens kein Blut geflossen.«

»Allerdings nicht. Dieses kostbare Leben blieb dann erhalten,« sagte Heinrich hart. »Nur schade, daß unsere Ehre das nicht litt!«

»Ach, Ehre!« rief Friederike. »Wer kann uns denn die wahre Ehre rauben! Wer recht tut, dem kann kein Mensch seine Ehre nehmen, die er vor Gott und seinem Gewissen hat.«

»Vortrefflich,« versetzte Heinrich schneidend, »und wenn ich Diakonus einer Herrnhutergemeinde wäre, so würde ich ohne weiteres Ihnen beistimmen. Ich lebte dann in einem Kreise, in dem ich in höchster Achtung stehen und auch bleiben könnte, wenn ich mich von meinem Feinde beleidigen, selbst tätlich insultieren ließe. Ich lebe aber unter preußischen Edelleuten, und da ist der ehrlos, der eine Beleidigung auf sich sitzen läßt. Vorläufig wenigstens ist das noch so.«

»Was geht uns die Meinung anderer an!« entgegnete Friederike.

»Sehr viel, mein Fräulein. Ich bin durch meine Geburt in diesen Kreis hineingestellt, darum muß ich mit den Anschauungen dieses Kreises rechnen. Wenn ich mein Haupt nicht mehr hoch tragen kann unter meinesgleichen, dann fehlt mir die Lebensluft, in der ich atmen kann. Ich wäre von dem Momente an ein freudloser, gebrochener Mann, der schwerlich mehr viel Gutes stiften würde. Wäre also der Zweikampf wirklich Sünde, so wäre er doch in der Lage, in der ich mich befinde, das kleinere Übel.«

Er machte eine kurze Pause; dann fuhr er fort, indem er sich dabei höher aufrichtete: »Indessen will ich mich nicht etwa mit einer Zwangslage entschuldigen. Davon bin ich weit entfernt. Zwischen uns soll Klarheit sein. Und so sage ich Ihnen denn, Friederike: ich selbst denke so, wie die anderen, und der besondere Ehrbegriff meines Standes hat keinen schärferen Repräsentanten als mich. Wer die Hand nicht jederzeit an der Waffe hat für seine Ehre, der ist mir einfach verächtlich. Das liegt mir so im Blute, das kann mir keiner wegphilosophieren. Wäre ich der Sohn und Enkel von Quäkern oder mährischen Brüdern, so würde ich wohl wie diese sein, kindlich, leidsam und gering. – Mein Geschlecht aber trägt seit tausend Jahren das Schwert, und seine Geschichte ist mit Blut geschrieben. Selbst die Priester meines Hauses waren harte Kriegsleute. Kann ich wie eine Taube denken, wenn ich von Falken oder Adlern abstamme? Ich kann es nicht, und ich will es auch nicht.«

Friederike antwortete nichts. Regungslos, die Hände im Schoße gefaltet, saß sie da, nur bei seinen letzten Worten zuckte sie zusammen.

»Der Ehrbegriff, der uns im Blute liegt,« fuhr Heinrich fort, »ist stärker als anerzogene Lehren und Grundsätze. Es ist nicht nur beim Manne so. Als ich von Halle zur Armee ging, hatte sich gerade ein junges Mädchen in der Saale ertränkt. Ein Franzose hatte sich an ihr vergangen. Sie war ohne jede Schuld, aber sie konnte nicht leben in ihrer Schmach. Gibt es so eine besondere weibliche Ehre, die nicht nur Gott und uns selbst gegenüber gilt, die uns genommen werden kann ohne unsere Schuld – sollte es da nicht auch eine besondere Mannesehre geben? Für Männer unserer Art sicherlich.«

Friederike schwieg noch immer und hielt dabei den Blick gesenkt. Gespannt wartete er auf eine Antwort, aber es erfolgte keine. So begann er denn endlich mit gepreßter Stimme: »Ich sehe, mein Fräulein, wir verstehen uns nicht. Sie erblicken in mir einen Mann, der Blutschuld auf seine Seele geladen hat. Was soll ich Sie da erst noch fragen, was ich fragen wollte! Ich bin umsonst gekommen. So leben Sie wohl!«

Friederike erhob sich und blickte ihm ins Auge. Auf ihrem blassen, schönen Antlitz lag ein Zug höchster Entschlossenheit. »Sie irren, Herr von Krosigk,« sagte sie fest.

»Ich fürchte, ich irre nicht,« entgegnete er trübe. »Leben Sie wohl, Friederike.«

»Nein!« rief sie. »Ihre Gründe überzeugen mich nicht. Aber um meinetwillen haben Sie die Tat auf Ihre Seele genommen. Und soll nicht das Weib« – sie stockte, und tiefe Glut färbte ihr Antlitz – »soll nicht das Weib alles mit dem Manne tragen, den sie – liebt?«

Heinrich stand ein paar Augenblicke sprachlos. Daß sie so dachte, überwältigte ihn. Wenn sie ihn so liebte, dann war ja alles, alles gut. Diese starke und hochgesinnte Liebe mußte ja dazu führen, daß sie als sein Weib die anerzogenen schwächlichen und weichen Gedanken überwand und sich in sein Fühlen und Denken vollkommen einlebte.

»Friederike!« rief er und breitete die Arme aus.

Aber sie trat einen Schritt zurück, und während die Röte langsam aus ihrem Angesichte wich, sagte sie leise: »Noch nicht. Ich habe eine Bitte, die Sie mir gewähren müssen.«

»Nun?«

»Das Böse, das Sie getan haben, will ich wieder gut machen. Den Mann, den Ihr Bruder niedergeschossen hat, habe ich gepflegt. Wer sollte ihn auch sonst pflegen? Die Mutter ist ja eine tapfere Frau; aber sie kann kein Blut sehen. Minette ist noch ein halbes Kind. Und warum ich das getan habe? Weil ich nicht wollte, daß eine Leiche zwischen mir und Ihnen lag. Gott ist mein Zeuge: aus keinem anderen Grunde. Er ist jetzt noch in Gefahr, in großer Gefahr. Lassen Sie mich, ich bitte Sie, Christenpflicht üben. Lassen Sie mich ihn pflegen, bis er außer Lebensgefahr ist.« Mit einer rührenden Geberde hob sie die Hände zu ihm empor.

Heinrich starrte ihr ins Gesicht, als könne er nicht fassen, was ihr Mund eben gesprochen hatte. Die Arme sanken ihm schlaff an der Seite herunter. »Sie wollen« – brachte er mühsam hervor. Dann schoß ihm eine heiße Blutwelle ins Antlitz. »Nimmermehr!« schrie er laut.

»Es ist Christenpflicht!« rief sie noch einmal.

»Christenpflicht nennen Sie das?« rief er dagegen ganz außer sich. »Christenpflicht? Nein, das sind überspannte, sentimentale Schrullen. Ich bin kein Heide. Ich will nicht, daß der Kerl am Wege stirbt. Aber ins Spital gehört er, dort mag ihn seinesgleichen pflegen. Aus Ihrem Hause muß er heraus, und wissen Sie, warum? Weil er Ihrem Rufe schadet. Man zischelt und tuschelt über Sie, man spuckt aus und ruft pfui, wenn von Ihnen die Rede ist. Denn kein Mensch begreift, wie ein deutsches Mädchen einen schuftigen Franzosen Tag und Nacht pflegen kann, wenn er nicht ihr Liebster ist. So, nun wissen Sie das!«

Friederike war unter seinen Worten tief erblaßt. Jetzt zuckte sie zusammen. »Sie wissen wohl, daß das eine Lüge ist,« entgegnete sie mit erstickter Stimme.

»Ja, das weiß ich. Aber ich will nicht, daß man die Familie, aus der ich mir mein Weib hole, unter die Freunde der Franzosen rechnet. Ich will nicht, daß man das Mädchen, das ich liebe, ›Franzosenbraut‹ tituliert. Ich lag auf dem Felde von Eylau todwund im Winterschnee eine ganze Nacht. Neben mir tausend Tote, die der korsische Tiger gemetzelt hatte. Da hob ich die Hand zum Himmel und schwur, daß mein Leben, wenn Gott mir's erhalten wolle, der Rache geweiht sein sollte. Rache will ich an diesem Volke, das die Hölle gegen uns entfesselt hat! Und Sie, Sie pflegen einen der Schlächter gesund, auf daß er weiter schlachten kann!«

Friederike klammerte sich mit beiden Händen an den Tisch an. »Um Ihretwillen,« murmelte sie tonlos. »Ich kann nicht anders.«

»Ich will dieses Opfer nicht! Was ich getan habe, vertrete ich vor meinem Gewissen. Jetzt ist nicht die Zeit dazu, die Feinde zu lieben und ihnen wohlzutun. Sie schlagen uns sonst vollends tot. Und kurz und gut, ich fordere von Ihnen, daß Sie entweder den Franzosen fortschaffen oder, wenn das nicht geht, das Haus verlassen und zwar unverzüglich. In vier Stunden können Sie mit dem Wagen in Hecklingen sein. Ich selbst werde Sie geleiten. Wollen Sie?«

»Nein.«

»Das ist Ihr letztes Wort, Friederike?«

»Ich könnte nie mit Ihnen glücklich werden, wenn ich nicht alles getan hätte, Ihr Unrecht zu sühnen. Stirbt er, so bin ich bereit, Ihre Schuld mit Ihnen zu tragen,« erwiderte sie leise.

»Noch einmal, ohne Umschweife: wollen Sie mir folgen oder nicht?«

Sie schüttelte stumm das Haupt. Zu reden vermochte sie nicht.

»Dann leben Sie wohl. Ob ich das je verwinden werde – ich weiß es nicht.«

Er verbeugte sich stumm und schritt hochaufgerichtet aus dem Zimmer. Draußen aber verließen ihn für ein paar Augenblicke die Kräfte; die Schwäche der Krankheit, die noch nicht ganz überwunden war, kam wieder über ihn. Schwerfällig wie ein alter Mann tastete er sich am Geländer die Treppe hinunter. Mit müden, langsamen Schritten ging er dann über den Hof und die Landstraße entlang nach dem nahen Städtchen Schönebeck. Dort wollte er sich ein Gefährt mieten, das ihn in seine Heimat zurücktragen sollte.

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