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Der böse Baron von Krosigk

Paul Schreckenbach: Der böse Baron von Krosigk - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer böse Baron von Krosigk
publisherL. Staackmann Verlag
addressLeipzig
year1922
firstpub
printrun43.-47. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100603
projectid88f3ed26
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XI.

In dem »blauen Hofe«, dem Schurffschen Schlößchen zu Groß-Salze, ging es den Tag nach der Übergabe Magdeburgs zu wie in einem Trauerhause. Die Dienerschaft schlich auf den Zehen über die Treppen und Gänge, niemand wagte ein lautes Wort zu sprechen, nur im Flüsterton verkehrte man miteinander. Denn der Herr des Hauses war plötzlich erkrankt; die unselige Kunde vom schmachvollen Falle der stärksten Festung des Landes hatte den alten preußischen Edelmann aufs Lager geworfen. Er war sonst ein bequemer, etwas indolenter alter Herr, dessen Interessen über seinen Wirtschaftshof nicht weit hinausreichten, und der das Behagen seines Lebens in seiner ausgezeichneten Rebhühnerjagd, einem guten Glase Rotwein und einer wohlgestopften Pfeife fand, Frau und Kinder herzlich liebte, seine Diener wohlwollend behandelte, um den Lauf der Welt und um die Händel des Staates aber sich wenig sorgte. Seines geliebten Preußens Macht und Ehre lag in guten Händen. Zwar Friedrich der Einzige, unter dem er einst als halber Knabe noch ins Feld gezogen war, hatte die strahlenden Königsaugen schon längst geschlossen, aber in Männern wie Braunschweig und Hohenlohe lebte sein Geist noch fort. Daß Preußens Heer das beste und tüchtigste der Welt war, wer mochte das ernsthaft in Zweifel ziehen? Die Staatsmänner nun vollends, die jetzt in Berlin die Zügel in der Hand hielten, waren dem großen Könige, wenn das zu denken erlaubt war, eigentlich sogar überlegen. Denn während er in drei schweren Kriegen eine Provinz erstritten hatte, verdoppelten sie fast den Umfang des Staates durch die Künste des Friedens. Man hatte mit den Feinden des Siebenjährigen Krieges das zerrüttete Polenreich vollends aufgeteilt und dadurch ungeheure Ländermassen gewonnen. Man hatte das reiche Münsterland aus der Erbschaft des Heiligen römischen Reiches deutscher Nation sich einverleibt. Bedenklich wurde die Sache erst, als man aus Napoleons Hand auch Hannover nahm und dadurch mit den alten Verbündeten des Siebenjährigen Krieges in Feindschaft geriet. Das hatte dem alten Offizier des großen Königs nicht gefallen, das war ein bedenkliches Abweichen von der guten alten Tradition gewesen. Aber immerhin – wenn es zum Kriege kam, dann mußte ja die preußische Glorie in hellem Glanze von neuem erstrahlen.

Nun war der Krieg gekommen und mit ihm eine Hiobsbotschaft nach der anderen. Hatte schon die Kunde von Prinz Louis Heldentode den alten Major tief erschüttert, was war das alles gegen die Nachricht, daß in Thüringen das Heer des alten Fritz vor den Franzosen auseinander geborsten war! Und die Schmach wollte nicht enden, die häufte sich immer mehr. Erfurt ergab sich ohne einen Schuß einer französischen Reiterschar, Hohenlohe kapitulierte bei Prenzlau im freien Felde, der Korse zog in Berlin ein, das geliebte Königspaar floh bei Wetter und Sturm nach dem entfernten Osten der Monarchie.

Nun war auch Magdeburg gefallen. Nicht einmal eine Belagerung hatte der Kommandant ausgehalten, hatte 24 000 Mann und ungeheure Vorräte einer Heeresmacht ausgeliefert, die nicht stark genug gewesen wäre, die Stadt und Festung ganz und gar einzuschließen. Auf diese Nachricht, die niemand erwartet hatte, war der alte Edelmann in eine wahre Raserei des Zornes verfallen. Er brach in die wildesten Verwünschungen vermischt mit den leidenschaftlichsten Klagen aus, deren Ende ein furchtbarer Weinkrampf bildete. Dann saß er stumpf und teilnahmslos in seinem Lehnstuhle, sprach kein Wort, wollte nicht essen und trinken und warf die geliebte Pfeife, die seine Frau ihm reichte, unwirsch in einen Winkel. So ging es vom frühen Morgen bis zur Abenddämmerung, und wäre Frau von Schurff nicht eine so tapfere und resolute Dame gewesen, so hätte sie längst ihr Herz durch Tränen erleichtert, denn es war ihr weh und jammervoll zu Mute beim Anblicke ihres gebrochenen Mannes. Aber die Tränen saßen bei ihr nicht eben locker.

Als die Schatten der Dämmerung sich über das Haus herabsenkten, betrat ein hochgewachsener Mann den weiten, mit Steinfliesen ausgelegten Flur. Er trug die Tracht der Elbschiffer. Die Teerkappe hatte er so tief ins Gesicht gezogen, daß niemand seine Züge zu erkennen vermochte. Ohne sich aufzuhalten, durchschritt er den Raum und stieg die breite Eichenholztreppe empor, die zu dem oberen Vorsaale führte. Dort traf er mit der zweitältesten Tochter des Hauses, Wilhelmine, zusammen, einem hübschen, sechzehnjährigen Mädchen, das von seinen Eltern und den Freunden der Familie allgemein Minettchen genannt wurde. Das junge Fräulein wunderte sich nicht wenig, daß ein Mann in diesem Anzuge so ohne weiteres die Treppe heraufkam und nicht unten wartete, bis ihn jemand bemerkte und nach seinem Begehr fragte. Deshalb rümpfte sie das feine Näschen und fragte etwas von oben herab: »Was will er denn, guter Mann?«

»Zu Ihrem Vater will ich, liebes Kind,« erwiderte der Fremde und schob die Mütze aus der Stirn zurück.

»Mein Gott, Herr von Krosigk!« schrie das Mädchen leise auf. »Wo kommen Sie denn her und wie sehen Sie aus!«

»Ich komme von Magdeburg, bin mit Mühe und Not durchgeschlüpft und der Gefangenschaft entgangen,« antwortete Heinrich von Krosigk in ebenso gedämpftem Tone. »Führen Sie mich gleich zu Ihrem Vater. Ich habe wenig Zeit.«

Minette öffnete eine der hohen eichengetäfelten Türen und ließ ihn eintreten. »Guten Abend, gnädige Frau,« sagte er zu Frau von Schurff, die sich eben liebevoll zuredend über ihren Gatten bog und dadurch dem Eintretenden den Anblick des in seinen Lehnstuhl zusammengesunkenen Greises entzog.

Sie wandte sich rasch um und erschrak unwillkürlich, als sie dem Gaste ins Antlitz sah. Wohl blitzten seine Augen, aber es war ein düsteres Feuer, das in ihnen flackerte. Das Haar hing wirr um die Schläfen, das Gesicht war blaß und schmal, und auf den ohnehin strengen Zügen lag ein furchtbarer Ernst.

»Guten Abend, gnädige Frau,« sagte er noch einmal, »ich bin gekommen, Ihnen und den Ihren Lebewohl zu sagen.«

Da richtete sich der alte Major in seinem Stuhle auf, erhob sich mühsam und ging auf ihn zu. Schweigend sahen die beiden Männer einander an, bis mit einem Male der Alte seine Arme um den Jüngeren warf und mit tränenerstickter Stimme schrie: »Krosigk, unser Preußen ist nicht mehr! Alles, alles verloren!«

»Noch nicht alles,« sagte Krosigk, indem er ihn freundlich zu einem Stuhle hinführte. »Noch nicht, obgleich, was ich erlebt habe, was meine Augen sehen mußten – die Hunde, die feigen Verräter« – er brach ab und streckte die beiden mächtigen Fäuste vor sich hin, als ob er jemand erdrosseln wollte. Eine dicke Zornesader trat auf seiner Stirn hervor.

»Auch Sie konnten die Kapitulation nicht hindern?« fragte Schurff nach einer Pause mit trüber Stimme.

»Hindern?« Krosigk lachte schrill auf. »Es wurde von ein paar Stabsoffizieren mit Mühe und Not verhindert, daß der General mich arretieren ließ. Er empfing mich im Kreise seiner Offiziere und hörte meine Rede mit höhnischem Lächeln an, warf manchmal ein »Oh« oder »Ha« dazwischen und erklärte dann kurzer Hand: »Es gibt keine Armee des Königs mehr, wir erhalten keinen Entsatz, und somit muß ich den Platz übergeben.« Ich stellte ihm vor, wie wichtig Magdeburg für die weiteren Kriegsoperationen werden könne, wie der Feind einen großen Teil seiner Truppen vor den Wällen der Festung lassen müsse, und wie dadurch der König Luft bekäme. Antwort: »Soll ich Tausende von Soldaten und Tausende von friedlichen Bürgern für eine Chimäre in den Tod jagen?« Darauf ich: »Die Chimäre heißt Ehre und Vaterland, und wenn dafür Tausende zugrunde gehen, so können sie nicht schöner fallen.« »Ach was!« rief er verächtlich, »mit Ehre und Vaterland und anderen großen Worten macht man die Toten nicht wieder lebendig.« »Was gilt das Leben, wenn die Ehre gerettet wird?« rief ich dagegen. »Wer nicht für sein Vaterland, für Preußen zu sterben weiß, der hat keine Ehre.« »Was wollen Sie damit sagen?« fuhr er auf. »Was ich gesagt habe!« rief ich, und der Zorn kam über mich. »Ich hoffe, daß wenn Sie mich nicht verstehen, Exzellenz, einer der Herren hier mich versteht und dem Könige den Platz erhält!« Die Offiziere sahen mich verdutzt an, und keiner rührte sich, aber der General fing an zu belfern: »Was? Hetzen wollen Sie, die Disziplin untergraben? Hätte mir's denken können, sind ja der Krosigk, der die Krapule bewaffnen will. Scheren Sie sich fort, Herr, sonst lasse ich Sie in Eisen werfen!« Jetzt hätte ich mich auf ihn gestürzt, obwohl ich keinen Degen hatte, aber Tschepe und Alvensleben führten mich hinweg. Ich wollte gleich aus der Stadt heraus, konnte aber nicht mehr, und so mußte ich« – hier sank seine Stimme zu einem heiseren Flüstern herab – »so mußte ich mit ansehen, wie die Reiter des Marschalls Ney in die Festung einzogen, wie die preußischen Adler abgerissen wurden, wie man die Trikolore – doch genug.« Er brach ab und sank auf einen Stuhl, ganz überwältigt und erschöpft.

»Mein Gott, Herr von Krosigk, es soll sogleich eine Erfrischung für Sie gebracht werden!« rief Frau von Schurff, in der sich bei diesem Anblicke die sorgliche Sausfrau regte.

Er wehrte ab. »Bitte nur ein Glas Wein. Essen mag ich nicht, auch muß ich fort.«

»Wie?« rief sie, die Hände zusammenschlagend. »Fort wollen Sie jetzt? Die Nacht ist ja schon fast hereingebrochen.«

»Eben die Nacht will ich möglichst benutzen. In Schönbeck hier dicht dabei liegt ein Elbschiff, dessen Kapitän ich gut kenne. Er hat mir diesen Anzug verschafft und nimmt mich mit; von Varby aus komme ich dann mit einem kleineren Schiffe wohl nach Alsleben und von da nach meinem Gute. Dort ordne ich alles für eine längere Abwesenheit und fahre dann als Schiffer die Elbe hinab nach Hamburg. Von dort werde ich leicht nach Memel gelangen und somit zur Armee.«

»Sie wollen zur Armee?« rief Frau von Schurff.

»Aber, gnädige Frau, Sie können noch fragen?« rief Heinrich von Krosigk stolz. »Jetzt gibt es für einen preußischen Edelmann doch keinen Zweifel, wo er hingehört. Wo der König ist, da ist Preußen. Zu ihm gehe ich, und wenn er nach Rußland übertritt, so folge ich ihm nach Rußland nach.«

»Sie Glücklicher!« seufzte der alte Major. »Ach, daß ich wie Sie wäre! Aber ich bin ein morscher Stamm. Schon die Aufregung hat mich krank und elend gemacht. Wie könnte ich einen Winterfeldzug aushalten! So muß ich hinter dem Ofen hocken, während mein König in Todesnot ist!«

»Sie haben Ihre Pflicht getan, als Sie jung waren, mein Herr Major; nun ist es an uns Jungen, unsere Pflicht zu tun,« entgegnete Heinrich ernst.

Während dessen war Frau von Schurff hinausgegangen und hatte eine Flasche Wein und zwei Gläser mitgebracht. »Es ist die vorletzte Flasche guten Rüdesheimers,« sagte sie. »Ich habe einige im Wandschranke draußen versteckt. Alles übrige hat die französische Einquartierung getrunken.«

Schurff goß mit zitternden Händen die Gläser voll, berührte dann mit dem seinigen das Glas seines Gastes und sprach: »Auf Ihr Wohl, Krosigk! Kehren Sie heil aus dem Felde zurück!«

»Was liegt an mir! Heil dem Könige und Tod den Franzosen!« rief Krosigk und stürzte sein Glas hinunter. Er ließ ihm rasch noch ein zweites folgen und sagte dann: »Und nun, Herr Major und meine gnädige Frau, noch eine Bitte: vergönnen Sie mir eine Unterredung mit Ihrer Tochter Friederike. Fürchten Sie nicht, daß ich eine sentimentale Rührszene aufführe,« fuhr er fort, als der Major ihn erstaunt ansah, und Frau von Schurff zusammenfuhr. »Ich liebe Ihre Tochter, und wenn wir im Frieden lebten, würde ich heute um ihre Hand bitten. Ich habe daheim einen Brief für sie hinterlassen für den Fall, daß ich sie nicht mehr sehen sollte. Es ist aber, Gott sei Dank, noch Gelegenheit, es ihr mündlich zu sagen, und das möchte ich tun.«

»Ach, Herr von Krosigk, nein, jetzt lieber nicht!« rief die alte Dame und rang die Hände. »Sie sind uns ein willkommener Schwiegersohn, und wenn Sie im Lande blieben – mit tausend Freuden! Nun aber gehen Sie in den Krieg. Da bleibt wohl am besten das Wort unausgesprochen, bis Sie – Gott gebe es – zurückkehren.«

»Statt aller Antwort frage ich Sie, gnädige Frau, sind Sie der Meinung, daß Ihre Tochter mir auch ihre Neigung entgegenbringt?«

»Ich glaube wohl,« murmelte Frau von Schurff.

Etwas wie Freude flog über das starre, verstörte Gesicht des Mannes, aber er fuhr sogleich im ernstesten Tone fort: »Sie werden mir zugeben, daß Fräulein Friederike neulich auch bemerkt haben muß, wie zugetan ich ihr bin.«

Die alte Dame neigte bejahend ihr Haupt.

»Nun sehen Sie,« sagte Krosigk, »dann empfinde ich es als meine Pflicht und ihr Recht, das auch klar und deutlich ihr auszusprechen. Komme ich zurück – meine gnädige Frau, mein erster Gang wird hierher sein. Bleibe ich im Felde, so soll sie einen reinen Schmerz um mich im Herzen tragen. Sie soll nicht an mich denken als an einen, der ihr Avancen gemacht und sie doch im Unklaren gelassen hat. Sie soll es wissen, daß ich sie geliebt habe. Sie wird sich das Leid, wenn es über sie kommen sollte, leichter tragen und überwinden, wenn sie Wahrheit und Klarheit hat. So fühle ich wenigstens, meine gnädige Frau, und so beurteile ich Ihre Tochter. Fühlen und urteilen Sie anders, so füge ich mich und gehe still davon. In Ihrer Hand liegt es, meine Bitte zu gewähren oder zu versagen.«

Die alte Dame saß in tiefer Bewegung da. Zwei große Tränen rollten über ihre Wangen. Sie wandte sich zu ihrem Manne und tauschte einen langen Blick mit ihm, und als er ihr freundlich zunickte, da ergriff sie die Hand des Barons und sagte: »Kommen Sie.«

»Und Gottes Segen über Sie!« sprach der alte Schurff feierlich. »Er führe Sie gnädig zu uns zurück!« –

Friederike saß in ihrem kleinen Mädchenstübchen und hielt ein Nähzeug in der Sand. Aber sie nähte nicht, sie schaute bleich und wie geistesabwesend in das Licht, das vor ihr stand, und fuhr bei jedem Geräusche zusammen, das unten im Hause erklang. Von ihrer Schwester Minette hatte sie erfahren, wer gekommen war, und seitdem schlug ihr das Herz stürmisch und ungestüm. Er kam, um zu gehen, das wußte sie wohl. Ein Mann wie Heinrich von Krosigk konnte nicht anders, er mußte da sein, wo die Not am größten, die Hilfe am nötigsten war. Keine Macht der Erde konnte ihn von dem abhalten, was ihm Pflicht und Ehre geboten. Aber würde er ohne Abschied gehen? Würde er ihr nicht noch etwas sagen von dem, was sie vor einigen Tagen vor Glück im Innersten erbebend in seinen Augen gelesen hatte?

Da öffnete sich die Tür, und er trat ein. Frau von Schurff drückte lautlos hinter ihm das Schloß zu und faltete draußen die Sande wie zum Gebete. Dann ging sie hinab zu ihrem Gatten.

Friederike sprang auf. Blässe und dunkelste Röte wechselten jäh auf ihrem Antlitz. Sie hob die Augen zu ihm empor, schlug sie aber sogleich nieder, als sein Blick ihr begegnete, in dem die innigste Zärtlichkeit verbunden mit Wehmut und Trauer lag. Langsam trat er auf sie zu und erfaßte endlich ihre Hand, die heftig zitterte. Lange fanden beide keine Worte, dann begann er: »Friederike, ich komme, um Abschied von Ihnen zu nehmen. Sie wissen, daß es für mich kein Zaudern geben kann, wenn der König in Not ist. Ich müßte mich selbst verachten und könnte also nicht leben, wenn ich daheim bleiben wollte. Aber Sie haben ein Recht, noch etwas von mir zu hören, ehe ich gehe.« Er atmete ein paar mal tief auf und fuhr dann fort: »Ich darf jetzt nicht die Frage an Sie richten, ob Sie mein Weib werden wollen. Ich darf Ihr Leben nicht an mich ketten, denn ich gehe in den Verzweiflungskampf unseres Volkes, und Gott mag wissen, ob ich zurückkehre. Aber ehe ich gehe, will ich Ihnen noch sagen: ich habe Sie geliebt, Friederike, und werde nie eine andere lieben. Behütet Gott mein Leben, so gehört es Ihnen, wenn Sie es haben wollen. Kehre ich nicht zurück, so werden Sie mich ja wohl beweinen, wenn Sie mir gut sind. Aber lassen Sie die Erinnerung an mich nicht dazwischen treten, wenn sich Ihnen später ein Glück bietet. Das Leben gehört den Lebenden, und ich will, daß Sie ganz, ganz glücklich werden.«

Er nahm ihre Hand, die kalt wie Eis in der seinen lag, und wollte sich niederbeugen, sie zu küssen. Sie aber hob die Augen, in denen Tränen standen, mit einem Blicke der tiefsten Hingabe und der innigsten Liebe zu ihm empor und bot ihm die Lippen dar. Da riß er sie an sich und preßte seinen Mund glühend auf den ihren.

Gleich darauf aber ließ er sie los und trat zurück. »Verzeihe! Das durfte nicht sein, ich ließ mich hinreißen. Lebe wohl, Friederike. Gott gebe uns ein Wiedersehen!«

Wie eine Erscheinung war er entschwunden. Das Mädchen aber sank in die Knie, schlug beide Hände vor ihr Angesicht und weinte bitterlich.

Mit tiefgesenktem Haupte und erloschenem Blicke schritt Heinrich von Krosigk die breite Treppe hinab. Drunten in dem Hausflur erwartete ihn die Majorin.

»Hier, lieber Krosigk,« sagte sie, »das schenke ich Ihnen, das nehmen Sie mit.« Es war eine kleine Dose, die ihrem Manne gehörte, und auf deren Teckel Friederike als sechzehnjähriges Mädchen abgebildet war.

Der Baron küßte ihr die Hand. »Ich danke Ihnen von ganzem Herzen. Leben Sie wohl,« sagte er.

»Gott behüte Sie und führe Sie glücklich zurück. Ich werde für Sie beten, wie für meinen Sohn,« erwiderte Frau von Schurff mit tränenerstickter Stimme. –

Heinrich von Krosigk schritt in die Nacht hinaus. Drüben am Hofeingange, wo die acht hohen, wappengeschmückten Sandsteinsäulen standen, wandte er sich noch einmal um und blickte lange, lange zu den beiden Fenstern des oberen Stockes empor, aus denen ein matter Lichtschein drang. Dort ließ er ein Stück seines Herzens zurück. Aber würde er je wiederkehren? Oder war es ihm bestimmt, zu sterben, ehe er recht gelebt hatte? Würde der Schnee des kommenden Winters sein weißes Leichentuch auch über seinem Grabe ausspannen, wie voraussichtlich über den Gräbern unzähliger tapferer Männer?

So in ganz ungewohnte Träumerei versunken, ging er die Dorfstraße hinab. Aber die weiche Stimmung seines Gemütes verflog gar rasch, als er an dem hell, erleuchteten Kruge vorbeischritt. Dort sah man Bauern, Schiffer, Handelsleute rauchend und trinkend an einem langen Tische sitzen, und obwohl die Fenster geschlossen waren, verstand der Vorübergehende jedes Wort des Liedes, das da drinnen gesungen oder vielmehr gebrüllt wurde. Es lautete:

Fürs Vaterland zu sterben.
Wünscht mancher sich.
Zehntausend Taler erben.
Das wünsch' ich mich.
Das Vaterland ist undankbar,
Und dafür sterben – o du Narr!

Eine Blutwelle schoß dem einsamen Wanderer ins Gesicht, und seine Hände ballten sich zornig. Gleich darauf aber spielte ein bitteres Lächeln um seinen Mund. Das war das Volk, das er hatte bewaffnen wollen! War es nicht in Wahrheit eine armselige Krapule? Waren diese Menschen nicht wie das Vieh, das ruhig von einer Hand in die andere übergeht und zufrieden ist, wenn es nur sein Fressen hat und seinen warmen, behaglichen Stall? Was wußten diese Leute von einem Vaterlande? Sie kannten es nicht, sie höhnten noch darüber. Und waren die Gebildeten etwa besser? Da hatte ein Berliner Professor die Königin Louise in gemeinen Zeitungsartikeln beleidigt, ein Kerl, der früher vor der königlichen Familie im Staube gekrochen war. Da hatte ein anderer Gelehrter den Korsen mit Christus dem Herrn verglichen. Hochgestellte Männer hatten nicht etwa ihre Stellen aufgegeben, waren nicht dem Könige in den Osten gefolgt, sondern besorgten nun die Geschäfte des Feindes und schmeichelten und liebedienerten vor dem, der ihnen den Stiefel auf den Nacken setzte. War dieses Volk nicht durch und durch verdorben, wert dem Mächtigen als Beute zu fallen? War es nicht Unsinn, für die verlorene Nation Blut und Leben hinzugeben?

Heinrich von Krosigk richtete sich hoch auf und reckte die Arme, als wollte er die Last solcher Gedanken von sich abschütteln. »Gott wird sie zu Männern erziehen! An uns aber ist es, unsere Pflicht zu tun,« sprach er vor sich hin. Dann ging er mit festen und schnellen Schritten hinüber nach dem Elbhafen.

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