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Der böse Baron von Krosigk

Paul Schreckenbach: Der böse Baron von Krosigk - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer böse Baron von Krosigk
publisherL. Staackmann Verlag
addressLeipzig
year1922
firstpub
printrun43.-47. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100603
projectid88f3ed26
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X.

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als die Franzosen schon vor Poplitz anlangten. Der eine Teil war die Straße entlang geritten, die durch Laublingen und Beesen nach dem Schlosse hinführte; der andere Teil war über eine kleine Brücke der sogenannten Kuhfurt, eines früheren Saalarmes, in den Park eingedrungen und näherte sich also dem mächtigen Gebäude von seiner Rückseite. Man hatte vorher die ersten besten Bauern aus ihren Betten gerissen und sie, notdürftig bekleidet, zur Führung gezwungen. Dabei war den Leuten mit Kolbenstößen eingeschärft worden, daß man sie an die nächste Wand stellen und erschießen werde, falls sie Weg und Steg nicht richtig zeigen würden.

Als die Umstellung vollendet war, ritt Martignac mit zehn Reitern vor das Tor und wollte eben anklopfen, als die Seitentür sich öffnete und ein Mann, der eine Pelzkappe auf dem Kopfe, lange Stiefeln an den Beinen und einen mächtigen Knotenstock in der Faust trug, heraustrat. Es war der Kandidat Moldenhauer, der ein begeisterter Frühaufsteher war und eben einen Morgenspaziergang auf den hartgefrorenen Saaledämmen unternehmen wollte.

Der Kandidat war sehr erschrocken und fuhr unwillkürlich zurück. Er hatte den französischen Offizier auf den ersten Blick erkannt, und es war wohl möglich, daß auch der ihn wiedererkennen würde, trotzdem er nur hin und wieder flüchtig mit ihm zusammengetroffen war. Aber Martignacs Gesicht blieb ganz kalt und unbeweglich. Er musterte den in der Tür Stehenden nochmals scharf von oben bis unten und fragte dann: »Wer sind Sie?«

»Ich bin der Kandidat der Theologie Moldenhauer.«

»Kandidat der Theologie? Ha, so sehen Sie nicht aus! Eher wie ein Förster oder Bereiter. Wo wollten Sie hin?«

»Spazieren gehen,« sagte Moldenhauer kurz, indem ihm das Blut zu Kopfe stieg über die ungeniert freche und hochmütige Art, mit der man ihn hier ausfragte.

»Spazieren gehen? So früh? Seltsam. Nun, leider kann aus Ihrem Spaziergange nichts werden. Sie geleiten mich ins Schloß. Öffnen Sie einmal das Tor!«

Moldenhauer mußte sich sagen, daß Ungehorsam oder gar Widerstand hier völlig unsinnig sein würde. Er trat daher schweigend hinein und schob den Riegel zurück, der das Tor verschloß. Die Reiter trabten in den Hof. Ihr Führer ließ auf einer kleinen Pfeife einen scharfen Pfiff ertönen, der von mehreren Seiten erwidert wurde.

»Sie sehen, das Schloß ist umstellt,« sagte er zu Moldenhauer. »Wir wollen dem Herrn Baron eine Morgenvisite machen, und Sie werden uns auf der Stelle zu ihm führen.«

Aber des Kandidaten Antlitz flog blitzschnell ein triumphierendes Lächeln, und er entgegnete in weit höflicherem Tone als vorher: »Ich bedaure aufrichtig, daß ich Ihrem Wunsche nicht entsprechen kann.«

»Was soll das heißen?« fuhr der Franzose auf.

»Das soll heißen: Sie werden den Herrn Baron nicht antreffen, denn er ist nicht hier.«

Der Major lachte höhnisch. »Nicht daheim? Nun, das kennen wir. Allez! Reizen Sie mich nicht durch Ausflüchte.«

»Ich suche keine Ausflüchte,« antwortete Moldenhauer gelassen. »Heute ist der siebente Tag, seit der Herr Baron das Schloß verlassen hat.«

Der Franzose sah ihn mit funkelnden Augen an. »Falls Ihre Aussage sich nicht bewahrheitet, lasse ich Sie zwischen zwei Pferde binden und nehme Sie so mit nach Halle!« schrie er. »Zunächst folgen Sie mir als mein Arrestant. Auf, Leute, ins Schloß!«

Er sprang vom Pferde und stürmte die Freitreppe empor, die Reiter zum größten Teile ihm nach. Zwei hielten dabei den Kandidaten links und rechts an den Oberarmen gepackt und führten ihn so vorwärts.

Der Major öffnete mit gezogenem Säbel die Tür, die links in den Korridor mündete. Er schritt rasch durch eine Zimmerflucht hindurch, blickte in alle Winkel, sogar in die Kamine, kehrte dann wieder um und wollte eine Seitentür des Zimmers öffnen, als Moldenhauer rief: »Nicht hier herein, Herr Major, hier ist der Zugang zu den Zimmern der Damen!«

»Schweigen Sie, bis Sie gefragt werden!« herrschte ihn der Franzose an. Er rüttelte an der Tür, sie war verschlossen. »Mein Herr Major,« sagte nun auch der Kapitän Ménard, »bedenken Sie, es sind Damen von Distinktion. Sie werden noch nicht aufgestanden sein, und wir stören sie bei der Toilette.«

Der Major trat einen Schritt zurück. »Halten Sie die deutschen Weiber für so sensibel, Ménard?« fragte er rauh. »Das ist ein sehr plumpes Manöver, mon brave. Der Mann steckt sich ins Bett seiner Frau und hofft, daß man ihn da aus Diskretion nicht suchen wird. Dazu sind wir aber nicht dumm genug. Ouvrez la porte, mes dames!« rief er und schlug mit der Faust gegen die Tür.

Die öffnete sich nach wenigen Augenblicken. Beide Damen wurden sichtbar, beide völlig angekleidet, beide sehr blaß, aber Fräulein Antoinette trug den Kopf hoch und blitzte den Franzosen zornig und verachtungsvoll an.

»Was wünschen Sie, Monsieur?« fragte sie mit schneidendem Hochmut in der Stimme.

Ihre Erscheinung verblüffte den Major offenbar etwas, denn er sprach bedeutend artiger: »Madame von Krosigk, wir suchen Ihren Gemahl.«

»Der Herr dieses Schlosses ist nicht mein Gemahl, er ist mein Bruder. Was soll er?«

»Er ist dringend verdächtig des Hochverrates an Seiner Majestät dem Kaiser,« erwiderte der Franzose.

»Wir sind preußische Untertanen,« entgegnete Antoinette schroff.

»Das waren Sie,« versetzte der Franzose noch schroffer. »Jetzt herrscht in diesem Lande der Kaiser. Aber ich bin weit davon entfernt, einen Disput mit Damen zu führen; wir wollen Ihren Bruder sehen.«

»Mein Bruder ist nicht hier und überhaupt nicht im Schlosse. Mein Ehrenwort!« rief Antoinette.

»Das Ehrenwort schöner Frauen mag in galanten Angelegenheiten gelten,« erwiderte Martignac brüsk. »Hier lege ich kein Gewicht darauf. Sie werden es dulden müssen, daß wir Ihre Gemächer durchsuchen!«

Antoinette trat, noch tiefer erbleichend, zurück und machte nur eine verächtliche Handbewegung gegen den Sprecher, während ihre Mutter hinter ihr auf einen Stuhl sank und das Angesicht in den Händen verbarg.

Nach einer Weile kam Martignac zurück, warf sich finster in einen Sessel und befahl seinen Leuten, die schon das ganze Zimmer und den Vorsaal erfüllten, das Schloß von oben bis unten aufs genaueste zu durchsuchen und keinen Raum und keinen Schrank uneröffnet zu lassen. Das dauerte wohl eine gute halbe Stunde. Während dieser ganzen Zeit saß er da, ohne ein Wort zu sprechen, nagte an seinem kleinen schwarzen Schnurrbarte und nahm von keinem Menschen Notiz.

Als aber auch die letzten seiner Soldaten mit der Meldung ins Zimmer traten, ihr Suchen sei vergeblich gewesen, da verzerrte sich sein Gesicht, er stieß einen wilden Fluch aus und zischte durch die zusammengepreßten Zähne: »So werde ich das Haus niederbrennen lassen!«

Ein Schreckensruf der Geheimrätin antwortete ihm.

Antoinette fuhr empört auf; selbst die französischen Soldaten sahen sich erstaunt und fast erschrocken an. Der Kandidat aber faßte einen verzweifelten Entschluß. Er trat an den Wütenden heran und sagte mit gedämpfter Stimme: »Ehe Sie zu Gewaltmaßregeln schreiten, habe ich Ihnen eine Eröffnung zu machen über den Aufenthalt des Herrn Barons.«

»Ah!« ein Blitz zuckte über das Gesicht des Franzosen. »Sie haben mir Eröffnungen zu machen. Sie lassen sich endlich herbei!«

»Aber nur Ihnen allein,« fuhr der Kandidat sehr ernst fort. »Ich bitte Sie, mit mir in dieses Zimmer zu treten. – Sie sehen, ich bin unbewaffnet,« setzte er mit einem geringschätzigen Ausdruck in den Mienen hinzu, als der Major zögerte, ihm zu folgen.

» Eh bien, ich werde Sie anhören,« sagte Martignac, und schritt hinüber. »Kommen Sie!«

»Nun, was haben Sie mir zu sagen?« fragte er, als er sich mit dem Kandidaten allein im Nebengemache befand.

Moldenhauer zog einen Schlüssel aus der Tasche. »Dieses Zimmer hier,« begann er, »ist die Arbeitsstube des Barons. Hier ist sein Sekretär. Bevor er abritt, hat er mir den Schlüssel zu einem dieser Fächer übergeben, denn seine Mutter behelligt man mit solchen Angelegenheiten nicht.« Er schloß auf und reichte dem Franzosen ein versiegeltes Dokument. »Sie sehen, das Testament des Leutnants Heinrich Ferdinand von Krosigk. Ich sollte das in die Hände seiner Angehörigen legen in dem Falle, daß er aus dem Felde nicht lebend wiederkehrte. Und das, mein Herr, wird Sie ja wohl davon überzeugen, daß Herr von Krosigk sich nicht hier verborgen hält, sondern daß er zur Armee des Königs abgegangen ist.«

Der Franzose betrachtete das Schriftstück angelegentlich und drehte es unentschlossen in den Händen hin und her. Enttäuschung, Unmut, bitterer Ärger spiegelten sich in seinen Zügen wieder. Plötzlich ließ er es sinken und sagte hart: »Wer bürgt mir, daß Sie mir nicht ein abgekartetes Spiel vorspielen?«

Der Kandidat stand einen Augenblick erstarrt. Daß auch dieses Mittel nicht verfing, hätte er nicht für möglich gehalten. Aber er faßte sich rasch, und er begriff, daß die höchste Kühnheit hier allein noch helfen konnte. Er erwiderte deshalb, obwohl ihm der Zorn und die Aufregung fast die Kehle zusammenschnürten: »Sie glauben das selbst nicht, mein Herr. Und wenn Sie trotzdem Ihre Drohung wahr machen sollten, so sehe ich mich genötigt, Ihren Offizieren zu eröffnen, daß Sie aus persönlicher Rachsucht handeln, Herr von Worowski.«

Unwillkürlich fuhr er nach den letzten Worten zurück, als erwarte er einen tätlichen Angriff. Aber etwas ganz anderes trat ein. Dem Major sanken die Hände schlaff an den Seiten hinab, ein Zittern lief durch seine Gestalt, und es sah fast aus, als wolle er umsinken. »Was ist das? Woher können Sie wissen –« stotterte er.

Hastig, ohne Überlegung antwortete der Kandidat, und die Worte sprudelten aus dem Munde des Tieferregten: »Ich kenne Sie von Paris her. Ich war lange in Paris, kenne dort viele französische Offiziere. Einer hat mir Ihre Geschichte erzählt. Dann sah ich Sie vorige Woche bei Sioli in Halle. Kapitän Reichardt machte mich auf Sie aufmerksam. Sie sahen mich nicht, aber ich erkannte Sie –.«

Er hielt inne. Eine lange Stille entstand. Dann fuhr der Franzose auf: »Sie haben den Krosigk vor mir gewarnt!«

»Das habe ich. Aber er legte keinen Wert darauf. Er konnte nicht warten, bis Sie der Zufall hierher führte, sonst hätte er Ihnen mit jeder Waffe Satisfaktion gegeben. Als ich kam, schrieb er sein Testament. Den andern Tag zog er in den Krieg.«

Wieder langes Schweigen. Dann raffte sich der Major auf. »Ich werde das lesen und danach handeln. Gehen Sie hinaus!«

Als der Kandidat das Zimmer verlassen hatte, stand der Major noch lange und stierte schweigend vor sich hin. Dann brach er die Siegel des Dokumentes auf und las. Aber schon nach der ersten Seite legte er die Blätter hin, denn was da geschrieben stand, mußte ihm die letzten Zweifel nehmen, wenn er überhaupt noch Zweifel gehabt hatte. So schrieb nur ein Mann, der Abschied nimmt von denen, die er sehr geliebt hat.

Schon wandte er sich zum Gehen, da fiel sein Blick auf ein kleines, ebenfalls versiegeltes Billet, das wohl beim Öffnen des großen Briefes heraus auf die Erde geglitten war. Hastig nahm er es auf und las die Aufschrift: »An Fräulein Friederike von Schurff auf Groß-Salze, auszuhändigen, wenn ich nicht mehr bin.« Ohne Bedenken riß er es gleichfalls auf. Im Falle, daß er es ihr nicht mehr sagen könne, stand da geschrieben, sollte das teure Mädchen hierdurch wissen, daß er, Heinrich von Krosigk, sie geliebt habe. Wenn Gott es so füge, daß er im Felde das Leben verliere, so möge sie freundlich seiner gedenken und ihm, dem dann der beste Tod geworden wäre, nicht nachtrauern.

Der Franzose sah nachdenklich vor sich hin. Dann trat ein cynischer Ausdruck in sein Gesicht. Er knüllte das Papier zusammen und steckte es in seine Rocktasche. »Friederike von Schurff?« murmelte er. »Merken wir uns das. Wer weiß, wozu es gut ist!«

Dann verließ er das Zimmer, schritt mit schnellen Schritten, ohne rechts und links zu blicken, durch das Nebengemach und rief nur in der Tür den Befehl zurück: »Messieurs, wir brechen auf!«

Wenige Minuten später hatten die Franzosen sämtlich das Schloß verlassen.

»Meine Damen,« sagte der Kandidat Moldenhauer zu der Geheimrätin und dem Fräulein, die erstaunt dasaßen, »bitte, kommen Sie mit in das Zimmer des Herrn Barons. Der Herr Baron hatte mir sein Testament anvertraut. Ein vorsichtiger Mann schreibt so etwas nieder, ehe er ins Feld rückt. Das habe ich dem Franzosen gezeigt. Ich wollte ihn überzeugen, daß der Herr Baron nicht hier, sondern im Felde sei, und es ist geglückt. Ich glaube damit recht getan zu haben.«

Die alte Dame ergriff bewegt seine Hand, Antoinette aber rief: »Das war ein sehr guter Gedanke! Sie haben durch Ihre Geistesgegenwart vielleicht das Schloß gerettet!«

Sie blickte ihn mit leuchtenden Augen an. So hatte sie ihn noch nie angesehen. Ein großes Glücksgefühl wallte in seiner Seele auf, und die ungeheure Spannung seiner Nerven, die vorausgegangen war, raubte ihm beinahe die Fassung. Er beugte sich auf ihre Hand, um sie zu küssen, und eine Träne fiel darauf nieder. Dann ging er mit einer Verbeugung zur Tür hinaus.

»Mein Gott, eben hat er sich als Mann gezeigt, wie mag er nun weinen!« dachte das Fräulein rasch abgekühlt. Ihre Mutter aber sagte sich erschrocken: »Der arme Mensch! Er wird sich doch nicht wirklich etwas in den Kopf gesetzt haben. Das wäre traurig.« Laut aber sprach sie: »Er hat uns einen großen Dienst erwiesen. Wir müssen ihm recht dankbar sein.«

Antoinette schwieg ein paar Sekunden, dann entgegnete sie: »Das ist wahr. Auch Heinrich wird ihm danken.« Wie für sich selbst sprechend, fügte sie hinzu: »Schade, jammerschade, daß immer gleich wieder der weiche Mensch zum Durchbruch kommt!«

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