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Carl Gottlieb Samuel Heun: Der Blutschatz - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Blutschatz
authorH. Clauren
year1824
publisherAnton v. Haykul
addressWien
titleDer Blutschatz
pages1-228
created20051205
sendergerd.bouillon
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Mit Todesangst griff sie jetzt jedesmal nach den Zeitungen, denn die seit der jüngsten Zeit einlaufenden verkündeten eine Niederlage des Feindes nach der andern; in jeder Schlacht waren mehrere Tausende geblieben. – Konnte – mußte Nicolas, wenn er auch aus jener ersten sich gerettet hatte, nicht jetzt ein Opfer des Todes geworden seyn! Er gehörte zwar nicht zu den Combattanten selbst, aber sie hatte in dem Bulletin über jene erste Schlacht, mit blutendem Herzen lesen müssen, daß dabei die Kriegskasse genommen, und deren Bedeckung in die Pfanne gehauen war! Dort lag wieder das neueste, diesen Abend erst angekommene Blatt auf dem Tische; es war ihr so angst, so bange, daß sie nicht wußte, ob sie es aufnehmen oder liegen lassen sollte. Sie griff darnach, – ein flüchtiger Blick – sie entfärbte sich – ein zweiter auf die Unglückszeilen, und der Schlag des Schreckens fuhr ihr durch alle Glieder. – Ohne ein Wort über die Lippen bringen zu können, rang sie die Hände gen Himmel; der schmerzlich durchkrampften Brust versagten alle Pulse; sie sank halb todt in das Sopha. Der Brief, der unselige Brief, den sie zuletzt an Nicolas geschrieben, stand in der Zeitung wörtlich abgedruckt. Der Kourier, den sie ihn anvertraute, war von einen Streifcorps aufgefangen worden, und der Chef desselben hatte, um die Verworfenheit mancher deutschen Mädchen und Frauen, die mit Verleugnung alles Vaterlandgefühls, ihr Herz dem Feinde schenkten, in ihr gehöriges Licht zu stellen, und andere von dergleichen Frevel abzuschrecken, nichts angelegentlicheres zu thun gehabt, als dieses Schreiben, nebst einigen ähnlichen Liebesbriefchen, die sich, zur gefälligen Weiterbeförderung an die Geliebten im feindlichen Heere, bei dem Kourier vorgefunden hatten, in der Zeitung der Residenz, mit den schärfsten Noten begleitet, abdrucken zu lassen. Klotildens Unterschrift, und die Erwähnung des Finsterberger Stadtforstes, ließen über die Identität der Briefstellerinn keinen Zweifel übrig. Sie war vor ganz Deutschland, vor der ganzen, mit Frankreich im Kriege begriffenen Welt, an den Pranger gestellt. Noch hielt der Krampf der todtenähnlichen Ohnmacht die Unglückliche fest, als Sabine, des Postmeisters Tochter, das Zeitungblatt in der Hand, auf das Zimmer stürzte, und sie mit den grausamsten Vorwürfen weckte. Um Gottes Willen, schrie sie der Erwachenden entgegen, und schlug auf das unselige Papier: was ist das? Man hat lange schon in der Stadt davon gesprochen, und Flümers selbst ließen darüber sich wunderlich vernehmen; aber, eben weil ich die Stadt und Flümers kenne, nahm ich das Alles für bodenloses Geschwätz. – Doch hier – hier ist Dein eigenes Bekenntniß! Du bist verloren! Verfallen bist Du dem Gespötte der Leichtsinnigen, der Verachtung der Rechtlichen, dem Hasse der Partheiwuth! Klotilde, Du hast Dein eigenes Urtheil Dir gesprochen! Dreifacher Fluch – hast Du vor uns Allen laut gesprochen, und Deine Rechte dazu gen Himmel gehoben – dreifacher Fluch solle jede treffen, und sie verfolgen durch das ganze Leben bis zum Grabe, die ihr Herz zu Einem der feindlichen Heerschaaren wende! – Klotilde, des Meineides schreckliche Folgen sind unausbleiblich. Du hast Dich selbst verflucht! Du gehörst den Mächten der Hölle. Ich wende mich weg von Dir – alle Gemeinschaft sey zwischen uns aufgehoben! Geh Deinen dunkeln Weg! sein Ende heißt Verzweiflung! Und wenn selbst der Buhle Deines vom Satan umstrickten Herzens, seinen National-Flattersinn bändigte, und Dich nicht vergäße, und Dich an die, von Dir gepriesenen Blumenufer seiner Rhone führte, der Friede Deiner Seele wird Dich dahin nie begleiten. Ein Grab in deutscher Erde, still beschattet von unsern verschmähten Kiefern, ist bei Gott mir lieber, als der schönste Feenpalast in Deinen Olivenhainen; denn, wo Du auch seyn magst, die Schmach und die Schande, das böse Gewissen und der Fluch des Landverrathes, hängen sich, wie Furienkletten überall an Dich, und zündetest Du in Deinem wonnevollen Frankreich auch tausend Sonnen an, in Dir wird es immer finster seyn. Nur der Tod ist Dein Freund, und den wünsche ich Dir lieber heute als morgen.

Nur der Tod ist mein Freund? fragte Klotilde vernichtet, und schoß einen dunkeln Blick auf die Schonunglose.

Ihr sprecht mein Urtheil, ohne mich zu hören, Gott wird mich richten! er ist milder als die Menschen. Das Schicksal hat mir Alles genommen! ich habe entbehren, ich habe tragen gelernt! Ich hatte nichts, als meinen guten Namen! Auch den wollt Ihr mir nicht lassen. – Was soll ich unter Euch! Der Vater im Himmel wird in seiner unermeßlichen Gnade mich nicht verstoßen, wenn ich den Schritt thue, zu dem Ihr mich zwingt.

Thue den Schritt, mein Kind, sagte Sabine mit kaltem Spott: laufe nach Frankreich, hier kannst, hier darfst Du nicht bleiben.

Nein, ich kann nicht bleiben, rief Klotilde schmerzlich, und brach in einen Strom von Thränen aus. Doch, wohin Du meinst, geht mein Weg nicht. –

Sehr richtig, fiel Sabine ihr hohnlächelnd in das Wort: lieber dem Herzallerliebsten nach; im Felde lebt es sich fröhlich und guter Dinge, und während wir am Kummertuche nagen, schwelgst Du im Mark Deines ausgesogenen Vaterlandes mit Deiner großen Nation um die Wette.

Sabine! – Gott verzeihe Dir und Euch Allen, sagte Klotilde und hob das nasse Auge zum Himmel. Du sollst in der letzten Stunde unsers Beisammenseyns kein böses Wort von mir hören. – Du machst mir den Abschied leicht, und darum danke ich dem, ohne den nichts geschieht, daß er Dich mir gesandt hat. Du hast mich in den Staub treten wollen, und ich bin von Dir aufgerichtet, gestärkt worden, in dem Vorsatze des herben Scheidens. Sollten wir uns nicht wieder sehen, Sabine, so denke an diese Stunde. Vielleicht fällt einmal die Binde der Verblendung von Deinem Auge, und Du –

Was sind das, stürzte der Onkel Flümer jetzt in das Zimmer: für verfluchte Streiche. Kommt einer nach dem andern unten in die Weinstube, und Alle bringen das infame Zeitungblatt, und gratuliren mir zum französischen Herrn Vetter! Bist Du denn ganz von Sinnen? Keine Woche darfst Du mir länger im Hause bleiben. Das ganze Gerede in der Stadt, daß ich blau angelaufen wäre, haben wir, wie ich nun sehe, einzig und allein Dir zu danken; freilich nehme ich es jetzt den Leuten nicht übel, wenn sie gesagt haben, Flümers sind französisch. I, so schlage doch der heilige Kreuz-Donnerstag in die ganze französische Pastete. Ich bin nicht Dein Onkel mehr! Meine Frau nicht mehr Deine Tante. Was haben wir an dem Mädchen nicht alles gethan. Wie ein Apfel im Auge haben wir es gehalten! Und das ist nun Dein Dank dafür? wenn ich nun noch an den Generalsuperintendenten in der Residenz denke! Der Vater hat dem Mädchen einen Schatz hinterlassen, sagten Sr. Hochwürden – daß Du das Wetter kriegst mir dem Schatze! In Deinem Blute muß der Reichthum stecken, sonst hättest Du nicht solche verrückte Streiche machen können. Die Frau Mutter selig war accurat so; die hat dem Papa Kammerrath ihre Lebtage auch die Perücke heiß gemacht. Nein, mein Töchterchen; das paßt für mein Haus nicht! Lauf in Dein französisches Frankreich so tief hinein, als Du willst; klettere auf Deine Mandelbäume, so hoch Du willst; lege Dich auf Deine Lavendelwiesen, so lang Du willst; nur mache, daß Du hier bald fortkommst. In acht Tagen können Deine sieben Sachen alle in Ordnung seyn, und dann sage der Stadt Ade, die gleichnißweise zu reden, in ihren verschimpfirten Kieferforsten, Gott sey Dank, keinen einzigen so raupenfräßigen Baum aufzuweisen hat, als Dich.

Ich werde noch eher gehen, sagte die Verstoßene mit gebrochener Stimme, und weinte laut.

Desto besser, fiel ihr der Oheim trotzig und kalt in das Wort, meinte, daß, so lange sie noch hier wäre, er die undeutsche Landesverrätherinn gar nicht sehen möge, und sie daher ihr Essen auf ihr Zimmer bekommen solle, und ging mit Sabinen, unter Toben und Schimpfen zur Stube hinaus.

Klotilde warf den Mantel um, und schlich sich aus dem Hause; als sie über die Schwelle trat, lispelte sie leise: nie wieder zurück, und warf im Vorübereilen den Schmerzensblick der ewigen Scheidung auf die Stelle, auf der sie den Geliebten des blutenden Herzens, in jener Mitternacht, halb erstarrt gefunden hatte.

Der Abend war dunkel und trübe. Kein Stern am Himmel.

Die verweinten Augen brannten ihr im glühenden Kopfe, und die Schauer des Todes rieselten eissig ihr durch Blut und Mark.

Sie eilte unbemerkt durch Thor und Vorstadt, die einsame Heerstraße entlang. Tausend Schritte hatte sie noch, bis zu der Galgen-Brücke, die über den reißenden Strom führte. Dort war ihr Ziel, dort das Ende ihrer Schmach, ihres Jammers.

Rundum alles öde und leer; kein lebendes Wesen regte sich; der Abendhimmel war trübe und wolkig; und hohl rauschte der Wind in den Wipfeln des finstern Nadelwaldes. Zweimal ging sie dicht an das Ufer; aber beide Stellen waren ihr zu seicht. Von der Brücke mitten in die Tiefe hinab mußte der rasche Sturz geschehen, wenn das grausende Werk gelingen sollte.

Sie ging daher vom Ufer zurück auf die Brücke und bog sich über das Geländer, und stierte einige schreckliche Augenblicke hinunter in die eiligen Fluthen. Es zog sie, wie mit magischen Ketten hinab in die heimliche Tiefe. Keine Thräne netzte ihr brennendes Auge; die Pulse stockten fieberhaft, – das nasse Grab zu ihren Füßen, – ein Sprung der Verzweiflung, und die mitleidigen Wellen nahmen die Geächtete in ihre schweigende Arme.

Sie kniete nieder, um unter dem Brücken-Geländer, in den Strom hinabzugleiten – da schlug es in der Stadt drei Viertel auf acht! Das war die selige Stunde, in der sonst Nicolas pünktlich mit dem allemal längst ersehnten dritten Schlage, jeden Abend in ihr Zimmer getreten war, um seinen Sprachunterricht fortzusetzen, um mit ihr zu kosen, mit ihr zu träumen von dem Zauber der Zukunft.

Die drei wohlbekannten Schläge der Thurmglocke trafen wunderbar Klotildens Herz. Sie blieb auf ihren Knien liegen, denn sie hatte keine Kraft mehr, sich aufrecht zu erhalten. Kommst Du mein Freund? fragte sie mit weicher leiser Stimme hinaus in das stille Dunkel der heraufdämmernden Nacht, und rang dem Unsichtbaren die krampfhaft zitternden Hände entgegen, und die schwer belastete Brust lös'te sich in schmerzliche Thränen auf. Hast Du in Deinem kalten fremden Grabe die drei Schläge gehört, die Dich sonst an mein treues Herz riefen, und die jetzt meine letzte Stunde schlugen? Reich mir Deine Hand aus Deinem unbekannten Lande herüber, mein Trauter, daß ich auf dem grauenvollen Schritte nicht strauchele. Du aber, Allererbarmer im Himmel, gehe nicht mit mir vor Gericht. Mir war Übermenschliches aufgebürdet – Keine liebende Seele auf dieser Welt; schuldlos geächtet, verstoßen, verbannt, ohne Liebe und Ehre, ohne Hoffnung, ohne Zukunft – – hinab mit dem schmachbedeckten, elenden Leben –

Sie bückte sich jetzt in der Wuth der bittersten Verzweiflung rasch unter das Geländer, schickte sich zu dem Todessprunge an, und rief, die Hände in einander geballt, die Augen geschlossen, sich ermuthigend, das Selbstcommando laut zu: eins, zwei, dr – –

Wer ist das, brüllte eine donnernde Baßstimme, und packte mit einem Riesengriff die dem Leben Enteilende.

Klotilde erbebte, warf einen Blick hinter sich, gewahrte einen baumstarken schwarzen Mann, wollte schreien, hatte aber vor Schreck, Sprache und Besinnung verloren, und schloß das erstarrende Auge. – – Nach länger denn zehn Minuten kehrte sie endlich in das freudenleere Leben zurück; ihr erster Blick fiel auf zwei Laternen, die ihr in das Gesicht blendeten, und auf drei fremde Menschen, von denen einer wilder als der andere aussah.

Vom neuem erbebt, sank sie wieder kraftlos in die vorige Betäubung zurück, und nur erst das Rütteln des Wagens, in den man sie gehoben hatte, brachte sie allmählig wieder zu sich.

Der unwillkommene Mann, der ihrem grausenden Schritte sich entgegengestellt hatte, saß neben ihr, und schien mit sorglicher Theilnahme ihre endliche Rückkehr in das Leben wahrzunehmen. Täuschten sie nicht ihre noch halb zerstörten Sinne, so hatte er sie bei ihrem Namen genannt. Die Laternen warfen so viel Licht in den Wagen, daß sie seine Gestalt, sein Gesicht ziemlich deutlich sehen konnte; aber in dem jetzigen Augenblicke der tiefsten Zerrüttung ihres Innern konnte sie sich seiner platterdings nicht deutlich erinnern; das Haar starr und struppig, die Kleidung, nicht schwarz, wie sie im ersten Augenblicke wollte bemerkt haben, sondern dunkelgrün; den linken Arm in einer Binde; in den Augen ein düstres wildes Feuerblitzen; die gelbliche Haut mit Blatternarben bedeckt.

Ist Ihnen jetzt etwas besser? fragte er mit zarter Schonung, und deutete dadurch feiner Weise darauf hin, daß er den Umstand, sie auf der Brücke gefunden zu haben, blos für eine sie überfallene Unpäßlichkeit gehalten wissen wolle.

Sie entgegnete ein kaum vernehmbares Ja, und als er seine Vermuthung äußerte, daß sie wahrscheinlich in Finsterberge wohne, und sie ersuchte, ihm ihre Wohnung zu nennen, um sie dahin bringen zu können, bat sie, den Wagen halten zu lassen, denn sie befanden sich eben vor dem Flümerschen Hause. Der Fremde hob sie mit seinem Bedienten und dem Vorspänner heraus, geleitete sie bis zur Hausthür, öffnete diese, wünschte baldige Wiederherstellung von dem erlittenen kleinen Begegnisse, und, eilte in seinen Wagen zurück, ohne von der Geretteten einen Dank oder nur einen freundlichen Blick zu erhalten.

Flümers ahnete von dem Begebnisse kein Wort; sie wußten kaum, daß Klotilde ausgegangen war. Diese eilte aber unbemerkt auf ihr Zimmer, und hier erst ergoß sich das tausendfach gefolterte Herz in den heißesten Thränen. Die Last des Gewissens, die Hand der Vorsehung, die sie wunderbar vom Verbrechen gegen sich selbst rettete, drückte sie zu Boden. Sie wollte beten, aber sie konnte nicht. Die Schuldbelastete vermochte nicht, das Auge zu dem zu erheben, dem sie mit schwacher Hand in die Räder seines unerforschlichen Schicksals zu greifen eigenmächtig gewagt hatte.

Sie fand keinen Trost in sich; der Glaube an ihr besseres Selbst schien für sie verloren; der Sturm der Verzweiflung hatte sich in ihr gelegt; nur das dunkle Gefühl, Gott durch irgend ein Opfer versöhnen zu müssen, schwebte ihr vor der düstern Seele, ohne daß sie sich dieser Idee selbst deutlich bewußt war. Es baute sich in ihrer Phantasie ein System zusammen, dem ungefähr gleich, was in der grauen Vorzeit, mancher Gefallenen der Grundstein der Klöster und sogenannter frommen Stiftungen ward. Sie sehnte sich, an der Barmherzigkeit des Ewigen verzagend, etwas Großes zu thun, was ihr seine Liebe wieder gewinnen könnte.

Da klopfte es leise an der Thür, und die junge, schöne Mülenau trat ein, freundlich wie der Engel des himmlischen Friedens; entschuldigte ihren späten Besuch mit einigen herzlichen Worten und erzählte, daß sie eben von einem nahen Verwandten ihres Hauses, vom Vetter Rauhenfeld Briefe erhalten habe. Er hat, fuhr sie fort, dem gegenwärtigen Feldzuge beigewohnt, und sich, wie wir von andern wissen, bei allen Gelegenheiten rühmlich ausgezeichnet; wegen eines Lanzenstichs in die Hüfte, und einer Schußwunde im linken Arme ist er dienstunfähig, zur Belohnung seiner außerordentlichen Leistungen aber, und in Betracht seiner forstwissenschaften Kenntnisse, als Forstmeister in Schreckengrund angestellt worden. Er findet dort in seiner neuen Dienstwohnung nichts, als die vier leeren Wände, denn seit der dort geschlagenen blutigen Schlacht, in welcher sein Vorgänger im Amte, ein siebenzigjähriger Greis, von Nachzüglern ermordet ward, ist die Stelle nicht besetzt, und das damals rein ausgeplünderte Haus nicht wieder bewohnt gewesen. Er kann wegen einer Geschäftsreise unter acht, neun Wochen nicht hinkommen, wünscht aber dann seine häusliche Einrichtung in Ordnung zu finden, und hat mich als seine nächste Verwandte gebeten, schleunigst dahin abzugehen, und während seiner Abwesenheit sein ganzes Hauswesen in Stand zu setzen. Kannst und willst Du mit, Klotilde, so thust Du mir einen großen Gefallen. Allein ich gehe morgen früh schon ab; kannst Du bis dahin reisefertig seyn?

Gern, gern, erwiederte Klotilde, welche die sanfte hübsche Frau wie einen Boten des Himmels betrachtete, der sie aus dem Kreise verhaßter Umgebungen wunderbar führe, mit leidenschaftlicher Lebendigkeit; sie fiel ihr um den Hals, und brach, im tiefsten Gefühle des Dankes gegen die Vorsehung, die sie hier im Spiele glaubte, und die ihr doch nicht ganz zu zürnen schien, in einen Strom von Thränen aus.

Was hast Du, mein Kind. fragte die junge Frau mit zarter Theilname, der man es anhörte, daß sie um das zerstörte Gemüth des unglücklichen Mädchens wisse.

Aber Klotilde rief leise schluchzend durch das Tuch: nichts, nichts! barg, von der Empfindung, daß noch eine Seele auf dieser Welt war, die mit Liebe und Wohlwollen zu ihr sprach, sonderbar überwallt, ihr Gesicht an der Brust ihrer gottgesandten Retterinn, bat, ihr nicht zu zürnen, und versprach, morgen zu rechter Zeit sich einzufinden. Die Frau von Mülenau aber ersuchte sie, nicht zu ihr zu kommen, sondern zu warten, bis sie bei ihr vorfahre, um sie abzuholen, dankte für ihre Bereitwilligkeit, ihr Gesellschaft zu leisten, entschuldigte ihren kurzen Besuch mit der Menge kleiner Besorgungen, die ihrer noch warteten, und eilte nach Hause.

Klotilde meldete Flümers ihre Abreise und deren Zweck schriftlich, und legte sich, bis zum Tode erschöpft, zu Bette.

Aber sie fand keinen Schlaf.

Minutenlang fielen ihr wohl die müden Augenlieder zu, aber dann fuhr sie, wie mit glühenden Zangen aufgerissen, in die Höhe, denn des Grausens wildeste Bilder hatten sie aus dem fieberhaften Schlummer geweckt. – Es schlug dreiviertel auf Zwölf – wieder die drei verhängnißvollen Schläge, deren einförmiger Metallton in der stillen Mitternacht verschwamm, und im Tiefsten der wunden Brust seltsam wiederklang. Beim dritten Schlage öffnete sich langsam und leise die Thür des Zimmers, und Nicolas trat ein, in einem weißen Sterbegewande und bleichen Angesichts; das Auge stier: im ganzen Wesen kein Leben. Klotilde konnte vor Schreck keinen Laut über die Lippen bringen: sie starrte die Todtengestalt an; diese aber hob die Hand, zeigte auf eine gräßliche, weit von einander klaffende Wunde im blutrünstigen Schädel, und winkte dem Mädchen schweigend und bedeutsam.

Klotilde fuhr mit einem gellenden Klageschrei vom Lager in die Höhe – das Nachtgesicht war verschwunden, das Zimmer finster und still, aber kalt, wie Grabesluft wehte es sie von der Stelle an, wo der Erschlagene gestanden. Der eisige Reif des geheimen Entsetzens schauerte ihr durch Mark und Gebein; hatte sie den Treugeliebten wirklich gesehen? war es Fiebertraum gewesen? sie wußte es selbst nicht. Aber dort, nach jenem Schlachtfelde, wo sie ihn erschlagen hatten, rief sie jetzt ihr Geschick! Er hatte gewinkt, sie solle ihm folgen; was konnte sie bestimmter ahnen, als daß auch sie dort den Tod finden werde, nach dem sie sich sehnte.

Kaum dämmerte der Morgen, als Frau von Mülenau vorgefahren kam, und Klotilden abholte. Wohl befremdete es diese, daß sie wieder umlenkten, und vor dem Mülenau'schen Hause vorbeifuhren; sie entsann sich, gestern sich erboten zu haben, zur Frau von Mülenau zu kommen, und, was mit weniger Umständen verknüpft war, sich bei dieser in den Wagen zu setzen; auch schien ihr auffallend, daß, als sie vor der Mülenauer Wohnung vorbeikamen, die Pferde im gestreckten Trabe jagten, und wenn sie sich nicht geirrt hatte, so lag neben Herrn von Mülenau im Fenster, ein Fremder, der – doch sie waren schon vorbei und Frau von Mülenau hatte, wie es ihr vorkam, in demselben Augenblicke absichtlich ihre Aufmerksamkeit auf das Gepäck in den Wagen gerichtet, welches, wie sie vorgab, anders geordnet werden müsse, um bequemer sitzen zu können.

Klotilde warf, als sie das Thor passirt hatten und jetzt langsamer fuhren, die Frage hin, wer der Herr neben Mülenau gewesen; allein Frau von Mülenau wollte keinen Menschen gesehen haben, brachte das Gespräch auf etwas anders, und wußte durch ihre muntere Unterhaltung, durch den Wechsel der Gegenstände, die an ihnen vorüberflogen, und späterhin durch die Erzählung aller der Geschäfte, die in Schreckengrund ihrer warteten, das zerstörte Gemüth der armen Klotilde so zu besänftigen, daß diese sich allmählich wieder aufheiterte; und den launigen Einfällen der Witzbegabten zuweilen ein beifälliges Lächeln schenkte.

Einen eigenen Reiz gewährte Klotilden der Gedanke, daß denselben Weg, den sie jetzt fuhren, früher Nicolas auch genommen hatte; fand sie einen recht breitästigen Baum an der Straße, so hatte er in dessen Schatten geruht; bemerkte sie eine nahe Quelle, so segnete sie dieselbe im Stillen, denn aus ihr hatte er seinen Durst gelöscht, und so war das Bild, das ihr im Herzen lebte, ewig und immer vor und neben ihr. Am fünften Tage verließen sie die endlose Chaussee, und bogen rechts ab in eine romantisch wilde Gegend; die steilen Berge, der unfahrbare Weg nöthigte sie oft, auszusteigen, und sie ergingen sich in den anmuthigsten Parthien eines tausendjährigen stillen Forstes, während ihnen der Postillion von der hier vorgefallenen blutigen Schlacht erzählte. Er war selbst Augenzeuge jener siegreichen Thaten gewesen; von den Franzosen gezwungen, hatte er – Klotilde verlor alles Blut aus dem Gesichte, als er das erzählte – mit seinen Pferden vorspannen müssen, um die Kriegskasse durch das Gebirge mit schaffen zu helfen; aber das setzte Mühe, fuhr er fort: auf den Wagen mußte unchristlich viel Geld sein, denn wir mußten das liebe Vieh bald halb todt schlagen. Vor uns, dort unten im Thale, ging der Betteltanz los. Daß dich das heilige Donnerwetter, was polterten die alten Kanonen hier im Walde wider; ich dachte doch bei meiner armen Seele, die ganze Erde sollte den Tag untergehen: auf einmal hieß es, Kosacken, Kosacken, und keine zwei Minuten, so brach aus dem Gebüsch ein ganzer Schwarm solcher langspießiger Sappermenter vor, und Hurrah! Hurrah! kamen sie mit eingelegten Lanzen herangeflogen, daß ich denke, der Teufel selbst ist mitten unter ihnen, ich schnitt meine Stränge ab, warf mich auf meinen Gaul und – heidi davon; in demselben Augenblick saß schon ein Kosack dicht hinter uns, stieß mit der Pike ein junges hübsches Bürschchen vom Pferde herunter, und ich nicht faul nahm den Braunen als Beute mit, und brachte ihn glücklich nach Hause. Da vorn auf der Hand, das ist der Mosje Franzos! – Allons Tuttswitt, rief der Erzähler, und gab dem Braunen mit der Peitsche einen leichten Schmitz, und Klotilde wendete das Gesicht weg, denn die Augen standen ihr voll Wasser! Das war Nicolas Reitpferd; die Blässe auf der Stirne, die vier weißen Füßchen!

Die Mordfinken, die Kosacken, fuhr der Postknecht fort: bekamen aber doch die Kriegskasse nicht, denn noch ehe ich den Berg hinauf war, stürzte ein Regiment Chasseurs da aus der Schlucht heraus und jagte meine Spitzmützchen mit den langen Zahnstochern wieder in den Wald hinein, und nun ging es mit den Geldwagen in den Hohlweg da hinab, daß ich denke, es bleibt kein Rad ganz.

Vom Ende dieses Schlachtberichts hörte Klotilde nichts; es ward ihr immer schwächer und schwächer zu Sinne, und nach einigen Schritten sank sie ohnmächtig in das Moos nieder.

Ein wenig köllnisches Wasser, was Frau von Mülenau aus dem Wagen holte, und der frische Kristall, den der Postknecht im Hute aus der nächsten Felsenquelle brachte, gaben dem heimlich verblutenden Herzen bald des Lebens Frische wieder, und als sie endlich die Augen aufschlug, wies der Postillon, der in seiner Gutmüthigkeit meinte, daß der Unfall von der Erschöpfung des ungewohnten Bergsteigens herrühre tröstend in das tief untenliegende Thal, und sagte: nun geht es bergab, und in einem halben Stündchen sind wir in Schreckengrund; da unten, hinter der grauen Felswand liegt das Forsthaus.

Der ungeebnete steile Weg, der dicht an jähen Abgründen vorbeiführte, war zu gefährlich; beide hatten den Muth nicht, einzusteigen; sie zogen vor, zu Fuß hinabzugehen, und selbst da gab es noch Noth und Mühe, über manche gefährliche Stellen glücklich wegzukommen.

Wie war hier Alles so öde und schauerlich. Rings um schroffe, himmelhohe Felsen; in dem ganzen tiefen Bergkessel eine Todtenstille; nur das Rauschen des Luftzuges in den Wipfeln der zu den Wolken hinanstarrenden Schwarztannen, und das Rieseln der Waldbäche, die aus hundert Steinritzen längs des Weges hinabeilten, waren vernehmbar. Dem Weltkinde, der jungen Mülenau, wandelte bei dem Gedanken, hier der Jugend schöne Tage verblühen zu müssen, im Geheimen ein leises Grauen an. Klotilde aber war vor Entzücken außer sich. Dieser Ernst in der Natur, diese Abgeschiedenheit von Welt und Leben, diese wohlthätige Stille, dieser ruhige Frieden – und in der Nähe sein Grab! Sie sank weinend an der Begleiterinn Brust, und sagte bittend: Emilie, laß mich hier sterben.

Meine Klotilde! entgegnete diese, sonderbar überrascht, und sichtbar bemüht, in Klotildens Seele eine so trübe Stimmung nicht aufkommen zu lassen. Leben sollst du hier, und das recht vergnügt; sieh, dort das strohbedeckte Hüttchen, das sich da unten am Bache, unter die überhangenden Felsen schmiegt, das hat, wie mir Rauhenfeld beschrieb, das Glück, vor der Hand, und bis wir des Vetters Wohnung im Forsthause eingerichtet haben, unsere Residenz zu seyn; der bläuliche feine Rauch, der dem gebrechlichen Schornsteine entsteigt, deutet hoffentlich auf ein behagliches Kaffeefeuerchen. Ein wahres Idylleben wollen wir hier führen, und das Beßte ist, daß es nicht ewig dauert: denn nur allenfalls im Arm der Liebe mag es sich hier ruhen lassen! Klotilde schüttelte schweigend den Kopf, und ging, in tiefes Sinnen verloren: in den dunkeln Schreckengrund hinab. Nicolas ruhte hier nicht im Arm der Liebe, sondern in dem des Todes, und nach solcher Ruhe sehnte sich ihr gebrochenes, lebensmüdes Herz im Stillen auch.

Der Bewohner der kleinen Hütte, ein armer Waldwärter, empfing mit Frau und Kind die beiden Gäste im Feststaate. Er war vom neuen Herrn Forstmeister über ihre Ankunft bereits schriftlich benachrichtigt gewesen, und hatte die Empfangsherrlichkeiten nach Kräften veranstaltet; Haus und Stubenthüren waren mit frischen Maien geschmückt; vor der Hütte lag fein gestreuter Sand, und das Stübchen, das er ihnen als ihr Eigenthum anwies, prangte mit bunten Wald- und Wiesenblumen; das einfache Hausgeräth war sauber und spiegelblank, und aus den kleinen weinumrankten Fenstern übersah man den ganzen Kessel des engen Thales.

Des Waldwärters reinliche Hausfrau brachte den von Emilien glücklich prophezeiten Kaffee, und während diese mit der Geschwätzigen über Kinder und Haushalt weitläufig verkehrte, entwendete Klotilde heimlich ein Paar recht große Stücke Zucker, und schlüpfte hinab auf den grünen Anger am Bache, wo die vier Postpferde sich im frischen Grase eine Güte thaten, und gab, als sie vom Kutscher, der im Schatten lag und ausruhte, auf Befragen die Versicherung erhielt, daß der Braune weder schlage noch beiße, dem treuen Thiere des Geliebten den süßen Raub. Das soll dem Mosje Franzmann wohl schmecken, meinte lachend der Postknecht, und lobte den Braunen als sein beßtes Pferd. Klotilde aber streichelte das Thier, und liebkos'te es zärtlich, und nannte es mit den süßesten Schmeichelnamen, und – sie hatte dem Postknecht den Rücken gewendet, daß er das Wasser nicht sehen solle, was ihr klar und warm aus dem Herzen in die Augen schoß, – und küßte es verstohlen. Sie hatte hundertmal schon das Drückende ihrer Armuth gefühlt; wäre sie heute reich gewesen, sie hätte um jeden Preis das Pferd behalten.

Aber Klotilde, rief Emilie aus dem Giebelstübchen herab: der Kaffee wird ja eiskalt.

Gleich, entgegnete Klotilde, ohne sich umzusehen, pflückte noch eine Hand voll Klee, gab sie mit freundlichen Worten dem Braunen, und trennte sich schmerzlich von dem Thiere, das ihr jetzt unter allen lebenden Wesen auf der Welt das Liebste war.

In dem neu einzurichtenden Wohnhause des Forstmeisters gab es viel zu thun. Das Gebäude lag, als sey es zu einem Trappistenkloster bestimmt, tief im kalten Grunde einer schwarzen Felsenschlucht. Wo das Auge sich hinwendet, nichts als himmelhohe, von frühern furchtbaren Revolutionen der Urwelt zerrissene Granitwände; hie und da hausgroße von den Gipfelzacken des Bergkessel-Randes herabgeschleuderte Steinblöcke; überall das Bild der grausamsten Zerstörung. Nur dicht hinter dem Hause war der wilden Natur ein Gartenplätzchen abgewonnen, in dem durch die Sorge des fleißigen Waldwärters, Blumen und Fruchtbäume, Gemüse und blühendes Strauchwerk erfreulich gediehen; einige hohe Buchen und Linden gewährten Schatten und Kühlung, und am Ende des Gartens erhob sich auf der dicken Mauer ein Wartthurm, zu dessen Söller eine kühne Wendeltreppe führte; von diesem aber hatte man durch eine vielleicht meilenlange Schlucht, eine fast unübersehbare Aussicht in eine ferne, mit lichtblauen Nebelflor verhüllte Felsenwelt.

Auf diesem Söller verweilte Klotilde am liebsten. Es war ihr, als sähe sie durch das Riesen-Teleskop, die meilenlange Schlucht, in ein unbekanntes Feenland, in die Nebel-Ferne des ewigen Jenseit hinüber. Sie hatte den hiesigen Aufenthalt lieb gewonnen, und es bangte ihr vor dem Augenblick, wo Rauhenfeld eintraf, und sie mit Emilien wieder abreisen sollte; denn – wo sollte sie hin! nach Finsterberge zurück? um keinen Preis der Welt. Sie hatte anfänglich in einem albernen Wahne Emilien in Verdacht gehabt, daß diese die Absicht habe, zwischen ihr und Rauhenfeld eine Verbindung einzuleiten; sie hatte darum, sobald ihr so etwas aus Emiliens sonderbaren Aeußerungen und auffälligem Mienenspiel klar geworden war, zehnmal und tausendmal den Einfall verwünscht, hieher gekommen zu seyn, und absichtlich vermieden, über Rauhenfelds persönliche Verhältnisse eine Frage zu verlieren. Späterhin bat sie aber im Stillen Emilie den Verdacht ab, denn es ergab sich aus mehrern Anstalten die Emilie in Rauhenfelds Hauswesen traf, daß dieser verheirathet war, und Familie hatte; so richtete sie z. B. ein Zimmer für die Frau und eine Kinderstube ein; Klotilde lächelte jetzt über die vergebliche Angst, die sie über die befürchteten Pläne von Emiliens Seite, und über die unerfüllbaren Anträge des ungekannten Rauhenfeld gehabt hatte, und baute sich die Möglichkeit zusammen, vielleicht der Frau zur Gesellschaft, und als Erzieherin der Kinder hier bleiben zu können; doch wollte sie mit diesem Gedanken vor Emilien nicht eher laut werden, als bis sie Rauhenfeld und dessen Frau selbst kennen lernte.

Die letzten Tage waren sehr unruhig gewesen; die Handwerker aus den benachbarten Städten hatten alle ihre von Emilien bestellten Arbeiten abgeliefert, das ganze Haus war geordnet und geschmückt und Emilie sagte, als sie mit Klotilden Alles besichtigte und ihren Erwartungen entsprechend fand, daß nun Rauhenfeld kommen könne, wann er wolle, sein wüstes Haus fände er jetzt wie ein Kästchen.

Kommt Frau von Rauhenfeld nicht gleich mit? fragte Klotilde, und Emilie verneinte mit sonderbarem Lächeln; als aber Klotilde, dieß nicht bemerkend, weiter fragte, wie viele Kinder Rauhenfelds hätten, lachte Emilie laut, und versicherte, daß die Kinderstube wohl groß genug seyn werde, um sie alle zu fassen.

Klotilde ärgerte sich, gefragt zu haben, ging um das Gespräch abzubrechen, in den Garten, setzte sich, von den vielen Geschäften des Tages, bei denen sie fleißig half, erschöpft in den Schatten der dunkellaubigen Linden, und wollte lesen; allein das Buch entsank bald ihrer Hand, und sie schlummerte in das Reich der freundlichsten Träume hinüber. Des Treugeliebten Lichtgestalt schwebte mit glänzendem Gefieder aus dem Nebellande jenseit der Felsenschlucht herüber; die Schwarztannen des Schreckengrundes waren in blühende Mandelbäume, die eilenden Wellen des Waldbaches in die Fluthen der Rhone verwandelt; sie schwebte Nicolas durch die lachenden Fluren seiner paradiesischen Heimath entgegen, und dieser nannte sie freundlich willkommen; sie hörte, noch geschlossenen Auges, aber den fesselnden Armen des Traumgottes schon halb entwunden, das Wort des Willkommens deutlich. Doch war es nicht seine sanfte, melodische Stimme, sie klang ihr viel rauher, viel tiefer. Wacher jetzt geworden, schlug sie das Auge auf, und vor ihr stand der schwarze Mann – derselbe, den sie bei Prelloni zuerst sah; derselbe, der sie bei des Vaters Begräbniß zum Wagen geleitet; derselbe, der sie in jener Grauennacht auf der Galgenbrücke vom Selbstmorde rettete. Vetter Rauhenfeld, sagte Emilie, den wohlbekannten Fremden vorstellend, und der Forstmeister ergriff der Erbebten zitternde Hand, dankte ihr mit freundlichen Worten für die Hülfe, die sie der Cousine Emilie hier mit so vieler Bereitwilligkeit geleistet habe und bekannte sich dafür zu ihrem ewigen Schuldner.

Ungewiß, ob Rauhenfeld sie erkannte, raffte sie die ganze Kraft ihrer Besinnung zusammen, um sich nicht zu verrathen, und der Umstand, daß sie, aus tiefem Schlaf erwacht, von Rauhenfelds Begrüßung überrascht würde, entschuldigte ihre anfängliche Verwirrung.

Emilie hatte schon früher erklärt, daß, sobald Rauhenfeld angekommen, und ihm das neu eingerichtete Wohnhaus übergeben sey, sie schleunig zurückeilen müsse, weil sie hier wegen der Langsamkeit der Arbeiter ihren Aufenthalt viel mehr verlängert hätte, als Anfangs verabredet war; sie äußerte daher im Laufe des Gesprächs, daß sie übermorgen wieder nach Hause zu reisen gedenke.

Klotilde legte bey dieser Erklärung unwillkührlich die Hand auf das gepreßte Herz. Zurück nach Finsterberge konnte sie nicht, und hier bleiben, bei dem Herrn von Rauhenfeld allein, konnte sie auch nicht, und wo sollte sie, in der ganzen Welt fremd, in dem Augenblicke hin. Sie hatte auf Frau von Rauhenfeld gerechnet, und diese war nicht mitgekommen, und von der Zeit, daß diese noch kommen werde, war noch kein Wort gesprochen. Die Zukunft, die auf ein mal wieder so nahe vor ihr stand, die Nothwendigkeit, jetzt durchaus einen Entschluß fassen zu müssen, der Umstand, daß sie Emilien, die ihre Lage in ihrem ganzen Umfange hoffentlich nicht kannte, die Unmöglichkeit der Rückkehr nicht mit allen Details auseinander setzen konnte, der Schmerz sich von der Nähe der Gegend zu trennen, in der Nicolas Hülle ruhte, wenn er wirklich geblieben war, alles dieß zusammen genommen, stürmte so dringend auf sie ein, daß sie die Aufmerksamkeiten, die ihr Rauhenfeld auf alle mögliche Art erwies, übersah, seine Huldigungen überhörte, und für die Herrlichkeiten, die er ihr in einem prächtigen Shawl, und in einem sehr niedlichen Schmuck, als schwaches Zeichen seines Dankes für ihre thätige Mithülfe bei der Einrichtung seines Hauses, mit zarten deutungvollen Worten zu Füßen legte, keinen Sinn hatte. So kam der Vorabend des Reisetages heran.

Klotilde hatte noch immer keinen bestimmten Plan; nur halb im Dunkeln lag in ihrer Seele der Gedanke, im ersten beßten Städtchen, wo es ihr auf der Rückreise am meisten gefallen würde, unter dem Vorwande, eines Anfalls von Unpäßlichkeit zurückzubleiben, und sich dort von ihrer Hände Arbeit das stille Leben kümmerlich zu fristen. Sie ging noch einmal nach den wildesten Parthieen des Schreckengrundes, um von all den Plätzchen, die ihr eben wegen ihrer von der verheerenden Kraft der grausigen Vorzeit durcheinander gewürfelten regellosen Lage, so lieb geworden waren, Abschied zu nehmen, als ihr auf schmalem Fußpfad, rechts schroff himmelanstarrender Felsen, links jäher bodenloser Abgrund, Rauhenfeld, die blanke Büchse auf der Achsel, begegnete, und sie aus ihren tiefen Träumen mit einem scherzweise laut donnernden Halt weckte.

Ausweichen kann auf der kaum fußbreiten Stelle Keins dem Andern, rief Rauhenfeld lachend also entweder Sie mit mir, oder ich mit Ihnen; Klotilde meinte mit freundlichem Lächeln, daß sie dieß seiner Bestimmung überlasse, doch wäre es ihr lieber, wenn er umkehren wolle, und sie also mit ihm ginge, da der Weg, den er käme, näher nach Hause führe, und sie Emilien noch einpacken helfen wolle.

Das Wort Einpacken war dem Forstmeister die Losung, seinen Schmerz über Klotildens baldige Abreise laut werden zu lassen; sie gingen, als der Weg breiter ward, Arm in Arm, den Berg hinab, kamen in den Garten, ließen sich unter den dunkelnden Linden auf die Moosbank nieder, und sie saßen noch nicht, als Rauhenfeld, der längst auf eine passende Gelegenheit gewartet zu haben schien, Klotilde allein zu sprechen, schon seine Bitte vom gepreßten Herzen hatte, diese kleine Felsenwelt als die ihrige anzusehen, ihn in seiner Einsamkeit hier nicht zu verlassen und ihm seinen Aufenthalt hier durch ihre Anwesenheit zu verschönern.

Klotilde, die sich bei diesem, mit recht wohlgefälliger Befangenheit vorgebrachten Antrage, auf einmal über die Angst ihrer Zukunft, wenigstens für das Erste, weggehoben sah, nickte zu allem dem recht herzlich bejahend, versicherte, daß der Schreckengrund ihr vom Anfange an gefallen, daß sie die ganze Gegend unbeschreiblich anheimele, und daß gerade diese Einsamkeit, dieses Fernseyn vom herzlosen Getümmel der Welt, ihrem Gemüthe, ihrer Stimmung zusage, nur weiß ich nicht – fuhr sie bedenklicher fort, und schlug das himmelklare blaue Auge bescheiden zur Erde; nur weiß ich nicht ob Ihrer Frau Gemahlinn –

Wie denn Frau Gemahlinn, erwiederte Rauhenfeld laut auflachend: eben das, das sollen Sie ja seyn, meine Klotilde! – Schlagen Sie ein, auf gut Waidmannsglück.

Klotilde sprang erschrocken auf, und wollte fort; sie war so erschüttert, daß sie keinen Athem in der Brust, kein Wort auf der Zunge hatte; aber Rauhenfeld, der seinem Schöpfer dankte, daß er das Geständniß glücklich heraus hatte, drang auf nähere Erklärung; indessen gewann er von Klotilden weiter nichts, als das Versprechen, mit Emilien weiter darüber zu reden.

Und Du besinnst Dich noch? fragte diese, als sie ihr das eben erlebte Ergebniß, davon noch hoch aufgeregt, erzählte. Rauhenfeld liebt Dich seit dem ersten Augenblicke, daß er Dich sah. Er hat sein Brod, steht in Amt und Würden, und der Staat hat es dankbar anerkannt; daß er mit Aufopferung seiner Gesundheit, Blut und Leben für die Ehre seines Vaterlandes eingesetzt hat. Hübsch – ist er nicht; indessen mein Mann gehört auch nicht zu den Apollos von Belvedere, und wir leben darum doch recht glücklich mit einander. Er hat, Du siehst, ich bin gegen seine Fehler nicht blind – er hat etwas Rohes, Barsches, Wildes! doch ist das wohl mehr Folge seiner Erziehung, und seines bisherigen Umgangs, als Eigenthümlichkeit seines Charakters; im Walde, unter Holzschlägern und Köhlern groß geworden, und dann die letzte Zeit in den Feldlagern – wie kann das anders seyn! Deine fleckenlose Klarheit wird in sein düsteres Wesen ein freundliches Licht bringen; Dein einfacher, sanfter Sinn wird ihn milder machen, und an Deiner festen Ruhe wird sein leidenschaftliches Ueberwallen sich brechen, wie die Wogen des Weltmeeres am blumenbedeckten Felsengestade; – so weit von ihm. Jetzt zu Dir, meine Klotilde; Du liebst ihn nicht. Warum, ist jetzt gleichgiltig; aber Du liebst ihn nicht, und glaubst darum, ihm Deine Hand versagen zu müssen. Mein gutes Kind, glaubst Du denn, das heut zu Tage in der Regel alle Ehen aus Liebe geschlossen werden? bietet jetzt, wo die Mannspersonen, fast ohne Ausnahme, ehescheu geworden zu seyn scheinen, ein junger Mann von hinlänglichem Auskommen, einem Mädchen seine Hand, so wird diesem von Eltern, Verwandten und Freunden, unter der Verwarnung, daß nicht sobald ein zweiter, gleich annehmlicher kommen dürfte, so lange zugesetzt, bis es der Vernunft Gehör, und dem Brautwerber die Hand giebt; man gewöhnt sich nach und nach an einander, und lächelt späterhin über die Courschneidereien, die uns in der Blüthenzeit unserer Tage ergötzten, ohne in ernstere Verbindungen überzugehen. Ich mag Dir nicht läugnen, daß Mülenau mir nicht so lieb war, als mancher andere; daß ich mich damals im Stillen sehr unglücklich fühlte, nicht meiner Neigung folgen zu können, die mich in ganz andere Arme geführt hätte. Lieber Gott, wie gut, daß die Vorsehung weiter sah, als ich: diese andern – was waren sie, leichte Tänzer, angenehme Gesellschafter, flatternde Schmetterlinge! Auch Du wirst künftig einmal lächeln lernen, über die Träume Deiner ersten Liebe. Du hast das früher schon verbreitete Gerücht, daß Nicolas bei der in diesen Thälern vorgefallenen Schlacht, das Leben verlor, hier von Allen, die wir gesprochen haben, hundertmal bestätigen gehört. Ueber die Sträflichkeit jener Liebe will ich Dir keine Vorwürfe machen. Das Herz weiß von keiner Politik, von keinen Landesgränzen! aber so billig sind nicht Alle. Du weißt wie sehr Du Dir in der öffentlichen Meinung geschadet hast. Es wird nicht leicht ein junger Mann sich nach der zweiten Hälfte Deiner Zuneigung sehnen, deren erste Du einem, von jedem Deutschen verhaßten Feinde des Vaterlandes schenktest. Rauhenfeld weiß um Deine Verirrung, und seine Liebe ist stark genug, sie Dir zu verzeihen. Ich kenne, fuhr Emilie sanft bewegt mit leiserer Stimme fort: ich kenne die Geschichte jenes unseligen Abends. In diesem ernsten Augenblicke darf ich vor Dir kein Geheimniß haben. Rauhenfeld, der damals bei uns abstieg, theilte sie uns zu unserm tiefen Schrecken mit. Er hatte Dich aus früherer Zeit erkannt; er nannte uns Deinen Namen, und wir entschuldigten Dein entsetzliches Vorhaben mit Deiner Trauer über den durch den Tod verlorenen Geliebten und vorzüglich mit der unwürdigen Behandlung, die Du im Hause Deines Oheims erleiden mußtest, und die Dich wahrscheinlich zu dem, Gott und jenseitige Zukunft verläugnenden Schritte getrieben haben müsse. Rauhenfeld drang mit stürmischer Hast in uns, Dich augenblicklich aus dem lieblosen Hause zu nehmen; darum mein Antrag mich hierher zu begleiten; darum meine schnelle Abreise. – Du hörst von mir keinen Vorwurf über jenen Entschluß. Ich ermesse die angstvolle Nothlage, die Dich von jener Schauerbrücke in die dunkeln Wellen hinabzog, und bitte den Allerbarmer im Himmel, daß er Dir vergebe, wie wir Dir vergeben. Aber fühlst Du nicht seine Vaterhand, die Dir gerade im letzten Augenblicke Deines verstörten Lebens auf wunderbarem Wege seine Hülfe sandte? Regt sich in Deiner erkalteten Brust kein Gefühl des Dankes gegen den Gottgesandten, der, im Momente Deiner allerhöchsten Verzweiflung, Dich aus den offenen Armen des Todes riß, und Dich in das Leben zurückführte? Begreifst Du den Umfang seiner unnennbaren Liebe, der über alle Deine Unbilden gegen Dein Vaterland, gegen Deine öffentliche Ehre, gegen Dein Leben, mit Schonung hinwegsieht, Deine Fehltritte mit Deiner Unerfahrenheit, mit Deiner überreizten Empfindsamkeit, und mit der, Deine zarten Kräfte übersteigenden harten Lage im Hause des Oheims entschuldiget, und in Deiner Liebe sein alleiniges, sein höchstes Lebensglück findet? Ahnest Du nichts von der, in der heutigen Zeit, in der Brust jedes guten Menschen rege gewordenen Pflicht gegen das Gemeinwohl? Rauhenfeld hat seine Gesundheit dem Vaterlande geopfert; er bedarf einer sorglichen Pflege. Du hast in der Periode Deiner Verblendung, gegen Dein Vaterland gefehlt. Hältst Du nicht diese Verbindung in der Du die Verpflichtung übernimmst, des verdienten Kriegers treue Pflegerinn zu seyn, für einen Wink der Vorsehung, jenes Vergehen nach Deinen Kräften wieder gut zu machen? Siehst Du nicht, daß dieß das einzige Mittel ist, Dir die verlorne Achtung Deiner Mitwelt wieder zu gewinnen? Selbst, wenn Du eine noch heftigere Abneigung gegen Rauhenfeld hättest, als Du, ohne auf Deinen moralischen Werth zu verzichten, gegen einen Mann, der Dir das Leben rettete, und Dir mit der reinsten Liebe zugethan ist, haben kannst, selbst dann würde ich als Büßung, als Opfer von Dir fordern, daß Du ihm Deine Hand gebest; hielten die Reinsten, die Edelsten der Nation sich nicht zu hoch, ihr Leben dem Tode zu weihen, warum sollst Du – verzeih, Klotilde, der Schärfe meines Wortes, warum sollst Du, die in dieser großen Zeit für das Heil ihres Volks nicht nur nichts that, sondern gar der allgemeinen Stimme entgegen, einem Feinde des Vaterlandes mit einer Liebe zugethan war, die an das Heiligste, daß ihr Gott zu bewahren gab, an ihrem eigenen Leben sich vergriff, die also weder zu den Reinsten, noch zu den Edelsten ihrer Nazion gehört, warum sollst Du Dich höher achten, als jene? Sieh, wenn Du durchaus zu Rauhenfeld keine wahre, innige Neigung gewinnen kannst, sieh die Verbindung mit ihm als Genügung Deiner, dem Vaterlande abzubüßenden Pflicht an; Du thust dann immer nur den tausendsten Theil von dem, was die für uns gethan, die, in der Blüthe ihrer Jugend, auf den Feldern der Ehre fielen, und der großen Sache ihr Theuerstes, ihr frisches Leben zum blutigen Opfer brachten. – Jetzt Klotilde sprich! Du versöhnst Dein Mißgeschick, Du versöhnst die Bessern Deiner Mitwelt, wenn Du dem Dir gebotenen Winke folgst; und Gott wird Dir Kraft geben, das, was Du ein Kreuz nennst, zu tragen, bis Du, der kleinen Bürden gewohnt, sie für keine mehr ansiehst. Beharrst Du aber auf Deinem Irrwege, der wahrlich nicht zum Heil Deiner Seele führt; so müssen wir an der Rechtlichkeit Deiner Ansichten, an der Gediegenheit Deines Gefühls, an der Reinheit Deiner Grundsätze verzweifeln, und Du hast es Dir allein beizumessen, wenn Dir Deine Zeitgenossen ihre Achtung und Liebe versagen, und Dich aus ihrem Kreise ächten. Jetzt sprich – jetzt entscheide.

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