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Carl Gottlieb Samuel Heun: Der Blutschatz - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Blutschatz
authorH. Clauren
year1824
publisherAnton v. Haykul
addressWien
titleDer Blutschatz
pages1-228
created20051205
sendergerd.bouillon
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Statt des Bräutigams aber traf von diesem ein grober Brief an Flümer ein, in welchem der Herr von Fettsteertken, von Aprilschicken, von bürgerlicher Aufführung und dünkelhaften Einbildungen sprach, kurz und rund erklärte, daß, ungeachtet er mit zwei Ministern, drei Geheimen, vier nicht Geheimen, fünf Wirklichen und sechs Titular-Räthen, über die bewußten Wechsel gesprochen, doch Alle einstimmig gelacht und gemeint hätten, daß damit nicht durchzukommen sey, und Herr Flümer wohl am beßten thun werde, die hiermit in Verbindung stehende Angelegenheit für immer unberührt zu lassen. Aus der beabsichteten Heirathgeschichte, schloß endlich der Briefsteller: kann demnach nichts werden, und stelle Ew. Hochedelgeboren ich ergebenst anheim, Ihre Wechsel sauer kochen, Mamsell Tildchen aber, damit selbigem die hochfahrenden Gedanken an eine Verbindung über ihren Stand baldigst vergehen, recht fleißig Pillen drehen zu lassen.

Die gnädige Frau Nichte auf Dippelpfützingen, die 1000 fl., das Nadelgeld – Alles, Alles vernichtete dem tief erschütterten Flümer dieser abscheuliche Brief mit einem Male, und hatte der Edelmann mit seinen Verbindungen die Wechsel nicht giltig machen können, so war es Niemand möglich. Er wollte die verhaßten Papiere schon in das Feuer werfen. Hätte er es doch gethan! Es war aber, als erfaßte eine unsichtbare Hand die seinige. Bei Gott ist kein Ding unmöglich, sagte er still brummend vor sich hin: verwandelte sich einmal Wasser in Wein, warum sollte nicht auch einmal Einer kommen, der die infamen Wische doch noch zu Gelde machen könnte. Er legte sie daher verdrüßlich wieder auf ihren alten Platz, und wetteiferte nun mit der lieben Ehehälfte, die arme Klotilde das Unglück ganz verlassen zu seyn, in seinem vollen Umfange fühlen zu lassen. Er erklärte ihr jetzt unverholen, daß sie arm, bettelarm sey; er schimpfte auf den Vater im Grabe, daß dem Kinde das Herz in der Brust blutete.

Du mußt nun Dein Brod verdienen, sagte er kurz und kalt: von Deinem bischen Nähen und Flicken und Sticken und Stricken kannst Du Dich nicht satt machen. Euer ganzes Fingeriren wirft ja täglich kaum das Salz ab. Aus dem Hause können wir Dich nicht lassen; Du bist zu jung, zu – dumm wollte er sagen, aber die großen blauen Augen des tief gekränkten Mädchens warfen einen so selenvollen Blick auf den Erbärmlichen, daß er das Wort nicht über die Lippen bringen konnte. Da haben wir uns denn schon entschließen müssen, fuhr er mit scheinheiliger Frömmelei fort: Dich bei uns zu behalten. Denn der Herr spricht: was wir thun einen unter seinen geringsten Brüdern, das haben wir ihm gethan; aber die Apotheke mußt Du nun gänzlich übernehmen; früh, ehe wir öffnen, und Abends, wenn wir geschlossen haben, mußt Du meiner Frau ein paar Stündchen die Näherei für das Haus besorgen, und Sonntags werden wir gern sehen, wenn Du Deinen Unterricht im Französischen und auf dem Klaviere bei den Kindern fortsetzest; dafür will ich gern Nachsicht haben, wenn Du in der Apotheke, falls nicht dringendere Geschäfte da sind, für Dich nähen und arbeiten willst.

Klotilde, das fügsame, arme Wesen, ließ sich Alles gefallen. Sie sah Alles für ein Werk der Barmherzigkeit an, denn sie wußte nicht, wie unentbehrlich sie dem Oheim war. Sie kostete ihm nichts als das bischen magere Essen, und war im Laufe der Zeit mit ihrer Gewandtheit, mit ihrem anschlägigen Köpfchen und mit ihrem guten Willen, in den Geschäften der Apotheke so bewandert worden, daß er nur anordnen durfte, und gewiß seyn konnte, Alles mit der größten Genauigkeit ausgeführt zu sehen. Das Gefühl, sich ihr ärmliches Brot einigermaßen wenigstens zu verdienen, und also dem Onkel und der Tante nicht ganz zur Last zu seyn, hielt sie aufrecht; nach der Residenz zurück hatte sie keine Sehnsucht mehr; was sollte sie jetzt dort, wo sie geliebt und geachtet gewesen war, und in Lust und Freude gelebt hatte; wo sie nun, um der Missethat des Vaters willen, sich überall zurückgesetzt zu sehen, mit Recht fürchten mußte. Die ganze übrige Welt war ihr fremd. Einen andern Zufluchtort kannte sie nicht, also blieb ihr nichts übrig, als auszuharren und zu dulden.

Die Kraft der Jugend ist allmächtig, und im Tragen des Ungemachs hat das Weib eine Gewalt, daß man das Geschlecht wahrhaftig nicht das Schwache nennen sollte; so fügte sich die sanfte Klotilde in das drückende Verhältniß ohne Murren, und würde bei ihrer Anspruchlosigkeit ihre Lage selbst jetzt noch leidlich gefunden haben, wenn nur die Tante mit ihren furchtbaren Launen nicht gewesen wäre. Klotilde mochte doch thun und machen, was sie wollte und konnte, über Alles zankte und kiff die Frau, und das immer in einem so schneidenden, widrigen Tone, daß Klotilde oft alle Fassung zusammen nehmen mußte, um nicht an sich selbst zu verzweifeln. In ganz Finsterberge war keine, die sich mit ihr in Hinsicht ihrer Kunstfertigkeit in weiblichen Arbeiten hätte messen können; aber Tante Flümer tadelte Alles bis auf den kleinsten Stich. Beim geringsten Versehen mußte Klotilde die giftigsten Vorwürfe über die Residenz-Erziehung, über den hochnasigen Vater hören, der sein Kind zu nichts ordentlich angehalten habe; und schossen dem Mädchen, bei solchen harten Reden, die Thränen in die Augen, so schimpfte es Madame Flümer einen Wasserliesch, eine Pimpinelle, – verhielt es sich das Weinen, so war es ein Holzmangold, – lachte – was recht selten geschah – einmal das niedliche Kind, so hieß es gleich ein Lablabfasel und lachte es zu ihren oft sehr zweiseitigen Späßen nicht, so sprach Madame von Dicksaft, Sauertamarinde und dergleichen Sächelchen mehr. Kein Tag verging ohne die unangenehmsten Auftritte dieser Art; die Mißstimmung der Tante ward immer fühlbarer, und Klotilde fing, bei allem leichten Sinne, mit dem die Natur die bunten Flügel der Jugend verschönt hat, am Ende doch an, den Muth zu verlieren. An allem diesem Unheil war der verwünschte Sextus vorzüglich mit Schuld. Der hatte sonst zu der Frau Apothekerin Flümer Füßen gelegen; jetzt vernachläßigte er Madame sichtlich, hatte nur für Tildchens Reize Augen, und war unbesonnen genug, die Gluth seiner inbrünstigen Liebe frank und frei brennen zu lassen. Dreimal kam er täglich in die Apotheke; früh, um ein Gläschen Bittern für den bösen Nebel zu trinken; nach dem Essen, um sich sein Desert, ein Loth rosenrothe Brustküchelchen zu holen, und Abends, um den Schulstaub mit einem Achtelchen Dreimännerwein hinabzuspülen; in das Zimmer der Madame Flümer, der er sonst täglich seine Huldigungen darbrachte, setzte er jetzt keinen Fuß; und wenn er sie zufällig einmal sah, so war in der Regel sein Erstes, bei allen Göttern der Oberwelt zu versichern, daß Tildchen alle Tage schöner werde, daß sie eine wahre Zierde der Stadt, eine veritable Himmelskerze sey, und zerschnitt mit jedem solchen Worte der Apothekerin das vom Gifte der wüthendsten Eifersucht durchfressene Herz.

Lange schon war es aus der Mode gekommen, Klotilden in die geselligen Zirkel des Orts mitzunehmen; heute aber war große literarische Assemblee bei Apothekers selbst, und es ward ihr verstattet, der Gesellschaft beizuwohnen, doch mußte sie, wie sich von selbst verstand, zu ihrem Geschäft zurück, so oft die gellende Klingel der Apothekenthüre sie hinter den Ladentisch rief.

Der sinnige Sextus hatte seit seinem Hierseyn die Einrichtung getroffen, daß in dergleichen Zusammenkünften die Auserwählten, die sich den engern Ausschuß nannten, Aufsätze, Gedichte oder dergleichen aus eigener Fabrik ablesen mußten. Der Vorleser saß auf einem dreibeinigen Sessel, den der Sextus in den delphischen Tripos umgetauft hatte, und so wie dort die Priesterinn Pythia, vor Herausgabe ihres Orakelspruchs, sich das Haar im castalischen Quell baden, sich mit Lorbeer bekränzen, beim Niedersetzen auf den Dreifuß, den nebenstehenden Lorbeerbaum schütteln, und einige Lorbeerblätter essen mußte; so wurden auch hier für die Vorlesenden ähnliche Feierlichkeiten vorgeschrieben; nur vertrat die Stelle des castalischen Quells der nahgelegene Mühlgraben; dafür gewährte aber, was an Lorbeerblättern erforderlich war, die Flümersche Apotheke in sattsamer Fülle.

Der Sextus hatte für diesen Abend einen lyrischen Hymnus auf Tildchen in der Tasche. Er wollte ihn erst lesen, und dann sollte er mit figurirter Musik gesungen werden. Vom figurirten Gesang erwartete er sich einen wahren Schlag-Effect; der mußte dem Mädchen mitten durch's Herz gehen. Der Kreissecretair, den die postmeisterliche Sabine mit ihren Liebesnetzen umgarnt hielt, wollte seinen Preis steigern, und hatte, von dem, im Publicum heimlich umgehenden Gerücht eines bald ausbrechenden Krieges veranlaßt, ein furchtbares Heldengedicht fabrizirt, an dessen Schluß er nicht undeutlich merken ließ, daß, wenn die Kriegstrommete ertöne, ihn nichts abhalten solle, die Kreisfeder mit dem Schwerte zu vertauschen. Flümer dagegen hatte sich in einem sechs Bogen langen in Prosa gestellten Aufsatz, über die unvermeidlichen Folgen des Brechweins ausgelassen, wollte aber zuvor ein kleines Scherzando zum Beßten gehen, in dem er die Apothekerzeichen rein poetisch erklärt hatte; so hieß es darin unter andern:

heißt der Sand, und Acidum die Säure.
0–0 Arsenik heißt dieß Gift, dieß Aurum Gold, das Theure.
Ihr findet bei mir o°o Oel; mein Ω Geist ist oftmals flüchtig,
Nimm dieses Weinsteinsalz, das Mittelchen wirkt tüchtig.

Ein wahres Meisterstück der elegischen Dichtkunst aber war Postmeisters Sabinchen geglückt. Sie hatte sich dazu nymphenartig angethan; einen zerrissenen weißen Rosenkranz in dem nachlässigen Haar; am Busen eine verwelkte rothe Rose, in der Hand eine gelbe. So trat sie in langen Trauerkleidern, im Kothurnschritt in das Zimmer, netzte sich bedeutsam schweigend Locken und Stirn mit dem Kristallwasser des Mühlgrabens, ließ sich langsam auf den Tripos nieder, schüttelte an dem danebenstehenden Lorbeerbaume, kaute einige seiner Blätter, verschlang die bittern Dinger, und begann mit tief gefühltem Pathos ihr Elegieion, das eine glückliche Nachbildung des verlorenen Paradieses war, und die Ueberschrift führte: Das verlorene Felleisen. Eine Liebende nämlich harrte auf Nachricht vom fernen Getreuen. Das Felleisen, das die ihr bestimmten Briefe enthalten hatte, war verloren gegangen, und nun überließ sich die Getäuschte der zartesten Schwermuth, und verklagte bei den Göttern, in den rührendsten Ausdrücken, das ganze Postpersonale vom General-Postmeister bis zu Schmierfrieden herab, so hieß der emeritirte alte Postknecht zu Finsterberge, dem das mißliche Amt übertragen war, die Räder des wohllöblichen Postamts geschmeidig zu erhalten. Sie war eben bei der gräßlich schönen Stelle, wo die Verzweifelnde die Rache der himmlischen Mächte beschwört, und deklamirte anfänglich mit schmachtender Zärtlichkeit, dann aber mit steigender Furienwuth:

Felleisen sag' wo bist, wo bist Du hingeschwunden
Der kecke Frevler, der Dich Liebesschatz gefunden,
Er werde schonungslos an's Marterkreuz gebunden.
Nicht hören mag ich mehr des Posthorns kreischend Schmettern,
Ist noch Gerechtigkeit im Himmel und bei Göttern,
So schlagt allmächtig drein mit Euern Donnerwettern.

Da donnerte es draußen an der Hausthür, daß sie alle aufflogen, und meinten, die beschworenen Himmelsmächte hätten in die Apotheke eingeschlagen.

Aber es war Jeremieschen, in einen schwarzen Schaafzobel gehüllt, ein Paar gewaltige Sporenstiefeln an den Füßen, einen großen mondsichelförmig geschweiften Saracenen-Säbel um die Hüfte, und einen hohen Hühner-Reiher auf dem mit funkelnagelneuen Cordons geschmückten Uniform-Hut. Er kam brühwarm aus der Residenz, berichtete in seiner, gewöhnlicher Weise ziemlich confußen Manier, bunt durcheinander, daß dort, wie der Blitz aus heitern Wolken, der Befehl gekommen wäre, die Armee mobil zu machen; daß ein feindliches Corps im Anmarsch sey, daß sie in der Residenz Alle den Kopf verloren hätten, daß er deßwegen bei der Feldapotheke angestellt sey. daß Alles wie toll und blind zu den Waffen eile, daß er für König und Vaterland auf Tod und Leben Pillen drehen wolle; daß bei seiner Abreise von hier, zwey Paar alte Beinkleider, ein Blaserohr und fünf Sonnette von Mamsell Sabinchen und ein Serviettenband, was ihm Tildchen getapißerirt hätte, hier zurückgeblieben wären; daß er gekommen sei, um dieß alles abzuholen, und mit zu Felde zu nehmen; daß in den Gränzstädten, die der Feind bereits besetzt habe, nach eingelaufenen Spionsberichten, Frauen und Mädchen selbst von Stande, keinen Anstand nähmen, den Anstand zu verletzen, und den standhaften Zumuthungen der feindlichen Offiziere einen nur zu freundlichen Widerstand leisteten; daß die dortigen jungen Leute über diesen Zustand der Dinge, vor Ärger und Bosheit abständen wie die Karpfen, und daß in Kurzem hunderttausend Mann, mehr oder weniger, Freund oder Feind, hier seyn und ohne Umstände ihre vorläufigen Standquartiere hier nehmen könnten.

Stielloser Feldehrenpreis! schrie der Sextus, den neugebackenen Feldapotheker in seine Arme schließend: liebster Feldnichel, sollte es möglich seyn! Hier Truppen? in unserm friedlichen Finsterberge, das keinem der weltlichen Potentaten, etwas zu Leide that, Truppen? mein wilder Feldsafran, was für Tage warten unser, wenn Streitwink und Bluthirse unsern gemüthlichen Fluren entsprießen! Ach mein tapferer Feldrittersporn! wo die Teufelsklauen blühen, da gedeiht kein Jungferntrost, da trägt die Mannstreue keine Früchte.

Wohl soll, entgegnete weissagend, die delphische Sabine und schlug den Blick auf den Kreissecretair: der Mannstreue von der Minne gelohnt werden, wenn sie aushält im Felde. Finsterbergs Frauen und Mädchen sollen hochstehen in der Chronik unsers Weichbildes; sie werden nicht seyn wie jene an der Gränze, von denen uns hier Freund Jeremias berichtet; sie werden treu halten an ihre Buhlen. Erhebt Euch von Euern Sitzen, verehrliche Schwestern des Kreises, strecket die Rechte zum blauen Himmel empor, und schwört, seine Farbe zu halten. Fluch, dreifacher Fluch treffe eine jede, und verfolge sie durch das ganze Leben bis zum Grabe, die ihr Herz zu Einem der feindlichen Heerschaaren wendet! Die Mädchen alle – jedes hatte ja einen im Sinne, von dem es wußte, daß, wenn's Noth thue, er unter die Fahnen des Vaterlandes eilen werde, und glaubte, durch den Schwur der Treue, die Gegenliebe des Einen sich fester zu machen, – die Mädchen alle flogen von ihren Sitzen auf, hoben die Rechte und schworen, die Deutung auf des Himmels Bläue wohl verstehend, seine Farbe zu halten, und sprachen der überreizten Sabine den Fluch nach, mit dem jede Abtrünnige belegt seyn solle durch das ganze Leben, bis zum Grabe. Klotilde, noch keinem im Herzen, hatte das alles nachgesprochen, ohne weiter großes Gewicht darauf zu legen, nur als sie die letzten Worte der furchtbaren Verwünschung über die Lippen brachte, flogen ihr die Schauer eines leisen Grauens durch die Seele. Es ward ihr unerklärlich bange in der Brust, und sie war froh, als die Gesellschaft aus einander ging.

Von dem Tage an verschwand die Ruhe des Friedens aus Deutschlands Gränzen, und der Krieg überzog mit seinen Greueln die halbe Welt. Noch war keine Woche vergangen, als die ersten feindlichen Schaaren, zwei Jäger-Regimenter zu Pferde, schon eintrafen und das Städtchen mit tausend harten Forderungen ängstigten. Ein Hauptunglück für dasselbe war, daß man keinen Menschen der französischen Sprache mächtig ausfinden konnte, der zwischen dem fremden Militair und den Stadtbehörden den Dollmetscher hätte machen können. Daraus entstanden unzählige Mißverständnisse, welche die feindlichen, ohnehin schon barschen und erbarmenlosen Befehlhaber nur noch wilder machten, weil sie gar zu leicht geneigt waren, die Versicherung des geplagten Magistrats, daß in gremio keiner sey, der sich mit ihnen gehörig verständigen könne, für absichtliche Bosheit anzusehen.

Der wohlweise Rath, dem das Haupterforderniß seiner Sitzungen in dieser preßhaften Zeit oft mit Grundeise ging, requirirte alle Honoratioren, einen nach dem andern, die Vices eines Stadt-Dollmetschers zu übernehmen, allein der Rektor meinte, wenn es statt Franzosen, die Gracchen wären, die alten Hellenen, die Bewohner des vom Peneos bewässerten Thessaliens, die opuntischen, epiknemidischen, ozolischen Lokrier, oder dergleichen ähnliche, von ihm seit frühster, Jugend traktirte Völker der griechischen Vorzeit, so wollte er wohl mit ihnen fertig werden; allein mit den Galliern der vorliegenden Sorte möge er sich nicht befassen, maßen selbige den humanioribus gänzlich entfremdet seyen; gleicherweise erklärte sich der Conrektor, und meinte, wohl mit den Etruskern und Lateinern, mit den Sabinern und Samnitern fertig werden zu wollen; allein im Wälschen sey er durchaus unbewandert, und müsse daher bitten, ihn mit dem angetragenen Translatorposten gewogentlich zu verschonen. Da fiel dem Consul dirigens Apothekers Tildchen ein, und nach langen Debatten mit Herrn Flümer, überließ dieser dem Magistrate das Mädchen unter der harten Bedingung, daß er für den Verlust desselben in seinem Apotheker-Geschäft täglich einen Gulden Entschädigung, Klotilde selbst aber, aus der Stadtkasse freie Beköstigung erhalte. Die Stipulation des bewußten Guldens sollte übrigens vor dem Mädchen ein Geheimartikel dieser speculativen Convention bleiben.

Klotilde sträubte sich zwar anfänglich gegen die Zumuthung, täglich von früh bis abends auf der Rathsstube zu sitzen, und mit den feindlichen Militair-Behörden zu verkehren; als aber der Oheim ihr aus einandersetzte, daß jetzt, wo jeder redliche Deutsche, ohne Ansehn der Person, für das allgemeine Beßte, Gut und Blut hingebe, ein Mädchen, zumal ein armes, Gott danken müsse, wenn es zum Gemeinwohle auch etwas beitragen könne; daß es eine wahre Sünde seyn würde, wenn sie diesen ehrenvollen Antrag des dirigirenden Herrn Bürgermeisters ablehnen wollte, da sie auf dem ihr gebotenen Platze der guten Stadt Finsterberge außerordentliche Dienste leisten, und mancher bedrängten Familie, durch versorgliche Vermittelung und eindringliches Fürwort, Hülfe und Erleichterung verschaffen könne, und daß diese Ansicht und seine ihm beiwohnende treue Bürgerpflicht allein ihn vermocht hätten, der Stadt und dem Gemeinwesen das Opfer zu bringen, und sie aus seinem Apothekergeschäft zur Mitverwaltung des öffentlichen Wohls herzugeben; und als jetzt die Tante Flümer dazu kam, und sie schneidend fragte: ob sie denn alles Gefühl der Dankbarkeit verleugnen, und nicht einsehen wolle, daß in dieser schweren Zeit, wo man ohnehin nicht wisse, wie die Gierwölfe, die ungebetenen Gäste satt zu machen, es dem Onkel und der Tante lieb seyn müsse, einen Esser am Tische weniger zu haben, da rief die arme verrathene, verkaufte und vermiethete Klotilde, im bittern Gefühl ihrer unglücklichen Lage: ja ich will und ging mit schwerem Herzen, an des Bürgermeisters Seite, zu ihrem Golgotha, nach dem Rathhause.

Sie erhielt hier, am großen Rathstische, ihren Ehrensitz neben dem dirigirenden Consul, und dieser richtete an sie, in feierlicher Versammlung eine kurze aber recht besonnene Rede, in der er das Wohl der Stadt in ihre Hände legte, ihr versprach, sie, so weit seine und des wohlweisen Rathes Kraft und Gewalt ausreiche, vor jeder Unbill zu schützen, und dagegen ihr zur Pflicht machte, alles aus einer Sprache in die andere, treu zu dollmetschen, und allen überspannten und gesetzwidrigen Forderungen der zulänglichen Gäste die möglichste Festigkeit entgegen zu setzen. Schließlich empfahl er dem versammelten Unterstabe des Magistrats, den Kopisten, dem Stadtdiener, Marktmeister, Polizeisergeanten, Feuer- und Nachtwächter, Raths-Thürmer und den Stadtknechten, ihr den gebührenden Respect in allen Fällen zu erweisen, und, wo es nöthig, oder periculum in mora sey, ihre Anordnungen pünktlich zu befolgen.

Das Gefühl, auf dem ihr durch das sonderbarste Geschick, angewiesenen Platz Gutes wirken zu können, ließ sie die Wehthat vergessen, mit der sie Oheim und Base bitter gekränkt hatten; wohl war es ihrer jungfräulichen Schüchternheit ein Schweres, hier öffentlich zu schalten; allein, hatte sie doch gehört, daß in benachbarten Ländern unbescholtene Mädchen in dieser eisernen Zeit zum Waffenrock und Schwerte griffen, und in den Reihen der Krieger die Brust dem Tode bothen; warum sollte sie in diesen Tagen der allgemeinen Noth, nicht auch das Ihre thun, dem Gemeinwesen, nach ihren schwachen Kräften, förderlich zu seyn! Der Lohn dieses kleinen Opfers, was der Drang der Umstände von ihr forderte, war ja schon da; sie fand ihn doppelt, einmal, in dem Gedanken, die häuslichen Ausgaben im Hause des Oheims durch ihre Entfernung zu vermindern, und dann in dem erhebenden Bewußtseyn, für die sämmtlichen Bewohner der Stadt vielfältig Gutes wirken zu können.

Sie hatte sich kaum den Umfang ihrer neuen Pflichten und die Ansichten ihrer jetzigen Lage aus einandergesetzt, als ein Trupp feindlicher Husaren, einen Offizier an der Spitze, vor das Rathhaus angesprengt kam, unter wildem Tumulte absaß, und mit klirrenden Schleppsäbeln die Treppe herauf stürmte. Der Bürgermeister zitterte an Händen und Beinen. Ein Schöffe, der eben seines Namens Unterschrift unter die Ausfertigung wegen Klotildens Diäten, mit Streusand vergnügen wollte, goß vor Schreck das Dintefaß darüber, und der Rathsdiener, stolperte, den gräulichen Gästen voran, zweimal der Länge nach, die Treppe herauf, und rapportirte mit halb zugeschnürter Kehle, daß solche mordverbrannte Kerle noch nicht hier gewesen wären.

Schimpf und Fluch auf der lästerlichen Zunge, und ungezügelte Rohheit im ganzen Benehmen, braus'te die Horde in das Zimmer und polterte unter Anmeldung eines starken Kavallerie-Corps, eines Marschalls, der General-Kriegskasse und des Armeekommissariats, eine Menge von Forderungen heraus, daß man, hätten sie alle gewährt werden sollen, das Städtchen einem geplünderten gleich achten konnte.

Klotilde entgegnete, ohne erst sich in weitläufiges Hin- und Herübersetzen einzulassen, mit sanfter Rede, und in sehr elegantem Französisch, daß man thun werde, was möglich sey, daß aber die Genügung aller gemachten Forderungen über die Kräfte des, von den bereits stattgefundenen Durchmärschen, ausgesogenen Städtchens gehe, und daß sie daher bitte, die Requisitionen nur auf das unentbehrlich Nöthige zu beschränken, wo dann sofort die erforderlichen Anstalten zu dessen Herbeischaffung getroffen werden sollten. Sie lobte mit ächt französischer Geläufigkeit das Betragen der früher hier durchgegangenen Truppen, und gab ihnen unumwunden zu verstehen, daß auf gütlichem Wege, bei dem deutschen Volke überall mehr auszurichten sey, als auf dem der rohen Gewalt, und daß sie daher auch sie bitten müsse, hier die Achtung nicht außer Augen zu setzen, die eine unglückliche Stadt von jedem gesitteten Krieger zu erwarten berechtigt sey.

Starr und steif und offenen Mundes standen Bürgermeister, Rathsherren und Beisitzer, als die bildschöne Klotilde, in der Glorie ihrer neuen Amtswürde, zu den Wüstlingen sprach, wie ein Engel der bessern Welt zu sündigen Teufeln. Keiner verstand, was sie sprach, aber jeder sah es in der tiefen Stille des Saales und in den Mienen der Krieger. Die Gewalt der Schönheit, die Allmacht der jugendlichen Unschuld können auch vom Barbaren, so lange er Mensch ist, nicht verleugnet werden. Die Ueberraschung, fern von der Heimath, in seiner Landessprache angeredet zu werden, wirkt überall wundersam auf das Gemüth. In diesem Rosenmunde aber erhielt die besonnene Rede einen eigenen zauberischen Wohllaut; so hatten die wilden Menschen die Sprache ihrer Frauen und Mädchen lange nicht sprechen gehört, und darum waren sie still, und horchten den Silbertönen dieser melodischen Stimme, die wohlgefällig in ihr Inneres drang.

Der Offizier, vorhin ein rücksichtloses Ungethüm, erwiederte jetzt in bescheidenem Tone, daß er selbst nur Ordre befolge, und das verlange, was ihm zu verlangen befohlen sey; indessen, wenn die Sachen so ständen, wie sie sage, so dürfte es den Truppen selbst zuträglich seyn, wenn nicht das ganze Corps in das Städtchen zusammen gedrängt würde; er werde dieß daher seiner Behörde durch eine zurückgehende Ordonanz melden, und die Verlegung einiger Regimenter auf die nächsten Dorfschaften anheimstellen. Er that dieß mittelst schriftlichen Rapports auf der Stelle, und Klotilde trug unterdessen dem Magistrate das Resultat ihrer bisherigen Verhandlung vor. Der Offizier aber konnte nicht umhin, der lieblichen Klotilde über ihre Fertigkeit im Französischen, und, jetzt etwas bekannter geworden, über ihr so feines als bestimmtes Benehmen auf diesem sonderbaren Platze, auf dem er in seinem zwanzigjährigen Kriegsleben noch kein Frauenzimmer sah, einige Artigkeiten zu sagen.

Bisher hatte der wohlweise Rath, dem das Herz, sobald sich nur ein Quartiermacher von Ferne zeigte, immer gleich in die Kniekehlen sank, sich in jede Forderung schmiegsam gefügt, und dadurch der armen Stadt ungeheure Lasten zugezogen. Klotildens Festigkeit und die dadurch bewirkte Hoffnung, einige Regimenter los zu werden, kamen bald zur Kunde des ganzen Orts, und als der Syndikus, der des Französischen wohl so weit mächtig war, daß er verstand, was gesprochen ward, den Leuten erzählte, wie herzlich sich Klotilde für sie verwendet, wie lebendig sie die Noth der Einsassen geschildert habe, kamen viele, dem holden Mädchen zu danken, und es um fernere Fürsprache in der Noth zu bitten.

Dießmal hatten Klotildens Worte wirklich Segen gebracht. Der Marschall kam nur mit seiner Suite, dem Commissariate, der Kriegskasse und zwei Regimentern zur Stadt; das ganze übrige Corps war auf die umliegenden Dörfer vertheilt worden.

Das war Klotildens Werk, und Hoch und Niedrig, Reich und Arm prieß die Bescheidene, die immer, nur ihre Pflicht gethan zu haben, versicherte, als seine Retterinn; denn, wäre das ganze Corps in der Stadt einquartirt worden, so war diese verloren.

Bis zu diesem Tage hatte Flümer sich durch ein eigenes Kunststückchen immer einquartierungfrei zu erhalten gewußt; er hielt sich nämlich, so oft Truppen angesagt waren, jedesmal in Bereitschaft, laugensalzige Schwefelleber oder emplastrum foetidum zu machen, und trat nun der Einquartirte, seinen Zettel in der Hand, über die Schwelle, so machte Flümer mit einem dieser Medicamente, oft mit beiden zugleich, einen so bestialischen Gestank im ganzen Hause, daß kein Einziger bleiben wollte, sondern unaufhaltsam Kehrt machte, und sich ein anderes Quartier geben ließ.

Diesen Abend aber, wo die Offizierquartiere sehr knapp waren, half ihm seine Stänker-Kunst nichts. Er ermangelte zwar nicht, das ganze Haus, als der ihm zugedachte Kriegskassenbeamte um die Ecke kam, und eben eintreten wollte, dermaßen zu parfümiren, daß diesem an der Thür schon übel und wehe ward, und er, das Taschentuch vor der Nase, stracks umwendete, um dem Billet-Amte zu versichern, daß es in diesem Höllenpfuhl Eine Nacht nur auszuhalten, eine reine Unmöglichkeit sey; allein er mochte, um sich verständlich zu machen, seinen Ekel durch Gesichterschneiden zu erkennen geben, so viel er wollte, der Vorsteher des Billetamtes, in dem Wahne, den viele Tausend Deutsche damals mit ihm theilten, daß man nämlich sich den Franzosen am deutlichsten mache, wenn man das deutsche gebrochen und recht laut spreche, schrie ihm entgegen: Billet caput – womit er ihm sehr sinnreich zu verstehen geben wollte, daß keine Billets mehr zu haben seyen, und fuhr tröstend fort, Apothek kut, Schulwein kut, Stink ah kesund, kesund; er meinte mit letzterm Zusatze ihm erklärlich gemacht zu haben, daß das, was vielleicht in der Apotheke zuweilen nicht vorzüglich gut röche, Medicamente waren, die zur Herstellung der menschlichen Gesundheit bereitet würden, schob dem Kriegskassirer das Billet auf das Flümersche Haus, wieder in die Hand, und bedeutete ihm durch Pantomime, daß er doch Gott danken solle, ein so gutes Quartier bekommen zu haben.

Der Abgewiesene ging trostlos zurück; er wollte sich ein Herz fassen, und in das, wegen späten Abends schon verschlossene Haus treten; allein der entsetzliche Geruch, der selbst durch die Thürklinse ihm entgegen kam, widerte ihn zu sehr an.

Müde, einen zweiten Versuch auf dem Quartieramte zu wagen, im Orte zu fremd, um ein anderes Unterkommen zu suchen, verdrüßlich über sein Mißgeschick, und vom starken Tagemarsch fast bis zum Tode erschöpft, warf er sich, in seinen Mantel gehüllt, auf das Steinpflaster vor der Thür; er beschloß, hier die Nacht zuzubringen und wenn er morgen noch hier bleibe, auf die Anweisung eines andern Quartiers mit Gewalt zu dringen. Die Augenlieder sanken ihm bald zu. Er schlief, als läge er auf weichen Flaumen.

Bis diesen Augenblick hatte Klotilde auf dem Rathhause aushalten müssen, weil immer ihre Gegenwart dort an dem heutigen unruhigen Tage nöthig gewesen war; jetzt endlich war es stiller geworden; es war niemand weiter gekommen, der ihre Hülfe und ihren Beistand begehrte, und man hatte sie ihres schweren Postens für heute entlassen, mit dem Ersuchen, morgen hübsch zeitig wieder auf dem Platze zu sein.

Um sie vor etwanigen Anfällen auf der Straße zu sichern, ward ihr der Marktmeister mit Ober- und Untergewehr, als Eskorte mitgegeben, und der alte Rathsdiener Schnäpsel, einen rostzerfressenen Wächterspeer in der Rechten, leuchtete mit einem Handlaternchen voran.

Dieser aber prallte drei Schritte rückwärts, als er eben an der Flümerschen Hausthür klingeln wollte, und dicht vor der Schwelle einen Menschen quer über liegen sah, der sich weder rührte noch regte.

Ein Todter, wisperte er der hinter ihm kommenden Klotilde heimlich zu, und wies auf den steinernen Gast. Klotilde entsetzte sich im ersten Augenblicke, doch fiel ihr zugleich auch ein, daß es ein Kranker seyn könne, der bei dem Oheim ärztliche Hülfe habe suchen wollen, und hier entkräftet umgesunken sey. Sie trat daher mit dem Marktmeister näher, und dieser leuchtete dem Schlafenden in das blasse Gesicht. Gott, das junge Blut schläft hier auf den kalten Steinen, sagte der Alte leise: ein feiner hübscher Mensch, der daheim bei der Mutter wohl auch eines bessern Bettes gewohnt gewesen ist.

Klotildens mitleidiger Blick weilte mit stillem Wohlgefallen auf dem Schlummernden. Die Schauer der kalten Mitternacht hatten seine Wange gebleicht; in den Zügen des schön geformten Gesichts lag etwas unbeschreiblich anziehendes, und in den Mundwinkeln schwebte ein mildes Lächeln, daß es schien, als hätte der sanfte Gott der guten Träume ihn das Ungemach der Wirklichkeit vergessen lassen, und umgaukelte ihn mit den rosigsten Phantasiebildern.

Mein Gott und Herr, welch' eine Zeit! sagte der Marktmeister halb laut vor sich hin: liegt der arme Mensch hier auf nacktem Stein, wie bei uns kein Hofhund, und daß das nicht schlechter Leute Kind ist, sieht man da an dem Ringelchen; das funkelt meiner Treu, wie der Abendstern selber.

Klotilde – den ganzen Tag nichts als den Jammer der gedrückten Einwohner vor Augen, und deren bittere Wehklagen noch im Ohre, hatte, von den vielen Auftritten des Elends hoch aufgereizt und in einer ganz eigenen Stimmung, das Rathhaus verlassen; jetzt wirkte dieses rührende Bild der grauenvollen Zeit um so tiefer auf sie. Die Augen standen ihr voll Wasser, und das Gefühl, hier gern helfen zu wollen, und nicht zu können, beengte ihr die Brust.

Ja, und wenn er noch einmal so sanft schliefe, meinte Schnäpfel: so werden wir ihn doch wecken müssen, denn, Mamsellchen, in das Haus müssen Sie, und über ihn weg, geht es doch nicht. Er faßte den jungen Mann behutsam bei der Schulter, rief mit gedämpfter Stimme: Mosje! – lieber Herr Sackernontjeh! – Tuttswitt – und der schöne junge Mann schlug die großen pechschwarzen Augen auf; sein erster Blick fiel auf Klotilden, und, als sähe er in der zarten Gestalt ein ihm eben entflohenes Traumbild, starrte er sie eine ganze Weile schweigend an, und murmelte, noch zwischen Schlaf und Erwachen, fragweise und kaum verständlich – heilige Mildwida von St. Saveur? –

Wohl mochte es ihm, noch halb schlaftrunken, vorkommen, als spräche ihn ein befreundetes Wesen aus der fernen Heimath an, da Klotilde mit dem Zauberlaute ihrer melodischen Stimme ihn, in der Sprache seines Landes, theilnehmend fragte, was ihm fehle, warum er hier unter freiem Himmel liege, ob ihm kein Obdach geworden sey; und jetzt erst wieder völlig munter, erzählte er dem mitleidigen Engel zwischen den gewappneten Schaarwächtern, welch' schmerzliches Opfer er seiner Nase gebracht habe.

Klotilde hörte kaum, daß er auf das Haus des Oheims gewiesen war, als sie ihre Begleiter, unter Zurückbehaltung der Laterne, verabschiedete, das Haus aufschloß und den Oheim lächelnd entschuldigte, der für die vielen eintreffenden Kranken der Armee, mit der Bereitung der Heilmittel aller Art jetzt fortwährend beschäftigt sey, unter denen wohl manches seyn könne, was keinen einladenden Geruch verbreite; zugleich aber versicherte sie, daß nunmehr bestimmt jede unangenehme Spur davon sich völlig verzogen haben werde, und ersuchte den jungen Fremden mit gastlicher Milde, ihr zu folgen.

Weckte sie den Onkel, so mußte sie von seiner natürlichen Aversion gegen alle Einquartierung, die heftigsten Vorwürfe über das Werk ihrer Barmherzigkeit erwarten. Der Mensch war so dankbar; er sprach so bescheiden; ging, um die Bewohner des Hauses nicht zu stören, auf den Zehen, redete aus der nämlichen Ursache immer nur ganz leise, verbat hinsichtlich der Bewirthung, wegen später Nachtzeit, alle Umstände; benahm sich mit so feinem Anstande, und hatte in seiner ganzen Manier etwas so Feines, so Zartes, daß sie, bei der dringenden Lage der Umstände, keinen Anstand nahm, ihm ihr Zimmerchen zu öffnen. Sie bat, wenigstens mit etwas Thee vorlieb zu nehmen, schlich in Apotheke und Küche, und besorgte Alles mit solcher Gewandtheit und freundlicher Gutmüthigkeit, daß der ungebetene Gast immer mehr in Verlegenheit gerieth, und dem gutmüthigen Kinde versicherte, lieber die ganze Nacht auf seinem Steinsopha geblieben zu seyn, wenn er gewußt hätte, daß ihr seine Aufnahme so viel Ungelegenheit mache.

Klotilde aber betheuerte, daß sie den Zufall glücklich preise, ihn des Bivouaks in der kalten Nacht überhoben zu haben, das ihm auf jeden Fall eine Krankheit zugezogen haben würde; daß sie das Alles recht gern thue, daß – sie wollte weiter sprechen, allein die schwarzen Augen des sehr hübschen jungen Fremden brannten so eigen auf die sanfte Himmelsbläue der ihrigen, daß sie diese niederschlagen, und sich wegwenden mußte, denn sie fühlte eine blitzschnell sie überfliegende Purpurgluth auf ihren Wangen, und es ward ihr so warm und wohl im wunderbar bewegten Herzen, als ihr noch niemals war.

Ist dieß das Quartier? fragte der Gast mit einem halben Seitenblick auf ein niedliches Häubchen, was am Vorhang angesteckt war, und Klotilde bejahte, und verschloß, was sie von ihren Kleidungstücken umherliegen sah, in den Schrank, holte einen frischen Ueberzug aus demselben, und schmückte ihr Bettchen mit dem Schnee des weißen Linnens, daß der junge Fremde, der nicht ahnete, welches große Opfer das Mädchen ihm in diesem Augenblicke brachte, in lautes Entzücken ausbrach, und dankbar meinte, daß er schon lange solche Bequemlichkeit entbehre.

Nun schlafen Sie auch recht wohl, sagte Klotilde mit wirthlicher Gastlichkeit: und morgen werde ich schon sorgen, daß Ihnen das Frühstück zu rechter Zeit gebracht werde.

Gute Nacht mein liebenswürdiges Mädchen, erwiederte der junge Mann und zog Tildchens Hand an seine Lippen. Lohne Ihnen Gott, was Sie an mir thun; morgen schreibe ich nach Marseille an meine Mutter, die hat ihren Nicolas gar sehr lieb, und was ihm Gutes geschieht, erkennt sie dankbar an, als sey es ihr geschehen: in der Ferne wird diese Sie segnen, und wenn ich einmal weit von Ihnen bin, und es geht Ihnen wohl, so denken Sie daran, daß –

Die bescheidene Klotilde ließ ihn nicht ausreden, sie bat, von der Kleinigkeit nicht so viel Aufhebens zu machen, die Mutter aber, wenn er morgen schriebe, von ihr zu grüßen. Sie nahm ihr Licht und ging.

In der Apotheke stand ein Sopha für die, welche auf die Bereitung der Arzneien zu warten pflegen. Von Stahlfedern und Roßhaaren war in selbigem zwar nicht viel zu spüren; Tildchen aber streckte, nachdem sie sich eine Decke geholt hatte, ihre zarten Glieder darauf mit solcher Behaglichkeit aus, und ruhete so sanft, als läge sie in einem fürstlichen Prachtbette. Das himmlische Bewußtseyn, den ganzen langen Tag bis zur Mitternacht nichts als Gutes gethan zu haben, verwandelte ihr hartes Lager in das weichste Ruhebette. Die müden Augenlieder senkten sich, und noch im Hinüberschlummern lächelte ihr kleiner Rosenmund lieblich, denn der Herr Nicolas schwebte ihr vor der süßträumenden Seele; die Hand, die er küßte, lag auf ihrem Herzen; sie hörte seine sanfte Stimme; sie ergötzte sich an den milden Ernst seiner frommen Rede, an der Zartheit seiner Kindesliebe, an dem Flammenblick seiner kohlschwarzen Augen, an der jugendlichen, frischen Gestalt seines wohlgebauten Körpers, und an der stillen Weise, die ihn so unbeschreiblich anziehend machte.

Sie hätte gern noch acht Tage lang so fortgeschlafen, denn Schalk Amor hatte in der Maske des Traumgottes, ihr tausend süße Bilder vorgeführt, daß sie, mit ihrem Fußspitzchen zum ersten Male im Rosengarten der Liebe, ob der neuen Wunder, in lauter Entzücken schwamm; aber Schnäpsler pochte sie, als der Morgen kaum graute, in dringenden Diensteifer schon wieder heraus. Zwanzig Menschen, berichtete er durch das Fenster, ständen bereits im wohllöblichen Sessionsaale, und warteten ihrer mit Verlangen.

Böslich verschüchtert vom lieblosen Diener des rathsbedürftigen Raths, verschwanden im Hui alle die freundlichen Träume, aber der Saamen, den sie in der stillen Nacht streuten, war auf fruchtbares Neuland gefallen. Das trägt, wie bekannt, gar gedeihlich, und als hätte Kupido seine Pfeile in Pflugschaar und Eggenzinken umschmieden lassen, und mit diesen das neuverliehene Grundeigenthum, Tildchens jungfräuliches Herz, die ganze Nacht kreuz und quer durchzogen, auf daß die Saat im warmen lockern Boden bald keime und Wurzel fasse, schmerzte es dem Mädchen, als es aufstand, unter der linken Brust, und doch war der Schmerz süß, und das Wehe wohlthuend.

Es war ihr wohl, im Geheimsten ihres Innern, so, als wisse sie, was dieß Alles bedeute, aber sie hatte nicht den Mut, sich genaue Rechenschaft darüber zu geben, und schob die Schuld auf das harte Sopha, auf dem sie schlecht gelegen, und nun davon Herzdrücken bekommen habe.

Als mädchenhaftes Kind hatte sich Klotilde gestern niedergelegt, als Jungfrau stand sie auf.

Keine der himmlischen Mächte ist auf Erden geschäftiger, als die Liebe; in der tiefsten Mitternacht hatte sie Klotildens argloses Herz beschlichen; es war unwiederbringlich verloren.

Klotilde stand, schon wieder völlig angekleidet, mitten in der Apotheke, sah vor sich hin auf Einen Fleck, träumte wachend, und war so in Gedanken vertieft, das sie hoch aufschrack, als Schnäpsler zum zweiten Male an das Fenster pochte, und dringend bat, doch ja gleich zu kommen.

Jetzt raffte sie sich mit Gewalt zusammen, eilte zum Dienstmädchen, das noch im Bette lag, und erzählte diesem, das oben in ihrem Zimmer Einquartierung sey, daß für Frühstück und alle übrige Bedürfnisse ordentlich gesorgt werden müsse, und daß vor Allem Onkel und Tante, sobald sie aufständen, davon zu unterrichten wären, und eilte auf ihren, heut ihr noch dreimal ungelegenern Posten.

Onkel Flümer, der kurz nachher aufgewacht war, und am Dämmern des Morgens wahrnahm, daß es schon nicht ganz früh mehr sey, fuhr aus dem Bette, um Klotilden zu wecken, damit diese sofort auf das Rathhaus wandere, und er dadurch ihr Frühstück erspare.

Er platzte mit seiner gewöhnlichen Heftigkeit in Klotildens Zimmer, und wollte sie rufen, aber die Überraschung speilerte ihm den Mund und schnürte ihm die Gurgel. Als faßte ihn ein Wirbelwind, so ras'te er in drei Sätzen die Treppe hinab, und seine, noch im Bette, befindliche theure Hälfte vermeinte schier, daß aus der Heerde der Gergesener ein Teufel in ihn gefahren sey, denn er sprang wie besessen umher, und sprach von Schnurrbart und Spornstiefeln, von beschimpftem Haus und Apotheke, von unerhörter Scheinheiligkeit, von Czako's, von Halsumdrehen, Landstreicherin, und zum Hausehinauswerfen, so bunt durch einander, daß Madame Flümer mehrere Mal fragte, ob es bei ihm rappele, ob er Rasekraut oder Tollwurzel gegessen habe, ohne jedoch genügende Antwort zu bekommen.

Endlich kam dann die saubere Entdeckung im Zusammenhange heraus, und Madame Flümer fuhr mit lautem Schrei aus dem Bette, als sie das schreckliche Skandalum vernahm. Keine Stunde darf sie in meinem Hause bleiben, rief sie wüthend, und steckte aus Furcht vor naher Ohnmacht, die Nase zolltief in ihr Bisambüchschen; aber sag' um Gotteswillen, wo kömmt der Mensch her?

Wo er herkömmt? entgegnete er in grimmigen Zorn: wo anders als vom Rathhause; gewiß ist er spät eingetroffen, hat kein Quartier finden können, ein bischen gelärmt, und aus purer Menschenliebe – nein, es ist zu toll! Das Mädchen, Hab und Gut hätt' ich für dem seine Unschuld eingesetzt; nun trau einer noch heut zu Tage einem Mädchen!

In dem Augenblicke klingelte es in der Apotheke; Papa Flümer ging. Es war zum Unglück der Pipist, Meister Schabig, der zum frühen Morgen ein Gläschen Bittern verlangte; diesem vertraute Herr Flümer, in der ersten Hitze, die ganze Geschichte, und natürlich stand das arme engelreine Tildchen noch vor Mittage, in jedem Familienkreise der ganzen Stadt, schonunglos am Pranger. Wenn doch auch nur Eins gefragt hätte, ob es denn auch wirklich wahr sey, was man von dem bis dahin ganz unbescholtenen Mädchen sich einander erzähle! O – wenn doch jede Zunge, bei der ersten Verläumdung, gleich auf der Stelle im Munde verdorrte. Stille Wasser sind tief, sagte der Eine; die hat es hinter den Ohren, der Andere, so ein kleines Wetterding, der Dritte, das habe ich ihr schon lange angemerkt, der Vierte, und, wenn es nur kein Franzose gewesen wäre, Alle mit einander. Und während die Unmenschen so ihre Ehre und Ruf unbarmherzig zerfleischten, stand sie unter den Vätern der Stadt, und verfocht, für vier und zwanzig gute Groschen Sündengeld, das in Flümers Tasche floß, ihre bedrängten Mitbürger gegen die unsinnigen Forderungen der Einquartirten mit dem regsamsten Eifer, und der Gott, der die Thränen des zertretenen Deutschlands zählte, gab den Worten des Mädchens Kraft; ihre sanfte Rede machte die wildesten Tiger zahm, und ihren weisen Aussprüchen und ihren billigen Entscheidungen unterwarfen sich die streitenden Partheien ohne Einwand.

Das Dienstmädchen erzählte zwar, was ihm Tildchen aufgetragen, an Herr und Madame Flümer, aber das war nur eine zusammengefabelte Geschichte. Der Stab war einmal über sie gehrochen, und Flümer schwur hoch und theuer, daß das liederliche Ding mit keinem Fuß je wieder über seine Schwelle kommen solle. Auch den Herrn Patron oben wollte er schon hinaus complimentiren; er nahm sein Schwefelleberkunststückchen wieder vor, allein Nicolas öffnete, als er den Banndampf von unten herauf verspürte, zum großen Ärger der Madame Flümer, die ihr umsonst verbranntes Holz höchlich bejammerte, die Fenster, und ertrug, in der Meinung, daß die bereitete Pestgerüche wieder von den Arzneien herkämen, die zum Beßten seiner kranken Kameraden gemacht würden, den heillosen Duft, mit stoischer Ruhe. Jetzt sandte er auch sein Quartierzeddel an Herrn Flümer, der nun wohl sah, daß die Aufnahme des Fremden ein bloßes Werk der Barmherzigkeit von Tildchens Seite war; auch milderte sich bei Madame der Zorn um ein Merkliches, als der junge Herr Nicolas, nach der feinen Sitte seines Landes, ihr, als Frau vom Hause, seine Aufwartung machte, sie mußte, ihn von oben bis unten betrachtend, sich gestehen, daß in ganz Finsterberge keiner war, der ihm das Wasser reiche, und sie grollte im Geheimen ihren längst vermoderten Eltern noch im Grabe, daß sie ihr keinen Unterricht im Französischen hatten geben lassen, denn sie hätte gar zu gern mit dem hübschen jungen Manne ein Paar Worte gewechselt. Er hatte ihr die Hand geküßt, er hatte, mit der Pantomime des Entschuldigens, mehrere Verbeugungen gemacht; er hatte im Sprechen die Worte incommoder und Pardon fallen lassen, und bei dem Worte Pardon seine Rechte auf sein Herz gelegt, gleichsam als ob er sagen wolle, wie leid es ihm thue, sie zu incommodiren, und daß sie ihm dieß pardonniren solle, und um ihn darüber zu beschwichtigen, bewirthete sie ihn mit selbstgemachtem Lünel, und klopfte ihm auf die Achsel, und meinte in gebrochenem Deutsch: Mit der Zeit versteh; Mann draußen in Apothek – Burr, immer brumm, brumm, wie alt Bär, gut Logis; nicht stink; Essen viel, Trinken viel; und gewiß hatte er weggekriegt, daß sie hatte sagen wollen, sie würden sich mit der Zeit schon verstehen lernen; ihr Mann sey zwar zuweilen ein wenig mürrisch, allein das Quartier sey gut; die unwillkommenen Gerüche nicht beständig, und was Essen und Trinken anbelange, solle er keine Klage haben, denn Nicolas lachte freundlich zu allem diesem; ihr Gesicht indessen verzog sich bemerkbar, als er sich umsah, und nach Demoiselle fragte; sie entgegnete kurz: Mamsel – Mähr (wahrscheinlich wollte sie sagen; beim Maire) Rathhaus, – viel parlir, und setzte heimlicher hinzu; Mamsell nicht gut – viel Paßion – pauvre falsche Katz. Auch das schien er zu verstehen, und empfahl sich nach einer Weile.

Madame Flümer war lange nicht so vergnügt gewesen, wie diesen Morgen. Beim Weggehen hatte ihr der junge Mensch die Hand wieder geküßt; zweimal; und – ja, sie konnte es sich nicht leugnen, und auch sehr bedeutend gedrückt. Was sie alles in seinem Blicke las, wollte sie, lieblich verschämt, sich selbst nicht gestehen, aber sie müßte den Staar haben, meinte sie, wenn der nicht bis über die Ohren in sie verliebt wäre. Mit der Unterhaltung war es, wie sie sich schmeichelte, recht gut gegangen; sie brauchte nicht vier Wochen mit dem niedlichen jungen Menschen zusammen zu seyn, so plapperte sie bestimmt, wie eine geborne Französin.

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