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Der Bildschnitzer von Würzburg

August Sperl: Der Bildschnitzer von Würzburg - Kapitel 9
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typefiction
authorAugust Sperl
titleDer Bildschnitzer von Würzburg
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1925
correctorJosef Muehlgassner
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VIII.

Im Laufe des Nachmittages kamen Späher des Bischofs mit der Nachricht ins Schloß, daß die Tore der Stadt verwahrt und besetzt seien, daß man allenthalben die morschgewordenen Schranken und Riegel durch neue ersetze, die wichtigsten Zufahrtsgassen mit eisernen Ketten versperre, jenseits des Maines gegen Sankt Burkhard den Einritt in den Main verplanke und alle Wege vom Frauenberg zur Stadt mit neuen, starken Riegeln und Ketten verwahre.

So blieb kein Zweifel: die ungetreue Stadt schloß sich ab gegen ihren Herrn.

Nun griff Lorenz Fries zu einem letzten Mittel, den Ratsherrn Tilmann Riemenschneider doch noch umzustimmen und auf einen anderen Weg zu bringen. –

In tiefer Dämmerung lag die Stadt. Da machte sich ein greiser Priester aus seiner Behausung auf und strebte dem Wolfmannszichlein zu. Denn er wollte sein altes Beichtkind besuchen.

Er wunderte sich über die vielen Leute auf den Plätzen und in den Gassen. Denn er war seit einigen Tagen nicht aus seinen vier Wänden gekommen, und die Fenster seines Stübleins gingen, abseits vom Weltgetriebe, auf stille Gärten hinaus. Trotzdem wußte er aber gar wohl, um was es sich handelte in der Stadt Würzburg, und besaß eine klare Vorstellung davon, was ihm zu tun oblag. –

Tilmanns Schwiegertochter hatte soeben ihrem Manne gesagt, er solle doch für diese Nacht auch den zweiten Verschluß vor die Haustüre schieben, und Jörg schickte sich an, den schweren Balken einzulegen.

Da kam es schreiend und johlend die Gasse herauf.

»O du heilige Jungfrau!« klagte das Weib. »Man kommt schon gar nimmer aus der Angst. Kannst du's verstehen, was sie schreien?« Sie schob ihren Mann von der Türe, öffnete den Ausguck und spähte auf die Gasse hinaus.

Jetzt war es deutlich zu vernehmen: »Ein Pfaff! Schlagt tot! Schlagt tot!« Und näher kam es: »Schlagt tot! Schlagt tot!«

Hundert Schuhe rauschten heran.

Da ertönte vor Tilmanns Hause über alles Schreien und Johlen eine gewaltige Stimme, die den ganzen Hausen zum Stehen brachte: »Ihr Stickel, ihr grobe, ihr, was wollt ihr denn – he? Seht ihr's denn nit, wer das ist? Das ist doch der Herr Domvikar; den kennt doch jedes Kind in der Stadt. Was hat euch denn der andächtige Herr zuleid getan? Wo wollt Ihr denn hin, andächtiger Herr? Den Meister Tilmann wollt Ihr besuch'? Ei, da seid Ihr ja schon. Auf da drinnen! – Ihr Läushämmel aber, ihr dreckige, ihr, macht, daß ihr weiterkommt oder ich zeig' euch mein' großen Spazierstock!«

Jörg Riemenschneider öffnete die Türe, sein Weib hielt die Kerze hoch, und, gestützt auf einen vierschrötigen Mann, wankte der Vikar über die Schwelle.

»Es ist Sünd' und Schand', wie sich die Buben an so einem Priester vergeh'!« keuchte der Bürger. Jörg Riemenschneider aber legte den Balken vor.

Der Bürger konnte sich gar nicht beruhigen: »Andächtiger Herr, sie haben Euch halt nit gekennt. Haben Euch gewiß nur für einen Domherrn angeguckt. No, jetzt seid Ihr ihnen ja aus den Händen. Und ich setz' mich da in die Stube und wart', bis Ihr ausgered't habt. Denn wenn's der Herr annehmen tät, möcht' ich ihn nachher heimbegleit', damit er keine Unannehmlichkeiten kriegt.«

Mit hocherhobener Kerze kam Tilmann Riemenschneider die Stiege herab.

Der Priester lehnte an der Wand und atmete schwer. Dennoch versuchte er zu scherzen: »Meister, ich bin mit großem Gefolge zu Euch gekommen, und es war mir zumute wie dem heiligen Stephanus, als sie ihn zum Steinigen hinausstießen. Nur daß der heilige Stephanus halt ein Heiliger gewesen ist, und ich bin nur ein armer, sündiger Mensch.«

»Ich sag's ja, es ist Sünd' und Schand'!« rief der Bürger. Tilmann aber befahl mit rauher Stimme: »Auf!«

Zum zweiten Male öffnete sein Sohn die Haustüre.

Tilmann trat auf die Gasse. Aber die Gasse war leer.

Der Ekel schüttelte ihn.

Sorgsam griff er dem alten Mann unter den Arm und führte ihn die Stiege empor.

*

Der Priester saß zusammengesunken am schweren Eichentisch und nippte von Zeit zu Zeit an einem silbernen Becher. Still brannte die Kerze auf dem Leuchter.

Gegenüber saß Herr Tilmann aufrecht und machte ein strenges, abweisendes Gesicht.

Der Priester hatte längst gesehen, daß seine Sendung gescheitert war.

Fast fünfzig Jahre des Priestertums lagen hinter ihm, keine Regung der menschlichen Seele war ihm fremd geblieben in dieser langen Zeit, und das menschliche Antlitz war ihm wohlvertraut als der untrügliche Spiegel dessen, was die Seele bewegt. Von solchen Spiegeln zu lesen war ihm zur Gewohnheit geworden, und in dieser Kunst war er dem kunstfertigen Tilmann weit überlegen.

Jawohl, seine Sendung war gescheitert.

Sein Beichtkind würde aus dem selbstgewählten Wege fortschreiten, und der Bischof mußte sehen, wie er ohne den Beistand der Stadt zurechtkam.

Eigentlich hätte er nun gehen können. Aber es war auf dem Antlitze seines alten Beichtkindes doch noch etwas zu lesen, was den Priester zum Bleiben bewog.

Vorsichtig, gleichsam tastend begann er: »Mich jammert des Volkes.«

»Das ist's eben, warum ich mich ihm verschrieben habe mit Leib und Seele!« rief Tilmann. »Und ich dächte, alle Wohlgesinnten sollten sich zusammentun und mit vereinten Kräften die Ungleichheit aus der Welt schaffen.«

»Die Ungleichheit aus der Welt schaffen –?« fragte der Greis gedehnt, und seine schmalen Lippen kräuselten sich zum erstenmal an diesem Abende zu einem Lächeln. »Ei, wenn Ihr das vermögt, da tue ich mit.«

»Nun also, helft!« sagte Tilmann, faltete die Hände und neigte sich herüber.

»Wenn Ihr das vermögt, tue ich mit,« wiederholte der Priester; »darüber habe ich schon oft nachgedacht und bin zu keinem Ende gekommen. So ist es mir zum Beispiel, im Vertrauen gesagt, schon längst ganz ärgerlich, daß Ihr die Mutter Gottes schnitzen könnt und ich keinen Kochlöffel.«

Zornig rief Tilmann Riemenschneider: »Ich meine doch nicht solche Ungleichheiten!«

»Solche nicht? Also andere?« erkundigte sich der Priester. »Und wo laufen die Grenzen zwischen den einen und den anderen, wenn die Frage erlaubt ist?«

Tilmann rückte auf seinem Sitze hin und her: »Ich dächte, wenn mich einer verstehen kann, wie ich's meine, dann seid Ihr's, andächtiger Herr. Ein ganzes Leben lang habt Ihr nichts anderes gefragt, als nur das eine: wie helfe ich dem Volk? Und Eure letzten Bissen habt Ihr mit den Armen geteilt, wenn es not tat.«

Der Priester hob die schmale, welke Hand und wehrte lächelnd ab.

»Ihr, einer von den vielen kärglich besoldeten geistlichen Knechten der Nichtstuer und Prasser in den Domherrnhöfen –!«

Der Priester lächelte noch immer: »Ich habe noch nie einen Nichtstuer und Prasser beneidet.«

»Ihr, einer von den Wenigen, denen wir's danken, daß das heilige Evangelium noch nicht ganz in Sumpf und Boden gegangen ist in der Stadt Würzburg.«

»Ich verstehe Euch, Meister, Ihr wollt sagen: wenn sich Menschen wider ihre Oberen erheben, dann ist immer Schuld vorhanden,« unterbrach ihn der Priester.

»Schwere Schuld, unerträgliche Last!« rief Tilmann.

»Schwere Verschuldung auf beiden Seiten wider die göttliche Ordnung,« sagte der Priester.

»So habe ich's nicht gemeint, Ehrwürdiger! Schwere Schuld auf der einen, unerträgliche Last auf der anderen Seite.«

Unbeirrt fuhr der Priester fort: »Auf beiden Seiten schwere Schuld. Die Gottheit aber hält die Wage mit den schwankenden Schalen, bis die Schalen gleich und stille stehen und das Wort erfüllt ist: Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr. Denn es ist wahr und muß wahr bleiben und wird der Menschheit immer wieder gepredigt in sanftem Säuseln, in brausenden Stürmen, mit Blut, mit Tränen:

Die kleinen Ordnungen vergehen
im Strom der Zeit –

Die große Ordnung bleibt bestehen
in Ewigkeit.«

Der Priester hatte sich erhoben und stand nun genau da, wo vor ein paar Monaten die mächtige Gestalt des Bischofs gestanden war. Ein dürstiger Greis, nahe der Grenze, die allem Fleische gezogen ist. Aber seine Gestalt stand an diesem Ort wie eines wahren Bischofs Gestalt, und seine schwache Stimme klang, als käme sie von jenseits der Grenze herüber, hinein in diese Welt des Irrtums, der Verworrenheit: »Mich jammert des Volkes auf beiden Seiten, und wie so gerne möchte ich ihnen verkündigen, was zu ihrem Frieden dient! Und Ihr, Herr Tilmann, jammert mich doppelt und dreifach; denn Euch hat die Gottheit tief in die Augen geleuchtet ein Lebenlang, und dennoch will sich Euer Weg in Finsternis verlieren.«

»Weil ich mich der Unterdrückten annehme?« fuhr Tilmann auf.

»Ich denke nicht mehr daran,« sagte der Priester mit Gelassenheit. »Ich denke über die große Sündflut hinüber, die kommen muß, und denke jetzt nur an Euch, ob Ihr Euer Schifflein in den Port retten oder ob Ihr im Strudel versinken werdet. O daß Ihr Euch aufmachtet, zu suchen, solang es noch Tag ist! O daß an Euch wahr würde ein Wort unseres Erlösers, das uns nicht die heiligen Evangelien überliefert haben sondern der Kirchenvater Eusebius:

»Nicht wird Ruhe haben, der sucht, bis daß er finde. Und wenn er gefunden hat, wird er staunen. Und wenn er gestaunt hat, wird er zur Herrschaft kommen. Und wenn er zur Herrschaft gekommen ist, wird er ausruhen.«

Tilmann Riemenschneider schüttelte verständnislos das Haupt. Es war ihm, als hätte wieder einer in fremder Zunge gesprochen, wie damals; denn seine Ohren waren verstopft und seine Augen gehalten.

*

Am nächsten Abend gellte die Glocke durch das Haus zum Wolfmannszichlein, und als man öffnete, flog ein Brief herein.

Herr Tilmann erbrach das Siegel und erkannte die unverfälschte Schrift des Lorenz Fries, obgleich die Unterschrift fehlte. Und er las die schöngeschriebenen Worte:

»Es war einmal zu Bischof Johanns Zeiten ein Bürger in Würzburg mit Namen Hans Bausback. Der nahm sich der Händel zwischen Stadt und Bischof in seiner Art an, erdichtete Briefe im Namen anderer, ließ sie wie von ungefähr aus der Tasche fallen oder steckte sie dahin und dorthin, hoffte dadurch Aufruhr des gemeinen Mannes zu stiften. Aber einmal wurde er auf frischer Tat ergriffen, peinlich gefragt und nach abgelegtem Bekenntnis, daß ihm ein anderer zu dieser Büberei geraten und geholfen habe, geschleift, gevierteilt und an allen vier Toren aufgehangen. Das hat sich vor einhundertfünfzig Jahren begeben. Wer Ohren hat zu hören, der höre!« –

Die Leute jener Zeit pflegten zuweilen sehr deutsch miteinander zu reden. Und Tilmann Riemenschneider verstand den Sinn dieser Worte besser als den dunkeln Spruch aus dem Kirchenvater Eusebius.

Aber diesmal wandte er geflissentlich die Augen ab und verstopfte sich selber die Ohren.

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