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Der Bildschnitzer von Würzburg

August Sperl: Der Bildschnitzer von Würzburg - Kapitel 8
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typefiction
authorAugust Sperl
titleDer Bildschnitzer von Würzburg
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1925
correctorJosef Muehlgassner
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VII.

Stinkende Luft lastete auf der Ratsversammlung im weiten, hochgewölbten Wenzelsaale, von dessen Wänden ringsumher die gemalten Wappen alter Stadtgeschlechter herableuchteten.

Es war eine seltsame, unerhörte Sitzung: Drunten auf dem Platze zwischen dem Stadthause und der Linde stand Kopf an Kopf wie gestern nacht die Bürgerschaft, und droben berieten die Ehrbaren und Weisen. Aber sie berieten keineswegs unabhängig, in ihren vier Wänden bedächtig erwägend. Denn durch die geschlossenen Fenster drang das aufgeregte Gemurmel derer da drunten und sprach vernehmlich herein in ihre Versammlung.

Geraume Zeit schon hatten sie gegeneinander geredet, und die Meinungen entsprachen der Anzahl der Köpfe. So ziemlich alle Redner schwankten hin und her zwischen der augenblicklichen Angst vor dem gemeinen Mann und der angestammten Furcht vor dem Herrn auf dem Frauenberge. Aber der gemeine Mann stand jetzt entschieden näher als der Fürst da droben, dessen Abgesandte in einem entlegenen Gemache aus die Entschließung der Stadtväter warteten. Und neben der angestammten Furcht vor dem da droben und neben der Angst vor dem gemeinen Manne spielte noch etwas ganz anderes, etwas, von dem die Geschlechterwappen rings an den Wölbungen des Saales in brennenden Farben lautlos erzählten; und in der Furcht vor dem Bischof gärte heimlich gerade in den Vornehmsten, in den Abkömmlingen jener ältesten Geschlechter ein aus dem Blute zahlloser Zeugen genährter, durch die Jahrhunderte vererbter Haß – nicht gegen den Bischof, nicht gegen Krummstab und Mitra, sondern gegen den Landesherrn, gegen den Inhaber der weltlichen Macht, die in langen Kämpfen nach ihrer Meinung den Vätern ein Stück um das andere von alter Freiheit und Herrlichkeit weggerissen, die Stadt aus einer – vielleicht nur erträumten – Höhe zur Fürstenstadt herabgedrückt hatte.–

Der Ratsherr Tilmann Riemenschneider war die ganze Zeit her still auf seinem Platze nahe dem großen Erkerfenster gesessen. Nur seine leuchtenden Augen hatten sich auf jeden der Redner gerichtet, und dann und wann hatte ein überlegenes Lächeln seinen, von all diesem Gerede abweichenden Standpunkt zum Ausdrucke gebracht.

Altererbtes Bürgerbewußtsein lebte nicht in ihm. Er war der vor Zeiten Zugewanderte aus Osterode am Harz, und mit den Märtyrern Altwürzburger Freiheitskämpfe verband ihn keine Blutsgemeinschaft. Gerade deshalb aber stand er auch hoch über all diesen, die da hin und wider redeten. Die trafen ja gar nicht die Not der Zeit. Jetzt war es an ihm, den Mund aufzutun für die Sache der Bedrückten in der Stadt und aus dem flachen Lande. Er bat ums Wort.

In diesem Augenblick öffnete einer die Saaltüre, glitt an der Wand hin, sprang in den Erker, sprang in das andere, das dritte Fenster, riß alle auf und schrie mit gellender Stimme auf den Platz hinunter: »Seid still, der Ratsherr Tilmann Riemenschneider spricht!«

Der Erste Bürgermeister war von seinem Sitze aufgefahren und rief: »Unerhörte Frechheit – was will der Bürger?«

Bermeter wandte sich in der letzten Fensternische und antwortete mit weithin schallender Stimme: »Der gemeine Mann hat ein Recht, zu hören, was hier oben verhandelt wird. Wer es wagt, der gehe her und schließe die Fenster!« Dann wandte er sich wieder gegen die drunten und schrie: »Wollt ihr hören, was unser Tilmann Riemenschneider spricht?«

Hundertstimmiges Geschrei antwortete von unten herauf, und der Erste Bürgermeister sank schreckensbleich auf seinen Sitz zurück.

Und nun begann der Bildschnitzer, indes Bermeter mit unhörbaren Katzenschritten an den offenen Fenstern hinstrich. Und es war nicht zu verkennen, daß der Redner seine Stimme aufs äußerste anstrengte und mehr gegen die offenen Fenster als in den Saal hinein sprach.

Es war eine damals ganz ungewöhnliche Rede, es war eine Rede nach dem Herzen des gemeinen Mannes: Alle Not kam von der großen Ungleichheit, und wenn die Gleichheit hergestellt wurde, dann war auch alle Not zu Ende, und es begann ein Leben, wie es einst Adam und Eva im Paradiese geführt hatten – ohne die Schlange und in prächtigen Kleidern. Und jetzt galt es nur noch, die Wenigen, die sich gegen das Neue stemmten, zu überzeugen. Womöglich ganz ohne Blutvergießen. Und das mußte gelingen, wenn die hunderttausend Bauern vor Unser lieben Frauen Berg zogen und die Bürger mit ihnen Bruderschaft schlossen. Er, Tilmann Riemenschneider, sei der festen Ansicht, daß es letzten Endes gar keines Schusses, gar keines Schwertstreiches bedürfe, die wenigen Halsstarrigen von der Wahrheit zu überzeugen. Denn im Grunde seien alle Menschen von Natur gut, und das, was uns an unseren Nächsten nicht gefalle, sei nur eine Folge der Ungleichheit und der Armut.

Die Ehrbaren und Fürsichtigen im Saale verstanden jedes Wort des Mannes, dessen Antlitz leuchtete wie das Antlitz Mosis, als er vom Sinai herabstieg zu den Juden, die um das goldene Kalb tanzten. Aber trotzdem enthielt seine Rede viel des Unverständlichen für ihre schlichten Gemüter. Der gemeine Mann vor dem Rathaus unter der Linde verstand allerdings nur abgerissene Sätze. Aber was er verstand, ging ihm süß ein, und im übrigen wußte er ja, daß der gute Bildschnitzer da droben seine Sache vertrat, und Bermeter versäumte nicht, sobald sein Meister nach einem besonders kraftvollen Satze Atem schöpfte, mit Winken und Rufen tosendes Beifallsgeschrei aus seinen Anhängern zu locken.

Es war zu erkennen, daß Tilmann den Faden seiner schönen Rede nahezu abgesponnen hatte. Da verzerrte ein höhnisches Lächeln Bermeters Gesicht. Mit ein paar unhörbaren Schritten trat er neben den Ratsherrn und raunte zornig:

»Den Brief! Den Brief!«

Und als wäre der Bildschnitzer ein von Bubenhand gepeitschter Kreisel, stürzte er sich aus den Höhen allgemein menschlicher Betrachtungen mitten in die Frage, von der alle Gemüter erfüllt waren, und brachte sie nach wenigen Augenblicken zur Entscheidung. Er bezichtigte den Bischof, daß er Gewappnete und Geschütze in der Stadt verborgen halte und daß er in dieser Stunde noch viel mehr Reisige heranführe. Er beschuldigte ihn des Verrates an der gesamten Bürgerschaft. Und als die Ratsherren mit zornbebenden und angstverzerrten Gesichtern aufsprangen und von allen Seiten Rufe nach Beweisen laut wurden, da rief Tilmann, daß es über allen Tumult hingellte: »Hier habt ihr den Beweis!« Und damit zog er den Brief aus der Brusttasche und warf ihn auf den Tisch.

Jetzt widerhallten die Wände des Saales vom Geschrei der empörten Stadtväter, und von Hand zu Hand ging der Brief.

Bermeter hatte sich aus der Versammlung gedrückt. Sein Werk da droben war getan. Wie eine Schlange glitt er kreuz und quer durch die Menge vor dem Stadthause und zischte dahin und dorthin, daß alles nach Wunsch verlaufe. Langsam entleerte sich der Platz, und bis in die entlegensten Gäßlein drang das Gerücht: Der Bischof hat die Stadt verraten wollen, aber der Riemenschneider hat's aufgedeckt.

Es war ein vergebliches Unterfangen, daß sich einer der Ratsherren, ein weitgereister Handelsmann, das Wort erbat und die Frage stellte, ob denn das Schreiben auf seine Echtheit geprüft sei und ob man nicht die Abgesandten des Bischofs schnurstracks zur Rede stellen sollte. Denn es sei doch ein gefährlich Unterfangen, mit dem angestammten Herrn zu brechen und alle Hoffnung auf die fremden Empörer zu setzen. Der Vielerfahrene wurde niedergeschrien. Für alle Angst, die man vor der Volksmenge da drunten durchgemacht hatte, hielt man sich nun schadlos durch ungefährliches Toben gegen den Bischof. Es wurde die Losung ausgegeben: Heimlichkeit gegen Heimlichkeit. Und nach einer Stunde ritten die Abgesandten des Bischofs zurück aus den Liebfrauenberg und brachten nichts als zweideutige, hinterhältige Worte.

Als aber Tilmann das Stadthaus verließ, drang eine Rotte Männer von der Linde heran, umringte ihn, und kraftvolle Arme hoben den sich Sträubenden auf breite Schultern. Und also ritt der Bildschnitzer unter dem Jubel des von allen Seiten herbeiströmenden Volkes, aber auch unter unsäglichen Beschwerden über den Sternplatz durch die Sterngasse zu seiner Behausung.

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