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Der Bildschnitzer von Würzburg

August Sperl: Der Bildschnitzer von Würzburg - Kapitel 5
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typefiction
authorAugust Sperl
titleDer Bildschnitzer von Würzburg
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1925
correctorJosef Muehlgassner
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IV.

Es war doch alles so wohlgeordnet gewesen im Heiligen Römischen Reiche Deutscher Nation. Tief unten lebte die Masse derer, denen es bestimmt war, die Erde umzuwühlen im endlosen Wechsel der Jahreszeiten, an der Scholle zu kleben, auf der Scholle zu leiden, in die Scholle zu sinken nach ihren Tagen. Und auf diesen lastete es wie ein schweres Netz mit engen Maschen: Herren und Herrlein, Krieger und Priester – untereinander verschieden, gegeneinander in ewige Kämpfe verstrickt, dennoch einig in dem angeborenen Bewußtsein, daß die da drunten letzten Endes nur für sie geschaffen seien, und daß die Verpflichtung zum Schutze Hand in Hand gehe mit dem ungehemmten Genuß aller Güter.

So war's gewesen, und wenn sich in der grauen Masse einmal etwas geregt hatte, dann war eben das Netz um so straffer gespannt worden.

Doch heute? – –

Um dieselbe Zeit, als Bermeter auf der Weinbergsmauer saß und die Laute schlug, stand der Bischof droben im Schlosse in der tiefen Nische am offenen Fenster seines Arbeitsgemaches und blickte in schweren Gedanken auf die Stadt, die, vom Sonnenlichte übergossen, in all ihrer heiteren Pracht zu seinen Füßen lag.

Und plötzlich sagte er ganz laut: »Der Pfeifer kommt wieder!«

Auf dieses hin erhob sich ein Wolfshund in der Tiefe des Gemaches, schritt unhörbar über den Teppich und winselte leise. Als er nicht beachtet wurde, sprang er auf die Polsterbank der Nische, setzte sich, legte die Pfote auf den Arm seines Herrn und sah ihn fragend von der Seite an.

»Wo gehört der Hund hin?« rief der Bischof.

Da sprang der Rüde gehorsam von der Bank, setzte sich und gähnte laut auf.

Der Bischof wandte den Blick nicht von der Stadt; aber seine Rechte strich liebkosend über den Kopf des Tieres. –

Bischof Konrad hatte am hellen Morgen eine Vision: Er sah den Pauker von Nicklashausen, dem sich vor fünfzig Jahren die Mutter Gottes geoffenbart hatte. Er sah, wie er seine Pauke verbrannte und allem Volke Buße predigte. Er sah, wie Tausende und Abertausende dem Manne mit der Zottelkappe in Verzückung lauschten. Er sah, wie sie sich um eine Zottel aus seiner Kappe rauften, weil er gepredigt hatte, daß ein jeder sich mit seinen selbsteigenen Händen ernähren müsse, daß keiner mehr besitzen dürfe als der andere. Und er sah die Gewappneten des Bischofs in den Haufen brechen und den Wundermann gefangen auf den Frauenberg schleppen. Und dann – ja dann kamen sie zu Tausenden gezogen, und der Berghang wimmelte – die einen trugen ihre Wehren, die anderen aber trugen Kerzen. Und am hellen Morgen flammten hunderte von Kerzen auf, bettelten um Gnade für den frommen Jüngling und brannten schwelend ab. Ein Dunstschleier legte sich über die Massen, und wie sie gekommen waren, unter frommen Gesängen, so fluteten sie zurück in die Tiefe, wohin sie gehörten.

»Der Pauker ist vom Scheiterhaufen gestiegen, der Pauker kommt wieder!« sagte Bischof Konrad zum zweiten Male mit bebenden Lippen, ging herunter ins Gemach und begann auf und ab zu schreiten. Wortlos rang er die Hände.

Es schien, als wäre es dem Hunde nicht mehr geheuer in der Nähe seines Herrn. Er zog die Rute ein, strebte unhörbar zum Ofen zurück und verkroch sich.

Und wieder trat Herr Konrad ins Fenster und starrte ins Land hinaus. Und plötzlich begann er halblaut, als wäre er ein Kind und fürchte sich im Dunkeln, einen Spruch zu sagen:

Sorgen stehen wie Gespenster,
ach, vor jedem Kammerfenster;
kaum ist eine abgezogen,
kommt die andre angeflogen;
Sorgen groß und Sorgen klein
gucken Tag und Nacht herein,
ob du wachest oder träumst –
bis du einst das Häuslein räumst:
In dein letztes Kämmerlein
dringt kein Sorgenblick hinein.

Also sprach Herr Konrad, Bischof zu Würzburg, Herzog in Franken, und sah das gute, sorgenvolle Antlitz seiner seligen Mutter, hörte ihre Stimme und fühlte ihre Hand auf seinem Scheitel ruhen.

Nach einer Weile ging er an den Wandteppich zur Linken und schob ihn auseinander. Ein Betschemel stand vor einer Nische, und in der Nische hing ein lebensgroßer Kruzifixus.

Der Bischof sank schwer in die Knie und barg sein Haupt in den gefalteten Händen.

Aber sein Gebet war zerrissen von den Gedanken, die sich in seinem Gehirn kreuzten.

Vor seinen geschlossenen Augen wälzten sich die Heere der Bauern heran, und in seinen Dörfern stand das Volk auf und strömte den Brüdern entgegen – – die einen mit Jauchzen, die anderen unter hartem Zwang.

Er hatte sich oft gerühmt, daß er den Abriß seines Bistums mit allen Städten, Dörfern, Burgen, Klöstern, Wäldern, Flüssen und Straßen jederzeit aus dem Gedächtnis auf eine Tafel werfen könnte. Jetzt war vor seinen geschlossenen Augen ausgebreitet das schöne, reiche Frankenland, und vor diesen seinen Augen begann ein Kloster nach dem anderen zu brennen, eine Burg nach der anderen zu rauchen. Und auf Straßen und Steigen ritten und liefen seine Boten in weite Fernen um Hilfe, ritten und liefen die Boten seiner Amtleute, seiner Lehnsleute, seiner Klöster, hergesandt zu ihm, Hilfe heischend von ihm, dem hilfebedürftigen Herrn. Und da drunten lag die Stadt im Sonnenscheine, sie lag so tief, daß all ihr Lärm nur gedämpft zu ihm empordrang, – lag wie ein böses Rätsel, zu dem er den Schlüssel suchte, daß ihn der Kopf schmerzte.

Nein, er konnte nicht beten; der Grimm schüttelte ihn, der Geist der Empörung, der durch die Lande ging, hatte auch ihn gepackt. Aber gegen wen sollte er, der Herr, sich empören? Gegen Sichtbares? Wo wäre dieses Sichtbare gewesen?

Nein, in dumpfer Auflehnung gegen das Unsichtbare, Angreifbare richtete er die geröteten Augen auf Tilmann Riemenschneiders Heilandsbild am Kreuz in der Nische und rief es an: »Warum denn ich – warum nicht die vor mir? Warum auf meine Schultern diese Last –?«

Grollend erhob sich der Hund am Ofen, und von der Türe her gab eine tiefe Stimme die Antwort: »Weil die Gottheit den Schultern eines jeden Menschen nur das auferlegt, was er im Aufblick zu ihr zu tragen vermag. Muß ich, der Laie, das dem Gesalbten des Herrn verkündigen?«

»Du hier, Lorenz?« sprach der Bischof, stand auf und ging mit schweren Schritten ins Fenster zurück.

Bedächtig kam der Hund vom Ofen und schnupperte am Wamse des Magisters. Ein Ruf des Herrn scheuchte ihn zurück.

»Eure fürstliche Gnaden wollen vergeben,« sagte Fries und beugte das Knie, »dreimal habe ich gepocht, dann habe ich's gewagt, auch auf die Gefahr, daß ich störe. Denn die Herren in der Ratsstube warten seit einer Stunde auf Eure Entschließung.«

»So sprich!«

»Eure Gnaden wollen vergeben, die Herren haben sich drei Stunden mit Euch beraten und haben gesprochen –«

»Jawohl, der eine dies, der andere das, und in dem Knäuel ihrer Meinungen soll ich den Faden suchen und den Wirrwarr lösen.«

»Darin ist Pflicht und Vorrecht des Fürsten beschlossen, Eure fürstliche Gnaden.«

»Wer kann uns helfen?« stöhnte der Bischof. »Der Schwäbische Bund? Der ist weit von hier und hat zu Hause Arbeit genug. Der Markgraf von Ansbach? Der Pfalzgraf? Der Bischof in Bamberg? Wer kann uns helfen?«

»Zunächst keiner,« sagte Fries, »und also sind wir auf uns selber gestellt.«

»Der Henneberger!« grollte der Bischof.

»Der könnte, aber er will nicht.«

»Die Stadt, die Stadt!« rief der Bischof.

»Die Stadt – ist ein Ding für sich. Davon wäre später zu handeln.«

»Nun also, was bleibt mir übrig? Einhundertfünfzig Reiter draußen bei Aub und eine Handvoll Domherren mit ihren Knechten da heroben im Schloß, das ist heute meine ganze Macht. Was bleibt mir übrig?«

»Ein rascher Entschluß und die Gewalt!« sagte Fries.

»Die Gewalt!« stöhnte der Bischof. »Soll ich als erster unter den fränkischen Herren die Gewalt herauskehren und mich einen Blutdürstigen schelten lassen?«

Unbeirrt fuhr der Magister fort: »Noch sind die meisten Ämter im Lande ruhig, nur die Dörfer im Süden haben sich empört, und die Bauern ziehen dem Feinde zu. Man befehle den Reisigen, in die verlassenen Dörfer der Rebellen einzufallen, Weiber und Kinder daraus zu vertreiben, die Häuser anzuzünden, daß die Flammen emporschlagen und der Rauch in die Wolken stinkt, weithin sichtbar zur Warnung für die Unruhigen, zum Trost für die Friedfertigen, zum Heil des ganzen Landes. Dann sammle man die kleine Macht und stelle sie den Heranziehenden dort entgegen, wo sie den Kopf ins Bistum strecken. Wer sind denn diese Bauern? Ein Heer von Kriegern oder eine Bande von Räubern und Mordbrennern? Solcher Bande kann Abbruch geschehen auf mancherlei Weise: Man hemme den Zulauf, man sperre die Zufuhr. Inzwischen versammeln sich hier oben die aufgebotenen Herren und Ritter aus dem ganzen Lande, – und mit der Zeit kommt weiter auch der Rat und wohl zuletzt die Hilfe von außen. Was jetzt nottut, ist, daß Euer Land freibleibt und daß die Stadt nicht angesteckt wird von der Pestilenz des Aufruhres. Also noch einmal, Eure fürstliche Gnaden: Die Funken austreten –«

»Und sengen und brennen, daß die Flammen gen Himmel schlagen!« rief Herr Konrad klagend. »Höre, ich bin doch nicht allein der Fürst über ihre Leiber, ich bin auch der Bischof ihrer Seelen – ein Doppelgeschöpf, das zwiespältig zu denken gezwungen ist.«

»Ich schätze, fürstliche Gnaden, Ihr seid in dieser Notzeit zuerst und zuletzt der Schirmherr des Landes!« sagte Fries.

»Ich bin der Bischof ihrer Seelen und frage mich zweifelnd, ob nicht doch auch schweres Unrecht –«

»Dazu ist es jetzt zu spät!« rief der Magister, und seine Stimme klang hart und rauh. »Jetzt heißt es nicht erwägen, wie man hineingekommen ist, jetzt gilt's herauszukommen.«

»Du hast gut reden,« klagte der Bischof. »Ich denke weiter. Und wenn ich einst da drunten im Dome liege in einer Reihe mit dem frommen Scheerenberg und neben dem sanftmütigen Bibra, dann wallen an Kiliani die Kinder und Weiber aus den Dörfern, die ich verbrannt habe, knien und segnen die anderen und fluchen heimlich hinunter in meine Gruft.«

»Das wäre eine spätere Sorge, o Herr. Wohl tragt Ihr den Krummstab, doch daneben das Schwert. Aus den Tiefen der Vergangenheit ziehen die Völker, und aus allen Zeiten und Zonen tönt in allen Sprachen die ewige Wahrheit, daß Herrscher und Beherrschte sein müssen. Und hierzulande seid Ihr der Herr. Ihr habt das nicht gemacht; es war all die Jahrhunderte vor Euch, und als sie Euch zum Bischof und zum Fürsten wählten, gaben sie Euch mit dem Krummstab das Schwert in die Faust. Befällt Euch aber Grauen, das Schwert zu ziehen gegen die Empörer, die Euer gesalbtes Haupt antasten, dann rufe ich Euch den Spruch des Römers ins Gedächtnis, in den die harte Pflicht des Regierenden gefaßt ist wie der funkelnde Stein in den Ring:

immedicabile vulnus
ense recidendum'st, ne pars sincera trahatur.
«

Schweigend stand der Bischof in der Fensternische, und das Sonnenlicht spielte über die Falten seines violetten Gewandes. Schweigend stand der Staatsmann, und über dem weißen, gekräuselten Halsteller blickten halbgeschlossene Augen forschend auf den Herrscher hinüber.

Endlich sagte Herr Konrad: »Die Stadt, die Stadt! Die Stadt muß unser bleiben. Wo sollte ich das Aufgebot der Herren und Ritter beherbergen? Die Stadt! Man muß verhandeln und sich ihrer versichern. Man muß einzelne Ratsherren herausholen – muß locken, muß versprechen.« Er hielt inne. Dann rief er plötzlich: »Tilmann Riemenschneider!«

Ein bedenklicher Blick aus den halbgeschlossenen Augen streifte über den Fürsten und blieb seitwärts am Kruzifixus des Meisters in der Nische haften. »Tilmann Riemenschneider, Eure fürstliche Gnaden? Der hat allerdings den größten Anhang im Rat und in der Bürgerschaft.«

»Nun also –!« rief der Bischof.

»Ich will's versuchen, fürstliche Gnaden. Aber was soll ich Euern versammelten Ratsherren melden? Dürfen die Befehle an Eure Reisigen hinausgehen?«

Der Bischof wandte sich zum Fenster und sagte halbrückwärts: »Dem versammelten Rat entbiete Unseren Gruß. Wir wollen Uns alles noch ernstlich überlegen. Morgen um dieselbe Stunde mögen sie sich wieder versammeln.«

»Morgen –?« Ein mitleidiges Lächeln ging über das strenge Antlitz des Vertrauten, und mit höfischer Kniebeuge entfernte er sich aus dem Gemach.

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