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Der Bildschnitzer von Würzburg

August Sperl: Der Bildschnitzer von Würzburg - Kapitel 4
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typefiction
authorAugust Sperl
titleDer Bildschnitzer von Würzburg
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1925
correctorJosef Muehlgassner
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III.

Herrn Konrad, Bischof zu Würzburg, gebrach es in den nächsten Wochen gar sehr an Zeit, sich seines Handels zu erinnern. Kein Mensch dachte mehr daran, Heilige in die Kirchen zu stellen, unter denen der Erdboden wankte, und die Statua blieb ungestört in der Stube des Meisters. –

Es war ein taufrischer Morgen im April, und über dem weiten Tal stand leuchtend klar die Frühlingssonne am wolkenlosen Himmel. Die laue Luft tönte und hallte vom Singsang der Vögel. Saftgrüne Wiesen, schneeweiße Blütenbäume an den Hängen, violett leuchtende Weingärten bis an die Kämme der Hügelketten empor sogen den Glanz des Himmels ein und strahlten ihn jubelnd zurück. Eingebettet in all die Herrlichkeit lag die Stadt, umschlungen von ihren grauen Ringmauern, aus denen gleich Zacken die Spitzhüte ragender Wehren ins Land hinaus drohten – ein enges Wirrsal von Giebeln – und zwischen diesen gen Himmel weisende Türme zahlloser Kirchen und Kapellen, ein steingewordener Lobgesang über den Wohnungen und Werkstätten des Alltags. Aus dem blauduftigen Süden kam funkelnd und blitzend der annoch ungebändigte Strom, drängte sich heran und hinein in die Stadt, zerschnitt sie gewaltsam in zwei ungleiche Teile, zwängte sich zwischen den Pfeilern der alten Steinbrücke hindurch, weitete sich und umspülte kleine, vergängliche Inseln, streifte die Borde stiller Altgewässer und wand sich in einem mächtigen Bogen hinter die nördlichen Hügel.

Auf dem langgestreckten Rücken, der gleich einem Riegel aus der Kette der Uferberge vorgeschoben ist gegen Strom und Stadt, thronte die alte Bischofsburg.

In dieser Zwingburg mußte wohnen, wer zum Herrn gesetzt war im Lande der Ostfranken. Stromauf, stromab war keine Feste besser geschaffen zum Fürstensitze. Wie die Burg das Tal beherrschte und die schiffbare Wasserrinne, so beherrschte sie weithin das Land. Von hier aus liefen die unsichtbaren Fäden zu den Amtmännern in den festen Häusern der Dörfer, zu den Schultheißen in den Städten und zu den adeligen Lehnsleuten, die in engen Wasserburgen und hochgebauten Bergnestern hausten, und hierher waren die Blicke aller gerichtet, die unter dem Krummstab wohnten, hierher, auf das Bergschloß Unser Lieben Frau und auf die vier Türme der Kathedrale am Strom. –

Wer an jenem Morgen von Meister Tilmanns Weinbergshäuschen hinunterblickte auf die Stadt und weit hinüber auf die Burg jenseits des Stromes, der konnte wähnen, daß der Schimmer unsagbaren Friedens ausgegossen sei über einer wundervollen Siedelung glücklicher Menschen.

Aber es war ein trügerischer Schimmer, es war ein verlogener Friede.

Das wußte auch Bille, des Meisters Patenkind, die unter dem vorspringenden Dächlein saß und nähte – selber anzusehen wie menschgewordener Frühling.–

Aus der Tiefe kam leise, dann immer lauter und härter der Klang emporsteigender Nagelschuhe, und jetzt hob sich über die oberste Stufe der schmalen Steinstiege eine Kappe, aus der eine schimmernde Geierfeder in die Luft stach.

»Bermeter –!«

»Jawohl, Bermeter –. Bermeter in allen Schenken, Bermeter in allen Gassen, Bermeter auf allen Plätzen. Denn jetzt ist Bermeters Zeit.«

Er schwang sich rittlings aus das Mäuerlein neben der Stiege, zog die Laute an ihrem Bande nach vorne und begann ein zartes Lied zu spielen.

»Schatz, wo ist der Meister? Ich muß mit ihm reden!« rief er zwischenhinein.

»Höher hinaufgegangen, Tulpen pflücken,« sagte Bille und neigte sich über die Arbeit.

»Tulpen pflücken!« wiederholte der Geselle verächtlich, griff noch ein paar Akkorde und brach sein Spiel mit einem schrillen Mißton ab.

Er warf die Arme empor und dehnte sich, er schob die Laute auf den Rücken, sprang von der Mauer, ballte die Rechte und schüttelte sie gegen Stadt und Burg. Und als hätte er sich wieder anders besonnen, riß er die Laute abermals nach vorne und begann eine wilde Tanzweise zu spielen.

Ihre Hände waren in den Schoß gesunken, sie lehnte den Kopf zurück an die Holzwand und lauschte mit halbgeöffnetem Munde und mit geschlossenen Augen, wie verzaubert.

Er spielte sein Lied zu Ende. Dann setzte er sich wieder aus das Mäuerlein, ließ die Beine baumeln und fragte lauernd: »Sag mir, was die Weise soll?«

»Die hast du heute nacht gespielt,« kam die Antwort zurück.

»Hast's gehört? Ei, hast vielleicht noch mehr gehört?«

Das Mädchen schüttelte sich. »Du bist dabei gewesen!«

»Dabei gewesen?« Er reckte sich, als ginge das an seine Ehre. »Vorn dran gewesen! Und gekracht hat's. Ein starkes Tor, bei meinem Schutzpatron. Aber die Deichsel und die zwanzig, dreißig hinten am Wagen –! Schatz, laß dir sagen, das ist eine Pracht in solch einem Domherrnhof, nicht zum glauben. Und dann der Spaß! Zu hinterst in der letzten Kammer – hu, der fette Dachs!« Bermeter patschte sich auf die Schenkel. »Schatz, ich hör' ihn noch fauchen: ›Wagt es, den Gesalbten des Herrn anzutasten!‹ Hu, das vergeß ich nie.«

»Einen Priester!« rief das Mädchen.

»Geölt und geschoren! Aber sei unbesorgt, wir haben ihm nichts zuleide getan – wir haben ihn nur mit seinem Sessel gehoben – unsanft, das muß ich ja gestehen –, haben ihn mit Fackeln und Musik in den Hof getragen und auf den Mist gepflanzt. Da ist er dann die lange Nacht gesessen in Reu' und Leid. Wir aber – ei, nun weiß ich, warum die Pfaffen ihre Höfe so verriegeln.«

»Räuber und Mörder seid ihr!« rief sie entsetzt.

»Mörder?« Bermeter saß regungslos und starrte vor sich hin.

»Schatz – kennst du das Tor? O gewiß, du kennst das Tor mit dem geschnitzten Bärenkopf, der den Schlagring hält? Du gehst doch alle Tage vorüber. Ei du, schau nimmer hin! Es war einmal eine junge Bürgersfrau in dieser Stadt – schön, vielleicht fast so schön wie du – was kann ich wissen? Und es war ein Domherr, jung und frech und lang noch nicht so fett wie heute. Und es geschah, daß er Gefallen fand an ihr und auf der Lauer lag bei Tag und Nacht. Und wieder nach einer Weile war sie verschwunden. Verstehst du? Nicht spurlos, o nein, es lief eine starke Fährte bis an den Bärenkopf. Doch hinter dem verlor sie sich. Daheim heulte ein schwarzäugiges Büblein und schrie nach der Mutter. Und ein betrogener Mann knirschte ohnmächtig mit den Zähnen, lief treppauf, treppab zu den Vornehmen, drang in den Rat, schrie das Gericht an – und fand kein Recht. Lieber Schatz, wenn du am Bärentor vorüber gehst, dann schau nicht hin. Denn an der Schnauze mit dem Schlagring hat er sich zuletzt den Schädel eingerannt. Das schwarzäugige Büblein von damals weiß alles noch, als wär' es gestern gewesen.«

»War sie freiwillig in den Hof gegangen?« brachte Bille heraus, und ihre Augen flackerten.

»Freiwillig? Ei, mit Gewalt wird man sie nicht hineingeschleppt haben – wer lernt die Weiber aus? Ach, es ist eine Pracht und Herrlichkeit in solch einem Pfaffenhof. Das weiß ich auch seit heute nacht.«

Klingende Schritte kamen hinter der Hütte den Berg herunter. Meister Tilmann trat um die Ecke. Er trug einen großen Strauß gelber Weinbergstulpen.

Der dunkle Geselle sprang behende von seinem Mäuerlein und näherte sich dem Bildschnitzer demütig und vertraulich.

»Ihr, Bermeter?« Tilmanns Stirne zog sich in tiefe Falten: »Wißt Ihr, daß lose Buben heute nacht greulichen Unfug verübt haben, in Domherrnhöfe eingebrochen sind –?«

»Die Stadt ist voll davon, Meister,« antwortete Bermeter leichthin. »Auch ich habe davon gehört.«

»Nur gehört?« fragte Tilmann, und seine Stirne glättete sich.

»Erbärmliche Mittel,« fuhr Bermeter fort, »wenn es sich um eine große Sache handelt.« Er zuckte die Achseln. »Aber wer kann's dem gemeinen Mann verdenken, wenn er sich Luft schafft?«

Das Mädchen unter dem Dächlein hinter dem Rücken des Meisters hob entsetzt die Arme, faltete die Hände über ihrem Haupt, schüttelte sich und ließ die Hände wieder in den Schoß sinken. Aber sie gab keinen Laut.

Der dunkle Geselle schlich näher an den alten Mann und begann halblaut, als berichtete er gleichgültige Dinge: »Es ist Botschaft gekommen von dem Bauernheer, das gegen Würzburg heranzieht – zwanzigtausend, dreißigtausend, was weiß ich? Und über ein kleines, dann wird die Sündflut hereinbrechen über Pfaffen und Herren. Das ist die große Sündflut, die ausgeht vom Planeten Saturn und prophezeit ist von langer Zeit her. Die Kräfte des Planeten sind in die Bauern gefahren, und die Söhne des Saturn brausen heran. Über ein kleines, und dieses Tal wird wogen und schäumen, und wie eine Insel wird die Feste des Bischofs stehen – wie lange? Immer höher werden die Fluten steigen und nicht ruhen und rasten, bis das Schloß herunten ist. Dann wird sich die Flut verlaufen und wird ein neuer Himmel sein und eine neue Erde. Und es wird nicht mehr geben Zentauren, die auf den Heerstraßen toben und in festen Häusern den Schweiß der Kleinen verprassen, die Augen verdrehen und sagen, es ist Gottes Ordnung, daß der Bauer allen front, den Junkern, den Pfaffen, den Bürgern. Und es werden keine Domherren sein, die mehr soldatisch als geistlich leben und allen Lastern dienen – keine fetten Klosterherren, die den Armen himmlische Glückseligkeiten vormalen und dabei zusammenraffen, was die Erde trägt und hervorbringt. Meister, lieber Meister, Ihr seid immer ein Freund der Kleinen und Bedrückten gewesen und habt keinen Anteil an den Sünden der Großen. Und laßt Euch sagen, auf Euch schauen jetzt die Augen vieler, und es geht eine Rede im Volk – was wird Meister Tilmann, der Ratsherr, tun in dieser Zeit, er, der das Erdenleid dargestellt hat auf zahllosen Altären landein, landaus? Wird er sich auf die Seite der Bedrücker schlagen und in der Stunde der Befreiung die Gebilde seiner Hände Lügen strafen?«

»Was vermag ich in diesem Wirrsal?« rief der alte Mann erregt. »Ich bin ein Freund des Friedens mit jedermann, und Krieg und Blutvergießen sind mir ein Greuel, solange ich denke.«

»Wer spricht von Blutvergießen, guter Meister? Die Schwerter der Bedrücker werden sich von selbst in die Scheiden verstecken, und ohne Blutvergießen wird der Friede seinen Einzug halten. Aber eins ist not: alles, was bedrückt ist, muß sich erheben, und die Eintracht muß gepflanzt werden unter denen, die ins Land der Zukunft schauen.«

Er richtete sich hoch auf und sah dem alten Mann mit blitzenden Augen ins Gesicht: »Meister, ist's recht, daß der Bischof die Bürger dieser Stadt aufbietet, sie den Bauern entgegenzuschicken?«

»Es ist sein gutes Recht, Bermeter.«

»Meister, ist's recht, daß der Bischof von allen Enden fremde Reisige herbeiruft und Bürgerquartiere fordert? Warum will er die Wehrhaften aus der Stadt ziehen und die Wehrlosen den Fremden preisgeben?«

»Das kann er nicht wollen!« rief Tilmann.

»Das eben ist die Frage, ob er's kann!« raunte der dunkle Geselle. »Wenn wir nicht wollen, kann er's freilich nicht. Aber wenn wir seine Hinterlist nicht durchschauen, dann ist die Stadt verloren. Es ist immer das alte Lied – hie Bischof, hie Stadt; und mir dünkt, das Lied, das seit dreihundert Jahren bald laut, bald leise tönt, wird jetzt zu Ende gepfiffen. Ein Stück Freiheit nach dem anderen haben die Bischöfe der Stadt abgeschabt – jetzt, so sagt sich dieser Bischof, geht's in einem hin, und mit Gottes und des Schwäbischen Bundes Hilfe werden wir die Bauern zu Paaren treiben und die Bürger an die Beine schlagen, daß sie das Aufstehen vergessen. So hetzt er die Bürger gegen die frommen Bauern und gegen das heilige Evangelium, und die Bauern sollen an den Bürgern Henkersarbeit verrichten, damit Kirchhofsruhe werde im Lande.«

Er trat vor den alten Mann. »Meister, ist's recht, daß der Bischof in Heimlichkeit –?« Seine Augen funkelten, und was er nun vorbrachte, das sprach er so leise, daß es nicht einmal Bille verstehen konnte, so sehr sie den Hals reckte und die scharfen Ohren spitzte.

Immer größer wurden Tilmanns Augen, und endlich rief er entsetzt: »Das ist unmöglich –!«

»Ich glaub's ja, daß Ihr der Bosheit nicht in ihre Schlupfwinkel nachdenken könnt, guter Meister, und ich wollte gerne mit Euch sagen, es ist unmöglich. Wenn nur nicht« – er lachte hämisch – »der Bischof selbst den ganzen Satansplan dem Schwäbischen Bund hätte schreiben lassen, und wenn nur nicht die frommen Bauern den Boten samt dem Brief geworfen hätten. Jetzt aber hab' ich ihn.«

Er riß ein Papier aus dem Wamse und schwang es wie eine Fahne: »Kennt Ihr die Schrift des Magisters?«

Der Meister nahm das Blatt und las. Bermeter aber wandte sich und setzte sich wieder aus das Mäuerlein. Und aufs neue begann er sein Spiel, und wie feine Funken sprangen die Töne aus den Saiten.

Nach langer Zeit faltete Tilmann das Schreiben und schob es in sein Wams: »Ihr laßt mir den Brief –?«

»Verwahrt ihn gut!« riet Bermeter. »Und gebt ihn beileibe nicht aus den Händen!«

In tiefem Sinnen stand der Meister, und schmeichelnd begann der Geselle: »Tilmann, der Bildschnitzer, wird in alle Zukunft berühmt sein in dieser Stadt und weit und breit im Frankenlande trotz unserem Bischof, auch wenn er heute noch, was Gott in Gnaden verhüte, die Augen schließen müßte. Aber noch heller wird der Name Tilmanns, des Ratsherrn, klingen, der in harter Notzeit die Stadt gerettet, den gemeinen Mann beschützt, das heilige Evangelium gefördert und das göttliche Recht zum Siege gebracht hat. Es kommt mit Macht und Herrlichkeit die neue Zeit und wirft die Fürsten und die Pfaffen, richtet auf das Reich Kaiser Karls des Großen und erlöst den gemeinen Mann, daß er frei wird wie der Bauer im Schweizerland.«

Der Meister schüttelte zweifelnd das Haupt: »Bermeter, mir ist doch, als hättet Ihr Euch noch nie so sehr ums Evangelium gesorgt?«

Der dunkle Geselle sprang von seinem Sitze, trat vor den Meister und sah ernsthaft an sich herab: »Könnte es nicht sein, daß mir das Wort des Wittenbergers von der Freiheit des Christenmenschen in das leichtfertige Gemüt geschlagen hat?« –

Sie gingen hintereinander die engen Stufen hinab. Voran der alte Mann mit den süßduftenden Tulpen, und in seinen Ohren summte es fort und fort: »Meister, ist's recht –?«

Hinter ihm Bermeter mit der Laute im Arm, ein Marschlied klimpernd. Zuletzt das Mädchen. Als sie an eine Biegung kamen und die Gestalt des Meisters hinter einer Mauer verschwand, legte Bille die Hände schwer auf die Schultern Bermeters und zwang ihn zum Stehen. Und mit heißem Atem flüsterte sie nahe an seinem Ohr: »Und was ist aus dem verlassenen Kind worden?«

Bermeter sprach halblaut zur Seite: »Ein Waisenbüblein, hin- und hergestoßen bei fremden Leuten, ein Bub auf allen Gassen, jedermann im Weg; ein Klosterschüler um Gottes willen, geduckt und geschlagen, bis er ausbrach und in die Welt lief; ein Malerknecht, verschwägert mit Hunger und Kummer, bis er Unterschlupf bei Meister Tilmann fand. – Du, hörst mich –?« In seiner Stimme zitterte ein wehleidiger Ton. »Bist du auch bei denen, die auf den Überall und Nirgendwo Steine werfen?«

Ihre weichen Arme umschlangen ihn, ihre Lippen suchten seine Wange, und raunend gab sie zurück: »Niemals!«

Meister Tilmann ging mit schweren Schritten zu Tal und spann sich ein in einen schönen Traum.

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