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Der Bildschnitzer von Würzburg

August Sperl: Der Bildschnitzer von Würzburg - Kapitel 2
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typefiction
authorAugust Sperl
titleDer Bildschnitzer von Würzburg
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1925
correctorJosef Muehlgassner
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I.

Auf die schneebedeckten Giebel Würzburgs fielen schrägher die roten Strahlen der abendlichen Februarsonne, und in der engen Gasse beim alten Hof zum Wolfmannszichlein war es dämmerig genug.

Tilmann Riemenschneider, weitberühmter Bildhauer und Ratsherr, saß am plumpen Tische mitten in der großen, niedrigen Wohnstube, die er nach dem Tode seiner zweiten Frau im oberen Stockwerk bezogen hatte.

Kaltes Licht stand vor den vielen, kleinen Scheiben des breiten Fensters, in dessen tiefer Nische, zurückgelehnt in einen Ohrenstuhl, mit verschränkten Armen ein Mädchen saß und den seinen Kopf neugierig zur Türe gerichtet hatte.

Dort an der Türe stand ein junger Mönch im weißen Habit der Zisterzienser. Er trug das Haupt gesenkt, wie sich's geziemte, aber immer wieder hob er von unten herauf die Augen und richtete sie ehrfürchtig aus den Meister.

Zum zweiten Male hatte dieser aus den leeren Stuhl gewiesen, der neben ihm stand. Aber mit ungeheuchelter Demut lispelte nun der Mönch, es wollte ihm nicht geziemen, zu sitzen, wo allsogleich sein gnädigster Bischof sitzen werde neben dem Meister.

Herr Tilmann lächelte ein wenig, strich über den angegrauten, kurzen Vollbart und sagte mit behaglichem Spott: »Sitzen? Hohe Herren pflegen sich nicht zu setzen, wenn sie zu unsereinem herabsteigen.«

Der Mönch kreuzte die Arme über der Brust, verneigte sich und sagte: »Ich habe meinen Auftrag erfüllt.« Er sprach den frommen Gruß und erhielt vom Tische und von der Fensternische her die formelhafte Antwort. Dann ging er rückwärts zur Tür und griff nach der Klinke. Aber plötzlich reckte er die schlanke Gestalt zur vollen Höhe, faltete die Hände, hob die Augen zur Decke und sagte mit lauter, vor Erregung zitternder Stimme: »In der Kirche meines Vaters, die mein Ahnherr gebaut hat, steht ein Altar von Eurer Hand, Meister, und aus ihm, von Engeln umgeben, eine Statua der gen Himmel auffahrenden Mutter des Herrn. Immer wieder knien harte Männer zerknirscht vor dem Bilde der Reinheit, und die Weiber im Stande der Hoffnung schauen zu dem Werk Eurer Hände empor, bringen Euch zum Dank, was sie in Sünden empfangen haben, zur Welt, und mit Staunen erkennen wir die Züge der Himmlischen nachgebildet in irdischen Gesichtern. Ich aber gedenke eines Knaben, der einst aus den Stufen jenes Altares gelegen ist und sich der Mutter Gottes gelobt hat für Zeit und Ewigkeit.«

Die Rede des Mönches sank zu einem demütigen Gemurmel herab: »Vergebt mir, Meister, ich bin fremd in dieser Stadt und habe Euch heute zum ersten Male von Angesicht zu Angesicht gesehen.«

Fast unhörbar ging er aus der Türe. –

Tilmann Riemenschneider, der weitberühmte Bildhauer, stand regungslos und hatte die Augen mit der Hand bedeckt.

In der tiefen Dämmerung trat jetzt das Mädchen neben den Meister, zog die Hand von seinen Augen und küßte die kunstfertigen Finger ehrfürchtig. »Ich sollte meinen, so etwas müßte Euch doch immer wieder freuen, Herr Pate?«

Ihre tiefe Stimme klang wie Glockenton durch das Gemach.

Ein Schauer ging über die Gestalt des Meisters. Liebreich, mit leiser Hand strich er über ihr Haar: »Bring Licht, meine Bille!«

Sie ging, und draußen knarrte die Treppe. Dann ertönte ein halb unterdrücktes Kreischen, und gleich daraus trat eine schlanke Gestalt in die Stube.

»Wie war mir denn, hat nicht jemand gerufen?« fragte der Meister, der sich wieder am Tische niedergelassen hatte.

»Schreckhafte Weiber,« antwortete eine weiche, wohllautende Männerstimme. »Es wird die Bille gewesen sein, ich bin im Finstern an so 'was angestreift.« Und unbekümmert ging der Geselle in die Fensternische, nahm die Laute von der Wand, setzte sich, wo vorher das Mädchen gesessen war, und griff ein paar Akkorde.

»Bermeter,« sagte der Mann am Tisch, »Ihr könnt nicht bleiben. Seine Gnaden der Bischof wird sogleich hier sein.«

»Weiß ich,« sagte der andere und begann ein Schelmenlied zu spielen. »Eure Schnur purzelt da drunten im Eifer über die eigenen Beine; schade, daß sie keine Zeit hat, Kränze zu winden. Alle Wandkerzen im Hausfletz und die Stiege herauf sind angesteckt, nur da herinnen ist's dunkel.«

»Ich dachte, Ihr seid im Finstern heraufgekommen?«

»Gewiß!« antwortete die sorglose Stimme aus der Fensternische, und die Melodie tönte leise weiter. »Die Kerzen wurden hinter mir angesteckt. Hinter mir Licht und vor mir Nacht.« Ein leises, häßliches Lachen klang aus der Nische. Rascher fuhren die Finger über die Laute. Die Saiten gellten. Eine wilde Melodie verschlang die gemurmelten Worte: »Meist allerdings hinter mir Nacht und vor mir Nacht.«

Die Türe wurde aufgerissen, und mit einem dreiarmigen Leuchter in der hocherhobenen Rechten stand Bille aus der Schwelle. »Herr Pate, Seine Gnaden der Bischof!«

Eilig ging der Meister die knarrenden Treppen hinunter, dem Gaste entgegen. –

Die Vermutung Tilmanns war richtig gewesen: Herr Konrad, Bischof zu Würzburg und Herzog in Franken, hatte den Armstuhl verschmäht und stand inmitten der Stube. Er überragte den zierlich gebauten Sekretarius Lorenz Fries, der mit ihm gekommen war, um zwei Häupter, überragte aber auch die hohe, schlanke Gestalt des Meisters noch um ein Bedeutendes. Ein dunkler, pelzverbrämter Mantel wallte bis aus seine Knöchel hinunter, und es war, als verdeckte dieser Mantel den Harnisch eines Kriegers und nicht das Brustkreuz des Bischofs. Und es war, als hätte sich die Decke der großen Stube noch tiefer herabgesenkt, so gewaltig stand die Gestalt des Fürsten vor dem plumpen Holztisch, aus dem die Kerzen des Leuchters brannten. Auffallend klein war der Schädel, nicht sehr hoch die leicht gefurchte Stirne. Blondes Haupthaar fiel in schlichten Locken in den Nacken hinunter. Das längliche, bartlose Antlitz leuchtete in gesunder Röte und erzählte von Reiten und Jagen. Klein war der Mund, schmal die Lippen, kraftvoll sprang das spitze Kinn unter der schmalen, geraden Nase hervor. Unter seltsam dunkeln Brauen blitzten hellblaue Augen auf den Meister hinüber, der hinter den Tisch getreten war.

Ein starker Gegensatz: Hier der geborene Herr mit allen Merkmalen seiner Rasse, die seit Jahrhunderten, vielleicht seit Jahrtausenden gewohnt war, frei zu gebieten aus unbestrittenem, oder bis aufs Blut zu kämpfen um den bestrittenen Boden; und dort, leicht nach vorne geneigt, der Bürger mit dem bleichen, vom grauen Vollbart umrahmten Gesichte des Werkstattmenschen, den starken Backenknochen, dem schlichten Haupthaar, das glatt auf den Pelzkragen seines feinen Tuchwamses herabfiel; der Mann aus dem Volke, der sich aus engen Umfriedungen emporgearbeitet hatte auf die Höhe des Ruhmes und des Wohlstandes. Hier das leuchtende Auge des Gebieters, das gewohnt war, über große Versammlungen, über weite Lande, nach hohen Zielen zu blicken – dort das scharfe, dunkle Auge des. Künstlers, das nahe Erscheinungen zu erfassen, nur ihm sichtbare, nur ihm in ihrer Bedeutung erkennbare Linien, hinter der Hülle die Seele zu erspähen geübt war. Hier der Herr, umflossen vom Abglanz hoherpriesterlicher Würde – dort der ihm an Leib und Seele Untergebene, unterwürfig in seinen Gebärden, gebunden in seiner bürgerlichen Stellung und – – dennoch ein Freier wie dieser, umflossen wie dieser von einem Abglanz, nicht der Macht, nicht der Würde, sondern des Genius.

Mit dem Ausdruck unverkennbaren Wohlwollens blickte der Fürst aus den Meister hinüber. Er hatte gefragt, warum denn in den letzten Jahren kaum ein neues Kunstwerk aus Tilmann Riemenschneiders Werkstatt hervorgegangen, warum – und dabei hatten sich die schmalen Lippen ein klein wenig spöttisch verzogen – warum denn der Bildhauer fast ganz hinter den Stadtvater zurückgetreten sei?

Meister Tilmann senkte die Augen, und als er sie wieder aufschlug, irrte sein Blick über die Schulter des Fürsten, schräg in die dunkle Stubenecke. Zögernd sagte er: »Die Zeitläufte, bischöfliche Gnaden, sind meinem Handwerk wenig günstig. Wer verlangt heutzutage noch Heilige in Kirchen zu stellen? Ich habe vordem immer an die zwanzig Schnitzer- und Malerknechte da hinten beschäftigt« – er wies nach dem Fenster, dem Hose zu –, »jetzt sind es kaum sechs der Ältesten, denen ich Arbeit, zuweilen nur das Gnadenbrot gebe.«

»Die Arbeit Eurer Knechte in Ehren,« sagte der Bischof, »aber wenn ich von Kunstwerken spreche, so denke ich nur an Werke Eurer kunstreichen Hände. Hände, weiß Gott,« setzte er hinzu, »wie die Hände Eurer Heiligen. Man sieht ihnen wahrhaftig nicht mehr an, was sie gearbeitet haben in Holz und Stein! – Gearbeitet haben,« wiederholte er mit Nachdruck.

Der Meister verbarg die also besprochenen Hände fast schamhaft kreuzweise in den weiten Ärmeln seines Wamses. Und jetzt sah er dem Fürsten voll und frei ins Gesicht: »Bischöfliche Gnaden, ich werde alt.«

Gütig lächelte der Fürst: »Das gilt nicht, Meister. Auf Euer Alter wage ich's dennoch.« Und huldvoll, ehe der Magister hinter ihm helfend beizuspringen vermochte, rückte er den Lehnstuhl vom Tische, ließ sich nieder, streckte die Beine von sich, stützte behaglich die behandschuhten Hände aus den Knopf seines Stabes und sagte: »Ich habe einen Auftrag für Euch, der mir sehr am Herzen liegt.«

Ein ängstliches Zittern ging über die vielen Augenfältchen des Meisters, die der Volksmund Krähenfüße zu nennen pflegt, und er senkte erwartungsvoll sein Haupt.

»Ich bin gewillt,« fuhr der Fürst fort, »eine kunstvolle Statua der heiligen Elisabeth in die Kirche meines adeligen Ansitzes zu stiften –«

Tilmann war zusammengezuckt.

»– und ihr einen Altar zu weihen.«

Fast unmerklich schüttelte Tilmann das Haupt.

»Was ist Euch?« fragte der Fürst und maß befremdet den alten Mann, der noch immer mit gesenktem Haupte vor ihm stand.

Ein tiefer Seufzer war die Antwort.

Der Fürst rückte den Stuhl und erhob sich.

»Tilmann!« raunte der Magister.

»Ich erwarte ein großes Kunstwerk von Euren – hört Ihr? – von Euren Händen,« sagte der Fürst in verändertem Tone. »Wieviel Zeit werdet Ihr dazu brauchen?«

Der Meister hatte sich gefaßt. Langsam faltete er die Hände über seiner Brust, und seine Stimme zitterte merklich, als er die Worte hervorbrachte: »Eure bischöfliche, fürstliche Gnaden werden vergeblich auf ein solches Werk von meinen Händen warten müssen.«

»Tilmann!« – kam es zum zweiten Male warnend von dorther, wo der Sekretarius stand.

»Warten müssen –?« wiederholte der Bischof grollend. »Ihr werdet Euch herablassen, mir dies näher zu erklären!«

Langsam und fest kam die Antwort zurück: »Euer Gnaden, es ist mir nicht mehr möglich, Heilige zu schnitzen.«

Ein paar Augenblicke herrschte das Schweigen des Todes in der niedrigen Stube.

Dann begann der Fürst. Aber es war nun, als spräche nicht mehr der Fürst, sondern einzig und allein der Priester. Die grollende Stimme von vorhin klang weich und gedämpft: »Nur keine Heiligen mehr, Tilmann Riemenschneider? Und warum nur keine Heiligen mehr?«

Die bleichen Hände des Künstlers schlossen sich noch fester ineinander, er atmete tief auf: »Bischöfliche Gnaden, auch wir leben unter dem unerbittlichen Gesetze der Natur, das gefaßt ist in die Worte Wachsen, Werden und Vergehen. Und meine Augen sind trübe geworden für das Heilige in Menschengestalt.« Frei, wie ein großes Kind, blickte er seinem Herrn in das harte Antlitz; aber mit seltsam leuchtenden Augen, die seine Worte Lügen straften.

Wiederum veränderte sich die Stimme des Machthabers, und im kühlen Tone dessen, der unter allen Umständen einen Handel zum Abschluß zu bringen gewillt ist, fragte er den Meister, ob es wahr sei, daß er schon einmal eine Statua geschnitzt habe, wie er, der Bischof, sie wünsche?

Unter den forschenden Augen des Fragenden zog sich in jähem Erschrecken die Stirne des alten Mannes in Falten.

Kühl – etwa so, wie er als junger Domherr um ein begehrenswertes Roß gefeilscht hatte – fuhr der Bischof fort: »Wenn ich recht berichtet bin, seid Ihr heute noch im Besitz dieser Statua und verbergt sie vor fremden Blicken.«

Der Meister war in sich zusammengesunken. Seine Arme hingen hilflos herab.

»Auf – in Eure Werkstatt!« befahl der Bischof.

»Tilmann –!« warnte der Magister zum drittenmal.

Der Meister raffte sich zusammen und sagte mit heiserer Stimme: »Es ist nicht nötig, daß sich Eure fürstliche Gnaden in meine Werkstatt bemühen.« Er nahm den Leuchter vom Tische, ging in den Hintergrund der Stube, entzündete die Doppelkerzen zweier Wandleuchter zur Rechten und Linken der kahlen Schmalwand, drückte den Finger aus diese Wand und trat mit hocherhobenem Leuchter zur Seite. Geräuschlos schob sich die Wand auseinander, und in einem kleinen, kapellenartigen Räume stand, silbergrau schimmernd, aus mäßig hohem Sockel, leicht nach vorne geneigt, mit scheu geöffneten Augen, gerade auf den Bischof blickend, als böte sie ihm die Fülle der Rosen, die ihre zarten Hände im Schoße des leicht gehobenen Mantels hielten, die lebensgroße Gestalt eines Weibes.

»He –!« fuhr es dem Überraschten von den Lippen, und es klang weder fürstlich noch bischöflich, sondern urfränkisch-gemütlich; »da steckt sie also, die Heilige?«

»Keine Heilige, bischöfliche Gnaden,« sagte der Bildschnitzer leise, und der Leuchter in seiner hocherhobenen Rechten schwankte, daß die schweren Wachstropfen dumpfklingend aus den Fußboden fielen: »Meine zweite selige Hausfrau.«

»Bei Gott!« sagte der Bischof und trat nahe herzu. Seine großen Augen hatten sich geweitet, und mit dem Blicke des Kenners umfaßte er das ganze, aus Holz geschnitzte Bildnis vom zarten Rosenkränzlein, unter dem die Fülle der Locken kunstvoll aus die feinen Schultern herabwallte, über das unsäglich süße Antlitz, das mit schmerzlichem Kinderlächeln wie bittend zu ihm herüberblickte, über den wundersamen Faltenwurf, aus dessen weiten Ärmeln die zarten Handgelenke, die überschlanken Hände herauswuchsen und mit unbeschreiblicher Anmut den rosengefüllten Schoß rafften – ? bis auf den Saum des Gewandes, unter dem eine Sandale mit nacktem, feingeädertem Fuß zur Hälfte hervorlugte. Alle Anmut des eben erst aus dem Kinde emporgeblühten Weibes, der Schimmer unberührter Unschuld leuchtete gleichsam aus der Nische hervor, und es schien, als zuckten unter dem flackernden Kerzenlichte dann und wann die zartgetönten, lebenswarmen Augen, als ginge es, halb wie Lächeln, halb wie verhaltenes Weinen über das rührend schöne Antlitz, als bewegten sich die Hände und wollten die Rosen fester drücken in die schützenden Falten.

Der Bischof regte sich nicht. Zur Seite hinter ihm stand Lorenz Fries. Der hatte die knochigen Hände gefaltet und blickte unverwandt auf das Bildnis.

Endlich sagte der Bischof in lateinischer Sprache, halb für sich, halb zu seinem Vertrauten: »Beim Zeus, ein wundersames Kunstwerk, weit über meine Erwartung schön. Freilich, irdische Weiber kann er nicht schaffen, dieser Meister. Immer sind's Heilige, denen der irdische Leib fehlt. Wäre man aber versucht, auf die Knie zu sinken und die Göttin anzubeten, dann lacht uns dennoch – ei sieh nur – aus dem Grübchen am Kinn das erdgeborene Weib in die Augen.«

»Es ist gut, Meister,« wandte er sich an den Künstler, »ich wünsche dieselbe Statua in meine Kirche zu stellen und gebe Euch – es wird genügen – drei Monate Zeit für die Arbeit.«

Tilmann ging mit schweren Schritten an den Tisch und stellte den Leuchter nieder. Er stützte sich mit geballten Händen auf die Tischkante: »Eure bischöfliche Gnaden wollen huldvoll verzeihen, ich kann diese Statua nicht zum zweiten Male schnitzen.«

Da stampfte der Bischof, und es kam grollend aus seiner mächtigen Brust: »Mir scheint nun allerdings, daß Ihr Euch meinem Wunsche versagt. Daher halte ich mich an das, was vorhanden ist, und kaufe diese Statua für meine Kirche. Den Preis möget Ihr nach Eurem Belieben bestimmen. Sekretarius Fries wird das Weitere besorgen.«

Ohne Gruß wandte er sich zur Türe. Eine herrische Handbewegung wies die Begleitung des Meisters zurück.

Bischof und Sekretär gingen die ächzenden Treppen hinab. Tilmann Riemenschneider aber sank auf den Stuhl, legte die Stirne aus den Tisch und barg sein Haupt zwischen den Armen. –

Mit leisen Schritten, als wandle er auf Katzenpfoten, kam der Lautenschläger aus der Nebenkammer. Der Meister hörte ihn nicht oder wollte nicht hören. Schleichend ging der dunkle Geselle an die offene Nische und stand nun regungslos vor dem Bilde – wie vorhin der Bischof.

Nach einer Weile begann er halblaut: »Warum hat sich Seine fürstliche Gnaden wohl der lateinischen Sprache bedient und warum hat sein Sekretarius so seltsam gelächelt?«

Der Meister hob das Haupt und sagte müde: »Bermeter, habt Ihr die Rede des Bischofs verstanden?«

In diesem Augenblick trat Bille ein, blieb in holder Erstarrung und sah wie verzückt auf das Bild ihrer seligen Patin, das sie noch niemals geschaut hatte.

Bermeter hüstelte, als stäke ihm etwas im Halse. Dann sagte er zögernd: »Man hat nicht umsonst schon im zwölften Lebensjahre seinen Terenz vom Blatte gelesen.«

Der Meister stand auf und schob den Gesellen zur Seite. Mit beiden Armen griff er in die Wände rechts und links. Lautlos rollten die Türflügel zusammen, und mit dem leisen, hellen Klingen einer verborgenen Feder schloß sich die Nische.

»Lösche die Wandlichter, Bille! Und jetzt, Bermeter, was hat der Bischof gesagt?«

Ein hämisches Lächeln ging über das hübsche Gesicht; er strich, als wäre er in Verlegenheit, über das schwarze Schnurrbärtchen: »Meister, es war gewiß nicht für Eure Ohren bestimmt. Er hat es ja nur so nebenhin zu Herrn Lorenz Fries geäußert. Erlaßt mir's!«

Meister Tilmann trat vor den Gesellen, umklammerte seine Arme und keuchte: »Ich will es wissen!«

Der Geselle wand sich wie eine gefangene Katze: »Je nun, wenn Ihr mich so hart angreift! Aber ich rat' Euch gut, sagt's dem Lorenz Fries nicht. Der hält doch nur zum Bischof!« Seine flackernden Augen wichen dem todernsten Blicke des Meisters aus. »Je nun, er hat die Statua hoch gelobt; sie sei wie geschaffen für seine Kirche und den Altar.«

»Und –?«

»Wie geschaffen –. Ich dächte, das könnte Euch genügen.«

»Und –?« Der Meister schüttelte ihn.

Mit einem Ruck entwand sich ihm der dunkle Geselle, und ein böses Lächeln verzerrte sein Gesicht. »Eine Heilige mit hübscher Larve, gleichsam ölduftenden Ringelhaaren, entsetzlich langen Spinnenfingern und einem Kropf. Denn jede Riemenschneidersche hat einen Kropf. Und stell' dir vor, wie qualvoll der Atem pfeifen müßte aus einer Lunge, die eingepreßt wäre unter diese zusammengedrückte Flachbrust. Eine in tausend Falten und Fältchen gehüllte Heilige, aber, beim Jeus – kein Weib.«

»Es ist gut – ich danke Euch,« sagte Tilmann und wandte sich ab.

»Ihr habt's gewollt,« murmelte der Geselle und schlich aus der Stube.

Das Mädchen aber warf einen erschrockenen Blick aus den alten Mann und huschte dem Gesellen nach aus der Türe.

»Bermeter!« rief sie halblaut in die Tiefe.

Der Kopf des Gesellen erschien von unten her über dem Geländer der Biegung, und sein Gesicht war im vollen Lichte einer Wandkerze.

»Bermeter!« Das Mädchen war ein paar Stufen herabgekommen und beugte sich über das Geländer. »Das hast du gelogen! Ich bin doch in der Nische dort gestanden und habe gehört, was der Bischof im Herabgehen zum Sekretarius gesagt hat.«

Bermeter lachte lautlos: »Lateinisch oder deutsch?«

Erregt flüsterte sie dicht über seinen flackernden Augen: »Gut deutsch hat er's gesagt: Fries, mir war's doch, als müßte die wundervolle Statua sogleich von ihrem Sockel herabsteigen. Keine Heilige, sondern ein entzückendes Weib.«

Bermeter war mit Katzenschritten emporgekommen. Jetzt stand er nur noch eine Stufe tiefer als das Mädchen und flüsterte mit heißem Atem dicht vor ihr: »Keine Heilige, sondern ein entzückendes Weib – ganz richtig, Schatz!«

Sie rührte sich nicht von der Stelle. Sie beugte nur den Kopf in den Nacken, als wollte sie sich wehren. Aber ihre dunklen Augen flackerten unter den halbgeschlossenen Lidern, flackerten ihm lockend entgegen. Nur die roten Lippen zuckten mitleidig: »Der arme Meister, nun sitzt er wieder halbe Tage lang in Schwermut – ich muß es ihm sagen, daß du gelogen hast!«

Da trat er auf ihre Stufe und umschlang sie. Willenlos hing sie in seinen Armen und duldete seine Küsse: »Laß mich – du! Der Meister kommt!«

»Auch recht,« sagte Bermeter, drückte sie noch einmal wild an sich und begann langsam rückwärts abzusteigen.

»Ich hab' dir doch schon gesagt, du sollst mich nicht küssen, wenn ich nicht will,« zürnte sie mit lachenden Augen und ordnete ihre Haare.

»Sehr gut, Schatz!«

»Meinst wohl, du kannst mit mir machen, was du willst?« ereiferte sie sich.

Leise lachte der dunkle Geselle und trällerte im Hinabgehen vor sich hin:

Mütter, sagt es euern Kindern:
wer sich einmal küssen ließ,
kann's das zweitemal nicht hindern
– arme Kinder, merkt euch dies.

Kindlein, nur den kleinen Finger
gebt uns – nichts bedarf es mehr –
und schon zieht euch der Bezwinger
willenlos so kreuz als quer.

Spinnlein lauert auf der Stiege,
wartet in dem dunklen Fletz –
sieh', da zappelt eine Fliege
in dem schlau gestellten Netz.

Mütter, sagt es euern Kindern:
wer sich einmal küssen ließ,
kann's das zweitemal nicht hindern
– arme Kinder, merkt euch dies!

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