Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > August Sperl >

Der Bildschnitzer von Würzburg

August Sperl: Der Bildschnitzer von Würzburg - Kapitel 18
Quellenangabe
pfad/sperl/bildschn/bildschn.xml
typefiction
authorAugust Sperl
titleDer Bildschnitzer von Würzburg
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130319
projectid4572bd1b
Schließen

Navigation:
.

XVII.

Sechs Jahre sind über den an Leib und Seele gebrochenen Tilmann Riemenschneider hinweggegangen.

Es ist Herbst. Und es ist ein stiller, sonniger Vormittag in diesem gottbegnadeten Herbst.

Herr Tilmann hatte gewünscht, noch einmal, nur ein einziges, ein letztes Mal in seinem Leben vor seinem Weinbergshäuschen hoch über der Stadt zu liegen. Sie hatten ihn an den Fuß des Berges gefahren, auf einer Bahre die Steinstufen emporgetragen und also seinen Wunsch erfüllt.

Da lag er nun auf dem Spannbette vor dem Häuschen. Er lag im Schatten, und seine alten, steifen Finger schnitzten mühselig an einem Lindenklötzlein herum. Es sollte ein Reiter werden für den Ältesten seines Sohnes. Den ganzen Sommer hatte er darangesetzt. Immer wieder war es mißglückt. Immer wieder hatte er nach einem neuen Klötzlein greifen müssen.

Seufzend legte er Schnitzmesser und Klötzlein auf die Wolldecke und betrachtete seine verkrüppelten Daumen. Eine Falte legte sich zwischen seine Brauen. Dann aber schlossen sich seine Hände ineinander, seine Lippen bewegten sich lautlos, die Falte glättete sich, und der Abglanz göttlichen Friedens leuchtete auf seinem Antlitz.

Mit weitgeöffneten Augen blickte er hinaus in das schimmernde Land.

Es war Herbst. Die Natur hatte sich wieder einmal müde geschafft im Kreislauf der Jahre. Hatte sich müde geschafft von der Schneeschmelze an durch die Stürme des jungen Frühlings, hinein in die endlose Ernte der Reifezeit. Jetzt rüstete sie sich zum Schlafen.

Eine müde Sonne übergoß gleichsam schmeichelnd die Erde mit dem Golde allumfließenden Lichtes.

Die Berge standen abgeerntet, und es war gottvoll stille ringsumher. Lautlos gaukelten die weißen Schmetterlinge über den gelben Weinstöcken, lautlos flogen die silbernen Gespinste in der klaren Luft. Nur in den starkduftenden Blumen des kleinen Beetes neben dem Häuschen tönte wie fernstes Glockengeläute das Summen der Bienen.

Drunten, drüben, draußen dehnte sich die Welt. Drunten lag die Stadt, umschlungen von ihren grauen Ringmauern, aus denen gleich Zacken die Spitzhüte ragender Wehren ins Land hinaus drohten. Drunten glänzte der Strom, glitten die Kähne, spannte sich die alte Brücke von Ufer zu Ufer. Drüben auf dem langgestreckten Rücken, der gleich einem Riegel aus der Kette der westlichen Uferberge vorgeschoben ist, thronte die Burg. Und weithin draußen verschwamm zwischen den gelblich schimmernden Rebenhügeln gegen Mittag das Land im Blauduft der Ferne.

Tief drunten, weit drüben, fern draußen dehnte sich lind und weich die Welt – gottvoll still, friedlich und schön. Die Welt, die, nahe besehen, so hart ist, bedeckt mit häßlichen Wunden, Geschwüren und Narben; die Welt, die in Wirklichkeit widerhallt von Kampf und Klaggeschrei; die Welt der Fragen ohne Antwort, der Rätsel ohne Lösung.

Wie ein Märchenschloß, voll der Geheimnisse, thronte in der klaren Herbstluft die Zwingburg über ihren Rebenhängen – und von den Flüchen, die noch immer weit und breit im Lande aus den Hütten zahlloser Witwen und Waisen bei Tag und bei Nacht emporgeschrien, emporgestöhnt wurden, war in der Tat nicht das geringste zu sehen. Und das Gebrüll der stürmenden Bauern, das Jammern und Röcheln der Sterbenden, der tosende Jubel der Sieger war längst verklungen wie ein Märlein, das an stillen Winterabenden erzählt wird und verlischt mit dem in die Asche sinkenden Herdfeuer. Alles war verklungen, wie jedes Glück und jedes Leid auf Erden verklingt und erstirbt.

Und auf den Plätzen drunten in der Stadt, auf den Plätzen, wo einst die Köpfe von den Hälsen gesprungen waren, dort und in allen Gassen, allen Winkeln spielten ahnungslose Kinder uralte Spiele, die sie ererbt hatten von denen, die nicht mehr waren.

Es herrschte tiefe Stille um den alten, kunstreichen Mann da droben, der kein armseliges Reiterlein mehr zu schnitzen vermochte. Aber es war nicht nur stille um ihn her; es war auch stille in ihm, wundervoll stille.

Lautlos wie der Strom da drunten durch Sonnenlicht und Schattenstreifen glitt, so glitt sein Leben zur letzten Überschau heran und vorüber; und wie das weite Land da drunten und da draußen, lag ausgebreitet vor seinen hellsehenden Augen sein Streben, seine Arbeit, sein Irren, Straucheln, Fallen und Auferstehen – seine Jugend, sein Alter. Und hinter ihm, nur seinen Ohren vernehmbar, mündete, leise murmelnd, der Lauf seines Lebens ins Ewige ein. –

Über die oberste Stufe der Weinbergstreppe vor ihm kam ein flachsblondes Köpflein empor, ein rundes, rosig überhauchtes, ein wenig sorgliches Kinderantlitz wurde sichtbar. Krampfhaft hielten zwei Händchen eine große Traube hoch empor, zwei dicke Beinchen arbeiteten sich mühsam über die Steine.

Jetzt war's geschehen.

Vorsichtig brachte die Jüngste Jörg Riemenschneiders den Weg zum Spannbett hinter sich, hob sich auf den Fußspitzen, legte die überreife letzte Traube auf die Wolldecke und sagte eifrig: »Eß!«

Herr Tilmann richtete sich auf, umschlang das Kind mit der Linken, strich ihm die wirren Haare mit der Rechten aus dem erhitzten Gesicht und berührte die Stirn mit den Lippen.

Die Kleine hielt sich zunächst ganz stille. Dann aber sagte sie noch einmal: »Eß!« Entwand sich dem Arm des alten Mannes und trippelte ihren Weg zurück. An der Stiege blieb sie einen Augenblick stehen und spähte sorgenvoll in die Tiefe. Nach einigem Besinnen aber machte sie kurz entschlossen kehrt und verschwand auf Händen und Füßen.

Herr Tilmann legte sich lächelnd zurück und schloß die Augen. Und vielleicht kamen gerade jetzt von allen Altären im Lande weit und breit die holden Kindergestalten seiner kunstfertigen Hände von einstmals zu einem letzten Besuch und hielten Zwiesprache mit ihrem Meister. Und vielleicht zitterte wie leiser Glockenklang vom fernen Februar des Jahres 1525 herüber eine Erinnerung an jene glühenden Worte des jungen Mönches durch seine Seele.

Jetzt aber öffnete er groß und weit die Augen und griff nach der Traube. Der hölzerne Reiter glitt hinunter auf den Sand; der Meister beachtete es nicht.

Er hob die Traube mit ihrem dunkelgrünen Blatte hoch empor und versenkte sich andächtig in ihre goldschimmernde Pracht. Und feierlich sagte er das Wort des großen Albrecht vor sich hin, das Wort, das ihn einst fast in Verzweiflung gestoßen hatte: »Wahrhaftig steckt die Kunst in der Natur – wer sie heraus kann reißen, der hat sie.«

Ein erhabenes Lächeln ging über sein Antlitz, und aus tiefer Brust sprach er: »Keiner noch hat es restlos vermocht – nicht mit dem Stift, mit dem Meißel, dem Messer, und nicht mit dem Wort – und keiner wird's zwingen. Denn alle Kunst ist, wenn sie hoch greift, doch nur ein Gleichnis vom Gleichnis.«

Er schloß die Augen, und es schien, als wollte er leise entschlummern. Aber nach einer Weile begannen sich seine Lippen wieder zu bewegen, und halblaut sprach er vor sich hin jene anderen Worte, die so lange tot in der Tiefe seines wundersamen Gedächtnisses gelegen, dann aber auferstanden waren und sein Leben mit neuen Kräften erfüllt hatten:

»Nicht wird Ruhe haben, der sucht, bis daß er finde; und wenn er gefunden hat, wird er staunen; und wenn er gestaunt, wird er zur Herrschaft kommen; und wenn er zur Herrschaft gekommen ist, wird er ausruhen.«

Wieder nahm er die Traube und hielt sie gegen den blauen Herbsthimmel, und sie schimmerte und leuchtete in seiner welken, verkrüppelten Hand.

Jawohl – er hatte aus ruheloser, brennender Eitelkeit glücksuchend auf Wegen und Irrwegen die Ruhe gesucht und hatte sie endlich staunend gefunden – – dort, wo er sie niemals gesucht hätte: im Leid. Und im tiefsten Leid war ihm das Höchste geschenkt worden: die Herrschaft. Nicht die Herrschaft über die anderen, über die fremden Geister, sondern über den Dämon in der eigenen Brust. Und als die Stimmen der Eitelkeit, des Ehrgeizes, der Weltlust, der Sorge beherrscht schwiegen, da war die gottgeschenkte Ruhe eingezogen in sein versöhntes Gemüt.

Er legte die Traube zurück und faltete die Hände.

»O weh, wo sind verschwunden alle meine Jahr –
ist mir mein Leben geträumt oder ist es wahr?«

So hatte einst vor Jahrhunderten in längst verschollenen Versen der Sänger geklagt, dessen Irdisches da drunten, hinter dem Neumünster, im Lusamgärtlein ruhte und schlief.

»Ich weiß, es ist wahr,« murmelte Herr Tilmann. » Seltsam wahr, grausam wahr, selig wahr, Amen.«

*

Zwei Erwachsene und drei Kinder standen jetzt an seinem Spannbette. Das kleinste Kind deutete auf die Traube und sagte bedauernd: »Da liegt's.«

»Pst!« mahnte die Mutter und schloß das Mündlein mit ihrer Hand.

Wortlos bückte sich der ältere Knabe, hob den Reiter auf, reinigte ihn und steckte ihn ein.

Da lag der Meister – ein hingestreckter Kämpfer. Einer von denen, die Gott von Zeit zu Zeit nach unbekannten Gesetzen aus den Tiefen der Menschheit kommen heißt, mit seinen Gedanken belastet und ins dunkle Erdental hineinsendet. Und als solchen Trägern göttlicher Gedanken ist ihnen bestimmt und mitgegeben das Martyrium, das unlöslich ist von jeder gottentstammten Kunst, das Martyrium, das sie heimlich schleppen müssen als den Pfahl im Fleisch – bis die Seele ihre Bande sprengt, ihre Flügel entfaltet und heimkehrt in den Schoß dessen, der sie gesandt hat.

*

Früh morgens haben sie ihn heraufgebracht, in der Abenddämmerung werden sie ihn zu Tale tragen in die engen Gassen der Stadt, in sein altes Haus.

Die Sonne wird wieder aufgehen und wieder untergehen und wieder kommen. Aber seine Augen werden trüber werden von Tag zu Tag.

Seine leiblichen Augen, die einst mit heißer Begier in sich getrunken haben die Schönheit der Welt.

Aber das Licht, das ihm ausgegangen ist aus der Finsternis und ihn zur Herrschaft geführt hat aus der Unruhe der Zeit, – das Licht, das nicht gebunden ist an diesen oder jenen Körper, und nicht gefangen ist in diesem oder jenem Bekenntnis – das wird nicht mehr erlöschen in ihm bis zu der Stunde, wo das helle Glöcklein tönt zwischen den grauen Mauern seiner Gasse und der Priester an sein Lager tritt und sein Haupt salbt mit dem heiligen Öle.

Es wird ihm leuchten und ihn zuletzt geleiten über die Stufen, die emporführen aus der Endlichkeit in die Unendlichkeit – über die steilen Stufen, die wir alle dereinst hinter uns bringen müssen – – die einen keuchend und von Schmerzen betäubt, die anderen gleichsam im Traume.

Und wenn wir zur Herrschaft gekommen waren, dann werden wir ausruhen.

 << Kapitel 17  Kapitel 19 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.