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Der Bildschnitzer von Würzburg

August Sperl: Der Bildschnitzer von Würzburg - Kapitel 17
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typefiction
authorAugust Sperl
titleDer Bildschnitzer von Würzburg
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1925
correctorJosef Muehlgassner
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XVI.

Es ist doch ein großer Unterschied, ob ein Straßenräuber und Mörder vom Henker hart gewogen und mit Hilfe der Daumenschrauben peinlich befragt wird – oder ob einer, der in jedem Pulsschlag und bis in die Fingerspitzen ein Künstler ist, unter die Pranken der Folterknechte gerät.

Ein großer, ein unausdenkbarer Unterschied. Aber was fragten die Menschen jener Zeit nach solchen Unterschieden?

Die Arbeit war geschehen, und das Wort, auf das es den Machthabern ankam, war den bleichen Lippen Tilmann Riemenschneiders entpreßt.

Das Opfer der Gerechtigkeit lag in einer Kohlenkammer der Marienburg auf einer Schütte Stroh, und eine barmherzige Ohnmacht hatte seinen gemarterten Leib in die Arme geschlossen.

Freilich – die Ohnmacht wird nicht immer dauern, und die Schmerzen werden ihre Übermacht doch wieder behaupten.

*

Es ist spät am Abende. Der Schlüssel kreischt, ein schwacher Lichtschein huscht über die kahlen Mauern. Zwei Männer treten in das Gemach.

Der eine von ihnen läßt sich an der Strohschütte auf die Knie nieder. Neben ihn tritt der andere, und das Lichtflämmlein seiner Ampel beleuchtet die spitze Nase und die vom Fieber geröteten Wangen des Gemarterten.

»Sic transit gloria mundi!« flüstert der Mann mit der Ampel.

Der andere hat sich schweigend über den Ohnmächtigen gebeugt und lauscht auf den leisen Atem.

Ein Zucken geht über die Glieder, die Augen öffnen sich und blicken verständnislos in ein gütiges Antlitz. Dann erhellt ein kindliches Lächeln die eingefallenen Züge. Ein tiefer Seufzer ringt sich zwischen den fiebertrockenen Lippen hervor. Und wieder schlägt die Ohnmacht ihre Arme um ihn.

Tilmann Riemenschneider hat es nie erfahren, wer sich damals den Kerker öffnen ließ und ihn mit Gefahr des eigenen Kopfes in seiner tiefsten Not besuchte. Aber alles andere weiß er genau. Und dann und wann hat er auch noch später davon erzählt: Er war erwacht, und neben ihm, tief über ihn gebeugt, kniete der barmherzige Samariter und sprach – Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben. Sein, jawohl, sein barmherziger Samariter vom Windsheimer Altar, dem er einst die Züge des Erlösers gegeben hatte. Und immer hat Tilmann Riemenschneider seine Erzählung glückselig lächelnd geschlossen: »Nicht mein, o nein, nicht mein armes Gebilde, sondern er selbst, in meiner tiefsten Not. Und von Stund an hab' ich mich frei gewußt.« –

Der Kniende erhebt sich und nimmt dem anderen die Ampel ab.

Jetzt läßt sich der Arzt auf die Knie nieder, öffnet mit leisen Fingern die Haften des Wamses und legt lauschend das Ohr auf das Herz.

Er richtet sich wieder auf, und beide treten zurück. Der Arzt flüstert, und der andere hört ihm zu.

Dann flüstert dieser andere: »So werde ich augenblicklich meinen Diener mit Decken und Kissen schicken. Ihr aber werdet tun, was Eure Kunst vermag.«

»Auf Eure Gefahr, Herr Magister,« antwortet der Arzt, und ein scheuer Blick streift über den Gerichteten. »Aber es ist nicht ratsam, Blutberauschten in den Weg zu treten.«

»Auf meine Gefahr und ohne jede Gefahr für Euch selbst!« sagt Lorenz Fries und geht aus der Türe.

*

Fast alle waren sie dem Blutrausch verfallen. Wie die Pest war es über sie gekommen und riß sie weiter im Taumel von Frevel zu Frevel. Und es konnte in der Tat gefährlich werden, einem solchen Blutberauschten den Weg zu vertreten.

*

Lorenz Fries war in dieser späten Abendstunde noch bis zu seinem Gebieter vorgedrungen.

Widerwillig hatte ihn Herr Konrad vor sich gelassen. Nun stand der Getreue in dem großen Arbeitsgemache, in dessen Mitte eine brennende Ampel von der Balkendecke herabhing.

Der Bischof lehnte am offenen Fenster und sah auf die totenstille Stadt hinab.

Es war eine finstere, gewitterschwüle Nacht. Wetterleuchten huschte über den Horizont, in den Gassen und auf den Plätzen glühten die Wachtfeuer, und ein großer Ring solcher Feuer war um die Stadt geschlungen. Von Zeit zu Zeit tönten die Lagerrufe der Wachen gedämpft empor. Dann herrschte wieder die grausige Stille im Tal.

Irgendwo war eine Linde stehen geblieben. Die sandte fort und fort ihre süßen Düfte empor in das Gemach. Dann aber wieder kamen ganze Schwaden widerlicher Gerüche aus der Tiefe. Denn in den Weinbergen um die Stadt, auf den Plätzen in der Stadt lagen heute, am dritten Tage, noch viele Leichen.

Herr Konrad stieg herab in die Stube. Der violette Hausmantel umwallte seine Gestalt. Er war sehr prächtig anzusehen.

Herr Konrad begann wortlos auf und ab zu schreiten, und so oft er in den Lichtschein der Ampel kam, funkelte das goldene Kreuz an der goldenen Kette aus seiner Brust.

Lorenz Fries war an der Türe stehen geblieben und wartete, wann er angesprochen würde. Seine Blicke aber folgten unablässig dem auf und ab schreitenden Herrn.

Das war nicht mehr der Landesfürst, der einst gesagt hatte: »Soll ich als erster unter den fränkischen Herren die Gewalt herauskehren und mich einen Blutdürstigen schelten lassen?«

Das war nicht mehr der Hohepriester, der klagend gerufen hatte: »Höre, ich bin doch nicht allein der Fürst über ihre Leiber, ich bin auch der Bischof ihrer Seelen – ein Doppelgeschöpf, das zwiespältig zu denken gezwungen ist!«

Nein, das war ein aus tiefster Vergangenheit seines Geschlechts wieder auferstandener Häuptling, der, vom Geruche des dampfenden Blutes berauscht, über seine erschlagenen Feinde hinblickte – jenseits aller Zwiespältigkeiten, frei von Bedenken und Zweifeln. Wenigstens für die Zeit seiner Trunkenheit.

Plötzlich machte der Bischof halt und fragte: »Weißt du, daß er gestanden hat?«

»Ich weiß es, fürstliche Gnaden. Man hat ihn peinlich befragt – es ist ein Jammer.«

»Ein Jammer?« grollte der Bischof »Es ist auf Unseren persönlichen Befehl geschehen.«

»Man hat ihm die kunstfertigen Finger zerdrückt, Euer Gnaden. Es ist nicht auszudenken. Ich habe ihn soeben besucht.«

»Du hast ihn besucht? Wir staunen, Lorenz Fries, du bist sehr kühn!«

»Ich glaube bewiesen zu haben, daß ich der getreue Diener meines gnädigsten Herrn bin.«

»Das hast du ohne Zweifel, und Unser Dank ist dir gewiß. Aber was stellst du dich jetzt zwischen Uns und den Schächer, der morgen seine Untreue mit dem Kopf bezahlen wird?«

»Weil dieser Schächer Tilmann Riemenschneider heißt, fürstliche Gnaden.«

»Tilmann Riemenschneider?« Bischof Konrad wischte mit der Hand durch die Luft. »Was ist Uns Tilmann Riemenschneider? Ein Rebell, der einen erdichteten Brief –!« Der Bischof unterbrach sich: »Jetzt? wo wir den Namen seines Spießgesellen wissen, soll an alle benachbarten Städte geschrieben werden, daß man auf Bermeter fahe und ihn Unserem Gericht überliefere! Verstanden?«

»Es wird morgen geschehen, fürstliche Gnaden.«

Der Bischof trat ans offene Fenster und blickte lange hinab auf die Stadt. Dann begann er aufs neue: »Was ist Uns Tilmann Riemenschneider? Ein Rebell, der den gemeinen Mann gegen Uns gehetzt und also den ersten Schlag gegen Unsere Hoheit geführt hat.«

»Was Tilmann Riemenschneider Eurer Gnaden ist –? Ich weiß, daß er die höchste Ungnade verdient hat. Aber ich unterfange mich, daran zu erinnern, was Tilmann Riemenschneider Eurer fürstlichen Gnaden vordem gewesen ist. Nämlich einer, der von Gott gesegnet war, mit Kinderaugen durch die Welt zu gehen und mit Sehergaben Werke von unsterblicher Schönheit zu schaffen. Dann allerdings hat ihn ein böser Geist verblendet und auf den Abweg gelockt, der ihm zum Verderben gereicht.«

»Also muß er seinen Weg zu Ende gehen!« kam es vom Fenster herüber.

»Am Ende dieses Weges aber stehe ich, fürstliche Gnaden, hebe meine Arme und flehe um Erbarmen. Keiner von uns weiß, ob er nicht auch einmal von einem bösen Geist ergriffen und auf einen Weg gestoßen wird, den er binnen kurzem aufs tiefste bereut.«

»Lorenz Fries, du bist sehr kühn,« sagte der Fürst zum zweiten Male. »Und was ist's, das dich gelüstet, die Grenzen Unserer Gnade kennen zu lernen? Ein armer Schächer!«

»Tilmann Riemenschneider, Euer Gnaden!« rief der Magister.

»Drunten vor dem Grafen-Eckarts-Turm liegen sechzig solcher Riemenschneider in ihrem Blute, und neben ihnen liegen ihre Köpfe,« sagte der Bischof.

»Tilmann Riemenschneider der Einzige liegt nahe bei uns in Gottes Gewalt und ist ein gebrochener Mann. Fürstliche Gnaden, was kann Euch von einem also Gebrochenen noch Übles geschehen?«

»Der Obrigkeit ist das Schwert in die Hand gegeben. Wer hat mir das vor nicht gar langer Zeit in dieser selben Stube vorgeworfen?«

»Damals, fürstliche Gnaden!« rief der Getreue. »Damals! Und heute sage ich: Legt das Schwert von Euch und umfaßt im Namen des Dreieinigen den Krummstab!«

»Die Gerechtigkeit habe ihren Lauf!« wiederholte der Bischof.

»Ich unterfange mich abermals, zu fragen, was kann Eurer Gnaden von dem Gebrochenen Übles geschehen? Dann aber frage ich weiter: Was haben Eure Gnaden von dem erwürgten Tilmann Riemenschneider zu erwarten?«

»Von dem doch erst recht nichts!« rief es vom Fenster her. »Ein toter Bildschnitzer! Zum Lachen.«

Lorenz Fries kam langsam in die Mitte des Gemaches und stand nun vor dem Betschemel des Bischofs. »Ein – toter – Bildschnitzer –?« wiederholte er und dehnte die einzelnen Worte. »Halten zu Gnaden, dieser Bildschnitzer ist einer von denen, die niemals sterben.«

»Das werden wir morgen sehen!« rief der Blutberauschte vom Fenster her.

»Fürstliche Gnaden geruhen den Sinn meiner Worte anders zu fassen als ich. Fürstliche Gnaden erlauben, daß ich Euern Blick über Jahrzehnte, über Jahrhunderte hinaus in eine ferne Zukunft lenke: Geschlechter sind versunken, Geschlechter sind emporgekommen – der Tod hat die Felder der Menschheit unzählige Male abgeräumt, und aus unseren Tagen klingt nur noch dieser und jener Name ins Werktagsgetriebe der Spätgeborenen. Ich nehme an, daß unter diesen wenigen Namen fort und fort ertönen wird der ruhmbedeckte Name Konrad III., Bischof zu Würzburg. Daneben also noch der eine und der andere Name. Dann aber wird eine Zeit kommen, wo nur noch zwei Namen aus unseren Tagen weiter wandern, hinaus zu fernsten, unbekannten Geschlechtern. Und der Name Tilmann wird an Konrads Fersen geheftet sein – ob Konrad nun das heute will oder nicht. Und wie dann, fürstliche Gnaden, wenn die Kinder in den Schulen lernen: Der Bischof Konrad hat des großen Tilmann Riemenschneiders Leib dem Henker überantwortet und, nicht genug, er hat den Gefolterten im Siegesrausch enthaupten lassen –?«

»Lorenz Fries, du stehst hart an der Grenze Unserer Langmut!« rief der Bischof.

Unbeirrt vollendete der Getreue seine Rede: »Wie nun, wenn die Gläubigen in den Kirchen und Kapellen knien, und die Schönheit unvergleichlicher Bildnisse leuchtet in ihre dürstenden Seelen – dazwischen aber flüstert es unter den alten Gewölben: Den, der die Schönheit und das Heilige in Holz und Stein gebannt hat, den hat sein eigener Bischof erwürgt.«

Herr Konrad stand regungslos im Fenster. Lorenz Fries aber trat an den Wandbehang hinter den Betschemel und riß an der Schnur. Der Behang teilte sich, und, voll beleuchtet von der Ampel, hing der Kruzifixus Tilmann Riemenschneiders in der Nische.

Der Magister ließ sich auf das Knie nieder, und seine Stimme zitterte in tiefer Bewegung, als er die Worte sprach: »Im Namen des Gekreuzigten bitte ich um Tilmann Riemenschneiders Leben und um die Hälfte seiner Güter zu seinem Lebensunterhalt!«

Der Bischof wandte sich ab und starrte hinaus in die Nacht.

Es herrschte das Schweigen des Todes.

Nach langer Zeit sagte Herr Konrad, ohne sich zu wenden: »Unsere Befehle sind erteilt, und wer von den Lebenden das erfahren, wer das durchgemacht hat, was Uns begegnet ist, der verachtet das Gerede der Nachkommen.«

Einen Augenblick war es wieder still im Gemach. Dann erhob sich der Magister und seine Stimme klang hart und scharf: »Also lege ich meine Ämter in die Hände Eurer fürstlichen Gnaden zurück.«

»Wegen des Bildschnitzers?« kam es höhnisch vom Fenster her.

»Weil ich nicht wünsche, fürstliche Gnaden, daß es einst heißt: Bischof Konrad hat den großen Riemenschneider getötet, und sein Vertrauter ist Lorenz Fries gewesen.«

Der Magister ging aus dem Gemache. –

Weit über die Mitternacht leuchtete das Licht der Ampel hinaus in die gewitterschwüle Finsternis. Ruhelos ging Bischof Konrad auf und ab, auf und ab.

*

Am nächsten Morgen verfaßte er ein gnädiges Handschreiben »an seinen lieben und getreuen Sekretarius Lorenz Fries«, verschloß es mit spanischem Wachs und drückte seinen Ring darein.

Und in der Folge spotteten die jungen Domherren, denen nach beseitigter Gefahr die Kämme von Tag zu Tag höher schwollen: »Ei wohl, Seine fürstliche Gnaden sind hurtig beim Köpfen, wenn es sich um Leute handelt, deren jeder nur einen Kopf zwischen den Schultern trägt. Aber von seinem eigenen zweiten Kopf hat er sich doch nicht zu trennen vermocht.«

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