Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > August Sperl >

Der Bildschnitzer von Würzburg

August Sperl: Der Bildschnitzer von Würzburg - Kapitel 15
Quellenangabe
pfad/sperl/bildschn/bildschn.xml
typefiction
authorAugust Sperl
titleDer Bildschnitzer von Würzburg
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130319
projectid4572bd1b
Schließen

Navigation:

XIV.

Würzburgs großer Künstler war doch im Grunde nur ein kleiner Bürgersmann, dessen Gesichtskreis je und je in den Hügelkranz seiner Heimat gebannt gewesen, dessen Blick aus jedem Fenster seiner Behausung auf nahe, graue Mauern gestoßen war.

Als der Aufruhr über die Stadtmarkung hereinspritzte, erregte sich sein Gemüte für die Sache der Armen und Unterdrückten, und mit geschlossenen Augen trat er in ihre Reihen – aufs tiefste von ihrem Rechte überzeugt. Aber all dem Großen, das die Zeit auch auf staatlichem Gebiete in ungeheuern, schmerzhaften Wehen aus ihrem kreißenden Schoße zu gebären sich anschickte, den gewaltigen Gedanken, die dann freilich zur kläglichen Frühgeburt werden sollten – all dem sah er sich verständnislos gegenüber. Was Wunder, wenn er, in unmittelbare Berührung mit dem Schlamme des Aufruhres geraten, aufs heftigste erschrak, wenn seine Seele angstvoll in die Irre flatterte beim Anblick eines Bolzens in der Brust seines Bildwerkes, wenn er, an sich selbst verzweifelnd, Menschen zu meiden begann, die ohnehin im Ungeheuern Wirrwarr der Ereignisse nur wenig mehr nach ihm fragten, und wenn er sich zuletzt wie ein in der Wüste Verirrter leidenschaftlich zurücksehnte nach den Glaubensformen, aus denen einst die größten Gebilde seiner Kunst emporgewachsen waren!

In diesen Tagen begab sich's, daß das Mitleid seine Arme ausstreckte und den Vereinsamten, Gemiedenen aus seinem öden Gemache herabzuziehen versuchte in warme Gemeinschaft. Und dieses Mitleid war verkörpert in dem schlichten Weibe Jörg Riemenschneiders, des Stiefsohnes.

Vom ersten Tage an, als sie das Haus betreten hatte, war der berühmte Meister in unnahbarer Höhe über ihr gestanden. Sie hatte das als etwas Gegebenes, Selbstverständliches hingenommen und ihr Genügen in der restlosen Sorge für die leiblichen Bedürfnisse des alten Mannes gefunden, der die bescheidene Spenderin alles Guten zwar nicht sonderlich beachtete, aber ihre täglichen Dienstleistungen mit immer gleicher Freundlichkeit lohnte.

Und nun hatte sie ihn neulich nach jener Schreckensnacht ohnmächtig zusammengebrochen an seiner Bettstatt gefunden. Da war das ganze Verhältnis mit einem Male ein anderes geworden.

Zuerst widerwillig, nur aus immer wiederholtes Bitten – dann zuweilen einmal auch aus freiem Antrieb – endlich in täglicher Gewohnheit kam Tilmann die knarrenden Treppen herunter in die Stube seines Sohnes. Auf der Flucht vor seinen eigenen Gedanken, die sich anklagten und entschuldigten, auf der Flucht vor völliger Verzweiflung. Und es war wohl kaum ein Zufall, wenn an solchen Abenden dann und wann jener greise Domvikar an die Türe seines alten Beichtkindes pochte und Einlaß begehrte zu friedlicher Zwiesprache.

*

Aber es war ein trügerischer Friede auch in dem alten Hof zum Wolfmannszichlein. Und wenn die Klugheit des Weibes so manches fernzuhalten wußte, was den hart kämpfenden Meister hätte beunruhigen können, sie hatte doch nicht die Macht, Türen und Fenster zu verstopfen gegen das, was sich nunmehr Tag um Tag über die Stadt ergoß.

Georg Truchseß von Waldburg, der Feldherr des Schwäbischen Bundes, hatte seine Feinde bei Böblingen in die Pfanne gehauen; jetzt wandte er sich und trug den Schrecken nach Franken. Das Unheil kroch unaufhaltsam heran, und wie dicke Staubwolken liefen auf allen Straßen vor ihm her die Gerüchte:

»Den Jäcklein Rohrbach, den Bauernführer, hat er bei lebendigem Leibe rösten lassen – den Spießrutentod des Grafen von Helfenstein hat er grausam gerochen, hat Weinsberg dem Erdboden gleichgemacht und Weiber und Kinder wie die wilden Tiere in die Wälder gejagt – alle Dörfer im unteren Neckartal stehen in Flammen – von Heidelberg rückt der Kurfürst Ludewig mit Heeresmacht heran, und neben ihm reitet der Bischof von Würzburg – ein ungeheueres Kriegsvolk mit unermeßlichem Feldgeschütz streckt seinen Kopf ins Bistum herein.«

In den Lagern zu Heidingsfeld und Höchberg liefen sie erschrocken durcheinander, in den Gassen Würzburgs grölten betrunkene Bauern, höhnten zu den drei leeren Galgen empor, die man auf drei Plätzen ausgerichtet hatte, und sangen Lieder nach der uralten Weise: Lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot!

In starrer Ruhe lag die unbezwungene Feste über der Stadt.

Die Ehrbaren und Wohlweisen des Rates hielten ihre Häuser verschlossen. Der gemeine Mann lungerte mit den Bauern in den Gassen. Nur in der Finsternis öffneten sich da und dort die Türen der Vornehmen, und Männer mit kummervollen Gesichtern schlüpften wechselseitig in abgelegene Hinterstuben und besprachen mit schlotternden Knien und bebenden Lippen die Frage: Was nun?

Ward wohl auch da und dort in Heimlichkeit die Glocke eines von den wenigen annoch bewohnten Domherrnhöfen gezogen und de- und wehmütig längst abgebrochene Beziehung zu einem verschüchterten alten Herrn wieder angeknüpft. Denn man konnte nicht wissen –!

Und in den Häusern der Ehrbaren und Weisen, wie in den Domherrnhöfen ward jetzt immer wieder ein Name lautbar, auf den allgemach die Angst und der Haß und wohl auch alter, unter der Asche glühender Neid alle Verantwortung ablud – Tilmann Riemenschneider. Da ward der gebrochene Mann im Hofe zum Wolfmannszichlein unversehens zum Verfemten. Denn der Erfolg ist's, der die Schicksale der Menschen bestimmt.

Boten mit fordernden, heischenden, flehenden Briefen rannten und ritten aus den Bauernlagern nach allen vier Orten des Himmels um Hilfe. Die Tapferen schlossen sich in noch engere Bruderschaften zusammen und erneuten alte Schwüre auf blanke Waffen. Und die Feigheit legte wohl auch da und dort die Schwurfinger auf eine Klinge und murmelte die Worte – und schielte dabei nach den Fußpfaden, die abseits in die Heimat führten.

Siebentausend Bauern hoben sich aus dem Lager hinter der Feste bei Höchberg: Das evangelische Heer zog unter Götz von Berlichingen und Jörg Metzler ins Taubertal, dem Truchseß entgegen. Das fränkische Heer aber blieb hinter Heidingsfeld im Lager, und seine Bergmännlein trieben unverdrossen Tag um Tag ihre kleinen Stollen weiter in den Felsen der Marienburg und gedachten die Feste endlich mit Hilfe der Heiligen und etlicher Säcke Pulvers in die Luft zu sprengen.

Grausige Stille herrschte droben auf dem Berge, drunten im Tale – wenn nicht zuweilen die Geschütze der Bauern von der Telle ein paar träge Schüsse gegen die Feste abgaben. Es war die Ruhe vor dem heranziehenden Wetter.

Dann aber trug der Wind ein ekles Gerücht herein: »Die Bauern haben keinen Hauptmann mehr, der Götz mit der eisernen Hand ist ihnen heimlich entwichen.«

Doch wieder hieß es: »Gar nicht kann's fehlen – der Metzler ist Feldherr, das evangelische Heer ist grausam groß geworden, lagert mit vielen Feldgeschützen bei Königshofen im Taubertal und wartet nur auf die Fürsten und ihre Knechte. Die werden's büßen!«

Still war's tagelang, furchtbar still. Dann aber kam es wie Krähengekrächze: »Der Truchseß ist mit Dreißigtausend über sie hereingebrochen. Alles ist verloren! Die Bauern haben's mit der Angst gekriegt, sie haben ihre eigene Wagenburg gesprengt und sind geflohen. Jörg Metzler hat sich auf ein Pferd geworfen und ist bundsbrüchig geworden. Dreitausend haben sich in ein Gehölz gerettet. Der Truchseß hat sie hetzen lassen wie die wilden Schweine. Kaum einer ist entronnen. Im Unterholz liegen haufenweise die Toten. Drei Meilen in der Runde hat man das Siegesgeschrei gehört und das Geschmetter der Trompeten. Jetzt aber kommt der Tanz an uns.«

Wieder liefen die Boten aus dem Lager und aus der Stadt nach allen vier Orten des Himmels. Aber wer konnte noch helfen?

Da kam eine gute Nachricht aus nächster Nachbarschaft. Die ging von Mund zu Mund: Zwei treulose Knechte hatten sich aus der Besatzung des Frauenberges weggeschlichen und erzählten greuliche Märe von Krankheit, von alten, schwachen Männern geistlichen und weltlichen Standes da droben, die nimmer konnten, und dazu von qualvollem Mangel an Wasser.

Des freuten sich Bauern und Bürger. Und heller wurden die Gesichter.

»Es ist ja nicht wahr gewesen!« hieß es auf einmal. »Das evangelische Heer ist gar nicht geschlagen. Die Bauern liegen in fester Verschanzung auf einem Hügel und warten voll Sehnsucht, daß wir zu Hilfe kommen.«

Also auf, ihr Mannen, gegen den Truchseß!

In der Dämmerung kamen Bauern und Bürger, eine große Schar, zusammen im weiten Hofe Katzenwicker zu Würzburg, gelobten sich Treue bis in den Tod und zogen in der Dunkelheit hinunter über den Main hinaus nach Heidingsfeld.

Dort nächtigten sie noch einmal.

Schon war der Morgen nahe. Schon probierte vereinzelt hier und dort eine Amsel ihre Kehle.

Da – was war das?

In langgezogenen Tönen kam's von der Feste herab; der Wächter blies das Horn, und weit hinaus erklang die wohlbekannte Weise des Schelmenliedes: Hat dich der Schimpf gereut, so zeuch du wieder heim!

Was sollte das bedeuten? Das galt den Bauern dort in Heidingsfeld!

Zerrissen klang das Lied auch in die Gassen Würzburgs, und aus allen Fenstern fuhren die Köpfe – da erhob sich brausendes Freudengeschrei vom Felsen. Und jetzt stieß einer da droben abermals ins Wächterhorn. Das kam aber nicht mehr zerrissen herunter in die Gassen, nein, das klang voll und hell und galt der ungetreuen Stadt: Das Lied vom armen Judas!

In den Gassen wurde es lebendig, von allen Türmen bliesen die Wächter, vom Grafen-Eckarts-Turm wimmerte die Feindsglocke. Von der Telle donnerten die Geschütze der Bauern gegen die Burg.

Was war geschehen?

Die Nacht verging. Berg und Burg traten aus der Dunkelheit heraus in graue Morgendämmerung. Und siehe da – aus der Schütt, unter den Mauern der Feste, wimmelte es von Reitern. In den Fenstern und Lucken über ihnen drängten sich die Köpfe. Und immer wieder trug der Morgenwind brausendes Freudengeschrei herab in die Stadt, und die Geschütze donnerten darein.

Die Sonne kam empor – die Schütt lag still und leer. Die Reiter waren verschwunden, weggewischt, als hätte sie der Boden verschluckt.

Was ist's gewesen?

Bischöfliche Reiter; habt ihr's denn nicht gesehen?

Unsinn, wo kämen die Bischöflichen her? Durch die Luft?

Woher –? Vom Bischof! Von wem denn sonst? Der Bischof hat sie vor sich ausgeschickt, denen droben zum Gruß und zum Trost.

Laßt euch nicht auslachen! Was sagt ihr? Reiter von Fleisch und von Blut habt ihr gesehen?

Was denn?

Der hat's gesehen – und der – und der: Rauch ist's gewesen, Rauch die Pferde, Rauch die Männer. Und wißt ihr was? Der schwarze Barfüßer droben in der Feste hat sie aus Pulver gemacht. In der Sonne sind sie zergangen. Laßt euch nicht schrecken! –

Auf, gegen den Truchseß, den Kurfürst, den Bischof!

Die Pfingstglocken klangen im Maintal und über das Gäu – nicht alle, o nein, bei weitem nicht alle! Aber doch da eine und dort eine nach alter Gewohnheit. Und die lange Steige hinter Heidingsfeld kroch es wie eine endlose Schlange hinauf – zwei-, vier-, fünftausend Bauern mit Rossen und Wagen und mit Geschützen. Vorndran der Florian Geyer mit seiner schwarzen Schar. Da konnt' es nicht fehlen.

Und über ihnen flog eine Wolke schreiender Krähen.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.