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Der Bildschnitzer von Würzburg

August Sperl: Der Bildschnitzer von Würzburg - Kapitel 14
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typefiction
authorAugust Sperl
titleDer Bildschnitzer von Würzburg
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1925
correctorJosef Muehlgassner
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XIII.

In den folgenden Tagen ging der Meister einher wie ein Träumender. Die Wirklichkeit um ihn versank je mehr und mehr, und seine Gedanken verloren sich in Grübeleien.

Er sah nicht mehr, was geschah, er dachte nicht mehr an das, was zunächst kommen würde – seine Seele war einzig erfüllt von der Frage: Tilmann, ist's recht gewesen?

In solcher Bedrängnis stand er am Abende des fünfzehnten Mai in seiner Stube am offenen Fenster und hielt eine Flugschrift in Händen, eine Druckschrift, wie deren jetzt so viele in die Häuser flatterten. Er las den Titel: »Ermahnung zum Frieden auf die zwölf Artikel der Bauernschaft.« Dann sah er aus die Hauswand gegenüber, die, fast zum Greifen nahe, grau und stumpf die Aussicht hemmte.

Seufzend setzte er sich und begann zu blättern. Da fiel sein Blick alsbald aus eine Stelle: »Darum sage ich abermal –.« – Ich –! Er wußte wohl, wer dieser Ich war. Trotzdem warf er das Heft herum, als wollte er sich nochmals überzeugen: Doktor Martinus Lutherus.

Aufs neue begann er zu blättern, und wieder fiel sein Blick auf dieselbe Stelle, die ungefähr also lautete: »Ich lasse unentschieden, wie gut und recht euere Sache ist, und weil ihr sie selbst verteidigen und nicht Unrecht leiden wollt, so tut und laßt, soweit euch Gott nicht wehrt. Aber den christlichen Namen, das sage ich euch, den legt beiseite, mit dem deckt nimmermehr die Schande eueres ungeduldigen, unfriedlichen, unchristlichen Vorhabens.«

Der Bildschnitzer schlug das Heft zu, schob es mit zitternder Hand weit weg und erhob sich jählings. Aber nun ward es ihm schwarz vor den Augen, er schwankte und sank schwer zurück in den Armstuhl, und wie ein Blitz durchzuckte ihn das Wort des Herrn aus der Bergpredigt: »Ich aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Übel.«

Und Blitz auf Blitz zuckten jetzt seine Gedanken und erleuchteten taghell jede Strecke des Weges, den er bisher so unbewußt gegangen war. Und er sah in dem erbarmungslos flammenden Lichte die letzten Beweggründe seines Handelns als traurig nackte Gestalten, und diese Gestalten glichen der durch die Lüfte fahrenden Hexe des Nürnberger Albrecht und quälten ihn sehr.

Er stand auf und begann in der düsteren Stube hin und her zu rennen. Endlich blieb er vor der Wandnische stehen, drückte auf die verborgene Feder und schob die Türen auseinander. Groß und grau stand das Kunstwerk an seinem Orte.

Hier hatte es begonnen. Jedes Wort des Bischofs, jedes Wort des Magisters stieg wieder empor aus der Tiefe seines, ach, so treuen Gedächtnisses. In seinen Ohren brauste, dröhnte es: Beleidigter Ehrgeiz! Und wieder fuhr es dazwischen wie ein Blitz der Erkenntnis: Der Bischof hat dich nicht geschmäht –! Grell leuchtend wieder ein Blitz: Bermeter hat gelogen und betrogen.

Es war ihm zumute, als bräche alles unter ihm zusammen, und gleich einer züngelnden Schlange ringelte sich nun aus den Trümmern ein letzter, ein fürchterlicher Gedanke: Er sah das totenblasse Antlitz des Magisters, und er selbst, er, Tilmann Riemenschneider, hielt dem Freunde von ehemals die geschnitzten Köpfe des Bischofs wie Äpfel zwischen Daumen und Zeigefinger entgegen. Und er sah neben den drei Gesichtern mit unbarmherziger Schärfe ein viertes – sein eigenes, haßverzerrtes Gesicht. Er sah die Augen des Freundes aus sich gerichtet, und wie ein Röcheln kam es aus seiner Kehle: Der Brief! Der Brief!

Tilmann schob die Türen zusammen und schwankte ins Fenster zurück, setzte sich und starrte hinaus auf die graue Wand gegenüber. Tiefe Dämmerung sank in die enge Gasse. Mit gefalteten Händen saß Tilmann. Draußen zog die Nacht herauf, und in ihm war es finster und leer.

*

Die Türe wurde aufgerissen; Bille stürmte in die Stube. »Herr Pate – seid Ihr da?«

»Was willst du, Kind?« antwortete die müde Stimme vom Fenster her.

»Herr Pate, sie stürmen den Berg!«

»Sie stürmen?« fragte der alte Mann, und es klang, als verstände er überhaupt nicht, worum es sich handle.

»Sie stürmen!« rief das Mädchen zum zweiten Male. »Und allen voran Bermeter. Oh, Herr Pate, ich habe gehört, wie er auf die Bauern hineingeredet hat. Drüben im Mainviertel, hinter den Deutschherren. Vor einer Stunde. Hart war die Rede, hart waren die Köpfe. Aber er hat sie bezwungen.«

»Kind!« sprach der Meister. »Wo bleibt die Scham, die Zucht?«

»Kind –?«rief sie zornig. »Ihr irrt, die Kinderschuhe hab' ich ausgetreten. Und daß Ihr's wißt, zu Bermeter gehöre ich, und wo er steht, da steh' auch ich. Oh, daß ich nur ein Weib bin! Weh mir! Mit ihm den Berg hinauf! Neben ihm die Mauern ersteigen, mit ihm siegen oder mit ihm fallen! Heilige Jungfrau, nimm, was du willst, von meiner Lebenszeit und laß mich schauen seinen und der guten Sache Sieg!«

Das Mädchen kam nahe heran und faltete die Hände. Mit zuckenden Lippen begann es zu betteln: »Herr Pate, nur von ferne laßt mich sehen, wie die Männer stürmen; ich muß es sehen, und ich weiß einen Ort, da könnt' ich's sehen. Er selbst hat ihn genannt. Er, Bermeter. Aber der Ort ist mir verschlossen. Herr Pate, kommt mit mir, o kommt mit mir! Ein Riß an der Klingel, und der Wächter streckt hoch oben den Kopf aus dem Fenster, ein Wort von Euch, und er läßt den Schlüssel an der Schnur herunter. Vor Euch tut sich die Türe auf, jede Türe in Würzburg. Herr Pate, ich fleh' Euch an: steigt mit mir aus den Grafen-Eckarts-Turm!«

»Kind, was fällt dir ein! Du bleibst zu Haus in dieser bösen Nacht! Wer sich in Gefahr begibt – kennst du das Sprichwort nicht?«

Sie stampfte: »Gefahr? Was Gefahr? Ich pfeif' aus die Gefahr. Die Sache, der ich zugeschworen habe, die halt' ich fest, und wer mich hat, der hat mich ganz mit Leib und Seele. Und wenn die Stückkugeln wie Hagelkörner in die Gassen schlagen – recht so, dann muß ich mich nicht schämen, daß ich sicher sitze, indes er in Not ist. Ich will hinaus! Ich will dabei sein, wenn abgerechnet wird! Und ich wäre ja gar nicht hier, wenn ich mir anderen Rat wüßte. Ihr sollt mir helfen! Ihr könnt mir helfen! Ihr müßt mir helfen!«

Sie fuhr mit veränderter Stimme fort, halblaut und schmeichelnd: »Wie ist mir denn? Hat nicht der Meister Tilmann dazumalen selbst das verräterische Schreiben des Bischofs auf den Ratstisch geworfen, und haben ihn nicht zum Dank die Bürger auf den Schultern über den Platz nach Hause getragen? Ist's nicht der Meister selbst gewesen, der den ersten Pfeil abgeschossen hat? Hätte Bermeter so weit gegriffen, wenn nicht der Meister hinter ihm gestanden wäre?«

Ein Stöhnen kam als Antwort aus der Fensternische.

Unbeirrt fuhr sie fort: »Und jetzt, wo der andere sein Leben einsetzt, vielleicht in einer Stunde schon zerfetzt im Graben liegt, jetzt kann der Meister in seiner Stube bleiben und der Ruhe pflegen? – Oder – Herr Pate, fürchtet Ihr Euch etwa gar vor den Kugeln, die sie von der Feste herunterwerfen? Der Bermeter fürchtet sich nicht; der führt die Bauern den Kugeln entgegen.«

»So komm!« sagte Tilmann und erhob sich.

Mit halb unterdrücktem Jubelruf rannte sie aus der Stube und brachte die Kappe des Meisters und eine brennende Laterne.

Dann gingen die beiden durch die finstere, menschenleere Gasse hinaus zum Grafen-Eckarts-Turm, und Bille zappelte in Ungeduld immer ein paar Schritte vor Meister Tilmann her.

*

Der unsichere rote Schein des Lichtes strich an den Innenmauern des Turmes empor. Von Absatz zu Absatz lief das Mädchen aus engen Wendeltreppen voran. Schweratmend folgte der Meister.

Hoch oben stand der Wächter unter der Türe seiner Stube.

»O Herr, es wird Euch nicht gefallen bei mir in dieser bösen Nacht. Fünf Kugeln haben tagsüber den Turm getroffen; der Jungfrau sei Dank, ohne merklichen Schaden. Jetzt schweigen ja die Stücke droben und drunten. Aber niemand kann wissen, was noch kommt. Beliebt's Euch, so tretet ein. Was Ihr sehen wollt, das könnt Ihr auch von meinen Fenstern sehen. Eine schreckliche Nacht.«

»Höher hinauf!« rief Bille, setzte den Fuß auf die letzte Treppe und lief wie ein Wiesel empor: »Zu mir herauf, Herr Pate!« rief sie von oben herab.

Die Laterne warf ihren Schein aus die Stufen; schwer atmend klomm der Meister hinan.

Aus unsichtbarer Höhe tönte Händeklatschen, und leichte Tritte fegten zu Häuptern des Meisters dahin und dorthin über knarrende Bretter. »Zu mir herauf, zu mir heraus! O heilige Jungfrau, da – der Dom! Es ist, als kämen die Türme her auf uns! Dort Neumünster – wie ein großes, großes Schiff! Drunten der Main und die Brücke, drüben der Deutschherrnturm, die Schottenkirche, alles so nah und so anders. Und da droben, – Herr Pate, so kommt doch endlich, so kommt doch – da droben die Feste!«

Tilmann hatte sich hinausgearbeitet. Sie aber rannte herzu, ergriff seine Hand und zerrte ihn zur offenen Lücke. »Seht Ihr die Feste? Der gilt's!«

Der Meister ging wortlos von Lücke zu Lücke. Nach allen Seiten hinaus dehnten sich die Giebel und Türme der Stadt und verschwammen unter dem flimmernden Sternenhimmel in Finsternis. Als etwas ganz Fremdes lag das geliebte Würzburg unter ihm, und fast in gleicher Höhe da drüben jenseits des Stromes, wie ein schlafendes Ungeheuer, die Feste.

Unheimliche, bedrückende Ruhe herrschte über dem weiten Tale. Nur zuweilen ein ferner Ruf, ein dumpfes, halbverwehtes Räderrollen. Und nur da und dort, gleichsam verloren und vergessen, ein schwacher Lichtschein aus einem hochgelegenen Fenster. Aber draußen im Süden, vom Heidingsfelder Bauernlager, leuchtete roter Widerschein der Wachtfeuer in weißen Haufenwolken.

»Wenn's finster ist, hat er gesagt,« flüsterte Bille neben dem Meister und starrte wie dieser hinüber zum Kolosse der Feste. »Und es ist doch schon dunkel, es kann gar nimmer dunkler werden,« sagte sie nach einer Weile und atmete tief auf.

Der Wächter kam die Treppe empor. Er trug den Hammer in der Hand, mit dem er die Glocke allstündlich schlagen mußte nach seiner beschworenen Pflicht. Bedächtig klomm er die Leiter in den Turmhelm hinauf, als kümmere ihn sonst nichts auf der Welt.

»Herr Pate – habt Ihr's gehört?«

»Was, Kind?«

»Herr Pate, jetzt wieder! Hört Ihr das Schreien drüben im Mainviertel? Seht Ihr den Fackelschein? Und jetzt – hört Ihr's? Und da – die ganze Straße bis zum Dom hinauf ist schwarz von Bauern – und da – da schleppen sie die Leitern zum Stürmen.«

Der alte Mann hörte gar wohl. Viele Hundert mochten es sein, die vom Dom die Greden entlang herunterrauschten. Die Pfeifen quiekten, das Rasseln der Trommeln brach sich an den Häusern.

Von einer Lücke zur anderen huschte Bille. Mit gefalteten Händen stand Tilmann regungslos vor seiner Lücke, starrte hinüber auf die Feste und bewegte murmelnd die Lippen.

»Der Sturm geht los!« jubelte Bille. »Hört Ihr's? Mit Trommelschlag und Pfeifenklang. Hört Ihr's? Und jetzt rennen sie durchs Tor – jetzt sind die ersten auf den Flößen. – Ihr wißt doch, aus der Floßbrücke, neben der steinernen Brücke, da sind sie vor den Kugeln sicher. Und hört Ihr jetzt die Hörner vom Mainviertel?«

Ein schwerer Schuß rollte über die Stadt, und vielfach widerhallte der Donner zwischen den Hügeln.

Bille klatschte in die Hände: »Vom Klesberg – ich hab' den Blitz gesehen. Jetzt wieder –! Seht Ihr's denn nicht? Und jetzt von der Telle.«

Schuß auf Schuß krachte in Pausen. Das ganze Tal schien lebendig geworden. Hörner tönten von nah und fern, Trommeln wirbelten. Nur die Feste lag stumm und lichtlos auf dem Berge wie ein schlafendes Ungeheuer.

»Herr Pate!« Das Mädchen kam neben den alten Mann: »Ei, sagt mir doch –!« Aber ihre Rede wurde jählings verschlungen von den Hammerschlägen, die droben im Turmhut auf die Glocke fielen: Zehn helle, harte Stundenschläge.

»Herr Pate –,« begann sie aufs neue, und ihre Rechte umkrallte Tilmanns Arm, »ei, sagt mir doch, auf welcher Seite steht Unsere liebe Frau?

Das Trommeln und Pfeifen war schwächer geworden. Nur von Zeit zu Zeit dröhnten die Schläge vom Nikolausberg und von der Telle.

Lange schwieg der Meister. Dann sagte er zögernd: »O Kind, wer möchte das entscheiden?«

»Wo doch die Bauern gegen ihre heilige Feste stürmen?« fragte sie, und ihre Stimme klang ängstlich.

Der Meister ward einer Antwort enthoben. Denn in diesem Augenblick löste sich weit drüben vom Hange des Marienberges vielhundertstimmiges Geschrei, und in der Mulde, die man die Telle nannte, glühten feurige Punkte aus und krochen langsam den Berg hinan. Aus weiter Ferne tönte das Trommeln und Pfeifen. Das Geschrei ward schwächer, schien auszusetzen, schwoll aufs neue an. Immer höher krochen die winzigen Gluten der Feste entgegen. Und die Feste lag, lichtlos und stumm, wie ein schlafendes Ungeheuer auf ihrem Felsen.

Sprosse um Sprosse kam der Wächter aus dem Turmhut herab, Stufe um Stufe tappte er in seine Kammer zurück. Dann ertönte die kleine Schelle – der Wächter rief auf die Straße hinunter – aus der Tiefe kam Antwort. – Schuh auf Schuh donnerte vom Nikolausberg und von der Telle, hoch über die Stürmenden gegen die Feste.

Die beiden droben an ihrer Lücke hatten das Klingeln nicht gehört.

»Jetzt sind die ersten am lichten Zaun. Hört Ihr's, Herr Pate? Jetzt – hört Ihr es krachen? Jetzt hauen sie den Zaun zusammen.«

Deutlich hörte man das ferne Krachen zwischen dem Geschrei der Stürmenden.

»Warum sich die droben nicht wehren?« fragte Bille. »Oh, vielleicht hat sie die heilige Jungfrau mit Blindheit geschlagen und ihre Ohren verstopft. Denn sie weiß ja, die Sache der Bauern ist gut.«

Noch immer lag die Feste stumm und lichtlos auf ihrem Felsen. Im unsicheren Sternenscheine verschwammen die Formen ihrer Dächer und Türme.

Aus der Stube des Wächters kam gedämpftes Reden. Die beiden an der Lücke achteten nicht daraus. Stärker und stärker schwoll das ferne Geschrei an.

»Da –!« Bille schrie gellend auf und umkrallte mit beiden Händen den Arm des Meisters: Aus allen Schießscharten des Schlosses fuhren mächtig lange Feuerflammen, die dumpfen Schläge der Stücke, das Krachen der Handrohre dröhnte als ein einziger, langgezogener, endloser Donner über die Stadt, und der Widerhall antwortete aus Tälern und Schluchten. Alle Fenster, alle Lucken an den weitgedehnten Mauern hatten sich geöffnet und spien feurige Kugeln, brennende Pechkränze, gelbflammende Schwefelkrüge. Von zuckender Lohe umgossen leuchtete die Feste, und ihre harten Formen standen wie glühendes Eisen vor dem schwarzen Firmamente. Die goldenen Sterne waren erloschen.

Von allen Türmen der Stadt begannen die Glocken zu läuten, von allen Türmen bliesen die Wächter.

Die Schicksalsstunde war hereingebrochen.

»So sieht das aus?« murmelte der Bildschnitzer und wankte von der Lucke, ging in eine dunkle Ecke und sank auf seine Knie.

Das Mädchen aber stand aufrecht und sah mit weitgeöffneten Augen hinüber: »Oh, wär' ich ein Mann und könnte kämpfen mit ihm!«

Die großen Glocken dröhnten, die kleinen Glocken gellten, die großen Stücke donnerten, die Handrohre krachten, und aus allen Fenstern und Lucken spie das erwachte Ungetüm fort und fort sein Feuer auf die stürmenden Bauern.

Tilmann Riemenschneider hatte die Stirne an die Mauer gelehnt und betete, in sich zusammengesunken.

Da kreischte es hinter ihm auf: »Bermeter – du?«

Tilmann wandte sich und sah Bille mitten im Raume, übergossen vom Widerscheine der flammenden Feste. Vor ihr aber, auf der engen Treppe, mit dem Oberleib in der Kammer, die Kappe mit der spitzen Feder auf dem Kopf, schwach, doch zur Genüge vom trüben Kerzenflämmlein der Laterne beleuchtet, stand der dunkle Geselle.

»Bille – du?« sagte er trotzig und stieg vollends empor.

Mit zwei Schritten stand sie vor dem Geliebten, ihre Hände umkrallten seine Arme, ganz nahe vor seinem Gesicht keuchte sie: »Du hier oben?«

»Und warum nicht? Sieht man's doch von hier oben am besten! Hab' ich dir's nicht gesagt?« Er stieß es heraus und suchte sich ihr zu entwinden. Aber die Finger ließen nicht los.

»Hier oben?« keuchte sie. »Und nicht da drüben bei den anderen? O du – du! O gelt, es ist nicht wahr? Du bist bei ihnen gewesen – du bist verwundet – du hast dich mit deinen letzten Kräften heraufgeschleppt –?« Sie hielt ihn weit ab von sich und ließ ihre Blicke an ihm hinunter gleiten.

Jetzt riß er sich los: »So halt doch dein Maul, verrücktes Weibsbild, und hör', was ich sag'!«

»Nicht verwundet?« schrie sie, während eine neue Salve von der Festung über die Stadt rollte. »Gar nicht dabei gewesen?«

»Ich werd' mich hüten!« rief er und wich ein paar Schritte zurück.

»Du hast aber doch all die Tage und Wochen her die Bauern zum Sturm gehetzt?« schrie sie und ging mit geballten Fäusten aus ihn los.

Bis an die Mauer wich er zurück: »Das hab' ich; denn es muß das Schloß herab. Sei nit so dumm, Bille, der Feldherr hält sich immer abseits. – Wer könnt' sonst Feldherr bleiben?«

»Der Feldherr –!« Sie lachte gellend auf und schlug ihm mit der Faust ins Gesicht.

»Aber du Teufel –!« schrie Bermeter.

»Halt –!«sagte Tilmann und trat aus der Dunkelheit zwischen die beiden.

Bille hob die gefalteten Hände und schüttelte sie gegen den Geliebten von einstmals. Ihre Stimme bebte: »Herr Pate, da steht nun der Feigling, und da draußen rennen sie, die er in Not und Tod gespielt, gesungen und gehetzt hat. Und diesem Feigling, der schlimmer ist wie ein gelber Bube, dem hab' ich mich ganz vertraut. Dem hab' ich mich –« Sie schlug die Hände vors Gesicht und brach in wildes Schluchzen aus.

»Fort!« rief sie. »Fort! Du oder ich!«

Bermeter putzte an seiner blutenden Nase und rührte sich nicht.

»Fort!« sagte sie zum dritten Male und wankte zur Treppe.

»Bille, bleib, wir wollen zusammen nach Hause gehen,« bat der alte Mann.

Das Mädchen tauchte hinab in die Dunkelheit.

»Ich komme sogleich!« rief ihr Tilmann nach. »Ich muß nur diesen da noch etwas fragen. Bermeter – wie war's mit dem Brief?«

Als leises, höhnisches Lachen kam die Antwort zurück; immer noch wischte er schnaubend an seiner Nase.

»Bermeter –!« Tilmann kam nahe heran und packte den Gesellen an der Brust.

»Wagt es –!« schrie Bermeter und stieß den alten Mann zurück, daß er taumelte. »Noch einen Schritt, und ich stoße Euch über die Treppe hinunter. Meint Ihr vielleicht, ich laß mir von Euch gefallen, was ich von dem Weib geduldet hab'? Die kommt schon wieder. Da hab' ich keine Sorg'. Die frißt mir aus der Hand. Das ist die längst gewohnt. Und der Brief –? Je nun, wenn's gut hinausgeht, dann hat es seine Richtigkeit gehabt. Und wenn's nicht gut hinausgeht –«

Er schlich mit leisen Schritten an die Lücke und beugte sich hinaus.

Noch immer krachten die Büchsen, noch immer schien das Schloß in Flammen zu stehen, noch immer dröhnten und gellten die Glocken. Aber vom Geschrei der Stürmenden war nichts mehr zu hören.

»Und ich schätze, es geht nicht gut hinaus,« sagte der dunkle Geselle. Dann lachte er zornig aus, zog die Laute nach vorn und griff ein paar schrille Akkorde. »Wie Nero beim Anblick der brennenden Roma – nicht, Meister?«

Tilmann Riemenschneider klomm die Stiege hinab und ging hinaus auf den Platz. Die ganze Straße hinauf bis zum Dom war voll von angstvoll harrenden Menschen.

Von der Bank unter der Linde löste sich eine dunkle Gestalt. Bille huschte neben den Alten und tastete nach seiner Hand.

»Herr Pate – Herr Pate, ist's wahr – ? ist's wahr, daß seine Mutter von einem Domherrn verführt und auf die Seite geschafft worden ist?«

»Kind, was fällt dir ein? Bermeter hat mit dieser Geschichte gar nichts zu tun. Er ist der Sohn eines Rotenburger Geschlechters und seinem Vater vor zwanzig Jahren entlaufen. Seine Mutter ist bei seiner Geburt gestorben.«

Bille schrie aus und wandte sich ab.

»Kind – Kind – aber so bleibe doch! Ich muß doch mit dir reden. Kind – armes Kind!« –

Tilmann Riemenschneider schwankte unter dem Donner der Geschütze über den Platz, zwischen den Volkshaufen hindurch, seiner Behausung zu.

Schleier fielen von seinen Augen; Binden lösten sich. Und in seinen Ohren tönten wie ferne Posaunen die Worte des sechzigsten Psalmes: Gott, Du hast Deinem Volke ein Hartes erzeigt; Du hast uns einen Trunk Wein gegeben, daß wir taumelten.

Sein Traum war ausgeträumt.

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