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Der Bildschnitzer von Würzburg

August Sperl: Der Bildschnitzer von Würzburg - Kapitel 13
Quellenangabe
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typefiction
authorAugust Sperl
titleDer Bildschnitzer von Würzburg
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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XII.

Tilmann wußte nicht, wie er nach Hause gekommen war in jener wundervollen Maiennacht, wo die Nachtigallen schlugen, die Frösche sangen und die Sterne am dunkeln Himmel friedvoll flimmerten und funkelten.

»So sieht das aus?« murmelte er, löschte das Kerzenlicht mit dem Blechhütchen, streckte sich auf das Lager und schloß die Augen.

Und alsbald versank er, leiblich ermüdet und seelisch aufs tiefste erregt, in den halbwachen Zustand, den er so gut kannte.

Gestalt um Gestalt schob sich in Lebensgröße lautlos vor seine geschlossenen Augen herein. Zuerst ganz nebelhaft, dann aber in immer schärferer Klarheit. Landschaften breiteten sich aus, Plätze mit wimmelnden Menschen glitten heran und vorbei. Zum zweiten Male erlebte er, was er vor wenigen Stunden leiblich geschaut hatte. Aber nicht er war's, der die Gestalten rief; unabhängig von seinem Willen tauchten sie auf, und mit einer gewissen Neugier, wie ein Unbeteiligter, beobachtete er das Kommen, das Gehaben, das Verschwinden.

Dieser Zustand hatte ihn schon oft ergötzt, nur in seltenen Fällen gequält.

Unter den Gestalten, die also vor ihm ausstiegen, befanden sich auch Kunstwerke unerhörter Art, und nur zu wohl war ihm bewußt, daß er seine größten Schöpfungen zuerst in solch halbwachem Zustand wie eine Offenbarung geschaut, daß er nach einer solchen Vision das Gebilde entworfen und aus immer neuen Visionen die Kraft zur Vollendung geschöpft hatte.

Gestalt auf Gestalt schob sich also hinter seinen geschlossenen Augenlidern vorüber. Doch heute quälte ihn alles, was er zu sehen gezwungen war. Und als das Quälendste empfand er, daß die Gestalten sich immer wilder bewegten, daß sich ihre Gesichter verzerrten in Lust und Leid, und daß sie bei alledem – wie nicht anders zu erwarten war – keinen Laut von sich gaben.

Fast unerträglich wurde das Schauen. Tilmann öffnete die Augen und bekreuzigte sich, betete mit halblauter Stimme ein Vaterunser und den Gruß der Engel an die Gebenedeite.

Da legte sich seine Angst und er entschlief.

Nach einiger Zeit glaubte er zu erwachen, und jetzt stand in Lebensgröße eine ganz andere Gestalt vor ihm und stand in ganz anderer Art als vordem die Gestalten der Vision zwischen Wachen und Schlafen: Es war die Mutter Gottes aus der Heidingsfelder Kirche, seine Mutter Gottes mit dem Kinde. Seine Mutter Gottes ohne Zweifel; denn sie trug ja den Bolzen des Bauern in der Brust. Und doch war es nicht seine Mutter Gottes – nein, keineswegs. Denn diese Gestalt an seinem Lager war lebensvolle, atmende, verklärte Wirklichkeit vom gescheitelten Lockenhaar bis zur Fußspitze. Und das Kind aus ihrem Arm blickte ihn aus tiefen Augen an – so unergründlich tiefen Augen, wie seine Seele sie wohl dann und wann in frömmster Hingabe geschaut, aber seine sterbliche Hand niemals nachzuschaffen vermocht hatte. Und nun öffnete die Gottbegnadete die Lippen und sprach über den Schlafenden hin diese drei Worte: »Ist's recht gewesen?«

Da wachte er an seinem eigenen Schluchzen auf, richtete sich empor und starrte suchend in die Finsternis.

Vom Sternplatz herein kam eine Schar singender Menschen. Weiber kreischten, Hunde bellten, Türen schlugen. Das Johlen verklang in der Tiefe der Gasse.

»Bille –!« seufzte Tilmann Riemenschneider und vergrub das Antlitz in den Kissen.

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