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Der Bildschnitzer von Würzburg

August Sperl: Der Bildschnitzer von Würzburg - Kapitel 12
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typefiction
authorAugust Sperl
titleDer Bildschnitzer von Würzburg
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1925
correctorJosef Muehlgassner
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XI.

Hinter Heidingsfeld, vom Fluß über die Landstraße gegen die Hügel hinan, summte, grollte, rauchte, qualmte das Lager des fränkischen Heeres.

Die Sonne stand nahe über den Hügeln; in bläulichen Dunst gehüllt blickte aus der Ferne die Feste des Bischofs herüber.

Abseits der Straße, im Schatten einer alten Linde, auf der Steinbank seitwärts neben dem schönen Bildstock und den vier kleinen, halb in die Erde gesunkenen Mordkreuzen, saß Tilmann Riemenschneider, und auf der staubigen Landstraße an ihm vorüber kamen und gingen die Menschen in buntem Gewimmel; vom Lager, ins Lager rollten die Karren, keuchten die Zugtiere.

Gestank erfüllte die maiengrüne Landschaft – der unsagbare Gestank, der aufsteigt, wenn alte Ordnungen aus den Fugen gehen und die Menschheit sich in Krämpfen der Empörung windet.

Unbeachtet saß Meister Tilmann und lauschte aus die abgerissenen Worte, die von der Straße an sein Ohr drangen. Er sehnte sich nach einer Offenbarung. Hier mußte sie ihm werden, hier, wo sich heldenhafte Männer, hier, wo sich die Kämpfer für Freiheit und Evangelium zusammengeballt hatten, bereit zum Kampf aus Leben und Tod. Hier mußte ihm die Offenbarung werden – wo anders sonst?

Lange wartete er vergeblich. Dann kam ein junger Bauer mit der Armbrust über dem Rücken und der Wehre an der Seite pfeifend die Straße von Heidingsfeld gegangen. Jetzt blieb er stehen, sah zur Bank hinüber, sprang die Böschung empor und setzte sich neben den wartenden Mann.

»Hier ist gut sein, wie im heiligen Evangelium, lasset uns Hütten bauen,« sagte er lachend, nahm die Kappe vom Kopf und strich über den geschorenen Schädel. »Kommst du aus unserem Lager, Bruder, oder willst du in unser Lager hinein?«

»Ich möchte wohl in euer Lager, aber ich weiß nicht, ob mich die Wache hindurchläßt.«

»Geh mit mir, dann hat's keine Not,« sagte der andere. »Den Baltzer von Bibart kennt jeder im Lager. Aber was willst denn bei uns?«

»Ich bin ein Handwerksmann aus Würzburg und möchte das fränkische Heer in der Nähe besehen; das fromme Heer, das ausgezogen ist, die Gerechtigkeit zu fördern, dem heiligen Evangelium zur Herrschaft zu helfen, das Reich Gottes auf Erden aufzurichten. Ich habe eure zwölf Artikel gelesen, und ich kann sagen, sie gefallen mir wohl.«

»Zwölf Artikel?« sagte der Bauer, legte seine Seitenwehre über die Knie und gähnte. »Weiß von keinen zwölf Artikeln.«

»Wie, Bruder Bauer, du weißt nichts von den zwölf Artikeln?« fragte Tilmann. »Das kann nicht dein Ernst sein. In den zwölf Artikeln ist doch alles beschlossen, was ihr Bauern wollt, und auch wir Bürger müssen sagen, die zwölf Artikel sind gut und gerecht. Ei, warum hast du dann deine Wehr umgeschnallt und bist ins Feld gezogen?«

»Weil's den Großen an den Kragen geht, weil die Schlösser herab müssen, weil die Klöster ausgeräuchert werden, weil alles, was krumm ist, gerade, was buckelig ist, eben gemacht wird, und weil es ein lustiges Kistenfegen und Säckelleeren gewesen ist von Anfang bis jetzt, erklärte der Bauer mit schwimmenden Augen. »Da guck!« Er reckte dem Meister die Linke hinüber, an deren Zeigefinger ein schwerer, goldener Siegelring steckte: »Guck, den hat der Abt von Schwarzach getragen, jetzt trag' ich ihn. Der Abt hat ihn am Daumen gehabt. Ich seh' ihn noch, wie er aus den Knien vor uns herumrutscht und das Wasser von ihm wegrinnt. Aber für meinen Daumen ist der Ring zu eng. Nun trag' ich ihn am Zeigefinger. Das ist der Unterschied zwischen mir und dem Abt. Verstanden?« Aus seinem Munde wehte der Dunst reichlich genossenen Weines zu Tilmann hinüber. »Aber laß dir sagen, Bruder Bürger, das Leben da vor Würzburg, das hab' ich mir auch anders gedacht. Und wenn's so weiter geht, dann krieg' ich's satt, dann sagt der Baltzer von Bibart, da tu' ich nimmer mit.« Er rückte ganz nahe an den Meister heran: »Und so wie ich denken tausend andere im Lager.«

»Aber das ist ja schrecklich!« rief Tilmann. »Ihr könnt doch nicht auf halbem Wege stehen bleiben, ihr müßt doch zum guten Ende führen, was alle Rechtschaffenen wollen!«

»Was hat man uns vorgesagt im Lager zu Gerleshofen?« rief der Bauer zornig. »So hat man uns gesagt: Warum rennt ihr da heraußen von Schloß zu Schloß, von Kloster zu Kloster? Was ist denn gewonnen, wenn ihr da ein Raubnest ausräumt und dort ein Kloster? Was ist das unter so viele? Höret: Das Würzburg ist eine große, große Stadt. Zu Würzburg in den Häusern und Höfen glänzt alles von Gold und Silber, und unter der Erde hat's Keller mit tausend und tausend dickbaucheten Fässern, da ist Weins genug, und die Würzburger Mädeln sind auch nit gering zu achten. – So hat man uns gesagt, und auf das hin haben wir kehrt gemacht und sind gen Würzburg gezogen. Und was ist jetzt? Da heraußen liegen wir, und da drüben liegt Würzburg. Und das erste, was sie getan haben, war dieses: sie haben im Lager einen Galgen errichtet und alles Plündern verboten. So sind unsere Hauptleute eidbrüchig geworden am fränkischen Heer, und das wollen wir ihnen gedenken.«

Entsetzt rückte der Meister an das andere Ende der Bank. »Davon steht aber nichts in den zwölf Artikeln!«

»Steht nichts drin?« lachte der Bauer. »Dann schreibt man's halt auch noch hinein. Ungefähr so: Alles muß gleich werden. Es darf keine Junker mehr geben und keine Pfaffen. Aber auch die dritten müssen dranglauben, die Pfeffersäck' in den Städten. Und wenn sie sich etwa vielleicht lang besinnen, dann schlägt man ihnen in aller Heiligen Namen den Grind ein.«

»Davon steht nichts in den heiligen Evangelien!« sagte Tilmann und erhob sich.

»Steht nichts drin?« lachte der Bauer. »Dann schreibt man's halt auch noch hinein in die heiligen Evangelien. Wird wohl Platz dafür sein, wo so viel schon drin steht. Ungefähr so: Alles muß gleich werden, und die Bauern müssen die Herren sein über die anderen; denn die sind jetzt lang genug die Allerweltsknechte gewesen. Hast mich verstanden?«

Auch er hatte sich erhoben. »Also, bist eingeladen, Bruder, komm mit in unser Lager. Wirst sehen, es fehlt nicht an Kurzweil im fränkischen Heer. Hast hoffentlich Geld in dei'm Beutel?«

»Der Abend ist nahe, ich denk', ich mach' mich auf den Heimweg,« sagte Tilmann zögernd.

Da trat der Bauer hart an ihn, seine geröteten Augen funkelten, die Linke umkrallte den Griff der Wehre, und mit geiferndem Munde zischte er: »Hast doch ins Lager wollen, Bruder? Und jetzt auf einmal nimmer? Was ist dir? Verachtest du etwa vielleicht das fränkische Heer? Du, das könnt' dich bitter gereuen!«

Der Meister beteuerte, daß er das fränkische Heer mit nichten verachte, und ging hinter dem Bauern ins qualmende, stinkende Lager.

*

Die Nacht war herausgekommen. Vom Fluß bis zu den Hügeln glühten die Lagerfeuer, von den Hügeln bis zum Fluß hinunter quiekten die Geigen, dröhnten die Pauken, gellten die Pfeifen, zwischen hinein stach schrilles Jauchzen in den dunklen Sternenhimmel, und aus den weitgedehnten Altgewässern des Maines antwortete in eintöniger, unermüdlicher Grundmelodie das Geschrei zahlloser Frösche.

Ein ganzer Schwarm von Bauern hatte sich an den Bruder Bildschnitzer von Würzburg gehängt, und von Schenke zu Schenke zogen sie mit dem Widerstrebenden. Niemand beachtete, daß er selbst so viel wie nichts trank. Die Hauptsache war, daß er ohne Widerrede immerfort den Beutel zog und reichlichen Trunk spendete.

Er fühlte sich unter all dem Singen und Toben unsäglich elend, und eintönig, wie der Singsang der Frösche, klang ihm aus der gewaltsam ausgepeitschten Lust des Lagers höhnend und feindlich entgegen: So sieht das aus?

Trotzdem konnte er sich nicht losreißen. Vielleicht wartete er im geheimen immer noch aus eine Offenbarung.

*

Es ist eine Stunde später. Drunten, nahe dem Ufer, brennt ein großes Feuer, und um die züngelnde Lohe tanzen jauchzende Paare.

Meister Tilmann steht mit seinen Zechgenossen in dem weiten Ring der Zuschauer.

Ohne Anteilnahme starrt er hinüber, und weil er so gar nichts äußert, packt ihn plötzlich der Bauer Baltzer von Bibart am Arm und fragt ihn wieder einmal mit schwerer Zunge: »Bruder Bildschnitzer, verachtest du etwa vielleicht das fränkische Heer?«

Und als ihm der Meister aufs neue versichert, er verachte das fränkische Heer mit nichten, sagt der Bauer: »Ich wollt's dir auch nicht geraten haben, das könnt' dich bitter gereuen.« –

Ohne Anteilnahme hat Tilmann bislang hinübergesehen. Was kümmern ihn die trunkenen Bauern und die kreischenden, aus den umliegenden Dörfern zusammengelaufenen oder im Trotz des Heeres mitgekommenen Dirnen!

Aber jetzt wird das Bild ein anderes: Aus dem hüpfenden Knäuel, in dessen Mitte das Feuer flammt, lösen sich die einzelnen Paare, und im Tanzschritt entwickelt sich, gleich einer mächtigen Schlange, den inneren Ring der Gaffenden entlang, der Reigen. Die Pfeifen quieken, die Geigen klingen, und herrisch gibt die Pauke den Takt an.

Noch immer blicken die scharfen Augen des Meisters teilnahmslos. Paar auf Paar tänzelt eng umschlungen an ihm vorüber.

Da – es ist ihm zumute, als hätte ihm jemand einen Schlag versetzt – wär's möglich? Oh, er täuscht sich nicht: Das ist die Kappe mit der wippenden Feder, die so frech in die Luft sticht; das ist der dunkle Geselle, der mit sieghaftem Lächeln einhertänzelt –! Und die tänzelnde Dirne mit den aufgelösten Haaren, die, von ihm eng umschlungen, ihn wieder umschlingt –

Jetzt kommen sie nahe herzu – tänzeln an ihm vorüber – und Meister Tilmann vermag sich nimmer zu halten und ruft, und es tönt wie ein Klagschrei: »Bitte!«

Das Mädchen schrickt zusammen, und ein scheuer Blick gleitet den Ring der Gaffenden entlang. Sie erkennt den Meister, sie wendet sich ab, sie drängt den Gesellen vorwärts, sie tänzelt vorbei und entschwindet.

Andere Paare kommen heran; drüben aber springen die ersten durch das lodernde Feuer.

Es ist zwar noch lange nicht Sonnwendzeit, in der die Feuer mit Recht flammen dürften von Hügel zu Hügel und die glühenden Räder die Hänge hinabrollen müßten. Aber was schadet's? Die ganze Welt steht aus dem Kopf. Warum sollte man denn Anno 1525 nicht auch einmal im Monat Mai die Sonnwend feiern und über die Glut springen? Was kann's schaden? Und wer weiß, wie sich die Welt bis Johanni wieder verwandelt! –

Jetzt schickt sich Tilmann Riemenschneider zum Gehen an. Er hat genug. Er hat die Nase und die Ohren voll, und die Augen fließen ihm über. Seine Füße sind schwer, als hingen Erdklumpen daran, und mit dem Rhythmus des Froschgeschreies schlägt es allfort an seine Ohren: So sieht das aus? So sieht das aus?

Und Bille tanzt unter den Dirnen, tanzt unter den Dirnen!

Er möchte heim.

Da kommt vom Lagereingang her ein feierlicher Zug gewallt. Voran schreiten Pfeifer und Geiger und spielen und blasen eine altbekannte Bittgangweise. Dann kommen – Tilmann ist zur Seite getreten – ihr Heiligen, es ist nicht möglich – ?!

Tilmann starrt aus die Prozession: Das sind betrunkene Bauern, die sich in die kostbarsten, von Gold und Silber funkelnden Priestergewänder gehüllt haben. Und jetzt schwankt auf einer Trage, von Fackeln umqualmt, aus den Schultern von Lagerdirnen – ? Tilmanns Augen haben sich weit geöffnet. Ihr Heiligen in himmlischen Höhen, das ist nicht möglich im fränkischen Heer –!

Der Ring der Gaffenden hinter ihm hat sich aufgelöst. Von allen Seiten drängen sie herzu. In Knäueln stehen sie zur Rechten und Linken und schreien und johlen der Prozession entgegen.

Die Musik ist verstummt, der Zug kommt zum Stehen. Aber den Schultern der Dirnen aber ragt lebensgroß aus tuchverhüllter Trage, leise hin- und herschwankend, umloht von roten Flammen, in schwelenden Rauch gehüllt, die Mutter Gottes von Heidingsfeld.

Des Meisters Herz hat ein paar Schläge ausgesetzt. Nun tobt es bis in den Hals empor. Die Mutter Gottes von Heidingsfeld, seine Mutter Gottes, seine zum Bild gewordene Verehrung, der Abglanz seiner, noch von Zweifeln unbeirrten, seiner kindlichen Frömmigkeit, das Werk seiner jungkräftigen, jedes Schnittes unfehlbar sicheren Hand von ehedem – das holdselige Kunstwerk, das er in seinen heimlichsten Gedanken je und je noch über seine Mutter Gottes in der Basilika von Neumünster gestellt hat –!

Vor die Spitze des Zuges tritt nun der Bauer Baltzer von Bibart und spreizt die Beine und schreit: »Was kommt denn da in unser Lager herein?«

Aus der Schar der vermummten Bauern antwortet sogleich einer singend, als wäre er zum Responsorium verpflichtet: »Die Mutter Gottes, fromm und rein.«

Tosend erhebt sich das Gelächter im Umstand. Der Bauer Baltzer aber brüllt: »Ist heidnischer Greuel, muß ab sein und tot!« Und damit reißt er die Armbrust vom Rücken.

»Ab und tot!« brüllt es im Umstand. »Ins Feuer damit!«

»Halt!« gröhlt der Bauer Baltzer von Bibart, zieht die Armbrust auf und legte den Bolzen ein.

Ein riesiger Bauer ist neben ihn getreten, hält ihm die Faust unter die Nase und ruft lachend: »Wenn du das Kind triffst, schlag ich dich nieder.«

»Wie werd' ich?« schreit der Baltzer und zielt. Die Armbrust schwankt bedenklich. Der Baltzer setzt ab und schnauft und setzt aufs neue an. Da schwirrt der Bolzen und schlägt mit hartem Klang in die Brust der Gebenedeiten.

Sie klatschen in die Hände, sie werfen ihre Mützen in die Lust, die Weiber kreischen, Meister Tilmann aber blickt wie gebannt auf den Bolzen.

»Ins Feuer mit ihr!« brüllt einer im Umstand. »Ins Feuer!« brüllen ihrer zehn, ihrer zwanzig.

Die Pfeifen quieken, die Pauke dröhnt, die Fackeln qualmen, die vermummten Bauern heben ihre Meßgewänder wie Weiberröcke und stimmen ihre feierliche Weise an. Das Bild der Gebenedeiten schwankt aus den Schultern der Dirnen dem lohenden Feuer entgegen.

*

Meister Tilmann schreitet mit schweren Schritten dem Ausgang zu. Seine Rechte umklammert den Griff des Wandersteckens. Es ist derselbe mit dem kunstvoll geschnitzten Griff, den er vor zweiundvierzig Jahren im Wolfmannszichlein an den Nagel gehängt hat – voll der Entwürfe und voll der Hoffnungen.

Und ihm ist aus einmal, als wäre dies alles, das er da hinter sich läßt, nur ein ferner, zerfließender Traum. –

Draußen vor dem Lagertor kommt ihm einer nach und packt seinen Arm: »Gehst schon heim, Bruder Bildschnitzer? Fürchtest dich nit? So allein den weiten Weg?«

Tilmann reißt sich los: »Nein – denn Ärgeres kann mir heut nimmer begegnen.«

Der Bauer Baltzer aus Bibart packt ihn abermals, und sein heißer Atem trifft sein Gesicht: »Bruder, ich rat' dir gut – gib mir den Beutel. Es könnt' dir ein Leid widerfahren, so allein aus dem Weg.«

Meister Tilmann greift in die Tasche und wirft den Beutel hinter sich.

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