Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > August Sperl >

Der Bildschnitzer von Würzburg

August Sperl: Der Bildschnitzer von Würzburg - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/sperl/bildschn/bildschn.xml
typefiction
authorAugust Sperl
titleDer Bildschnitzer von Würzburg
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130319
projectid4572bd1b
Schließen

Navigation:

X.

Die Wasserflut, von der die Bibel berichtet, begann damit, daß die Brunnen »der großen Tiefe« aufbrachen. Dann erst öffneten sich die Schleusen des Himmels.

Bis jetzt hatten sich auch hierzulande nur die Brunnen der großen Tiefe geöffnet, und es war emporgeschäumt: der Haß, die Wut, der Neid, die Raubgier. Alles, was nur das Nächste vor Augen, das Engbegrenzte zum Ziel hat. Und wenn schon diese Wasser der großen Tiefe viel Altes, scheinbar für die Ewigkeit Gegründetes gehoben hatten, daß es in greulicher Unordnung wirbelnd umhertrieb – die größten Gewässer sollten sich erst noch heranwälzen und den weiten Talkessel mit ihrem Brausen und Toben erfüllen. Denn – so warfen die Hauptleute des fränkischen Heeres im Lager zu Gerolzhofen der letzten Gesandtschaft des Bischofs ins Gesicht – die Zeit erforderte eine Endschaft, darum wollten sie fortan mit Ernst verfahren. Und kaum hatte der Bischof seine Burg verlassen, da strömten die Heere von Süden, Westen und Norden herein.

Das war nun die große Flut, das Werk des Planeten Saturn, von der die Sterndeuter seit einem Menschenalter geredet und geschrieben hatten; das war die angesagte Sündflut, die mit den wild gewordenen Söhnen des Saturn über alles hereinkam, was sich ihr feindlich entgegenstellte. Das waren die Wogen entfesselter Volkskraft, auf deren Kämmen die Sensen funkelten. Das war der große Krieg, der sich erhoben hatte gegen alles Bestehende im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation von den Alpen bis ins Thüringer Land.

Hinter der Feste gegen Abend bei Dorf Höchberg lag das evangelische Heer, und Obristfeldhauptmann war Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand. Draußen im Süden, oberhalb des Städtleins Heidingsfeld am Main, rauchten die Lagerfeuer des fränkischen Heeres, und ihm gebot Herr Florian Geyer mit seiner schwarzen Schar. Ein dritter Haufe hatte sich im Norden, bei Karlstadt, zusammengeballt.

In vielen tausend Augen spiegelte sich die Feste aus dem Marienberg als Ziel und Kampfpreis, und viele tausend Lippen sprachen leise und laut das Wort, das Florian Geyer, ihr Abgott, zuerst gesagt hatte: »Schon ist die Axt an die Wurzel gelegt, und es geziemt uns nicht, sie zurückzuhalten. Es muß das Schloß herab!«

Dann kam die Stunde über Würzburg, die dem weissagenden Bischof vor Augen gewesen war: Es pochte mit Macht an die verschlossenen Tore und forderte Einlaß. Und sie hielten es für das Glück und ließen es ein.

Meister Tilmann hatte sich von Anfang an unwirkliche Gebilde vorgezaubert. Er hatte gewähnt, der Stoff, aus dem das große Neue geschaffen werde, sei weiches Lindenholz; es bedürfe nur der kunstfertigen Hand, das Gebilde zu formen. Und wie so gerne hätte er mitgearbeitet an diesem Werk. Da kam die waffenklirrende Wirklichkeit, und er ward mit Beklemmung inne, daß andere längst vor ihm seinen Träumen eine Gestalt gegeben hatten, die ihn fremd und feindlich anblickte, und er fühlte mit steigendem Unbehagen, daß niemand mehr seiner bedurfte. Zwischenhinein aber verspürte er ein leises Bohren und Nagen, über dessen Ursache und Wesen er sich zunächst selbst noch keine Rechenschaft geben konnte oder – wollte.

Über dem allen wölbte sich einen Tag wie den anderen in eintöniger Schönheit der wolkenlose Himmel eines über die Maßen wonnigen Frühlings. –

Es war der Nachmittag des elften Mai.

Tilmann hatte sich nach langer Zeit wieder einmal in seine Werkstatt begeben. Warum, wußte er selbst nicht. Denn zu tun gab es dort nichts. Verödet lag der große Raum in dem niedrigen Hintergebäude, wo einst die vielen Gesellen geschafft hatten.

Langsam ging die hohe, gebeugte Gestalt die Arbeitsplätze entlang. Vor einer großen Gliederpuppe blieb der Meister stehen und blickte auf das Gewand, das bis aus den Boden herabwallte. Nach alter Gewohnheit griff er dort in die kunstvoll gesteckten Falten, wo sie seinem Auge nicht entsprachen. Ein feines Wölkchen Staub löste sich von dem Stoffe, und eine Maus huschte unter dem Saume hervor.

Seufzend wandte er sich ab.

Ein zweiter Seufzer antwortete ihm aus der Ecke.

Jählings wandte er sich: »Du hier?«

Jörg Riemenschneider kam hinter einem zusammengeschobenen Haufen, einer ganzen Ratsversammlung anderer Gliederpuppen hervor. Seine Augen waren vom Weinen gerötet, und wortlos nickte er zu seinem Stiefvater hinüber. »Jawohl, Herr Vater. Es hat ja keinen Zweck mehr. Aber die alte Gewohnheit treibt mich halt immer wieder herein.«

Er wischte die Augen: »Es wird nie mehr einer kommen und einen Heiligen bestellen. Nie! Wer einen Heiligen will, der kann ihn aus der Gasse aufheben. Da liegen sie, landaus, landab hinter den Kirchen – haufenweise.«

»Die Zeit der Heiligen ist vorbei,« sagte Tilmann, und seine Stimme klang rauh. Aber er hatte die Augen von dem verweinten Gesichte des anderen abgewendet, als wäre er der Sache schuldig und müßte sich eines bösen Gewissens schämen.

»So wird uns nichts mehr übrig bleiben, als daß wir Grabsteine meißeln und, wenn's gut geht, Torbögen und Brunnentröge,« sagte der Sohn und wandte sich zur Türe. Dann blieb er unschlüssig stehen und sagte halb über die Schulter: »'s ist ein rechtes Kreuz, und es darf einer nicht zurückdenken an die gute, alte Zeit, wo da herinnen und im Hof draußen zwanzig, dreißig Knechte geschnitzt und gemalt und gemeißelt haben.«

»Schweig!« rief der Meister zornig.

»Und mein Weib ist auch in der Hoffnung – endlich nach drei Jahren – und was einen früher gefreut hätte, das macht jetzt das Herz nur noch schwerer.«

»Ei, Jörg, das ist ja eine frohe Botschaft in der bösen Zeit,« sagte nun Tilmann mit ganz veränderter Stimme. »Und ich denke, wir haben noch immer so viel, daß auch ein Viertes sich satt essen kann,« setzte er mit leisem Lachen hinzu.

»Wer weiß?« murrte der andere. »Es wäre nicht das erstemal, daß sie zu Würzburg einen Bürger bis aufs Hemd ausziehen täten. Es muß einmal heraus, es würgt mir sonst den Hals ab: Der Herr Vater hat sich in einen bösen Handel gemengt. Und wenn's das Unglück will –«. Er murmelte Unverständliches. Von der Türe her sagte er noch: »Der Bermeter hat vorhin auch nach Euch gefragt.«

»Er soll kommen!« befahl der Meister.

»Der Lump!« brach Jörg Riemenschneider los und schüttelte die geballten Fäuste. Dann ging er.

Tilmann blickte nachdenklich vor sich hin. Eine tiefe Falte lag zwischen seinen Augenbrauen.

Der Mann, der ihn seit vielen Jahren Vater nannte, der Biedermann und fleißige Bildhauer, den ihm seine erste Frau mit anderen Söhnen in die Ehe gebracht hatte – wie war er ihm doch im Grund seines Herzens so fremd.

Noch tiefer wurde die Falte. Er sah sich als jungen Gesellen, arm an Geld und reich an Hoffnungen, in diese Stadt einziehen, über die Schwelle des Hauses zum Wolfmannszichlein treten und bei Frau Anna, der reichen Witwe weiland Ewald Schmids, Arbeit suchen. Und dann –

Es war ein Jammer, daß ihn dieser Mann immer an lange, freudlose Jahre erinnern mußte, dieser Stiefsohn, über den er nie zu klagen gehabt hatte. Dieser enge Handwerker im Vorhofe der Kunst. –

Bermeter schob sich zur Türe herein.

Da entfuhr es dem Meister: »Heilige Jungfrau, wie seht Ihr aus!«

»Wie soll ich aussehen?« rief der andere trotzig. »Wie die böse Zeit. Was wundert's Euch?«

Der Meister antwortete nichts. Sein Blick haftete starr an den verwilderten Zügen des dunklen Gesellen. Und unwillkürlich verglich er mit ihm das biedere Antlitz des Mannes, der soeben aus der Türe gegangen war.

Bermeter brach los: »Das hab' ich mir auch anders gedacht. Sind wir deshalb des Bischofs Feinde geworden, daß wir der Bauern Knechte werden und gar nichts mehr zu sagen haben in der Stadt Würzburg? Oder weiß ich's nur nicht? Sitzt Ihr vielleicht auch alle Tage in der neuen Weltregierung und ratschlagt mit dem Metzler, dem Kohl, dem Bubenleben, dem Florian Geyer – he? Im Kapitelsaal zu Neumünster stehen die Geharnischten mit Hellebarden die Treppen hinunter bis in die Kirche und geben acht, daß keiner gestohlen wird. Ei so, Ihr seid nicht dabei? Werdet freilich nicht viel versäumen. Kann mir's denken, was die Unsrigen zu tun haben – wärmen halt ihre Sitze, und das Raten besorgen die anderen.«

»Es hat mich niemand gerufen,« kam die Antwort zurück.

»Sind aber doch fünfe aus dem Rat dabei?« höhnte Bermeter. »Und wißt Ihr auch, daß die Höfe Katzenwicker, Grumbach, Lobdeburg, Kaulenberg von den Bauern besetzt sind?«

»Ich weiß es,« sagte Tilmann. »Und es kann vielleicht nichts schaden, wenn Ordnung wird in der Stadt.«

»Ordnung?« rief Bermeter. »Sind wir deshalb des Bischofs Feinde geworden, daß wir in die Gewalt der Bauern fallen?«

Er trat ein paar Schritte näher und raunte: »Ist freilich so groß nicht diese Gewalt. Wer Augen hat zu sehen, der sieht's. Ihr Heiligen – was für ein Heer! Zusammengelaufene Rotten, jeden Augenblick bereit, wieder auseinander zu laufen. Kriegsleute auf drei, vier Wochen! Und wird den meisten das schon zu lang. Ist ein ewiges Kommen und Gehen in den Bauernlagern – wie auf dem Jahrmarkt. Und wenn sie den Florian Geyer nicht hätten und seine schwarze Schar –«

»Und den Götz von Berlichingen!« rief Tilmann.

»Den Götz?« Bermeter spukte aus. »Ich weiß, was ich weiß. Und ich sag' Euch: der Götz ist Obristhauptmann im evangelischen Heer dem Namen nach und in Wahrheit ein armer, von den Bauern gepreßter, gefangener Mensch. Ich weiß es: so hat er sich selber genannt.«

»Nicht möglich!« rief Tilmann.

»Nicht möglich? Ei, wer kann's den Bauern verargen, wenn sie einem Edeln und Besten nicht um die Ecke trauen?«

»Und warum haben sie ihn dann überhaupt zum Obristhauptmann gemacht?«

»Warum? Nun weil sie den berühmten Kriegsmann brauchen wie der Wirt das schöne Schild über der Tür. Oh, Meister Tilmann, Ihr seht die Welt auch mit Augen an, als wäret Ihr heute nacht aus dem Mond heruntergefallen!«

»Bermeter!« rief Tilmann.

»Nichts für ungut,« lenkte der andere ein. »Ich bin doch nicht gekommen, Euch zu erzürnen. Beileibe nicht! Muß vielmehr eine Frage an Euch tun: Könnt Ihr mir ein Weniges an Geld geben?«

»Schon wieder?«

»Je nun, die Zeiten sind schlecht.«

»Wieviel?«

»Mit einem Gulden wär' mir wohl gedient,« sagte Bermeter und sah den Meister treuherzig an.

Der griff in die Tasche und zog den Beutel.

*

Als der Tag sich dem Abend entgegenneigte, hatte sich Tilmanns eine Unruhe bemächtigt, über die er in seinen vier Wänden nicht Herr zu werden vermochte. Er wollte fortan nicht nur vom Hörensagen leben, er wollte seine eigenen Augen und Ohren gebrauchen. Es trieb ihn mit unwiderstehlicher Gewalt hinaus nach Heidingsfeld ins Lager der Bauern. Und er gedachte, sich keineswegs als vornehmer Ratsherr unter sie zu mischen. Er wollte als Ihresgleichen sehen und hören. Deshalb nahm er einen alten, leinenen, vielfach geflickten Arbeitsmantel aus der Kleidertruhe und stülpte sich einen breitkrempigen Hut tief in die Stirne. So war er anzusehen wie ein Handwerker, der Feierabend gemacht hat und sich nach Hause begibt.

An seinem alten Wanderstecken – es war derselbe mit dem kunstvoll geschnitzten Griff, den er vor zweiundvierzig Jahren im Wolfmannszichlein an den Nagel gehängt hatte – an diesem Wanderstecken ging er hinunter zur Mainbrücke, und wenn er in den Torbögen der Brücke und der Vorstadt den Hut ein wenig aus der Stirne rückte, war es ihm ein Leichtes, durch die Wache der Bürger zu kommen.

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.