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Der Bildschnitzer von Würzburg

August Sperl: Der Bildschnitzer von Würzburg - Kapitel 10
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typefiction
authorAugust Sperl
titleDer Bildschnitzer von Würzburg
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1925
correctorJosef Muehlgassner
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IX.

Ein Tag wuchs aus dem anderen, der nächste immer leuchtender als der letzte, der gestern verglüht war. Die lauen Lüfte waren erfüllt vom Dufte der Blüten und vom liebestrunkenen Singsang der Vögel. Im Glanze der flimmernden Sterne schlugen die Nachtigallen in den weitgedehnten Gärten zwischen den Ringmauern der Stadt, schlugen hoch empor an den Hängen der Hügel. Schwellend weich dehnte sich der Rasen, den die Mutter Natur mit erhabenem Lächeln ausgebreitet hatte, das Tal, den Strom entlang; und der grüne Rasen wartete lind und weich derer, die sich wein- und siegestrunken von Sonnenaufgang und Sonnenuntergang hereinwälzten gegen den Berg der lieben Frau, ein dunkles Schicksal zu erfüllen.

Immer kleiner und enger wurde das Bistum, über das Herr Konrad gebot. Ein Dorf nach dem anderen, eine Stadt nach der anderen öffnete sich den Bauern, und allerorten schwelte der Rauch über den Trümmern der Burgen und Klöster. Es war zur grausigen Wahrheit geworden, was der Bischof damals am hellen Mittag im Gesichte geschaut hatte. Und wenn er jetzt aus dem Fenster seiner Stube blickte, dann reichte die Macht seines Krummstabes nicht mehr weiter als den Berg hinab, an die Mauern der Stadt.

Und er stand wieder in der tiefen Fensternische wie damals und sah hinunter aus das Gewirre der Giebel und Türme. Und wie damals stand der Magister in der Mitte der Stube. Aber beide, der Fürst und der Staatsmann, waren heute nicht in den Gewändern des Alltags, sondern gestiefelt und gespornt und zu einer weiten Reise gerüstet.

»Die Pferde sind gesattelt, bischöfliche Gnaden, sagte Fries zum zweiten Male und preßte zornig die Finger in die Lederkappe, die er in beiden Händen hielt.

Der Bischof schwieg und starrte hinunter in den Lustgarten, wo die zahllosen Stümpfe der Fruchtbäume von einstmals blinkten – der Fruchtbäume, die der Sicherheit der Festung zum Opfer gefallen waren.

Nach langer Zeit sagte Fries zum dritten Male: »Die Pferde sind gesattelt, bischöfliche Gnaden.«

Der Fürst stampfte, daß die Sporen klirrten: »Es ist noch immer sehr die Frage, ob wir reiten!«

»Halten zu Gnaden, es kann gar keine Frage mehr sein, ob wir reiten,« sagte der Staatsmann.

Ein tiefer Seufzer kam aus der Fensternische. »Und wenn wir reiten, dann werden die Leute sagen: ›Seht den Feigling. Jetzt hat er alle, die zu Rotenfels, Homburg, Karlburg und Werneck in Besatzung lagen, auf den Frauenberg erfordert, alle seine Edeln und Ritter aufgeboten und in die Feste gelegt –‹«

»Weil er den Bock zu weit in den Garten gelassen hatte –!« wagte der Staatsmann dem Bischof ins Wort zu fallen.

Der maß ihn mit einem finsteren Blick von oben bis unten. Dann fuhr er fort: »Einerlei, warum! Jetzt sind sie da, und jetzt schleicht er sich wie der Fuchs aus dem Bau, befiehlt seine Getreuen dem Schutz der heiligen Jungfrau und sucht sein Heil in der Flucht.«

Lorenz Fries trat mit ein paar Schritten hart an den Antritt der Fensternische, und seine Stimme bebte in tiefer Erregung: »Halten zu Gnaden, wenn ich mich unterfange zu widersprechen. Es ist nicht der Entschluß des Fürsten allein, wenn er den Frauenberg verläßt und in eigener Person Hilfe sucht, die nur er noch finden und herbeiführen kann. Es ist der einmütige Beschluß der Edlen, Ritter und Gelehrten in der Besatzung, und jeder von uns ist Zeuge vor aller Welt, daß Eure bischöfliche Gnaden erst auf den Rat Ihrer Getreuen diesen Entschluß gefaßt hat.«

»Um meinetwillen haben die Grafen, Herren, Ritter und Knechte Weib und Kind, Haus und Hof verlassen und sind in diese Feste gekommen, und ich soll schmählich entfliehen?« rief der Bischof und rang die Hände.

»Um des Bistums willen und gebunden durch ihren Lehnseid sind sie heroben, bischöfliche Gnaden. Und schmählich entfliehen? Ei, gnädiger Herr –!« Nun ging ein stolzes Lächeln über das Antlitz des Getreuen. »Ich schätze, es wird sich manch ein Rebell den Grind an diesen Mauern einstoßen, und manch einer wird in den Gräben da drunten verziefen. Aber in die Feste wird kein Bauer und kein Bürger den Fuß setzen, es sei denn mit Händen aus dem Rücken gebunden. Und nun frage ich: was ist ehrenvoller für Euch, hinter diesen festen Mauern zu bleiben, am Altar zu liegen, zu den Heiligen um Hilfe zu rufen – oder aber das Pferd zu besteigen, mit einer Handvoll Getreuer ins unsichere Land hinaus zu reiten, alle Gefahren für nichts zu achten und Hilfe zu holen, wo sie sich bietet? Die Pferde sind gesattelt, bischöfliche Gnaden. Der Tag neigt sich dem Abend entgegen – ich bitte um den Befehl zum Aufbruch.«

Der Bischof wandte sich ab und stützte sich schwer aus den Steinsims. Und nach langer Zeit quoll ihm die Klage aus tiefer Brust, als stünde er allein im Fenster: »O Würzburg, Würzburg! Nun habe ich alles getan, was zum Frieden führen konnte zwischen mir und dir. Du hast das Evangelium verlangt, ich habe dir's versprochen. Du hast einen Landtag gefordert, ich habe ihn dir und allen anderen Städten und Märkten gewährt. Ich bin selbst hinabgeritten, die Zeile deiner Gewappneten entlang, ohne Rücksicht aus mein Leben. Du hast mir sicheres Geleit gehalten – gewiß –, aber du hast mit mir verhandelt als mit einem, dem die Macht aus den Fingern geglitten ist. Du hast – o Schmach! – von mir verlangt, daß ich auch noch die rebellischen Bauern zum Landtag lade. Unerhörtes Begehren! Aber ich habe mich gefügt, und die trotzigen Bauern haben mir's mit Hohn und Spott bezahlt und mich einen Feind des Evangeliums gescholten – mich, den Bischof! Und als ihre Antwort kam, da seid ihr auseinandergelaufen wie Kinder, die des Spieles überdrüssig sind. Treu und Glauben sind gewichen, und auf des Schwertes Schneide steht meine Sache. Du aber, Meister Tilmann, trägst die ärgste Schuld und kannst dich nimmer reinigen in Zeit und Ewigkeit. – O Würzburg, Würzburg, wie selig wärest du, wenn du die ausgestreckte Hand deines Bischofs und Vaters ergriffen hättest. Du und ich – deine Bürger und meine Edlen und Ritter – deine Mauern und Türme und meine Feste – wer könnte uns beide bezwingen? Und wenn der Teufel aus der Hölle käme – ich und du mitsamt der heiligen Jungfrau im Bunde wären stark genug, ihm heimzuleuchten in den schwefeligen Pfuhl. O Würzburg, Würzburg, zwischen mir und dir ist das Glück hin und her gegangen, hat leis und laut geklopft bei dir, und du hast ihm das Tor verriegelt. Liebes Glück, wende dich her zu mir und den Meinen, komm, wir wollen dir ein Pförtlein öffnen, schlag deinen Wohnsitz auf im Frieden dieser Feste, die gar oft, gar oft schon umlagert war von Feinden, aber niemals noch gefallen ist. Und ihr da drunten, ihr Ungetreuen, die ihr nicht mehr seht, was Recht, was Unrecht ist, – wenn nun das Unglück an euer Tor pocht, dann sollen euere Augen gehalten sein, daß sie auch das Unglück für Glück halten. Und wenn ihr endlich mit Heulen und Zähneklappern zu mir um Gnade schreien werdet, dann darf ich mit gutem Gewissen antworten: Ich habe euch gerufen, und ihr seid nicht gekommen, ich habe euch gelockt und ihr habt mich verhöhnt. Jetzt hat sich das Spiel gewendet. Kommt, laßt uns Zahltag halten!«

Lorenz Fries war auf dem weichen Teppich in die Mitte des Gemaches zurückgetreten. Er lauschte mit gesenktem Haupte aus die Worte, deren letzte in dumpfes Grollen ausklangen.

Der Bischof wandte sich: »Wir reiten, Fries!«

»Der Jungfrau sei's gedankt! Und wohin geht die Reise, fürstliche Gnaden?«

»Nach Heidelberg, zu Kurfürst Ludewig.«

Mit einer tiefen Kniebeuge verließ der Staatsmann das Gemach.

*

Die Rosse scharrten und wieherten am Fuße des Bergfrieds. Aus den Dächern lag der Sonnenschein, Flüge weißer Tauben rauschten über die Giebel. Rufe tönten. Aus Fenstern und Lucken sahen bärtige Gesichter. Mit hellem Klange schlug die Schloßuhr die vierte Stunde nach Mittag.

Bischof Konrad kam von der Hofstube herab und trat ins Freie. Hinter ihm quoll ein großes Gefolge heraus.

Mit raschen Schritten ging der Fürst zu seinem Zelter, klopfte ihm den Hals ab und gab ihm ein Honigplätzchen. Heftig nickte das edle Tier.

Der Marschall hielt den Bügel, und der Bischof schwang sich in den Sattel. Ein Befehl ertönte, und alle Neunzehn saßen auf. Die Rosse stiegen und drehten sich, scharrten das Pflaster und schnaubten.

Bischof Konrad wandte sein Pferd dem Palas zu. Er hob die Rechte. Aller Augen waren auf ihn gerichtet. Mit lauter Stimme, die sich hallend an den Mauern brach, rief er: »Gott ist mein Zeuge, daß ich lieber bei euch bliebe, als daß ich euch verlasse. Aber ihr, meine Getreuen, wißt ja selbst, daß ihr es gewollt habt, nicht ich. Also reite ich und hole uns Hilfe. Wäre es aber, daß sie mich würfen, und ich fiele als ein wunder Mann in ihre Hände, so sollt ihr um meiner Person willen nichts tun, nichts lassen, was dem Stifte zum Nachteil gereichen könnte. Ich bin der zweiundsechzigste Bischof nach dem heiligen Burkhard. Der nach mir kommt, wird der dreiundsechzigste sein. Bischof ist Bischof, und einer geht nach dem anderen wie ein Schatten über diese Erde, bis ihn die Gruft im Dom umfängt. Und wenn ich euch also Briefe schickte des Inhalts, ihr sollt die Feste übergeben, so seid bei euren Eiden gehalten zu antworten: nein! Und wenn sie mich aus einer Bahre brächten und legten mich vor euern Augen auf den Rasen, zückten ein Schwert über mir und riefen: Öffnet euerm Herrn! So sollt ihr antworten: Wer ist unser Herr? Der Mann da drunten auf der Bahre? Wir kennen ihn nicht.– Und nun kniet nieder, daß ich euch segne.«

Edel und Unedel, Alt und Jung sank auf die Knie, die Reiter entblößten die Häupter, und segnend hob der Bischof die Hände. Es war ganz stille in dem weiten Hof zwischen den grauen Mauern. Irgendwoher aber tönte aus der Tiefe des Schlosses das langgezogene Geheul eines großen Hundes. Dann flog mit scharfem Rauschen eine Schar Tauben über die Dächer. Und zu gleicher Zeit verkündete die Schloßuhr hellklingend die halbe Stunde zwischen vier und fünf Uhr nachmittags.

*

Der Bischof ritt mit seinem kleinen Gefolge den Hof entlang, und einer nach dem anderen tauchte hinab in das finstere Tor. Dumpf dröhnten die Hufe der Rosse aus den Bohlen der Zugbrücke.

Bis an das Tor hatte die Menge den Abziehenden das Geleite gegeben. In feierlicher Stille harrte sie aus, bis die letzten über der Brücke waren. Dann hob sich die Brücke, die Torflügel schlossen sich – zuerst die äußeren, dann die inneren. Murmelnd flutete die Menge zurück.–

Es war ein buntgemischter Haufe von waffenerprobten Herren, Rittern und Knechten, von halbwüchsigen Buben, jungen und alten Domherren, Weltpriestern, Mönchen, Kanzleischreibern. Ja, sogar der Nachrichter mit seinen Knechten war in der Feste – der hatte den Boden in der Stadt zu heiß gefunden.

Zwischen dem Bergfried und dem Palas bildete sich ein großer Ring, und in die Mitte dieses Ringes trat der oberste Hauptmann, Dompropst Markgraf Friedrich von Brandenburg, hob die Rechte und gebot Schweigen. Dann begann er: »Liebe und Getreue! Unser gnädigster Bischof und Herr hat schweren Herzens sein festes Schloß verlassen und ist ins Ungewisse geritten. An uns aber ist es, das Schloß zu halten bis zum letzten Atemzug, zum letzten Tröpflein Blut, daß er bei seiner Heimkehr wohlverwahrt finde, was uns anvertraut ist – mir anvertraut, euch allen anvertraut, dem Vornehmsten und dem Geringsten. Es ist nun an der Zeit, die Feste zu schließen und alles zur Verteidigung zu rüsten. Denn in gar kurzer Zeit werden die Feinde unseres gnädigsten Herrn von Mittag und von Abend heranziehen und unsere Gräben und Mauern berennen. Sollen sie kommen! Unsere Mauern sind fest, und noch nie, seitdem die Burg der heiligen Jungfrau steht, ist es einem Feinde gelungen, diese Mauern zu brechen. Nach allen Seiten sind unsere Handrohre und unsere Stücke gerichtet. Unsere Speicher und Kammern sind aus viele Monde mit Mehl und Korn, Speck und Dürrfleisch, Butter und Eiern gefüllt, in unseren Kellern liegt Weins genug: keiner wird hungern, keiner dürsten, und unerschöpflich ist die Quelle weit draußen am verborgenen Orte, von der durch tiefgelegte Rohre das Wasser in die Feste rinnt. Also gehen wir getrosten Mutes in die Zukunft hinein. Für Schwachherzige aber und solche, die auf beiden Achseln tragen, ist kein Raum in diesen Mauern. Was uns nottut, das sind Männer, die bereit und willens sind, das Leben an die Ehre zu setzen. Darum prüfe sich jeder, solang es noch Zeit ist, ob er das aus sich nehmen will, was Not und Ehre von ihm fordern. Und findet einer in seinem Herzen, daß es ihm anderswo besser gefiele, dem sage ich: Guter Freund, schnüre dein Bündel, das Pförtlein steht dir offen, wir halten dich nicht und wir verargen dir's nicht.«

Der Markgraf hielt inne und sah mit scharfen Augen über den dichtgedrängten Ring, wandte sich langsam und spähte nach allen Seiten. Kein Mann rührte sich von der Stelle.

Da reckte er die schlanke Gestalt und rief mit lauter Stimme, daß es zwischen den Mauern hallte: »Ich habe es nicht anders erwartet. So sind wir also eine einzige, große Bruderschaft, miteinander verbunden auf Gedeih und Verderben. Des zur Bekräftigung laßt uns die Schwurfinger heben und sprecht mit mir:

»Ich schwöre –«

Wie dumpfes Brausen ging es übet den Platz: »Ich schwöre –«

»daß ich mit allen meinen Kräften–«

»mit allen meinen Kräften –«

»die Feste halten werde–«

»halten werde –«

»bis mir das Herzblut stockt.«

»das Herzblut stockt.«

»So wahr mir Gott helfe und alle Heiligen!«

»Und alle Heiligen!« klang und verhallte es zwischen den Mauern. –

Es waren aber zweihundertfünfzig, die also geschworen hatten am Abende des 6. Mai 1625. Alte und Junge. Und jetzt gingen sie auseinander, ein jeder an seinen bestimmten Ort.

*

Mit hellem Klange schlug die Uhr die fünfte Stunde. Da raste der befreite Wolfshund des Bischofs aus der Pforte, die von der Hofstube herausführte, raste wie toll den leeren Hof entlang, bis an das geschlossene Tor, lief zurück und suchte mit schnuppernder Nase die Fährte, setzte sich dort, wo sein Herr zum letztenmal gestanden war und den Fuß in den Bügel gestellt hatte, hob den Kopf und erfüllte die Luft mit langgezogenem Geheul.

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