Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edmond About >

Der Bergkönig

Edmond About: Der Bergkönig - Kapitel 8
Quellenangabe
authorEdmond About
titleDer Bergkönig
publisherEngelhorn Verlag
year1962
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180306
projectid13280f3f
Schließen

Navigation:

John Harris

Der König sann über seine Rache nach, wie etwa ein Mann, der seit drei Tagen gefastet hat, über ein gutes Essen nachsinnt. Er überprüfte alle Gerichte, will sagen, alle Martern, eine nach der anderen; er führte die Zunge über die trockenen Lippen, wußte aber nicht, wo beginnen, noch was wählen. Man hätte sagen können, der übergroße Hunger benahm ihm den Appetit. Er schlug sich mit der Faust gegen den Kopf, aber die Ideen quollen so schnell und überstürzt hervor, daß es schwierig war, eine im Fluge zu erhaschen. »Sagt doch etwas!« schrie er seine Untertanen an. »Ratet mir! Wozu seid ihr denn überhaupt gut, wenn ihr nicht einmal fähig seid, mir einen Vorschlag zu machen? Soll ich darauf warten, bis der Corfiote wiedergekehrt sein wird oder Vasile seine Stimme aus der Tiefe des Grabes erhebt? Findet mir, Viecher, die ihr seid, eine Quälerei für 80 000 Francs.«

Der junge Chiboudgi sagte zu seinem Herrn und Meister: »Ich habe eine Idee. Einer deiner Offiziere ist tot, ein anderer abwesend und ein dritter verwundet. Schreib ihre Plätze neu aus. Versprich uns, daß die, welche dich am besten zu rächen wissen, ihre Nachfolger werden sollen.«

Hadgi-Stavros grinste zustimmend über diesen Einfall. Er streichelte das Kinn des jungen Burschen und sagte:

»Du bist ehrgeizig, Bürschlein! Verflucht noch mal! Der Ehrgeiz ist die Triebfeder des Mutes. Machen wir also einen Wettbewerb! Das ist eine moderne, eine europäische Idee. Das gefällt mir. Zur Belohnung darfst du deine Meinung zuerst sagen, und wenn du etwas wirklich Schönes findest, so soll Vasile keinen anderen Erben als dich haben.«

»Ich möchte«, sagte der Knabe, »Mylord einige Zähne ausreißen, ihm dann das Gebiß eines Zaumes in den Mund zwängen und ihn so aufgezäumt herumhetzen, bis er erschöpft zusammenbricht.«

»Dazu sind seine Füße zu malade, beim zweiten Schritt würde er zusammenbrechen. Nun ihr anderen! Tambouris, Moustakas, Coltzida, Milotis, sprecht, ich höre euch zu!«

»Ich«, sagte Coltzida, »würde ihn brühheiße gekochte Eier in den Achselhöhlen zerdrücken lassen.«

»Ich«, sagte Tambouris, »würde ihn flach auf die Erde hinlegen, und zwar mit einem Felsblock von 500 Pfund auf der Brust, da streckt man die Zunge aus und spuckt Blut; das ist eine feine Sache.«

»Ich«, sagte Milotis, »gösse ihm Essig in die Nasenlöcher und triebe ihm Dornen unter alle Fingernägel. Man niest, daß es eine wahre Freude ist und weiß nicht, wohin mit den Händen.«

Moustakas war einer der Köche der Bande. Er schlug vor, mich bei kleinem Feuer zu rösten. Das Gesicht des Königs heiterte sich auf.

»Halt! Halt!« unterbrach ihn der Cafedgi, »ich habe eine Idee, die mehr wert ist als die deine. Ich verurteile Mylord zum Hungertode. Die anderen mögen ihm alle Qualen bereiten, die ihnen Spaß machen, ich denke ja nicht daran, irgend etwas davon zu verhindern. Aber ich will vor seinem Munde Wache stehen und darauf achtgeben, daß weder ein Tropfen Wasser noch eine Krume Brot hineinkommt. Die Ermattung wird seinen Hunger verdoppeln, die Wunden seinen Durst entfachen, und alle Bemühungen der übrigen werden schließlich zu meinem Nutzen ausschlagen. Was sagst du dazu, Sir? Habe ich gut überlegt, und gewährst du mir die Nachfolge Vasiles?«

»Schert euch allesamt zum Teufel!« knurrte der König. »Hätte der infame Kerl euch 80 000 Francs gestohlen, ihr würdet nicht so behaglich daherschwatzen. Schleppt ihn ins Lager und kühlt euer Mütchen an ihm. Der Teufel aber soll den holen, der ihn durch Unvorsichtigkeit etwa umbringt. Dieser Mensch darf nur durch meine Hand umkommen. Ich beanspruche für mich das Recht, daß er mir an Spaß ersetzt, was er mir an Geld genommen hat. Er soll das Blut seiner Adern Tropfen um Tropfen vergießen, wie ein säumiger Schuldner Sou für Sou abzahlt.«

Sie können sich schlechthin nicht vorstellen, Monsieur, wie zäh auch der unglücklichste Mensch sich ans Leben klammert. Gewiß, ich dürstete danach zu sterben; und das größte Glück, das mir werden konnte, war, mit einem Schlag Schluß machen zu können. Dessenungeachtet, irgend etwas in mir erheiterte sich bei der Drohung Hadgi-Stavros'. Ich segnete die lange Dauer meiner Marterung. Im Grunde meines Herzens kitzelte mich ein Hoffnungsschimmer. Hätte mir in diesem Augenblick eine mitleidige Seele angeboten, mir eine Kugel durch den Kopf zu schießen, fürwahr, ich würde es mir zweimal überlegt haben.

Vier Briganten packten mich beim Kopf und bei den Füßen und schleppten mich wie ein heulendes Paket durch das Kabinett des Königs. Meine Stimme weckte Sophoclis auf seinem Schmerzenslager. Er rief seine Kumpane zu sich heran, ließ sich die Neuigkeiten wiedererzählen und bat, mich aus der Nähe sehen zu dürfen. Das war so eine Laune des Kranken. Man warf mich neben ihn zu Boden.

»Mylord!« sagte er zu mir, »wir sind weit heruntergekommen, alle beide ganz schön weit heruntergekommen. Aber ich möchte wetten, daß ich früher aufstehen werde als Sie. Man scheint mir bereits einen Nachfolger geben zu wollen. Wie ungerecht doch die Menschen sind! Meine Stelle steht im Wettbewerb! Nun gut, da will ich auch mitmachen und am Wettbewerb teilnehmen. Sie werden dabei zu meinen Gunsten aussagen und durch Ihr Gewinsel bezeugen, daß Sophoclis vorläufig noch nicht tot ist. Man wird Ihnen Ihre vier Glieder festbinden, und ich übernehme es, Sie mit einer einzigen Hand so munter zu piesacken wie der gesündeste dieser Herren da.«

Um dem Wunsche des gräßlichen Kerls zu willfahren, fesselte man mir also die Arme. Er ließ sich zu mir herumdrehen und begann, mir die Haare auszureißen, Haar für Haar, mit der Geduld und Regelmäßigkeit einer professionellen Haarauszupferin. Als ich begriff, worauf sich meine neue Marter beschränkte, glaubte ich, der Verwundete hätte mich, gerührt von meinem Unglück und weichgestimmt durch seine eigenen Schmerzen, den Klauen seiner Kameraden entreißen und mir ein Stündchen des Verschnaufens verschaffen wollen. Das Ausreißen eines Haares ist nicht einmal so schmerzhaft wie annähernd ein Nadelstich. Die ersten zwanzig gingen eins nach dem anderen von hinnen, ohne daß ich ihnen groß nachtrauerte, ja, ich wünschte ihnen sogar eine gute Reise. Bald wurden leider andere Saiten aufgezogen. Die durch eine Unmenge unmerklicher Wunden verletzte Kopfhaut begann sich zu entzünden, ein dumpfes Kitzeln, das allmählich lebhafter und dann schließlich unerträglich wurde, plagte meinen Schädel. Ich wollte die Hände zu ihm erheben und begriff, in welch gemeiner Absicht der infame Lump mich hatte binden lassen. Die Ungeduld vergrößerte das Übel. Alles Blut stieg mir zu Kopfe. Jedesmal, wenn Sophoclis sich meinem Haarschopf näherte, lief ein schmerzliches Erschauern über meinen ganzen Leib hinweg. Tausendfältiges, unerklärliches Jucken folterte meine Arme und Beine. Das an allen Spitzen überreizte Nervensystem umhüllte mich mit einem peinvolleren Netz als die Tunika der Deïanira, des Herakles Gemahlin. Ich wälzte mich auf der Erde, ich brüllte, ich flehte um Gnade, ja, ich sehnte mich nach den Stockschlägen auf die Fußsohlen zurück. Erst als er am Ende seiner Kräfte war, ließ der Henker von mir ab. Als er seine Augen trüb, seinen Kopf schwer und seine Arme müde fühlte, machte er eine letzte Anstrengung, wühlte mit seiner Hand in meinem Haare und riß eine ganze Handvoll von ihnen aus, worauf er sich auf sein Lager zurückfallen ließ, während ich einen gellenden Verzweiflungsschrei ausstieß.

»Komm mit mir!« sagte Moustakas. »Du sollst am Feuerchen entscheiden, ob ich Sophoclis gleichwertig bin und ob ich eine Leutnantsstelle verdiene.«

Er hob mich wie eine Feder auf und trug mich ins Lager zu einem Haufen harzigen Holzes und aufgestapelten Buschwerks, knotete die Stricke auf, zog mir die Kleider aus, auch das Hemd, und beließ mir als einzige Kleidung meine Hose. »Du wirst jetzt«, sagte er, »mein Küchenjunge. Wir wollen Feuer machen und gemeinsam das Diner des Königs zubereiten!«

Er zündete den Holzhaufen an, legte mich zwei Schritt von dem flammenden Berg auf den Rücken hin. Das Holz knisterte und prasselte, hageldicht fielen die rotglühenden Holzstückchen rings um mich. Die Hitze wurde unerträglich. Mit Hilfe der Hände kroch ich etwas zur Seite, als er mit einer Bratpfanne zurückkam und mich mit dem Fuß wieder auf den Platz stieß, wo er mich niedergelegt hatte.

»Schau gut zu«, sagte er, »und lern was von mir. Hier hast du die Innereien von drei Hammeln, damit kann man gut zwanzig Mann ernähren. Der König wird die delikatesten Stücke für sich herausangeln, den Rest wird er an seine Freunde verteilen. Du bekommst jetzt nichts davon, und wenn du überhaupt von meiner Küche etwas abbekommst, dann nur für die Augen.«

Bald hörte ich es brutzeln, und dieses Geräusch erinnerte mich daran, daß ich seit dem Vortage fastete. Jetzt reihte sich auch mein Magen unter meine Widersacher ein, und ich zählte einen Feind mehr. Moustakas stellte die Pfanne vor meine Augen und ließ vor meinen Blicken die appetitanregende Farbe des Fleisches leuchten, ließ vor meinen Nasenlöchern die anregenden Düfte des gebratenen Hammels aufsteigen. Plötzlich bemerkte er, daß er irgendein Gewürz vergessen hatte, ließ Salz und Pfeffer holen und überließ währenddessen die Pfanne meiner getreuen Obhut. Der erste Gedanke, der mir kam, war, ein Stück Fleisch verschwinden zu lassen; aber die Banditen befanden sich nur zehn Schritt entfernt und hätten mich beizeiten daran gehindert. Hätte ich doch wenigstens, so dachte ich bei mir selber, noch mein Päckchen Arsenik bei mir. Was hatte ich eigentlich damit getan? Ich hatte es nicht wieder in die Büchse zurückgetan. Ich steckte meine Hände in meine beiden Hosentaschen und zog aus einer ein schmuddliges Papierchen und eine Handvoll des wohltätigen Pulvers hervor, das mich möglicherweise retten, auf alle Fälle aber rächen sollte.

Moustakas kam gerade in dem Augenblick wieder zurück, als ich die rechte Hand geöffnet über der Pfanne hielt. Er packte mich beim Arm, bohrte seinen Blick in meine Augen und sagte mit drohender Stimme: »Ich weiß, was du getan hast.«

Entmutigt ließ ich den Arm sinken. Der Koch fuhr fort:

»Ganz gewiß hast du etwas auf das Diner des Königs geworfen.«

»Was denn?«

»Einen Zauber. Aber das macht nichts. Weißt du, mein armer Mylord, Hadgi-Stavros ist ja ein viel größerer Zauberer als du. Ich will ihm jetzt sein Essen servieren. Ich bekomme auch etwas davon ab, du aber wirst leer ausgehen.«

»Nun, wohl bekomm's!«

Er ließ mich vor dem Feuer liegen und empfahl mich der Wachsamkeit eines Dutzends Banditen, die an ihrem Schwarzbrot und bitteren Oliven kauten. Diese Spartiaten leisteten mir ein oder zwei Stunden lang Gesellschaft. Das Feuer fachten sie mit der Fürsorglichkeit von Krankenwärtern immer wieder an. Versuchte ich ab und zu, mich ein wenig vom Schauplatz meiner Martern zurückzuziehen, dann schrien sie sofort: »Gib acht, du wirst dich erkälten!« und stießen mich mit groben Schlägen glühender Holzscheite wieder bis zur Flamme zurück. Mein Rücken war mit roten Flecken wie marmoriert, meine Haut hob sich mit heftig schmerzenden Blasen, meine Wimpern kräuselten sich unter der Glut des Feuers, meine Haare verbreiteten einen Geruch nach verbranntem Horn, kurz, ich stank ganz entsetzlich. Nichtsdestotrotz rieb ich mir die Hände bei dem Gedanken, daß der König aus meiner Küche essen und es vor Tagesende Neuigkeiten auf dem Parnis geben würde.

Bald erschienen die Tischgäste Hadgi-Stravos' wieder im Lager, die Bäuche gefüllt, blitzenden Auges, strahlenden Gesichts. Nur zu, dachte ich bei mir, eure Freude und eure Gesundheit werden wie eine Maske von euch abfallen, und ihr werdet von Herzen jeden Bissen des Festmahles verfluchen, das ich euch versalzen habe!

Meine haßerfüllten Überlegungen wurden durch einen erstaunlichen Krach unterbrochen. Die Hunde bellten im Chor, und ein atemloser Bote, dem die ganze Meute auf den Fersen folgte, erschien auf dem Plateau. Es war Dimitri, der Sohn des Christodulos. Ein Steinhagel, den die Banditen schleuderten, befreite ihn von seiner Eskorte. Von weitem schon schrie er aus Leibeskräften. »Der König! Ich muß den König sprechen!« Als er sich zwanzig Schritt von uns befand, rief ich ihn mit kläglicher Stimme an. Er war entsetzt über den Zustand, in dem er mich vorfand, und rief aus: »Die Unvorsichtigen! Armes Mädchen!«

»Mein guter Dimitri!« sagte ich zu ihm, »woher kommst du? Wird mein Lösegeld bezahlt?«

»Um das Lösegeld handelt es sich! Aber fürchten Sie nichts, ich bringe gute Nachrichten. Gut für Sie, schlecht für mich, für ihn, für sie, für alle Welt! Ich muß unbedingt Hadgi-Stavros sofort sehen. Keine Minute ist zu verlieren. Dulden Sie nicht, daß man Ihnen bis zu meiner Rückkehr etwas Böses antut; Sie würde daran sterben! Habt ihr verstanden? Ihr da! Rührt Mylord nicht an! Es geht um euer Leben. Der König würde euch vierteilen lassen. Führt mich zum König!«

Die Welt ist nun einmal so beschaffen, daß der, welcher als Herr spricht, fast sicher ist, daß man ihm gehorcht. Soviel Autorität lag in der Stimme dieses Domestiken und soviel Leidenschaft und Befehlskraft in seiner Stimme, daß meine erstaunten und stupiden Wächter vergaßen, mich am Feuer zurückzuhalten. Ich kroch fort und ließ meinen Körper bis zum Erscheinen Hadgi-Stavros' voller Genuß auf dem kühlen Felsen ausruhen.

Und der schien nicht weniger bewegt und aufgeregt als Dimitri. Wie ein krankes Kind schloß er mich in seine Arme und trug mich, ohne mich abzusetzen, bis in den Hintergrund dieses fatalen Zimmers, wo Vasile begraben lag. Mit mütterlichen Vorsichtsmaßnahmen legte er mich auf seinem eigenen Teppich nieder, trat dann zwei Schritte zurück, um mich mit einer merkwürdigen Mischung von Haß und Mitleid anzusehen, und sagte zu Dimitri: »Mein Junge, das ist das erstemal, daß ich ein solches Verbrechen ungestraft lassen würde. Er hat Vasile getötet. Das macht weiter nichts. Er hat mich, mich selber ermorden wollen, das verzeihe ich ihm. Aber ... er hat mich bestohlen, der Verbrecher! 80 000 Francs weniger für Photinis Mitgift! Ich suchte nach einer peinlichen Leibesstrafe. Oh! Sei ganz ruhig! Ich hätte schon eine gefunden! Warum habe ich Unglückswurm, der ich nun einmal bin, meinen Zorn nicht gemeistert! Ich habe ihn recht hart angepackt. Und dafür muß sie nun die Strafe erdulden? Wenn sie zwanzig Stockhiebe auf ihre kleinen Füßchen bekäme, würde ich sie nimmermehr wiedersehen. Männer sterben nicht daran, aber eine Frau! Ein fünfzehnjähriges Kind!«

Alsbald ließ er den Saal von allen Banditen, die sich um uns drängten, räumen. Vorsichtig entfernte er die blutigen Lappen, die meine Wunden bedeckten, und schickte seine Wache nach dem Balsam des Luidgi-Bey, setzte sich vor mir ins feuchte Gras, nahm meine Füße in seine Hände und betrachtete meine Wunden. Unglaublich zu sagen: er hatte Tränen in den Augen!

»Armer Junge!« sagte er, »Sie müssen grausam leiden. Verzeihen Sie mir. Ich bin ein brutaler Kerl, ein Bergwolf, ein Pallikare. Seit meinem zwanzigsten Jahre bin ich in Roheit erzogen worden. Aber Sie sehen, daß mein Herz gut ist, denn ich bereue, was ich getan habe. Zudem bin ich weit unglücklicher als Sie, denn Sie haben trockene Augen, und ich, ich weine. Ich werde Sie, ohne eine Minute zu verlieren, in Freiheit setzen. Aber nein, nein doch! Sie können ja so nicht von hier fortgehen. Zunächst will ich Sie heilen. Der Balsam ist unübertrefflich, ich will Sie wie meinen Sohn pflegen, und die Gesundheit wird schnell wiederkehren. Morgen schon müssen Sie gehen können. Sie darf auch nicht einen Tag länger in den Händen Ihres Freundes bleiben!«

»Sprechen Sie um Himmels willen zu niemandem von unseren heutigen Händeln! Sie wissen doch, daß ich Sie nie haßte. Wie oft habe ich Ihnen das gesagt. Ich hatte Sympathie für Sie, ich schenkte Ihnen mein Vertrauen, entdeckte Ihnen meine tiefsten Geheimnisse. Erinnern Sie sich bitte, daß wir bis zum Tode Vasiles die besten Freunde waren. Es geht doch nicht an, daß ein Augenblick des Zornes Sie zwölf Tage guter Behandlung ganz einfach vergessen läßt. Sicherlich wollen Sie doch nicht, daß mein Vaterherz zerrissen wird. Sie sind ein braver junger Mann und gewiß ist Ihr Freund genauso gut wie Sie!«

»Ja, aber wer denn?« schrie ich.

»Wer? Der verdammte Harris! Dieser Teufelsamerikaner! Dieser abscheuliche Pirat! Dieser Kinderdieb! Dieser Mörder junger Mädchen! Dieser infame Kerl, den ich zu gern mit dir zusammen in meinen Händen hielte, um euch beide zu zermalmen, euch mit den Schädeln gegeneinander zu schlagen und zu Staub zerrieben in die Winde dieser Berge zu streuen. Ihr seid ja alle gleich, ihr Europäer, Rasse von Verrätern, die ihr es nicht wagt, die Männer anzugreifen, und Mut nur gegen Kinder aufbringt. Lies, was er mir da soeben geschrieben hat, und antworte mir gefälligst, ob es Torturen gibt, grausam genug, um ein Verbrechen wie das seinige zu bestrafen!« Brutal warf er mir einen zerknitterten Brief hin. Auf den ersten Blick erkannte ich die Schrift und las:

 

Sonntag, den 11. Mai, an Bord der Fancy
auf der Reede von Salamis.

Hadgi-Stavros, Photini befindet sich bei mir an Bord unter dem Schutz von vier amerikanischen Kanonen. Ich werde sie so lange als Geisel zurückbehalten, wie Hermann Schultz Dein Gefangener ist. Wie Du meinen Freund behandelst, genauso werde ich Deine Tochter behandeln. Sie wird Haar für Haar, Zahn für Zahn, Kopf für Kopf bezahlen. Antworte mir unverzüglich, sonst komme ich Dich besuchen.

John Harris.

 

Als ich das las, war es mir unmöglich, meine Freude zu verhehlen. »Der gute Harris!« schrie ich ganz laut. »Und ich habe ihn angeklagt! Aber erkläre mir doch, Dimitri, warum ist er mir nicht schon eher zu Hilfe geeilt?«

»Er war nicht da, Monsieur Hermann. Gestern früh erst ist er, sehr zum Unglück für uns, zurückgekommen. Warum ist er nicht fortgeblieben?«

»Vortrefflicher Harris! Nicht einen Tag hat er verloren. Aber wo bloß hat er die Tochter dieses alten Verbrechers ausfindig gemacht?«

»Bei uns, Monsieur Hermann. Sie kennen sie sehr gut, Photini. Sie haben doch mehr als einmal mit ihr zusammen gegessen.«

»Dieses Pensionsfräulein mit der Stupsnase, die John Harris anschmachtete, das also war die Tochter des Königs der Berge!«

Ich zog daher die Schlußfolgerung, daß die Entführung ohne Gewaltanwendung vor sich gegangen war.

Die Wache kam mit einem Päckchen Stoff und einem mit einer gelblichen Salbe gefüllten Flakon zurück. Der König verband meine beiden Füße wie ein erfahrener Praktiker, und ich empfand augenblicks eine gewisse Erleichterung. Hadgi-Stavros gab in diesem Augenblick ein schönes Objekt für eine psychologische Studie ab. Er hatte in seinen Augen ebensoviel Brutalität wie Zartheit in seinen Händen. Er wickelte die Binden so sanft um meinen Spann, daß ich es kaum fühlte, aber sein Blick sprach ganz deutlich: »Wie gern legte ich dir einen Strick um den Hals!« Er stach die Nadeln so geschickt wie eine Frau ein, mit welchem Genuß aber hätte er mir einen zweischneidigen Dolch mitten in den Leib gestoßen!

Als das Verbandszeug angelegt war, reckte er die Faust nach dem Meere hin und knurrte wutschnaubend:

»Ich bin also nicht mehr König, denn es ist mir verwehrt, meinem Zorn freien Lauf zu lassen! Ich, der ich stets kommandiert habe, ich folge jetzt einer Drohung! Der Mann, vor dem eine Million Männer zittert, hat selber Angst! Zweifelsohne werden Sie sich damit brüsten, werden es aller Welt erzählen. Gibt's doch kein Mittel, diesen geschwätzigen Europäern das Maul zu stopfen! Man wird es in die Zeitungen setzen, vielleicht sogar in die Bücher. Recht so! Warum habe ich mich auch verheiratet? Darf ein Mann wie ich überhaupt Kinder haben? Ich bin dazu geboren, Soldaten niederzumetzeln, und nicht, um kleine Mädchen zu wiegen. Der Donner hat keine Kinder! Die Kanone hat keine Kinder! Denn, hätten sie solche, fürchtete man den Blitz nicht mehr, und die Kugeln blieben auf dem Wege stecken. Dieser John Harris wird mich tüchtig auslachen. Wenn ich ihm den Krieg erklärte! Wenn ich sein Schiff enterte! Als ich noch Pirat war, da habe ich ganz andere angegriffen, und kümmerte mich einen Dreck um zwanzig Kanonen! Freilich, meine Tochter befand sich damals nicht an Bord. Teure Kleine! Sie kennen sie also, Monsieur Hermann? Warum haben Sie mir nicht gesagt, daß Sie bei Christodulos wohnen? Ich hätte Ihnen nichts abverlangt, hätte Sie doch aus Liebe zu Photini auf der Stelle losgelassen. Ich wünschte doch gerade, daß sie Ihre Sprache erlernt, denn sie wird eines Tages Fürstin in Deutschland sein. Nicht wahr, sie wird eine hübsche Prinzessin abgeben! Aber ich träume ja. Da Sie sie kennen, werden Sie Ihrem Freunde verbieten, ihr ein Leid anzutun. Hätten Sie das Herz dazu, eine einzige Träne aus ihren lieben Augen fallen zu sehen? Sie hat Ihnen doch nichts getan, das arme Unschuldslamm. Wenn jemand für Ihre Leiden büßen soll, dann wär's doch ich. Sagen Sie Monsieur John Harris, Sie hätten sich Ihre Füße auf den Wegen zerschunden. Mit mir tun Sie nachher, was Sie wollen!«

Dimitri bremste diesen Redefluß. »Es ist schon verdammt ärgerlich«, sagte er, »daß Monsieur Hermann verletzt ist, denn Photini ist inmitten dieser Heiden nicht in Sicherheit, und ich kenne Monsieur Harris, er ist zu allem fähig!«

Der König runzelte seine Stirn. Hemmungslos drangen die schlimmsten Mutmaßungen des Liebenden in sein Vaterherz ein. »Macht, daß Ihr fortkommt!« sagte er zu mir. »Nötigenfalls werde ich Sie bis an den Fuß des Berges tragen. Sie warten dann dort in irgendeinem Dorf auf ein Pferd, eine Tragbahre; ich besorge alles. Aber lassen Sie es ihn heute noch wissen, daß Sie frei sind, und schwören Sie mir beim Haupte Ihrer Mutter, daß Sie zu keiner Menschenseele über die schlechte Behandlung hier sprechen wollen!«

Ich konnte mir nicht vorstellen, wie ich die Anstrengungen des Transportes überstehen sollte, doch schien mir das alles der Gesellschaft meiner Henker vorzuziehen zu sein. Ich befürchtete, irgendein neues Hindernis könnte sich zwischen mich und meine Freiheit drängen. Ich sagte daher zum König: »Los! Ich schwöre bei allem, was es an Heiligem gibt, daß man Ihrer Tochter nicht ein Härchen krümmen wird.«

Er nahm mich in seine Arme, warf mich über seine Schulter und stieg die Treppe zu seinem Kabinett hinauf. Die ganze Bande strömte herbei, stellte sich vor ihn und versperrte uns den Weg. Moustakas, fahl wie ein Cholerakranker, sagte zu ihm: »Wo gehst du hin? Der Deutsche hat den Braten verhext. Wir alle leiden wie die Verdammten in der Hölle. Durch seine Schuld werden wir krepieren, und wir wollen, er soll vor uns sterben.«

Jäh stürzte ich von der Höhe meiner Hoffnungen in den Abgrund. Die Ankunft Dimitris, die von der göttlichen Vorsehung gewollte Intervention Harris', der Meinungswandel Hadgi-Stavros', die Erniedrigung dieses hochmütigen Hauptes vor den Füßen seines Gefangenen, so viele in den Zeitraum von nur einer Viertelstunde gepreßte Ereignisse hatten mir den Kopf rein verdreht. Ich vergaß bereits die Vergangenheit und stürzte mich Hals über Kopf in die Zukunft.

Beim Anblick Moustakas' kam mir das Gift wieder ins Gedächtnis zurück. Ich fühlte, daß jede Minute die Schrecken beschleunigen mußte. Ich klammerte mich an den König der Berge, schlang meine Arme um seinen Hals und beschwor ihn, mich unverzüglich wegzubringen. »Es geht um deinen Ruf!« sagte ich zu ihm. »Beweise es diesen Tollwütigen, daß du König bist. Antworte gar nicht erst. Worte sind hier überflüssig. Gehen wir über ihre Leiber. Du weißt noch gar nicht, was für ein Interesse du daran hast, mich zu retten. Deine Tochter liebt John Harris, sie selbst hat es mir gestanden!«

»Warte!« antwortete er. »Erst wollen wir durchbrechen, wir unterhalten uns nachher.«

Er legte mich sanft auf den Boden und stürzte mit geballten Fäusten mitten unter die Banditen. »Ihr seid verrückt!« brüllte er sie an. »Der erste, der Mylord anrührt, bekommt es mit mir zu tun! Wie, meint ihr wohl, soll er gehext haben? Ich habe mit euch gegessen. Bin ich etwa krank? Laßt ihn fort von hier, er ist ein anständiger Kerl, er ist mein Freund!«

Plötzlich veränderte sich sein Gesicht, seine Beine wankten unter dem Gewicht des Körpers. Er setzte sich neben mich, neigte sich zu mir und flüsterte mir mehr schmerzvoll als zornig ins Ohr:

»Unvorsichtiger! Warum haben Sie mich nicht gewarnt, daß Sie uns vergiften wollten?«

Ich ergriff die Hand des Königs, sie war eiskalt. Seine Gesichtszüge waren verzerrt, sein Marmorantlitz wurde fahl. Als ich das sah, verließen mich die Kräfte vollständig, ich fühlte mich dem Tode nahe. Nichts mehr hatte ich auf dieser Welt zu erhoffen! Hatte ich mich nicht selbst verurteilt, indem ich den einzigen Mann, der ein Interesse daran hatte, mich zu retten, tötete. Ich ließ den Kopf auf die Brust sinken und blieb reglos neben dem bleichen und eiskalten Greise liegen.

Schon streckten Moustakas und etliche andere die Hände aus, um mich zu ergreifen und die Schmerzen ihrer Agonie teilen zu lassen. Hadgi-Stavros besaß nicht mehr die Kraft, mich zu verteidigen. Von Zeit zu Zeit erschütterte ein furchtbarer Schluckauf diesen Riesenkörper, wie die Axt eines Holzfällers eine hundertjährige Eiche wanken macht. Die Banditen waren überzeugt, daß er den Geist aufgab, und daß der unbesiegbare Alte, endlich vom Tode besiegt, fallen würde. Alle Bande, die sie an ihren Chef fesselten, Bande des Interesses, der Furcht, der Hoffnung und der Dankbarkeit rissen wie Fäden eines Spinnennetzes.

Auf seine Kosten erfuhr jetzt Hadgi-Stavros, daß man nicht ungestraft sechzig Griechen befehligt. Seine Autorität überlebte seine moralische Stärke und physische Kraft nicht um eine Minute. Ohne von den Kranken zu sprechen, die uns ihre Fäuste zeigten und ihre Qualen vorwarfen, waren es die gesunden Leute, die sich gegen ihren legitimen König zusammenrotteten, und zwar um einen großen brutalen Bauernlümmel namens Coltzida. Er war der geschwätzigste und frechste der Horde, ein unverschämter Tölpel ohne Talent und ohne Mut, einer von denen, die sich während der Aktion verkriechen, nach dem Siege aber die Fahne schwingen. Nun, in solchen Situationen lächelt das Glück den Frechen und Schwätzern, und Coltzida war sich seiner Lungen bewußt und schleuderte die Injurien mit vollen Schaufeln auf Hadgi-Stavros nieder, wie ein Totengräber Erde auf den Sarg eines Toten wirft. »Da liegst du nun«, schrie er, »du geschickter Mann, unüberwindlicher General, allmächtiger König, unverwundbarer Toter! Du hattest deinen Ruhm nicht gestohlen, und wir hatten den guten Riecher, uns dir anzuvertrauen! Was aber haben wir in deiner Compagnie gewonnen? Wozu hast du uns gedient? Du hast uns alle Monate fünfzig elende Francs gegeben, einen Söldnerlohn! Du hast uns mit Schwarzbrot und schimmligem Käse, den die Hunde nicht gewollt hätten, ernährt, während du ein Vermögen machtest und goldbeladene Schiffe an alle ausländischen Bankiers schicktest. Was haben wir für unsere Siege und all das tapfere Blut, das wir in den Bergen vergossen haben, gewonnen? Nichts! Du nahmst alles für dich, Beute, Raub und das Lösegeld der Gefangenen. Die Bayonettstöße, das ist wahr, die ließest du uns, das ist der einzige Gewinn, von dem du nie deinen Anteil genommen hast. In den zwei Jahren, die ich bei dir bin, habe ich vierzehn Wunden im Rücken erhalten, und du hast nicht einmal eine Narbe zu zeigen. Wenn du wenigstens noch verstanden hättest, uns zu führen! Wenn du die gute Gelegenheit wahrgenommen hättest, bei der es wenig zu riskieren und viel zu holen gibt! Aber durch deine Schuld haben wir von der Armee eins auf den Pelz gebrannt bekommen; du warst der Henker unserer Kameraden; du hast uns in den Rachen des Wolfes geführt. Du hast nun also Eile, ein Ende zu machen und dich ins Privatleben zurückzuziehen? Es dauert dir zu lange, uns alle neben Vasile verscharrt zu sehen. Du lieferst uns an den verfluchten Mylord aus, der unsere tapfersten Soldaten verhext hat! Aber rechne nur nicht darauf, unserer Rache zu entwischen. Ich weiß, warum du willst, daß er wegkommt. Er hat sein Lösegeld bezahlt. Aber was willst du mit dem Gelde machen? Willst du es ins Jenseits mitnehmen? Du bist sehr krank, mein armer Hadgi-Stavros. Der Mylord hat mit dir keine Ausnahme gemacht, du mußt ebenfalls sterben, und das ist recht so. Meine Freunde, wir sind unsere eigenen Herren! Wir gehorchen niemandem mehr, wir machen, was uns paßt, wir werden vom Besten essen, wir werden den ganzen Äginawein aussaufen, wir werden ganze Wälder verbrennen, um ganze Herden zu braten, wir werden das Königreich plündern. Wir werden Athen einnehmen und in den Gärten des Palastes kampieren. Ihr braucht euch nur führen zu lassen, ich kenne alle guten Stellen! Beginnen wir damit, daß wir den Alten mitsamt seinem geliebten Mylord in die Schlucht werfen, ich will euch schon sagen, was zu tun ist.«

Coltzidas Beredsamkeit war nahe daran, uns das Leben zu kosten, denn die Zuhörerschaft applaudierte. Die alten Kumpane Hadgi-Stavros', zehn oder zwölf ergebene Pallikare, die ihm hätten helfen können, hatten von den Resten des Mahles gegessen und wanden sich in Koliken. Jedoch kein Volksredner kommt an die Macht, ohne Eifersucht zu erwecken. Als es fast erwiesen schien, daß Coltzida Chef der Bande werden würde, da änderten Tambouris und einige weitere Ehrgeizlinge plötzlich ihre Meinung und schlugen sich auf unsere Seite. Wenn schon ein Kapitän sein mußte, dann zogen sie doch den, der sie zu führen verstand, diesem vermessenen Schwätzer vor, dieser Null, die sie anekelte. Zudem ahnten sie, daß der König nicht mehr lange leben und seinen Nachfolger unter denen bestimmen würde, die bei ihm ausharrten. Das war keine gleichgültige Sache. Und man konnte darauf wetten, daß die stillen Teilhaber eher die Wahl des Hadgi-Stavros bestätigen würden als den Helden einer Rebellion. Acht oder zehn Stimmen erhoben sich zu unseren Gunsten. Unseren, denn wir waren nur noch einer. Ich klammerte mich an den König der Berge, und er selbst hatte seinen Arm um meinen Hals geschlungen. Tambouris und seine Leute verständigten sich mit wenigen Worten, und ein Verteidigungsplan wurde improvisiert. Drei Mann benutzten das Durcheinander, um zusammen mit Dimitri ins Arsenal zu laufen, sich des Waffenvorrates und der Kartuschen zu bemächtigen und den Weg entlang eine Pulverspur zu streuen. Dann mischten sie sich wieder diskret unter die Menge. Die zwei Parteien zeichneten sich von Minute zu Minute deutlicher voneinander ab. Beleidigungen flogen von einer Gruppe zur anderen. Unsere Kämpen, mit dem Rücken zu Mary-Anns Zimmer, bewachten die Treppe, bildeten mit ihren Leibern einen Wall und warfen den Gegner in das Kabinett des Königs zurück. Als der Anprall am heftigsten war, hallte ein Pistolenschuß wider. Eine feurige Spur lief durch den Staub, und dann hörte man die Felsen mit entsetzlichem Krach bersten.

Durch die Detonation überrascht, liefen Coltzida und seine Leute geschlossen zum Arsenal. Tambouris verliert nicht eine Minute; er hebt Hadgi-Stavros hoch, steigt ein paar Schritte die Treppe hinunter, legt ihn an einem sicheren Platz nieder, kommt zu mir zurück, trägt mich fort und wirft mich dem König zu Füßen. Unsere Freunde verschanzen sich im Zimmer, fällen die Bäume, verbarrikadieren die Treppe und organisieren die Verteidigung, ehe noch Coltzida von seinem Spaziergang zurückgekommen war und sich von seiner Überraschung erholt hatte.

Dann überzählten wir unsere Partei. Unsere Armee bestand aus dem König, seinen zwei Domestiken, Tambouris mit acht Briganten, Dimitri und mir; alles in allem vierzehn Mann, wovon drei kampfunfähig waren. Der Cafedgi hatte sich zusammen mit seinem Herrn vergiftet und begann die ersten Anfälle des Leidens zu spüren. Dafür aber hatten wir zwei Gewehre pro Mann und Kartuschen nach Belieben, während die Feinde an Waffen und Munition lediglich das besaßen, was sie bei sich trugen. Sie hatten den Vorteil der zahlenmäßigen Überlegenheit und des Geländes. Wir wußten nicht genau, wie viele unter ihnen gesund waren, doch mußte man mit etwa dreißig Angreifern rechnen. Den belagerten Platz brauche ich Ihnen ja nicht erst zu beschreiben, Sie kennen ihn seit langem. Glauben Sie mir aber bitte, daß der Anblick des Ortes seit dem Tage, an dem ich dort unter dem wachsamen Auge des Corfioten zum ersten Male zwischen Mme. Simons und Mary-Ann gespeist hatte, sich verändert hatte. Die Wurzeln unserer schönen Bäume hingen in der Luft, und die Nachtigall war fortgeflogen. Was aber für Sie zu wissen wichtig ist: wir waren rechts und links durch unzugängliche Felsen, unzugänglich auch für unsere Feinde, geschützt, die uns von oben vom Kabinett des Königs her angriffen und am Fuße der Schlucht bewachten.

Hätten Coltzida und seine Kumpane auch nur die geringste Ahnung von einer rechten Kriegführung gehabt, wäre es um uns geschehen gewesen. Man brauchte lediglich die Barrikade wegzufegen, den Eingang zu erzwingen, uns gegen eine Mauer zurückzudrängen oder uns in die Schlucht zu stürzen. Aber dem Dummkopf, der doch über mehr als zwei Mann gegen einen verfügte, fiel es jetzt ein, seine Munition zu sparen und die zwanzig Tölpel, die nicht zu zielen verstanden, in Schützenkette aufzustellen. Unsere Helden waren allerdings nicht geschickter, zerschmetterten aber, da sie besser befehligt wurden und vorsichtiger zielten, vor Einbruch der Nacht noch gut und gern fünf Schädel. Die Streitenden kannten sich alle beim Namen. Sie beschimpften einander von ferne nach Art homerischer Helden. Der Kampf war eigentlich nichts anderes als eine bewaffnete Diskussion, bei der von Zeit zu Zeit das Pulver ein Wörtchen mitsprach.

Ich für mein Teil lag ausgestreckt in einem Winkel, vor Kugeln geschützt, und versuchte mein fatales Werk wieder gutzumachen und den armen König der Berge ins Leben zurückzurufen. Er litt grausam, klagte über brennenden Durst und einen lebhaften Schmerz in der Magengegend. Seine eiskalten Hände und Füße krampften sich heftig zusammen. Der Puls war langsam, die Atmung keuchend. Sein Magen schien mit einem inneren Henker zu ringen, ohne ihn austreiben zu können. Sein Geist indessen hatte nichts von seiner Lebhaftigkeit verloren und war ganz gegenwärtig. Sein durchdringender Blick suchte am Horizont die Reede von Salamis und das schwimmende Gefängnis Photinis.

Aufgeregt umklammerte er mit seiner Hand die meinige und sagte: »Heilen Sie mich, lieber Junge! Sie sind doch ein Doktor, Sie müssen mich heilen. Ich mache Ihnen das, was Sie mir angetan haben, nicht zum Vorwurf. Sie waren in Ihrem Recht; Sie hatten recht mich zu töten, denn, ich schwöre es Ihnen, ohne Ihren Freund Harris hätte ich Sie nicht verfehlt. Gibt es denn nichts, um das Feuer, das mich verbrennt, zu löschen? Ich hänge nicht am Leben. Was wollen Sie? Ich habe genug gelebt; aber, wenn ich sterbe, werden die Sie totschlagen und meine arme Photini wird abgeschlachtet. Ich leide. Fühlen Sie meine Hände. Es scheint mir, sie gehören mir bereits nicht mehr. Aber glauben Sie, wird dieser Amerikaner das Herz haben, seine Drohungen auszuführen? Was haben Sie mir da vorhin gesagt? Photini liebt ihn! Die Unglückselige! Ich hatte sie dazu erzogen, die Gemahlin eines Königs zu werden. Ich sähe sie lieber tot, als ... Nein, nach allem bin ich sogar zufrieden, daß sie diesen jungen Mann liebt, vielleicht hat er Mitleid mit ihr. Was sind Sie für ihn? Ein Freund, nichts weiter, Sie sind nicht einmal sein Landsmann. Freunde hat man soviel man haben will, aber man findet nicht eine zweite Frau wie Photini. Ich erwürgte bedenkenlos alle meine Freunde, wenn ich dabei auf meine Rechnung käme, aber nie würde ich eine Frau töten, die mich liebt. Wenn er wenigstens wüßte, wie reich sie ist. Die Amerikaner sind Tatsachenmenschen, wenigstens behauptet man es. Aber sie, das arme, unschuldige Wesen, weiß nichts von ihrem Vermögen. Ich hätte sie darüber aufklären sollen. Wie kann man sie jetzt wissen lassen, daß sie vier Millionen als Mitgift bekommen wird? Wir sind Gefangene eines Coltzida! Machen Sie mich bloß gesund, bei allen Heiligen des Paradieses, damit ich dieses Ungeziefer zertrete.«

Ich bin kein Arzt, und ich weiß von der Toxikologie nur das wenige, was man in den elementaren Lehrbüchern darüber lernt; ich entsann mich, daß man eine Arsenikvergiftung mittels einer Methode heilt, die ein wenig der des Doktors Eisenbart ähnelt. Ich kitzelte die Speiseröhre des Kranken, um den Magen von der Bürde, die ihn quälte, zu befreien. Meine Finger dienten dazu, ihm Brechreiz zu verursachen, und bald hatte ich Grund anzunehmen, daß das Gift zum größten Teil ausgespien war. Die Reaktionsphänomene zeigten sich sofort; die Haut begann zu brennen, der Puls ging beschleunigt, das Gesicht rötete sich, in den Augen erschienen rote Netze. Ich fragte ihn, ob wohl einer seiner Leute geschickt genug wäre, um ihn zur Ader zu lassen. Er schnürte sich selbst den Arm ab und öffnete sich beim Geknatter des Gewehrfeuers und inmitten der verirrten Kugeln, die umherspritzten, ruhig eine Vene. Er vergoß auf die Erde gut und gern ein volles Pfund Blut und fragte mich mit sanfter Stimme, was er noch tun sollte. Ich wies ihn an zu trinken, nochmals zu trinken, und immerfort zu trinken, bis daß die letzten Restchen des Arseniks durch den reißenden Strom des Trankes herausgeschwemmt würden. Der Weißweinschlauch, der den Tod Vasiles verursacht hatte, befand sich just noch im Zimmer. Dieser Wein, mit Wasser vermischt, diente dazu, dem König das Leben wiederzugeben. Er gehorchte mir wie ein Kind. Ich glaube sogar, daß seine arme, leidende, alte Majestät sich meiner Hand bemächtigte, um sie zu küssen, als ich ihm zum ersten Male den Becher hinreichte.

Gegen zehn Uhr abends ging es ihm besser, sein Cafedgi freilich war tot. Der arme Teufel konnte sich weder des Giftes entledigen noch sich wieder erwärmen. Man schleuderte ihn von der Höhe der Kaskade in die Schlucht hinunter. Alle unsere Verteidiger schienen in bestem Zustande, ohne eine Wunde, dafür allerdings hungrig wie die Wölfe im Dezember. Ich besonders fastete seit 24 Stunden, und mein Magen schrie vor Hunger. Um uns zu reizen, verbrachte der Feind die Nacht damit, hoch über unseren Köpfen zu trinken und zu essen. Er warf uns Hammelknochen und leere Weinschläuche herab. Die Unsrigen antworteten schlagfertig mit einigen Gewehrschüssen ins Blaue hinein. Wir vernahmen genau die Freuden- und Todesschreie. Coltzida war betrunken; die Verwundeten und die Kranken heulten gleichzeitig, aber Moustakas brüllte nicht lange. Der Krach hielt mich die ganze Nacht hindurch an der Seite des alten Königs wach. Ach! Monsieur, wie lang erscheinen die Nächte dem, der des Morgens nicht sicher ist!

Der Dienstagmorgen war grau und regnerisch. Der Himmel trübte sich beim Sonnenaufgang bereits ein, und ein feiner Regen näßte gleicherweise, ohne einen Unterschied zu machen, Freund und Feind. Aber während wir gewitzt genug gewesen waren, unsere Waffen und Patronen aufzusparen, hatte dagegen die Armee des Generals Coltzida nicht dieselben Vorsichtsmaßnahmen ergriffen. Das erste Scharmützel verlief höchst ehrenvoll für uns. Der Feind verbarg sich schlecht und schoß mit vom Wein unsicher gemachter Hand. Die Partie erschien mir so nett, daß auch ich ein Gewehr ergriff, wie die anderen. Was dabei herauskam, will ich in etlichen Jahren beschreiben, wenn ich erst Arzt bin, denn ich habe Ihnen ja bereits genug Morde eingestanden, genug jedenfalls für einen Menschen, der daraus nicht seinen Beruf macht. Hadgi-Stavros wollte meinem Beispiel folgen, doch versagten seine Hände den Dienst. Seine Extremitäten waren geschwollen und schmerzempfindlich, und ich kündigte ihm mit meiner gewohnten Offenherzigkeit an, daß diese Unfähigkeit zur Arbeit möglicherweise so lange währen würde wie er selbst.

So gegen neun Uhr drehte der Feind, der sehr darauf bedacht war, uns keine Antwort schuldig zu bleiben, uns jäh den Rücken. Ich vernahm eine regellose Schießerei, die nicht uns galt, und schloß daraus, daß Meister Coltzida sich von hinten hatte überraschen lassen. Wer aber war nur der unbekannte Verbündete, der uns so gut zupasse kam? War es vielleicht ratsam, eine Vereinigung zu versuchen und unsere Barrikaden zu demolieren? Ich wünschte mir nichts anderes, aber der König dachte an die Linientruppen, und Tambouris zerbiß seinen Schnurrbart. Bald aber wurden alle unsere Bedenken beseitigt. Eine mir nicht unbekannte Stimme schrie: »All right!« Drei bis an die Zähne bewaffnete junge Männer schnellten wie Tiger hervor, durchbrachen die Barrikade und fielen wie ein Wirbelwind mitten unter uns. Harris und Lobster hielten in jeder Hand einen sechsschüssigen Revolver. Giacomo schwang ein Gewehr, den Kolben in der Luft, wie eine Keule, denn so versteht er den Gebrauch einer Feuerwaffe.

Wäre der Donner ins Zimmer eingefallen, er hätte einen weniger zauberischen Effekt hervorgebracht als der Einbruch dieser Männer, die die Kugeln mit vollen Händen um sich streuten und deren Hände nichts weiter als den Tod zu enthalten schienen. Meine drei Tischgenossen, wie toll von Lärm, Bewegung und dem Sieg, bemerkten weder Hadgi-Stavros noch mich. Sie sahen nichts weiter als Männer, die zu töten waren, vor sich und, weiß Gott, sie gingen rasch ans Werk. Unsere armen Kämpen befanden sich erstaunt und außer sich vor Schrecken, außer Gefecht, ohne Zeit gefunden zu haben, sich zu verteidigen oder sich auch nur zurechtzufinden. Ich selbst, der ich gern ihr Leben gerettet hätte, mochte in meinem Winkel schreien, so viel ich wollte, meine Stimme wurde übertönt von dem Geknalle und den Schreien der Sieger. Dimitri, der sich zwischen Hadgi-Stavros und mich niedergeduckt hatte, vereinte vergeblich seine Stimme mit der meinigen. Harris, Lobster und Giacomo schossen, rannten, schlugen zu, indem sie, jeder in seiner Sprache, die Schläge zählten.

»One!« sagte Lobster.

»Two!« antwortete Harris.

»Tre! quattro! cinque!« heulte Giacomo. Meine Freunde waren schön anzusehen bei ihrem entsetzlichen Werk. Sie töteten wie im Rausch, sie gefielen sich dabei, der Gerechtigkeit zum Siege zu verhelfen. Der Wind und der rasche Lauf hatten ihre Kopfbedeckungen davongetragen, ihre Haare flatterten im Wind. Ihre Blicke funkelten mit so mörderischem Glanz, daß es schwierig war zu unterscheiden, ob der Tod aus ihren Augen oder aus ihren Händen kam. Als alles rings um sie aus dem Wege geräumt war und sie keine weiteren Feinde mehr sahen als die drei oder vier Verwundeten, die auf dem Boden krochen, atmeten sie auf. Harris war der erste, sich meiner zu erinnern. Giacomo hatte nur eine Sorge; er wußte nicht, ob er in der Menge Hadgi-Stavros den Schädel eingeschlagen hatte. Harris schrie aus Leibeskräften: »Hermann, wo sind Sie?«

»Hier!« antwortete ich, und die drei Zerstörer eilten, meiner Stimme nachfolgend, herbei.

Der König der Berge, so schwach er auch war, stützte seine Hand auf meine Schulter, lehnte sich gegen den Felsen, sah diese Männer, die so viele Leute nur umgebracht hatten, um bis zu ihm durchzudringen, und sagte mit fester Stimme zu ihnen:

»Ich bin Hadgi-Stavros!«

Sie wissen, daß meine Freunde seit langem auf die Gelegenheit warteten, den alten Pallikaren zu bestrafen. Sie hatten sich seinen Tod als ein Fest gelobt. Sie wollten an ihm die Mädchen aus Mistra, tausend andere Opfer und mich und sich selbst rächen. Und dennoch hatte ich gar nicht erst nötig, ihren Arm zurückzuhalten, denn es blieb ein solcher Rest an Größe dieser Heldenruine, daß ihr Zorn von selber in sich zusammenfiel und dem Erstaunen Platz machte. Alle drei waren jung und in dem Alter, in dem man seine Waffen vor einem wehrlosen Feind nicht wiederfindet. Ich setzte sie mit wenigen Worten davon in Kenntnis, wie der König mich gegen die ganze Horde, halbtot wie er selbst war, verteidigt hatte, und das noch dazu an dem Tage, an dem ich ihn vergiftet hatte. Ich erklärte ihnen die Schlacht, die sie unterbrochen, die Barrikaden, die sie soeben durchbrochen, und den seltsamen Krieg, in den sie eingebrochen waren, um dabei unsere Verteidiger zu töten.

»Um so schlimmer für sie!« sagte John Harris. »Wir trugen wie die Gerechtigkeit eine Binde vor den Augen. Wenn also diese sonderbaren Heiligen, bevor sie starben, noch eine anständige Regung gezeigt haben, wird man es ihnen dort oben anrechnen. Ich habe nichts dagegen.«

»Was aber die Hilfe betrifft, deren wir Sie beraubt haben«, sagte Lobster, »so machen Sie sich da keinerlei Sorgen. Mit zwei Revolvern in den Händen und zwei weiteren in den Taschen zählt jeder von uns für 24 Mann. Diese hier haben wir bereits getötet, die anderen brauchen nur wiederzukommen! Nicht wahr, Giacomo?«

»Ich würde eine Armee von Stieren totschlagen!« sagte der Malteser. »Ich bin gerade in Stimmung! Zu denken, daß man mit diesen zwei Handgelenken darauf angewiesen ist, Briefe zu siegeln!«

Währenddessen hatte der Feind, der sich von seiner Bestürzung erholt hatte, die Belagerung wieder aufgenommen. Drei oder vier der Briganten hatten ihre Nasen über unsere Schutzwehr gesteckt und das Blutbad bemerkt. Coltzida wußte nicht recht, was er von diesen drei Gottesgeißeln halten sollte, die er blindwütig sowohl auf seine Freunde als auch auf seine Feinde hatte einhauen sehen. Jedenfalls vermutete er, daß entweder das Eisen oder das Gift ihm den König der Berge vom Halse geschafft hatte. Er befahl daher, unsere Verteidigungsanlagen vorsichtig zu demolieren. Wir befanden uns außer Sicht, im Schutze einer Mauer, zehn Schritte von der Treppe entfernt. Das Geräusch des zusammenstürzenden Materials warnte meine Freunde, so daß sie ihre Waffen neu luden. Hadgi-Stavros ließ sie gewähren. Sodann sagte er zu John Harris:

»Wo befindet sich Photini?«

»Bei mir an Bord.«

»Sie haben ihr nichts getan?«

»Habe ich etwa bei Ihnen eine Lektion genommen, wie man junge Mädchen foltert?«

»Sie haben recht, ich bin ein miserabler alter Kerl. Verzeihen Sie mir. Versprechen Sie mir, gnädig mit ihr zu verfahren?«

»Ja, zum Teufel, was wollen Sie eigentlich, daß ich ihr antue? Jetzt, nachdem ich Hermann wiedergefunden habe, gebe ich sie Ihnen zurück, wann Sie nur wollen.«

»Ohne Lösegeld?«

»Alter Esel!«

»Sie werden gleich sehen«, sagte der König, »ob ich ein alter Esel bin.«

Er legte den linken Arm um Dimitris Hals, streckte seine verkrampfte und zitternde Hand nach dem Griff seines Säbels aus, zog mit Mühe die Klinge aus der Scheide und ging zur Treppe hin, wo die Empörer des Coltzida zögernd sich vorwagten. Bei seinem Erscheinen zogen sie sich zurück, als ob die Erde sich geöffnet hätte, um den großen Höllenrichter durchzulassen. Sie waren ihrer, vollständig bewaffnet, an die fünfzehn oder zwanzig Kerle. Keiner von ihnen wagte sich zu verteidigen, weder sich zu entschuldigen noch zu fliehen. Ihre Beine schlotterten vor dem schrecklichen Gesicht des wiederauferstandenen Königs. Hadgi-Stavros schritt geradewegs auf Coltzida zu, der, bleicher und von eisigem Schrecken erstarrter als die anderen, sich zu verbergen suchte, schwang den Arm mit einer unmöglich abzuschätzenden Gewaltanstrengung nach hinten und schnitt mit einem Hieb dieses vor Entsetzen verzerrte Haupt ab. Danach überwältigte ihn allerdings sofort die Schwäche, er ließ den Säbel neben den Kadaver fallen und verzichtete darauf, ihn wieder aufzunehmen.

»Gehen wir fort!« sagte er, »ich nehme die Scheide leer mit. Die Klinge taugt zu nichts mehr, ich ebensowenig. Mit mir ist's zu Ende.«

Seine ehemaligen Kumpane näherten sich ihm, um ihn um Verzeihung zu bitten. Etliche flehten ihn an, sie nicht zu verlassen, sie wüßten nicht, was aus ihnen ohne ihn werden sollte. Er würdigte sie nicht einmal eines einzigen Blickes als Antwort. Er bat uns, ihn nach Castia mitzunehmen, um dort zu Pferde zu steigen und darauf nach Salamis zu reiten, um Photini zu holen.

Die Räuber ließen uns ohne Widerstand abziehen. Schon nach wenigen Schritten bemerkten meine Freunde, daß ich mich nur mit Mühe hinschleppte. Giacomo stützte mich, Harris erkundigte sich, ob ich verletzt sei. Der König warf mir einen flehenden Blick zu. Armer Kerl! Ich erzählte meinen Freunden, ich hätte einen gefährlichen Fluchtversuch unternommen, bei dem meinen Füßen übel mitgespielt worden sei. Nur ganz langsam stiegen wir die Gebirgspfade hinab. Die Schreie der Verwundeten und die Stimmen der Banditen, die im Lager beratschlagten, begleiteten uns noch gut eine Achtelmeile. In dem Maße, wie wir uns dem Dorfe näherten, klarte das Wetter auf. Die Wege trockneten unter unseren Schritten. Der erste Sonnenstrahl erschien mir überaus wohltuend. Hadgi-Stavros schenkte der Außenwelt keinerlei Beachtung. Er war mit sich selbst beschäftigt. Es ist ja auch nicht einfach, mit einer fünfzigjährigen Gewohnheit zu brechen.

Bei den ersten Häusern Castias trafen wir auf den Mönch, der einen Bienenkorb in einem Sacke trug. Er empfahl sich uns und entschuldigte sich, weil er uns nicht mehr besucht hatte. Die Flintenschüsse hatten ihm Furcht eingeflößt. Der König grüßte ihn durch eine Handbewegung und ging an ihm vorüber.

Die Pferde meiner Freunde warteten mit ihrem Führer neben dem Brunnen. Ich erkundigte mich, warum sie vier Pferde mithätten. Sie teilten mir mit, Monsieur Mérinay habe an der Expedition teilgenommen, sei aber vom Pferde gestiegen, um einen merkwürdigen Stein zu betrachten; und wäre noch nicht wieder aufgetaucht.

Giacomo Fondi hob mich in den Sattel, immer mit gestreckten Armen, versteht sich; er konnte ganz einfach nicht anders. Mit Hilfe Dimitris hievte sich der König auf den seinigen. Harris und sein Neffe sprangen auf ihre Pferde; der Malteser, Dimitri und der Führer gingen zu Fuß vor uns her.

Während wir des Weges zogen, näherte ich mich Harris, und er erzählte mir, wie die Tochter des Königs in seine Gewalt geraten war.

»Stellen Sie sich vor«, sagte er zu mir, »wie ich von meiner Kreuzfahrt zurückkomme, höchst zufrieden mit mir selbst und ganz stolz, ein halbes Dutzend Piratenschiffe versenkt zu haben. Ich lege am Sonntag um sechs Uhr im Piräus an, gehe an Land, und da ich acht Tage lang im Tête-à-tête mit meinem Stabe gelebt habe, beschloß ich, mir eine kleine Abwechslung zu leisten. Ich halte am Hafen einen Fiaker an und miete ihn für den ganzen Abend. Bei Christodulos platzte ich in eine allgemeine Trauer hinein. Niemals hätte ich geglaubt, daß sich im Hause eines Konditors so viel Kummer breitmachen könnte. Man saß beim Abendessen, Christodulos, Maroula, Dimitri, Giacomo, William, Monsieur Mérinay und das kleine Sonntagsmädchen, sonntäglicher aufgeputzt denn je. William berichtete mir Ihre Affäre. Unnütz, Ihnen zu sagen, ob ich wie besessen geschrien habe! Ich war wütend auf mich selbst, nicht dagewesen zu sein. Der Kleine versicherte mir, alles getan zu haben, was er konnte. Die ganze Stadt hat er der 15 000 Francs wegen abgeklappert, aber seine Verwandten haben ihm einen nur begrenzten Kredit eröffnet. Kurz und gut, er hat die verlangte Summe nicht aufgetrieben. Da er an der Sache verzweifelte, hat er sich schließlich an Monsieur Mérinay gewandt, aber der sanfte Monsieur Mérinay gab vor, all sein Geld an intime Freunde verliehen zu haben, weit weg von hier, sehr weit weg, weiter als das Ende der Welt.

»Ha! Zum Teufel!« sagte ich zu Lobster, »diesen alten Verbrecher muß man mit bleierner Münze bezahlen! Was nützt es dir eigentlich, geschickter als Nimrod zu sein, wenn dein Talent nicht einmal dazu taugt, das Gefängnis des Sokrates zu brechen? Man muß eine Treibjagd auf den Pallikaren organisieren! Ich habe seinerzeit mal auf eine Reise nach Zentralafrika verzichtet, was ich heute noch bedauere, denn es ist ein doppelter Spaß, auf ein Wild zu feuern, das sich wehrt. ›Besorgt einen guten Vorrat an Pulver und Kugeln, und morgen früh rücken wir ins Feld.‹ William beißt an, Giacomo schlägt mit der Faust gewaltig auf den Tisch, nun, Sie kennen ja Giacomos Faustschläge! Er schwört, uns zu begleiten, vorausgesetzt, daß man ihm ein Gewehr mit einem Schuß besorgt. Der Rasendste von allen freilich war Monsieur Mérinay, der durchaus seine Hände im Blute der Schuldigen färben wollte. Man nahm seine Dienste an, jedoch erbot ich mich, ihm das Wildbret zu kaufen, das er mitzubringen gedachte. Er blähte sein dünnes Stimmchen auf die komischste Weise auf und sagte, indem er seine Jungfernhändchen vorwies, Hadgi-Stavros würde es mit ihm zu tun bekommen.«

»Ich lachte darüber von ganzem Herzen, besonders da man ja am Vorabend einer Schlacht immer besonders guter Laune ist. Lobster wurde ganz aufgekratzt bei dem Gedanken, den Banditen die Fortschritte zu zeigen, die er gemacht hat. Giacomo konnte sich vor Freude kaum fassen. Seine Mundwinkel erreichten seine Ohren, er knackte seine Nüsse mit dem Gesichtsausdruck eines Nürnberger Nußknackers. Monsieur Mérinays Haupt war von Strahlen umgeben. Das war ja kein Mensch mehr, das war ganz einfach ein Feuerwerk.«

»Uns ausgenommen zogen alle Tischgenossen lange Gesichter. Die dicke Zuckerbäckerin erschöpfte sich in Bekreuzigungen. Dimitri hob die Augen zum Himmel. Der Leutnant riet uns, es uns wohl zu überlegen, ehe wir uns am König der Berge zu reiben wagten. Das plattnäsige Mädchen aber, die, die Sie mit dem Namen Crinolina invariabilis getauft haben, die versank in einen geradezu lächerlichen Schmerz. Sie stieß steinerweichende Seufzer aus, sie aß nur noch aus Anstand, und ich hätte das ganze Abendessen, das sie in den Mund schob, bequem durch mein linkes Auge zu mir nehmen können.«

»Es ist ein braves Mädchen, Harris.«

»Ein braves Mädchen! Ganz wie Sie wollen, aber ich finde doch, Ihre Nachsicht mit ihr geht zu weit. Meinerseits habe ich ihr nie ihre Röcke verzeihen können, die sich beharrlich um die Füße meines Stuhles wickelten, diesen Patschuligeruch, den sie um sich verbreitet und die verlöschenden Blicke, die sie um den Tisch wandern läßt. Man möchte, auf mein Wort, fast sagen, sie sei nicht fähig, eine Wasserkaraffe anzusehen, ohne ihr schöne Augen zu machen. Wenn Sie aber sie so, wie sie ist, mögen, dann ist nichts dagegen zu sagen. Um neun Uhr machte sie sich auf den Heimweg zu ihrer Pension, und ich wünschte ihr gute Reise. Zehn Minuten später drückte ich unseren Freunden die Hand, und wir verabredeten uns für den folgenden Tag. Ich verlasse das Haus, wecke meinen Kutscher auf und finde, raten Sie, wen, in meinem Wagen? Crinolina invariabilis mit dem Dienstmädchen des Zuckerbäckers.

Sie legt einen Finger auf ihren Mund, ich steige ein, ohne etwas zu sagen, und wir fahren los. ›Monsieur Harris‹, sagte sie zu mir in recht gutem Englisch, meiner Treu! ›Monsieur Harris, schwören Sie mir, auf Ihre Pläne gegen den König der Berge zu verzichten!‹

Ich fange an zu lachen, sie beginnt zu weinen. Sie schwört, ich würde zu Tode kommen. Ich antworte, ich sei der, der die anderen tötet. Sie widersetzt sich dem, daß man Hadgi-Stavros tötet. Ich will wissen, weswegen eigentlich, und endlich, nach viel Überredung, ruft sie, wie im fünften Akt eines Dramas, aus: ›Er ist mein Vater!‹ Daraufhin beginne ich ernsthaft zu überlegen. Einmal ist schließlich noch keine Gewohnheit. Ich denke daran, daß es möglicherweise zu machen ginge, einen verlorengegangenen Freund zu retten, ohne das Leben von zwei oder drei weiteren aufs Spiel setzen zu müssen, und sage zu der jungen Pallikarin:

›Liebt Ihr Vater Sie?‹

›Mehr als sein Leben!‹

›Hat er Ihnen jemals etwas verweigert?‹

›Nichts von dem, was ich nötig hatte.‹

›Und wenn Sie ihm nun schrieben, daß Sie Monsieur Hermann Schultz nötig haben, würde er ihn Ihnen postwendend schicken?‹

›Nein.‹

›Sind Sie dessen ganz sicher?‹

›Absolut sicher.‹

›Dann, Mademoiselle, bleibt mir nichts anderes zu tun übrig. Auf einen Briganten anderthalb Briganten! Ich nehme Sie mit mir an Bord der Fancy und behalte Sie dort als Geisel bis zur Wiederkehr Hermanns.‹

›Das wollte ich Ihnen soeben vorschlagen‹, sagte sie. ›Um diesen Preis wird Papa Ihnen Ihren Freund wiedergeben.‹«

Bei diesen Worten unterbrach ich John Harris' Erzählung. »Na und«, sagte ich zu ihm, »bewundern Sie nicht das arme Mädel, das Sie so sehr liebt, daß sie sich in Ihre Hände begibt?«

»Eine schöne Geschichte!« antwortete er. »Sie wollte lediglich diesen Ehrenmann, ihren Vater, retten und wußte nur zu gut, daß, wenn der Krieg erst einmal erklärt war, wir uns nicht verfehlen würden. Ich versprach ihr, sie mit aller Rücksicht zu behandeln, die ein Ehrenmann einer Frau schuldig ist. Sie heulte bis zum Piräus. Ich tröstete sie, so gut ich es vermochte. Sie murmelte zwischen den Zähnen: ›Ich bin ein verlorenes Mädchen.‹ Ich ließ sie aus dem Wagen aussteigen, schiffte sie mitsamt dem Dienstmädchen in meinem großen Boot ein, dasselbe, das uns da unten erwartet, schrieb an den alten Briganten einen kategorischen Brief und schickte die gute Frau mit einer kleinen Botschaft an Dimitri in die Stadt zurück.

Seit der Zeit hat die in Tränen gebadete Schöne die Nutznießung meines gesamten Appartements. Befehl, sie wie eine Königstochter zu behandeln! Bis Montagabend habe ich auf die Antwort ihres Vaters gewartet. Dann verlor ich die Geduld und kam auf meine erste Idee zurück, nahm meine Pistolen, gab unseren Freunden ein Zeichen, und den Rest kennen Sie. Sie müssen einen ganzen Band zu erzählen haben.«

»Ich stehe zu Ihrer Verfügung«, sagte ich zu ihm. »Zuvor aber muß ich Hadgi-Stavros ein Wörtchen ins Ohr flüstern.«

Ich näherte mich dem König der Berge und sagte ganz leise zu ihm: »Ich weiß nicht, warum ich Ihnen erzählt habe, Photini liebe John Harris. Die Angst muß mir den Kopf verdreht haben. Eben habe ich mit ihm gesprochen, und ich schwöre Ihnen auf den Kopf meines Vaters, daß sie ihm ebenso gleichgültig ist, als habe er niemals mit ihr gesprochen!«

Der Greis dankte mir mit einem Händedruck, und ich ging daran, John meine Abenteuer mit Mary-Ann zu erzählen. »Bravo!« sagte er. »Ich fand den Roman sowieso nicht komplett ohne ein bißchen Liebe. Und da gibt's sogar eine ganze Menge, was übrigens nichts schadet.«

»Verzeihen Sie«, sagte ich zu ihm. »In dieser ganzen Geschichte gibt es kein bißchen Liebe. Gute Freundschaft von der einen, etwas Erkenntlichkeit von der anderen Seite. Aber, mehr ist nicht nötig, denke ich, für eine passende Ehe, wenn eine solche je zustande kommen sollte!«

»Heiraten Sie, mein Freund, und nehmen Sie mich zum Zeugen Ihres Glückes.«

»Das haben Sie wohl verdient, John Harris.«

»Wann werden Sie sie wiedersehen? Ich gäbe viel dafür, dieser Zusammenkunft beizuwohnen.«

»Ich möchte sie überraschen und sie wie durch Zufall treffen.«

»Eine ausgezeichnete Idee! Auf übermorgen, beim Hofball! Sie sind dazu eingeladen. Ich ebenfalls. Das Einladungsschreiben erwartet Sie auf Ihrem Tisch, bei Christodulos. Bis dahin, lieber Junge, müssen Sie bei mir an Bord bleiben, um wieder etwas zu Kräften zu kommen. Ihre Haare sind versengt und Ihre Füße haben Schaden gelitten. Wir haben Zeit genug, die Schäden zu beheben.«

Es war sechs Uhr abends, als die große Jolle der Fancy uns an Bord brachte. Man mußte den König der Berge an Deck tragen, er konnte sich nicht mehr aufrechthalten. Photini warf sich weinend in seine Arme. Es war zu viel für sie, zu sehen, daß alle, die sie liebte, die Schlacht lebend überstanden hatten, doch fand sie ihren Vater um zwanzig Jahre gealtert. Vielleicht litt sie auch unter der Gleichgültigkeit von Harris. Er gab sie dem König mit einer durchaus amerikanischen Formlosigkeit mit den Worten zurück:

»Wir sind nun quitt! Sie haben mir meinen Freund zurückerstattet, ich gebe Ihnen dafür Mademoiselle wieder. Wurst wider Wurst! Gute Rechnungen machen gute Freunde. Und nun, erhabener Greis, unter welchem gesegneten Klima des Himmels gehen Sie auf die Suche nach dem, der Sie hängt? Sie sind doch nicht der Mann, sich von den Geschäften zurückzuziehen!«

»Entschuldigen Sie!« antwortete der König mit Würde. »Ich habe dem Straßenraub Valet gesagt, und zwar für immer. Was täte ich wohl noch im Gebirge? Alle meine Leute sind tot, verwundet, in alle Winde zerstreut. Ich könnte andere anwerben. Aber diese Hände hier, die so viele Köpfe rollen ließen, versagen mir jetzt den Dienst. Jetzt sind die Jungen dran, meinen Platz einzunehmen. Allerdings fordere ich sie dazu heraus, es mir an Vermögen und Ruhm gleichzutun. Was soll ich mit diesem Rest Leben anfangen, den Sie mir gelassen haben? Vorläufig weiß ich es noch nicht. Doch seien Sie sicher, meine letzten Tage werden voll ausgefüllt sein. Ich muß meine Tochter versorgen, meine Memoiren diktieren. Kann auch sein, falls die Erschütterungen dieser Woche mein Gehirn nicht zu arg ermüdet haben, daß ich mein Talent und meine Erfahrungen dem Staatsdienst widme. Sollte Gott mir die Geisteskraft vergönnen, so werde ich vor Ablauf von sechs Monaten Präsident des Ministerrates sein.«

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.