Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edmond About >

Der Bergkönig

Edmond About: Der Bergkönig - Kapitel 6
Quellenangabe
authorEdmond About
titleDer Bergkönig
publisherEngelhorn Verlag
year1962
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180306
projectid13280f3f
Schließen

Navigation:

Die Gendarmen

Der König schien nicht weiter erregt. Doch hatten sich seine Augenbrauen mehr als gewöhnlich einander genähert, und seine Stirnfalten bildeten zwischen den beiden Augen einen spitzen Winkel. Er befragte den Neuankömmling:

»Von wo steigen sie herauf?«

»Von Castia.«

»Wie viele Kompanien?«

»Eine.«

»Welche?«

»Das weiß ich nicht.«

»Warten wir ab.«

Ein zweiter schnellfüßiger Bote erschien auf der Bildfläche, um Alarm zu schlagen. Schon von weitem schrie ihm Hadgi-Stavros, sobald er ihn erblickt hatte, zu: »Ist es Perikles' Kompanie?«

Der Brigant antwortete: »Ich habe keine Ahnung. Ich kann keine Zahlen lesen.« In der Ferne verhallte ein Schuß. »Pst!« befahl der König und zog seine Uhr. Die versammelte Mannschaft verharrte in religiösem Schweigen. In Minutenabstand knallten vier Schüsse, denen eine heftige Detonation folgte, die einer Pelotonsalve ähnelte. Lächelnd steckte Hadgi-Stavros seine Uhr wieder in seine Tasche.

»Schon gut«, sagte er, »bringt das Gepäck wieder ins Depot und laßt euch Äginawein geben; es ist Perikles' Kompanie!«

Just in dem Augenblick, als er seinen Satz beendete, bemerkte er mich in meiner Ecke. Spöttischen Tones rief er mich zu sich:

»Kommen Sie nur her, Monsieur l'allemand, Sie sind hier durchaus nicht überflüssig. Es ist gut, früh aufzustehen: man sieht merkwürdige Sachen. Ist Ihr Durst bereits wach? Sie werden mit unserer braven Polizei ein Glas Äginawein trinken.«

Fünf Minuten später schleppte man drei riesige Weinschläuche herbei, die man aus irgendeinem geheimen Versteck hervorgeholt hatte.

Verspätet tauchte noch ein Vorposten auf, um dem König zu melden:

»Gute Nachrichten! Die Gendarmen des Perikles!«

Ein paar Briganten liefen der Truppe eilig entgegen. Der Corfiote, als Sprüchemacher bekannt, rannte, um den Kapitän feierlich zu begrüßen. Bald hörte man die Trommler; man sah die blaue Fahne wehen, und sechzig wohlbewaffnete Mann zogen in zwei Reihen bis zum Kabinett Hadgi-Stavros'. Ich erkannte Monsieur Perikles, weil ich ihn bereits auf der Promenade von Patissia bewundert hatte. Er war ein brauner, koketter junger Offizier, Abgott der Damen, am Hofe als vorzüglicher Walzertänzer beliebt, der seine Weißblechepauletten mit Grazie trug. Er steckte seinen Degen wieder in die Scheide, lief auf den König der Berge zu, küßte ihn und sagte:

»Guten Tag, Pate!«

»Guten Tag, Kleiner«, antwortete der König, indem er ihm die Wange tätschelte. »Alles immer gut gegangen?«

»Danke. Und bei dir?«

»Wie du siehst. Und die Familie?«

»Mein Onkel, der Erzbischof, hat etwas Fieber.«

»Bring ihn mir hierher, ich werde ihn schon heilen. Dem Polizeipräfekten geht es besser?«

»Etwas; er läßt dich bestens grüßen. Der Minister ebenfalls.«

»Was gibt's Neues?«

»Am Fünfzehnten ist Ball im Palais. Das steht fest.«

»Du tanzt also immer noch? Was gibt's an der Börse?«

»Baisse auf der ganzen Linie.«

»Bravo! Hast du Briefe für mich?«

»Ja, hier sind sie. Photini war noch nicht fertig. Sie wird dir durch die Post schreiben.«

»Ein Glas Wein? ... Auf dein Wohl, Kleiner!«

»Gott segne dich, Pate! Wer ist dieser Franke, der uns zuhört?«

»Laß ihn – ein gleichgültiger Deutscher. Weißt du nicht irgendein Ding für uns, das wir drehen könnten?«

»Der Generalzahlmeister schickt 20 000 Francs nach Argos. Die Gelder kommen morgen abend bei den Felsen des Skiron vorbei.«

»Ich werde dort sein. Braucht man viele Leute?«

»Ja. Die Kasse wird von zwei Kompanien eskortiert.«

»Guten oder schlechten?«

»Abscheulichen. Leute, die sich totschlagen lassen.«

»Dann werde ich alle meine Leute mitnehmen. In meiner Abwesenheit wirst du unsere Gefangenen bewachen.«

»Mit Vergnügen. Übrigens, ich habe strengste Befehle. Deine Engländerinnen haben an ihren Gesandten geschrieben. Sie rufen die ganze Armee zu Hilfe.«

»Und dazu habe ich ihnen noch das Papier geliefert. Trau du den Leuten!«

»Man muß einen dementsprechenden Rapport schreiben. Ich werde in Athen etwas von einer erbitterten Schlacht erzählen.«

»Wir werden das gemeinsam verfassen.«

»Gewiß. Aber dieses Mal, lieber Pate, werde ich den Sieg davontragen.«

»Nein!«

»Doch! Ich muß dekoriert werden.«

»Das kommt schon noch, Nimmersatt! Es ist noch nicht ein Jahr her, daß ich dich zum Hauptmann befördern ließ!«

»Aber begreife doch, lieber Pate, daß es in deinem Interesse liegt, besiegt zu werden. Wenn man vernimmt, daß deine Bande auseinandergesprengt ist, wird das Vertrauen wiedergeboren, die Reisenden werden kommen, und du wirst Riesengeschäfte machen.«

»Stimmt! Aber wenn ich besiegt bin, dann steigt die Börse, und ich befinde mich in der Baisse.«

»Du kannst mir viel erzählen. Laß mich wenigstens ein Dutzend Leute massakrieren!«

»Das kannst du haben! Das tut niemandem weh. Meinerseits muß ich zehn Mann von dir töten.«

»Wie denn das? Wenn wir zurückkehren, wird man doch sehen, daß die Kompanie komplett ist.«

»Keineswegs. Du läßt sie mir hier. Ich brauche Rekruten.«

»In dem Falle empfehle ich dir den kleinen Spiro, meinen Adjutanten. Er kommt gerade aus der Schule in Evelpides, ist gebildet und intelligent. Der arme Junge bekommt nicht mehr als achtzig Francs im Monat, und seine Eltern sind nicht glücklich. Bleibt er in der Armee, so wird er nicht vor fünf oder sechs Jahren Leutnant. Die Kader sind überfüllt. Sollte er sich aber in deiner Truppe bewähren, so wird man versuchen, ihn zu bestechen, und er hat seine Ernennung in sechs Monaten in der Tasche.«

»Abgemacht für den kleinen Spiro! Spricht er Französisch?«

»Einigermaßen.«

»Vielleicht behalte ich ihn bei mir. Wenn er sich anstellig erweist, interessiere ich ihn am Unternehmen. Er kann Aktionär werden!«

Dann sprang er flink auf und gab eilig etliche Befehle wegen des Abmarsches. War es nun das Vergnügen über den Beginn eines Unternehmens oder die Freude, seinen Paten jungen gesehen zu haben? Er schien geradezu verjüngt, lachte, scherzte, warf alle königliche Würde von sich. Es wäre mir ja nicht im Traum eingefallen, daß die Ankunft der Gendarmerie das einzige Ereignis wäre, fähig, die Wolken von der Stirn des Briganten zu vertreiben. Sophoclis, Vasile, der Corfiote und die anderen Unterführer verkündeten den Willen des Königs im ganzen Lager. Dank des Alarms am Morgen waren alle bald zum Aufbruch fertig. Der junge Adjutant Spiro und neun unter den Gendarmen ausgewählte Leute tauschten ihre Uniformen gegen das malerische Gewand der Räuber. Es war wie ein Zauberkunststück. Die neugebackenen Briganten bezeugten keinerlei Bedauern wegen ihres Berufswechsels. Die einzigen, die murrten, waren die, welche unter der Fahne bleiben mußten. Zwei oder drei Graubärte sagten ganz laut, man lasse sich zu sehr von Gedanken der »Auswahl« leiten und berücksichtige die Anciennität zu wenig. Einige dieser alten Haudegen rühmten sich ihrer Dienstjahre und pochten darauf, eine »Urlaubszeit« bei der Räuberei verbracht zu haben. Der Kapitän beruhigte sie, so gut er konnte, und versprach ihnen, sie würden auch schon noch an die Reihe kommen.

Bevor Hadgi-Stavros loszog, übergab er alle Schlüssel seinem Stellvertreter. Er zeigte ihm die Grotte für den Wein, die Höhle für das Mehl, den Felsenspalt für den Käse und den Baumstamm, in dem man den Kaffee verbarg. Er unterrichtete ihn über alle Vorsichtsmaßnahmen, die unsere Flucht verhindern und ein so kostbares Kapital sichern sollten. Der schöne Perikles erwiderte lächelnd: »Was fürchtest du eigentlich? Ich bin doch Aktionär.«

Um sieben Uhr morgens setzte der König sich in Marsch, und seine Untertanen zogen einer nach dem anderen hinter ihm her. Die ganze Bande entfernte sich in nördlicher Richtung.

Mme. Simons, die neben ihrer Tochter schlief und wie immer von Gendarmen träumte, erwachte jählings und lief ans Fenster, will sagen zur Kaskade. Sie war aufs grausamste enttäuscht, als sie Feinde sah, wo sie Retter erhofft hatte. Sie erkannte den König, den Corfioten und viele andere. Was sie aber noch weit mehr erstaunte, das war die Teilnehmerzahl dieser morgendlichen Expedition. Sie zählte bis zu sechzig Mann im Gefolge des Hadgi-Stavros.

Sechzig!!! dachte sie bei sich. Es bleiben also nur noch zwanzig übrig, um uns zu bewachen! Der Gedanke an ein Entweichen, den sie am Vorabend noch von sich gewiesen hatte, tauchte recht gebieterisch wieder in ihrem Geiste auf. Doch mitten in ihren Reflexionen sah sie noch eine Nachhut defilieren, die sie keineswegs erwartet hatte. Sechzehn, siebzehn, neunzehn, zwanzig Männer! Nicht eine Menschenseele also blieb mehr im Lager. Wir waren frei! »Mary-Ann!« schrie sie. Das Defilee dauerte immer noch an. Die Bande setzte sich aus achtzig Räubern zusammen. Und neunzig zogen los!!! Ein Dutzend Hunde bildete den Schluß des Zuges; doch gab sie sich nicht die Mühe, sie zu zählen.

Auf den Schrei ihrer Mutter hin erhob sich Mary-Ann und stürzte aus ihrem Zelt.

»Frei!« schrie Mme. Simons. »Sie sind alle fort. Was sage ich? Alle?!?!! Es sind mehr fortgegangen, als es ihrer gab. Laufen wir, meine Tochter!«

Sie liefen zur Treppe und sahen das Lager des Königs von den Gendarmen besetzt. Triumphierend flatterte die griechische Fahne am Wipfel der Tanne. Hadgi-Stavros' Platz war von Monsieur Perikles eingenommen. Mme. Simons flog mit derartigem Ungestüm in seine Arme, daß er Mühe hatte, eine Umarmung zu verhindern.

»Engel Gottes!« sagte sie zu ihm, »die Räuber sind fort!«

Der Kapitän antwortete auf englisch: »Ja, Madame.«

»Haben Sie sie in die Flucht geschlagen?«

»Das stimmt, Madame, denn ohne uns wären sie noch hier.«

»Vortrefflicher junger Mann! Die Schlacht muß schrecklich gewesen sein!«

»Nicht so sehr. Eine Schlacht ohne Tränen. Ich brauchte bloß ein Wort zu sagen.«

»Und wir sind frei?«

»Sicherlich.«

»Und wir können nach Athen zurückkehren?«

»Wann Sie wollen.«

»Also los, gehen wir!«

»Unmöglich für den Augenblick.«

»Was tun wir noch hier?«

»Unsere Pflicht als Sieger, wir bewachen das Schlachtfeld.«

»Mary-Ann, schüttele dem Herrn die Hand.«

Die junge Engländerin gehorchte.

»Monsieur«, fuhr Mme. Simons fort, »Gott schickt Sie uns. Wir hatten alle Hoffnung verloren. Unser einziger Verteidiger war ein junger Deutscher, ein Gelehrter, der Pflanzen sucht und uns auf den lächerlichsten Wegen retten wollte. Doch nun sind Sie da! Ich war ganz sicher, daß uns die Polizei befreien würde. Nicht wahr, Mary-Ann?«

»Ja, Mama.«

»Diese Briganten sind die gemeinsten Menschen. Gleich zu Anfang haben sie uns alles, was wir bei uns trugen, genommen.«

»Alles?« fragte der Hauptmann.

»Alles, ausgenommen meine Uhr, die ich vorsorglich versteckt hatte.«

»Daran haben Sie recht getan, Madame. Und sie haben alles behalten, was sie Ihnen genommen haben?«

»Nein, sie haben uns 300 Francs, ein silbernes Necessaire und die Uhr meiner Tochter wiedergegeben.«

»Diese Dinge sind also noch in Ihrem Besitz?«

»Zweifelsohne.«

»Hatte man Ihnen Ihre Ringe und Ihre Ohrringe weggenommen?«

»Nein, Herr Kapitän.«

»Seien Sie so gut, diese mir zu geben.«

»Ihnen geben? ... Was ...«

»Ihre Ringe, Ihre Ohrringe, ein silbernes Necessaire, zwei Uhren und den Betrag von 300 Francs.«

Madame Simons schrie laut auf: »Was, Monsieur, Sie wollen uns abnehmen, was die Briganten uns gelassen haben?«

Der Hauptmann antwortete würdevoll: »Madame, ich tue meine Pflicht.«

»Es ist Ihre Pflicht, uns auszuplündern?«

»Meine Pflicht ist es, alle im Prozeß gegen Hadgi-Stavros nötigen Beweisstücke zu sammeln.«

»Demnach soll er verurteilt werden?«

»Sobald wir ihn gefangen haben werden.«

»Mich deucht, daß unsere Schmuckstücke und unser Geld dabei zu nichts nütze sein werden und daß Sie bereits über genug Beweismaterial verfügen, um ihn aufhängen zu können. Vor allem hat er zwei Engländerinnen festgehalten: bedarf es mehr?«

»Madame, die Formen der Justiz müssen beobachtet werden.«

»Aber, werter Herr, unter den Objekten, die Sie von mir verlangen, sind solche, an denen ich sehr hänge.«

»Ein Grund mehr, Madame, sie mir anzuvertrauen.«

»Ja, aber wenn ich keine Uhr mehr habe, dann werde ich niemals ...«

»Madame, ich werde mich stets glücklich fühlen, Ihnen sagen zu dürfen, wie spät es ist.«

Hier nun machte Mary-Ann darauf aufmerksam, daß es ihr wider den Strich gehe, ihre Ohrringe abzulegen.

»Mademoiselle«, antwortete der galante Kapitän, »Sie sind schön genug, um auf Ihren Schmuck verzichten zu können. Sicherlich werden Sie leichter ohne Ihre Juwelen, als Ihre Juwelen ohne Sie auskommen.«

»Sie sind zu gütig, Monsieur, aber mein silbernes Necessaire ist mir unentbehrlich.«

»Ich verstehe, Mademoiselle; doch ich bitte Sie, auf diesem Punkt nicht zu bestehen. Vergrößern Sie bitte nicht das Bedauern, das ich bereits empfinde, weil ich zwei so vornehme Personen auf Vorschrift des Gesetzes hin ausplündern muß. Hélas! Leider sind wir Militärs Sklaven der Vorschriften, Instrumente des Gesetzes, Männer der Pflicht. Geruhen Sie, meinen Arm zu nehmen, und ich werde die Ehre haben, Sie bis zu Ihrem Zelt zu geleiten. Dort wollen wir dann, wenn Sie es gnädigst erlauben wollen, das Inventar aufnehmen.«

Ich hatte nicht ein einziges Wort des ganzen Gespräches verloren und mich bis zum Ende zurückgehalten; als ich aber diesen Spitzbuben von Gendarm Mary-Ann seinen Arm bieten sah, um sie in aller Höflichkeit auszuplündern, da kochte ich vor Wut und ging geradewegs auf ihn zu, um ihm meine Meinung zu sagen. Er mußte wohl in meinen Augen gelesen haben, was ich ihm zu sagen vorhatte, denn er warf mir einen drohenden Blick zu, ließ die Damen an der Treppe zu ihrem Zimmer einfach stehen, stellte einen Wachtposten vor den Eingang und kam zu mir zurück, indem er sagte:

»Nun zu uns beiden!«

Er zog mich, ohne weiter ein Wort zu verlieren, bis in die Tiefe des königlichen Kabinetts. Dort pflanzte er sich vor mir auf, bohrte seinen Blick in meine Augen und sagte:

»Monsieur, Sie verstehen Englisch?«

Ich gestand mein Wissen ein. Er fuhr fort:

»Sie sprechen auch Griechisch?«

»Ja, mein Herr.«

»Dann wissen Sie zu viel. Verstehen Sie meinen Paten, der sich einen Spaß daraus macht, unsere Angelegenheiten ganz offen vor Ihnen zu besprechen? Soweit es sich da nur um seine handelt, mag das hingehen, er braucht sich nicht zu verbergen. Er ist König, er ist nur seinem Degen unterstellt. Aber ich, zum Teufel noch mal! Versetzen Sie sich in meine Lage! Meine Stellung ist delikat, ich muß auf viele Dinge Rücksicht nehmen. Ich bin nicht reich, ich habe nur meinen Sold, das Wohlwollen meines Chefs und die Freundschaft der Briganten. Die Indiskretion eines Reisenden kann mich zwei Drittel meines Vermögens kosten.«

»Rechnen Sie vielleicht damit, daß ich das Geheimnis Ihrer Infamien wahren werde?«

»Wenn ich auf eine Sache rechne, Monsieur, wird mein Vertrauen selten getäuscht. Ich weiß nicht, ob Sie diese Berge lebend verlassen und Ihr Lösegeld je bezahlt werden wird. Wenn mein Pate Ihnen den Kopf abschneiden muß, dann allerdings bin ich beruhigt, denn dann werden Sie nichts ausplaudern. Sollten Sie aber nach Athen zurückkehren, dann rate ich Ihnen als Freund, über alles, was Sie hier gesehen haben, zu schweigen. Kennen Sie das Sprichwort, das besagt: Die Zunge schneidet den Kopf ab? Denken Sie ernsthaft darüber nach und bringen Sie mich nicht in die Verlegenheit, Ihnen seine Wahrheit zu beweisen!«

»Die Drohung ...«

»Ich drohe Ihnen keineswegs, mein Herr. Ich bin ein zu wohlerzogener Mensch, um mich zu Drohungen hinreißen zu lassen. Ich warne Sie! Sollten Sie schwätzen, werde nicht ich es sein, der sich rächen wird. Aber alle Leute meiner Kompanie verehren ihren Kapitän und nehmen sich meine Angelegenheiten viel wärmer zu Herzen als ich selbst und würden, zu meinem größten Bedauern, gegen den Unklugen, der mir irgendwelchen Kummer bereitet hätte, unerbittlich sein.«

»Was befürchten Sie, wenn Sie doch so viele Komplicen haben?«

»Ich befürchte gar nichts von den Griechen und würde auch zu gewöhnlichen Zeiten weit weniger Gewicht auf meine jetzigen Empfehlungen legen. Wohl haben wir unter unseren Vorgesetzten etliche Hitzköpfe, die meinen, man müsse die Briganten genau wie die Türken behandeln. Wenn die Affäre ganz en famille behandelt werden könnte, würde ich sowieso überzeugte Verteidiger finden. Das Übel besteht darin, daß die Diplomaten sich einmischen könnten und daß die Anwesenheit einer fremden Armee zweifelsohne den guten Ausgang meiner Sache schädigen würde. Sollte nun durch Ihre Schuld mir ein Unglück zustoßen, so hören Sie, mein Herr, was Ihnen drohen würde. Man tut keine vier Schritte in diesem Königreiche, ohne auf einen Gendarmen zu stoßen. Die Straße von Athen zum Piräus steht unter der Überwachung dieser Querköpfe, und ein Unfall ist schnell geschehen.«

»Schon gut, mein Herr. Ich werde darüber nachdenken.«

»Sie versprechen mir also, das Geheimnis zu wahren?«

»Sie haben mich um nichts zu bitten, und ich habe Ihnen nichts zu versprechen. Sie machen mich auf die Gefahren einer Indiskretion aufmerksam. Ich nehme das zur Kenntnis und lasse es mir gesagt sein.«

»Wenn Sie in Deutschland sein werden, können Sie erzählen, was Ihnen paßt. Sprechen Sie davon, schreiben Sie, drucken Sie es, das macht mir wenig aus. Die Bücher, die man über uns schreibt, schaden niemandem, es sei denn ihrem Verfasser. Es steht Ihnen frei, sich auf das Abenteuer einzulassen. Wenn Sie das, was Sie gesehen haben, wahrheitsgetreu schildern, werden die guten Leutchen in Europa Sie beschuldigen, ein erlauchtes und unterdrücktes Volk anzuschwärzen und zu verleumden. Unsere Freunde aber, und wir haben viele Freunde unter den Sechzigjährigen, werden Sie der Leichtfertigkeit, Wunderlichkeit und selbst Undankbarkeit zeihen. Man wird Sie daran erinnern, daß Sie Hadgi-Stavros' und mein Gast gewesen sind, und wird Ihnen vorwerfen, daß Sie die heiligen Gesetze der Gastfreundschaft verraten haben. Das Spaßigste an der ganzen Sache aber ist ... man wird Ihnen gar nicht glauben. Das Publikum räumt sein Vertrauen nur den wahrscheinlichen Lügen ein. Versuchen Sie doch den Gimpeln in Paris, London oder Berlin einzureden, Sie hätten gesehen, wie ein Kapitän der Polizeitruppe einen Räuberhauptmann umarmte, wie eine Kompanie Gendarmen Schildwache um die Gefangenen des Hadgi-Stavros stand, um ihm Gelegenheit zu geben, die Armeekasse zu plündern. Sie könnten ihnen ebenso erzählen, die Mäuse Attikas hätten ein Bündnis mit den Katzen geschlossen, und unsere Schafe holten ihre Nahrung aus den Rachen der Wölfe. Ja, wissen Sie denn überhaupt, was uns gegen die Unzufriedenheit Europas schützt? Die Unwahrscheinlichkeit unserer Zivilisation! Alles, was man selbst Wahres über uns schreiben wird, wird zum Glück für unser Königreich immer zu arg sein, um geglaubt zu werden.«

»Wie aber«, sprach ich weiter, »könnten Sie, falls vor meiner Abreise eine Indiskretion begangen werden sollte, wie, frage ich Sie, könnten Sie wissen, daß sie von mir ausgeht?«

»Sie sind der einzige, der um mein Geheimnis weiß. Die Engländerinnen sind fest davon überzeugt, daß ich sie aus den Händen Hadgi-Stavros' befreie. Ich übernehme es, sie bis zur Rückkehr des Königs in diesem Irrtum zu erhalten. Das ist eine Angelegenheit von zwei, allerhöchstens aber drei Tagen. Man wird den gefangenen Damen zu beweisen wissen, daß die Räuber uns überrumpelt haben. Solange nun mein Pate abwesend sein wird, werde ich Sie vor sich selbst schützen, indem ich Sie von den Damen fernhalte. Ich borge mir Ihr Zelt aus. Sie können leicht sehen, Monsieur, daß ich eine delikatere Haut besitze als der ehrwürdige Hadgi-Stavros und demnach meinen Teint nicht den Unbilden des Wetters aussetzen darf. Was würde man wohl beim Hofball sagen, wenn man mich sonnenverbrannt wie einen Bauern sähe? Außerdem muß ich diesen armen verzweifelten Damen Gesellschaft leisten; das ist schließlich meine Pflicht als Befreier. Und Sie, Sie werden hier inmitten meiner Soldaten schlafen. Erlauben Sie mir einen Sie betreffenden Befehl zu geben. Ianni! Brigadier Ianni! Ich betraue dich mit der Bewachung dieses Herrn! Stelle rings um ihn vier Wachtposten auf, die ihn Tag und Nacht bewachen und ihn, stets Gewehr im Arm, begleiten werden. Du wirst sie alle zwei Stunden ablösen. Abtreten!«

Dann grüßte er mich mit leicht ironischer Höflichkeit und stieg trällernd die Treppe zu Mme. Simons hinab. Der Posten präsentierte vor ihm.

Von diesem Augenblick an begann für mich eine Qual, von der die menschliche Vorstellungskraft sich kein Bild machen kann. Jeder Mensch weiß oder errät, was ein Gefängnis sein kann; nun stellen Sie sich aber bitte ein lebendiges, ein ambulantes, wanderndes Gefängnis vor, dessen vier Mauern gehen und kommen, sich entfernen und wieder nähern, sich drehen und wenden, sich die Hände reiben, sich kratzen, sich schneuzen, sich schütteln, sich abmühen und ihre acht großen schwarzen Augen beharrlich auf ihren Gefangenen heften! Ich versuchte es mit einer kleinen Promenade; mein achtfüßiger Kerker regelte seine Schritte nach den meinen. Ich stieß bis zu den Grenzen des Lagers vor; die zwei Kerle, die vor mir gingen, blieben urplötzlich wie angewurzelt stehen, und ich stieß mit meiner Nase gegen ihre Rücken. Ich kehrte um; meine vier Mauern drehten sich wie die Dekorationsstücke eines Theaterstückes bei offenem Szenenwechsel um ihre eigenen Achsen, bis ich schließlich, dieser Art des Spazierengehens überdrüssig, mich einfach hinsetzte. Mein Gefängnis begann um mich zu kreisen; ich ähnelte einem Betrunkenen, um den sich sein Haus dreht. Ich schloß die Augen; das regelmäßige Geräusch des Marschtrittes ermüdete mein Trommelfell sehr rasch. Wenn doch wenigstens, dachte ich, diese vier Krieger sich mit mir unterhalten wollten! Ich werde sie auf griechisch ansprechen, denn das ist eine Verführung, der Wachtposten nicht widerstehen können. Ich versuchte es, aber völlig vergebens. Die Mauern hatten möglicherweise Ohren, der Gebrauch der Stimme jedenfalls war ihnen untersagt; man spricht nicht, wenn man unter der Waffe steht! Ich versuchte es mit Bestechung. Ich zog das Geld aus meiner Tasche, das Hadgi-Stavros mir zurückerstattet und der Kapitän mir abzunehmen vergessen hatte. Ich verteilte es an die vier Kardinalpunkte meines Logis. Die düsteren und sauertöpfischen Mauern nahmen eine lächelnde Miene an, und mein Verlies wurde durch einen Sonnenstrahl erhellt. Aber fünf Minuten später schon löste der Brigadier Ianni die Posten ab, denn es waren just zwei Stunden, daß ich Gefangener war! Der Tag erschien mir lang, die Nacht ewig. Der Kapitän hatte sich gleichzeitig mein Zimmer und meine Schlafstätte angeeignet, und der Fels, der mir als Bett diente, war alles andere denn daunenweich. Ein feiner Regen ließ mich grausam empfinden, daß das Dach eine schöne Erfindung ist und die Dachdecker der Gesellschaft wirklich unschätzbare Dienste leisten. Wenn es mir zuweilen trotz der Rauheiten des Himmels gelang, einzuschlafen, wurde ich sofort durch Brigadier Ianni, der die Losung rief, wieder aufgeweckt. Und schließlich – was soll ich Ihnen noch sagen? – glaubte ich im Wachen und im Schlafe zu sehen, wie Mary-Ann und ihre Mutter ihrem Erretter die Hände drückten. Ach! Mein Herr! Wie begann ich jetzt dem guten, alten König der Berge Gerechtigkeit widerfahren zu lassen! Wie widerrief ich die Verwünschungen, die ich gegen ihn geschleudert hatte! Wie sehnte ich mich nach seinem sanften und väterlichen Regiment! Wie sehnte ich mich nach seiner Rückkehr.

Da ertönte im Lager Schützenfeuer. Diese Überraschung erneuerte sich mehrmals im Laufe des Tages und der folgenden Nacht. Das war ebenfalls ein Einfall des Herrn Perikles. Um nämlich Mme. Simons besser hinters Licht zu führen und ihr vorzugaukeln, er verteidige sie gegen eine Armee von Banditen, befahl er von Zeit zu Zeit eine Schießübung.

Um ein Haar übrigens wäre ihm dieser Einfall teuer zu stehen gekommen. Denn als die Briganten am Montag bei Morgengrauen ins Lager zurückkehrten, glaubten sie es mit echten Feinden zu tun zu haben und erwiderten das Feuer mit einigen Kugeln, die leider niemand trafen.

Ich hatte, bis ich der Rückkehr des Königs der Berge beiwohnte, noch keine Armee auf dem Rückzuge gesehen. Dieses Spektakel hatte daher für mich den ganzen Reiz einer Erstaufführung. Der Himmel hatte meine Bitten schlecht erhört. Die griechischen Soldaten hatten sich mit einem derartigen Furor verteidigt, daß der Kampf sich bis zur Nacht hingezogen hatte. Im Karree um die beiden Maultiere formiert, die die Kasse trugen, hatten sie zunächst den Schützen Hadgi-Stavros' mit einem regelmäßigen Feuer geantwortet. Da hatte der alte Pallikare, nachdem er die Hoffnung aufgegeben hatte, hundertzwanzig Leute, die nicht wichen, Mann für Mann zu erledigen, die Truppe mit der blanken Waffe angegriffen. Seine Kumpane versicherten uns, er hätte Wunder verrichtet, und das Blut, mit dem er bedeckt war, zeigte zur Genüge, daß er sich nicht geschont hatte. Doch das Bajonett hatte das letzte Wort gehabt. Die Truppe hatte vierzehn Briganten getötet, darunter einen Hund. Eine Kugel hatte auch das Avancement des jungen Spiro, dieses Offiziers mit den blendenden Zukunftsaussichten, jäh unterbrochen. Ich sah gegen sechzig Mann kommen, ermattet von den Anstrengungen, staubbedeckt, blutüberströmt, verprügelt und verwundet.

Der Kräftigste, der Ausgeruhteste, der Zufriedenste, der Munterste der Horde war der König. Man las auf seinem Gesicht die stolze Genugtuung, eine Pflicht erfüllt zu haben. Er begrüßte mich ohne weiteres inmitten meiner vier Mann und streckte mir herzlich die Hand entgegen. »Mein lieber Gefangener«, sagte er zu mir, »Sie sehen hier einen verdammt mißhandelten König vor sich. Diese Hunde von Soldaten haben die Kasse nicht fahren lassen wollen. Es war Geld für sie selber, für das Gut eines anderen hätten sie sich schwerlich töten lassen. Meine Promenade zu den Felsen des Skiron hat mir nichts eingebracht, dafür habe ich vierzehn Kämpfer vertan, ohne die Verwundeten mitzuzählen, die nicht wieder genesen werden. Doch ist das nicht wichtig. Ich habe mich tapfer geschlagen. Die Schurken da unten waren viel zahlreicher als wir und hatten zudem Bajonette. Ohne die ...! Kurz und gut, dieser Tag hat mich verjüngt. Ich habe mir selber bewiesen, daß ich noch Blut in den Adern habe.«

Dann summte er die ersten Verse seines Lieblingsliedes vor sich hin und fuhr fort: »Bei Jupiter, wie Lord Byron sagte, ich hätte nicht für weitere 20 000 Francs seit Sonnabend zu Hause geblieben sein mögen. Auch das wird man in meine Geschichte mit einfügen. Man wird sagen, mit über siebzig Jahren sei ich noch mit gewaltigen Säbelhieben mitten unter die Bajonette gestürzt, hätte eigenhändig drei oder vier Soldaten zerspalten und zu Fuß im Gebirge zehn Meilen zurückgelegt, um hierher zurückzukommen und meine Tasse Kaffee zu trinken. Cafedgi, mein Kind, tu deine Pflicht; ich habe die meine getan. Aber, wo zum Teufel ist Perikles?«

Der hübsche Hauptmann ruhte noch unter seinem Zelt. Ianni holte ihn und brachte ihn herbei, noch ganz verschlafen, den Schnurrbart ungekräuselt, den Kopf sorgfältig in ein Taschentuch gewickelt. Ich weiß mir nichts Wirksameres, um einen Menschen aufzuwecken, als ein Glas kaltes Wasser oder eine schlechte Nachricht. Als Monsieur Perikles erfuhr, daß der kleine Spiro und außerdem noch zwei Gendarmen auf dem Felde geblieben waren, gab es eine schöne Verwirrung. Er riß sich den Foulard ab, und ohne die zarte Hochachtung, die er für seine Person empfand, hätte er sich wohl auch die Haare ausgerauft.

»Es ist aus mit mir!« schrie er laut. »Wie ihre Anwesenheit unter euch erklären? Und noch dazu in Räuberkluft! Man wird sie wiedererkannt haben, denn die anderen sind ja Herren des Schlachtfeldes geblieben. Soll ich etwa sagen, sie seien desertiert, um mit euch zu gehen? Ihr hättet sie gefangengenommen? Gestern abend habe ich geschrieben, ich säße dir im Parnis ganz hart auf den Fersen und alle unsere Leute seien bewunderungswürdig. Heilige Jungfrau! Ich werde es gar nicht wagen, mich Sonntag in Patissia zu zeigen! Was wird man auf dem Ball bei Hofe sagen? Das gesamte Diplomatische Korps wird sich mit mir beschäftigen. Man wird den Ministerrat einberufen. Werde ich überhaupt eingeladen werden?«

»Zum Ministerrat?« fragte der Brigant.

»Nein, zum Hofball!«

»Ach du Tänzer! Geh doch!«

»Mein Gott! Mein Gott! Wenn es sich nur um diese Engländerinnen handelte, machte ich mir keine Sorgen. Ich würde dem Kriegsminister alles beichten. Engländerinnen gibt's genug. Aber meine Soldaten verborgen, um die Armeekasse zu plündern! Spiro gegen die Linientruppen vorzuschicken! Man wird mit den Fingern auf mich weisen. Ich werde nie mehr tanzen!«

Wer aber rieb sich während dieses Monologs die Hände? Es war zwischen seinen vier Soldaten der Sohn meines Vaters.

Hadgi-Stavros saß unbehaglich da und genoß in kleinen Schlückchen seinen Kaffee. Er sagte zu seinem Patenkind: »Da sitzt du ja ganz nett in der Patsche! Bleibe doch bei uns! Ich sichere dir ein Minimum von 10 000 Francs im Jahre und stelle deine Leute bei mir ein, unsere Rache nehmen wir dann gemeinschaftlich.«

Das Angebot war verlockend. Zwei Tage früher hätte es viele verlockt. Doch jetzt schwiegen die Soldaten, sie dachten an die Toten vom Abend zuvor und streckten ihre Nasen in Richtung Athen, wie um den nahrhaften Duft der Kaserne zu schnuppern.

Was nun Monsieur Perikles betraf, so antwortete er mit sichtlicher Verlegenheit: »Ich danke dir, jedoch muß ich erst überlegen. Ich bin an die Stadt gewöhnt, meine Gesundheit ist delikat; die Winter im Gebirge sind sicherlich sehr rauh. Ich bin wahrhaftig bereits erkältet! Meine Abwesenheit würde auf allen Bällen sehr bemerkt werden; ich bin sehr begehrt; man hat mir schon oft blendende Heiraten vorgeschlagen. Übrigens ist der Schaden gar nicht so groß, wie wir uns einbilden. Wer weiß, ob man die drei Pechvögel überhaupt erkannt hat. Wird die Nachricht von dem Ereignis vor uns ankommen? Ich werde sofort zum Ministerium gehen, um festzustellen, was für ein Wind dort bläst. Da die zwei Kompanien ihren Marsch nach Argos fortgesetzt haben, wird niemand mir zu widersprechen wagen ... Ohne Frage, ich muß nach Athen, dort zeigen, was für ein Kerl ich bin. Sorg du für deine Verwundeten ... Adieu!«

Er gab dem Tambour ein Zeichen.

Hadgi-Stavros erhob sich, pflanzte sich mit seinem Patensohn, den er kopfhoch überragte, vor mich hin und sagte zu mir: »Monsieur, da haben Sie einen Griechen von heute; ich bin nur ein Grieche von gestern, einer von ehemals. Und dabei behaupten die Zeitungen, wir seien im Fortschreiten begriffen!«

Beim Trommelwirbel fielen die Mauern meines Gefängnisses zusammen wie die Mauern Jerichos. Zwei Minuten später befand ich mich im Zelte Mary-Anns. Mutter und Tochter wachten jäh auf. Mme. Simons bemerkte mich als erste und rief:

»Wohlan! Wir brechen auf?«

»Hélas! Madame, wir sind noch nicht so weit!«

»Wie weit sind wir denn? Der Hauptmann hat uns sein Wort für heute morgen gegeben.«

»Wie gefiel er Ihnen, der Kapitän?«

»Galant, elegant, charmant! Etwas zu sehr Sklave der Disziplin; das ist aber auch sein einziger Fehler.«

»Schuft und Stutzer, feige und großmäulig, Lügner und Dieb! Da haben Sie seine wahren Namen, Madame! Und ich will es Ihnen beweisen!«

»Sieh mal einer an, Monsieur! Was hat die Gendarmerie Ihnen denn getan?«

»Was sie mir getan hat, Madame? Haben Sie die Güte mitzukommen, nur bis oben an die Treppe.«

Mme. Simons kam gerade noch zurecht, um die Soldaten vorbeimarschieren zu sehen, den Tambour an der Spitze, die Räuber an ihren Plätzen, den Kapitän und den König Mund an Mund sich den Abschiedskuß gebend. Die Überraschung war ein bißchen zu stark. Ich hatte die gute Dame nicht genügend geschont und wurde dafür bestraft, denn sie fiel in Ohnmacht und mir ihrer ganzen Länge nach so in die Arme, daß sie mir diese fast abbrach. Ich schleppte sie bis zur Quelle; Mary-Ann tätschelte ihr die Hände, ich spritzte ihr eine Handvoll Wasser ins Gesicht. Doch deucht es mich, daß es die Wut war, die sie wieder zu sich kommen ließ.

»Der Miserable!« knirschte sie.

»Er hat Sie ausgeplündert, nicht wahr? Er hat Ihnen Ihr Geld und Ihre Uhren gestohlen?«

»Ich weine nicht meinem Schmuck nach; soll er ihn behalten! Aber gern zahlte ich 10 000 Francs, um meinen Handdruck zurücknehmen zu können. Schließlich bin ich Engländerin und schüttele nicht jedermann die Hand!« Dieses Bedauern Mme. Simons' entriß mir einen Seufzer. Sie fuhr von neuem los und ließ das ganze Gewicht ihres Zornes auf mich fallen. »Das ist Ihre Schuld!« fuhr sie mich an. »Konnten Sie mir nicht einen Wink geben? Sie hätten mir sagen müssen, daß die Räuber im Vergleich zu ihm geradezu kleine Heilige sind!«

»Aber, Madame, ich habe Sie doch darauf aufmerksam gemacht, daß man nicht auf die Gendarmen zählen durfte.«

»Freilich haben Sie es mir gesagt! Aber Sie haben es mir lässig, schwerfällig, phlegmatisch gesagt. Konnte ich Ihnen denn glauben? Konnte ich darauf kommen, daß dieser Kerl nur der Kerkermeister des Stavros war? Daß er uns hier festhielt, um den Räubern Zeit zu lassen, hierher zurückzukommen? Daß er uns mit imaginären Gefahren einschüchterte? Daß er vorgab, belagert zu werden, nur um sich von uns bewundern zu lassen? Daß er nächtliche Angriffe vortäuschte, damit es so aussähe, als verteidige er uns? Jetzt, ja jetzt, jetzt errate ich alles, jetzt geht mir ein Licht auf.«

»Mein Gott, Madame, ich habe gesagt, was ich wußte, ich habe getan, was ich konnte!«

»Ach, was für ein Deutscher sind Sie doch! Ein Engländer an Ihrer Stelle hätte sich für uns totschlagen lassen, und ich hätte ihm die Hand meiner Tochter gegeben!«

Wohl ist der Klatschmohn rot, ich aber wurde noch röter, als ich diesen Ausruf Mme. Simons' vernahm. Ich war so verwirrt, daß ich weder die Augen zu heben noch zu antworten, nicht einmal die werte Dame zu fragen wagte, was sie mit diesen Worten sagen wolle. Denn, was hatte wohl eine so steife Person dazu gebracht, vor ihrer Tochter und vor mir eine derartige Sprache zu führen? Durch welche Tür hatte der Gedanke an eine derartige Heirat sich wohl in ihren Sinn einschleichen können? War Mme. Simons wirklich die Frau, fähig, ihre Tochter dem erstbesten Befreier, der gerade daherkam, als ehrenhafte Belohnung zuzuerkennen? Es sah nicht gerade so aus. War das nicht viel eher eine blutige Ironie an die Adresse meiner geheimsten Gedanken?

Mein Stolz revoltierte gegen einen so ungerechtfertigten Verdacht, und ich antwortete ihr mit fester Stimme, ohne ihr allerdings gerade ins Gesicht zu blicken:

»Madame, sollte ich wirklich das große Glück haben, Sie aus dieser Patsche hier zu ziehen, so wird das nicht geschehen, ich schwöre es Ihnen, um Ihr Fräulein Tochter zu heiraten!«

»Na, und warum?« fragte sie in pikiertem Ton. »Ist meine Tochter etwa nicht wert geheiratet zu werden? Wahrhaftig, ich finde Sie lächerlich! Ist sie vielleicht nicht hübsch genug? Oder reich genug? Oder aus hinreichend guter Familie? Habe ich sie schlecht erzogen? Haben Sie vielleicht etwas gegen sie vorzubringen? Mademoiselle Simons zu heiraten, mon petit monsieur, das ist ein schöner Traum; und auch sehr wählerische Freier würden mit ihr fürlieb nehmen.«

»Hélas! Madame!« antwortete ich, »Sie haben mich völlig mißverstanden. Ich gestehe, daß Mademoiselle vollkommen ist, und ohne ihre Anwesenheit, die mich schüchtern macht, wollte ich Ihnen wohl von der leidenschaftlichen Bewunderung sprechen, die sie mir seit dem ersten Tage eingeflößt hat. Gerade das ist der Grund, daß ich nicht die Impertinenz besessen habe, daran auch nur zu denken, daß irgendein Glücksfall mich bis zu ihr erheben könnte.«

Ich hoffte, meine Demut würde diese zornsprühende Mutter erweichen. Doch nein, ihr Unwillen wurde nicht um einen halben Ton tiefer gestimmt:

»Warum?« fuhr sie fort, »warum verdienen Sie meine Tochter nicht? So antworten Sie mir doch endlich!«

»Aber Madame, ich besitze weder Vermögen noch Stellung.«

»Allerliebst! Keine Stellung! Sie werden eine besitzen, Monsieur, wenn Sie meine Tochter heiraten. Ist mein Schwiegersohn zu sein etwa keine Stellung? Sie besitzen kein Vermögen! Haben wir Sie vielleicht je um Geld gebeten? Haben wir nicht selbst genug davon für uns, für Sie und noch für viele andere? Macht uns nicht zudem ein Mann, der uns hier herausbringt, ein Geschenk von 100 000 Francs? Das ist nicht gerade sehr viel, das gebe ich gern zu, aber immerhin ist es etwas. Wollen Sie vielleicht behaupten, diese 100 000 Francs seien eine verächtliche Summe? Also, bitte, warum verdienen Sie es nicht, meine Tochter zu heiraten?«

»Madame, ich bin nicht ...«

»Na los doch! Was noch sind Sie nicht? Sie sind kein Engländer?«

»Oh! Natürlich nicht.«

»Ach was! Halten Sie uns vielleicht für so lächerlich, daß wir Ihnen einen Vorwurf aus Ihrer Herkunft machen? Monsieur, ich weiß recht gut, daß nicht jedermann das Glück hat, Brite zu sein. Schließlich kann ja nicht die ganze Erde englisch sein ... wenigstens nicht vor Ablauf etlicher weiterer Jahre. Man kann aber durchaus ein Ehrenmann sein, ein geistreicher Mann, ohne wirklich in England geboren worden zu sein.«

»Was die Rechtschaffenheit betrifft, Madame, so ist das ein Gut, das sich bei uns vom Vater auf den Sohn vererbt. An Geist besitze ich durchaus genügend, um promoviert zu haben. Doch mache ich mir leider keinerlei Illusionen über die physischen Mängel meiner Person, und ...«

»Sie wollen damit sagen, daß Sie häßlich sind, nicht wahr? Nein, Monsieur, Sie sind nicht häßlich. Sie haben ein intelligentes Gesicht. Mary-Ann, hat Monsieur nicht ein intelligentes Gesicht?«

»Ja, Mama«, sagte Mary-Ann. Daß sie bei dieser Antwort errötete, sah freilich ihre Mutter besser als ich, denn ich hielt meine Blicke hartnäckig zu Boden gerichtet.

»... und im übrigen«, setzte Mme. Simons noch hinzu, »selbst wenn Sie noch zehnmal häßlicher wären, wären Sie noch lange nicht so häßlich wie mein seliger Gemahl. Dabei war ich, das können Sie mir glauben, am Tage, an dem ich ihm die Hand reichte, ebenso hübsch wie meine Tochter. Was antworten Sie mir jetzt auf all das?«

»Nichts, Madame, es sei denn, daß Sie zu gütig zu mir sind und daß es wahrhaftig nicht an mir liegt, wenn Sie sich nicht morgen schon auf dem Wege nach Athen befinden.«

»Was wollen Sie unternehmen? Dieses Mal bemühen Sie sich bitte, einen weniger lächerlichen Ausweg zu finden als neulich!«

»Ich hoffe, Sie werden zufrieden mit mir sein, wenn Sie die Güte haben wollen, mich bis zum Ende anzuhören.«

»Gewiß, Monsieur.«

»Ohne mich zu unterbrechen?«

»Ich werde Sie nicht unterbrechen. Hat man Sie übrigens je unterbrochen?«

»Ja.«

»Nein!«

»Doch!«

»Wann?«

»Niemals! Madame, Hadgi-Stavros hat sein gesamtes Vermögen bei M. M. Barley & Co angelegt.«

»Bei uns?«

»Cavendish-Square, 31, in London. Am letzten Mittwoch hat er vor uns einen Geschäftsbrief an die Adresse von Monsieur Barley diktiert.«

»Und Sie haben mir das nicht früher gesagt?«

»Sie haben mir nie die Zeit dazu gelassen.«

»Aber das ist ja geradezu monströs! Ihr Benehmen ist unerklärlich! Wir könnten seit sechs Tagen in Freiheit sein! Ich wäre doch geradewegs zu ihm gegangen; hätte ihm von unseren Beziehungen gesprochen ...«

»Und er hätte Ihnen zwei- oder dreihunderttausend Francs abverlangt! Glauben Sie mir, Madame, das beste ist, ihm nichts von alledem zu sagen. Zahlen Sie ihm Ihr Lösegeld; lassen Sie sich eine Quittung darüber von ihm geben und schicken ihm dann vierzehn Tage später einen Kontokorrent mit folgender Angabe:

»Item 100 000 Francs persönlich durch Mme. Simons, unsere Teilhaberin, gegen Quittung eingehändigt.«

»Auf diese Weise kommen Sie ohne Hilfe der Gendarmerie wieder in den Besitz Ihres Geldes. Ist das klar?«

Ich hob die Augen und sah das liebliche, vor Dankbarkeit geradezu strahlende Lächeln Mary-Anns. Mme. Simons zuckte wütend die Achseln und schien lediglich von Ärger bewegt.

»Sie sind wirklich«, sagte sie zu mir, »ein erstaunlicher Mensch! Da haben Sie uns also eine akrobatische Flucht vorgeschlagen, während wir doch ein so einfaches Mittel zum Entkommen hatten. Und Sie wissen das seit Mittwochmorgen. Uns das nicht bereits am ersten Tage gesagt zu haben, werde ich Ihnen nie verzeihen.«

»Aber, Madame, wollen Sie sich bitte daran erinnern, daß ich Sie bat, an Ihren Herrn Bruder zu schreiben, um ihn um 115 000 Francs zu bitten.«

»Warum denn 115 000?«

»Ich wollte sagen 100 000.«

»Nein; 115 000. Das ist nicht mehr als recht. Sind Sie auch sicher, daß dieser Stavros uns nicht hier zurückhalten wird, nachdem er das Geld erhalten haben wird?«

»Dafür bürge ich Ihnen. Die Briganten sind die einzigen Griechen, die niemals ihr Wort brechen. Sie müssen das verstehen. Niemand würde sich mehr loskaufen, wenn es den Räubern auch nur ein einziges Mal einfallen sollte, ihre Gefangenen auch noch zurückzuhalten, nachdem sie das Lösegeld eingestrichen haben.«

»Das stimmt. Was sind Sie aber für ein einzigartiger Deutscher, nicht früher davon gesprochen zu haben!«

»Sie haben mir immer das Wort abgeschnitten.«

»Sie hätten trotzdem sprechen müssen!«

»Aber, Madame ...«

»Schweigen Sie! Und führen Sie uns zu diesem verdammten Stavros.«

Der König frühstückte unter seinem Gerichtsbaum im Kreise der waffenfähigen Offiziere, die ihm geblieben waren, ein Paar gebratene Turteltauben. Er hatte Toilette gemacht, das Blut von den Händen gewaschen und die Kleidung gewechselt. Er überlegte mit seinen Tischgenossen, wie man am schnellsten die Lücken auffüllen könnte, die der Tod in seinen Reihen gerissen hatte.

Mitten in seiner Beratung unterbrochen, bereitete Hadgi-Stavros seinen Gefangenen einen eisigen Empfang. Er bot Mme. Simons nicht einmal ein Glas Wasser an. Da sie nicht gefrühstückt hatte, empfand sie diesen Verstoß gegen die Schicklichkeit sehr bitter. Ich ergriff im Namen der Engländerinnen das Wort, und der König mußte mich in Abwesenheit des Corfioten wohl oder übel als Vermittler akzeptieren. Ich sagte ihm, er werde nach dem Mißgeschick des vergangenen Tages sicher erfreut sein, Mme. Simons' Entschluß zu vernehmen: sie habe sich entschlossen, in allerkürzester Frist ihr und mein Lösegeld zu zahlen; die Gelder würden am folgenden Tage bezahlt werden, sei es bei der Bank von Athen, sei es an irgendeinem anderen Ort, den festzulegen ihm überlassen bleibe, und zwar gegen eine Quittung.

»Ich bin erfreut«, sagte er, »daß die Damen darauf verzichten, die griechische Armee um Hilfe anzugehen. Sagen Sie ihnen zum zweiten Male, man werde ihnen alles zum Schreiben Notwendige zur Verfügung stellen, doch sollen sie mein Vertrauen nicht mißbrauchen! Sie sollen mir hier nicht wieder die Soldaten auf den Hals hetzen. Beim ersten Pompon, der sich im Gebirge blicken läßt, laß ich ihnen den Hals abschneiden. Ich schwöre ihnen das bei der Heiligen Jungfrau von Mégaspiléion, die der Heilige Lukas eigenhändig geschnitzt hat.«

»Seien Sie unbesorgt! Ich verpfände das Wort der Damen und das meinige. Wo wünschen Sie, sollen die Gelder deponiert werden?«

»Bei der Banque Nationale de Grèce. Das ist die einzige, die bisher nie Bankrott gemacht hat.«

»Haben Sie einen vertrauenswürdigen Mann, um den Brief zu befördern?«

»Ich habe den ›Guten Greis‹. Man wird ihn kommen lassen. Wie spät ist es? Neun Uhr morgens. Der Hochehrwürdige hat noch nicht so getrunken, um blau zu sein.«

»Meinetwegen auch der Mönch! Sobald der Bruder von Mme. Simons die Summe ausgezahlt und Ihre Quittung entgegengenommen haben wird, wird uns der Mönch die Nachricht bringen.«

»Welche Quittung? Warum eine Quittung? Ich habe niemals eine solche gegeben. Wenn Sie alle sich in Freiheit befinden werden, wird man schon sehen, daß Sie gezahlt haben, was Sie mir schuldeten.«

»Ich glaube, ein Mann wie Sie müßte die Geschäfte nach europäischem Brauch behandeln. Bei guter Verwaltung ...«

»Ich wickele die Geschäfte auf meine Art und Weise ab und bin zu alt, um die Methode zu wechseln.«

»Ganz wie es Ihnen beliebt. Ich bat Sie darum im Interesse Mme. Simons'. Sie ist Vormund ihrer minderjährigen Tochter und muß ihr Rechenschaft über ihr gesamtes Vermögen ablegen.«

»Mag sie zusehen, wie sie es macht! Ich kümmere mich genauso um ihre Interessen wie sie um die meinigen. Na, und was für ein großes Malheur wäre es schließlich, wenn sie für ihre Tochter zahlen würde! Ich habe noch nie dem Gelde nachgeweint, das ich für Photini ausgebe. Hier sind Papier, Tinte und Rohrfedern. Seien Sie bitte so nett, die Abfassung des Briefes ein bißchen zu überwachen. Es geht dabei ja auch um Ihren Kopf.«

Ich erhob mich ganz verdutzt und folgte den Damen, die meine Konfusion, ohne ihren Grund zu durchschauen, errieten. Da überkam mich ganz plötzlich eine Erleuchtung und ließ mich umkehren. Ich sagte zum König: »Fraglos haben Sie recht gehandelt, indem Sie die Quittung verweigerten, und ich hatte unrecht, sie zu fordern. Sie sind eben viel weiser als ich, die Jugend ist unklug.«

»Was soll das heißen?«

»Sie haben recht, sage ich Ihnen! Man muß auf alles gefaßt sein. Wer weiß, ob Sie nicht eine zweite, viel schrecklichere Niederlage als die erste erleiden werden? Und da Sie nicht immer über Ihre Beine von zwanzig Jahren verfügen werden, könnten Sie lebend in die Hände der Soldaten fallen.«

»Ich?«

»Man würde Ihnen, wie einem simplen Übeltäter, den Prozeß machen. Die Beamten würden Sie nicht mehr fürchten. Unter derartigen Umständen würde eine Quittung über 115 000 Francs ein erdrückendes Beweisstück darstellen. Liefern Sie der Justiz nur keine Waffen gegen sich! Möglicherweise würden. Mme. Simons oder ihre Erben sogar als Kläger gegen Sie auftreten und zurückfordern, was Sie ihnen abgenommen haben. Nein, unterschreiben Sie niemals eine Quittung!«

Worauf er mit donnernder Stimme entgegnete: »Nun gerade werde ich eine unterzeichnen! Eher sogar noch zwei, als nur eine! Ich werde deren so viele unterzeichnen, wie man nur verlangt. Ich werde unterzeichnen, und zwar für alle Welt! Ah! Die Soldaten bilden sich also ein, sie werden leichtes Spiel mit mir haben, weil einmal der Zufall und ihre Übermacht ihnen den Sieg geschenkt haben? Ich fiele lebend in ihre Hände, ich, dessen Arm jeglicher Anstrengung gewachsen und dessen Kopf kugelfest ist! Ich sollte mich vor einem Richter auf die Anklagebank niedersetzen wie ein Bauer, der Kohlköpfe gestohlen hat? Junger Mann! Sie kennen Hadgi-Stavros noch nicht. Es wäre leichter, den Parnis auszureißen und ihn auf den Gipfel des Taygetos zu pflanzen, als mich meinen Bergen zu entreißen und mich auf eine Anklagebank zu setzen! Schreiben Sie mir den Namen von Mme. Simons in griechischen Buchstaben auf! Gut! Den Ihrigen ebenfalls!«

»Der ist nicht nötig, und ...«

»Schreiben Sie nur immer! Sie kennen ja meinen Namen, und ich bin sicher, Sie werden ihn so leicht nicht vergessen. Ich möchte auch den Ihren haben, um mich an ihn zu erinnern.«

Ich kritzelte also, so gut ich es konnte, meinen Namen in der harmonischen Sprache Platons auf ein Papier. Die Offiziere des Königs applaudierten seiner Entschlossenheit, ohne zu ahnen, daß sie ihn 115 000 Francs kostete. Ich lief, mit leichtem Herzen und zufrieden mit mir selbst, zum Zelt Mme. Simons'. Ich erzählte ihr, daß ihr Geld ihm durch die Lappen gegangen sei, und sie ließ sich herbei zu lächeln, als sie erfuhr, wie ich es angestellt hatte, um die Diebe zu bestehlen. Eine halbe Stunde später unterbreitete sie folgenden Brief meiner Zustimmung:

 

Aus dem Parnis, inmitten der Teufel dieses Stavros. Mein lieber Bruder!

Die Gendarmen, die Sie uns zu Hilfe geschickt haben, haben uns verraten und elend bestohlen. Ich empfehle Ihnen dringend, sie aufhängen zu lassen. Für den Kapitän Perikles brauchte man einen hundert Fuß hohen Galgen. Ober ihn werde ich mich ganz besonders in der Depesche beschweren, die ich an Lord Palmerston zu schicken gedenke, und ich werde ihm auch einen ganzen Absatz in dem Briefe widmen, den ich an den Herausgeber der Times schreiben will, sobald Sie uns befreit haben werden. Es ist unnütz, irgend etwas von den lokalen Behörden zu erwarten. Alle Eingeborenen verstehen sich untereinander gegen uns, und am Tage nach unserer Abfahrt wird sich das griechische Volk in irgendeinem Winkel versammeln, um unser Fell unter sich zu verteilen. Glücklicherweise wird das nicht viel sein. Durch einen jungen Deutschen, den ich anfangs für einen Spion hielt, der aber ein sehr ehrenwerter Gentleman ist, habe ich erfahren, daß dieser Stavros, alias Hadgi-Stavros, seine Kapitalien bei unserer Bank placiert hat. Ich bitte Sie, festzustellen, ob das stimmt; und wenn dem so ist, so hindert uns nichts, ihm das Lösegeld zu zahlen, das man von uns verlangt. Lassen Sie an die Banque de Grèce gegen eine ordnungsgemäße, durch das Siegel dieses Stavros bestätigte Quittung 115 000 Francs einzahlen. Man wird ihm diese Summe auf Rechnung setzen, und alles ist erledigt. Wir befinden uns bei guter Gesundheit, obwohl das Leben im Gebirge keineswegs komfortabel ist. Es ist monströs, daß zwei Engländerinnen, Bürgerinnen des größten Empires der Welt, sich gezwungen sehen, ihren Braten ohne Mostrich und ohne Pickles zu essen und klares Wasser zu trinken wie die elendesten Fische.

In der Hoffnung, daß Sie nicht zögern werden, uns unseren Gewohnheiten zurückzugeben.

Montag, den 5. Mai 1856

Ihre sehr ergebene
Rebecca Simons.

 

Ich trug dieses Handschreiben der guten Dame persönlich zum König, der es mit Mißtrauen entgegennahm und so durchdringenden Auges examinierte, daß ich zitterte, er durchschaue seinen Sinn. Dabei war doch sicher, daß er kein Wort Englisch verstand. Dieser Teufelskerl flößte mir aber einen so abergläubischen Schrecken ein, daß ich ihn für fähig hielt, Wunder zu tun. Er schien erst befriedigt, als er zu der Zahl 115 000 Francs gelangte, weil er nun sah, daß es sich nicht um die Gendarmerie handelte. Der Brief wurde zusammen mit anderen Papieren in einen Zylinder aus Weißblech gesteckt. Man führte uns dem »Guten Greis« vor, der gerade soviel Wein getrunken hatte, um sich die Beine beweglich zu machen, und der König übergab ihm die Briefbüchse mit genauen Instruktionen. Er ging los, und mein Herz begleitete ihn bis ans Ende seiner Reise. Horaz verfolgte das Schiff, das Virgil trug, mit keinem zarteren Blick.

Der König wurde, da er diese große Affäre als beendet ansehen durfte, wesentlich milder und bestellte für uns ein wahres Festmahl. An seine Leute ließ er die doppelte Ration Wein verteilen und ging fort, um nach den Verwundeten zu sehen.

Das Frühstück, das ich ohne Zeugen in der Gesellschaft der beiden Damen einnahm, wurde zu einer der fröhlichsten Mahlzeiten, deren ich mich entsinne. Alle meine Leiden waren beendet! Nach zwei weiteren Tagen süßer Gefangenschaft mußte ich frei sein. Ich aß mit der gleichen Lust wie Mme. Simons und trank vielleicht mit noch mehr Appetit. Ich ergab mich dem Weißwein aus Ägina wie früher dem Wein aus Santorin. Ich trank auf die Gesundheit Mary-Anns, auf die ihrer Mutter, die meiner guten Eltern und der Prinzessin Ypsoff. Mme. Simons verlangte die Geschichte dieser noblen Ausländerin zu hören und, meiner Treu, ich machte ihr gegenüber kein Geheimnis daraus. Die guten Beispiele sind ja nie bekannt genug! Mary-Ann lieh meiner Erzählung die charmanteste Aufmerksamkeit. Sie meinte, die Prinzessin habe recht gehandelt, und eine Frau müsse das Glück dort ergreifen, wo sie es finde.

Ich saß vor ihr. Sie reichte mir einen Hühnerflügel, und ich näherte mich ihr derartig, daß ich mein Bild sich zweimal en miniature zwischen ihren schwarzen Wimpern widerspiegeln sah. Zum ersten Male in meinem Leben fand ich mich schön. Der Rahmen ließ das Bild so wunderbar zur Geltung kommen! Eine tolle Idee schoß durch mein Gehirn. Ich glaubte in diesem Vorfall einen Wendepunkt des Schicksals zu erhaschen. Denn es sah gerade so aus, als ob die schöne Mary-Ann im Grunde ihres Herzens dasselbe Bild trug, das ich in ihren Augen entdeckte.

Ich erzählte Mary-Ann und ihrer Mutter mein ganzes Leben vom ersten Tage an. Ich beschrieb ihnen das väterliche Haus, die weite Küche, wo wir alle zusammen aßen, die der Größe nach an der Wand aufgehängten Kupferkasserollen, die Girlanden von Schinken und Würsten, die im Innern des Kamins baumelten, unsere bescheidene und recht oft bedrohte Existenz, die Zukunft meiner Brüder. Ich erzählte ihnen von meinen Studien, meinem Examen, den kleinen Erfolgen, die ich auf der Universität gehabt hatte, der schönen Zukunft als Professor, die mir winkte, mit dem Gehalt von wenigstens dreitausend Francs.

Mme. Simons kam keineswegs wieder auf unsere Heiratspläne zu sprechen, und ich war froh darüber. Es war besser, kein Wort darüber zu verlieren, als nur eben davon zu schwatzen, da wir uns ja vorläufig noch zu wenig kannten. Der Tag verrann für mich wie eine Stunde; versteht sich, wie eine Stunde reinen Vergnügens. Der folgende Tag erschien Mme. Simons etwas lang, während ich am liebsten die Sonne in ihrem Lauf aufgehalten hätte. Ich unterrichtete Mary-Ann in den Anfangsgründen der Botanik. Ah! Monsieur! Die Welt weiß ja gar nicht, welche zarten und delikaten Gefühle man in einer Lektion über Botanik ausdrücken kann!

Am Mittwochmorgen endlich erschien der Mönch am Horizont. Das war, alles in allem, ein anständiger Mensch, dieser kleine Mönch. Vor Tagesanbruch schon hatte er sich erhoben, um uns in seiner Tasche die Freiheit zu bringen. Er überreichte dem König einen Brief des Gouverneurs der Bank und Mme. Simons ein Billett ihres Bruders. Hadgi-Stavros sagte zu Mme. Simons: »Sie sind frei, Madame, und Sie können Ihr Fräulein Tochter mitnehmen. Ich wünsche, Sie möchten von unseren Bergen keine allzu bösen Erinnerungen mit sich tragen. Wir haben Ihnen alles geboten, was wir hatten; wenn das Bett und der Tisch Ihrer nicht würdig waren, dann sind die Umstände daran schuld. Ich ließ mich vorgestern zu einem heftigen Benehmen hinreißen und bitte Sie, das vergessen zu wollen. Man muß einem besiegten General etwas zugute halten. Wenn ich es wagen dürfte, Mademoiselle ein kleines Präsent anzubieten, dann möchte ich sie bitten, diesen antiken Ring anzunehmen, den man auf das Maß ihres Fingers verkleinern könnte. Er ist kein Diebesgut; ich habe ihn einem Händler aus Nauplia abgekauft. Mademoiselle wird dieses Bijou in England zeigen und dabei von ihrem Besuch beim König der Berge erzählen.«

Ich übersetzte diese kleine Rede wortgetreu und steckte selbst den Ring des Königs an Mary-Anns Finger.

»Und ich«, so fragte ich den guten Hadgi-Stavros, »soll ich gar nichts zum Andenken an Sie mitnehmen?«

»Sie, mein lieber Herr? Aber Sie bleiben ja bei uns. Ihr Lösegeld ist nicht bezahlt worden!«

Ich wandte mich an Mme. Simons, die mir folgenden Brief reichte:

 

Liebe Schwester!

Nach geschehener Untersuchung habe ich die 4000 liv. sterl. gegen Quittung ausgezahlt. Die weiteren 600 habe ich nicht vorstrecken können, da die Quittung nicht auf Ihren Namen lautete, und es daher unmöglich gewesen wäre, sie wieder einzutreiben. Ich verbleibe in der Erwartung Ihrer teuren Gegenwart

ganz der Ihre
Edward Sharper.

 

Ich hatte Hadgi-Stavros zu gut gepredigt. Als guter Verwalter hatte er geglaubt, zwei Quittungen schicken zu müssen.

Mme. Simons flüsterte mir ins Ohr: »Sie scheinen sehr besorgt! Was gibt's denn, um ein solches Gesicht zu ziehen? Zeigen Sie, daß Sie ein Mann sind und lassen Sie dieses Gesicht eines verregneten Huhnes. Das Wichtigste ist doch bereits geschehen, denn wir, meine Tochter und ich, sind gerettet, ohne daß es uns etwas kostet. Ihretwegen bin ich ganz beruhigt; Sie werden schon wissen, wie Sie hier rauskommen. Ihr erster Plan, der für zwei Frauen nicht taugte, stellt sich als bewundernswert heraus, wenn Sie allein sind. Los, an welchem Tage sollen wir Ihre Visite erwarten?«

Ich dankte ihr herzlich, denn sie bot mir ja eine herrliche Gelegenheit, meine persönlichen Qualitäten in hellem Licht zu zeigen und unwiderstehlich Mary-Anns Schätzung zu erringen. »Jawohl, Madame«, erwiderte ich, »zählen Sie auf mich! Ich werde hier als beherzter Mann schon herauskommen, und, wenn ich dabei etwa Gefahr laufe, nun, um so besser! Ich bin äußerst zufrieden, daß mein Lösegeld nicht bezahlt ist, und danke Ihrem Herrn Bruder für alles, was er für mich getan hat. Sie sollen mal sehen, ob ein Deutscher sich nicht aus der Affäre zu ziehen versteht. Ganz gewiß, ich werde Ihnen bald Nachricht von mir geben.«

»Wenn Sie erst hier entwischt sind, versäumen Sie nur ja nicht, sich bei uns einführen zu lassen.«

»Oh! Madame!«

»Und nun bitten Sie doch diesen Stavros, uns eine Eskorte von fünf oder sechs Banditen mitzugeben.«

»Ja, zu was denn, um Gottes willen?«

»Na, um uns gegen die Gendarmen zu schützen!«

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.