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Der Bergkönig

Edmond About: Der Bergkönig - Kapitel 5
Quellenangabe
authorEdmond About
titleDer Bergkönig
publisherEngelhorn Verlag
year1962
correctorreuters@abc.de
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Hadgi-Stavros

Dimitri stieg wieder abwärts nach Athen, der Mönch wieder aufwärts zu seinen Bienen; uns stießen unsere neuen Herren und Meister auf einen Pfad, der zum Lager ihres Königs führte. Mme. Simons bezeugte ihren Unabhängigkeitswillen dadurch, daß sie sich weigerte, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Die Briganten drohten ihr daraufhin, sie auf ihren Armen zu tragen, worauf sie erklärte, sie würde sich nicht tragen lassen. Jedoch ihre Tochter wußte sanftere Gefühle in ihr zu erwecken, indem sie ihr Hoffnung machte, sie würde einen gedeckten Tisch vorfinden und gemeinsam mit Hadgi-Stavros frühstücken. Mary-Ann war viel mehr überrascht als erschrocken. Die subalternen Räuber, die uns soeben gefangengenommen, hatten eine gewisse Höflichkeit an den Tag gelegt; sie hatten niemand durchsucht und ihre Gefangenen auch nicht mit den Händen berührt. Anstatt uns auszuplündern, hatten sie uns gebeten, das eigenhändig zu tun. Sie hatten nicht bemerkt, daß die Damen Ohrringe trugen, und sie nicht einmal aufgefordert, ihre Handschuhe abzuziehen. Wir hatten es sichtlich nicht mit Straßenräubern wie in Spanien oder Italien zu tun, die einen Finger kurzerhand abschneiden, um sich eines Ringes zu bemächtigen, und ein Ohrläppchen ganz einfach abreißen, um eine Perle oder einen Diamanten zu rauben. Alles Unheil, das uns drohte, beschränkte sich auf die Zahlung eines Lösegeldes. Und dabei war es noch sehr wahrscheinlich, daß wir ohne jegliche Zahlung freikamen. Konnte man auch nur vermuten, daß Hadgi-Stavros uns fünf Minuten von der Hauptstadt, dem Hofe, der griechischen Armee, einem Bataillon Seiner Britannischen Majestät und einem englischen Wachtschiff entfernt, ungestraft zurückhalten würde? So wenigstens überlegte Mary-Ann. Ich, meinerseits, dachte unwillkürlich an das Geschick der kleinen Mädchen aus Mistra. Ich befürchtete, daß Mme. Simons durch ihre patriotische Obstination ihre Tochter einer großen Gefahr aussetzen könnte, und nahm mir vor, sie baldmöglichst über ihre Lage aufzuklären. Wir marschierten im Gänsemarsch durch eine enge Schlucht, einer vom anderen durch unsere wildblickenden Weggenossen getrennt. Der Weg erschien mir endlos, und mehr als zehnmal erkundigte ich mich, ob wir nicht bald am Ziel seien. Die Landschaft war häßlich: der nackte Fels ließ aus seinen Rissen kaum etwas kümmerliches Buschwerk der immergrünen Steineiche oder eine Handvoll dornigen Thymians, der sich an unsere Beine klammerte, sprießen. Die siegreichen Räuber zeigten keinerlei Freude, ihr Triumphmarsch sah eher einem Leichenzuge ähnlich.

Gegen elf Uhr zeigte ein wütendes Gekläff die Nähe des Lagers an. Zehn oder zwölf riesige Hunde, groß wie Kälber, krausfellig wie Schafe, stürzten sich uns zähnefletschend entgegen. Diese ungastlichen Ungeheuer bilden die vorgeschobenen Wachtposten des Königs der Berge. Sie wittern die Gendarmerie, wie die Hunde der Schmuggler die Zollbeamten wittern. Doch ist's damit nicht etwa getan. Nein, ihre Dienstbeflissenheit ist derartig groß, daß sie ab und zu auch einen ungefährlichen Schäfer oder einen verirrten Reisenden, ja sogar einen Kumpan Hadgi-Stavros' auffressen.

Das Lager des Königs war eine Hochebene mit einer Flächenausdehnung von sieben- bis achthundert Quadratmetern. Vergeblich suchte ich dort die Zelte unserer Bezwinger. Die Räuber sind keine Sybariten und schlafen auch Ende April schon unter freiem Himmel. Ich sah weder aufgestapelte Beute noch ausgebreitete Schätze, wie überhaupt rein gar nichts von alledem, was man am Hauptlagerplatz einer Diebesbande zu finden erwartet. Hadgi-Stavros übernimmt es, die Beute verkaufen zu lassen; jeder Mann erhält seinen Anteil in bar ausgezahlt und verfährt damit nach seinem Gutdünken. Einige legen das Geld in Handelsgeschäften an, andere bringen es als Hypotheken auf Häuser in Athen unter, und noch andere kaufen Land in ihren Dörfern. Keiner aber verplempert die Reinerträge aus den Diebstählen. Unsere Ankunft unterbrach das Frühstück von fünfundzwanzig oder dreißig Leuten, die, ihr Brot und Käse in der Hand, auf uns zurannten. Der Chef verpflegt seine Leute: täglich verteilt man eine Ration Brot, Öl, Wein, Käse, Fischrogen, Gewürz, bittere Oliven und auch Fleisch, wenn die Religion es gestattet. Den Gourmets, die es gelüstet, Malven oder anderes Grünzeug zu essen, steht es frei, in den Bergen diese Leckerbissen zu pflücken. Die Räuber, wie die anderen Volksklassen, zünden nur selten Feuer an, um ihre Mahlzeiten zuzubereiten; sie verzehren das Fleisch kalt und das Gemüse roh. Ich bemerkte, daß alle, die sich da um uns drängten, streng die Fastenvorschriften befolgten. Wir befanden uns am Vorabend des Himmelfahrtstages, und diese braven Leute, von denen sogar der Unschuldigste wenigstens einen Menschen auf dem Gewissen hatte, hätten ihren Magen nicht einmal mit einem Hühnerkeulchen belasten mögen.

Die Neugier der Briganten war lästig, jedoch nicht unverschämt. Keiner von ihnen machte Miene, uns wie Bewohner eines eroberten Landes zu behandeln. Sie wußten, daß wir uns in ihrer Hand befanden und daß sie uns früher oder später gegen eine gewisse Anzahl von Goldstücken austauschen würden; doch dachten sie nicht daran, sich diesen Umstand zunutze zu machen und es uns gegenüber an der schuldigen Achtung fehlen zu lassen. Der gesunde Menschenverstand, diese unvergängliche Geistesfähigkeit des griechischen Volkes, zeigte ihnen in uns die Vertreter einer von ihnen verschiedenen, bis zu einem gewissen Punkt sogar überlegenen Rasse. Die siegreiche Barbarei erwies der besiegten Zivilisation eine verkappte Huldigung. Etliche unter ihnen sahen zum ersten Male europäische Kleider, und diese Leute umkreisten uns wie die Bewohner der Neuen Welt die Spanier des Kolumbus. Verstohlen betasteten sie den Stoff meines Überziehers, um festzustellen, aus welchem Gewebe er bestand. Am liebsten hätten sie mir alle Kleider vom Leibe gerissen, um sie in allen Einzelheiten untersuchen zu können. Ja, vielleicht hätte es sie weiter nicht verdrossen, mich in zwei oder drei Stücke auseinanderzunehmen, nur um meine innere Struktur zu erforschen; doch bin ich sicher, sie hätten es nicht getan, ohne sich zu entschuldigen und wegen ihrer allzu großen Freiheit um Verzeihung zu bitten.

Es dauerte nicht lange, bis Mme. Simons die Geduld verlor; sie fand es lästig, von diesen Käseessern, die ihr nichts zum Frühstücken anboten, so aus nächster Nähe examiniert zu werden. Sich der Schaulust darzubieten, liegt schließlich nicht jedermann. Die Rolle eines Wundertieres mißfiel der guten Dame höchlichst, obwohl sie diese in allen Ländern der Erde vorteilhaft hätte spielen können. Was Mary-Ann betraf, so fiel sie vor Übermüdung fast um.

Da erschien eine neue Truppe auf dem Schauplatz, die unsere Lage schlechtweg unmöglich machte. Das war keine Räuberbande, aber weit schlimmer. Die Griechen führen eine ganze Menagerie kleiner, beweglicher, kapriziöser, nicht greifbarer Tierchen mit sich, die ihnen Tag und Nacht Gesellschaft leisten, sie bis in den Schlaf hinein beschäftigen, und die durch ihre Sprünge und ihre Stiche die Beweglichkeit des Geistes und den Kreislauf des Blutes beschleunigen. Die Flöhe der Räuber sind bäuerlicher, stärker und beweglicher als die der Stadtbewohner; die frische Luft hat ja so mächtige Tugenden! Nur zu bald sollte ich bemerken, daß sie mit ihrem Los nicht zufrieden waren und mehr Vergnügen auf der feinen Haut eines jungen Deutschen fanden als auf dem gegerbten Leder ihrer Herren. Ein Heer bewaffneter Auswanderer nahm meine armen Beine aufs Korn. Zuerst fühlte ich ein lebhaftes Jucken an den Knöcheln: das war die Kriegserklärung! Zehn Minuten später stürzte sich eine Vorpostendivision auf meine rechte Wade. Flugs griff ich mit der Hand dorthin. Jedoch begünstigt durch dieses Ablenkungsmanöver rückte der Feind in Eilmärschen gegen meinen linken Flügel vor und bezog auf den Höhen des Knies Stellung. Ich war überflügelt, und jeglicher Widerstand wurde nutzlos. Hätte ich mich abseits und allein befunden, so hätte ich mit etlichen Erfolgsaussichten einen Scharmützelkrieg zu führen versucht. Aber da stand die schöne Mary-Ann vor mir, rot wie eine Kirsche, und vielleicht ebenfalls von irgendeinem verborgenen Feinde gefoltert. Ich wagte weder mich zu beklagen noch mich zu verteidigen. Heroisch, ohne meine Augen auf Miß Simons zu richten, fraß ich meine Schmerzen in mich hinein und erlitt so ein Martyrium für sie, für das sie mir wohl nie Dank wissen wird. Schließlich war ich am Ende meiner Geduld angelangt und entschlossen, mich durch Flucht der steigenden Invasion zu entziehen, und verlangte, vor den König geführt zu werden. Dieses Wort erinnerte unsere Führer an ihre Pflicht. Sie fragten, wo Hadgi-Stavros sich aufhalte, und erhielten zur Antwort, er arbeite in seinen Geschäftsräumen.

»Ich werde mich also endlich auf einen Sessel niederlassen können«, sagte Mme. Simons.

Die Geschäftsräume des Königs sahen Geschäftsräumen genauso ähnlich, wie das Lager der Diebe einem Lager ähnlich sah. Man sah da weder Tische noch Stühle noch überhaupt Möbel irgendwelcher Art. Hadgi-Stavros saß im Schatten einer Tanne im Schneidersitz auf einem viereckigen Teppich. Vier Sekretäre und zwei Bedienstete bildeten eine Gruppe um ihn. Ein junger Bursche war damit beschäftigt, den Tschibuk, die türkische Wasserpfeife des Meisters, aufzufüllen, anzuzünden und zu reinigen. An seinem Leibgürtel trug er einen mit Gold und echten Perlen bestickten Tabaksbeutel und eine silberne Zange, die dazu diente, die Holzkohlenstückchen zu ergreifen. Ein anderer Diener beschäftigte sich den ganzen Tag damit, den Kaffee, das Wasser und das Zuckerwerk zu bereiten, die bestimmt waren, den königlichen Mund zu erfrischen. Die Sekretäre, die auf dem nackten Fels saßen, schrieben auf den Knien mit Federn, die aus Calamus geschnitten waren. Vor ihnen stand in Reichweite ein längliches kupfernes Kästchen, das diese Rohrsorte, Messer und Tintenfaß enthielt. Einige zylinderförmige Behältnisse aus Weißrohr, die genauso aussahen wie die, in denen unsere Soldaten ihre Entlassungspapiere aufbewahren, dienten als Archiv. Das Papier stammte nicht aus Griechenland, und das aus guten Gründen. Jedes Blatt trug in Großbuchstaben das Wasserzeichen Bath.

Der König war ein schöner Greis, wunderbar konserviert, aufrecht, mager, geschmeidig wie eine Sprungfeder, sauber und blank wie ein neuer Säbel. Seine langen, weißen Schnurrbartenden hingen wie zwei Marmorstalaktiten bis unter sein Kinn. Im übrigen war er sehr sorgfältig rasiert, der Schädel nackt bis zum Hinterkopf, wo ein dicker, weißer Zopf sich unter der Mütze rollte. Der Ausdruck seiner Gesichtszüge schien mir ruhig und überlegen. Ein Paar kleiner hellblauer Augen und ein vierkantiges Kinn kündigten einen unbeugsamen Willen an. Ich habe eine beträchtliche Anzahl Siebzigjähriger gesehen; ich habe sogar einen seziert, der auch die Hundert erreicht haben würde, hätte ihn die Postkutsche aus Osnabrück nicht überfahren. Jedoch erinnere ich mich nicht, je einen rüstigeren und robusteren Greis gesehen zu haben.

Er trug die Tracht der Bewohner von Tino, die auf allen Inseln des Archipels getragen wird. Seine rote Mütze bildete an ihrem unteren Rand rings um seine Stirn eine breite Falte. Er trug eine schwarze, mit Seidenschnüren besetzte Jacke, die ungeheuer weite blaue Hose, die mehr als zwanzig Meter Baumwollstoff verschlingt, und große, weiche, derbe Stiefel aus Juchtenleder.

Hadgi-Stavros saß regungslos inmitten seiner Angestellten und ließ lediglich während des Diktats die Perlen seines Rosenkranzes durch seine Finger gleiten. Es war einer dieser schönen Rosenkränze aus milchigem Bernstein, die durchaus nicht dazu dienen, die Gebete zu zählen, sondern den gravitätischen Müßiggang der Türken zu erheitern.

Als wir uns ihm näherten, genügte ihm ein Blick, um sofort zu erraten, was für ein Vorfall uns zu ihm führte, und mit ernsthafter Würde, die durchaus nichts Ironisches an sich hatte, sagte er: »Seien Sie mir willkommen. Nehmen Sie Platz!«

»Mein Herr!« schrie Mme. Simons, »ich bin Engländerin, und ...«

Er unterbrach diese Rede, indem er mit der Zunge schnalzte und rief: »Sofort! Jetzt bin ich beschäftigt!« Er verstand nur Griechisch, und Mme. Simons sprach nur Englisch, aber die Miene des Königs war so beredt, daß die gute Dame auch ohne die Zuhilfenahme eines Dolmetschers ohne weiteres verstand.

Wir nahmen im Staube Platz. Rings um uns hockten sich fünfzehn oder zwanzig Räuber nieder, während der König, der keinerlei Geheimnisse zu verbergen hatte, geruhsam seine Familien- und Geschäftsbriefe diktierte. Der Anführer des Trupps, der uns geschnappt hatte, näherte sich ihm und flüsterte ihm etwas ins Ohr, worauf er hochfahrenden Tones erwiderte: »Was macht das schon, wenn Mylord etwas versteht. Ich tue nichts Unrechtes, und alle Welt kann mir zuhören. Geh, setz dich! Und du, Spiro, schreib! Bitte an meine Tochter.«

Dann schneuzte er sich äußerst geschickt mit seinen Fingern und diktierte mit ernster, sanfter Stimme:

»Mein Augapfel, mein liebes Kind! Die Leiterin der Pension hat mir geschrieben, daß Deine Gesundheit sich gebessert hat und die abscheuliche Erkältung mit den Tagen des Winters vergangen ist. Mit Deinem Fleiß jedoch ist man keineswegs so zufrieden, und man beklagt sich sogar darüber, daß Du seit Anfang des Monats April kaum noch studierst. Mme. Mavros sagt, Du seiest zerstreut, und man sehe Dich zwar über Dein Buch gebeugt, Deine Augen jedoch irrten, als ob Du an andere Dinge dächtest. Ich kann es Dir gar nicht oft genug wiederholen, daß man fleißig arbeiten muß. Befolge das Beispiel, das ich Dir mein ganzes Leben hindurch gegeben habe. Hätte ich mich, wie so viele andere, immer nur ausgeruht, dann nähme ich in der Gesellschaft nicht den Rang ein, den ich innehabe. Ich wünsche, daß Du meiner würdig wirst, und aus diesem Grunde bringe ich so große Opfer für Deine Erziehung. Du weißt, daß ich Dir niemals die Lehrer oder die Bücher, um die Du mich batest, verweigert habe; aber mein Geld muß unbedingt nützlich angelegt sein. Der Walter Scott ist im Piräus angekommen, ebenso der Robinson und all die englischen Bücher, die zu lesen Du den Wunsch geäußert hast. Laß sie Dir durch unsere Freunde aus der Rue d'Hermès vom Zoll abholen. Bei derselben Gelegenheit wirst Du das Armband, um das Du mich batest, und dieses Stahldings zum Bauschen Deiner Kleiderröcke bekommen. Wenn Dein Piano aus Wien, wie Du sagst, nicht gut ist, und Du unbedingt ein Instrument von Pleyel brauchst, so sollst Du es haben. Nach dem Verkauf der Ernte will ich ein oder zwei Dörfer ›machen‹, und es müßte schon mit dem Teufel zugehen, wenn dabei nicht das Kleingeld für ein nettes Piano herausspringt. Ich meine, genauso wie Du, daß Du musizieren können mußt: was Du aber vor allen Dingen lernen mußt, das sind Fremdsprachen. Benütze Deine Sonntage in der Weise, die ich Dir geraten habe, und profitiere dabei von der Liebenswürdigkeit unserer Freunde. Es ist unumgänglich, daß Du imstande bist, Französisch, Englisch und besonders Deutsch zu sprechen. Denn schließlich bist Du ja nicht dazu geschaffen, in unserem lächerlich kleinen Lande zu leben, und ich sähe Dich lieber tot als mit einem Griechen verheiratet. Als Tochter eines Königs kannst Du nur einen Prinzen heiraten. Es kann da nicht die Rede sein von einem Pseudoprinzen, wie unsere Fanarioten, die sich rühmen, von Kaisern des Orients abzustammen, und die ich nicht einmal als meine Domestiken haben möchte, sondern ein regierender, ein gekrönter Fürst. Man findet deren recht annehmbare in Deutschland, und mein Vermögen erlaubt es mir durchaus, Dir einen von ihnen auszusuchen. Wenn die Deutschen zu uns kommen konnten, um zu regieren, dann sehe ich nicht ein, warum Du nicht hingehen kannst, um Deinerseits über sie zu herrschen. Beeile Dich also, ihre Sprache zu erlernen, und berichte mir in Deinem nächsten Briefe, daß Du Fortschritte gemacht hast. Und nun, mein Kind, umarme ich Dich zärtlich und schicke Dir, zusammen mit dem Trimester Deiner Pension, meinen väterlichen Segen.«

Madame Simons neigte sich zu mir und flüsterte mir ins Ohr: »Diktiert er da seinen Briganten unseren Urteilsspruch?«

Ich antwortete: »Nein, Madame, er schreibt an seine Tochter.«

»Über unsere Gefangennahme?«

»Über ein Piano, eine Krinoline und Walter Scott.«

»Das kann noch lange dauern. Wird er uns zum Frühstück einladen?«

»Da kommt gerade sein Diener und bringt uns Erfrischungen!«

Der Cafedgi des Königs stand mit drei Tassen Kaffee, einer Schachtel Rahat-loukoum und einem Topf Confiture vor uns. Mme. Simons und ihre Tochter wiesen den Kaffee voller Ekel zurück, weil er auf türkische Art bereitet und trübe wie Brei war. Ich leerte meine Tasse wie ein echter orientalischer Gourmet. Die aus Rosensyrup bereitete Confiture jedoch errang lediglich einen Achtungserfolg, denn wir sahen uns gezwungen, sie mit einem einzigen gemeinsamen Löffel zu verzehren. Feinbesaitete Leute sind eben übel dran in diesem Lande der Bonhomie. Dagegen kitzelte der in Stücke geschnittene Rahat-loukoum den Gaumen der Damen, ohne ihre Gewohnheiten allzusehr zu schockieren. Mit vollen Händen nahmen sie von diesem parfümierten Stärkegelee und leerten die Schachtel bis auf den Grund, während der König folgenden Brief diktierte:

Messrs. Barley & Co., 31, Cavendish-Square, London Ich habe aus Ihrem Geehrten vom 5. April und dem beigefügten Kontokorrent ersehen, daß mein augenblickliches Guthaben bei Ihnen 22 750 Pfund Sterling beträgt. Wollen Sie bitte diesen Fonds zur Hälfte in dreiprozentigen Engländern und zur Hälfte in Aktien der Bodenkreditbank, bevor die Coupons abgeschnitten werden, anlegen. Verkaufen Sie meine Aktien der Königlich Britischen Bank; das ist ein Wertpapier, das mir kein sehr großes Vertrauen mehr einflößt. Nehmen Sie dafür Anteilscheine der Londoner Omnibusse. Wenn Sie auf mein Haus am Strand 15 000 Livres finden können (soviel war es 1852 wert), so kaufen Sie mir bitte für diese Summe Vieille Montagne. Überweisen Sie an Gebrüder Rhalli 100 Guineen (2645 Francs); es handelt sich da um meinen Beitrag für die Hellenische Schule in Liverpool. Ich habe den Vorschlag, den Sie mir zu unterbreiten die Ehre erwiesen, ernsthaft erwogen und mich nach reiflicher Überlegung entschlossen, bei meiner Lebensregel, ausschließlich Bargeschäfte zu tätigen, zu beharren. Zeitkäufe haben einen gewagten Charakter, der jeden guten Familienvater mißtrauisch machen sollte. Ich weiß sehr gut, daß Sie meine Kapitalien nur mit der Vorsicht, die Ihr Haus stets ausgezeichnet hat, verwenden werden; jedoch würde ich, selbst wenn die Vorteile, von denen Sie mir sprechen, ganz sicher wären, stets, ich gestehe es ein, einen gewissen Widerwillen empfinden, meinen Erben ein Vermögen zu hinterlassen, das durch Börsenspekulationen vergrößert wurde.

Gestatten Sie etc. etc.

 

»Handelt es sich um uns?« fragte mich Mary-Ann.

»Noch nicht, Mademoiselle. Seine Majestät jongliert mit Zahlen.«

»Mit Zahlen? Hier? Ich dachte, das täte man nur bei uns.«

»Ist Ihr Herr Vater nicht Teilhaber eines Bankhauses?«

»Freilich, und zwar des Hauses Barley & Co.«

»Gibt es in London zwei Bankiers desselben Namens?«

»Nicht daß ich wüßte.«

»Haben Sie davon sprechen hören, daß das Haus Barley Geschäfte mit dem Orient macht?«

»Aber ... mit der ganzen Welt.«

»Und Sie wohnen Cavendish-Square?«

»Nein, dort sind lediglich die Geschäftsräume. Unser Haus liegt am Piccadilly.«

»Merci, Mademoiselle. Erlauben Sie mir weiter zuzuhören. Dieser alte Mann führt einen überaus spannenden Briefwechsel.«

Der König diktierte unverzüglich einen langen Rapport an die Aktienbesitzer seiner Bande. Dieses merkwürdige Dokument war an Monsieur Georges Micromati, Ordonnanzoffizier im Palais, gerichtet, der es in der Generalversammlung der Interessenten verlesen sollte:

 

Rechenschaftsbericht über die Operationen der Nationalen Compagnie des Königs der Berge.

Rechnungsjahr 1855/56

Lager des Königs, 30. April 1856

Meine Herren!

Der Geschäftsführer, den Sie mit Ihrem Vertrauen beehrt haben, unterbreitet Ihrer Zustimmung zum vierzehnten Male das Resümee seiner Arbeiten des Jahres. Niemals seit dem Tage, an dem die Gründungsurkunde unserer Gesellschaft im Bureau Maître Tsappas, des Königlichen Notars in Athen, unterzeichnet wurde, ist unser Unternehmen auf mehr Hindernisse gestoßen, wurde der Gang unserer Arbeiten durch ernsthaftere Schwierigkeiten gehemmt. In Anwesenheit einer fremden Besatzungsmacht, unter den Augen zweier wenn auch nicht gerade feindlicher, so doch mindestens übelwollender Armeen, haben wir den regelmäßigen Gang einer wahrhaft nationalen Institution aufrechterhalten müssen. Der militärisch besetzte Piräus, die mit einer in der Geschichte bisher beispiellosen Mißgunst durchgeführte Überwachung der türkischen Grenze haben unsere Aktivität auf einen engen Umkreis beschränkt und unserem Tatendrang unüberschreitbare Grenzen gesetzt. In dieser so verengten Zone waren unsere Ressourcen zudem noch durch das allgemeine Elend, die Geldknappheit, die unzulänglichen Ernten reduziert. Die Oliven haben nicht gehalten, was sie versprachen; das Ergebnis des Getreideanbaues war mittelmäßig, und die Weinreben sind noch nicht vom Faulschimmel befreit. Unter diesen Umständen war es recht schwierig, von der Toleranz der Behörden und der Sanftmut einer väterlichen Regierung zu profitieren. Unser Unternehmen ist so eng den Interessen des Landes liiert, daß es nur bei allgemeiner Prosperität blühen und gedeihen kann und die Rückwirkung jeglicher öffentlichen Kalamität fühlt; denn denen, die nichts haben, kann man nichts oder nur sehr wenig wegnehmen.

Die ausländischen Reisenden, deren Neugier dem Königreich und uns so nützlich ist, sind sehr rar geworden. Die englischen Touristen, die ehemals einen Hauptanteil unseres Einkommens stellten, sind ganz ausgeblieben. Zwei junge Amerikaner, die wir auf der Route des Pentelikon schnappten, haben uns um ihr Lösegeld geprellt. Ein Geist des Mißtrauens, der in etlichen Gazetten Frankreichs und Englands genährt wird, hält die Leute, deren Gefangennahme uns höchst nützlich wäre, von uns fern.

Und dennoch, meine Herren, ist die Vitalität unserer Institution derartig, daß sie dieser fatalen Krise besser widerstanden hat als die Landwirtschaft, die Industrie und der Handel. Ihre meinen Händen anvertrauten Kapitalien haben zwar nicht so viel, wie ich es gewünscht hätte, aber immerhin mehr, als zu hoffen war, Profit gebracht. Ich will weiter keine Worte verlieren; ich lasse Zahlen sprechen. Die Arithmetik ist beredter als Demosthenes.

Das Kapital der Gesellschaft, anfangs auf die bescheidene Summe von 50 000 Francs limitiert, ist durch drei folgende Emissionen von Aktien über je 500 Francs auf 120 000 Francs erhöht worden.

Unsere Bruttoeinnahmen vom 1. Mai 1855 bis zum 30. April 1856 erreichen die Summe von 261 482 Francs. Unsere Ausgaben verteilen sich wie folgt:

Zehent, der an die Kirchen und Klöster ausgezahlt wurde 26 148
Zinsen für das Kapital zum legalen Zinssatz von 10% 12 000
Sold und Nahrung für 80 Mann zu 650 Francs im Jahr 52 000
Material, Waffen, etc., etc. 7 146
Reparatur der Landstraße von Theben, die unbenutzbar geworden war und wo man darum keine Reisenden mehr antraf, die man festnehmen konnte 2 450
Unkosten für den Wachtdienst auf den Hauptstraßen 5 835
Bürounkosten 3
Subventionen an einige Journalisten 11 900
Ermunterungsgelder für verschiedene Angestellte der Administration und Justiz 18 000
  ________
Total 135 482
   
Zieht man diese Summe von der Ziffer unserer Bruttoeinnahmen 261 482
ab 135 482
  ________
so ergibt sich ein Nettoverdienst von 126 000
   
Gemäß den Statuten wird dieser Überschuß folgendermaßen verteilt:  
Bei der Bank von Athen deponierter Reservefonds 6 000
Dem Geschäftsführer zuerkanntes Drittel 40 000
Zur Verteilung an die Aktionäre 80 000
Macht 333 Francs 33 Centimes für jede Aktie.  

Fügen Sie diesen 333 fr. 33 c. noch 50 fr. Zinsen und 25 fr. aus dem Reservefonds hinzu, dann haben Sie insgesamt 408 fr. 33 c. pro Aktie. Ihr Geld ist also mit annähernd 82% angelegt.

Das sind die Ergebnisse der letzten Campagne. Bilden Sie sich bitte ein Urteil über die Zukunft, die uns an dem Tage winkt, an dem die ausländische Besatzung aufhören wird, auf unserem Lande zu lasten.

 

Der König diktierte diesen Bericht, ohne Notizen zu konsultieren, ohne bei einer Zahl zu zögern, und ohne nach einem Wort zu suchen. Niemals hätte ich geglaubt, daß ein Greis seines Alters ein solches Gedächtnis besitzen könne. Er setzte sein Siegel unter die drei Briefe, das ist seine Art zu unterzeichnen. Er liest geläufig, hat aber nie Zeit gefunden, schreiben zu lernen. Karl der Große und Alfred der Große sollen sich in derselben Lage befunden haben.

Während nun die Unterstaatssekretäre sich damit beschäftigten, die Tageskorrespondenz abzuschreiben, um sie im Archiv abzulegen, erteilte der König den subalternen Offizieren, die mit ihrem Detachement zurückgekommen waren, Audienz. Jeder dieser Leute setzte sich, grüßte den König, indem er die Hand aufs Herz legte, und erstattete mit wenigen Worten Rapport. Ich schwöre Ihnen, daß Saint Louis unter seiner Eiche den Einwohnern von Vincennes keine mindere Verehrung einflößte.

 

Der erste, der sich einstellte, war ein kleiner Kerl mit einem peinlichen Gesicht, eine wahre Galgenvogelschnauze. Es war ein wegen etlicher Brandstiftungen gesuchter Einwohner der Insel Korfu; er war mit Freuden in die Bande aufgenommen worden, und seine Talente hatten ihn rasch zu höheren Graden aufsteigen lassen. Dennoch wurde er von seinem Chef und dessen Soldaten nicht sonderlich geschätzt. Man hatte ihn im Verdacht, einen Teil der Beute zu seinem eigenen Nutzen zu veruntreuen. Nun ließ aber der König in puncto Redlichkeit nicht mit sich spaßen. Wenn er einen Mann bei einem solchen Vergehen ertappte, dann stieß er ihn unter erniedrigenden Begleitumständen aus der Gemeinschaft und sagte zu ihm mit beißender Ironie: »Scher dich weg und werde Beamter!«

Hadgi-Stavros fragte den Corfioten: »Was hast du gemacht?«

»Ich habe mich mit meinen fünfzehn Mann zur Schwalbenschlucht auf der Landstraße nach Theben begeben. Ich stieß auf ein Detachement der Linientruppen von 25 Soldaten.«

»Wo sind ihre Gewehre?«

»Ich habe sie ihnen gelassen. Alles Perkussionsgewehre, die uns mangels der Zündhütchen doch nichts genutzt hätten.«

»Gut, weiter!«

»Es war Markttag, ich habe diejenigen, die zurückkamen, festgehalten.«

»Wie viele?«

»142 Personen.«

»Und du bringst mit?«

»1006 Francs 43 Centimes.«

»Sieben Francs pro Kopf! Das ist wenig.«

»Das ist viel. Bauern!«

»Hatten sie denn ihre Erzeugnisse nicht verkauft?«

»Die einen hatten verkauft, die anderen hatten gekauft.« Der Corfiote öffnete einen schweren Sack, den er unter dem Arm trug und dessen Inhalt er vor den Sekretären ausbreitete, die sich daranmachten, die Summe nachzuzählen.

»Du hast keine Schmucksachen?« fragte der König.

»Nein.«

»Es waren keine Frauen dabei?«

»Ich habe nichts gefunden, was mitzubringen verlohnt hätte.«

»Was sehe ich da an deinem Finger?«

»Einen Ring.«

»Aus Gold?«

»Oder aus Kupfer, ich weiß es nicht genau.«

»Wo stammt er her?«

»Ich habe ihn vor zwei Monaten gekauft.«

»Wenn du ihn gekauft hättest, wüßtest du ganz genau, ob er aus Kupfer oder aus Gold ist. Gib ihn her!«

Der Corfiote trennte sich höchst ungern von dem Ring, der unmittelbar darauf in einen mit Juwelen gefüllten kleinen Koffer getan wurde.

»Ich verzeihe dir«, sagte der König, »im Hinblick auf deine schlechte Erziehung. Deine Landsleute entehren den Diebstahl, indem sie ihn mit Spitzbüberei verquicken. Hätte ich nur Jonier in meiner Truppe, sähe ich mich gezwungen, auf den Landstraßen Drehkreuze mit Zählvorrichtungen wie an den Eingängen zur Londoner Ausstellung anzubringen, um die Reisenden zu zählen und das Geld einzuziehen. Der Nächste!«

Das war ein dicker, kraftstrotzender Bursche mit der einnehmendsten Physiognomie der Welt. Seine runden Augen strahlten nur so vor Redlichkeit und Bonhomie. Beim Lächeln ließen seine halboffenen Lippen zwei Reihen prächtiger Zähne sehen; er nahm mich vom ersten Augenblick für sich ein, und ich sagte mir, wenn er sich auch in schlechte Gesellschaft verirrt hatte, würde er dennoch eines schönen Tages auf den guten Weg zurückfinden. Mein Gesicht gefiel ihm ebenfalls, denn bevor er sich vor dem König niedersetzte, begrüßte er mich aufs höflichste.

Hadgi-Stavros sagte zu ihm: »Was hast du gemacht, mein guter Vasile?«

»Ich kam gestern abend mit meinen sechs Leuten nach Pigadia, dem Dorf des Senators Zimbélis.«

»Gut.«

»Zimbélis war, wie immer, nicht anwesend; aber seine Angehörigen, seine Pächter und seine Mietsleute waren alle zu Hause und schliefen.«

»Gut.«

»Ich bin in den Khan eingedrungen; habe den Khangi geweckt und fünfundzwanzig Bund Stroh bei ihm gekauft und ihn, als Bezahlung, totgeschlagen.«

»Gut.«

»Dann haben wir das Stroh am Fuße der Hauswände niedergelegt, die Wände bestehen sämtlich aus Holzbrettern oder Weidenrohr, und haben gleichzeitig an sieben Stellen Feuer gelegt. Die Streichhölzer waren gut. Der Wind kam von Norden. Alles brannte lichterloh.«

»Gut.«

»Wir haben uns sachte bis zu dem Brunnen zurückgezogen, das ganze Dorf wurde gleichzeitig wach, und es erhob sich ein großes Geschrei. Die Männer kamen mit ihren Ledereimern, um Wasser zu holen. Vier von ihnen, die wir nicht kannten, haben wir ersäuft, die anderen sind weggerannt.«

»Gut.«

»Wir sind ins Dorf zurückgekehrt. Es war niemand mehr da, ausgenommen ein kleines Kind, das seine Eltern vergessen hatten und das wie ein aus dem Nest gefallener junger Rabe schrie.«

»Gut.«

»Darauf haben wir glühende Scheite genommen und die Olivenbäume angezündet. Die Sache hat bestens geklappt. Dann haben wir uns wieder auf den Weg ins Lager zurückgemacht, haben Abendbrot gegessen, auf halbem Wege geschlafen und sind um neun Uhr zurückgekommen, sämtlich frisch und munter, ohne eine Brandwunde.«

»Gut. Der Senator Zimbélis wird keine Reden mehr gegen uns halten. Der Nächste!«

Vasile zog sich zurück und grüßte mich wieder höflich; ich aber erwiderte seinen Gruß nicht mehr.

Seinen Platz nahm sofort der große Teufel ein, der uns geschnappt hatte. Eine eigenartige Laune des Zufalls wollte es, daß der Autor des ersten Dramas, in dem ich eine Rolle zu spielen berufen war, Sophoclis hieß. In dem Augenblick, als er seinen Rapport begann, fühlte ich, wie es mir kalt über den Rücken lief. Ich flehte Mme. Simons an, kein unbedachtes Wort zu riskieren. Sie antwortete darauf, sie sei Engländerin und wisse sich zu benehmen. Der König bat uns, zu schweigen und das Wort dem Redner zu überlassen.

Zunächst breitete er die Gegenstände aus, um die er uns erleichtert hatte, und zog dann aus seiner Bauchbinde 40 österreichische Dukaten, die zu einem Kurs von 11 Francs 75 Centimes die Summe von 470 Francs ausmachten.

»Die Dukaten«, so sagte er, »stammen aus dem Dorfe Castia, den Rest haben die Mylords gegeben. Du hattest mir aufgetragen, die Umgebung durchzukämmen; ich habe mit dem Dorfe begonnen.«

»Du hast töricht gehandelt«, sagte der König. »Die Leute in Castia sind unsere Nachbarn, man muß sie ungeschoren lassen. Wie sollen wir in Sicherheit leben, wenn wir uns Feinde vor unserer Haustür machen? Außerdem sind es tapfere Leute, die uns gelegentlich behilflich sein könnten.«

»Oh! Ich habe den Köhlern ja nichts abgenommen! Sie sind in die Wälder verschwunden, ohne mir Zeit zu lassen, mit ihnen zu reden. Jedoch der Parèdre hatte die Gicht, ich traf ihn zu Hause.«

»Was hast du zu ihm gesagt?«

»Ich habe Geld von ihm gefordert, er hat sich darauf versteift, keins zu haben. Ich habe ihn zusammen mit einer Katze in einen Sack gesteckt. Ich weiß nicht, was die Katze ihm getan hat, auf alle Fälle hat er mir zugeschrien, sein Schatz läge hinter dem Hause unter einem großen Stein. Und dort habe ich dann auch die Dukaten gefunden.«

»Du hast unüberlegt gehandelt. Der Parèdre wird das ganze Dorf gegen uns aufwiegeln.«

»I wo! Als ich ihn verließ, habe ich vergessen, den Sack zu öffnen, und die Katze hat ihm sicherlich die Augen ausgekratzt.«

»Gut! ... Aber hört alle her: ich will nicht, daß unsere Nachbarn beunruhigt werden. Troll dich!«

Jetzt sollte unser Verhör beginnen. Hadgi-Stavros, anstatt uns vor sich zu bescheiden, erhob sich gravitätisch und setzte sich dicht neben uns nieder. Das schien ein günstiges Vorzeichen. Mme. Simons glaubte sich verpflichtet, ihm gehörig die Meinung zu sagen. Da ich ihre zügellose Redeweise kannte, bot ich dem König meine Dolmetscherdienste an. Er dankte mir kühl und rief den Corfioten, der Englisch verstand.

»Madame«, sagte der König zu Mrs. Simons, »Sie scheinen verärgert zu sein. Sollten Sie sich etwa über meine Leute, die Sie hierher gebracht haben, zu beklagen haben?«

»Es ist abscheulich!« sagte sie. »Ihre Schurken haben mich festgehalten, in den Straßenstaub geworfen, ausgeplündert, sie haben mich hungern und dursten lassen.«

»Haben Sie die Güte, meine Entschuldigungen entgegenzunehmen! Ich bin nun mal gezwungen, mich Männer ohne Erziehung zu bedienen. Glauben Sie, Madame, es geschah wirklich nicht auf meinen Befehl, daß sie so gehandelt haben. Sie sind Engländerin?«

»Engländerin, und aus London!«

»Ich habe London besucht; ich kenne und schätze die Engländer. Ich weiß, daß sie einen guten Appetit haben, und Sie haben feststellen können, daß ich mich beeilt habe, Ihnen Erfrischungen anzubieten. Ich weiß, daß die Damen Ihrer Nation es nicht lieben, zwischen den Felsen herumzukraxeln, und bedauere es, daß man Sie nicht hat gehen lassen, wie Sie wollten. Ich weiß, daß die Angehörigen Ihrer Nation auf Reisen nur die notwendigsten Sachen mit sich führen, und ich würde es Sophoclis nicht verzeihen, Sie ausgeplündert zu haben, besonders wenn Sie eine Person von Rang sind.«

»Ich gehöre der besten Gesellschaft Londons an.«

»Haben Sie die Güte, hier das Geld wieder an sich zu nehmen, das Ihnen gehört. Sie sind reich?«

»Natürlich!«

»Gehört dieses Necessaire nicht zu Ihrem Gepäck?«

»Es gehört meiner Tochter.«

»Nehmen Sie ebenfalls zurück, was Mademoiselle, Ihrer Tochter, gehört. Sind Sie sehr reich?«

»Sehr reich.«

»Gehören diese Sachen nicht Ihrem Herrn Sohn?«

»Monsieur ist nicht mein Sohn; er ist ein Deutscher. Da ich Engländerin bin, wie sollte ich da wohl einen deutschen Sohn haben?«

»Das ist selbstverständlich. Haben Sie wohl 20 000 Francs Revenüen?«

»Noch mehr!«

»Einen Teppich für diese Damen! Sind Sie etwa so reich, daß Sie 30 000 Francs Rente besitzen?«

»Wir besitzen mehr als das!«

»Sophoclis ist ein Bauernlümmel, den ich züchtigen werde. Logothète, man soll sofort das Essen für die Damen richten. Wäre es möglich, Madame, daß Sie sogar Millionärin wären?«

»Das bin ich.«

»Und ich, ich bin außer mir über die Art und Weise, in der man Sie behandelt hat. Sicherlich haben Sie gute Bekannte in Athen?«

»Ich kenne den Gesandten Englands, und wenn Sie sich unterstehen sollten ...«

»Oh, Madame! ... Kennen Sie auch Kaufleute, Bankiers?«

»Mein Bruder, der sich in Athen aufhält, kennt mehrere Bankiers in der Stadt.«

»Ich bin entzückt. Sophoclis, marsch! Bitte diese Damen um Verzeihung.«

Sophoclis murmelte zwischen den Zähnen, ich weiß nicht, welche Entschuldigung. Der König fuhr fort:

»Diese Damen sind vornehme Engländerinnen, die ein Vermögen von über einer Million besitzen; sie verkehren in der Englischen Botschaft; ihr Bruder, der sich in Athen aufhält, kennt alle Bankiers der Stadt.«

»Das lasse ich mir gefallen!« rief Mme. Simons aus. Der König fuhr fort:

»Du hättest diese Damen mit aller ihrem Vermögen schuldigen Rücksicht behandeln müssen.«

»Sehr gut!« sagte Mme. Simons.

»Sie behutsam hierherbegleiten.«

»Wozu?« murmelte Mary-Ann.

»Und dich hüten sollen, ihr Gepäck zu berühren. Wenn man die Ehre hat, in den Bergen zwei Personen vom Range dieser Damen zu begegnen, grüßt man sie voller Respekt, führt sie mit achtungsvoller Ehrerbietung zum Lager, wacht mit Umsicht über sie und bietet ihnen höflich alle lebensnotwendigen Dinge an, bis uns ihr Bruder oder ihr Gesandter ein Lösegeld von hunderttausend Francs schickt.«

Arme Mme. Simons! Teure Mary-Ann! Weder die eine noch die andere war auf diese Schlußfolgerung gefaßt. Ich allerdings war nicht weiter erstaunt, denn ich wußte, mit welch arglistigem Schurken wir es zu tun hatten. Beherzt ergriff ich das Wort und sagte ihm geradezu ins Gesicht: »Du kannst behalten, was deine Leute mir gestohlen haben. Übrigens ist es alles, was du von mir bekommen wirst. Ich bin arm, mein Vater besitzt nichts, meine Geschwister essen oft trockenes Brot. Ich kenne weder Bankiers noch Gesandte, und wenn du mich in der Hoffnung auf ein Lösegeld ernährst, dann wirst du dich verdammt verrechnen, das schwöre ich dir!«

Unter der Schar der Zuhörer erhob sich ein ungläubiges Gemurmel, der König jedoch schien mir aufs Wort zu glauben.

»Wenn dem so ist«, sagte er zu mir, »werde ich nicht den Fehler begehen, Sie hier gegen Ihren Willen zurückzuhalten. Lieber will ich Sie in die Stadt zurückschicken. Madame wird Ihnen einen Brief an ihren Herrn Bruder anvertrauen, und Sie werden heute noch losziehen. Sollten Sie aber noch ein oder zwei Tage im Gebirge bleiben wollen, dann sollen Sie meine Gastfreundschaft genießen; denn ich nehme an, daß Sie mit Ihrer großen Büchse nicht bis hierher gekommen sind, um die Landschaft zu betrachten.«

Diese kleine Rede tröstete mich wesentlich. Ich schaute mit Genugtuung um mich. Der König, seine Sekretäre und seine Soldaten erschienen mir sehr viel weniger schrecklich, die benachbarten Berge viel malerischer, seit ich sie nicht mehr mit den Augen eines Gefangenen, sondern mit denen eines Gastes betrachtete. Das Verlangen, Athen zu sehen, das ich gehabt hatte, beunruhigte mich plötzlich nicht mehr, und ich befreundete mich mit dem Gedanken, zwei oder drei Tage im Gebirge zu bleiben. Ich fühlte, daß meine Ratschläge der Mutter Mary-Anns nicht unnütz sein würden. Die gute Dame befand sich in einem Zustand von Exaltation, der sie leicht ins Verderben stürzen konnte. Wenn sie sich beispielsweise darauf versteifte, die Zahlung des Lösegeldes zu verweigern! Bevor noch England ihr zu Hilfe eilen konnte, hatte sie genügend Zeit, Unglück über ein charmantes Köpfchen heraufzubeschwören. Ich durfte mich nicht von ihr trennen, ohne ihr vorher die Geschichte der kleinen Mädchen aus Mistra zu erzählen. Und dann meine Passion für Botanik. Die Flora des Parnis ist gegen Ende April besonders verführerisch. Man findet im Gebirge fünf oder sechs ebenso seltene wie berühmte Pflanzen, darunter besonders eine, die boryana variabilis, die von Herrn Bory aus Saint-Vincent entdeckt und benannt wurde. Durfte ich in meinem Herbarium eine solche Lücke offen lassen und im Museum in Hamburg ohne die boryana variabilis erscheinen?

Ich antwortete dem König: »Ich nehme Ihre Gastfreundschaft an, jedoch unter einer Bedingung.«

»Welcher?«

»Daß Sie mir meine Blechtrommel zurückgeben.«

»Na gut, soll geschehen. Aber ebenfalls unter einer Bedingung!«

»Bitte.«

»Sie müssen mir sagen, wozu Ihnen die Blechbüchse dient.«

»Daran soll es nicht liegen. Ich verwahre in ihr die Pflanzen, die ich sammele.«

»Und wozu sammeln Sie Pflanzen? Um sie zu verkaufen?«

»Pfui doch! Ich bin doch kein Händler, ich bin ein Gelehrter.«

»Ich bin entzückt. Die Wissenschaft ist eine schöne Sache. Unsere Vorfahren waren Gelehrte, unsere Enkel werden es vielleicht wieder sein. Was uns betrifft, uns hat die Zeit gefehlt. Sind die Gelehrten in Ihrer Heimat sehr geschätzt?«

»Unendlich.«

»Gibt man ihnen gute Stellungen?«

»Manchmal.«

»Bezahlt man sie gut?«

»Hinreichend.«

»Heftet man ihnen kleine Bändchen auf die Brust?«

»Zuweilen.«

»Ist es wahr, daß die Städte sich darum streiten, wer sie für sich gewinnt?«

»Das ist wirklich so in Deutschland.«

»Und man betrachtet ihren Tod als ein öffentliches Unglück?«

»Sicherlich.«

»Was Sie da sagen, macht mir große Freude. Sie haben sich also über Ihre Mitbürger nicht zu beklagen?«

»Ganz im Gegenteil, denn ihre Freigebigkeit erlaubt mir, nach Griechenland zu kommen.«

»Sie reisen auf ihre Kosten?«

»Schon seit sechs Monaten.«

»Sie sind also sehr gebildet?«

»Ich habe den Doktor.«

»Gibt es einen höheren wissenschaftlichen Rang?«

»Nein.«

»Wie viele Doktoren zählt die Stadt, in der Sie wohnen?«

»Das weiß ich nicht genau, doch gibt es so viele Doktoren in Hamburg wie Generale in Athen.«

»Oh! Oh! Ich will Ihr Heimatland nicht eines so seltenen Mannes berauben. Sie werden nach Hamburg zurückkehren, Herr Doktor. Was würde man dort wohl sagen, wenn man erführe, daß Sie Gefangener in unseren Bergen sind?«

»Man würde sagen, es sei ein Malheur.«

»Na, sehen Sie! Die Stadt Hamburg würde, ehe sie einen Mann wie Sie verlöre, wohl ein Opfer in der Höhe von fünfzehntausend Francs bringen. Nehmen Sie Ihre Blechtrommel wieder an sich, suchen Sie, herbarisieren Sie und setzen Sie Ihre Studien fort. Warum stecken Sie dieses Geld nicht wieder in Ihre Tasche? Es gehört Ihnen, denn ich respektiere die Gelehrten zu sehr, als daß ich sie ausplündern möchte. Gewiß ist Ihr Heimatland reich genug, um sich seinen Ruhm etwas kosten zu lassen. Glücklicher junger Mann! Heute erleben Sie, wie sehr der Doktortitel Ihren persönlichen Wert erhöht. Ich hätte keinen Centime Lösegeld gefordert, wenn Sie ein Ignorant wie ich gewesen wären.«

Der König hörte weder auf meine Einwendungen noch auf Mme. Simons Zwischenrufe. Er hob die Sitzung auf und wies mit dem Finger auf unseren Speisesaal. Mme. Simons begab sich dorthin, indem sie laut beteuerte, sie würde zwar das Mahl verzehren, dächte aber nicht im Traume daran, die Rechnung dafür jemals zu bezahlen. Mary-Ann schien sehr mutlos, dennoch ist die Beweglichkeit der Jugend derartig groß, daß sie einen Freudenschrei ausstieß, als sie den Lustort sah, an dem unser Tisch gedeckt war. Es war ein in den grauen Felsen eingebettetes grünes Eckchen. Feines, dichtes Gras bildete den Teppich, während etliche dichte Liguster- und Lorbeerbüsche sozusagen die Wandbehänge bildeten, die die steilabfallenden Felsmauern verdeckten. Ein schönes, blaues Gewölbe dehnte sich zu unseren Häuptern aus; zwei langhalsige, in der Luft schwebende Geier schienen zu unserer Augenweide dort aufgehängt zu sein. In einer Ecke des Saales sprudelte lautlos wallend eine diamantklare Quelle in ihrer ländlichen Schale, schwoll über ihren Rand und quoll wie ein silbernes Tuch über den glatten Hang. Endlos breitete sich von hier aus die Fernsicht bis zu der dreieckigen Giebelwand des Pentelikon, dieses mächtigen weißen, Athen beherrschenden Felsenpalastes, über düstere Olivenhaine, die staubige Ebene, den wie das Rückgrat eines Greises gerundeten, graugetönten Hymettus und den wunderbaren Satonischen Meerbusen, den man in seiner Bläue für einen aus den Höhen herabgefallenen Himmelsfetzen gehalten hätte. Ganz gewiß, Mme. Simons neigte nicht zu übertriebener Bewunderung, und dennoch gestand sie, daß eine derartig schöne Aussicht in London oder Paris eine teure Miete kosten würde.

Der Tisch war mit heroischer Einfachheit gedeckt. Ein in einem ländlichen Backofen gebackenes Schwarzbrot rauchte auf dem Rasen und bezauberte den Geruchssinn durch seinen berauschenden Brodem. Dicke Milch zitterte in einer hölzernen Satte. Große Oliven und grüne Paprikaschoten waren auf einem nicht ganz viereckig zugeschnittenen Brettchen aufgeschichtet. Ein haariger Weinschlauch blähte seinen dicken Bauch neben einem naiv ziselierten roten Kupferpokal. Ein Schafskäse lag auf dem Leinwandlappen, in dem er gepreßt worden war und dessen Abdruck er noch bewahrte. Fünf oder sechs Lattichköpfe versprachen einen guten Salat, allerdings fehlte es gänzlich an würzigen Zutaten. Der König hatte uns sein Feldbesteck zur Verfügung gestellt, das aus roh geschnitzten Holzlöffeln bestand, dazu besaßen wir als außerordentlichen Luxus die Gabeln unserer fünf Finger. Zwar hatte man die Toleranz nicht bis zu dem Gipfel getrieben, uns Fleisch zu servieren, dafür versprach mir der goldgelbe Tabak aber eine wunderbare Verdauung.

Ein Offizier des Königs war beauftragt, uns aufzuwarten und uns zu belauschen. Es war der scheußliche Corfiote, der Mann mit dem goldenen Ring, der Englisch verstand. Er schnitt uns mit seinem Dolch Brot ab und verteilte es an uns mit vollen Händen und forderte uns auf, nicht zu sparen. Ohne einen Bissen auszulassen, schleuderte ihm Mme. Simons in hochfahrendem Ton einige Fragen an den Kopf.

»Monsieur«, sagte sie, »glaubt Ihr Herr und Meister etwa ernstlich daran, daß wir ihm ein Lösegeld von hunderttausend Francs zahlen?«

»Er ist dessen sicher, Madame.«

»Hm, da kennt er die englische Nation schlecht.«

»Er kennt sie sogar sehr gut, Madame, ich übrigens auch. In Korfu habe ich es mit etlichen distinguierten Engländern zu tun gehabt, mit englischen Richtern!«

»Sicherlich hatten Sie da was Feines angestellt! Aber sagen Sie diesem Stavros, er solle sich mit Geduld wappnen, denn er wird sehr lange auf die hunderttausend Francs warten können, auf die er hofft.«

»Er hat mich beauftragt, Ihnen mitzuteilen, daß er auf das Geld bis zum 15. Mai wartet, bis Schlag zwölf Uhr mittags.«

»Und wenn wir nun bis zum Mittag des 15. Mai nicht bezahlt haben?«

»Dann wird er zu seinem Bedauern Ihnen und Mademoiselle den Hals abschneiden.«

Mary-Ann ließ das Brot fallen, das sie eben zum Munde führte. »Geben Sie mir einen Schluck Wein«, sagte sie. Der Brigant reichte ihr das volle Trinkgefäß; aber kaum hatte sie ihre Lippen benetzt, als ihr ein Schrei des Ekels und des Entsetzens entschlüpfte, denn das arme Kind bildete sich ein, der Wein sei vergiftet. Ich beruhigte sie, indem ich das Gefäß mit einem Zug leerte. »Fürchten Sie nichts!« sagte ich zu ihr, »es ist nur Harz.«

»Was für Harz?«

»Der Wein würde sich in den Schläuchen nicht halten, wenn man ihm nicht eine gewisse Menge Harz beimischte, das verhindert, daß er verdirbt. Diese Beimischung macht ihn zwar nicht wohlschmeckender, aber, wie Sie sehen, trinkt man ihn ohne Gefahr.«

Trotz meines Beispiels ließen sich Mary-Ann und ihre Mutter Wasser bringen. Der Brigant lief zur Quelle und war in drei Sätzen wieder zurück. Lächelnd sagte er: »Sie verstehen, meine Damen, daß der König nicht den Fehler begehen würde, so teuere Personen, wie Sie es sind, zu vergiften.« Zu mir gewandt fügte er hinzu: »Ihnen, Herr Doktor, habe ich Auftrag mitzuteilen, daß Sie dreißig Tage Zeit haben, Ihre Studien zu beenden und die Summe zu zahlen. Ich werde Ihnen sowie den Damen alles zum Schreiben Notwendige zur Verfügung stellen.«

»Merci!« sagte Mme. Simons. »Wir werden daran in acht Tagen denken, wenn wir bis dahin nicht befreit sein sollten.«

»Durch wen, Madame?«

»Durch England!«

»England ist weit.«

»Oder durch die Gendarmerie.«

»Nun, dazu wünsche ich Ihnen viel Glück. Wünschen Sie in der Zwischenzeit vielleicht noch etwas, was ich Ihnen beschaffen kann?«

»Zunächst einmal verlange ich ein Schlafzimmer.«

»Wir haben hier nahebei einige Grotten, die ›Ställe‹ genannt. Sie würden sich dort aber nicht gerade sehr wohl fühlen, denn während des Winters sind dort die Schafe untergebracht, und deren Geruch ist ihnen verblieben. Ich will bei den Schäfern unten zwei Zelte holen lassen, und Sie kampieren hier ... bis zur Ankunft der Gendarmerie.«

»Ich verlange eine Kammerzofe.«

»Nichts leichter als das. Unsere Leute steigen in die Ebene hinab und halten die erste Bäuerin an, die gerade vorbeikommt ... falls die Gendarmerie es erlaubt.«

»Ich brauche Kleider, Wäsche, Handtücher, Seife, einen Spiegel, Kämme, Parfums, eine Handarbeit, ein ...«

»Das ist ein bißchen viel, Madame. Um das alles aufzutreiben, müßten wir Athen erobern. Man wird jedoch das Menschenmöglichste tun. Zählen Sie auf mich, und zählen Sie nicht zu sehr auf die Gendarmen.«

»Gnade uns Gott!« sagte Mary-Ann.

Ein lauttönendes Echo antwortete: »Kyrie Eleison!«; es war der »Gute Greis«, der uns einen Besuch abstattete und beim Gehen sang, um nicht außer Atem zu kommen. Er begrüßte uns herzlich, stellte im Grase ein mit Honig gefülltes Gefäß ab und setzte sich neben uns.

»Nehmen und essen Sie!« sagte er zu uns. »Meine Bienen bieten Ihnen den Nachtisch an.«

Ich drückte ihm die Hand. Mme. Simons und ihre Tochter wandten sich voller Ekel ab. Sie versteiften sich darauf, in ihm einen Komplizen der Räuber zu sehen. Dabei war das Männlein durchaus nicht arglistig. Er verstand nur, seine Gebete zu singen, seine kleinen Viecher zu versorgen, seine Ernte zu verkaufen, die Einkünfte des Klosters einzutreiben und mit aller Welt in Frieden zu leben. Seine Intelligenz war beschränkt, sein Wissen gleich Null, sein Benehmen unschuldig-einfach wie das einer gut eingestellten Maschine. Ich glaube nicht, daß er klar Gut von Böse unterscheiden konnte und einen großen Unterschied zwischen einem Dieb und einem Ehrenmann machte.

Ich tat dem Geschenk, das er uns gebracht hatte, alle Ehre an. Dieser fast wilde Honig ähnelte dem, den Sie in Frankreich essen, wie das Wildfleisch eines Rehes dem Fleisch eines Lämmchens. Man war versucht zu sagen, die Bienen hätten in einer unsichtbaren Retorte alle Düfte des Gebirges destilliert. Während ich meine Brotschnitte aß, vergaß ich sogar, daß mir nur ein Monat blieb, um fünfzehntausend Francs aufzutreiben oder zu sterben.

Der Mönch seinerseits bat uns um die Erlaubnis, sich ein wenig zu erquicken, und nahm, ohne eine Antwort abzuwarten, den Krug und goß ihn sich bis zum Rande voll. Er trank hintereinander auf die Gesundheit eines jeden von uns. Durch die Neugier angezogen, schlüpften fünf oder sechs Briganten in unseren Saal! Er nannte sie bei ihrem Namen und trank aus Schicklichkeitsgefühl ebenfalls auf die Gesundheit eines jeden von ihnen. Bald verwünschte ich seinen Besuch. Eine Stunde nach seiner Ankunft saß die Hälfte der Bande im Kreise um unseren Tisch. Während der Abwesenheit des Königs, der in seinem Gemach Siesta hielt, kamen die Briganten, einer nach dem anderen, um uns näher kennenzulernen. Die Zutraulichsten baten mich ganz freundschaftlich, ihnen unsere Geschichte zu erzählen. Die Scheueren versteckten sich hinter ihren Kameraden und schoben sich unbemerkt immer näher an uns heran. Einige streckten sich, nachdem sie sich an unserem Anblick satt gesehen hatten, auf dem Grase aus und schnarchten ohne Ziererei in Mary-Anns Gegenwart. Dabei avancierten die Flöhe beständig, und die Gegenwart ihrer ursprünglichen Herren und Gebieter machte sie so verwegen, daß ich ihrer drei oder vier auf meinem Handrücken überraschte. Unmöglich, ihnen das Weiderecht streitig zu machen: ich war schon kein Mensch mehr, ich war eine öffentliche Wiese. In diesem Augenblick hätte ich gern drei der schönsten Pflanzen meines Herbariums für ein Viertelstündchen völliger Einsamkeit eingetauscht. Mme. Simons und ihre Tochter waren freilich zu diskret, um mir ihre Impressionen mitzuteilen, doch bewiesen sie mir durch wiederholtes unfreiwilliges Zusammenzucken die Übereinstimmung unserer Gedanken. Ich überraschte sogar verzweifelte Blicke, die ganz klar bedeuteten: die Gendarmen werden uns von den Dieben befreien, wer aber wird uns die Flöhe vom Halse schaffen? Diese stumme Klage erweckte in meinem Herzen ein ritterliches Gefühl. Ich hatte mich damit abgefunden zu leiden, aber die Qual Mary-Anns mit anzusehen, das ging über meine Kräfte. Entschlossen erhob ich mich und sagte zu den Aufdringlichen:

»Macht allesamt, daß ihr fortkommt! Der König hat uns hier untergebracht, damit wir bis zur Ankunft unseres Lösegeldes ruhig leben. Die Miete kommt uns genügend hoch zu stehen, um das Recht zu haben, allein zu bleiben. Schämt ihr euch denn gar nicht, euch wie schmarotzende Hunde um einen Tisch zusammenzurotten? Ihr habt hier nichts verloren. Wir benötigen euch nicht, wir benötigen lediglich, von euch befreit zu sein. Glaubt ihr etwa, wir könnten von hier entwischen? Auf welchem Wege denn? Etwa über den Wasserfall? Oder durch das Kabinett des Königs? Laßt uns also in Frieden. Corfiote, wirf sie hinaus, und wenn du willst, werde ich dir dabei helfen.«

Ich ließ dem Wort die Tat folgen. Ich trieb die Nachzügler an, weckte die Schläfer, schüttelte den Mönch, zwang den Corfioten, mir zu helfen. Endlich waren wir mit dem Corfioten allein. Ich sagte zu Mrs. Simons: »Madame, hier sind wir nun zu Hause. Ist es Ihnen recht, daß wir das Appartement aufteilen? Ich brauche nur ein kleines Eckchen, um mein Zelt aufzurichten. Hinter diesen Bäumen werde ich mich ganz wohl fühlen. Der Rest gehört Ihnen. Sie haben die Quelle zur Hand, deren Nachbarschaft Sie kaum stören dürfte.«

Mein Angebot wurde ziemlich mißlaunig aufgenommen. Die Damen wären am liebsten allein geblieben. Der Corfiote unterstützte meinen Vorschlag, der seinen Wachtdienst wesentlich vereinfachte, denn er hatte den Auftrag, uns Tag und Nacht zu bewachen. Es wurde ausgemacht, er solle neben meinem Zelt schlafen. Ich bedingte mir einen Abstand von sechs englischen Fuß aus.

Nach Abschluß des Vertrages ließ ich mich in meiner Ecke nieder, um mein Hauswild zu jagen. Kaum aber hatte ich das erste Halali geblasen, als unter dem Vorwande, uns die Zelte zu bringen, die Neugierigen wieder auftauchten. Mme. Simons schrie schrill auf, als sie sah, daß ihr Haus aus nichts weiter als einem großen Stück groben Filzgewebes bestand, das, in der Mitte gefaltet, an den Ecken durch Pflöcke festgehalten wurde und an beiden Öffnungen den Wind frei durchließ. Der Corfiote schwor, wir seien wie die Fürsten untergebracht, ausgenommen den Fall, daß es regne oder ein scharfer Wind blase. Die ganze Räuberbande hielt sich für verpflichtet, die Zeltpflöcke festzumachen, unsere Betten aufzuschlagen und die Decken herbeizuschleppen. Jedes Bett bestand aus einem Ziegenfellmantel und einem Teppich. Um sechs Uhr kam der König selber, um sich davon zu überzeugen, daß es uns an nichts fehlte. Zorniger denn je antwortete Mme. Simons, es fehle ihr einfach an allem. Ich bat dann noch förmlich um den Ausschluß jeglicher Besucher. Der König stellte ein strenges Reglement auf, das aber niemals befolgt wurde. Discipline ist ein französisches Wort, das schwer ins Griechische zu übersetzen ist. – Der König und seine Untertanen zogen sich um sieben Uhr zurück, und man servierte uns das Souper. Vier Fackeln aus harzigem Holz erhellten unsere Tafel. Der Tag war für alle beschwerlich gewesen, und ich wurde bald gewahr, daß ich nur einen Hunger hatte, nämlich den nach Schlaf. Ich wünschte den Damen eine gute Nacht und zog mich unter mein Zelt zurück. Dort vergaß ich augenblicks Gefahr, Lösegeld, Flohstiche: ich schloß die Augen und schlief ein.

Jäh weckte mich schreckliches Flintengeknatter. Ich sprang so heftig auf, daß ich mit meinem Kopf gegen die Stöcke meines Zeltes stieß. In demselben Augenblick hörte ich zwei Frauenstimmen schreien: »Wir sind gerettet! Die Gendarmen!« Undeutlich sah ich zwei, drei Gespenster durch die Nacht huschen. In meiner freudigen Verwirrung umarmte ich den ersten Schatten, der mir in die Arme lief: es war der Corfiote.

»Halt!« brüllte er. »Wohin laufen Sie, bitte?«

»Hund von einem Dieb«, antwortete ich, mir den Mund wischend, »ich will sehen, ob die Gendarmen endlich alle deine Kameraden niedergeknallt haben.«

Mme. Simons und ihre Tochter gesellten sich, von meiner Stimme geleitet, zu uns. Der Corfiote sagte:

»Die Gendarmen sind heute nicht unterwegs. Es ist Himmelfahrt und zudem Erster Mai, ein doppeltes Fest also. Der Krach, den Sie vernommen haben, ist das Signal zu den Belustigungen. Mitternacht ist vorbei, und bis morgen um dieselbe Stunde werden unsere Kumpane Wein trinken, Fleisch essen, die Romaïque tanzen und Pulver verknallen. Wenn Sie dieses schöne Schauspiel zu sehen wünschen, würden Sie mir eine große Freude bereiten. Ich kann Sie viel angenehmer beim Festbraten als am Rande der Quelle bewachen.«

»Sie lügen!« sagte Mme. Simons. »Es sind die Gendarmen!«

»Gehen wir nachsehen!« fügte Mary-Ann hinzu.

Ich folgte ihnen. Der Krach war so groß, daß es fruchtloses Bemühen gewesen wäre, schlafen zu wollen. Unser Führer leitete uns durch das Kabinett des Königs und zeigte uns das Räuberlager, das wie durch eine Feuersbrunst erhellt war.

Ganze Pinien loderten hie und da in hellen Flammen. Die Räuber saßen in Gruppen um das Feuer und brieten Lämmer, die an langen Spießen steckten. Mitten durch die Menge schlängelten sich nach den Tönen einer grauenhaften Musik die Tänzer. Aus allen Himmelsrichtungen knallten Schüsse, deren einer sich in unsere Richtung verirrte, so daß ich eine Kugel wenige Zoll weit an meinem Ohr vorbeipfeifen hörte. Ich bat die Damen, ihre Schritte zu beschleunigen, da ich hoffte, wir würden in unmittelbarer Nähe des Königs der Gefahr entrückt sein. Auf seinem ewigen Teppich sitzend, präsidierte er den Belustigungen seines Volkes. Rings um ihn wurden die Weinschläuche wie simple Flaschen geleert, Lämmer wie Rebhühner zerteilt. Jeder Gast schnappte sich eine Hammelkeule oder -schulter und trug sie in den Händen davon. Das Orchester setzte sich aus einem dumpfen Tamburin und einer schrillen Flöte zusammen. Die Tänzer hatten ihre Fußbekleidung abgelegt, um beweglicher zu sein. Sie arbeiteten sich wie Wahnsinnige auf der Stelle ab und ließen ihre Knochen nach dem Takt oder doch ungefähr nach dem Takt knacken. Von Zeit zu Zeit verließ einer von ihnen den Tanz, schüttete ein Gefäß Wein hinunter, biß in ein Stück Fleisch, knallte mit der Flinte und kehrte in den Reigen zurück. Den König ausgenommen, tranken alle, aßen, brüllten und sprangen. Lachen sah ich nicht einen einzigen.

Hadgi-Stavros entschuldigte sich galanterweise, uns geweckt zu haben.

»Nicht ich bin schuld daran«, sagte er, »es ist so Sitte. Wenn der Erste Mai ohne Flintenschüsse vorbeiginge, würden die braven Leute nicht an die Rückkehr des Frühlings glauben. Ich verfüge hier ja nur über einfache, auf dem Lande aufgewachsene Burschen, die an den alten Bräuchen hängen. Ich habe sie erzogen, so gut ich es eben vermochte, doch ich werde sterben, ehe ich diese Erziehung vollendet haben werde. Menschen lassen sich nicht an einem Tage umschmelzen wie silberne Eßbestecke. Sogar ich habe an diesen plumpen Hüpfereien meinen Spaß gehabt, auch ich habe wie alle anderen getrunken und getanzt. Ich kannte die europäische Zivilisation damals noch nicht. Ich gäbe viel darum, jung, nicht älter als fünfzig Jahre zu sein. Ich habe Reformideen, die nie ausgeführt werden dürften, denn ich bin wie Alexander ohne Erben, der meiner würdig wäre. Ich erträumte mir eine neue Organisation des Räuberwesens, ohne Unordnung, ohne Ungestüm, ohne Geräusch. Aber, ich bin allein. Ich müßte die genaue Liste aller Einwohner des Königreiches zur Verfügung haben mit den Angaben über den annähernden Stand ihres Vermögens, ihrer Mobilien und Immobilien. Was die Ausländer betrifft, die bei uns an Land gehen, müßte ein eigens in jedem Hafen eingesetzter Beamter mir ihre Namen, ihren Reiseweg und, falls möglich, ihr Vermögen bekanntgeben. Auf diese Art wüßte ich dann, was jeder mir geben kann, und ich käme nicht mehr in die Verlegenheit, zu viel oder zu wenig zu fordern. Auf allen Landstraßen würde ich Posten mit sauberen, wohlerzogenen und gut gekleideten Beamten einrichten. Wozu die Kundschaft durch anstößiges Benehmen und abstoßende Gesichter verscheuchen? In Frankreich und auch in England habe ich Diebe gesehen, die bis zur Übertreibung elegant waren. Sie machten deswegen keine schlechten Geschäfte.

Von all meinen Untergebenen würde ich ausgesuchte Manieren verlangen, besonders von den Angestellten in der Abteilung für zeitweiligen Freiheitsentzug. Für vornehme Gefangene wie Sie zum Beispiel würde ich eine komfortable Unterbringung in frischer Luft in Gärten bereithalten. Und glauben Sie nicht etwa, daß das für Sie teurer werden würde. Ganz im Gegenteil. Wenn alle, die im Königreich reisen, durch meine Hände gingen, könnte ich jeden auf eine unbedeutende Summe taxieren. Gäbe jeder Landesbewohner und jeder Ausländer mir lediglich ein Viertelprozent seines gesamten Vermögens, so würde ich allein schon an der Menge verdienen. Der Straßenraub wäre dann nichts weiter als eine Verkehrssteuer: eine gerechte Steuer, denn sie wäre ja eine Verhältnissteuer; eine normale Steuer. Wir würden sie sogar nötigenfalls durch Jahresabonnements vereinfachen. Durch einmalige Zahlung einer bestimmten Summe erhielte man einen Geleitbrief für die Landesbewohner und ein Visum auf dem Reisepaß der Ausländer. Sie werden vielleicht einwenden, daß nach der Verfassung keine Steuer ohne das Votum der beiden Kammern festgesetzt werden darf. Ach, mein lieber Herr, wenn ich nur genügend Zeit hätte! Ich würde mir den ganzen Senat kaufen, ich würde eine mir ganz ergebene Deputiertenkammer ernennen, und das Gesetz würde einstimmig angenommen werden; man würde selbst, wenn's nötig wäre, ein Landstraßenministerium einrichten. Das würde zunächst nicht billig sein, aber nach vier Jahren hätte ich meine Unkosten wieder ... ich würde sogar die Landstraßen instand halten, das ginge mit in den Kauf.«

Er seufzte tief, um dann fortzufahren: »Sie sehen, mit welcher Ungezwungenheit ich Ihnen von meinen Angelegenheiten spreche. Das ist eine alte Gewohnheit, von der ich nicht lassen kann. Ich habe stets nicht nur in der frischen Luft, sondern auch in voller Öffentlichkeit gelebt. Unser Beruf wäre ja geradezu schmählich, wenn man ihn heimlich ausübte. Ich verberge mich nicht, denn ich fürchte niemanden. Sollten Sie in den Zeitungen lesen, man wäre hinter mir her, können Sie den Leuten ohne weiteres sagen, daß das eine parlamentarische Finte ist, denn man weiß jederzeit, wo ich mich aufhalte. Ich fürchte weder die Minister noch die Armee und auch nicht die Gerichte. Alle Minister wissen, daß ich ihr Kabinett mit einer Handbewegung stürzen kann. Die Armee ist für mich, denn sie liefert mir Rekruten, wenn ich solche benötige. Ich entleihe bei ihr Soldaten und gebe ihr Offiziere zurück. Was nun die Herren Richter betrifft, so kennen sie meine Gefühle genau. Ich schätze sie nicht, jedoch dauern sie mich. Arm und dazu noch schlecht bezahlt, wie sie sind, kann man kaum von ihnen verlangen, ehrenhaft zu bleiben. Ich ernähre etliche von ihnen, andere kleide ich; ich habe in meinem Leben nur wenige von ihnen aufgeknüpft; ich bin sozusagen der Wohltäter des Richterstandes.«

Mit großartiger Geste zeigte er auf Himmel, Meer und Land. »All das«, sagte er zu mir, »gehört mir. Alles, was im Königreich atmet, ist durch Furcht, Freundschaft oder Bewunderung mir untertan. Wohl habe ich nicht wenig Augen weinen machen, und dennoch gibt es keine Mutter, die nicht einen Sohn wie Hadgi-Stavros haben möchte. Der Tag wird kommen, wo die Doktoren, wie Sie, meine Geschichte schreiben werden und die Inseln des Archipels sich um den Ruhm, mein Geburtsort zu sein, streiten werden. Mein Bild wird in den Hütten neben den Heiligenbildern, die man auf dem Berge Athos kauft, hängen. Dann werden die Enkelkinder meiner Tochter, und wären sie regierende Fürsten, mit Stolz von ihrem Ahnen, dem König der Berge, sprechen!«

Vielleicht werden Sie über meine germanische Einfältigkeit lachen, aber dieser höchst sonderbare Diskurs bewegte mich bis ins Innerste. Ich bewunderte, gegen meinen Willen, diese Größe im Verbrechen. Ich hatte bis dahin noch niemals Gelegenheit gehabt, einem majestätischen Schurken zu begegnen. Dieser Teufelskerl, der mir am Monatsende den Hals abschneiden wollte, flößte mir beinahe Respekt ein.

Sein großflächiges, inmitten der Orgie heiteres Gesicht erschien mir wie die unbewegliche Maske des Schicksals. Ich konnte es nicht lassen, auszurufen: »Ja, Sie sind wirklich ein König!«

Er antwortete lächelnd:

»Wahrhaftig, denn ich habe selbst unter meinen Feinden noch Schmeichler. Suchen Sie keine Ausflüchte! Ich verstehe in den Gesichtern zu lesen, und Sie haben mich an diesem Morgen wie einen Mann angesehen, den man am liebsten hängen sähe.«

»Da Sie mich auffordern, freimütig zu sein, gebe ich es zu, daß ich übler Laune war. Sie haben von mir ein unvernünftig hohes Lösegeld gefordert. Daß Sie diesen Damen, die so viel besitzen, hunderttausend Francs abverlangen, ist eine natürliche Sache und paßt durchaus zu Ihrem Handwerk; daß Sie aber von mir fünfzehntausend verlangen, von mir, der ich nichts besitze, das ist eine Sache, die ich nie billigen werde.«

»Dennoch ist nichts einfacher als das. Alle Fremden, die zu uns kommen, sind reich. Sie geben vor, nicht auf eigene Kosten zu reisen; ich will Ihnen das glauben. Aber diejenigen, die Sie hierher geschickt haben, geben Ihnen jährlich mindestens drei- bis viertausend Francs. Wenn sie sich diese Ausgabe leisten, werden sie ihre Gründe dafür haben, denn man tut nichts umsonst. Sie, mein Herr, stellen also in ihren Augen ein Kapital von sechzig- bis achtzigtausend Francs dar. Folglich machen sie, wenn sie Sie für fünfzehntausend zurückkaufen, noch ein gutes Geschäft.«

»Aber das Institut, das mich besoldet, besitzt keinerlei Kapital. Der Haushaltsplan des Botanischen Gartens wird alljährlich vom Senat bewilligt, seine Mittel sind beschränkt; man hat einen derartigen Fall niemals vorgesehen; ich weiß wirklich nicht, wie ich es Ihnen erklären soll ... Sie können nicht begreifen ...«

»Und selbst wenn ich begriffe«, unterbrach er mich hochfahrenden Tones, »glauben Sie etwa, ich nähme zurück, was ich einmal gesagt habe? Meine Worte sind Gesetze, und wenn ich will, daß man sie respektiert, darf ich sie nicht selber verletzen.

Ich habe das Recht, ungerecht zu sein, das Recht aber, schwach zu sein, das habe ich nicht. Schließlich schädigen meine Ungerechtigkeiten lediglich die anderen; eine Schwäche aber wäre mein Verderben. Wüßte man, daß ich durch Bitten zu erweichen bin, dann würden meine Gefangenen tausend Bitten ausfindig machen, um mich zu besiegen, anstatt das Geld ausfindig zu machen, um mich zu bezahlen. Ich bin keiner Ihrer europäischen Briganten, die eine Mischung von Härte und Großmut darstellen, von Spekulation und Unvorsichtigkeit, von grundloser Grausamkeit und unentschuldbarer Rührseligkeit, um albernerweise auf dem Schafott zu enden. Ich habe vor Zeugen gesagt, daß ich fünfzehntausend Francs oder Ihren Kopf bekomme. Sehen Sie zu, wie Sie sich aus der Schlinge ziehen; aber, so oder so, ich werde meinen Willen haben. Hören Sie zu: im Jahre 1854 habe ich zwei kleine Mädchen, die gerade das Alter meiner lieben Photini hatten, verurteilt. Weinend streckten sie ihre Ärmchen gegen mich aus, dessen Vaterherz ob ihres Wehgeschreis blutete. Vasile, der sie getötet hat, mußte mehrmals dazu ansetzen, weil seine Hand zitterte. Indessen, ich bin unbeugsam gewesen, denn das Lösegeld war nicht gezahlt worden. Glauben Sie etwa, daß ich Sie nach dem Vorgefallenen begnadigen kann? Zu was wäre es dann noch nütze, diese armen Kreaturen getötet zu haben, wenn man vernähme, daß ich Sie umsonst zurückgeschickt habe?«

Ich senkte den Kopf, ohne ein Wort der Erwiderung gefunden zu haben. Ich hatte tausendmal recht, doch wußte ich der mitleidlosen Logik des alten Henkers nichts entgegenzusetzen. Er weckte mich durch einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter aus meinen Grübeleien. »Nur Mut!« sagte er zu mir. »Ich habe dem Tod näher als Sie ins Auge geschaut. Wahrend des Unabhängigkeitskrieges ließ Ibrahim mich durch sieben Ägypter erschießen. Sechs Kugeln gingen fehl, die siebente schlug gegen meine Stirn, ohne jedoch einzudringen. Als die Türken kamen, um meinen Kadaver fortzuschaffen, war ich im Pulverdampf verschwunden. Sie werden länger leben, als Sie denken. Schreiben Sie an alle Ihre Freunde in Hamburg. Sie haben eine gute Erziehung genossen, ein Doktor muß für mehr als fünfzehntausend Francs Freunde besitzen. Ich wünsche es Ihnen in Ihrem eigenen Interesse. Ich hasse Sie nicht; Sie haben mir nie etwas getan; Ihr Tod würde mir nicht das geringste Vergnügen bereiten, und ich freue mich bei dem Gedanken, daß Sie die Geldmittel finden werden, um in bar zu zahlen. Gehen Sie inzwischen mit den Damen sich ausruhen. Meine Leute haben einen Schluck zuviel getrunken und betrachten die Engländerinnen mit Blicken, die nichts Gutes versprechen. Die armen Teufel sind zu einem sittenstrengen Leben verdammt und haben nicht wie ich ihre siebzig Jahre auf dem Buckel. Zu gewöhnlichen Zeiten zähme ich sie ja durch schwere Arbeit, aber, in einer Stunde, falls die Demoiselle hierbleiben sollte, stehe ich für nichts ein.«

Tatsächlich bildete sich um Mary-Ann, die diese fremdartigen Gesichter voll unschuldiger Neugier betrachtete, ein drohender Kreis. Die vor ihr hockenden Räuber sprachen einander laut in die Ohren und machten ihr Elogen in Ausdrücken, die sie zum Glück nicht verstand. Der Corfiote, der die verlorene Zeit längst wieder eingebracht hatte, reichte ihr einen Becher mit Wein, den sie stolz zurückstieß, so daß er die Anwesenden bespritzte. Fünf oder sechs Trinker, die mehr entflammt waren, rempelten sich an, schlugen sich und wechselten herzhafte Faustschläge, wie um sich zu erwärmen und zu anderen Unternehmungen zu ermutigen. Ich machte Mme. Simons ein Zeichen, worauf sie sich mit ihrer Tochter erhob. In dem Augenblick aber, als ich Mary-Ann den Arm bot, kam Vasile, weingerötet, schwankend auf uns zu und machte eine Bewegung, als wollte er sie um die Taille fassen. Als ich das sah, kochte der Zorn in mir hoch, und rötlicher Nebel stieg in mein Hirn. Ich sprang den Elenden an und legte meine zehn Finger wie eine Krawatte um den Hals. Er suchte mit der Hand seine Leibbinde und tastete nach dem Griff seines Messers; ehe er es jedoch fassen konnte, sah ich ihn meinen Händen entrissen und durch die große mächtige Hand des alten Königs wohl zehn Schritt weit nach rückwärts geschleudert. Aus den Tiefen der Horde erhob sich ein Murren. Hadgi-Stavros erhob seine Stimme und schrie: »Schweigt! Zeigt, daß ihr Hellenen und nicht Albanier seid!« Mit gedämpfter Stimme fuhr er fort: »Wir wollen machen, daß wir rasch fortkommen. Corfiote, geh nicht von meiner Seite! Und Sie, Monsieur Allemand, sagen Sie den Damen, daß ich vor dem Eingang ihres Zimmers schlafen werde.«

Er verzog sich mit uns, vor ihm ging seine Wache, die ihn Tag und Nacht nicht verließ. Zwei oder drei der Betrunkenen machten Miene uns zu folgen; er stieß sie unsanft zurück. Wir waren noch keine hundert Schritt von der Menge entfernt, als eine Kugel mitten durch unsere Gruppe pfiff. Der alte Pallikare geruhte nicht einmal den Kopf zu wenden, sah mich lächelnd an und sagte halblaut: »Man muß Nachsicht üben, es ist Himmelfahrt.« Auf dem Wege benützte ich die Geistesabwesenheit des Corfioten, der bei jedem Schritt torkelte, um Mme. Simons um eine Unterredung unter vier Augen zu bitten. »Ich habe«, sagte ich zu ihr, »Ihnen ein wichtiges Geheimnis anzuvertrauen. Gestatten Sie mir, mich bis zu Ihrem Zelt zu schleichen, während unser Wachthund den Schlaf Noahs schlafen wird.«

Ich weiß nicht, ob dieser biblische Vergleich ihr unehrerbietig erschien, jedenfalls antwortete sie trocken, sie wisse nicht, was für Geheimnisse sie mit mir auszutauschen habe. Ich bestand auf meinem Vorschlag. Sie gab nicht nach. Nun sagte ich ihr, ich hätte das Mittel gefunden, um uns alle zu retten, ohne daß es uns etwas kosten werde. Sie warf einen Blick voller Mißtrauen auf mich, beriet sich mit ihrer Tochter und bewilligte mir schließlich, worum ich sie bat. Hadgi-Stavros begünstigte unser Rendezvous noch, indem er den Corfioten bei sich behielt. Er ließ seinen Teppich auf den oberen Absatz der kunstlosen Treppe bringen, die zu unserem Lagerplatz führte, legte seine Waffen griffbereit hin, hieß die Wache sich rechts und den Corfioten links niederlegen und wünschte uns goldige Träume.

Ich blieb vorsichtig in meinem Zelt, bis drei verschiedene Schnarchtöne mir die Gewißheit gaben, daß unsere Wächter eingeschlafen waren. Der Lärm des Festes ließ merklich nach. Lediglich zwei oder drei verspätete Flintenschüsse zerrissen von Zeit zu Zeit das Schweigen der Nacht. Unsere Nachbarin, die Nachtigall, setzte ruhig ihren begonnenen Gesang fort. Ich kroch längs der Bäume bis zum Zelt von Mme. Simons. Mutter und Tochter erwarteten mich schon auf dem taufeuchten Grase sitzend, denn die englischen Sitten untersagten mir streng den Eintritt in ihr Schlafgemach.

»Sprechen Sie, Monsieur«, sagte Mme. Simons zu mir, »aber beeilen Sie sich. Sie wissen ja, wie nötig wir die Ruhe haben.«

Ich antwortete voller Überzeugung: »Meine Damen! Was ich Ihnen sagen will, verlohnt wohl eine Stunde Schlaf. Wollen Sie innerhalb von drei Tagen frei sein?«

»Aber, Monsieur, wir werden es bereits morgen sein, oder England wäre nicht mehr England! Dimitri muß meinen Bruder gegen fünf Uhr benachrichtigt haben; mein Bruder hat unseren Gesandten zur Dinnerstunde gesehen; vor Einbruch der Nacht sind die Befehle ergangen, und die Gendarmen sind auf dem Wege, was auch immer der Corfiote darüber sagt, und wir werden morgen früh zum Frühstück bereits befreit sein.«

»Lullen wir uns nicht mit Illusionen ein! Die Zeit drängt. Ich jedenfalls zähle nicht auf die Gendarmerie; unsere Sieger sprechen zu geringschätzig von ihr, um sie zu fürchten. Ich habe stets sagen hören, daß in diesem Lande Jäger und Wild, Gendarm und Brigant sehr gut miteinander auskommen. Ich vermute, daß, wenn man allenfalls etliche Leute uns zu Hilfe schicken sollte, Hadgi-Stavros sie kommen sehen und uns auf abgelegenen Wegen in einen anderen Schlupfwinkel verschleppen wird. Er kennt das Land wie seine Tasche, alle Felsen sind seine Komplicen, alle Gebüsche seine Verbündeten, alle Schluchten und Hohlwege seine Hehler. Der Parnis ist mit ihm gegen uns; er ist der König der Berge!«

»Bravo, Monsieur! Hadgi-Stavros ist Gott, und Sie sind sein Prophet! Er würde gerührt sein, hörte er, mit welcher Bewunderung Sie von ihm reden. Ich hatte es erraten, daß Sie zu seinen Freunden zählen, als ich sah, wie er Ihnen auf die Schultern klopfte und im Vertrauen zu Ihnen sprach. Ist er es selber vielleicht, der Ihnen den Plan zur Flucht eingegeben hat, den Sie uns vorschlagen wollen?«

»Stimmt, Madame! Er selber ist es, oder vielmehr seine Korrespondenz. Heute morgen, während er seine Post diktierte, habe ich das unfehlbare Mittel entdeckt, uns kostenlos zu befreien. Wollen Sie gefälligst an Ihren Bruder schreiben, er solle die Summe von 115 000 Francs zusammenbringen, hundert für Ihr Lösegeld, fünfzehn für meins, und sie schnellstmöglich durch einen vertrauenswürdigen Mann, durch Dimitri, hierherschicken.«

»Durch Ihren Freund Dimitri an Ihren Freund, den König der Berge? Tausend Dank, lieber Herr! Um diesen Preis also werden wir kostenlos befreit werden?«

»Jawohl, Madame! Übrigens ist Dimitri nicht mein Freund, und Hadgi-Stavros wird sich kein Gewissen daraus machen, mir den Kopf abzuschneiden. Doch, ich fahre fort: als Gegengabe, als Austausch gegen das Geld verlangen Sie vom König eine Quittung, eine Empfangsbescheinigung.«

»Einen allerliebsten Wisch werden wir da haben!« »Mit diesem Wisch werden Sie Ihre 115 000 Francs, ohne einen Centime Verlust, wieder bekommen, und gleich werden Sie sehen, wie.«

»Bonsoir, Monsieur! Sparen Sie sich die Mühe, mir weiter davon zu sprechen. Seit dem Augenblick, wo wir in diesen glückseligen Gefilden an Land gestiegen sind, sind wir von aller Welt bestohlen worden. Die Zollbeamten am Piräus haben uns bestohlen; der Kutscher, der uns nach Athen gefahren hat, hat uns bestohlen; unser Herbergsvater hat uns bestohlen; unser Domestique de place, der nicht Ihr Freund ist, hat uns diesen Dieben in die Hände gespielt; wir sind auf einen verehrungswürdigen Mönch gestoßen, der das Fell, das man uns abgezogen hat, mit den Räubern geteilt hat; alle diese Herren, die da oben trinken, sind Diebe; diejenigen, die vor unserer Türe schlafen, um uns zu beschützen, sind Diebe; Sie sind der einzige ehrliche Mensch, auf den wir in Griechenland gestoßen sind, und Ihre Ratschläge sind die allerbesten der Welt; ach ... bonsoir, Monsieur, bonsoir!«

»Um Himmels willen, Madame! ... ich will mich nicht rechtfertigen! Denken Sie von mir, was Sie wollen. Lassen Sie mich Ihnen einzig und allein sagen, wie Sie wieder zu Ihrem Gelde kommen.«

»Ja, aber wie wollen Sie denn, daß ich es wiederbekomme, wenn doch die ganze Gendarmerie des Königreiches nicht einmal uns wiederbekommt? Ist Hadgi-Stavros denn plötzlich nicht mehr König der Berge? Kennt er die abgelegenen Wege nicht mehr? Sind die Schluchten, die Gebüsche, die Felsen nicht mehr seine Hehler und seine Komplicen? Bonsoir, Monsieur! Ich werde Ihren schönen Eifer schon öffentlich bezeugen; ich werde den Briganten ausrichten, daß Sie Ihren Auftrag ausgeführt haben; aber, ein für allemal, Bonsoir!«

Die gute Dame gab mir einen Stoß gegen die Schultern und kreischte ihr Bonsoir so schrillen Tones, daß ich zitterte, sie könnte unsere Wächter wecken, und flüchtete jämmerlich unter mein Zelt. Was für ein Tag war das! Ich machte mich daran, alle Zwischenfälle zu rekapitulieren, die seit der Stunde, da ich Athen auf der Suche nach der boryana variabilis verlassen hatte, auf mein armes Haupt gehagelt waren. Der Alleströster Schlaf wollte mir nicht zu Hilfe kommen. Ich war durch die Ereignisse überbürdet und mir fehlte die Kraft zum Schlafen. Über meinen schmerzlichen Betrachtungen erhob sich der junge Tag. Mit erloschenem Auge verfolgte ich die Sonne, wie sie sich über den Horizont erhob. Allmählich folgten dem nächtlichen Schweigen ungewisse Geräusche. Ich hatte nicht einmal mehr den Mut, auf meiner Uhr nachzusehen, wie spät es war, noch auch nur den Kopf zu wenden, um zu sehen, was rings um mich vorging. Alle meine Sinne waren durch die Übermüdung und die Mutlosigkeit abgestumpft. Bei diesem gänzlichen Verfall meiner Fähigkeiten hatte ich eine Vision. Mir schien es, ich sei lebendig begraben, mein Zelt aus dem schwarzen Filz ein blumengeschmückter Katafalk und über meinem Haupte sänge man die Totengebete. Furcht ergriff mich, ich wollte schreien, doch die Worte blieben mir in der Kehle stecken oder wurden durch die Stimmen der Chorsänger übertönt. Ich vernahm die Verse und die dazugehörigen Antworten hinreichend deutlich, um festzustellen, daß man meinen Trauergottesdienst auf griechisch abhielt. Ich machte eine gewaltsame Bewegung, meinen rechten Arm zu bewegen. Er war wie aus Blei. Ich streckte den linken Arm aus, er gab leicht nach, stieß gegen das Zelt und ließ dadurch etwas herabfallen, was ein Blumenstrauß zu sein schien. Ich rieb meine Augen, ich setzte mich aufrecht, ich untersuchte die vom Himmel herabgefallenen Blumen und erkenne in dem Buschen eine süperbe Probe der boryana variabilis. Wirklich, sie war es! Ich betastete ihre gelappten Blätter, ihren Blumenkelch, ihre aus fünf schrägzusammengesetzten Blumenblättern bestehende Blumenkrone, die an der Basis durch ein Staubfädennetz vereint waren, ihre zehn Staubgefäße, ihr aus fünf Logen bestehendes Ovarium. Ich hielt die Königin der Malvaceen in meiner Hand. Durch welchen Zufall aber befand sie sich in der Tiefe meines Grabes? Wie sie von hier dem Botanischen Garten in Hamburg zuschicken? In diesem Augenblick lenkte ein heftiger Schmerz meine Aufmerksamkeit auf meinen rechten Arm. Während mehrerer Stunden nämlich hatte mein Kopf auf ihm gelegen, und unter dessen Druck war er eingeschlafen. Ich lebte also noch, denn der Schmerz ist eines der Privilegien des Lebens! Ja ... aber ... was bedeutete denn dieser Trauergesang, der beharrlich in meinen Ohren summte? Ich stand auf. Unser Appartement war noch in demselben Zustande wie am Abend zuvor. Mme. Simons und Mary-Ann schliefen tief. Ein großes, dem meinen gleiches Bukett hing auch an der Spitze ihres Zeltes. Da endlich erinnerte ich mich, daß die Griechen die Gewohnheit haben, in der Nacht zum Ersten Mai alle ihre Behausungen mit Blumen zu schmücken. Diese Buketts und die boryana variabilis rührten also von der großzügigen Freigebigkeit des Königs her. Der Trauergesang verfolgte mich immer noch. Ich kletterte die Treppe hinauf, die ins Kabinett Hadgi-Stavros' führte, und erblickte ein Schauspiel, weit kurioser als alles, was mich am Vorabend in Erstaunen gesetzt hatte. Unter der königlichen Tanne war ein Altar errichtet worden. Der mit prächtigem Ornat bekleidete Mönch hielt mit eindrucksvoller Würde die feierliche Messe ab. Unsere nächtlichen Trinker hatten sich, die einen aufrechtstehend, die anderen im Staube kniend, alle mit fromm entblößten Häuptern in kleine Heilige verwandelt; einer küßte devot eine Ikone, ein anderer bekreuzigte sich aus Leibeskräften; die Eifrigsten schlugen die Stirn gegen den Boden und fegten den Erdboden mit ihren Haaren. Die junge Wache des Königs zirkulierte zwischen den Reihen, einen Teller in der Hand, und sagte: »Gebt Almosen! Wer der Kirche gibt, leiht Gott!« Und die Centimestücke regneten nur so, und dieses Geräusch der fallenden Kupfermünzen begleitete die Stimme des Priesters und die Gebete der Gläubigen. Als ich unter die Versammlung der Gläubigen trat, grüßten mich alle mit diskreter Herzlichkeit, die an die Urzeiten der Kirche erinnerte. Hadgi-Stavros, der neben dem Altar stand, machte mir neben sich Platz. Er hielt ein großes Buch in der Hand, und machen Sie sich ein Bild von meiner Überraschung, als ich sah, daß er die Liturgie laut psalmodierte. Der Brigant las also Messe. Er hatte in seiner Jugend die niederen Weihen empfangen, er war Lektor oder Anagnost, also ein Ausleger der Heiligen Schrift. Ein Weihegrad mehr, und er wäre Exorzist geworden und ihm wäre die Macht erteilt worden, Dämonen auszutreiben. Wirklich, mein Herr, ich bin keiner jener Reisenden, die über alles staunen, und praktiziere ziemlich energisch das nil admirari, doch ich stand wie aus den Wolken gefallen und völlig verdutzt vor dieser sonderbaren Zeremonie. Wenn man diese Kniebeugen sah, diese Gebete hörte, hätte man annehmen können, die Akteure seien höchstens der Götzendienerei schuldig. Ihr Glauben schien lebendig und ihre Überzeugung tief, ich jedoch, der sie am Werke gesehen hatte und wußte, wie wenig sie in ihren Taten christlich waren, ich konnte nicht umhin mich selbst zu fragen: Wen betrügt man hier eigentlich?

Das Offizium dauerte bis Mittag. Eine Stunde später war der Altar verschwunden, die Räuber hatten wieder zu trinken begonnen, und der »Gute Greis« hielt durchaus mit.

Hadgi-Stavros nahm mich beiseite und fragte mich, ob ich schon geschrieben hätte. Ich versprach ihm, mich unmittelbar ans Werk zu machen, und er ließ mir Rohrfedern, Tinte und Papier geben. Ich schrieb an John Harris, an Christodulos und an meinen Vater. Ich bat Christodulos, sich bei seinem alten Kameraden für mich zu verwenden und ihm zu sagen, daß ich gänzlich außerstande sei, die 15 000 Francs aufzutreiben. Ich empfahl mich dem Mut und der Einbildungskraft Harris', der nicht der Mann war, einen Freund in der Patsche sitzen zu lassen. »Wenn überhaupt jemand mich retten kann«, so schrieb ich ihm, »so sind Sie es. Zwar weiß ich nicht, wie Sie es anfangen werden, aber aus ganzem Herzen erhoffe ich alles von Ihnen, denn Sie sind ein so großer Narr. Ich rechne nicht darauf, daß Sie die 15 000 Francs finden werden, um mich loszukaufen; man müßte sie von Monsieur Mérinay leihen, aber der verborgt ja nichts. Außerdem sind Sie viel zu sehr Amerikaner, um auf einen derartigen Handel einzugehen. Handeln Sie, wie es Ihnen gefällt! Setzen Sie das ganze Königreich in Flammen! Ich billige alles im vornherein, aber verlieren Sie keine Zeit. Ich fühle, wie mein Kopf schon wankt und wie der Verstand vor Ende des Monats sich trollen könnte.«

Meinem unglücklichen Vater gegenüber hütete ich mich wohl, ihm zu sagen, in was für einem Hause ich abgestiegen war. Was hätte es wohl genützt, ihn in Todesangst zu versetzen, indem ich ihm die Gefahren schilderte, vor denen er mich doch nicht schützen konnte. Ich schrieb ihm also, wie an jedem Monatsersten, es ginge mir gut und ich wünschte, dieser Brief möge ihn und die Familie bei guter Gesundheit antreffen. Ich fügte noch hinzu, daß ich auf einer Reise ins Gebirge begriffen sei und die boryana variabilis entdeckt hätte, außerdem eine junge Engländerin, schöner und reicher als die Prinzessin Ypsoff romantischen Angedenkens. Ich sei noch nicht bis dahin gekommen, ihr Liebe einzuflößen, da es bisher an günstigen Gelegenheiten dazu gemangelt habe, doch fände ich vielleicht bald Gelegenheit, ihr irgendeinen großen Dienst zu erweisen oder mich ihr in dem unwiderstehlichen Frack meines Onkels Rosenthaler zu zeigen. »Immerhin«, fügte ich in einer Anwandlung unbesieglicher Trauer hinzu, »wer weiß, ob ich nicht als Junggeselle sterben werde? Dann wäre die Reihe an Franz oder Hans-Nikolaus, das Glück der Familie zu machen. Meine Gesundheit ist blühender denn je, und meine Kräfte sind noch nicht angegriffen. Doch ist Griechenland ein heimtückisches Land, das auch den kraftstrotzendsten Mann leicht umwirft. Sollte ich dazu verurteilt sein, Deutschland niemals wiederzusehen und hier durch einen unvorhergesehenen Zufall kurz vor der Erledigung meiner Arbeit und meiner Reise zu enden, dann, glauben Sie es, teurer und vortrefflicher Vater, wird es mein letztes Bedauern sein, fern der Familie zu verlöschen, und mein letzter Gedanke wird zu Ihnen fliegen.«

Hadgi-Stavros näherte sich mir gerade in dem Augenblick, als ich eine Träne trocknete, und ich glaube, dieses Zeichen von Schwäche setzte mich in seinen Augen herab. »Na los, junger Mann«, sagte er zu mir, »bißchen Mut! Noch ist es nicht Zeit, über sich selbst zu weinen. Zum Teufel! Man möchte meinen, Sie folgen Ihrem eigenen Leichenbegängnis! Die englische Dame hat soeben einen acht Seiten langen Brief beendet, und die hat nicht eine einzige Träne ins Tintenfaß fallen lassen. Sie sollten ihr ein bißchen Gesellschaft leisten, sie hat Zerstreuung nötig. Ach ja, wenn Sie ein Mann meines Schlages wären! Ich schwöre es Ihnen, ich wäre in Ihrem Alter und an Ihrer Stelle nicht lange in Gefangenschaft geblieben. Mein Lösegeld wäre vor Ablauf von zwei Tagen bezahlt worden, und ich hätte gewußt, wer das Geld dazu flüssig gemacht hätte. Sie sind nicht verheiratet?«

»Nein.«

»Na schön! Merken Sie denn gar nichts? Kehren Sie in Ihr Appartement zurück und seien Sie liebenswürdig. Ich habe Ihnen da eine schöne Gelegenheit geliefert, Ihr Glück zu machen. Wenn Sie die Gelegenheit nicht ausnützen, dann wären Sie höchst ungeschickt, und wenn Sie mich nicht auf die Liste Ihrer Wohltäter setzen, dann sind Sie undankbar.«

Ich fand Mary-Ann und ihre Mutter an der Quelle sitzend. Während sie auf die Kammerfrau warteten, die man ihnen versprochen hatte, waren sie selbst am Werk, ihre Reitkleider kürzer zu machen. Die Räuber hatten ihnen Nähfaden oder vielmehr Bindfaden geliefert und dazu Nähnadeln, geeignet, Segelleinwand zu heften. Von Zeit zu Zeit unterbrachen sie ihre Beschäftigung, um einen melancholischen Blick auf die Häuser Athens zu werfen. Es war schon hart, die Stadt fast in Reichweite vor sich zu sehen und sich doch nur zum Preise von 100 000 Francs hinbegeben zu können. Ich fragte sie, wie sie geschlafen hätten. Die Trockenheit ihrer Antwort bewies mir, daß sie auf meine Unterhaltung gern verzichtet hätten. Hier nun geschah es zum ersten Male, daß ich die Haare Mary-Anns zu sehen bekam; sie war barhäuptig und ließ, nachdem sie im Bache ausgiebig Toilette gemacht hatte, ihr Haar in der Sonne trocknen. Niemals hätte ich geglaubt, daß eine einzige Frau eine solche verschwenderische Fülle seidiger Locken besitzen könne. Sie fielen längs der Wangen und über die Schultern herab und bäumten sich in dichten Wellen wie die durch den Wind gekräuselte Oberfläche eines Weihers. Das Licht, das durch diesen lebendigen Wald glitt, tönte es mit sanftem, sammetartigem Schimmer. Ich darf eingestehen, daß ich, selbst um jeden Preis meines Lebens, diese schönen Haare gar zu gern vor den Klauen Hadgi-Stavros' gerettet hätte. Ich faßte auf der Stelle einen kühnen Fluchtplan. Unser Appartement besaß zwei Ausgänge; es lag zwischen dem Kabinett des Königs und einem Abgrund. Durch Hadgi-Stavros' Kabinett fliehen zu wollen, war absurd, man hätte ja anschließend durch das Lager und die durch die Hunde bewachte Verteidigungslinie brechen müssen. Blieb der Abgrund! Und als ich mich über ihn beugte, stellte ich fest, daß der fast senkrecht abfallende Fels genügend Vertiefungen, Grasbüschel, Wurzelwerk und Unebenheiten aller Art darbot, um, ohne sich die Knochen zu brechen, hinunterkraxeln zu können. Was die Flucht auf dieser Seite gefährlich machte, war der Wasserfall. Der Bach, der aus unserem Zimmer floß, bildete auf der Flanke des Berges eine rasch gleitende Kaskade. Es mußte auch höchst unbehaglich sein, mit einer derartigen Dusche auf den Kopf kaltes Blut und beim Hinabklettern das Gleichgewicht zu bewahren. Gab es denn aber kein Mittel, um den Gießbach abzuleiten? Vielleicht! Bei der näheren Untersuchung des Appartements, in dem man uns untergebracht hatte, erkannte ich, daß das Wasser sich einst hier befunden hatte. Unser Aufenthaltsort war nichts anderes als ein ausgetrockneter Weiher. Ich hob eine Ecke des unter unseren Füßen wachsenden Teppichs und entdeckte darunter eine von dem Quellwasser verursachte Ablagerung. Eines Tages wohl hatte eines der in diesen Bergen so häufigen Erdbeben den Damm an einer Stelle durchbrochen. Auch konnte eine weichere Vene des Felsens dem Wasser freien Durchgang gelassen haben, und die ganze flüssige Masse hatte sich aus dem bisherigen Bett gestürzt. Eine zehn Fuß lange und drei Fuß breite Kanalrinne leitete nun das Wasser zur Rückseite des Berges. Um diese seit Jahren geöffnete Schleuse zu schließen, brauchte man keine zwei Stunden Arbeit. Eine Stunde würde genügen, um den feuchten Felsen zu trocknen. So vorbereitet dauerte die Flucht keine fünfundzwanzig Minuten. Einmal am Fuße des Gebirges angelangt, lag Athen vor uns. Die Sterne konnten unsere Wegweiser sein. Die Wege waren abscheulich, dafür aber liefen wir auf ihnen nicht Gefahr, einem Räuber zu begegnen. Wenn dann am Morgen der König kam, um seine Visite zu machen und zu erfahren, wie wir die Nacht verbracht hätten, sah er, daß wir davongelaufen waren. Und da man ja bekanntlich in jedem Alter noch etwas dazulernen kann, würde er zu seinem Schaden belehrt werden, daß man nur auf sich selbst zählen soll und daß ein Bach sich schlecht dazu eignet, Gefangene zu bewachen.

Dieses Projekt erschien mir so wunderbar, daß ich es umgehend derjenigen, die es mir eingegeben hatte, mitteilte. Mary-Ann und Mme. Simons hörten zunächst zu, wie vorsichtige Verschwörer einem Polizeispitzel zuhören. Die junge Engländerin indessen maß, ohne zu zittern, die Tiefe des Abgrundes mit den Augen und sagte: »Man könnte da schon hinabklettern. Allein freilich nicht, sondern nur mit Hilfe eines starken Armes. Fühlen Sie sich so stark, Monsieur?«

Ich antwortete, ohne zu wissen wie: »Ich würde es sein, wenn Sie Vertrauen zu mir hätten.« Diese Worte, denen ich keinerlei Nebensinn beigefügt hatte, schlossen zweifellos eine Dummheit mit ein; denn, den Kopf wegwendend, errötete sie und fuhr fort: »Monsieur, es kann sein, daß wir Sie falsch beurteilt haben. Das Unglück verbittert. Ich will gern glauben, daß Sie ein braver junger Mann sind.«

Sie hätte gut und gern eine andere, angenehmer klingende Form finden können, aber sie machte mir dieses halbe Kompliment mit einer so süßen Stimme und von einem so durchdringenden Blick begleitet, daß ich davon bis ins tiefste Innere bewegt wurde. Es ist schon eine Binsenwahrheit, daß die Melodie den Text annehmbar machen kann.

Sie reichte mir ihre charmante Hand, und ich streckte bereits meine fünf Finger aus, um sie zu umschließen, als sie sich plötzlich anders besann und sich gegen die Stirn schlagend sagte: »Wo wollen Sie eigentlich das Material für den Deich hernehmen?«

»Unter unseren Füßen! Den Rasen!«

»Das Wasser wird ihn mit sich fortreißen.«

»Nicht vor zwei Stunden. Nach uns die Sintflut!«

»Gut!« sagte sie. Dieses Mal überließ sie mir ihre Hand, und ich näherte sie meinen Lippen. Aber diese kapriziöse Hand zog sich brüsk zurück. »Wir sind Tag und Nacht streng bewacht. Haben Sie auch daran gedacht?«

Nicht einen Augenblick lang hatte ich daran gedacht, doch war ich viel zu sehr in Fahrt, um noch vor Hindernissen zurückzuschrecken. Ich antwortete mit einer mich selbst in Erstaunen versetzenden Entschiedenheit: »Der Corfiote? Den übernehme ich ganz allein. Den binde ich am Fuße eines Baumes fest.«

»Er wird schreien.«

»Ich schlage ihn tot.«

»Und die Waffen dazu?«

»Ich werde sie stehlen.« Stehlen, töten, all das erschien mir ganz natürlich, seit ich beinahe ihre Hand geküßt hatte.

Mme. Simons verlieh mir mit einem gewissen Wohlwollen Gehör. Ich glaubte sogar zu bemerken, daß sie mir durch Blick und Geste zustimmte. »Mein lieber Herr«, sagte sie zu mir, »Ihre zweite Idee ist viel mehr wert als die erste. Wahrhaftig, unendlich viel mehr. Ich hätte mich nie im Leben dazu entschließen können, ein Lösegeld zu zahlen, selbst bei der Gewißheit, es unmittelbar darauf wiederzuerlangen. Erzählen Sie mir doch, bitte, noch einmal, was Sie tun wollen, um uns zu retten.«

»Ich stehe für alles ein, Madame. Heute noch besorge ich mir einen Dolch. Diese Nacht werden unsere Räuber sich früh niederlegen und wie die Klötze schlafen. Ich erhebe mich um zehn Uhr, ich knebele unseren Wächter, ich binde ihn, und falls es nötig ist, werde ich ihn töten. Das ist kein Mord, das ist eine Exekution, er hat zwanzig statt nur einen Tod verdient. Um halb elf Uhr reiße ich den Rasen auf, Sie schleppen diesen an das Ufer des Baches, ich errichte den Deich; alles in allem Arbeit für anderthalb Stunden. Dann befestigen wir unser Bollwerk, während der Wind den Weg trocknet. Es schlägt ein Uhr. Da nehme ich Mademoiselle auf meinen linken Arm, zusammen gleiten wir bis zu einer Felsenspalte. Wir halten uns an jenen zwei Grasbüscheln fest, erreichen diesen wilden Feigenbaum, ruhen uns gegen jene Steineiche gelehnt aus, klettern längs dieses Berghöckers bis zu der Gruppe roter Felsen, springen in die Schlucht und sind frei!«

»Gut! Und ich?«

Dieses ich fiel wie ein Eimer eiskalten Wassers auf meine Begeisterung. Man denkt nicht immer an alles, und ich hatte die Rettung Mme. Simons' einfach vergessen. Zurückzukehren, sie zu fassen, daran war ja gar nicht zu denken. Der Aufstieg war ohne Leitern unmöglich. Die gute Dame bemerkte meine Verwirrung. Mit mehr Mitleid als Verdruß sagte sie zu mir: »Sie Ärmster, Sie sehen, die romantischen Pläne haben immer irgendwo einen Haken. Erlauben Sie mir, an meiner ersten Idee festzuhalten und auf die Gendarmerie zu warten. Ich bin Engländerin, und ich habe es seit eh und je mir zur Gewohnheit gemacht, nur dem Gesetz zu vertrauen. Übrigens kenne ich die Gendarmen in Athen, ich habe sie bei einer Parade auf dem Schloßplatz gesehen. Es sind prachtvolle Kerls und für Griechen sogar erstaunlich proper, mit langen Schnurrbärten und Perkussionsgewehren. Die werden uns, nehmen Sie es mir weiter nicht übel, hier herausholen.«

Unvermutet trat sehr gelegen der Corfiote zu uns und enthob mich einer Antwort. Er brachte die Kammerfrau der Damen. Es war eine, trotz ihrer Stupsnase, recht hübsche Albanesin. Zwei in den Bergen umherstrolchende Räuber hatten sie, sonntäglich aufgeputzt, wie sie war, zwischen ihrer Mutter und ihrem Bräutigam geschnappt. Sie stieß steinerweichende Schreie aus, doch tröstete man sie rasch, indem man ihr versprach, sie in vierzehn Tagen wieder loszulassen und obendrein zu bezahlen. Sie fand sich tapfer mit ihrem Schicksal ab und freute sich beinahe ihres Malheurs, das ihre knappe Mitgift vergrößerte. Glückliches Land, wo Herzenswunden mit Fünffrancsstücken heilbar sind! Allein diese philosophische Bedienerin war für Mme. Simons nicht von großem Nutzen; da sie von aller ihrem Geschlecht gemäßen Arbeit lediglich die Feldarbeit kannte. Was mich betraf, so machte sie mir das Leben unerträglich durch ihre aus Leckerei und Koketterie angenommene Gewohnheit, ewig an einer Knoblauchzehe zu nagen, wie etwa die Hamburger Damen sich damit amüsieren, Bonbons zu knabbern.

Der Tag ging ohne weiteren Zwischenfall zu Ende. Der folgende Tag erschien uns allen unerträglich lang. Der Corfiote wich nicht einen Augenblick von unseren Fersen. Mary-Ann und ihre Mutter suchten am Horizont die Gendarmen, doch nichts rührte sich. Mich, der ich an ein tätiges Leben gewöhnt war, quälte dieser Müßiggang. Ich hätte ja durch das Gebirge streifen und Pflanzen sammeln können, aber ein Gewisses, ich weiß selbst nicht was, hielt mich bei den Damen zurück. Nachts schlief ich schlecht, mein Fluchtplan ging mir hartnäckig durch den Kopf. Ich hatte mir die Stelle gemerkt, wo der Corfiote vor dem Schlafengehen seinen Dolch versteckte, doch hätte ich einen Verrat zu begehen geglaubt, wenn ich mich ohne Mary-Ann gerettet hätte.

Am Sonnabendmorgen lockte mich ein ungewöhnliches Geräusch zum Kabinett des Königs. Meine Morgentoilette war rasch gemacht, da ich mich unausgekleidet zu Bett gelegt hatte.

Aufrecht inmitten seiner Bande stehend, präsidierte Hadgi-Stavros einer lärmenden Ratssitzung. Alle Briganten, bis zu den Zähnen bewaffnet, umstanden ihn. Zehn oder zwölf Koffer, die ich bis dahin noch niemals bemerkt hatte, waren auf Tragbahren verpackt. Ich erriet, daß sie die Bagage enthielten und daß unsere Herren und Meister sich anschickten, das Lager abzubrechen. Von weither hörte man die Hunde der vorgeschobenen Posten bellen. Ein in Lumpen gehüllter Bote stürzte auf den König zu und schrie:

»Die Gendarmen!«

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