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Der Bergkönig

Edmond About: Der Bergkönig - Kapitel 4
Quellenangabe
authorEdmond About
titleDer Bergkönig
publisherEngelhorn Verlag
year1962
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Mary-Ann

Photinis Liebe zu John Harris hätte jedes andere Herz als das eines Naturforschers gerührt. Das arme Wesen liebte, und es war offensichtlich, daß ihre Liebe aussichtslos war. Sie war viel zu schüchtern, und John viel zu unbekümmert, um sie zu erraten. Und selbst wenn er etwas bemerkt hätte, wo sollte sie wohl die Hoffnung hernehmen, daß er sich für ein naives, kleines und häßliches Frauenzimmer von den Ufern des Ilissos interessieren könnte? Photini verbrachte noch weitere vier Tage mit ihm, nämlich die vier folgenden Aprilsonntage. Mit schmachtenden, verzweifelnden Augen starrte sie ihn von morgens bis abends an, fand aber niemals den Mut, in seiner Gegenwart den Mund zu öffnen. Harris pfiff seelenruhig vor sich hin. Dimitri knurrte wie eine junge Dogge, und ich, ich beobachtete lächelnd diese seltsame Krankheit, vor der mich meine Konstitution bisher bewahrt hatte.

Am Sonntag, dem 28. April, lasen wir im Siècle d'Athènes von der großen Niederlage des Königs der Berge. Die amtlichen Berichte sprachen davon, daß zwanzig seiner Leute außer Gefecht gesetzt, sein Lager verbrannt, seine Truppen zerstreut worden seien und die Gendarmerie ihn bis zu den Sümpfen bei Marathon verfolgt habe. Diese allen Ausländern so überaus angenehmen Nachrichten schienen den Griechen, und ganz besonders unseren Wirtsleuten, weniger Freude zu bereiten. So ließ Christodulos es für einen Leutnant der Phalanx bestimmt an Begeisterung fehlen, und es hätte nicht viel gefehlt, und die Tochter des Obersten Johannes wäre in Tränen ausgebrochen, als sie von der Niederlage des Räubers hörte. Harris, der die Zeitung mitgebracht hatte, verhehlte seine Freude nicht. Ich meinerseits war entzückt, weil das Land nun endlich zu meiner freien Verfügung stand. Am Dreißigsten machte ich mich darum frühmorgens mit meiner Botanisiertrommel und meinem Stock auf den Weg. Dimitri weckte mich gegen vier Uhr. Er wollte sich einer englischen Familie, die seit ein paar Tagen im Hôtel des Étrangers abgestiegen war, zur Verfügung stellen.

Ich ging also die Hermesstraße bis zur Ecke der Belle-Grèce entlang und bog in die Schulstraße ein. Als ich am Kanonenplatz vorbeikam, grüßte ich die kleine Artillerie des Königreiches, die dort unter einem Schuppen, von der Einnahme Konstantinopels träumend, leise schlummerte, und erreichte mit vier schnellen Schritten die Promenade de Pâtissia. Die Paternosterbäume, die an den beiden Seiten der Promenade stehen, begannen eben ihre duftenden Blüten zu öffnen. Der tiefblaue Himmel erhellte sich unmerklich zwischen Hymettus und Pentelikon. Vor mir erhoben sich, vor dem Horizont wie eine gezackte Mauer anzusehen, die Gipfel des Parnis, der das Ziel meines Ausfluges war. Ich stieg auf einem Seitenweg bis zum Hause der Comtesse Janthe Théotoki, in dem die französische Gesandtschaft untergebracht ist, abwärts, ging längs der Gärten des Fürsten Michel Soutzo und der Akademie des Plato, die ein Präsident des Areopags vor etlichen Jahren versteigern ließ, und betrat den Olivenhain. Morgendliche Amseln und ihnen nahe verwandte Drosseln hüpften in dem silbrig glänzenden Laubwerk und zwitscherten fröhlich über meinem Haupte. Beim Verlassen des Gehölzes durchschritt ich große grüne Gerstenfelder, auf denen die attischen Pferde, genauso kurz und stämmig wie auf dem Parthenonfriese, sich für das trockene Heu und erhitzende Winterfutter schadlos hielten. Turteltaubenschwärme flogen bei meinem Nahen davon, und die Haubenlerchen stiegen wie Raketen eines Feuerwerks steil gen Himmel. Von Zeit zu Zeit kroch eine träge Schildkröte, die ihre Behausung mit sich schleppte, quer über den Weg. Nach einem Marsch von zwei Stunden wurde die Gegend öde, und auf dem dürren Boden sah man nur noch Büschel mageren Grases, Vogelmilchzwiebeln oder die langen vertrockneten Stengel der Asphodelen. Dann erhob sich die Sonne, und ich unterschied deutlich die Tannen, die den Abhang des Parnis wie Stacheln bedeckten. Der von mir gewählte Pfad war nicht gerade ein sicherer Wegweiser, doch richtete ich meine Schritte auf eine Gruppe von Häusern, die auf der Rückseite des Berges verstreut lagen und das Dorf Castia sein mußten.

Mit einem Sprung setzte ich zum größten Entsetzen der kleinen platten Schildkröten, die wie gewöhnliche Frösche ins Wasser hüpften, über den eleusinischen Kephissos. Hundert Meter weiter verlor sich dann der Weg in einer durch die Regengüsse von zwei- oder dreitausend Wintern ausgespülten breiten und tiefen Schlucht. Ich nahm, wohl mit etlicher Berechtigung, an, daß diese Schlucht der Weg war; denn ich hatte bei meinen früheren Ausflügen festgestellt, daß die Griechen allemal darauf verzichten, eine Straße anzulegen, wenn das Wasser sich freundlicherweise schon dieser Aufgabe unterzogen hat. In diesem Lande, wo der Mensch selten der Natur ins Handwerk pfuscht, schaffen die Gießbäche die Staatsstraßen, die Bäche die Landwege und die Rinnsale die Fußpfade. Die Gewitterstürme versehen das Amt der Brückenbauer, und der Regen ist ein Wegeaufseher, der ohne Kontrolle die großen und kleinen Verbindungswege im Schuß hält. Ich drang also in den Hohlweg ein und setzte meinen Ausflug zwischen zwei steilen Böschungen fort, die mich daran hinderten, die Ebene, das Gebirge und mein Ziel zu sehen. Der launenhafte Weg jedoch machte derartig zahlreiche Wendungen, daß es bald für mich schwierig wurde, festzustellen, in welcher Richtung ich eigentlich marschierte und ob ich dem Parnis nicht etwa den Rücken kehrte. Das Schlaueste wäre selbstverständlich gewesen, die eine oder die andere Böschung hinaufzuklettern und mich von dort zu orientieren; jedoch die Böschung war steil, ich war ermüdet, hatte Hunger und fühlte mich im Schatten äußerst wohl. Ich setzte mich daher auf einen Marmorbrocken und holte aus meiner Büchse ein Brot, ein Stück kalte Hammelschulter und ein umflochtenes Fläschchen jenes Weinchens, das Sie bereits kennen. Ich sagte mir: Befinde ich mich hier auf dem Weg, so wird schon jemand vorbeikommen, den ich befragen kann.

Und tatsächlich, gerade hatte ich mein Messer zugeklappt, um mich zum behaglichen Dösen, das dem Frühstück der Wanderer und der Schlangen folgt, auszustrecken, da glaubte ich den Hufschlag eines Pferdes zu vernehmen. Ich preßte mein Ohr gegen den Erdboden und stellte fest, daß zwei oder drei Reiter des Weges kamen. Ich nahm meine Botanisiertrommel wieder auf den Rücken und machte mich fertig, mit ihnen zu gehen, falls sie ebenfalls auf den Parnis wollten. Fünf Minuten später sah ich zwei Damen auftauchen, die zwei Mietpferde ritten und wie reisende Engländerinnen gekleidet waren. Hinter ihnen trottete ein Fußgänger einher, in dem ich mühelos Dimitri erkannte.

Ich gab ihm die Hand, und er teilte mir mit wenigen Worten alles mit, was ich wissen wollte.

»Bin ich hier richtig auf dem Wege zum Parnis?«

»Freilich, wir sind auf dem Wege dorthin.«

»Darf ich mit Ihnen gehen?«

»Warum nicht?«

»Wer sind die Damen?«

»Meine Engländerinnen. Mylord ist im Hotel geblieben.«

»Was für Leute sind es?«

»Eine Bankiersfamilie aus London. Die alte Dame ist Madame Simons, von der Firma Barley & Co., Mylord ist ihr Bruder, das Fräulein ihre Tochter.«

»Hübsch?«

»Je nach Geschmack. Ich ziehe Photini vor.«

»Reiten sie bis zur Festung Phile?«

»Ja. Sie haben mich für eine Woche in Dienst genommen, für zehn Francs täglich und Verpflegung. Ich soll die Ausflüge organisieren. Ich habe mit diesem angefangen, weil ich wußte, daß wir Sie treffen würden. Aber was ist denn denen plötzlich in die Krone gefahren?«

Die ältere Dame hatte aus Verdruß darüber, daß sie es mit ansehen mußte, wie ich ihr ihren Führer ausspannte, ihr Tier in Trab gesetzt, und zwar an einer Stelle, wo noch niemals jemand getrabt war, und das andere Tier, von spielerischem Ehrgeiz gestachelt, versuchte dieselbe Gangart anzuschlagen. Dimitri beeilte sich, die Damen wieder einzuholen, und ich hörte, wie Madame Simons ihn anherrschte.

»Bleiben Sie gefälligst in unserer Nähe! Ich bin Engländerin und verlange, gut bedient zu werden. Ich bezahle Sie ja nicht, damit Sie sich mit Ihren Freunden unterhalten. Was ist das für ein Bursche, mit dem Sie da redeten?«

»Es ist ein Deutscher, Madame.«

»Ah! ... Was treibt er?«

»Er sucht Kräuter.«

»Er ist also Apotheker?«

»Nein, Madame, er ist ein Gelehrter.«

»Ah ... Spricht er Englisch?«

»Jawohl, Madame, sehr gut sogar.«

»Ah ...«

Diese drei »Ah!« wurden von der Dame in drei verschiedenen Tonarten ausgesprochen, die ich, wenn ich etwas von Musik verstanden hätte, allzugern in Noten festgehalten hätte, denn sie bezeichneten durch ihre Nuancen die Fortschritte, die ich in Madame Simons' Schätzung gemacht hatte. Dessenungeachtet richtete sie kein Wort an mich, und ich folgte der kleinen Karawane in einiger Entfernung. Dimitri wagte nicht mehr, mit mir zu plaudern, und marschierte wie ein Kriegsgefangener vorneweg. Alles, was er zu meinen Gunsten tun konnte, war, daß er mir zwei oder drei Blicke zuwarf, die auf französisch ungefähr besagten: »Was sind doch die Engländerinnen für ein hochnäsiges Pack!« Auch Miß Simons wandte mir ihren Kopf nicht zu, und ich war daher außerstande zu entscheiden, worin sich ihre Häßlichkeit von der Photinis unterschied. Was ich, ohne zudringlich zu sein, sehen konnte, war, daß die junge Engländerin groß und wunderbar gewachsen war. Ihre Schultern waren breit, ihre Taille rund wie ein Schilfrohr und biegsam wie eine Gerte. Das wenige, was man von ihrem Halse sah, hätte mich, auch wenn ich kein Naturforscher gewesen wäre, an die Schwäne des Zoologischen Gartens denken lassen.

Ihre Mutter wandte sich ihr zu, und ich beschleunigte meine Schritte in der Hoffnung, ihre Stimme zu hören.

»Mary-Ann!«

»Mama?«

»Ich habe Hunger.«

»Hast du?«

»Ja.«

»Mama, mir ist warm.«

»Tatsächlich?«

»Ja.«

Glauben Sie etwa, daß dieses typisch englische Zwiegespräch mich zum Lachen reizte? Keineswegs, mein Herr, denn ich war bezaubert von Mary-Anns Stimme. Noch nie im Leben hatte ich etwas so Frisches, so Silbernes gehört. Um so mehr fürchtete ich mich davor, ihr Gesicht zu sehen, und verging doch gleichzeitig vor Verlangen, sie anzuschauen.

Dimitri rechnete fest damit, den beiden Reisenden im Calyvia ein Frühstück besorgen zu können. Die Herberge dort war eine aus Planken schlecht zusammengefügte Bude, doch findet man zu jeder Jahreszeit einen Schlauch harzig schmeckenden Weines, eine Flasche Anisette, Schwarzbrot, Eier und ein ganzes Regiment ehrwürdiger Gluckhennen, die der Tod in Brathühnchen verwandelt. Leider waren aber der Khan verlassen und die Türe verschlossen. Bei dieser Wendung der Dinge begann Madame Simons Dimitri giftig auszuzanken und enthüllte mir, als sie sich umwandte, ein so scharfkantiges Gesicht wie die Schneide eines Messers aus Sheffield und zwei Reihen Zähne, die Staketenzäunen glichen. »Ich bin Engländerin«, betonte sie, »und habe Anspruch darauf, zu essen, wenn ich hungrig bin.«

»Madame«, antwortete ihr Dimitri mit jämmerlicher Stimme, »Sie werden in einer halben Stunde im Dorf Castia frühstücken.«

Vom Khan bis zum Dorfe ist der Weg ganz besonders abscheulich, nichts weiter als eine schmale Rampe zwischen einem steilen Felsen und einem Abgrund, der selbst die Gemsen schwindlig machen würde. Madame Simons erkundigte sich, ehe sie diesen Teufelspfad einschlug, auf dem die Pferde gerade noch Platz für ihre Hufe fanden, ob es nicht noch einen anderen Weg gäbe. »Ich bin Engländerin«, wiederholte sie, »und bin nicht dazu geschaffen worden, in Abgründe zu stürzen.« Dimitri dagegen pries den Saumpfad und versicherte, daß es deren hundertmal schlimmere im Königreiche gebe. »Dann nehmen Sie wenigstens«, fuhr die gute Dame fort, »die Zügel meines Pferdes. Was aber wird aus meiner Tochter? Führen Sie das Pferd meiner Tochter! Können Sie nicht beide Pferde gleichzeitig führen? Wahrhaftig, dieser Pfad ist gemein. Ich will ja gern glauben, daß er für Griechen gut genug ist, für Engländerinnen aber ist er nicht geschaffen. Nicht wahr, mein Herr?« fügte sie hinzu, während sie sich freundlich zu mir wandte.

Damit war ich eingeführt! Ob nach allen Regeln oder nicht, die Vorstellung hatte stattgefunden. Ich betrat den Schauplatz unter den Auspizien einer in den Romanen des Mittelalters wohlbekannten Person, welche die Poeten des vierzehnten Jahrhunderts › Die Gefahr‹ nannten. Ich verbeugte mich mit aller mir von der Natur zugestandenen Eleganz und antwortete auf englisch:

»Madame, der Weg ist nicht so übel, wie er Ihnen auf den ersten Blick erscheint. Ihre Pferde sind sicher auf den Beinen, ich kenne sie, denn ich habe sie geritten. Und schließlich verfügen Sie, wenn Sie es gestatten, über zwei Führer, Dimitri für Sie und mich für Ihr Fräulein Tochter.«

Gesagt, getan. Ohne eine Antwort abzuwarten, drängte ich mich kühn vor, nahm, mich Mary-Ann zuwendend, die Zügel ihres Pferdes und sah, als der Schleier leicht nach rückwärts flatterte, das anbetungswürdigste Gesicht, das je den Geist eines deutschen Naturforschers in Verwirrung gesetzt hat.

Was hatte sie für Augen! Sie waren nicht einmal von überraschender Größe und beeinträchtigten den Rest des Gesichtes keinesfalls. Sie waren weder blau noch schwarz, aber von einer besonderen, nur für sie gemischten persönlichen Farbe. Es war ein brennendes und zugleich samtenes Braun, das man nur beim sibirischen Granat und gewissen Gartenblumen wiederfindet. Ich könnte Ihnen eine Skabiose und die Spielart einer fast schwarzen Stockrose zeigen, welche an die wunderbare Schattierung dieser Augen erinnert, ohne sie allerdings treu wiederzugeben.

Wenn ich nun gar daran denke, daß dieser arme Dimitri sie weniger schön als Photini fand! Wahrhaftig, die Liebe ist eine Krankheit, welche die von ihr Befallenen in eigenartiger Weise stumpfsinnig macht. Und ich, der ich den Gebrauch meiner Vernunft niemals verloren habe und der alle Dinge mit der weisen Gleichgültigkeit eines Naturforschers beurteilt, ich versichere Ihnen, daß die Welt niemals eine Frau gesehen hat, die mit Mary-Ann vergleichbar gewesen wäre. Wie gern möchte ich Ihnen das Bild zeigen können, wie es in der Tiefe meiner Erinnerung eingegraben ist. Sie würden sehen, wie lang ihre Wimpern waren, was für einen graziösen Bogen die Brauen über ihren Augen beschrieben, wie niedlich ihr Mund, wie der Schmelz ihrer Zähne die Sonne anlachte, wie rosig und durchsichtig ihr kleines Ohr war. Ich habe ihre Schönheit in allen ihren Einzelheiten studiert, denn ich besitze einen kritischen Geist und die Gewohnheit, zu beobachten. Ich weiß nicht, ob Sie etwa die bleichen Frauen lieben, und möchte keineswegs Ihre Ansicht verletzen, wenn Sie zufällig Geschmack an dieser Art morbider Eleganz gefunden haben; aber als Gelehrter bewundere ich nichts so sehr als die Gesundheit, die Freude am Leben. Sollte ich je den Beruf eines Arztes ergreifen, so wäre ich für die Familien ein schätzenswerter Mann, denn es steht fest, daß ich mich nie in eine meiner Kranken verlieben würde. Der Anblick eines hübschen, gesunden und lebendigen Gesichtes verursacht mir fast ebensoviel Freude wie die Begegnung mit einem schönen kräftigen Strauch, dessen Blüten sich fröhlich im Sonnenschein entfalten. Als ich daher Mary-Anns Gesicht zum ersten Male sah, fühlte ich mich auf das lebhafteste versucht, ihr die Hand zu drücken und zu ihr zu sagen: »Mein Fräulein, es ist wirklich zu nett von Ihnen, so kerngesund zu sein!«

Ich vergaß zu sagen, daß ihre Gesichtszüge der Regelmäßigkeit entbehrten und sie keineswegs das Profil einer Statue besaß. Ich will sogar auf die Gefahr hin, Ihre Illusionen zu zerstören, eingestehen, daß sie auf der linken Wange ein Grübchen besaß, das auf der rechten Wange durchaus fehlte, was ja allen Gesetzen der Symmetrie zuwiderläuft. Außerdem mögen Sie immerhin auch noch erfahren, daß ihre Nase weder gerade noch eine Adlernase war, sondern ganz frank und frei à la française eine Stupsnase. Doch bis zum Schafott würde ich bestreiten, daß diese Nasenform sie weniger hübsch erscheinen ließ.

Ich führte Mary-Ann bis zum Dorfe Castia. Was sie auf dem Wege zu mir sprach und was ich ihr geantwortet haben mag, hat in meinem Gedächtnis nicht mehr Spuren hinterlassen als der Flug einer Schwalbe in den Lüften. Ihre Stimme war so lieblich zu vernehmen, daß ich vielleicht nicht einmal hingehört habe, was sie zu mir sagte. Es war so, als ob ich in der Oper säße, wo die Musik oft nicht erlaubt, die Worte zu verstehen. Und doch sind alle Umstände dieses ersten Zusammenseins meiner Seele unauslöschlich geblieben. Ich brauche nur die Augen zu schließen, um zu glauben, ich wäre noch dort. Die Aprilsonne traf mein Haupt wie mit leisem Schlag. Die harzigen Bäume verströmten ihren würzigen Duft, die Kiefern, die Lebensbäume und die Terebinthen schienen beim Vorübergehen Mary-Anns einen herben und ländlichen Weihrauch zu verbrennen; sie atmete diese duftende Verschwendung der Natur mit sichtlichem Wohlbehagen ein. Ihr Stupsnäschen bebte, und ihre schönen Augen glitten mit blitzender Freude von einem Gegenstand zum anderen. Wenn Sie sie so hübsch, so lebhaft und glücklich gesehen hätten, würden Sie gesagt haben, sie sei eine eben der Baumrinde entschlüpfte Nymphe.

Das Dorf Castia lag so öde und verlassen da wie der Khan Calyvia. Dimitri konnte das nicht begreifen. Wir stiegen am Brunnen vor der Kirche von den Pferden, gingen von Haustür zu Haustür und klopften; nicht eine einzige Menschenseele! Niemand beim Popen, beim Parèdre. Die Obrigkeit war, der Bevölkerung auf dem Fuße folgend, fortgezogen. Ein jedes Haus des Gemeinwesens bestand aus vier Wänden und einem Dach, außerdem zwei Öffnungen, von denen die eine als Tür, die andere als Fenster diente. Der arme Dimitri machte sich die Mühe, zwei oder drei Türen und fünf bis sechs Fenster einzuschlagen, um sich zu überzeugen, daß die Bewohner in ihren Häusern nicht etwa eingeschlafen waren. Jedoch alle diese Einbrüche zeitigten als einzigen Erfolg, daß eine unglückliche, von ihren Besitzern vergessene Katze befreit wurde, die wie ein Pfeil in der Richtung auf den Wald davonschoß.

Da verlor Madame Simons plötzlich die Geduld. »Ich bin Engländerin«, sagte sie zu Dimitri, »und man macht sich nicht ungestraft über mich lustig. Ich werde mich bei der Gesandtschaft beschweren. Ich miete Sie, um einen Ausflug in die Berge zu machen, und Sie zwingen mich, über Abgründe zu wandern! Ich trage Ihnen auf, Lebensmittel herbeizuschaffen, und Sie setzen mich der Gefahr aus, Hungers zu sterben! Wir sollten im Khan frühstücken, und der Khan ist verlassen! Ich habe die Ausdauer, mit nüchternem Magen Ihnen bis zu diesem abscheulichen Dorfe zu folgen, und alle Dorfbewohner sind fort! Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu! Ich bin in der Schweiz gereist; die Schweiz ist ein Gebirgsland, und dennoch hat es mir an nichts gefehlt; ich habe stets zu den mir gewohnten Zeiten gefrühstückt, und ich habe sogar Forellen gegessen! Verstehen Sie mich?«

Mary-Ann versuchte, ihre Mutter zu beruhigen, aber die gute Dame wollte einfach nicht hören. Dimitri erklärte ihr, so gut er konnte, die Dorfbewohner seien fast alle Köhler, und ihr Beruf verstreue sie ziemlich häufig im ganzen Gebirge. Auf alle Fälle hätte man noch keine Zeit verloren, es sei nicht später als acht Uhr, und man könne sicher sein, nach zehn Minuten Marsch ein bewohntes Haus und ein Frühstück bereit zu finden.

»Was für ein Haus?« fragte Mrs. Simons.

»Das Klostergut. Die Mönche des Pentelikon besitzen ausgedehnte Ländereien oberhalb Castias, wo sie Bienen züchten. Der ›Gute Greis‹, der das Klostergut verwaltet, hat stets Wein, Brot, Honig und Hühner vorrätig, er wird uns was geben.«

»Er wird ausgeflogen sein wie alle Welt.«

»Wenn er fortgegangen ist, kann er nicht weit gegangen sein. Die Zeit des Schwärmens ist nahe; er kann sich also nicht weit von seinen Bienenstöcken entfernen.«

»Gehen Sie hin und sehen Sie nach; ich für meine Person bin seit heute früh genug herumgezogen. Ich schwöre, nicht eher wieder zu Pferde zu steigen, bis ich gegessen habe.«

»Madame, Sie werden gar nicht nötig haben, wieder zu Pferde zu steigen«, begann Dimitri, geduldig wie nur ein Fremdenführer, von neuem. »Wir können unsere Tiere an der Tränke festbinden und werden viel schneller zu Fuß hinkommen.«

Mary-Ann stimmte ihre Mutter um. Sie barst vor Neugier, den ›Guten Greis‹ und seine geflügelten Herden zu sehen. Dimitri stellte die Pferde neben dem Brunnen ab und wälzte je einen großen schweren Stein auf jeden Zügel. Madame Simons und ihre Tochter schürzten ihre Reitkleider, und unsere kleine Truppe betrat einen abschüssigen Pfad, der für die Ziegen Castias sicherlich sehr angenehm war. Alle grünen Eidechsen, die sich in der Sonne wärmten, zogen sich bei unserem Nahen diskret zurück, aber jede von ihnen ließ Madame Simons, die Kriechtiere nicht ausstehen konnte, einen adlerähnlichen Schrei ausstoßen. Nach einer Viertelstunde derartiger Stimmübungen sah sie zu ihrer großen Freude endlich ein offenes Haus und ein menschliches Antlitz. Es waren das Klostergut und der ›Gute Greis‹.

Das Klostergut war ein kleines Gebäude aus roten Ziegeln, von fünf Kuppeln überdacht, also eine Dorfmoschee. Von fern gesehen, entbehrte sie sogar nicht einer gewissen Eleganz. Schmuck von außen, dreckig von innen, das ist ja die Devise des Orients. Nicht weit davon sah man im Schutze eines von Thymian bedeckten kleinen Hügels etwa hundert Bienenstöcke aus Stroh, die dort, ganz wie Lagerzelte schnurgerade ausgerichtet, auf der Erde standen. Der Herrscher dieses Reiches, der ›Gute Greis‹, war ein kleiner, rundlicher und munterer junger Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren. Alle griechischen Mönche werden mit diesem Ehrentitel ›Guter Greis‹ ausgezeichnet. Er war wie ein Bauer gekleidet, doch war seine Mütze rot statt schwarz.

Als der kleine Kerl uns ankommen sah, hob er die Arme mit den Anzeichen tiefster Bestürzung gen Himmel. »Das ist ja eine witzige Type«, sagte Madame Simons; »was ist denn los, daß er so erstaunt ist? Man möchte meinen, er habe noch nie eine Engländerin gesehen!«

Dimitri, der vorausgelaufen war, küßte dem Mönch die Hand und sagte zu ihm mit einer merkwürdigen Mischung von Respekt und Familiarität:

»Segnet mich, mein Vater! Dreh zwei Hühnern den Hals um, man wird dich gut bezahlen.«

»Unglückseliger!« sagte der Mönch, »was wollt ihr hier?«

»Frühstücken.«

»Hast du denn nicht gesehen, daß der Khan unten verlassen ist?«

»Ich habe es nur zu gut gesehen, da ich überall verschlossene Türen gefunden habe.«

»Und daß das Dorf leer ist?«

»Wenn ich dort Leute getroffen hätte, wäre ich nicht bis zu dir hinaufgeklettert.«

»Du steckst also mit ihnen unter einer Decke?«

»Mit ihnen? Mit wem denn?«

»Den Räubern!«

»Sind denn Räuber auf dem Parnis?«

»Seit vorgestern.«

»Wo stecken sie?«

»Überall!«

Dimitri drehte sich schleunigst zu uns um und sagte:

»Wir haben keine Minute zu verlieren. Die Räuber sind im Gebirge. Laufen wir schnell zu unseren Pferden. Ein klein wenig Mut, meine Damen, und, wenn ich bitten darf, ein bißchen fix!«

»Das geht mir denn doch über die Hutschnur!« kreischte Madame Simons. »Ohne gefrühstückt zu haben!«

»Madame, Ihr Frühstück könnte uns teuer zu stehen kommen. Beeilen wir uns, um Gottes willen!«

»Ja, ist denn das eine Verschwörung? Sie haben wohl geschworen, mich Hungers sterben zu lassen! Auf einmal gibt's hier Räuber! Geradeso, als ob es überhaupt Räuber gäbe! In allen Zeitungen steht, es gäbe keine mehr! Übrigens bin ich Engländerin, und wenn irgend jemand es wagen sollte, mir ein Haar zu krümmen ...!«

Mary-Ann war bedeutend weniger ruhig, sie stützte sich auf meinen Arm und fragte mich, ob ich glaubte, daß wir in Todesgefahr schwebten.

»In Todesgefahr? Das gerade nicht. In Gefahr, bestohlen zu werden, das ja.«

»Was macht mir das aus?« begann Madame Simons von neuem. »Man soll mir ruhig alles stehlen, was ich bei mir habe, aber man soll mir ein Frühstück vorsetzen!«

Später erst habe ich erfahren, daß die arme Frau an einer recht sonderbaren Krankheit litt, die das gemeine Volk Wolfshunger nennt und der wir Gelehrten den Namen Bulimie, das bedeutet Gefräßigkeit, gegeben haben. Wenn der Hunger sie überfiel, gab sie ihr Vermögen für einen Teller Linsen hin.

Dimitri und Mary-Ann ergriffen sie jeder bei einer Hand und zogen sie bis zu dem Pfad, den wir gekommen waren. Der kleine Mönch folgte ihr gestikulierend, und ich geriet in lebhafte Versuchung, sie von hinten zu stoßen; da aber ließ uns ein leises, durchdringendes und befehlshaberisches Pfeifen auf der Stelle wie angewurzelt stillstehen.

»Ssssst! Sssst!«

Ich hob die Augen. Rechts und links des Weges klammerten sich je ein buschiger Mastix und ein Sandbeerbaum an die Böschung, und aus jedem dieser Büsche lugten drei oder vier Gewehrläufe. Eine Stimme schrie auf griechisch: »Setzt euch!« Diese Bewegung fiel mir um so leichter, als meine Kniekehlen sowieso unter mir nachgaben.

Der einzige Unterschied übrigens, der zwischen Teufeln und Räubern besteht, ist, daß die Teufel weniger schwarz sind, als man sagt, und die Räuber viel dreckiger, als man vermutet. Die acht Taugenichtse, die sich um uns scharten, starrten derart von Schmutz, daß ich ihnen mein Geld am liebsten mit einer Feuerzange überreicht hätte. Man erriet mit etlicher Anstrengung, daß ihre Mützen einst rot gewesen waren; aber keine Waschlauge der Welt hätte die ursprüngliche Farbe ihrer Kleidung wieder zum Vorschein bringen können. Alle Felsen des Königreiches hatten auf ihre Perkalröcke abgefärbt, und ihre Jacken bewahrten sichtbare Spuren von allen Erdarten, auf denen sie je geruht hatten. Ihre Hände, ihre Gesichter, ja sogar ihre Schnurrbärte zeigten dasselbe rötliche Grau wie der Boden, der sie trug.

Der Anführer der kleinen Truppe, die uns gefangengenommen hatte, unterschied sich durch keinerlei äußere Rangabzeichen. Nur waren möglicherweise sein Gesicht, seine Hände und seine Kleidungsstücke noch staubiger als die seiner Kameraden. Er neigte sich von der ganzen Höhe seines langen Korpus zu uns hernieder und examinierte uns aus so unmittelbarer Nähe, daß ich von seinen Schnurrbartspitzen gekitzelt wurde. Man hätte ihn für einen Tiger halten können, der seine Beute beschnuppert, ehe er sie frißt. Als er seine Neugier befriedigt hatte, sagte er zu Dimitri: »Leere deine Taschen!« Dimitri ließ sich das nicht zweimal sagen und warf ein Messer, einen Tabaksbeutel, drei mexikanische Piaster, die eine Summe von ungefähr sechzehn Francs darstellten, auf den Boden vor sich hin.

»Ist das alles?« fragte der Räuber.

»Ja, Bruder.«

»Du bist der Diener?«

»Ja, Bruder.«

»Nimm einen Piaster zurück, du sollst nicht ganz ohne Geld in die Stadt zurückkehren.«

Dimitri verlegte sich aufs Handeln und sagte: »Du könntest mir recht gut zwei lassen. Ich habe unten zwei Pferde, die ich in der Reitschule gemietet habe, und muß die Tagesmiete zahlen.«

»Du kannst denen schon klarmachen, daß wir dir dein Geld weggenommen haben.«

»Und wenn er trotzdem auf der Bezahlung besteht?«

»Dann antworte ihm, er könne glücklich sein, seine Pferde überhaupt wiederzusehen.«

»Er weiß sowieso ganz genau, daß ihr keine Pferde nehmt. Was könntet ihr denn auch schon in den Bergen mit ihnen anfangen?«

»Genug! Sag mir lieber, wer der große Dünne ist, der neben dir steht.«

Ich antwortete selbst: »Ein ehrenwerter Deutscher, dessen Hinterlassenschaft euch nicht reich machen dürfte.«

»Du sprichst gut Griechisch. Leere deine Taschen.«

Ich legte einige zwanzig Francs, meinen Tabak, meine Pfeife und mein Taschentuch auf dem Wege nieder.

»Was ist denn das da?« fragte der Großinquisitor.

»Ein Schnupftuch.«

»Wozu ist das?«

»Zum Schnauben.«

»Warum hast du mir gesagt, du seiest arm? Niemand außer den Mylords schneuzt sich mit einem Taschentuch. Nimm die Büchse ab, die du auf dem Rücken trägst. Gut! Öffne sie.«

Meine Botanisiertrommel enthielt einige Pflanzen, ein Buch, ein Messer, ein kleines Päckchen Arsenik, eine umflochtene fast leere Flasche und die Reste meines Frühstücks, welche in Madame Simons' Augen einen lüsternen Blick entzündeten. Ich nahm mir die Freiheit, ihr diese, ehe mein Gepäck seinen Besitzer wechselte, anzubieten. Gierig nahm sie mein Anerbieten an und machte sich daran, das Brot und das Fleisch zu verschlingen.

»Du besitzt doch sicherlich eine Uhr«, sagte der Räuber zu mir; »leg sie zu dem übrigen.«

Ich lieferte ihnen meine silberne Uhr aus, ein ererbtes Schmuckstück, das gut seine vier Unzen wog. Die Schurken ließen sie von Hand zu Hand gehen und fanden sie sehr schön. Ich hoffte, daß die Bewunderung, die bekanntlich den Menschen bessert, sie geneigt machen würde, mir etwas zurückzuerstatten, und bat daher den Chef, mir meine weiße Blechbüchse zu lassen. Rauhbeinig gebot er mir Schweigen.

Die Reihe kam nun an Madame Simons. Ehe sie aber die Hand in die Tasche senkte, wandte sie sich in der Sprache ihrer Väter an unsere Bezwinger. Englisch ist ja eines der seltenen Idiome, die man mit vollem Munde sprechen kann. »Überlegt gut, was ihr zu tun vorhabt!« sagte sie drohenden Tones. »Ich bin Engländerin, und die englischen Bürger sind in allen Ländern der Welt unantastbar. Das, was ihr mir abnehmen werdet, wird euch wenig nützen und euch teuer zu stehen kommen. England wird mich rächen, und ihr werdet mindestens aufgehängt werden. Wenn ihr jetzt mein Geld immer noch haben wollt, so braucht ihr es mir nur zu sagen, aber ihr werdet euch die Finger daran verbrennen, denn es ist englisches Geld!«

»Was sagt sie?« fragte der Wortführer der Banditen.

Dimitri antwortete: »Sie sagt, sie sei Engländerin.«

»Um so besser! Alle Engländer sind reich. Sag ihr, sie solle genau dasselbe tun wie ihr.«

Die arme Dame entleerte auf dem Sand eine Börse, die zwölf Pfund enthielt. Da ihre Uhr nicht weiter in die Augen fiel und man keine Miene machte, uns zu durchsuchen, behielt sie diese. Die Milde der Sieger beließ ihr auch das Taschentuch.

Mary-Ann warf ihre Uhr zusammen mit einem ganzen Bündel von Amuletten gegen den bösen Blick hin und löste mit einer Bewegung voll widerspenstiger Anmut eine Tasche aus Chagrinleder, die ihr quer über die Schulter hing. Der Bandit öffnete diese mit der Eilfertigkeit eines Zollbeamten und zog ein kleines englisches Necessaire, ein Fläschchen englisches Riechsalz, eine Dose englische Pfefferminzpastillen und hundert und etliche Francs in englischem Gelde daraus hervor.

»Und nun«, sagte die ungeduldige Schöne, »können Sie uns laufen lassen. Wir haben nichts mehr für Sie!«

Durch eine drohende Geste bedeutete man ihr, daß die Sitzung noch nicht aufgehoben sei. Der Anführer der Bande hockte sich vor unserer Hinterlassenschaft nieder, rief den »Guten Greis« zu sich, zählte in seiner Gegenwart das Geld und übergab ihm die Summe von fünfundvierzig Francs. Madame Simons stieß mich mit dem Ellenbogen an und sagte zu mir: »Wie Sie sehen, haben der Mönch und Dimitri uns denen da ausgeliefert und machen Halbpart mit ihnen.«

»Nein, Madame«, erwiderte ich alsbald. »Dimitri hat von dem, was man ihm genommen hat, nur ein Almosen erhalten. An den Ufern des Rheins gibt beispielsweise der Spielbankpächter einem Spieler, der sich im Roulette ruiniert hat, das Reisegeld, damit er nach Hause zurückkehren kann.«

»Ja, aber der Mönch?«

»Er hat nur in Erfüllung eines uralten Brauches den Zehent der Beute erhalten. Machen Sie ihm daraus keinen Vorwurf, sondern seien Sie ihm vielmehr dankbar dafür, daß er uns retten wollte, wo doch sein Kloster an unserer Gefangennahme einen Vorteil gefunden hätte.«

Diese Erörterungen wurden durch Dimitris Abschied unterbrochen, dem man seine Freiheit wiedergegeben hatte. »Warte auf mich«, sagte ich zu ihm, »wir wollen zusammen zurückkehren.« Er schüttelte traurig den Kopf und antwortete mir, um von den Damen verstanden zu werden, auf englisch:

»Sie bleiben für etliche Tage hier als Gefangener und werden Athen nicht wiedersehen, ehe Sie ein Lösegeld bezahlt haben. Ich werde Mylord benachrichtigen. Haben die Damen mir noch einen Auftrag an ihn mitzugeben?«

»Sagen Sie ihm«, schrie Madame Simons, »er soll zur Botschaft eilen, er soll sofort darauf im Piräus den Admiral aufsuchen, er soll sich beim Foreign Office beschweren, er soll Lord Palmerston schreiben! Man soll uns durch Waffengewalt oder durch den Einfluß der Politik herausholen; dagegen willige ich nicht ein, daß man für meine Freilassung auch nur einen einzigen Penny ausgibt.«

»Ich«, begann ich für mein Teil mit weniger Aufwand an Zorn, »ich bitte dich nur, meinen Freunden zu berichten, in welchen Händen du mich zurückgelassen hast. Wenn, um einen armen Teufel von Naturforscher freizukaufen, einige Hundert Drachmen notwendig sind, werden sie diese mühelos finden. Diese Herren der Landstraße werden mich nicht gar zu hoch einschätzen, doch möchte ich sie, solange du noch da bist, wegen des genauen Preises befragen.«

»Das ist nutzlos, mein lieber Herr Hermann, weil nicht sie es sind, die den Betrag des Lösegeldes festsetzen.«

»Wer denn sonst?«

»Ihr Chef, Hadgi-Stavros.«

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