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Der bayrische Watschenbaum

Georg Queri: Der bayrische Watschenbaum - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer bayrische Watschenbaum
authorGeorg Queri
firstpub1917
year1917
publisherUllstein Verlag
addressBerlin und Wien
titleDer bayrische Watschenbaum
created20040822
sendergerd.bouillon
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Herr Huber, der grausame U-Boot-Feind

Ich will versuchen, die wahre und merkwürdige Geschichte glaubhaft zu machen, wie nämlich eine U-Boots-Debatte in sich selbst ersoff. Aus dem Schicksal der Debatte ist zu ersehen, daß es sich um Wasser handelte, um viel Wasser.

Und damit haben wir den Konflikt: hier das viele Wasser und dort seinen gröbsten Gegner, Herrn Huber aus Kirchseeon.

Herrn Hubers Porträt – insoferne es dem Leser überhaupt interessant sein soll – ist mit ein paar Strichen gezeichnet: von der Seite gesehen wie eine aus fabelhaft dickem Speck geschnittene Silhouette. Von vorne: auffallend viel Gesichtsröte, eine rundrunde Geschichte ohne Pointe; furchtbar kleine Augen – Bart hat er nicht, aber es ist ausnehmend viel Kinn da, wenn man so sagen darf: mehrere Etagen Kinn.

Auch sonst ist Herr Huber eine sehr abgerundete Persönlichkeit – Bauch, Sitzflächen, Waden, Armverhältnisse und Prankenmaß ganz schrecklich, und Haus und Hof und Geldstrumpf absolut rund und überall angesehen.

Herr Huber hat eine bestimmte persönliche Note dadurch, daß er allen mageren Dingen feindselig gegenübersteht. So stammt von ihm der verrückte und doch bezeichnende Ausspruch über den armen und dürren Schneider Bitzerl von Happach: der Mann sehe aus wie das Leiden Christi zu Pferd. Hat man so was schon gehört!

Überhaupt ist Herr Huber ein unsanfter Patron und kann sehr störend auftreten. Schlimm, schlimm, daß er Macht über viele Menschen hat, die ihm teils Geld schulden, teils Geld an ihm verdienen wollen. Hm, ich möchte nicht in ihrer Haut stecken. Herr Huber ist für die Kirchseeoner Verhältnisse ein richtiger fetter Nero, und man muß sich an einem Tisch, unter den er seine Beine streckt, recht beherrschen können.

Und da fängt die Geschichte langsam an, Geschichte zu werden: weit über Kirchseeon hinaus ist der Haß berühmt, den er seit vielen Jahren dem Wasser entgegenbringt.

(Warum und seit wann – wer weiß das?)

Aber als der ahnungslose Hilfslehrer von Polykarpszell einmal in Gegenwart des Herrn Hubers erzählte, wie er auf einer Bergtour endlich, endlich an eine Quelle gekommen sei, – na, ich danke. Es gab einen grausamen Auftritt mit zwei Rechtsanwälten hintennach, einem gewässerten und einem wasserscheuen, und Herr Huber mußte außer den Gerichtskosten noch extra hundert Mark in die Armenkasse zahlen.

Schwamm drüber. Das Gericht kurierte den Mann doch nicht, und der Wasserhaß des Herrn Huber ist heute vielleicht eher stärker geworden.

Und so wollen wir die Geschichte erzählen, in der wir den merkwürdigen Mann und seinen Kampf gegen das Wasser genügend kennenlernen werden.

 

Der Vordermayer von Leipoldshofen hatte angefangen. Er wollte eigentlich nur das feindliche England beurteilen – nach bestem Wissen und Vermögen.

Grübelnd begann er: Nix Gewisses weiß man net. Was die fremden Länder sind, die sind halt so viel weit weg.

Der Seebacher: Wo doch der Posthalter einmal mit dem Pater Zyprian die Reis' auf Rom hinteri gemacht hat, der hat g'sagt, da tät sich gar niemand keinen Begriff nicht machen, wie weit die fremden Länder weg sind. Ich kenn' ihn gut, den Posthalter. Beim Roßhandel, da muß man ihn scheuen – da is er immer der Schlauere.

Der Zwieselhuber: Wann man sich ein Geographiebüchl kauft, da wo die vielen Erdteil' drin sind, da kennt man sich aus. Umblatteln und den Finger drauflegen, wann England kommt. Auf der sechsten Seiten, das is England. Ihr Leutl! Da sieht man's genau, mit die Städt' und mit die Dörfer.

Der Empfenzeder (nickt beifällig): Ich weiß es gut. Da is das viele Wasser dazwischen, net wahr. Das wird unser Herrgott schon gewußt haben, warum er das viele Wasser dazwischen getan hat!

Der Herr Huber (runzelt die Stirn, aber er schweigt).

Der Zwieselhuber: Das sieht man alles in die Geographiebüchl drin, herenten das Wasser und drenten und oben und unten. Und überhaupts ringsumadum. Da muß man nachsinnierig werden, wann man das viele Wasser auf einmal sieht.

Der Herr Huber (macht wilde Augen, sagt aber noch nichts).

Der Vordermayer: Warum dersauffen sie denn net, die Herrgottsbazi!?

Der Herr Huber (hat einen ganz feuerroten Kopf – aber mit der Sprach' rückt er immer noch nicht heraus).

Der Seebacher: Wann sie alle ersaufen täten, dann wär's gleich fertigamen mit dem Krieg!

Der Zwieselhuber: Soll'n sie vielleicht freiwillig ins Wasser . . .

Der Herr Huber (hält die Geschichte nicht mehr aus. Sein erstes Wörtl poltert schon): Kreuzmilliontürk'nelementn – –

Großer, großer Schrecken.

Der Herr Huber: Ob jetzt amal a Ruh' is mit dem vielen Wasser?!

Der Vordermayer: Was wahr is, darf man doch sagen, net wahr?

Der Herr Huber: Da muß man ja Frösch' im Hirn kriegen bei einem solchernen saudummen Dischkurs.

Der Zwieselhuber (will begütigen): Schauen S', Herr Huber – man red't ja bloß . . .

Der Herr Huber (sprudelnd, ganz wild): Hat man ja früherszeit auch net drüber g'red't, net wahr, und wär' um ein jedes Wörtl schad' gewesen, was man wegen dem lumpeten Wasser verliert! Und wann heutzutag gewachsene Mannsbilder nix anders wissen!!!

Der Empfenzeder: Aber wir reden ja über die Englischen . . .

Der Huber (beißend): Bis die andern die Ohren voll Wasser ham, net wahr!

Der Vordermayer: Schauen S', Herr Huber . . .

Der Herr Huber: Kreuzmillion, ich schau' net!!.

Bedrückte Pause.

Der Herr Huber ist der Herr Huber, und seine Worte haben einen besonderen Klang.

Der Zwieselhuber tät sehr gern einen Einwurf machen – aber der Herr Huber!

Der Empfenzeder tut lieber einen tiefen Schluck und denkt sich: wann ich ihm nur kein Geld net schuldig wär!

Der Kreuzer hat überhaupt kein Wort gesagt, aber er ist eine gute Haut und noch viel bedrückter als alle anderen und trägt sichtbar den ganzen Ärger des Herrn Huber für den ganzen Tisch. Ja mein, sagt er bekümmert, ja mei!

Der Herr Huber (drohend): Was soll alsdann das bedeuten, das ja mei???

Der Kreuzer (wie ein Häuflein Unglück): Ja mei, wie man halt so red't, net wahr. Und ich hab' durchaus gar nix gemeint.

Der Herr Huber: Aber halt doch reden, net wahr. Grad allweil das Maul aufreißen!

Schwüle Pause. – Der Kreuzer tut einen tiefen Zug, aber er kann sein ganzes volles Elend nicht hinterschwemmen. Auch der Herr Huber greift zum Krug, aber er setzt ihn wütend wieder ab und schreit: Zahl'n! Stasi, zahl'n!

Die Stasi: Gengen S' schon, Herr Huber?

Der Herr Huber: Zahl'n, hab' ich g'sagt!!! Fünf Halbi und an Kaas.

Die Stasi: Macht achtzig und vierzig, sind einszwanzig – ham S' a Brot auch?

Der Huber (schreiend): Freilich hab' ich a Brot!

Die Stasi nimmt zitternd ihr Geld. Und der Herr Huber springt auf und geht – ohne B'hüt Gott und Adjes.

Endlich ist er draußen! Das tut ordentlich wohl. Alle Mannerleut' richten sich wieder auf, und der Zwieselhuber sagt mit dumpfem Groll in der Stimme: Wir ham ihm durchaus nix Böses g'sagt . . .

Der Kreuzer: Durchaus net. Warum soll'n wir net vom Wasser reden därfen?? Jetzt grad mit Fleiß: Wasser – (er kriegt die helle Wut) – und noch amal Wasser und wieder Wasser! Was wär' denn net dös! Himmikreuzlaudon – jetzt is erst recht viel Wasser bei die Englischen und hint und vorn und ringsumadum Wasser und nix als wie Wasser!!! (Haut furchtbar mit der Faust auf den Tisch.) Und überhaupts lauter Wasser und nix als wie Wasser!

Der Vordermayer (macht ängstliche Augen. Wenn das der Herr Huber alles mit anhören tät!).

Der Empfenzeder (zum Kreuzer): Siehst es, so hättst vorher reden soll'n!

Der Kreuzer: Is ja wahr auch – wann wir vom Wasser reden, das geht keinen andern durchaus gar nix an. Indem daß es doch kein Gesetz net gibt, wo ein solcherner Paragraph drin is, net wahr . . .

Der Zwieselhuber: So wild bin ich schon gleich, daß man gar net wilder sein kann. Wann's dem Herr Huber net recht is, dann – – –

Aber da kommt der Herr Huber gerade wieder in die Stube herein. Er hat sich's überlegt: es ist doch noch zu früh zum Heimgehen und beim Alten Wirt ist jetzt grad das Bier nicht gut – kehrt er lieber wieder um. Und da ist er jetzt und alles ist wieder stumm. und die größten Männer sind wieder klein geworden.

Der Herr Huber (mit unverkennbaren Spuren des alten Grolls in der Stimme): Stasi, bringst mir noch eine Halbe. Ich hab' mein Quantum noch net beinand'.

Wie ein Pfeil fliegt die Stasi.

Und der Tisch schweigt.

Der Herr Huber: Is euch 's Wasser im Maul g'fror'n?

Der Kreuzer (ach Gott, er ist wieder zu einem ganz kleinen Männle zusammengesunken): Wie meinen S', Herr Huber?

Der Herr Huber (etwas unterwachsen grob): Ob euch euer saudumm's Wasser im Maul z'sammg'fror'n is!

Hilflos lächeln sie alle. – Der Zwieselhuber riskiert ein kleines Lachen, aber es will nicht recht heraus. Dann versucht er's mit einem Grinsen, das er dem Herrn Huber recht sichtbar zuwendet – o du lieber Gott, das soll wie Beifall zu einem guten Witz aussehen!

Der Vordermayer (lacht auch ein bißl): Ob uns 's Wasser eing'fror'n is??

Der Kreuzer (seufzt ganz unglücklich): Wissen S', Herr Huber, wir ham bloß über die Englischen . . .

Der Zwieselhuber (voll Eifer): Über die Torpeder, net wahr . . .

Der Herr Huber (spöttisch): Torpeder!

Der Zwieselhuber: Über die Torpeder, net wahr, wo die vielen Meerschiff' . . .

Der Herr Huber: Meerschiff'!

Der Vordermayer (kommt zur Hilfe): Nämlich die U-Boot', Herr Huber . . .

Der Herr Huber (ist schon wieder gereizt und trommelt mit allen Zehnen auf der Tischplatte).

Der Empfenzeder (wird nun auch kühn): Indem daß es in der Zeitung steht mit die Torpeder – – ham Sie's net geles'n??

Der Herr Huber (nein, wie höhnisch!): Was hab' ich net g'les'n??

Der Kreuzer: Von wegen die Versenkungen halt, Herr Huber . . .

Der Herr Huber: Jawohl, Versenkungen!!! (Kreuzfuchtig.) Habt's schon wieder das saubere Kapitel, net wahr, da wo man so schön vom Wasser dischkeriern kann! Himmiherrmachsanders, da kunnt einen doch gleich der Teufl kreuzweis – – Stasi, zahl'n!!!

Und der Herr Huber trinkt sein Bier aus, schüttelt zehn Flüche von sich und geht.

Jetzt kommt er aber sicher nimmer zurück.

Der Kreuzer fängt gleich wieder vom Wasser an – »und wieder Wasser und noch amal Wasser!« schreit er – und ist wie ein Junger von achtzehn Jahren vor lauter Freund.

Und vor lauter Wasser und wieder Wasser – na, das sind saubere Räusch' geworden.

Über die U-Boote haben sie kein Wörtl mehr geredet, nur mehr vom Wasser.

Ich bin froh – kann ich mein Geschichtl ruhig beschließen.

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