Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Queri >

Der bayrische Watschenbaum

Georg Queri: Der bayrische Watschenbaum - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer bayrische Watschenbaum
authorGeorg Queri
firstpub1917
year1917
publisherUllstein Verlag
addressBerlin und Wien
titleDer bayrische Watschenbaum
created20040822
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Der dumme Teufel von Walpertsham

Er war ein Teufel minderen Standes, für rein dörfliche Begriffe geschaffen und ausgebildet, ein Individuum mit plumpen Gewohnheiten und jedenfalls veralteten Methoden. Aber für die Walpertshamer Verhältnisse genügte er schon, und seine Auftraggeber waren mit der durchschnittlichen Jahresleistung zufrieden. Natürlich: wenn es sich gegebenenfalls darum handelte (in den sommerlichen Fremdenmonaten), im Sinne der städtischen Konkurrenz zu arbeiten, versagte er völlig. Er konnte weder als Tenor auftreten noch als Malzschieber; er blamierte sich auch, da er einmal als Sonntagsausflügler den jungen Mann aus dem großen Kaufladen darstellen wollte.

Ich glaube, das war beim Obern Wirt im Garten, wo er die vielen Prügel bezog und so elend hinkend und hatschend abziehen mußte, daß er vierzehn Tage später (als er wieder in seiner besten Holzknechtrolle beim Schimmelwirt auftauchte und beim Bierausspielen betrügen lehrte) noch viel die Zähne zusammenbiß.

Und in der Folge begnügte er sich damit, der richtig bestallte Walpertshamer Teufel zu sein und die Pfründe zu nehmen, wie sie ihm eben ausgesetzt war. Er hatte untertags sein Quartier, die Umkleidegelegenheit und seinen Frisierraum in dem Hollerbusch am oberen Dorfausgang und weilte nachts bei den Trinkern, Mägden und Wilderern.

Er kannte natürlich sämtliche Walpertshamer Seelen seit ihrem ersten Kinderschrei und stellte ihnen allen nach. Aus privater Liebhaberei aber war es ihm besonders um die Seele des pensionierten Katasterbuchhalters Herrn Quirin Höcherl zu tun, der aus München stammte und sich nach seiner Pensionierung in Walpertsham niedergelassen hatte – der Walpertshamer Posthalter, Herr Xaver Inglstädter, braute nämlich ein famoses dickes Landbier. Des ferneren stellte der Walpertshamer Teufel geflissentlich der Seele des Holzknechts Sebastian Pentenrieder nach, der ein Einheimischer war, dem braunen Bier und den Mägden am Bichlstein, beim Schlähhuber, beim Grasegger, beim Pfinsterle und beim Taubengidi zugetan war.

Herr Höcherl zählte schon zweiundsechzig Jahre, und seine Seele war reif wie die Zwetschgen um Michael.

Der Pentenrieder aber war knapp Dreißig, und das braune Bier bekam ihm, die Mägde bekamen ihm auch, und er war ein Ärgernis für den Doktor und den Apotheker.

Herr Höcherl hatte aus seinen Münchner Gewohnheiten viele häßliche Ausdrücke mitgebracht und vermochte nicht, sich für die ländliche Praxis von ihnen zu trennen. Es ist bekannt, daß er regierende Beamte sowohl wie Postboten, seine Haushälterin, den Schimmelwirt und den Hilfslehrer von Vaterstätten dumme Teufel nannte, nicht einmal oder zweimal, sondern durchaus durch viele Jahre hindurch.

Der Walpertshamer Teufel knirschte mit den Zähnen, als ihm die Sache bekannt wurde. »Dir wer' ich an dumma Teifi zoag'n, du Sapperlotter! Dir gib' ich nachat an dumma Teifi!«

Und er stellte ihm ernsthaft nach.

Als Herr Höcherl einmal nach einem schweren Abendheimgang zum Schlagfluß neigte – zu einem ganz kleinen Schlägerl, wie man hierzulande sagt –, da schrie der Teufel höhnisch aus dem Ofenloch: »Herr Höcherl, ich komme, deine Seele zu holen!!«

Aber den Spruch hatte der dumme Teufel lediglich in dem Kasperltheater auf dem Walpertshamer Jakobimarkt aufgeschnappt, und Herr Höcherl lud den Versucher einfach auf die Kirchweih ein.

So hatte der Teufel an diesem Abend keine Gewalt über ihn.

Auch bezüglich des Sebastian Pentenrieder hatte es noch seine guten Wege, so sehr er auch mit Gift und Galle hinter ihm her war: er hatte den Holzknecht gelehrt, sich beim Kartenspiel mit langen Beinen unter dem Tisch mit dem Partner zu verständigen – und der ungelenke Pentenrieder hatte ihm in schlechter Nachahmung vielemal die Schienbeiner mit den Bergschuhen wundgetreten. Der Walpertshamer Teufel litt darunter und legte dem Pentenrieder sein grobes Gehaben als Absicht und Bösartigkeit aus. Und darum hauptsächlich ging er seiner Seele besonders zuleibe (wenn man sich so ausdrücken darf).

Aber sie war schwer zu haschen.

Einmal sägte er ihm die Leiter durch, die an das Kammerfenster der Jungfrau Veronika Haspelmoser gelegt war, aber der Pentenrieder fiel auf den weichen Mist, sagte hoppla! und pfiff sich einen Schuhplattler für den Heimweg.

Und ein andermal schüttete ihm der Teufel einen Dreimännerrausch in den Maßkrug und ließ ihn dann in später Nacht durch die Straße torkeln, auf der die rassigen ostpreußischen Füchse des Posthalters mit einem schweren Bierfuhrwerk durchbrannten – aber die zwei Füchse wichen aus, und von den herabkollernden Fässern rollte eines schnurgerade an die Pentenriedersche Haustüre, wo es auf unerklärliche Weise verschwand. So kehrte sich die höllische Nachstellung zugunsten des braven Sebastian Pentenrieder.

Auch als der Teufel die massigen Formen der Barbara Vierheilig annahm und im Haselbusch an der Roanerwiese »pssst! pssst!« sagte, gewann er keine Macht über die Seele des Verfolgten, weil dieser heimlich ein Schießgewehr trug und überhalb der Gießenbachklamm einen Zehnerhirsch ausgemacht hatte.

Der Teufel von Walpertsham bekam von seinen Auftraggebern ein Reprimah um das andere, weil er über den beiden Seelen die anderen vernachlässigte.

Er stampfte in seiner Wut, daß sich die Erde klaftertief auftat und ihm erschrocken eine Kammer freimachte – aber die fette reife Seele des Herrn Höcherl und den kräftigen Lebensfaden des Pentenrieder durfte er nicht mit in die Tiefe nehmen.

Der dumme Teufel von Walpertsham!

 

Als der Pentenrieder in den Krieg zog, zwang der Teufel die alte Pentenriedermutter, ihren Buben an den Rockschößen zu halten, als er in den Eisenbahnwagen steigen wollte. Aber der Pentenrieder schwang sich lachend auf den Wagen und jauchzte, und der Teufel konnte nicht nachspringen, weil ihm die Pentenriedermutter mit zwei salzigen Tränen den Pferdefuß verbrannt hatte.

Der Pentenrieder fuhr aus der Walpertshamer Flur weg und viele mit ihm, so viele, daß ihr Jauchzen die Bergwände schüttelte und die Herzen im Dorf. Und niemand hörte darüber den Teufel fluchen, und ihre Augen waren nasse Fenster, durch die man den Teufel nicht sehen konnte, wie er auf die Schienen spuckte, bis sie der Rost fraß.

Er stampfte sich wieder klaftertief in die Erde hinein.

Und dann steckte er sich noch die Finger in die Ohren, weil das Jauchzen nicht schweigen wollte, und weil ihm ein Schrei der Pentenriedermutter wie die schwere Gicht in die Glieder schoß.

Diese Burschenseelen, die er liebte wie jungen Salat und wie die ersten Kirschen!

Er mußte sie dem englischen Kriegsteufel überlassen und sich mit zähen alten Weibern begnügen und den unauffälligen Austräglerseelen, ganz dünnen verhuzelten Dingern, zwölf, dreizehn aufs Pfund, oder der ganz schwammigen eiterigen Apothekerseele. Die vom Posthalter war verfilzt und anscheinend halb eingefroren, leicht haschbar, nichts für das Renommee der Walpertshamer Pfründe, außerdem schon dem Vorgänger verfallen gewesen; dann war noch die des Lehrers da, knarrend und staubig und ein wenig unansehnlich in ihrer Einfältigkeit; der Doktor hatte gar keine, und an die vom Pfarrer konnte man nicht recht hinan – sie kratzte und schlug aus und hatte ihre bösen Mucken; der Pfarrhofhauserin ihre war zu grob und zu knochig; die der Kramerin hochgestimmt schrill; der Hebammin Heferle ihre aber stank so von üblem Klatsch.

Wertvoll war die listige, bemogelnde, aussäckelnde Seele des Schimmelwirts, Herrn Zacharias Englhardt, ein anständiger Braten.

Aber wertvoller war die fettige, gut angehaberte pensionierte Katasterbuchhaltersseele des Herrn Quirin Höcherl.

Hihihi! sagte der Teufel, stieg wieder hoch und lief Herrn Höcherl entgegen, der zum Schimmelwirt stelzte, ein Teufelsbraten zum andern.

»Der Malafizkriag!« schimpfte Herr Höcherl.

»Recht hast!« sagte der Schimmelwirt. »Ich will koan Kriag net.«

»Ih aa net. Wia könna nachat dö an Kriag ofanga!?«

 

Es war dem Teufel von Walpertsham leicht, um Herrn Höcherl zu sein: er schlüpfte in den Posthalter, in den Apotheker und in den Schimmelwirt hinein und schimpfte in jeder Form und Gestalt über den Krieg, hielt dann die Hand gierig ans Ohr und hing seine Augen an den dicken Feind und sog das Wiederschimpfen in sich auf.

So verwirrte er das Gemüt des Feindes, daß Herr Höcherl nichts anderes mehr sah als seinen fetten Bauch, nie die blutige Not des Feldes und der Mütter; so taub machte er ihm die Ohren, daß sie den großen Schrei der Welt nicht mehr hörten, viel weniger den klagenden Herzschlag der Dörfer und viel weniger den steten stillen Tropfentakt des Blutes, das aus sterbenden Menschen rann.

Im Hollerbusch am oberen Dorfausgang schrieb der Teufel in sein höllisches Büchel: Er ist schon ganz Bauch. Er ist ein dicker schöner Bauch.

Einmal trug Herr Höcherl seine Seele im Trauerflor, bildlich gesprochen, weil der böse Tag gekommen war, den ihr alle kennt: sie schafften die Weißwürste ab, die vom Militär.

Anno Neunzehnhundertfünfzehn schafften sie die Weißwürste ab, und man muß es sich gut merken, und es wär' das richtigste, wenn sie's später einmal in die Schulbücher hineindrucken würden, daß das Militär Anno Neunzehnhundertfünfzehn die Weißwürste abgeschafft hat.

Herr Höcherl sagte: »Iatz därffat der Krieg scho bald auswern!«

Der dumme Teufel (als der Herr Apotheker saß er da) schlug sich aufs Knie vor Freude und hätte sich beinah verraten. Er juxte und sang in sich hinein: Herr Höcherl, deine fette Seele ist ein rohes Fleisch, nichts weiter, das muß man einmal gut braten! Iatz därffat der Krieg scho bald auswern – einzig und allein wegen der Weißwürste und nicht wegen Blut und Not, das ist schon was für mein höllisches Büchl. Der dicke schöne Bauch!

Aber Herrn Höcherl schmeckte der ganze weißwurstlose Frühschoppen nicht mehr, und er ging verdrossen heim, lang vor der gewohnten Zeit.

Die große Brummerfliege, die um ihn summte, ausgelassen fröhlich, das war der Walpertshamer Teufel.

Aber Herr Höcherl guckte die Brummerfliege und Gott und die Welt nicht an auf seinem Weg, haderte mit seinem Schicksal und sah erst zwangsweise auf, als er mit der Pentenriedermutter zusammenstieß. Es war kein grober Zusammenstoß und tat der Pentenriederin nicht weh und Herrn Höcherl auch nicht, aber ärgern mußte er sich.

Die Brummerfliege summte vergnügt und legte die Hand ans Ohr.

Und ganz sicher hätte Herr Höcherl jetzt seine Galle ausgeschüttet über die Pentenriederin und hätte sie einmal oder mehrere Male einen dummen Teufel genannt nach seiner Gewohnheit, wenn sie nicht so verweinte Augen gehabt hätte.

»Warum woant denn die alleweil, die Pentenriederin??« brummte er im Weitergehn.

Schade, schade! brummte der Walpertshamer Teufel, flog mit verdrossenem Schweigen weiter und setzte sich auf das Kanapee, auf dem Herr Höcherl die Stunde vor dem Essen verschlummern wollte.

Aber es gelang ihm nicht, einzuschlafen, weil er den Frühschoppen zu sehr abgekürzt hatte, oder weil ihm die Weißwurstnot im Kopf stak oder die steife Frage: »Warum weint denn die alleweil, die Pentenriederin??«

Er mußte seufzen und wußte nicht warum.

Der Teufel seufzte auch und wußte warum.

 

Aber der Krieg lief bösartig umher, und eines Tages lief er über die Walpertshamer Speiskarte hin.

Er strich den Nierenbraten und Brustbraten, den Gratbraten und den Schlegelbraten. Grausam ist der Krieg.

»Iatz därffat der Kriag scho bald auswern!« sagte Herr Höcherl ärgerlich.

Die Kalbshaxen verschwanden.

Auch die Schweine hatten keine Haxen mehr.

Damals machte der Walpertshamer Teufel Tag für Tag unter dem Hollerbusch seine Aufschreibungen, lachte, wieherte und schlug sich aufs Knie: Herr Höcherl, deine fette Seele ist ein rohes Fleisch, das muß man einmal gut braten, Herr Höcherl!

Auch wegen des schlechten Brotes mußte Herr Höcherl klagen und ein baldiges Kriegsende herbeiwünschen (Notiz im höllischen Büchl), und daß er einmal den ganzen Abend gefroren habe wie ein Handwerksbursch (Notiz im Büchl).

Der Teufel paßte scharf auf. Er saß bei Herrn Höcherl und fror mit, und als Herr Höcherl mitten in der Nacht auf die Straße eilte, um sich warm zu laufen, lief er mit. Nur nicht auslassen. Er lief die ganze Dorfstraße mit hinauf und das finstere Angergäßl mit hinein und tastete sich mit dem wütenden Herrn Höcherl vorwärts. Einmal fiel ein Lichtschein aus einem Haus, und Herr Höcherl schimpfte: »Was braucht denn die Pentenriederin die teuren Kerzen verbrennen!!« Er stellte sich auf die Zehen, um zum Fenster hineinzugucken, und da saß die Pentenriederin und strickte, und in ihren Augen blinkte es wieder so.

»Was woant denn die allaweil, die Pentenriederin??« brummte Herr Höcherl im Heimlaufen. »Allaweil woana, dös is nixn!« Er kroch in sein Bett und versuchte einzuschlafen, aber die Pentenriederin verfolgte ihn mit ihrem Strickzeug und mit ihrem Weinen.

Der Teufel floh in seinen kalten Hollerbusch – er haßte dieses Weinen.

 

Und der Kaffee wurde schlecht, und die Haushälterin des Herrn Höcherl schluchzte und ließ sich die Vorwürfe nicht gefallen.

Herr Höcherl aber sagte entschuldigend: »Iatz därffat der Kriag scho bald auswern!« (Der Teufel schrieb's zum alten Konto.)

Auch weil die Haushälterin vergeblich in Wangenham, Hadersdorf und Schönuffing nach Honig gefragt hatte, war dringend ein Kriegsende zu wünschen.

Und der Walpertshamer Teufel beschloß, von nun ab überhaupt sich nicht mehr mit Notizen zu quälen, sondern kurzerhand kleine Stricherl zu machen, das Stricherl zu einem Ärgernis und zu einer Todsünde gerechnet.

Statt zwei Stück Zucker nur mehr eins in den Kaffee! »Iatz därffat – –« Stricherl.

»Wann werd's wieder amal die schöna Laugnbretzn geb'n!« sagte Herr Höcherl. »Und an warma Leberkäs dazu!!« Zwei Stricherl.

»Die Malafizfleischwapperl!« Strich.

»Und d' Zigarrn wern allaweil schlechter – pfui Teifi!« Der Teufel hätte hier zwei Striche machen können, einen objektiven und einen subjektiven, aber Herr Höcherl hatte den Ausruf auf der Straße getan, und auf dem Weg zu seinem Hollerbusch vergaß der Teufel die Hälfte des Satzes. Auch hatte sich dabei das ereignet: Herr Höcherl warf die Zigarre weg, kaum daß er sie richtig angezündet hatte, und die Pentenriederin, die einen schweren Karren des Weges schob, hob sie auf, putzte sie sorgfältig ab und steckte sie ein.

»Warum woant denn die allaweil??« brummte Herr Höcherl wieder, und der Teufel beurlaubte sich ärgerlich nach seinem Hollerbusch.

Herr Höcherl aber ging heim und sah nachdenklich aus. Er war unwirsch mit seiner Haushälterin und verlangte zu wissen, wo der Pentenrieder sei, »der langg'stackelte Holzknecht«. Ob er wohl auch im Krieg sei.

Ja, auch im Krieg. Schon seit Anfang.

Das wolle er nicht wissen. Aber Name, Stand und Wohnort, net wahr. »Die Adress'!« schimpfte er, als die Haushälterin ihn nicht verstand.

Und die Haushälterin ging zur Pentenriederin und ließ sich die Adresse aufschreiben. Es dauerte lange, weil die Pentenriedermutter so oft ihre Brille wischen mußte.

»Ih will von dene schlecht'n Zigarrn nix mehr wiss'n!« schimpfte Herr Höcherl an seine Haushälterin hin. »Schick s' dem langg'stacklt'n Kerl naus ins Feld. D' Adress' hast ja.«

Drei Tag lang blieb er in seinem Hollerbusch, der dumme Walpertshamer Teufel, und ärgerte sich.

 

Wenn der Herr Höcherl mit dem Posthalter und mit dem Apotheker beim Schimmelwirt frühschoppte, war vom Krieg nie viel die Rede. Sie schimpften das ihre über die teure Zeit (Stricherl, Stricherl!) und gingen mit der Obrigkeit schlecht um bis hoch hinauf, aber über die Grenze hinaus und über den Rhein und in den Krieg gingen sie nicht mit ihren Gesprächen.

Der Lehrer war auch einmal da und hatte auch mittun wollen, ganz gescheiterweis natürlich, und bei Verdun angefangen und an der Somme aufgehört – der mußte aber geduckt und belämmert abziehen.

Der Teufel sah ihn ungern gehen; der Mann schied anscheinend ganz für ihn aus mit der blauen Hilflosigkeit in seinen Augen, aber die vier feisten Höllenbraten blieben wenigstens richtig bei der Stange, die drei Gäste und der Wirt, und schimpften weiter. Sie schlugen den Lehrer kurzweg zu den Obrigkeiten und sprachen wegwerfend von ihm.

Und der Verwalter von dem großen Militärgestüt in Agathsried kehrte zu und wollte auch vom Krieg sprechen, seufzend und bitter, weil er einen Buben verloren und noch zwei draußen hatte, aber die Frühschoppengäste beim Schimmelwirt schienen schwer zu hören. Man sagte ihm nichts Spitziges und nichts Wegwerfendes, weil er der königliche Verwalter von Agathsried war, aber man begnügte sich mit »ach!« und »tja!« und »hm!« und »ja, ja!«, ließ ihn dazu große Augen machen, wie er nur gerade wollte, und ließ ihn so schnell wieder abziehen, wie er's nicht gerade hatte wollen.

»Kaamat er allaweil mit sei'm Kriag daher!« schimpfte der Herr Höcherl. »Der dumm' Teifi!«

»Der zahlt ja meine Steuern und Abgab'n net!« höhnte der Posthalter.

»Viel Leut' san jetzt krank,« lenkte der Apotheker ab.

Der Herr Höcherl sah ihn erschreckt an. Aber er sagte nichts und verleugnete es rasch wieder einmal vor sich selbst, daß ihm die Füße so angeschwollen seien.

Der Schimmelwirt schalt: »Mei Knecht will's aa allaweil mit der Krankheit ham und mit der Faulenzerei. D' Füaß san eahm allaweil so g'schwoll'n. Der Doktor sagt: d' Wassersucht.«

Der Herr Höcherl hielt sich am Tische fest.

»Was hast denn, Höcherl?«

»Ih? Nixn. Ih hab nixn.« Er würgte ein Witzlein heraus: »Ih hab' in mein' Leb'n koa Wasser net trunka.«

Der Apotheker lachte: »An Posthalter sei Knecht aa net.«

»Die Pentenriederin,« fiel der Posthalter ein, »dö is heut auf der Straß'n umg'fallen.«

»Warum?« frug der Herr Höcherl, und es war ihm unbehaglich, merkwürdig unbehaglich, und er wußte nicht, wie es kam, daß ihm der Name der alten Wittib das Gemüt verwirrte, »warum is s' umg'fall'n?«

»Mitt'n auf der Straß'n,« sagte der Posthalter gleichgültig; »is halt scho a schwachs Weibets. Und iatz dö schlechte Kost. Koa Geld is aa net da und nix zum Zuaspitz'n.«

»Ja,« gab der Herr Höcherl zerstreut zu, nur um was zu sagen. Er empfand einen leisen Ärger: was ging ihn denn die Pentenriedermutter an! Aber die mit ihrem ewigen Weinen, die verfolgt einen förmlich. Bis in den Schlaf hinein geht einem das nach mit ihrer Weinerei. Das Bier verdirbt sie einem im Wirtshaus.

Und da erschrak er wieder, und seine Gedanken wiederholten das Witzchen: »Ih hab' in mein' Leb'n koa Wasser net trunka.«

Und er konnte nicht anders: er mußte die geschwollenen Füße unterm Tisch hervorziehen und mußte aufstehen und mußte das Witzchen laut wiederholen: »Ih hab' in mein' Leb'n koa Wasser net trunka!«

»Was hast denn, Höcherl!?«

»Nix hab' ich. D' Wassersucht.«

 

Der Teufel schlich jetzt immer um das Haus des Herrn Höcherl herum, weil es ihm in der Krankenstube nicht geheuer war. Der Pfarrer ging aus und ein, und der Lehrer kam auch einige Male – den konnte er noch weniger leiden, den dürren Menschen mit der blauen Sanftheit in den Augen.

Wenn der Schimmelwirt gekommen wär' – mit dem hätte er sich hineingeschlichen. Auch mit dem Apotheker und mit dem Posthalter. Aber die kamen nicht, die waren alle krankenscheu und blieben lieber beim Schimmelwirt.

Der Herr Höcherl frug die Haushälterin zornig: wo sie denn wären, die drei. Sie wußte es nicht, und darum fielen ihr so viel Grobheiten an den Kopf, daß der Teufel vor der Haustüre kichern mußte.

Es schmeckte dem Herrn Höcherl kein Essen mehr, und die Haushälterin mußte in ihre Schürze hineinheulen. Herr Höcherl war ganz erbost über die Heulerei und schickte die Haushälterin weg, um seine Ruhe zu haben. Sie solle das ganze Essen nehmen und es zur Pentenriederin tragen.

»Malafizdummer Teifi, schaug, daß d' es weiterbringst!«

Und das gab dem Teufel von Walpertsham einen Stich durchs Herz, und er wollte wütend in die Krankenstube stürzen, als die Hauserin gegangen war; aber der Speisengeruch im Hause tat ihm weh wie der Duft einer guten Tat, und er sprang wieder rasch ins Freie, um nicht zu ersticken.

Gerade als wenn sein dicker Feind es darauf abgesehen hätte, ihn zu quälen: nun trug die Hauserin alle Tage was zu der Pentenriedermutter.

Und einmal kam die Pentenriederin, stammelte hundert »Vergelt's Gott«, daß der Teufel nur so winseln mußte, und lobte die Hauserin und das arg gute Essen.

»Mir schmeckt's net!« schimpfte der Herr Höcherl.

»Mir schmeckt's guat!« sagte die Pentenriedermutter, »und wann's nur mei Bua aa so guat hätt' im Lazarett.«

Der Herr Höcherl aber hatte seine Wassersucht und wollte von dem »langg'stackelt'n Holzknecht« nichts wissen und nichts von seinem Lazarett und seinem Leiden. »Ih hab' mei Wassersucht!« sagte er ingrimmig. »Dös muaßt dir merken, daß ih mei Wassersucht hab'. Dös g'langt mir.«

Die Pentenriedermutter aber hatte ihr Herz offen, und es quoll alles heraus: »Mei Bua hat den linken Fuaß verlor'n, bis obenauf, Herr Höcherl, da ham s'n eahm abnehma müass'n, aber sie ham mir scho g'schrieb'n, für ganz g'wiß und wahr, daß er net sterben muaß – –«

»Ih will nix wiss'n vom Sterb'n!!«

»– – für ganz g'wiß ham s' es mir g'schrieb'n, o du liaber Herr und Heiland, laß mir doch mein' Buam, wann er aa nur mehr oan' Fuaß hat, aber wann er nur 's Leb'n hat, ih will ja gern arbat'n, du liaber Herr und Heiland!«

Dann schluchzte sie in sich hinein, ganz unhörbar nach alter Leute Gehaben.

Der Herr Höcherl starrte an die Zimmerdecke.

Und der Teufel von Walpertsham lauschte verzweifelt und konnte nichts hören und hatte eine Höllenangst.

 

Als die Pentenriedermutter hinter dem Sarg des Herrn Höcherl schritt, betete sie aus dem Herzen heraus in der groben Bauernsprache zum lieben Gott inbrünstig für den guten Herrn Höcherl, wie sie für ihren Buben gebetet hätte. Sie erzählte dem lieben Gott von dem guten Essen: »Du woaßt es scho, liaber Himmivater. daß er dös alte Weiberl net hat verhungern lassen, und du werst es eahm scho vergelt'n in der Ewigkeit. Du liaber Herr und Heiland im Himmi drob'n, er is a so vül guater Mo g'wen. Herr, hab'n selig.«

Da nickte der alte liebe Gott im Himmel droben dreimal, und da wischte sich der Apotheker die heiße Stirn, der Posthalter hustete gepreßt, und der Schimmelwirt wurde blaß hinter dem Sarge.

Der Pfarrer sagte: »Selig die, die die guten Werke mit hinübernehmen ins Jenseits.«

»Sie erbt,« sagte der Posthalter und deutete auf die Pentenriedermutter.

»Ja,« sagte der Apotheker.

»Warum??« frug der Schimmelwirt.

»Dös woaß neamad, warum,« sagt der Posthalter.

Die Pentenriedermutter wußte es auch nicht. Der Notar hatte es in seinen Papieren schwarz auf weiß, und der liebe Gott hatte einmal genickt, als er in den Papieren geblättert hatte.

Aber dreimal hatte er genickt, als die Pentenriedermutter mit ihm gesprochen hatte.

O du dummer Teufel von Walpertsham!

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.