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Der bayrische Watschenbaum

Georg Queri: Der bayrische Watschenbaum - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer bayrische Watschenbaum
authorGeorg Queri
firstpub1917
year1917
publisherUllstein Verlag
addressBerlin und Wien
titleDer bayrische Watschenbaum
created20040822
sendergerd.bouillon
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Geschichten von der Heldenehrung

Die Handlung spielt in einer kleinen Münchner Bierstube. Es muß dir ein Stammtisch ins Auge fallen – muß, sage ich – sonst wären alle die vielen und merkwürdigen Bilder umsonst an die Wand darüber genagelt. Ansichtskarten (schwarze, farbige, auch wunderschöne mit Reliefdruck), dann der Graf Zeppelin, der Kronprinz Rupprecht, der Papa Geis, der Peuppus, der Mackensen und der Hindenburg.

Hindenburgs Bild aber ist mit papierenem Eichenlaub sehr hübsch gerahmt, was einer vorzüglichen Anregung des Herrn Niederwieser (Westenriederstraße 3, Käsehandlung) zu verdanken ist.

Wobei aber gesagt werden muß, daß Niederwieser lediglich die Anregung zu der sinnigen Heldenehrung gegeben hat, und daß die künstlichen Eichenblätter von Frau Theres Wanninger gekauft worden sind.

Nur um der Wahrheit die Ehre zu geben – der Niederwieser tut nämlich immer so, als ob und so weiter.

Besagte Frau Theres Wanninger aber hat mit dem Stammtisch nichts weiter zu tun, als daß sie die Knödl für ihn kocht oder das Lüngerl in der Soß und in den früheren guten Zeiten ihrer Kalbshaxen wegen eine gewisse Verehrung genoß.

Irgendein Stammtischrecht ist nie damit verbunden gewesen, sie hat in ihrer Küche zu bleiben, fertig, Amen.

Tut sie auch. Vielleicht daß sie dann und wann ein bissl herausspitzt, an Ausnahmetagen, an denen ein Sieg gefeiert werden muß, oder wenn nützliche und laute Gespräche über die Lage geführt werden. Dann kann Frau Wanninger meinetwegen aus der Entfernung ihren erregten Atem hören lassen und mit den Ohren arbeiten – eins in der Richtung zum Stammtisch, eins nach dem Herde zu, auf dem ihr nach dem Fall von Bukarest das Kalbslüngerl verbrannte.

War ein übler Tag.

Und heut (dir zulieb, Leser) steht sie richtig an der halb offenen Tür und schnaubt und horcht: die am Stammtisch behandeln den Osten.

Es ist kalt drüben, nach des Niederwiesers Redeweise sogar saukalt, und darum ziehen sie sehr an ihren wärmenden Pfeifen.

Aber über den Tabakswolken lagert der Geist Hindenburgs.

Und Red' und Gegenred' – alles über den Helden.

Der Pfleiderer nämlich – der sich unter Tags unauffällig als Dienstmann Nummero einhundertundvierzehn an irgendein Eck des Rathauses zu lehnen pflegt – der Pfleiderer hat menschliche Züge an dem Helden entdeckt, obwohl das Porträt an der Wand für Stammtischzwecke besonders martialisch – ich möcht' lieber sagen: fuchsteufelswild – gezeichnet ist.

Der Pfleiderer sagt es dem Helde auf den Kopf zu und bedient sich dabei seines beweisenden Zeigefingers: daß er auch einen Stammtisch habe, der Hindenburg.

Gift wolle er drauf nehmen, der Pfleiderer.

Ei ei. Die Frau Wanninger schnaubt heftig. Einen Stammtisch hat er, der Hindenburg!

Interessiert uns wohl auch, denk' ich.

Stellen wir uns halt zu der Frau Wanninger und spitzen auch die Ohren. »Mit Verlaub, Frau Wanninger!«

 

Der Pfleiderer: Da kannst ruhig Gift drauf nehmen – einen Stammtisch hat er. Ohne Stammtisch wird er halt auch net gut leb'n können.

Der Wiggl (der das kleine Sarggeschäft an der Tegernseer Landstraße hat): Vielleicht hat ein solchener wie der Hindenburg mehrer Stammtisch, als wie einen!

Der Vöstl (welcher vom Unfall lebt und alle Monat seine achtundachtzig Mark kriegt, sein ganzes Leben lang): Ein klein's bissl einen Verstehstmich wann man hat, dann muß man sich zuerst fragen: wo gibt's bei ihm daheim das bessere Bier! Da hat er seinen Stammtisch, net wahr?

Der Pfleiderer (spöttisch): In Preiß'n das bessere Bier??

Der Vöstl: Da hat er das sitzende Fleisch, da wo es das bessere Bier gibt. Net wahr: zweimal zwei is vier, und allweil geht man dem Bier nach. Meinst, das find't so ein Feldherr net raus, wo das bessere Bier is?!

Der Niederwieser (ist völlig einverstanden): Und kommt auf die Nacht und sagt: Grüß Gott, habe die Ehre, Gut'n Ab'nd zu wünsch'n.

Der Wiggl: Und der Wirt lauft, wann er ihn nur von der Weiten sieht, und nimmt ihm den Hut und den Schirm – –

Der Pfleiderer: Bist mit 'n Kopf in einen Nag'l neintret'n?! Hast du schon amal einen Feldherrn mit 'n Schirm g'sehn?!

Der Wiggl (kleinlaut): Es werd' in Preiß'n hint'n schon auch amal regnen . . .

Der Pfleiderer: Aber die Monumenter! Die Monumenter! Da stehn die viel'n Feldherrn drob'n – hast schon ein Monument g'sehn, da wo der Schirm aufg'spannt is!?

Der Mayerhofer (treibt in Haidhausen einen Eierhandel, da ist es ganz gleichgültig, ob er hört oder nicht – er hat aber sein Gehör schon Anno Vierundachtzig vollständig verloren. Es ist recht ärgerlich, das sagen alle Leut', daß er in alle Gespräch' dreinred't und immer das ganz Falsche sagt, weil er halt gar nix hört. Jetzt zum Beispiel): Wann sich halt einer in die Prozeßsachen net auskennt! (Dann nickt er dem ganzen Tische kräftig zu, ist vollständig mit allem einverstanden, besonders mit dem Prozeß, über den hier nach seiner Meinung gesprochen wird, und tut einen begütigenden tiefen Zug aus dem Kruge.)

Der Niederwieser: Das muß grad eine Ehr' sein für den Wirt und für die Gäst', wann so einer kommt. Herrgottsaxn, so a Stammtisch, wo der sitzt, das is nur eine Freud', nur eine Freud'. Das muß man g'sehn hab'n, wann so einer wie der Hindenburg auf den Tisch neinhaut. (Vorläufig ist es noch der Niederwieser, der die Faust auf die Tischplatte sausen läßt.)

Der Vöstl: Oha! Haltabissl!! Meinst, ein solchener wie der Hindenburg haut in den Tisch nein?! Mein Lieber, der macht das mit der Bildung. Der Hindenburg laßt bloß seine Aug'n kugeln, dann kennt sich schon ein jeder aus. Mein Lieber, wie der seine Augen kugeln laßt!! (Er müht sich sehr, einen Hindenburg mit rollenden Augen darzustellen; das Porträt an der Wand, das er dabei unablässig betrachtet, unterstützt ihn zweifellos.)

Der Niederwieser: Und wann er das Verzähl'n anfangt, dann spitz'n sie alle. Da darf der Herr Lehrer nix mehr sag'n, wann der Hindenburg red't. Und der Herr Amtsrichter sitzt auch mäuserlstad da – wann er aufmucksen tät, da tät der Hindenburg sag'n: Was möchtst, Herr Amtsrichter? Dreinred'n möchtst?? Gut, gehst halt das nächstemal du ins Russenfangen, und ich sperr' derweil die Leut' ein!

Der Wiggl: Bravo, bravo – dem hat er's hingerieb'n!

Der Mayerhofer (mit zustimmendem Nicken): Da is man allweil der Verlorne, in dene Prozeßsach'n.

Der Niederwieser: Ja, mein Lieber, da werd nix dreing'schnab'lt, wann der Hindenburg red't. Und wer hust'n muß, der muß gleich ein Fufzgerl in die Veteranenkasse zahl'n.

Der Vöstl (ist doch ein bissl erschrocken): Du, an einem solchernen Stammtisch kann man net mitmachn – –

Der Niederwieser (trotzig): Ein Fufzgerl, jawohl l

Der Wiggl (hat auch das ganze Gesicht voller Angst): Wann aber einer grad leer hat!? Eingeschenkt muß doch werd'n!

Der Niederwieser (ganz unbeugsam ist er geworden): Na, mei lieber, da werd nix eingeschenkt!

Der Pfleiderer (sehr begeistert): Bravo, bravo.

Der Mayerhofer (beifällig): Wie's halt geht in dene Prozeßsachen!

Der Niederwieser: Es werd erst eing'schenkt, wann der Hindenburg eine frische Maß kriegt.

Der Pfleiderer: Und auf einen solchernen Gast wird g'schaut! Dem traut sich der Schenkkellner keine Bort'n nicht geb'n! Einen solchernen Schlawiner tät er bloß ein bissl anschauen, dann – – (hier wieder das schon erwähnte Hindenburgische Augenrollen).

Der Niederwieser (richtet einen durchbohrenden Blick nach der Schenke und erhöht nicht ohne Absicht sein Organ): Da wo der Hindenburg Stammgast is, da ham sie einen ganz andern als Schenkkellner, das därft ihr mir glauben! Das is net wie bei uns, da wo man (noch mal erhöht sich die Stimme ein bissl. Großes allgemeines Aufhorchen. Der Mann am Faß erbleicht zusehends) – bei uns, sag' ich, da wo man den weitaus allergrößten Haderlumpen . . . (der Rest der Rede geht in der großen Entrüstung des Redners unter). Mei Lieber, zu uns wann der Hindenburg einmal kommen tät . . .

Der Vöstl (mit erstaunlichem Eifer, voll der Furcht, daß ein anderer den gleichen Gedanken ausspinnen könnt'): Dann darf er sich an unsern Stammtisch hinsetzen! Jawohl, das därf er aber auch! Das woll'n wir heut schon beschließen, daß für 'n Hindenburg allweil ein Platzl an unserm Stammtisch frei is.

(Schönes anerkennendes Murmeln.)

Der Mayerhofer: Ja, ja, dös Prozessiern, o mei, o mei!! ( Tiefer Schluck.)

Der Wiggl (nachdenklich): Wann man das so bedenkt, daß auf einmal der Hindenburg bei der Tür reingeht und sagt: 'ß Good, meine Herrn, leid't's noch ein Platzl?

Der Vöstl: Das muß beschlossen werden: wann der Hindenburg kommt . . .

Der Niederwieser (muß ihn unterbrechen, weil er seinen Groll gegen den Schenkkellner nur zu einem ganz kleinen Teil abgeladen hat): Und wann er kommt, und es vergißt aber dieser Herrgottslump, dieser miserablige, daß er das obere Quartl auch hineintun muß in dem Hindenburg seinen Krug – – –

(Alle sehen erbittert nach der Schenke.)

Der Mayerhofer (kennt sich nun ziemlich genau aus, von was die Rede ist): Wär' das allergescheitest, wann man ihm einen recht schönen Prozeß anhängen tät, dem Herrn Schenkkellner! Da tät'n ihm die Augen aufgehn bei dene Prozeßsachen! (Ein rachsüchtiger Schluck.)

Der Niederwieser: Net wahr, und der Hindenburg tät da groß und klein schau'n! So ein Malefizhaderlump tät ja die ganze Stadt München in die Schand bringen!

Der Pfleiderer (recht bedenklich): Jawohl, und der Hindenburg, net wahr, der macht Augen hin wie ein Wilder, und bei der fünften Maß wird's ihm zu dumm, und er steht einfach auf und sagt: Jetzt is mir aber die G'schicht zu dumm, und kein Wörtl verzähl' ich mehr über das Russenfangen – der z'sammzupfte Banznhäuptling, der damische, was meint denn das ausg'schamte Mannsbild, wer ich bin!? Ich bin fein der Hindenburg!

Wieder sehr schöner allgemeiner Beifall.

Der Wiggl: So einen Menschen muß man ehren, wo man überhaupts früherszeit schon die Herrn Feldherrn auf die Monumenten hinaufgestellt hat, net wahr? Und sind die Namen unten hingeschrieben, damit es net vergessen werd, net wahr?

Der Vöstl: Und da müssen wir schon auch das unsere tun, und indem daß ich also den Vorschlag mach', daß also der Hindenburg, net wahr? wann er einmal auf München kommt, also an unserm Stammtisch . . .

Der Pfleiderer: Und die Wirtin muß ihm eine schöne Kalbshaxn aufheb'n. (Sieht giftig nach der Küchentür, wo die Frau Wanninger deutliche Zeichen der Verwirrung an den Tag legt.) Net, daß es dann heißt: Entschuldigen S', Herr Feldherr, die Kalbshaxn is schon g'strichen. Die letzte hat der Ruhstorffer Hanni kriegt.

Der Wiggl: Die Zeit wann einmal wieder da is, wo es die Kalbshaxn . . .!

Der Pfleiderer (träumt seinen Traum weiter). Und die allersauberste Kellnerin muß ihn bedienen. Ein gut gewachsenes Weibsbild, die gutding ihre zwei Zenten wiegt. Grad eine Freud' muß 's mit ihm sein, wann er mit ihr dischkeriert!

Der Vöstl (er ärgert sich): Wann tun wir dann den Beschluß machen?

Der Pfleiderer (ist mit seinen Zukunftsgedanken noch lange nicht zu Ende): Und wann er seine Haxn gegess'n hat, dann zieht er sein Pfeiferl raus. Und dann besinnt er sich und sagt: Wie wär's mit einem kleinen Haferltarok?

Der Niederwieser (aufgeregt): Nix tarokn.

Der Mayerhofer (schmunzelnd): Da tät aber der saubere Herr Schenkkellner Augen machen bei denen Prozeßsachen!

Der Niederwieser: Was wär' denn net das mit dem Tarokn! Verzähl'n muß er! Die Russ'n, muß er sag'n, die fangt man am allereinfachsten so und in der Weis', daß . . .

Der Vöstl: Oder was beißt mich da. Das is sein Patent, da wird er nix davon schnaufen. Und wann ihn einer fragen will, dann sagt er: Wann man zwölf Russen fangen will, dann muß man schauen, daß man ein Dutzend derwischt, net wahr. Und Punktum und Streusand drauf, und so also fangt man die Russen, wird er sag'n.

Der Niederwieser: Aber am Stammtisch, wo doch seine Freunderl – –

Der Vöstl: Nix Freunderl! Wo dann ein jeder seiner Alten daheim die ganze G'schicht brühwarm erzählen tät!! Nana, mei Lieber! Und auf einmal tät's die ganze Stadt wissen. In ein' jeden Metzgerladen, wann du ein Pfünderl Fleisch kaufst, kriegst als Dreingab' das Russenrezeptl vom Hindenburg!

Der Wiggl: Red' mir nix von die Metzger! Die Ochsen wern allweil dürrer und die Metzger allweil fetter.

Der Niederwieser (dieser boshafte Mensch): Du wirst ja gar net dürrer . . .

Der Wiggl (springt natürlich auf): Was? Han? Du Lackl! Du Hammel! Du ganz oberdamischer . . .

Der Vöstl: Pssst, pssst! Wann wir uns so aufführn, an dem Tisch, da wo doch der Hindenburg . . .

Der Wiggl: Wo Hindenburg? Wann Hindenburg? Ich seh kein' Hindenburg net!

Der Vöstl: Wo er doch sein Platzl bei uns hat für alle Zeit, und wo wir doch beschlossen ham . . .

Der Wiggl: Was beschlossen? Wer beschlossen? Ich hab' net beschlossen! Das wär' ja das allertraurigere, wann man sich bei euch alles gefallen lassen müßt, wann der Hindenburg da is. Und wann er überhaupts nix von die Russen erzähl'n will!

Der Niederwieser: Du allein machst 's Kraut auch net fett! Ich bin für'n Hindenburg sein' Platz am Stammtisch. Wer noch?

Begeisterte Zustimmung der großen Mehrheit gegen die Stimme des Herrn Wiggl.

Der Wiggl zieht die Konsequenzen und verläßt erzürnt die Stube. Die Zenzi eilt ihm nach und fordert ungestüm für sieben Halbe und einmal Lüngerl mit Kartoffeln eine Menge Geld. Auch bezüglich einer Brotkarte entspinnt sich ein Wortwechsel, aber wir können ihn nicht verfolgen. Zu sehr nimmt der Stammtisch unser Interesse in Anspruch.

Der Vöstl ist voll des Triumphes. Er macht wiederholt darauf aufmerksam, daß er den Antrag gestellt habe – er spricht es nicht aus, aber man erkennt aus seinen Mienen, daß er den Niederwieser im Verdacht hat, daß er gelegentlich fremde Federn auf seinen Hut stecke.

Der Niederwieser macht sich aber doch genügend wichtig, indem er den Antrag stellt, daß man dem Hindenburg die Ehrung telegraphisch mitteilen solle. Wer dagegen sei – aufstehen.

Niemand erhebt sich. Einstimmig angenommen.

Folgt die Fassung. Das ist schwer: Zehn Worte. nicht wahr, und eigentlich doch verflucht viel Inhalt.

Aber es geht:

»Hindenburg Rußland. Stammtisch Eintracht Platz für Euch immer aufhebt. Niederwieser.«

Da aber Niederwieser das Telegramm selbst und unbeobachtet von den anderen aufgibt, kann er (auf eigene Kosten natürlich) ein Wörtchen dazuschmuggeln. Gucken wir ihm über die Schulter: »– – immer aufhebt. Gruß Niederwieser.«

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