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Der bayrische Watschenbaum

Georg Queri: Der bayrische Watschenbaum - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer bayrische Watschenbaum
authorGeorg Queri
firstpub1917
year1917
publisherUllstein Verlag
addressBerlin und Wien
titleDer bayrische Watschenbaum
created20040822
sendergerd.bouillon
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Die Zunterin schließt den schönsten Frieden von der Welt: »Heut schaugt die Nasen viel schöner her als wie vor acht Täg.«

»Meinst?« sagt der Zunterer, und es ist ihm, als ob man ihn unterm Kinn gekitzelt und seine Wangen getätschelt hätt'.

Er geht an den kleinen Spiegel und beguckt sich richtig – ist schon wahr: die Nasen schaugt viel besser aus. Ein bissel blaugrün, aber bei weitem nicht mehr so zerschunden.

»Es gibt Leut', die wo viel schiechere Nasen ham!« sagt der brave Zunterer. »Und mir g'schieht's überhaupt recht . . .«

»Na!« schreit die Zunterin. Sie will nicht hören, daß er sich anklagt und ihr das schlechte Gewissen wieder aufriegelt. Sie hat ihren schweren Stein immer noch auf dem Herzen (wegen dem Holzscheitel), und gestern ist wieder ein kleiner Samstagnachtstein dazukommen.

Und die ganze Woch' über ist ihr ein Mühlstein über die Leber gegangen: »Du, Jaggl, wann du mir nur net in den Krieg ziehen mußt!«

»Wieso und in welcher Weis'?«

»Weil es einen Krieg gibt.«

»Ich fang' keinen Krieg net an,« lacht der Zunterer.

»Ja, du!«

»Ich hab dem Wastl bloß meine Meinung g'sagt, aber zum Zuhaun bin ich zu gut. Und jetzt g'fallt sie ihm vielleicht, mei Nasen.«

»Wann's aber einen Krieg gibt!« beharrt die Zunterin.

»Was du nur alleweil mit deinem Krieg hast!«

»Wo es doch im Blattl drin steht, daß es einen Krieg geben muß.«

»Ich les' kein Blattl net.«

»Ja, du in deinem Holz draußen!«

»Ah was, ich fang' keinen Krieg net an!«

Und damit hat sich der Zunterer mit den Zeitläuften auseinandergesetzt, und die Zunterin muß sich mit ihrer Angst allein abfinden. Sie trägt sie deutlich im Gesicht, und dem Zunterer ist blümerant zumut; er bezieht alles auf sich und seine Räusch' und läßt auch den Kopf hängen.

»Alte,« sagt er plötzlich und will was gutmachen, »Alte, magst heut mit mir aufs Bräuhaus gehn? Eine Maß zusammen trinken, gel?«

»Ja, ja,« sagt die Zunterin zitterig. So gut is er heut, der Zunterer.

Und im Bräugarten sitzt sie mit ihm in Glanz und Gloria, wenn er auch nicht viel redet und immer bloß raucht und den anderen zuhört, wie er's gewohnt ist.

Vom Krieg reden die anderen. Alles ringsherum macht Krieg, gar alles.

»Hör'n die gar net auf mit dem damischen Krieg!?« ärgert sich der Zunterer.

»Wann er halt alleweil im Blattl drinsteht!« sagt die Zunterin und will sich's nicht anmerken lassen, wie ihr zumut ist.

»Ich will keinen Krieg net.«

»Du net!« nickt die Zunterin. »Ich will auch net, Jaggl.«

»Ander Leut' auch net. Der Herr Lehrer auch net und der Herr Pfarrer. Wer soll dann den Krieg woll'n?«

»Aber der Herr Posthalter –,« beginnt die Zunterin.

»Was!?« schreit der Zunterer und sucht mit seinen geschwinden Augen den Garten ab, ob nicht vielleicht der Posthalter da ist, der den Krieg will. »Kruzinesen nochamal!« Seine Faust haut und der Tisch poltert. Die Zunterin hält den Maßkrug fest.

»Der will – –,« schreit er noch einmal.

»Sei brav,« lispelt die Zunterin, »Jaggl, sei brav. Es is ja net so: der Herr Posthalter hat g'sagt: indem daß dieser« (sie müht sich recht, Wörtl für Wörtl richtig zu wiederholen), »indem daß dieser Krieg unvermeidlich is. Ja, das hat er g'sagt.«

»So?« brummt der Zunterer. »Dann gehn wir halt heim, Alte, daheim is kein Krieg net.«

Recht hat er: daheim is kein Krieg. Daheim heißt's: »Weibele, mei Täubele«.

Aber wenn er sein Sprüchl auch zehnmal herunter sagt, die Barbara Zunterin weint doch!

Hat man so ein Weibets schon g'sehn auf der Welt? Weint, wenn der Mann den schweren Bierschluckser hat, und weint ihm gradso in die nüchternen Augen hinein.

Die Weibeten studiert man nicht aus.

Zwischen zwei Bussln ein Schluchzen, daß dem Zunterer zweierlei wird.

»Weibele, mei Täubele.«

»Wann du aber – wann du aber – Jaggl – wann du aber in den Krieg mußt!?«

Da haut der Zunterer den häuslichen Frieden auf seinem Tisch mit der größten Faust entzwei.

»Der Himmiherrgottsakramentsposthalter,« flucht er.

 

Und am Montag ist er wieder in seinem Holzschlag und haut auf einen Baum los wie ein Wilder.

»Der Himmiherrgottsakramentposthalter mit seinem Krieg alleweil. Was braucht denn der einen Krieg anfangen!«

Und der Baum kriegt die Axt, als wenn er der Kaiser von Frankreich wär'.

»Willst umfallen, du Luderbaum? Dir komm ich!«

Der Zunterer schimpft und die Axt saust, und der Baum legt sich schließlich der Läng' nach hin, wie's ihm nichts mehr hilft.

»So,« sagt der Zunterer, »so,« und ist zufrieden.

Der Förster kommt und lacht: »Du bist ja ein ganzer Wildling, Zunterer.«

»Die dicken Bäum' brauchen's.«

»Die Franzosen auch, Zunterer!«

Der Zunterer versteht ihn nicht.

»Da hast einen Zettel, Zunterer, den tust lesen, und dann schlupfst gleich in die Joppen und laufst zu deiner Alten heim und sagst ihr adjes.«

»Wieso und warum?« meint der Zunterer.

»Weilst ins Frankreich hinein mußt, zum Franzosenhaun. Krieg is, Zunterer, Krieg!«

Der Zunterer buchstabiert sich seinen Zettel zusammen – »an den Reservisten Jakob Zunterer« – und jetzt weiß er, wieviel daß es g'schlagen hat. »Der Himmiherrgottsakramentsposthalter.« brummt er. »Adjes, Herr Förstner!«

»Adjes, Zunterer. Tu' hübsch Französerl derschießen und komm g'sund heim!«

»Adjes.« Und dann brummt er über den Posthalter weiter und geht zu seiner Zunterin.

Zum Gotterbarmen heult sie.

»Weibele!«

»Jaggl, Jaggl!«

»Adjes, Weibele.«

»Du, Jaggl . . .,« aber da muß sie den Schurz vors Gesicht schlagen und muß sich von ihrem Jammer hin und her schütteln lassen und bringt kein vernünftiges Wort heraus.

Und hätt' so viel zu beichten, so viel zu beichten.

»Sockn mußt mir in den Rucksack tun, Weibele. Ich brauch' sie zum Marschieren.«

Sie weint die Socken naß.

»Und Hemmeder, weißt, zwei Hemmeder auch. Ich brauch's im Feld.«

Auch die Hemden weint sie naß, und das Herzl schlegelt ihr wie wild, weil die Stein' drauf liegen und drücken.

Aber der Zunterer nimmt seinen Rucksack und sagt: »Adjes, Weibele. Ich komm' bald wieder.«

»Jaggl –,« sie weint ihn zur Tür hinaus und weint neben ihm her den langen Weg bis zum Niederzeismaringer Bahnhof und weint am Wagen weiter.

»Weibele, sei g'scheit!« Aber dem Zunterer ist's grad so trüb im Sinn. »Sei g'scheit, Weibele!«

»Du, Jaggl –,« da pfeift der Zugführer ab, weil er kein Herz hat für die armen Leut' –, »du, Jaggl, das muß ich dir noch beichten. ehbevor daß du ins Feld gehst: die Nasen hab' ich dir angetan!«

Die Lokomotiv' schickt drei wütige Schnaufer hinten dem Satz her: hört's. hört's, hört's!

Dann sagt sie: hohohohohohoho (zum Erschrecken wild, wie halt die Lokomotiven tun), und das heißt: Hört's, Leutl, was die Zunterin für eine ist – die hat ihrem Mann das mit der Nasen angetan! Und sie zieht kräftig an, daß der Zunterer fortkommt von seiner Alten, und daß ihm nichts mehr passieren kann. Hohohohoho!

Die Zunterin geht mit, weil sie noch ihre Beicht' herunterhasten will, mit Weinen und mit Würgen: »Weil du halt wieder so viel besuffen g'wesen bist, Jaggl, und weil ich halt alleweil an die Samstäg so auf dich warten muß, Jaggl, und grad warten, und kommst dann so heim, und da is mir halt der Zorn kommen, verzeih' mir's halt in Gottesnam'!«

Die Lokomotiv' will nichts davon wissen und greift stärker zu, und die Zunterin muß geschwinder gehn und reden: »In Gottesnam' mußt mir verzeihn, Jaggl!«

»Weibele!« sagt der Zunterer ganz wirrig. »Was meinst denn, Weibele?«

Sie muß jetzt neben dem Zug herlaufen und kann's kaum mehr derschnaufen.

»Daß ich dir das mit der Nasen angetan hab', Jaggl. In Gottesnam'!«

Die Lokomotive: hohohohoho!

»Was??« schreit der Zunterer, weil die Zunterin hinten bleibt. »Was für eine Nasen?«

»Die deinige« – jetzt muß die Zunterin auch schreien, daß ihn das Bekenntnis noch erwischt – »mit einem Holzscheitel bin ich an der Tür g'standen. In Gottesnam', Jaggl!«

»Warum?«

»Weil du b'suffen gewesen bist. In Gottesnam', Jaggl.«

»An der Tür?« (Der Zunterer brüllt, damit sie ihn noch verstehen kann.)

Die Zunterin versucht's mit ihrem höchsten Ton, wenn er auch ganz zittrig wird: »Mit einem Holzscheitl. In Gottesnam'!«

Das Holzscheitl erwischt ihn noch, aber es tut ihm nicht so weh als das Gottsnam', das dahergeflogen kommt wie ein Messer so scharf und schneidend.

»Weibele!« Der Wind nimmt ihm das letzte Wörtl weg und trägt's über den Anger hin zu einer Pferdekoppel.

Und der Zug fährt den Zunterer weg nach München und ins Frankreich.

Die Zunterin weint einen Tag und eine Nacht, bis sich die Stein' auf dem Herzen alle in Wasser aufgelöst haben.

 

Wenn man ins Frankreich fahrt, kann man viele Stunden auf einer Bank sitzen und braucht nichts anderes zu tun als wie seine Pfeif' rauchen.

Unterhalb der Bank sind Räder, die gehen über die Länder hinweg, daß es grad eine Freud' is.

Ein Kamerad sagt zum Zunterer: »Jetzt mußt hinausschaugen, jetzt kommen wir ins Württembergische. Da is der Ulmer Dom.«

Und der Zunterer nickt und sagt vor sich hin: »Da is sie also unter der Haustür g'standen bei der Nacht. Unter der Haustür.«

»Und jetzt kommt das Badenserland,« sagt der Kamerad und tupft den Zunterer.

»Und unter der Haustür hat sie g'wart' und g'wart' und alleweil g'wart'. Da is ihr der Zorn kommen.«

»Das Badenserland ist ein feines Landl, Kamerad!«

Der Zunterer nickt. »Und da is ihr der Zorn kommen, und hat sich denkt, wo bleibt denn der Lump wieder so lang? Es is Elfe, es is Zwölfe. Wo bleibt er so lang?«

Der Kamerad: »Ich hab' schon einmal g'arbeit' im Badischen. So eine gute Kost, wie sie da haben!«

Der Zunterer nickt wieder. »Und hat sich denkt: Beim Schimmelwirt wird er sein, der Lump. Versauft die Markl und bringt die Räusch' heim. G'hört so einer net g'haut, hat sie sich denkt.«

»Das Elsaß, Kamerad, das mußt dir ein bissel anschaun im Vorüberfahrn. Das is fein ein reiches Landl.«

Und der Zunterer: »Und sie wart' und wart', und auf einmal nimmt sie ein Holzscheitl in die Hand. Warum ein Holzscheitl?«

Im Lothringischen: »Jetzt geht's auf Metz zu,« sagt der Kamerad.

»Auf Metz zu,« nickt der Zunterer. »Warum aber gleich ein Holzscheitl?«

Metz.

Im Aussteigen sagt der Zunterer: »Aber daß sie mich grad auf die Nasen haut, das hätt' nicht sein dürfen. Das muß ich ihr heimschreiben, daß sie mich net auf die Nasen hätt' hau'n dürfen.«

 

Die Leut' haben alle große Wasserkübel vor die Häuser gestellt, daß die durstigen Soldaten (und viele tausend ziehn vorbei) was zu trinken haben.

Der Zunterer schreibt eine Postkarte:

»Libes Weibele! Die Leuth ham ale Wasserkiebl for die Häußer gestel, das die durtzigen Soldathen was zudrinken ham. Mit Grus dein Jagl. Ich hab fil an Dich gedenkt und mus dir noch was schreim und jez keine zeit dafir nich hab ein andresmall. Grus und Kus jez gets an die frantzosen die wern augen machen wan wir komen lauter feste Leuth derbei di kenen schon zuschlagen.«

Direkt ins Raufen werden sie gefahren.

Drei, vier, fünf Bauerndörfer müssen angegangen werden, weil sie voll Franzosen sind. Viele laufen, viele wehren sich.

Der Zunterer hat einem toten Kameraden das Gewehr weggenommen, weil von dem seinen der Kolben abgesplittert ist.

»Die Axt hätt' ich net daheimlassen dürfen! Da kann man sagen, was man will: eine gute Axt gibt halt aus und hält her.«

Am siebenten Tag findet er eine Axt. Aber es ist an ihrem Stiel ein Kamerad von der Feldbäckerei dran. Er gibt sie net her, sagt der Kamerad Feldbäcker, er braucht sie zum Holzscheitern.

»Wann ich sie aber für die Franzosen brauch'!?«

»Hau' du nur mit deiner Gewehrlatten!«

Abends kommen sie in ein Dorfquartier, da müssen sie aber noch zwei Kompagnien Rothös'l hinauswichsen, bevor sie sich aufs Stroh legen können. Das macht müd, und der Zunterer mag nicht mehr herumsuchen nach einer Axt. Er schmeißt sich aufs Stroh zu den andern.

Einer ist da mit einer Brillen auf der Nasen, der ist noch nicht müd (ein dürrer, kleiner, die sind zäh und halten schon was aus), und sagt, er muß noch an seine Frau heimschreiben.

Ich müßt auch was schreiben, denkt sich der Zunterer, wenn es mir nicht so schwer wär'! Ich muß ihr das mit dem Holzscheitl richtig hinschreiben. Auf die Nasen hätt' sie mich nicht hau'n dürfen.

»Was schreibst denn heim, Kamerad?« fragt er den mit der Brillen.

»Es handelt sich um mein Hauswesen,« sagt der Kamerad.

»Um das meine tät sich's auch handeln,« brummt der Zunterer und steht auf. »Aber wie man halt die Wörtl hinsetzt, das is net leicht!«

Er guckt dem Kameraden über die Schulter und denkt sich nichts weiter dabei.

»Was schreibst denn?« sagt er neugierig. (Und denkt dabei: vielleicht hat der Seinigen auch sowas zu sagen.)

»Ach Gott, so allerhand,« meint der Kamerad.

»Du hast eine schöne Schrift. Ich,« entschuldigt er sich, »ich muß halt im Holz arbeiten mit der Axt, und da wird einem die Hand schwer, und vergessen tut man auch viel. Die Wörtl kann ich halt net so nebeneinander hinsetzen.« Er besinnt sich und sagt dann eine langsame Bitt': »Tät's dir was ausmachen, wann ich das abschreiben tät, was du deiner Alten schreibst? Mir fallt halt gar nix ein, weißt.«

Der Kamerad mit der Brillen sieht auf. Die Augengläser funkeln, weil das Kerzenlicht darauffällt, und der Zunterer überlegt sich: tut jetzt der mit seinen Augen lachen, oder hat er ein Wasser drin?

Und der mit der Brillen sagt gutmütig und aus dem Herzen herauf: »Ich schreib' dir deinen Brief, wann du magst. Den meinigen kannst du nicht brauchen, da tätst du gradhinaus lachen, wenn du das deiner Frau schreiben müßt!«

Der Zunterer schaut ihn ungläubig an. »Schreibst was Lustigs vom Krieg??«

»Paß auf, Kamerad: weißt, ich hab' meine Kakteen daheim, und die begießt mir meine Frau immer zu reichlich – sie bringt's halt nicht in sich hinein, wie man mit diesen Pflanzen umgehn muß. Es wär' schad« (da wird der Mann mit der Brillen wärmer und ganz eifrig), »wenn mir die schönen Exemplare kaputt gingen. Ich hab sie mit viel Müh heimgebracht und gepflegt. Besonders die Stapelia variegata und den Echinocactus horizonthalonius, einfache Opuntien wohl auch, wie die Coccinellifera, aber dann die Rhipsalisarten – –«

Der Zunterer hat ein Mühlrad im Kopf und muß sich über die Stirn wischen. »Das schreibst heim??«

»So was Ähnliches,« lächelt der Brillenmann und besinnt sich wieder auf die Zeitläufte und auf seine Umgebung.

»Das därf ich meiner Alten net heimschreiben,« sagt der Zunterer langsam. »Das tät' sie mir net verzeihn, und die Freundschaft wär' aufgesagt.« Und er legt sich wieder aufs Stroh. Der Brillenmann hat sich schnell was überlegt und sagt dem Zunterer (der grad hinüberschnarchen will): »Morgen schreib' ich dir einen Brief, Kamerad!«

»Ja,« gibt der Zunterer erfreut zurück. Dann streckt er sich und schläft baumfest ein. Aber die Trud kommt über ihn, reitet ihm auf dem Brustkorb und dem Magen umeinander und verlangt von ihm, daß er der Zunterin die ganze Kakteengeschichte heimschreibt. »Weibele!« stöhnt er im Schlaf, »o Weibele!«

Gut, daß alarmiert wird. und daß der Zunterer marschieren muß. Den mit der Brillen muß er aus dem Stroh reißen, weil er gar nicht aufwachen will. Er zankt ihn aus, zupft an seinem Seitengewehr herum und packt ihm den Tornister auf – »Du bist ein bissel schlampig!« sagt er besorgt, »auf dich muß ich Obacht geben. – – Schreibst mir meinen Brief heim?«

»Bei der nächsten Rast, Kamerad.«

Den ganzen Tag müssen sie marschieren. Der Zunterer schaut sich seinen Brillenmann oft an und sagt sich: Der is net schlecht. Das is ein G'scheiter und nimmt sich zusammen. Der marschiert net schlecht, so klein und zartlich als er is. Aber Obacht geben muß ich auf ihn – der schreibt mir meinen Brief heim.

Einmal rasten sie in einem Steinbruch.

»Soll ich schreiben?« sagt der Brillenmann.

»Noch net,« meint der Zunterer. »Ich hab's noch net ganz beieinander, was wir der Alten sagen müssen.«

Da kritzelt der Kamerad für sich eine Postkarte.

Was er nur alleweil schreibt? denkt sich der Zunterer. Er pirscht sich an und sagt freundlich: »Is's wieder wegen die Blumenstöck'??«

»Nein,« lächelt der mit der Brillen. »Aber es fällt mir grad ein, daß ich ein Notizbüchl im Botanischen Seminar hab' liegen lassen.«

»So, sind wir da auch durchkommen? Ich kann mir die Namen von die vielen Ortschaften net merken.«

 

Der Brillenmann und der Zunterer halten zusammen und lassen sich nicht mehr aus.

Der Brillenmann bringt es einmal fertig, zwei Federbetten für die Nacht zu finden, und freut sich schon auf das Gesicht des langen Holzknechts, wenn er ihm sagen kann: »Kamerad, heut schlafen wir in einem Federbett.«

Aber der Zunterer lungert noch in dem halbverbrannten Dorf umher. und der Brillenmann wartet lange lang auf ihn. Er ist geduldig und vertreibt sich die Zeit mit Briefschreiben.

»Liebe Therese – –«

Und diesmal schreibt er nichts von Opuntien und nichts von vergessenen Notizbüchern. Diesmal legt er sein Herz in die Zeilen und schreibt von Not und Freuden und von Tod und Leben. Es ist viel von dem langen Zunterer die Rede, und alle Haustorreden der Zunterin werden ausgeglichen und gutgemacht durch das, was der Brillenmann über den Zunterer weiß. Er wiegt das Herz des Kameraden mit seiner feinen Hand und schreibt: »Das ist ein fester Klumpen aus purem Gold. Liebe Therese, ich habe einen Menschen gefunden, der mir nach Dir der liebste ist. Ich würde unsäglich leiden an der Kugel, die ihn auslöschte. Schreib' Du an die Frau Zunterer Barbara in Oberzeismaring: auf diesen braven Menschen kann sie stolz sein wie die Kaiserin auf den Kaiser. Und sag' ihr: der Zunterer wird bald was von sich hören lassen – er will ihr immer schreiben und kann nicht dazukommen. Das schwere Hauen und Schlagen ist ihm lieber als das Federkritzeln. Der Prachtmensch!«

Aber da kommt der Prachtmensch selber herein in die Stube, die der Brillenmann entdeckt hat.

Stockbesoffen, der Prachtmensch.

Zwischen beiden Händen trägt er mühsam seinen Feldkessel und balanziert auf den Beinen wie eine Ente – wenn er nur nichts verschüttet, wenn nur die guten Tröpferl im Feldkessel nicht verschüttet werden!

Es ist alles für den mit der Brillen, der ist so klein und zartlich und kann sich nicht so durchs Leben helfen wie ein fester Holzknecht.

Wie sie den schönen Wein gefunden haben – die Malefizspitzbuben haben alle nicht an den Kameraden mit der Brillen gedacht, aber der Zunterer, der Zunterer!

Die Fässer haben sie eingeschlagen und haben wüst mit den Feldkesseln geschöpft. Aber der Zunterer hat gesagt: »Ich hab' einen Kameraden, der ist klein und zartlich und muß auch einen Wein kriegen.«

»Ich hau' einen jeden,« hat der Zunterer geschrien, »ich hau' einen jeden ungespitzt in den Boden hinein, der wo meinen Kessel anrührt. Der Wein gehört dem mit der Brillen, der kann sich nicht so helfen.«

So, und da hat er den vollen Feldkessel in ein Kellereck gestellt, und dann ist er erst mit seinem Becher und seinem Durst an das Faß gegangen.

Ja oder nein: kennen wir den Zunterischen Durst?

Und die Zunterischen Räusch'?!

Und wissen wir, wie er jetzt vor dem Brillenmann steht?

Der Feldkessel schwankt in seinen Händen, und der Brillenmann begreift, daß er den Kessel abnehmen muß.

»Der Wein g'hört dein!« schreit der Zunterer fröhlich. »Die Malefizspitzbuben!«

Dann torkelt er an das Bett.

Der schwere Oberkörper sinkt in die Federn, eins der langen Beine dazu, das andre schläft draußen.

Der Brillenmann hebt es auf und legt es zum andern. Der Zunterer merkt nichts davon: er schnarcht und läßt seine liebe alte Holzknechtsäge durch die Äste rasseln.

Und der Brillenmann sagt: »Der Prachtmensch!«

Wie?

Brillenmann, wie kannst du einen besoffenen Holzknecht loben? Einen, dem du mühsam ein schönes Federbett verschaffst mitten in Krieg und Brand, und der's nicht schätzt und nicht achtet und seine kotigen Stiefel darauf wetzt.

Geh' wieder an deinen Brief, Brillenmann, und streich' die faustdicken Lügen heraus, die du hineingemacht hast.

Aha, da liest du dir's doch noch einmal durch.

Aha, und streichen, streichen.

Was, unterstreichen tust du?

»Der Prachtmensch.« Einmal, zweimal unterstreichen. Da kann man halt nichts machen: Leute mit Brillen auf der Nasen sind sonderbare Menschen.

Und schaut ihn an: wie er jetzt den Feldkessel vorsichtig beschnüffelt!

Dann trinkt er, nicht mehr wie ein paar Fliegen trinken können.

»Malaga,« sagt er lächelnd; »lieber Zunterer, ich hätt' dir gern einen Schluck Wein aufbewahrt – aber den da nicht.«

Und geht hinaus und verschüttet den ganzen schönen Wein.

Und den Feldkessel reinigt er sorgfältig am Brunnen.

 

Am andern Tag klopft der Zunterer dem Kameraden vertraulich auf die Schulter: »Vor dir krieg' ich einen Respekt. Wo du so klein und zartlich bist und kannst saufen wie ein Großer.«

Er blinzelt zwischen dem leeren Feldkessel und dem Kameraden schlau hin und her.

Der Kamerad wird rot.

»Brauchst net rot werden!« lacht der Zunterer. Dann wispert er vertraulich: »Ich hab' schon viel größere Räusch' g'habt als wie du. Und viel schönere!«

»Schönere.«

»Ja, wie man halt so sagt,« meint der Zunterer, und es ist jetzt an ihm die Reih', verlegen zu werden. »Das is halt so eine Sach' mit die Räusch'. Das müssen wir einmal an meine Alte heimschreiben, weißte. Ich kann's nur net so zusammensetzen wie ich möcht', aber das pressiert net, und jetzt braucht sie auch keine Angst net ham, daß ich besuffen heimkomm' an die Samstäg.« Er unterbricht sein Gespräch und denkt wieder über die alte Sache nach.

Aber er kommt nicht weiter, als seine Gedanken in Metz waren: Das hätt' sie nicht tun dürfen, mich auf die Nasen haun!

 

Den ganzen Tag dürfen sie in dem feinen Quartier bleiben.

Der Mann mit der Brillen weiß dem Zunterer so viel Arbeit, daß der Zunterer brummelig wird.

»Jetzt putz' ich dir noch dein Gewehr,« sagt er, »dann muß ich ein bissel hinausschaun.«

Zum Malaga! denkt der Kamerad.

»Zunterer, wie wär's, wenn wir zwei heut keinen Rausch hätten!?«

»Warum soll'n wir keinen haben?« Der Zunterer merkt gar nicht, daß der Kamerad in seinem Gehirn herumblättert wie in einem Buch. »Es ist leicht möglich, daß wir noch einen Wein finden. Hast net g'merkt. daß er ein bissel stark is?«

»Jaja, ein wenig stark.«

»Aber er dergibt gut,« sagt der Zunterer eifrig. »Ich tät' mir keine drei Feldkessel trinken trau'n, ohne rauschig werden.«

Der Kamerad ahnt etwas: »Wieviel hast denn gestern trunken?«

Der Zunterer zögernd: »Es sind net viel mehr wie zwei g'wesen . . .«

Nicht viel mehr wie zwei. Und der lange Kerl ist dabei am andern Morgen gesund und frisch wie ein Fisch im Wasser.

Aber wenn er heut wieder so aus dem Vollen schöpft und – morgen wird's den schweren Gang geben gegen die Verschanzungen an den Côtes. Nein, heut muß er sich den Magen steif halten.

Der Kamerad mit der Brillen meint, sie könnten heut zusammen den Brief an die Zunterin schreiben.

»Den Brief,« zögert der Zunterer; »nein, den können wir heut' noch nicht schreiben. Ich hab' ihn noch net ganz beieinand' im Kopf.«

Und dann entwischt er dem Kameraden doch und macht sich wieder auf die Kellersuche.

Haha, Zunterer, haha, es ist nix mehr da!

Wie er wieder ins Quartier kommt, sagt er verdrießlich: »Du hast recht – wir müssen net alle Täg' unsern Rausch ham. Und mit dem Schreiben, das hab' ich jetzt schon ziemlich beisammen. Das tun wir morgen, Kamerad.«

»Morgen!« sagt der Mann mit der Brillen und schaut den Zunterer sonderbar an. »Warum denn aufschieben?«

»Heut,« sagt der Zunterer ausweichend, »heut schreib' ich ja selber.«

Er tut's auch wirklich. Zwei Karten verschmiert er, aber auf der dritten liest du:

»Liebes Weibele! Indem das ich dir morng schreib must Du noch warten heut das file Gewerbutzen auch mus ich für einen Kameraden buzen der is klein und zardlich mit seiner Briln aber ein guther mens und hat einen ganzen feldkesel fon dem schtarken weihn drunken da mus man respekt haben und grißt dich dein liber Jagl. Das andere schreib ich morng das mus ich mir erst überlegn und ich sags ihm und der mit der briln schreibts wo du gleich an der Schrifft merken kanst dein liber Jagl.«

 

Wie sie mit dem Feind Fühlung erhalten, blinzele der Zunterer dem Kameraden zu. Im Zunterischen heißt das: Keine Angst net, Kamerad, jetzt wird's ja erst lustig, und ich bin schon da beim Dasein!

»Hoppla!« kräht er dann erbost – es pfeifen ein paar Kugeln daher, und eine streift ihm den Tornister. »Malefizlumpen, französische!« Und besorgt sieht er nach dem Brillenmann und findet ihn schon langgestreckt liegen, das Gewehr im Anschlag. Er nickt ihm befriedigt zu, ob's der andere sieht oder nicht.

»Das ist kein Dummer und kein Ungeschickter,« sagt sich der Zunterer, »und der weiß, was sich schickt, und was der Brauch ist im Krieg. Mit dem muß man gut sein und ihm helfen – er muß eine Brillen tragen, der arme Teufel!«

Je, da rattert ein Maschinengewehr – das muß da drüben im Wald stehn. »Himmelherrgottsaxndi!« schimpft der Zunterer, »die Lumpen, die französischen!«

Sie liegen jetzt alle platt am Boden, der ganze Zug, und die Kugeln gehen hoch über ihnen weg. Die sollen nur schießen da drüben – herüben pressiert's noch nicht. Das wird schon zur rechten Zeit losgehen, und auf einmal wird da ein Bataillon aufspringen und dort wieder eins, und dann wird der Teufel los sein.

Ein paar Leut' sind jetzt schon ungeduldig und kriechen vor und wollen an das Maschinengewehr heran. Der Leutnant muß bremsen: er hält seine Leut' zurück und schreit auch den Zunterer an, der den langen Leib vorschiebt.

»Ich muß, Herr Leidnant, ich muß vor, weil der mit seiner Brillen auch vorn is. Der is so klein und zartlich und schreibt mir meinen Brief heim.«

Und da ist der Zunterer schon aufgerumpelt, macht drei, vier seiner allergrößten Sprüng' und wirft sich neben dem Kameraden nieder.

»Wie kannst denn du,« sagt er nachdrücklich, »wie kannst denn du einfach da so vor die andern herkriechen! Du mit deiner Brillen!«

»Und wie kannst denn du so nachhüpfen,« lacht der Kamerad, »du mit deiner Läng'!«

Der Zunterer aber legt ihm die schwere Hand auf die Schulter: »Du bist ein Zartlicher, dich darf man net allein lassen.«

 

Der Befehl zum Sturm ist gegeben. Der mit der Brillen springt flink auf, und der Zunterer muß fluchen, weil er mit seinem Holzknechtsgestell länger braucht. Er sieht den Kameraden wie ein kleines flinkes Wiesel rennen und läuft ihm mit ganz verrückten Sprüngen nach.

»Trau' dich net so!« schreit er ihn an, »du mit deiner Brilln!« und da ist er schon an ihm vorbeigeflogen.

Und einen Juchzer bringt er dem Feind entgegen, hoch, gellend und herzgeladen wie ein Brunftschrei.

Das kleine flinke Wiesel setzt ihm nach. »Du lieber langer Kerl darfst mir nicht allein bleiben. Du lieber langer Kerl.«

Es pfeift verflucht aus dem Busch vor dem Wald. Ssst, ssst, ssst. Und das Maschinengewehr takt noch immer. Viel zu hoch schießen die Kerle, sonst wär's ein böses Mähen.

Der Zunterer rennt ohne Helm.

Das kleine flinke Wiesel hat Blut auf der linken Wange und achtet's nicht.

Dem Zunterer hängen die Fetzen vom Rockärmel. Aber er fegt dahin und schickt aus dem Laufen heraus seinen Kriegsschrei in den Busch. Niemand kommt seinen langen Beinen nach.

Das arme Wiesel ist weit hinten geblieben.

Es muß einen Augenblick verschnaufen, um dem langen Kerl da vorn was nachzurufen: »Kamerad, Kamerad!« aber das ist ein schwaches Schreien, und der Zunterer ist schon im Busch, jauchzt, haut und haut.

Und jetzt kommen ihm drei feste Leut' zu Hilf', und dann sind's noch vier und dann ein Dutzend mehr. Dann wimmelt's im Busch, und Hämmer schlagen im Wald.

Leben, die verlöschen, schreien den Himmel an.

Der liebe Gott rauft sein weißes Haar.

Der Zunterer schreit auf, über alle hinweg, wie ein Tier im Wald.

Das kleine flinke Wiesel springt.

»Zunterer!«

Der Zunterer schreit nicht mehr.

Die Brille funkelt vor Wut und sucht und sucht. Das Bajonett leuchtet vor ihr her und bohrt sich in eine schwarze Gurgel.

»Hund! Hund!« schreit der Mann mit der Brille und reißt das Bajonett aus der Gurgel.

»Zunterer –« Aber der Zunterer antwortet nicht.

Die Brille funkelt und funkelt.

»Zunterer!«

Und der Kamerad mit der Brille kniet sich hin und schreit: »Red', Kamerad!«

Der Zunterer rollt die Augen und macht es deutlich, daß es mit dem Reden nicht mehr gehen will.

»Zunterer! Ich schreib' heim!«

»Weibele!« gurgelt der Zunterer.

Er schickt ein Keuchen hinterher, krampft die Fäuste, und sein Brustkorb stemmt sich vor gegen den Tod.

»Lieber Kamerad Zunterer!«

Der lange Holzknechtleib zuckt, und die Augen verschimmern.

Der liebe Gott rauft sein weißes Haar.

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