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Der bayrische Watschenbaum

Georg Queri: Der bayrische Watschenbaum - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer bayrische Watschenbaum
authorGeorg Queri
firstpub1917
year1917
publisherUllstein Verlag
addressBerlin und Wien
titleDer bayrische Watschenbaum
created20040822
sendergerd.bouillon
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Der Watschenbaum

Da gibt's Leut', die in der Welt herum kommen sind, und Leut', denen's daheim viel lieber ist. Die einen sind Landbriefträger, italienische Maurer, Professer und Bändlhausierer. Die andern sind verheiratet.

Die wissen nichts, die andern.

Aber die einen kennen sich aus in der Welt und wissen, was das im Bayrischen bedeutet: eine Watschen. Wenn sie wieder heimgereist sind, horchen alle Leut' auf, und sie erzählen's und fangen an, zu übersetzen: »Eine Ohrfeige. Eine Maulschelle. Eine Backpfeife.«

Je nach der Sprach' daheim. Aber die Watschen hat halt dann den richtigen Klang nicht mehr.

Was aber Watschenbaum heißt, das wissen die wenigsten Leut'. Da muß man sich schon gut umgesehen haben in der Welt: bis Sankt Barthlmä, bis Chieming, bis Rottach und bis in die Scharnitz muß man gekommen sein, dann kann man reden über Land und Leut'.

Dann kann man auftrumpfen: der Watschenbaum, das ist kein Baum, er tut nur so. Der Watschenbaum ist ein fester Arm, und was fünffingerig dranhängt, daraus macht man die Watschen.

Wenn der Arm, quasi Baum, umfällt, dann ist eine Watschen reif geworden und muß weg.

Und was g'scheidte Leut' sind, die gehen da nicht hin, wo die Watschenbäum' umfallen.

Oder sie stehn ein bissel weiter weg, schauen zu, nichts anderes, schätzen den Mann ein, der haut, messen die Watschen und taxieren den, der sie abnehmen muß. Es ist ja weiter nix dabei – is halt ein Watschenbaum umgefallen.

Is er halt umg'fallen!

Jetzt (alle miteinander laut mitsagen): Der – Watschenbaum – ist – umgefallen.

Noch einmal. Es lernt sich nicht so leicht. Aber es kann für das ganze Leben von Wert sein.

 

Die vom Vierten bayrischen Infanterieregiment sind Rheinpfälzer. Sie machen Wein statt Bier und haben auch sonst eine andere Sprach'.

Wie sie auf der Combreshöhe gelegen sind, hab' ich ihnen einen Gesang gedichtet.

»Der Hauptmann hat uns ja gesaget:
wir tun die Vierten Bayern sein,
die wo den Watschenbaum hintragen
wohl auf die schöne Côt' Lorrain'.«

Sie haben die Köpf' geschüttelt: »Watschenbaum??«

»Jawohl, Watschenbaum!«

»Die hawwe mer net.«

So sind die Menschen. Lassen immerzu auf der Combreshöhe den Watschenbaum fallen und wissen es nicht. Herrjeh: und die Franzosen wissen es.

Aber ich hab' mich dann doch verständigt:

»Der Hauptmann hat uns ja geschliffen
an dem Gewehr das Banganett,
das wo hinein in den Pariser
und wo auch wieder außergeht.«

Das haben sie alle begriffen, die Vierer. Aber halt den Watschenbaum nicht.

Eigentlich könnt' man stolz darauf sein, daß die bayrische Welt so groß ist, daß ein Bayer den andern nicht mehr in seiner Sprache verstehen kann.

Aber Watschenbäum' sollt' man halt doch überall haben und überall verstehen.

 

Der Pfanzelter Gidi hat schöne Geschichten vom Watschenbaum gewußt.

»Von alle Bäum',« hat er gesagt, »die wo im Paradeis g'standen sind, is einer net im Paradeis g'standen.

Der Birnbaum ist dring'standen wegen dem Essen, der Kranawitter wegen dem Schnaps, und der Zwetschgenbaum is dring'standen auch wegen dem Schnaps, und daß man die Dampfnud'ln net so trocken essen muß – aber der Watschenbaum is net dring'standen.

Hat sich der Erzvater Adam alleweil denkt: Mir geht was ab! Was geht denn mir ab?

Sagt der liebe Gottvater: Lieber Erzvater Adam. fehlt dir vielleicht ein Enzianschnapsl? Geh nur hin zum Branntweiner im Seligkeitsgass'l, der muß dir geben so viel als du willst.

Nein nein, kein Enzian tät ihm net fehlen.

Vielleicht aber eine frische Maß? Wär' ein traurigs Paradeis, in dem net alleweil frisch anzapft is.

Nein nein, eine frische Maß tät er auch net mögen.

Oder ein schönes neues Gewehr für die Hirschbrunft oder ein g'selchtes Fleisch mit Kraut? Der neue Büchsenmacher an der Fegfeuergassen arbeit' gut und die alte Köchin vom Sankt Peterlbräu – lieber Erzvater Adam, die kennst ja!

Nein nein. Nix Hirschbrunft, nix G'selchts.

Himmisaggradi! ärgert sich der liebe Gottvater. was willst denn, Mannsbild, traurigs?

Wann ich's halt net weiß!!

Du kannst mir g'stohln wern! schimpft der liebe Gottvater; jetzt hast Zeit bis zum Elfeläuten, da denkst dir drei Wünsch' aus – und was dir das Liebere is von den drei Sachen, das sollst haben. Überleg dir's aber gut, das sag ich dir. B'hüt dich Gott, lieber Erzvater Adam.

B'hüt dich Gott, lieber Gottvater.«

 

Hier muß der Pfanzelter Gidi (so oft er die Geschicht' erzählt) sein Pfeiferl ausklopfen, ein frisches stopfen und ganz langsam anzünden. Dann tut er sich mit der Pfeif' auf wie der schmauchende Gottvater, läßt den Adam im Raten und Nachdenken und läßt sich dreimal fragen, wie denn die Sach' weitergeht.

»Und auf einmal,« sagt er dann, »auf einmal is der Adam draufkommen, was ihm am meisten abgeht im Paradeis.

Das is einmal der schöne Schmalzlerbrasil vom Lotzbeck in Landshut – der schnupft sich so schön, daß die Nasen ganz geschwollen wird vor Eitelkeit und meint, sie is ein Honighaferl. Also ein Schmalzlertabak!

Das is zum zweiten ein schöner Watschenbaum, fest und stark, und rundrum lauter Watschen dran – müßt' g'rad' eine Freud' sein, alle Freunderl unter den Baum stellen und ihn umfallen lassen. Also ein fester Watschenbaum!!

Das is zum dritten – ein Weibets.

Ein Weibets zum dritten.

Ein Weibets zum ersten, zum zweiten und zum dritten. Die Nasen braucht nicht zu meinen, daß sie ein Honighaferl is, die Freunderl können sich watschen lassen, von wem sie wollen – aber ein Weibets muß her. Ein Weibets, juhe!

Und ums Elfeläuten kommt der liebe Gottvater.

Grüß dich Gott, lieber Erzvater Adam.

Grüß Gott auch, lieber Gottvater.

Hast deine drei Wünsch' beieinand'?

Ja, die hätt' er. Einen schönen Lotzbecker Nummer zwei – –

Der liebe Gottvater sagt: Hehe, du bist einer, der wo sich auskennt mit die guten Sachen. Schauschau, einen Lotzbecker Nummer zwei! Is mir aber nix zu gut und zu teuer für den ehrengeachteten Herrn Erzvater Adam. Nix zu gut und zu teuer.

Und dann wär' aber auch ein Watschenbaum schon gar nix Schlechtes. Einer mit recht viel Watschen dran, lauter saftige, daß ein jeder zufrieden is!

Lauter saftige! lacht der liebe Gottvater mit. Freilich, saftig wann sie net sind! Jaja, das kann ich schon machen, die Sach' mit dem Watschenbaum. Einen solchenen kann ich erfinden und erschaffen, da is nix weiter dabei. Das mach' ich noch nach dem Gebetläuten, wenn's sein muß.

Ja, sagt der Erzvater Adam nachsinnierig, das glaub' ich schon, daß da nix weiter dabei is. Aber wann ich keinen Watschenbaum net mag?!

Net magst?

Nein. Und keinen Lotzbecker Nummer zwei auch net.

Auch net magst??

Nein. Ein Weibets muß her, lieber Gottvater. Ein Weibets!

Da is der liebe Gottvater so viel erschrocken, daß ihm die Pfeif' aus den Zähnen geschloffen is. Sie fallt auf den Boden und zerbricht in tausend Scherben.«

»In tausend Scherben,« wiederholt der Pfanzelter nachdenklich und läßt das Erzählen eine Weil' lang gut sein.

»Tu weiter, Pfanzelter, tu weiter!«

»Ja, da muß man ein bissel ausrasten und sich die G'schicht' überlegen. Und dann muß man sagen: Wann einem so wohl is, daß einem net wöhler sein kann, dann fangen halt die Dummheiten an.

Und so sind die Mannerleut' heut noch: Wann einem zu wohl is in seiner Haut, dann sagt er, jetzt muß ein Weibets her. Ein Weibets!

Solche Dummheiten sind halt einmal auf die Welt kommen und sterben net mehr aus.

Kannst nix machen.«

Und lang muß der Pfanzelter Gidi an seinem Pfeiferl schmauchen. ehbevor er wieder weitererzählen mag.

»Also: der liebe Gott geht heim, holt sich ein anderes Pfeiferl, überlegt sich die G'schicht' am Hinweg und am Herweg und schüttelt den Kopf.

Da wär' ich wieder, lieber Erzvater Adam.

Das tät er schon selber sehen! meint der Erzvater Adam und tut verdrossen.

Und jetzt wirst dir die G'schicht' wohl noch einmal überlegt ham, lieber Erzvater Adam. Du Sappermenter, du, du kennst dich halt noch net recht aus auf der sündhaften Welt. Hast kein Weibets noch niemals net g'sehn, oh du mein lieber Erzvater Adam. Was meinst denn, wie daß dieselbigen aussehn??

Fffft! sagt der Erzvater Adam. Weiter nix als: ffft!

Vielleicht willst überhaupt gar kein Weibets ham, vielleicht willst – –

Nix will ich. Ein Weibets will ich ham.

Du Malefizerzvater, du eigensinniger! schimpft der liebe Gottvater und kann sich net mehr halten und net mehr derhebn und langt aus und haut hin und patschen tut's schon auch.

Und den Adam legt's hin nach der Läng'.

Schlaft ein und schlaft tief.

Wie er wieder aufwacht, is sie da.

Everl! schreit er.

Adamerl! sagt sie. G'fall ich dir?

Fffft! sagt der Adam.

Kreuzmillion! schimpft der liebe Gottvater hinterm Zaun, ich werd' halt doch noch einen richtigen Watschenbaum erfinden und erschaffen müssen.

 

So wie der Adam, so is noch keiner bevor hereing'falln.

Die ganze Welt weiß's, und is noch nie keinem Mensch net eing'fallen, eine Bedauernis auszusprechen und ein Beileid.

Und die G'schicht is bös nausgangen, das weiß auch ein jeder, und dem Adam und seiner Eva is die Loschih aufg'sagt worden und muß ausziehn auf Michaeli aus dem himmlischen Paradeis.

Er mit dem Rucksack, sie mit dem Kuchlg'schirr und dem Kinderwagl.

Ganz wie die armen Leut', die Scherenschleifer, die Haferlflicker, die Besenbinder und die Korbmacher.

Am Paradeiszaun steht der heilige Erzengel Sankt Michael mit einem brenneten Sabel wie ein Grenzschandarm. Auweh, denkt er, ihr seid's abg'haust. Bettlleut und Abbrandler auf einmal.

Also b'hüt dich Gott, heiliger Sankt Michael! sagt der Erzvater Adam.

Adjes, sagt der heilige Erzengel ganz kurz.

Die Eva is gleich beleidigt (wie halt die Weibeten immer sind) und fahrt mit ihrem Wagerl weiter.

Ich komm gleich nach! schreit der Erzvater Adam.

Du, wispert er dann dem heiligen Sankt Michael zu, sag nix – ich weiß schon, ich bin der Dümmere g'wesen.

Siehst es ein? hohnakelt der heilige Erzengel.

Ich bin ein g'schlagener Mann. Ich hätt' ein Brasiltabak ham können und alles, was das Herz begehrt. Ich bin der Dümmere g'wesen, weitaus der Dümmere.

Da tut er dem heiligen Erzengel auch leid. Gel, die Weibeten halt!? sagt er vorsichtig und guckt sich nach allen Seiten um, han, die ham Haar' auf die Zähn'!

Ein g'schlagener Mann bin ich halt. Und gar net mehr geacht' und g'schätzt. Der liebe Gottvater hat mir net amal adjes g'sagt.

Da hinten steht er, meint der heilige Sankt Michael, im Obstgärtl tut er arbeiten.

O mein Zwetschgenbaum, mein Kranawitter, mein Birnbaum!

Ein neues Bäum'l hat er erfunden und erschaffen.

Einen – –?

Einen Watschenbaum.«

 

»Wie is die G'schicht nausgangen? Der liebe Gott hat sich derbitten und derbetteln lassen.

Der heilige Sankt Michael hat seine Fürsprach' eingelegt, und der Erzvater Adam hat ein Zweigl von demselbigen Baum bekommen.

Ein schönes kleines Zweigl.

Bis er's zum Paradeiszaun gebracht hat, is es groß und fest gewachsen gewesen.

Wie er der Eva nachgelaufen is, is es immer noch weiter gewachsen.

Und wie er die Eva erwischt hat, is es ein schöner Baum gewesen.

Und is umgefallen, der Watschenbaum.

Hihihihi! sagt der heilige Erzengel.

Hahaha! sagt der liebe Gottvater.«

 

Wenn's aber nicht wahr ist, dann hat mich der Pfanzelter Gidi wieder einmal bös angelogen.

Kann man nix dagegen machen.

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