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Der bayrische Watschenbaum

Georg Queri: Der bayrische Watschenbaum - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer bayrische Watschenbaum
authorGeorg Queri
firstpub1917
year1917
publisherUllstein Verlag
addressBerlin und Wien
titleDer bayrische Watschenbaum
created20040822
sendergerd.bouillon
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Das bayrische Hungerjahr

Zur Zeit Max' des Ersten (er hieß »der Gute«, intimer und viel netter aber »da guat' Maxl«) war die Getreideschranne auf dem Marienplatz in München ein halbes Tausend Jahre alt geworden.

Aber die Münchener pfiffen auf den Erinnerungstag – sie lebten in Not und Teuerung.

Das Jahr 1816 war ganz bösartig gewesen, und auf dem Siebzehner ritt dann erst die richtige große Not klapperdürr ins Land, vom Bodensee lechabwärts, vom Salzburgischen den Inn entlang. Was dazwischen lebte in bayerischen Gauen (ach, und erst nördlich der Mainlinie!), hungerte, daß die Rippen krachten.

Die Ämter hatten genug daran zu tun, den Zopf von der linken Schulter zur rechten, auch von der rechten zur linken tänzeln zu lassen, und vor den ungeheuren Tintenfässern lag so viel weißes Hadernpapier unbeschnörkelt, daß man keine Zeit dazu hatte, die Gespanne des Landes zu mobilisieren und nach Ungarn hineinzupeitschen oder irgendwoandershin nach dem Osten.

Die Münchener Schranne wurde gefährlich mager. Sonst hatte man in den sechs Stunden, die man einmal in der Woche tagte, leichthin um einmalhunderttausend Gulden Getreide umgesetzt – setzt waren nicht mehr volle Säcke da, als die Bauern und Händler brauchten, um bequem darauf sitzend die Hausse aller Haussen abzuwarten.

Der König Max lief auf dem Schrannenplatz hin und her – o du prachtvolle alte Zeit! – und mühte sich um Regelung einer Art Höchstpreise. Der patzigen Verdrießlichkeit seiner Schreiber hatte er die Arbeit nicht zumuten dürfen. Im Verkehr mit dem gemeinen Bauern und Handelsmann konnte man den Federschnörkel nicht anwenden, und wenn die stilistischen Künste und Feinheiten und der Geruch der Amtsstube vom Herrn Rat genommen waren, dann blieb nur mehr ein fader Mensch vom gröbsten Kaliber übrig, dem der Bauer gern jede Ungefälligkeit erwies.

Lief halt der gute Max selbst auf die Schranne.

Er mahnte, bat, predigte, drohte vor den Weizensäcken.

Ach, daß er auch so ein dickes Rohr in seiner Rechten geschwungen hätte wie weiland die im Preußischen droben! Auf den Weizensäcken saßen stocksteife und taube Menschen – wetten: beim zweiten Hieb hören sie, beim dritten hüpfen sie. Aber die saßen und brüteten die Hausseeier weiter. Was war zu machen: der König ging von ihnen weg und trug seine Wärme zu denen, die das Knurren ihrer Mägen verdroß. Manchmal weckte er ein paar Bauern das Gewissen und machte die Wucherer bleich, aber im allgemeinen mußte er aus seinem Herzen den Schlüssel zu seiner Kasse nehmen, und dann aßen Tag für Tag tausend und etliche Münchener bei ihm zu Mittag.

Am Monatsfünfzehnten aber führte sein Finanzrat abscheuliche Kriegstänze vor ihm auf, weil er für den König von Bayern pumpen gehen mußte.

Das bayerische Volk darf dem königlichen Menschen das nie vergessen. Es ist genau hundert Jahre her, da spannte er seine Rosse vor seine Wagen, plünderte seine Geldtruhe und sandte die Gespanne nach Getreide aus.

Dann kam er mit seinen Traidsäcken selbst auf die Schranne und schrie: »Liabe Leut'! Liabe Kinder! Da geht's her, zu mir geht's her! Bei mir kost der Traid um einen Gulden weniger!«

– – – Ist das nicht eine warme Jahrhunderterinnerung?

 

Auch dies Geschichtlein soll 1817 geprägt worden sein:

Da sitzen zwei unterländische Bauern beim Wirt und freuen sich des vielen Korns in ihren Scheunen.

»Gibst du's nit her, Vetter, geb's ich nit her!«

»Nit geb' ich's her!«

Und dann ließen sie die zwei grauen Keferloher Krüg' aneinanderkrachen, wie's der Brauch will bei wackeren Leuten.

»Wenn er aber schön hinaufgeht, der Traid, dann geb' ich ihn her.«

»Mit der Leiter muß er hinaufgehen. Wie die Fliegen auf die Stubendecken, so hoch. Wie die Frösch zum warmen Wetter.«

»Und weißt du, Vetter: ehender wird nit verkauft, ehbevor nit der Knödl einen Gulden kost!«

»Sollst schon leben auch!«

Und sie trinken wieder wie wackere Leut'.

»Vettermann, hast nit g'sagt: Knödl! Knödl sein fein. Wirt, hast heut keine Knödl nit in der Kuchl?«

Der Wirt: »Warum sollt ich keine Knödl nit haben!?«

»Alsdann bringst eine Schüssel voll.«

»Ein Dutzend gleich?«

»Lieber zwei Dutzend. Meinst, ein armer Bauer mag nit fressen? Zwei Dutzend Knödl müssen her!«

– Bis sie die Knödl essen, können wir uns das Geschichtchen zu Ende reimen: »Zwei Dutzend Knödl,« sagt der Wirt, »das tut hait zwei Dutzend Gulden. Zahlt's Bauern! Und jetzt könnt's euern Traid auf die Schrann fahren, ös Haderlumpen – jetzt hat der Knödl den richtigen Preis.«

 

Damals sind die Pfarrer auf den Kanzeln bös geworden. Alle Geizhäls und Wucherer haben zittern müssen. Sie haben dem einen um den andern das Lederzeug dick angestrichen und die Höll' hübsch warm gemacht.

Der Pfarrer von Unnering hat jeden Sonntag seine Pech- und Schwefelkessel geheizt. daß das Fegfeuer daneben gestanden ist wie ein Eiskeller. Und immer hat er noch einen Arm voll buchenes Holz hineingeworfen in die höllischen Flammen – all die Geizhäls und Wucherer, die in der kalten Unneringer Kirch gesessen sind, haben geschwitzt vor Angst.

Schaut ihn an, den Sünder in der ersten Kirchenbank: der mit dem roten Schneuztüchl, das immer die Stirn wischen muß und wischen muß, das ist der Dreimanndlbauer. Hat viertausend Scheffel Weizen versteckt und Roggen, wer weiß wie viel mehr.

In der zweiten Bank, das ist der Bräu-Simmerl, der Guglhör und der dicke Gschwendner – das schwitzen hundert Maurer nicht zusammen in zehn Hundstagen, was die Wasser unterm Haar haben.

Und der Buchhoser von Buchhof – keinen trockenen Faden hat er am Leib.

Und der Gäukaspar. Und der Furtmayr. Und der Plinganser.

Saggramentisch heiß ist es heut in der Höll' gewest. Wie der Pfarrer Amen sagt, das ist gerad wie ein feines frisches Lüftl im August; und jetzt macht der Pfarrer die höllische Tür zu und geht von der Kanzel und macht das Amt zu End.

Wie er in seinen Pfarrhof heim will, kommt ihm der Oberhofer in den Weg. (Der Allergeizigst von der Gemein – den muß der Teufl extrig holen, denkt sich der Pfarrer.)

Aber der Oberhofer ist kreuzlustig, gibt dem Pfarrer die Hand, lobt die schöne Predigt über den Schellnkönig und stiftet zehn Gulden – der geizig' Oberhofer zehn Gulden! – für eine gleiche Predigt am nächsten Sonntag, ein bissel schärfer, ein bissel rasser, ein bissel gepfefferter.

»Noch viel mehr mußt die Höll' einheizen, Herr Pfarrer, viel mehr!«

»Gottlobundseidank,« sagt der Pfarrer, »alsdann is sie halt doch zu Herzen gangen, die Predigt?«

»Freilich, Herr Pfarrer. Und wann die zehn Gulden nit langen, so hab' ich schon noch zehn für eine scharfe Predigt. Die müssen sich alle miteinand' bekehren, die wo mir alleweil ins Handwerk pfuschen.«

Und rieb sich freundlich die Händ', der Körndlwucherer.

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