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Der bayrische Watschenbaum

Georg Queri: Der bayrische Watschenbaum - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer bayrische Watschenbaum
authorGeorg Queri
firstpub1917
year1917
publisherUllstein Verlag
addressBerlin und Wien
titleDer bayrische Watschenbaum
created20040822
sendergerd.bouillon
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Das Kriegstagebuch

Das Landsturmbataillon Weilheim zog aus – weit ins Russische hinein.

Ich nahm am Bahnhof von den alten Jugendfreunde Abschied. »Hans,« sagte ich zu meinem Lieblingskameraden, »Hans, vergiß nicht, ein Tagebuch zu führen. Deine Kinder werden einmal mit Stolz drin blättern.«

Er sah mich mit einem bedauernden Lächeln an und klopfte heftig auf seinen linken Brustfleck, hinter dem sich eine pralle viereckige Masse ohne weiteres als Notizbuch darstellte.

Kaliber: Schwartenmagen.

Er zog das Ding hervor und ließ die Unzahl seiner Blätter rauschen – »dreihundert Seit'n!« sagte er stolz, »da wird ein bißl was hineinerlebt, das merkst dir. Da wirst Augen machen, wann ich's dir einmal unter die Nas'n halt'!«

Und fuhr ins Russische hinein, der Hans.

Eines Tages kam er von Warschau in Heimatsurlaub.

»Hans, was macht dein Büchl?«

»Was für a Büchl?!« gab er verdrossen zurück.

»Na ja, das dicke Buch halt. Hast schon viel hineing'schrieben?«

»Ja, ja.«

Aber er machte weder Miene, die Faust wieder auf seinen Brustfleck hämmern zu lassen, noch die pralle Masse hervorzuziehen, die noch immer den Waffenrock eng machte.

Gut, wenn nicht, denn nicht.

Aber abends am Stammtisch mußte er mich doch in das Büchl gucken lassen. Er hatte fünf, sechs Seiten mit dem Bleistift vollgekritzelt, einen Ortsnamen hinter dem andern, ein Fünftel richtig, zwei Fünftel falsch und der Rest unleserlich. Aber es war alles schwarz auf weiß festgenagelt, was es von München bis Lodz an Stationen und Statiönchen gab.

»Mensch, sind das die ganzen Eindrücke?!«

»Han??«

»Warum hast du denn nicht mehr g'schrieben?«

»Es gibt halt net mehrer Ortschaften auf dem Weg!«

»Ortschaften! Ortschaften! Aber die Erlebnisse!!«

»Du!« sagte er plötzlich ganz giftig, »sei mir nur stad mit dene Erlebnis! Fahr' du amal sieb'n Täg' und sieb'n Nächt' in einem Trumm fort und darfst bei Tag und Nacht kein Aug' net zudruck'n weg'n dem damischen Notizbüchl – –«

»Hans???«

»Jawoll! Weil mich die andern allweil g'weckt ham und ham g'sagt: Hans, da is wieder a Station, die muaßt dir aufschreibe, dafür hast dei dick's Notizbüchl mitg'nomma. Allweil hat mich wieder a ander aufg'weckt – du, ih sag' dir's im guat'n: von dem Notizbüchl will ih im Urlaub nix mehr hör'n!«

Ja, ich verstand. Und als er wieder nach Warschau abdampfte, schüttelte ich ihm lächelnd die Hände und schielte auffällig nach seinem linken Brustfleck.

»Freilich hab' ih's verbrennt!« schrie er fröhlich, »freilich! Woaßt, wie ih guat schlaf die sieb'n Nächt . . .!«

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