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Der Bälgentreter von Eilersrode

Georg Gottlieb Schirges: Der Bälgentreter von Eilersrode - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/schirges/baelgent/baelgent.xml
typefiction
authorGeorg Schirges
titleDer Bälgentreter von Eilersrode
publisherc.w. leske verlag
booktitleDorfgeschichten aus dem Vormärz
editorHartmut Kircher
year1981
pages101-300
firstpub1845
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120711
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6

Des Amtmanns Tochter und des Pfarrers Sohn.

Beinahe ein volles Jahr verstrich in Eilersrode unter beständigem Zank und Hader der Parteien, ohne daß der Anlaß ihres Streits seine Erledigung gefunden hätte. Der Pastor verhielt sich, da Thomas Kunze den Bälgentreterdienst vorläufig fortversah, ruhig, und der Amtmann wartete auf den Bescheid des Herrn von Eilersrode, den Unwohlsein in den letzten Monaten verhindert hatte, sich mit den Angelegenheiten seiner Güter zu beschäftigen. Daß es über kurz oder lang zum Treffen und zur Entscheidung kommen müsse, daran zweifelte niemand, auch wünschte keiner, mit Ausnahme des Dorfschulmeisters, der seine Freude an den durchätzten Zuständen hatte, die Dauer der Feindseligkeiten, unter denen, mehr oder minder, jeder litt. Besonders unglücklich fühlte sich der Leineweber Christoph Heisert, der seit seiner Flucht aus dem Kruge von einer solchen Scheu vor dem Zorn der Bauern befallen war, daß er keinen Schritt ins Wirtshaus tat und den Amtmann schon oft gebeten hatte, er möge davon abstehen, ihn zum Bälgentreter machen zu wollen, weil sich der Haß der ganzen Gemeinde deshalb gegen ihn gekehrt und Thomas Kunze ihm Rache geschworen hätte, im Fall er sich durch ihn wirklich aus dem Sattel gehoben fühlen würde. Der Amtmann setzte ihm dagegen lang und breit auseinander, wie seine eigene Ehre und sein Beamtenansehn in der Sache auf dem Spiele ständen und er durchaus darauf bestehen müsse, durch seine Erhebung zum Bälgentreter zu beweisen, daß der Pastor Unrecht habe.

Die gänzliche Geschiedenheit, in welcher die Familien des Amtmanns und des Pastors lebten, machte sich im Amthause sowohl wie im Pfarrhause, vorzüglich während der langen Winterabende, unangenehm und störend fühlbar. Vor dem Ausbruch des Zwistes pflegten die Frauen jede Woche mehrere Male abends zusammenzukommen und, das Strickzeug in den Händen, über Wirtschaftsangelegenheiten, Kindererziehung und Dorfgeschichten zu plaudern, auch wohl, um ein gutes Buch gemeinschaftlich zu lesen. Waren auch die Charaktere beider Frauen nicht füreinander geschaffen, hatten sie sich doch aneinander gewöhnt. Die Amtmännin war überhaupt eine so gute, sanfte Frau, hatte so viel Nachsicht mit den Fehlern anderer Leute, daß es leicht war, mit ihr umzugehen. Auch die Pastorin hatte ihre guten Seiten, die besonders in Gesellschaften Anerkennung fanden. Sie war gesprächig, mitteilend, lebhaft und in vielen Dingen geschickt und klug. Ein inniges Freundschaftsverhältnis hatte sich zwischen beiden nie bilden wollen, und das lag sowohl in den Gegensätzen ihres äußern Lebens als in der ursprünglichen Verschiedenheit ihrer Gemüter, die für eine gegenseitige Ausgleichung und Ergänzung nicht geeignet waren. Das stille, beschauliche Gemüt der einen zog sich vor dem rechthaberischen Sinn der andern stets zurück, wenn das Leben seine Fäden inniger um beide schlingen wollte.

Wie sehr sich indes die Frauen trotz ihrer Verschiedenheiten zum Bedürfnis geworden waren, fühlten sie beide sehr lebhaft; besonders litt die Amtmännin unter der Entbehrung eines Umgangs, dem die Gewohnheit große Rechte eingeräumt hatte. Die arme Frau war plötzlich auf sich allein angewiesen; sie mußte sich auf ihr zwar bewegtes, aber kaltes häusliches Leben beschränken, in Beschäftigungen vergraben, die dem trüben schmerzlichen Gedankengange, der eine Hauptrichtung ihres Charakters bildete, freien Spielraum gestatteten; während die Pastorin im vertrauteren Umgange mit ihrem Gatten und im engeren Wirkungskreise mehr Entschädigung für ihren Verlust erhielt und sich in ihrem Stolz und bei ihrer Kälte auch viel leichter zu trösten verstand. Ihre arme, verkannte Freundin hatte außerdem auch noch den Schmerz der Trennung von einer geliebten Tochter zu ertragen, die in die Jahre getreten war, in denen Mütter und Töchter oft das Glück einer Freundschaft genießen, die reiner und höher steht als die Liebe selbst.

Seit Aurorens Entfernung hatte die Amtmännin gekränkelt; ihr Gatte erfüllte endlich ihren sehnlichsten Wunsch, indem er die Tochter aus der Stadt wieder ins väterliche Haus zurückrief. Der Tag, an welchem Aurora nach Eilersrode wieder zurückkehrte, war ein großer Freudentag für die Amtmännin.

Aurora hatte die Ihrigen seit fast einem Jahre nicht anders als auf Stunden und im Fluge gesehn. Sie war groß und stattlich geworden, ganz das Ebenbild der Mutter in verjüngter Schönheit. Wie ein Reh flog sie durch den Garten die Treppe hinauf, an die treue Brust, die sie ernährt hatte, und hing lange sprachlos an dem Halse ihrer zärtlichen Mutter, deren Augen Tränen der Freude und Wehmut weinten und die die umlockte Stirn ihres lieblichen Kindes mit sanften Küssen berührte.

Aurora war dem Wagen, der sie ins väterliche Haus zurückführte, entschlüpft und auf einem Seitenwege eine Viertelstunde früher als das Fuhrwerk angelangt. Das ganze Haus geriet in geschäftige Bewegung; jeder freute sich, das Fräulein wieder daheim zu wissen; die kleineren Kinder jubelten laut auf und klammerten sich schmiegend an die kosende große Schwester an. Der Vater schien bei dem Anblick seines schönen Kindes der Zeiten lebhaft zu gedenken, in welchen er der Schönheit seiner Frau feurige Huldigung gewidmet hatte. Das offene, heiterstrahlende Jugendauge des Mädchens schien das ganze schwarze Gewölk, das aller Stirn beschattete, hinweglächeln zu sollen. Mit ihr hielt ein ganzer, herrlicher Frühling seinen Einzug in Eilersrode. Die helle Maisonne übergoß die Gegend mit ihrer ganzen Fülle von Licht und Wärme. Im hellen Mittagsduft lag das Dorf, von sanften Hügeln umhegt, mitten im üppigen Grün der Wiesen und Felder. Friedlich stieg der blaue Rauch aus den Schornsteinen des Amthauses, der Pfarrwohnung und von den braunen Strohdächern der Bauernhäuser in die Höhe; wie ein Pfeil ragte der schlanke, schindelgedeckte Kirchturm in die reine, belebende Luft, die von tausend zwitschernden, glänzenden Schwalben und trillernden Lerchen durchschnitten ward, in der leichte, ferne Wolken den kühnen Flug über Land und Meer flogen, in die Millionen Halme die Tauperlen der Nacht aushauchten und Millionen schwellende Knospen die erste Würze ihrer duftigen Kelche ausatmeten. Alles lebte und webte in dem Bilde, das sich vor Auroras Augen wie eine unendliche Decke von bunten Lebensfäden ausbreitete; unter ihren Füßen sproßte es wuchernd empor, zu ihrer Seite rauschte die Frühlingsluft in Wald und Flur, plätscherte die entfesselte Welle des eiligen Bachs, jubelten die Kehlen der leichtbefiederten Sänger, in deren Brust der Lenz süße Melodien erweckte. Selbst in dem Springen der knospenden Kronen des Buchen- und Eichenwaldes lag etwas Ahnungsseliges, Überfließend-Beredtes.

Aurora kannte den Stachel, der die Wonne dieser Welt vergiftet hatte; sie begriff ihn nicht, aber sie wußte, wie tief er die Herzen verwundete.

»Ist keine Hoffnung auf Frieden und Versöhnung da?«, fragte sie ihre Mutter.

»Keine!« antwortete diese traurig, den Kopf schüttelnd; »sie müßte denn mit dir gekommen sein. Der Vater ist weniger als je zum Nachgeben bereit, und der Pastor besteht hartnäckig auf seinem Willen. – Die Männer sind hart, mögest du sie nie so kennenlernen, mein Kind.«

Aurora seufzte leise bei diesen Worten ihrer Mutter und wandte das sanft errötende Gesicht ab.

»Versuche, was du über den Vater vermagst« – sagte die Amtmännin –, »ich wünsche von ganzer Seele, er möge vergeben und vergessen können, aber ich glaube nicht, daß er's kann.«

Aurora ergriff die erste Gelegenheit, welche sich ihr darbot, um sich bei ihrem Vater nach den Angelegenheiten zwischen ihm und dem Pastor zu erkundigen.

»Bringe diese Geschichte nicht aufs Tapet« – sagte der Amtmann –, »wenn du es je in der Absicht tust, gute Worte bei mir für den Pastor einzulegen. Wir sind für ewige Zeiten geschiedene Leute. Er hat meine Ehre gekränkt, nicht von der Kanzel herab, denn das Vergnügen hätte ich ihm am Ende noch gegönnt, sondern in Briefen an den Herrn von Eilersrode, der die Angelegenheit in betreff des Bälgentreters längst beseitigt und mich in Schutz genommen haben würde, hätte ihm der Herr Gevatter keinen Floh ins Ohr gesetzt.«

Aurora überzeugte sich bald, daß eine Aussöhnung zwischen beiden Männern der Zeit anheimgegeben werden müßte und durch ihr eigenes Streben nach Vermittlung nur noch weiter hinausgeschoben werden würde. Sie machte es daher wie ihre Mutter, schickte sich in das Unvermeidliche und suchte die trübe Stimmung des Hauses durch eigene Heiterkeit und fröhliche Anregung zu mildern. Bald aber fühlte sie sich selbst von der lähmenden Stille, die sie umgab, und dem drückenden Gefühl des zerstörten Friedens angesteckt. Sie hatte das Stadtleben kennen und liebgewinnen lernen, war nach ihrer Konfirmation in das bewegtere, größere Treiben der Gesellschaft eingeführt, als eine Schönheit gefeiert worden und hatte sich manches Herz gewonnen, von dem sie wußte, daß sie Erinnerungen in ihm zurückgelassen. Das stumme, leidende Wesen der Mutter machte ihr große Sorgen; nach und nach erlahmte ihr Jugendmut, und sie sehnte sich in die Stadt zu ihrem Oheim zurück. Die Tage, welche Aurora in Eilersrode verlebte, waren nicht für die Jugend gemacht. Des Amtmanns Tochter hatte Langeweile, die Langeweile eines jungen, liebevollen Herzens, das eine helle Welt voll Harmonie und Wechsel um sich haben muß, aus der es Nahrung schöpfen kann, dem eine Tätigkeit geboten werden muß, die es in Spannung erhält.

Die Amtmännin ließ es sich nicht gefallen, daß ihre Tochter im Haushalte Hand mit anlegte; sie zeigte sich betrübt, wenn Aurora ihrer schönen Hand die geringste Arbeit zumutete, welche ihrer Zartheit und Weiße Abbrach tun konnte. Es war eine mütterliche Grille und vielleicht ebensoviel Eitelkeit dabei im Spiel, wenn die Amtmännin selbst in Küche und Keller kräftig mit zugriff und nicht dulden wollte, daß ihrer ältesten Tochter Fingerspitzen einen Topf anrührten. Selbst der Vater schien es ungern zu sehen, wenn Aurora sich um etwas anderes bekümmerte als um ihn, ihre Toilette, ihre Zeichenmappen und Noten. Er bildete sich nicht wenig darauf ein, der Vater einer so schönen Tochter zu sein, die es mit jeder Staatsdame in der Residenz an Grazie, Bildung und Anstand aufnehmen konnte. So sah sich denn Aurora den größten Teil des Tages vereinsamt. Musik und Zeichenkunst, mit denen sie sich manche schöne Stunde vertrieb und auch andern zu gleicher Zeit Genuß bereitete, füllten nur einen kleinen Teil ihres Lebens. Mit ihren jüngsten Geschwistern konnte sie sich wenig beschäftigen, da für diese seit einem halben Jahr eine eigene Erzieherin angenommen war, eine ältliche Jungfer, die sich nach der Qual eines fünfstündigen täglichen Unterrichts am liebsten auf ihr kleines Stübchen beschränkte, um in Ruhe und Gemütlichkeit die Romane und Liebesgeschichten zu lesen, welche allwöchentlich aus der Leihbibliothek der Stadt geschickt und gewechselt wurden. Aurora streifte oft halbe Tage lang in der Umgegend umher, verlor sich tief in den Wald oder bestieg die naheliegenden Anhöhen, von denen aus sie die weite Landschaft überschauen und ihre Betrachtungen über Menschen und Natur am ungestörtesten anstellen konnte. Eine wichtige Beschäftigung bestand für sie in der Abfassung von Briefen an ihre Freundinnen in der Stadt, denen sie manche reizenden Schilderungen ihres idyllischen Lebens entwarf, die mit dem Geständnis zu schließen pflegten, daß es, trotz aller Schönheiten in Eilersrode, dennoch sehr langweilig auf dem einsamen Amte sei. Der Postbote, welcher zweimal wöchentlich kam, um Briefe zu bringen und die zur Post bestimmten aus dem Dorfe abzuholen, ging selten, ohne von dem Fräulein Aufträge zu erhalten und Briefe an Aurorens Adresse abzugeben. Unter diesen Briefen befanden sich von Zeit zu Zeit auch welche, die weiter herkamen als aus der Stadt, was eines Tags die Aufmerksamkeit des Amtmanns rege machte.

»Mit wem« – wandte sich der Vater mittags bei Tisch an seine Tochter – »korrespondierst du denn auf der Landesuniversität, mein Kind?«

Diese Frage setzte die Angeredete in eine peinliche Verlegenheit.

»Mit einer alten Bekanntschaft aus der Stadt«, antwortete sie nach einigem Zögern und errötete dabei so stark, daß der Amtmann eine andere Frage, die ihm auf der Lippe zu schweben schien, zurückdrängte, wofür ihm Aurora im stillen dankte, weil die Neugierde der ganzen Tischgenossenschaft sie peinigte, besonders die der Erzieherin, welche über das plötzliche Erröten des Mädchens ihre stillen altjüngferlichen Beobachtungen anzustellen schien.

»Du wirst mir doch erlauben, meine Tochter« – sagte der Amtmann nach aufgehobener Tafel zu Aurora –, »daß ich das nächste Mal einen Blick in die Briefe dieser Universitätsbekanntschaft werfe?«

Aurora sagte weder ja noch nein; sie war erstarrt durch den kalten Blick, mit welchem der Vater diese Worte begleitet hatte und von dem erzwungen lächelnden Zug, der seinen Mund dabei umspielte, tief verletzt. Hätte sie dem Vater eine Lüge gesagt, indem sie ihm jene kluge ausweichende Antwort gab, es wäre die erste in ihrem Leben gewesen; aber sie hatte nicht gelogen. Die Person, von welcher jene Briefe, die des Amtmanns Aufmerksamkeit für Absender wie Empfänger sehr zur ungelegenen Stunde auf sich gezogen, kamen, war allerdings eine alte Bekanntschaft, eine Bekanntschaft aus der Stadt. Dort hatte Aurora den Sohn des Predigers wiedergesehen, mit dem sie sich der glücklichen Kinderjahre gern und oft erinnert hatte.

Aus dem wilden Knaben, der von seinem Vater auf die »lateinische« Schule geschickt worden, war ein lebensheiterer, kräftiger Jüngling geworden, dessen Anblick auf das Herz der Jungfrau einen tiefen geheimen Zauber ausübte. Wilhelm hatte seine Vorstudien zur Universität gerade um die Zeit beendet, als Aurora in die Stadt zu ihrem Oheim kam; er hatte ihrer Konfirmation in der Kirche beigewohnt und wenige Tage darauf Abschied von ihr genommen, um seiner Bestimmung oder vielmehr dem Wunsch seiner Eltern gemäß auf der hohen Schule dieselben Studien zu ergreifen, denen sich sein Vater und sein Großvater gewidmet hatten. In der Eilersrodeschen Familie war seit uralter Zeit ein Stipendium für arme Studierende ausgesetzt, welche sich der Theologie widmen wollten. Der Pastor hatte sich gleich bei der Geburt seines Erstlings an den Herrn von Eilersrode mit der Bitte gewendet, seinem Kinde später das Stipendium zufließen zu lassen, was ihm auch versprochen worden war. Als ein sorgsamer Vater war der Prediger darauf bedacht, seinen Sohn so zu erziehen, daß er ihn einst im Amte unterstützen und ihm in demselben folgen könnte. Jahrelang hatte er die Erziehung des Knaben selbst geleitet und ihn dann zur ferneren Ausbildung auf die gelehrte Schule in die Stadt geschickt, die der junge Mann endlich verlassen, um die Weihe der Wissenschaft auf der hohen Schule des Landes zu empfangen.

Auf die Eigentümlichkeiten des Knaben, auf dessen mit dem Älterwerden hervortretende Neigungen und Talente war dabei keine Rücksicht genommen; weil der Vater und der Großvater die Kanzel bestiegen und weil ein frommer Ahne der Eilersrodeschen Familie beim Sterben ein Legat für arme Schüler der Gottesgelahrtheit ausgesetzt hatte, mußte auch der Sohn die Kirchenväter und Dogmatiker studieren, wie Großvater und Vater, und sich wie diese für berufen halten, das heilige Evangelium nach Vorschrift zu predigen. Wilhelm hatte sich in diese Bestimmungen hineingefügt, ohne je daran zu denken, sich selbst zu prüfen und seinen Blick auf andere Gebiete schweifen zu lassen; ohne seine geheimsten Gedanken bei der Wahl seines Studiums zu Rate zu ziehen. Sie standen ihm aber vor der Stirn geschrieben, und wer ihn schärfer ins Auge faßte, mußte sich sagen, daß sich dieser Geist nie in die starren Fesseln kirchlicher Glaubensformeln hineinfügen, daß sich diese Natur nie in die Eintönigkeit und Langeweile eines Lebens hineinfinden werde, in welchem man sich um die Wahl eines Bälgentreters wie um die eines deutschen Kaisers zanken konnte.

Als Wilhelm die Stadt verließ und sich von Aurora verabschiedete, versprachen sich beide, in Briefen Ersatz für ihre Trennung zu suchen. Mit pochendem Herzen erbrach des Amtmanns Tochter das erste Schreiben ihres Freundes und las darin einen ganzen Frühling, schöner noch als der, der mit ihr seinen Einzug in die Heimat gehalten hatte. Der Kampf der Väter, der den Kindern kein Geheimnis geblieben, war ganz geeignet, die jungen Herzen nur um desto inniger aneinander zu ketten und ihrer Liebe das Siegel des Geheimnisses aufzudrücken.

Um den Folgen der von ihrem Vater gemachten Entdeckung vorzubeugen, schrieb Aurora an demselben Tage, an welchem sie den letzten Brief von ihrem Freund erhalten hatte, er möge künftig nie mehr direkt an sie, sondern an eine Freundin in der Stadt schreiben und seine für die Geliebte bestimmten Briefe beischließen, damit sie auf diesem Umwege sicher in Aurorens Hände gelangten. Den Grund dieser Vorsichtsmaßregel sollte sie ihm bald mündlich sagen, denn die ersten Ferien, welche Wilhelm auf der Universität hatte, benutzte er, um einen Besuch in Eilersrode abzustatten, und der erste Weg, den er aus dem Hause seiner Eltern machte, führte ihn geradezu aufs Amthaus.

Die Familie des Amtmanns war eben im Eßzimmer versammelt, als des Pfarrers Sohn eintrat; er begrüßte die einzelnen Mitglieder derselben mit einer Ungezwungenheit und feinen Weise, gegen die der förmliche, kalte Empfang, der ihm von Seiten des Amtmanns zuteil wurde, grell genug abstach. Wilhelm hatte als Knabe die Gunst des letztern besessen und erinnerte ihn bei diesem Besuch an mannigfache Beweise derselben. So leichten Kaufs sollte er indes die üble Laune seines früheren Gönners nicht besiegen.

»Ja, ja, mein Lieber« – sagte der Amtmann trocken – »die Zeiten haben sich hier sehr geändert; die Väter haben aufgehört, gute Nachbarn zu sein.«

»Aber können nicht wollen« – erwiderte der junge Mann –, »daß ihre Kinder die Lehnsträger ihrer Feindschaft werden sollen.«

»Ich weiß zwar nicht«, fuhr der Amtmann fort und ließ wieder ein kaltes »Mein Lieber« mit einfließen, »was der Herr Pastor seinen Kindern zumutet, bin aber selbst der Meinung, daß Kinder die Interessen ihrer Eltern als ihre eigenen betrachten müssen, und verlange von den meinigen, groß und klein, auch in der Wahl ihres Umgangs die gehörige Rücksicht auf Stellung und Wünsche ihrer Eltern.«

Wilhelm begegnete, während der Amtmann diese Worte sprach, den Augen seiner Geliebten und verstand den flehenden Blick des Mädchens. Er hatte eine ganze Flut von Vorwürfen gegen den harten Mann auf der Lippe, kämpfte sie aber nieder.

»Es tut mir leid« – sagte er –, »daß ich das kostbare Wohlwollen, mit welchem Sie mich als Kind beglückten, nicht mehr besitzen soll. Die Ihrigen werden mir wenigstens bezeugen, daß ich an dem Verlust desselben unschuldig bin, Herr Amtmann.«

»Ich bedaure« – sagte der Amtmann mit einem halbverächtlichen Achselzucken und ohne sich die Mühe zu geben, zu sagen, was er bedaure.

Mit einer stummen Verbeugung verließ Wilhelm das Zimmer.

»Daher also stammen die Briefe!« sprach der Amtmann mit einem bedeutungsvollen Blick zu seiner Tochter, die nicht noch erst zu erröten brauchte, denn des Vaters harsche, unhöfliche Worte gegen des Pfarrers Sohn hatten ihr die Schamröte ins Gesicht getrieben. Sie schwieg und konnte der Träne, die sich in ihr Auge stahl, nicht wehren, zur Erde zu fallen. Des Vaters Benehmen hatte ihr die Brust eingeschnürt; sie konnte keinen Bissen essen, denn sie dachte bei Tisch fortwährend lebhaft an den Schmerz, den die ungerechte Kränkung ihrem Freunde zugefügt, dessen unerwartetes Erscheinen ihr Wonne und Weh zugleich bereitet hatte. Die übrigen waren ebenfalls still und verstimmt, und wären nicht die Kinder, denen es in Freud und Leid immer gut zu schmecken pflegte, mit bei Tisch gewesen, die Speisen hätten größtenteils wieder unberührt abgetragen werden müssen.

Wilhelm hatte kaum hundert Schritt ins Freie getan, als er sich mit einer heitern Melodie den ganzen Eindruck an den eben erlebten Auftritt aus dem Sinne trillerte.

»Ich kehre mich den Teufel an den Herrn Amtmann« – sprach er zu sich selbst – »und um ihre ganze Bälgentreterbalgerei; wenn er aber meint, ich würde deshalb auch von seinem schönen Töchterlein lassen, so irrt er sich; wir werden uns schon zu finden wissen.« Dabei bog er um die Gartenmauer, öffnete eine kleine Pforte in derselben und trat hinter den Stachelbeerbüschen und Rosensträuchen in eine dichte Lindenlaube, von wo aus er bald Aurora selbst in den Garten treten sah. Als wüßte sie, daß der Geliebte ihrer harrte, schwebte des Amtmanns Tochter dem Versteck der Laube entgegen. Dem leisen Schrecklaut, den sie bei des Jünglings Anblick ausstieß, folgte der leise Ton eines Kusses, den des Pfarrers Sohn ihr auf die roten, schönen Lippen drückte. Nie hatten beider Lippen sich berührt, nie sich ihre Arme sanft umschlungen. In diesem Augenblick strebten Mund und Herzen sich mächtig entgegen. Aug in Aug schmiegte sich das Haupt des Mädchens keusch verschämt an die Brust des Geliebten, der sie stürmisch an sich zog. Neben der Laube schlug die Nachtigall im Dickicht grüner Blätter, und der blühende Flieder durchwürzte die Luft, welche die Liebenden Brust an Brust schmachtend einatmeten.

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