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Der Bälgentreter von Eilersrode

Georg Gottlieb Schirges: Der Bälgentreter von Eilersrode - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/schirges/baelgent/baelgent.xml
typefiction
authorGeorg Schirges
titleDer Bälgentreter von Eilersrode
publisherc.w. leske verlag
booktitleDorfgeschichten aus dem Vormärz
editorHartmut Kircher
year1981
pages101-300
firstpub1845
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120711
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5

Der Amtmann und Thomas treffen in der Stadt zusammen. – Welche Pläne der Schuhflicker spann, und was sonst noch wider den Amtmann unternommen wurde.

Da der Prediger den Aufforderungen des Amtmanns, den Leineweber zum Bälgentreter einzusetzen, Folge zu leisten sich fortwährend sträubte, begab sich der Dorfrichter in die Stadt zum Superintendenten, um von demselben, dem Wunsche des Herrn von Eilersrode gemäß, einen Befehl an den Pastor zu erwirken. Der Geistliche empfing den Amtmann mit den Mienen eines Erzbischofs, machte ein sehr ernstes Gesicht und hörte den Worten des Klägers mit wenig Aufmerksamkeit zu. Als dieser endlich seinen Antrag ausgesprochen und über seinen Bruch mit dem Pastor etwas hatte mit einfließen lassen, das wie Bedauern klang, aber wenig von Herzen kam, räusperte sich der Superintendent und sagte: »Herr Amtmann, der Prediger ist in seinem Recht und handelt im Geiste seiner Vorschriften. Der Herr von Eilersrode hat zwar, als Kirchenpatron, das Recht, einen neuen Bälgentreter zu wählen, und dies wird ihm keineswegs abgestritten, allein diese seine Wahl muß auf ein Subjekt fallen, gegen dessen moralische Eigenschaften der Ortsprediger keine erheblichen Einwendungen zu machen hat. Nun geht aber die Ernennung des Christoph Heisert nicht direkt von dem Kirchenpatron, der seine Gemeinde wenig zu kennen scheint, sondern von Ihnen aus.«

»Und das änderte die Sache?« – fragte der Amtmann.

»Ändert, ändert allerdings, mein Herr, und zwar insofern Sie ein in den Augen des Predigers, als der moralischen Behörde, tiefgesunkenes Subjekt in Vorschlag gebracht haben.«

»Einen Mann, der, glauben Sie mir, Herr Superintendent, moralisch zehnmal höher steht als der Schuhflicker, durch den der Prediger provisorisch den Bälgentreterdienst versehen läßt. Die ganze Gemeinde ist darüber einer Meinung, daß Kunze ein Schleicher und böser Mensch ist, der es nicht wagt, ehrlichen Leuten unter die Augen zu treten, der mit Frau und Kind in stetem Unfrieden lebt. Thomas ist ein Heuchler, ein Trunkenbold und ein Spion des Herrn Pastors, dem er alle Neuigkeiten zutragen muß, die in der Gemeinde passieren, damit der Herr Pastor sie auf die Kanzel bringen kann, was schon zu vielen Verdrießlichkeiten im Dorfe und der Umgegend Veranlassung gegeben hat. Ich möchte überhaupt den Herrn Superintendenten bitten, den Pfarrer wegen dieser ewigen Sticheleien und Persönlichkeiten, die er zum Gegenstand seiner Kanzelreden macht, scharf zu vermahnen; wenn ich selbst mir auch lange Zeit nichts daraus machte, daß er mich so häufig zur Zielscheibe seines leidenschaftlichen Unmutes in der Kirche ausersehn hat, so muß ich doch gerade unter den jetzt obwaltenden Umständen Anlaß nehmen, die auf mich persönlich gemünzten Ausfälle des Herrn Pastors schärfer zu kontrollieren und Maßregeln ergreifen, die meinen Gegner in die Grenzen des Anstandes und der Wahrheit zurückführen werden.«

»Was diesen Punkt betrifft, Herr Amtmann« – sagte der Superintendent, sich abermals räuspernd –, »kann ich freilich aus eigener Überzeugung nicht beurteilen, ob der Prediger sich im Irrtume befindet, glaube aber annehmen zu dürfen, daß er sich auch darin seiner Amtswürde und Pflichten als Seelsorger und geistlicher Wächter und Vormund aller Mitglieder der Gemeinde wohlbewußt sein wird. Es ist eine Pflicht des Predigers, die sittliche und religiöse Aufführung seiner christlichen Mitbrüder zu überwachen, sie unausgesetzt zu ermahnen, auf dem Wege der Tugend zu verharren oder den betretenen breiten Weg der Sünde und des Lasters zu verlassen. Es gibt aber gar viele Menschen, die in der Kirche nichts hören mögen, was sie als einen Tadel auf sich selbst beziehen können, und in den wohlgemeinten Ermahnungen des Geistlichen stets nur eine Verletzung ihrer eignen Eitelkeit statt eines Sporns zum Bessern erblicken. Vor dem Priester sind alle Menschen gleich, Herr Amtmann, der Arme wie der Reiche, Herr wie Knecht. Legen Sie die Hand aufs Herz und prüfen Sie sich wohl, ob Sie nicht oft Veranlassung gegeben haben, den Zorn der Kirche auf sich zu ziehn.«

Ehe noch der erstaunte und gekränkte Amtmann auf diese Rede geantwortet hatte, wurde dem Superintendenten gemeldet, daß ihn jemand zu sprechen wünsche; er stand daher auf, entschuldigte sich bei dem Dorfrichter und entfernte sich auf einige Augenblicke. Draußen kam ihm seine Frau entgegen und flüsterte ihm zu, daß Thomas Kunze auf der Diele stehe und eine schöne fette Gans mitgebracht habe. Der Superintendent ließ den Schuhflicker bitten, er möge ein wenig warten, bis jemand, den er bei sich habe, ihn verlassen, und befahl, man solle den Angekommenen in die Kinderstube führen, damit der Amtmann ihn nicht sähe, wenn er fortgehe.

»Sie haben mir den Thomas Kunze sehr bösartig geschildert« – sprach der Superindendent beim Eintreten zum Amtmann –, »ich kann Sie versichern, daß Sie über den Charakter dieses Mannes sehr im Irrtum sind. Er ist weder ein Heuchler noch ein böser Mensch, hat vielmehr ein sehr sanftes Gemüt und vortreffliche Eigenschaften, während der von Ihnen sosehr in Schutz genommene Christoph Heisert keineswegs der Mann ist, der verdiente, die Stelle des Bälgentreters zu erhalten, noch von Ihnen überall in Protektion genommen zu werden, was, beiläufig gesagt, Ihnen selbst sehr zum Nachteil gereichen muß. Denn es kann Ihnen nicht unbekannt sein, was man sich von der Frau des Leinewebers und den Motiven ihrer Verheiratung öffentlich erzählt.«

»Ich sehe wohl«, sagte der Amtmann, indem ihm das Blut zu Kopf stieg« –, »der Herr Superintendent steht ganz auf der Seite des Pastors und hat den Ohrenbläsereien desselben volles Vertrauen geschenkt. Es liegt mir im Grunde wenig daran, wer in Eilersrode Bälgentreter werden wird und wer nicht; ich strebe nur, die Rechte der Gutsherrschaft ungeschmälert zu erhalten und ersuche Sie daher, dem Pastor zu untersagen, den Thomas die Bäke treten und die Glocke läuten zu lassen, bis zur Entscheidung der Streitfrage.«

Der Geistliche versprach zwar, diesem Antrage nachzukommen, unterließ es aber gänzlich, dem Prediger deshalb irgendwelchen Befehl zu erteilen. Er begleitete den Amtmann bis zur Stubentür und entließ ihn kalt und höflich. Dann ließ er Thomas Kunze zu sich hereinkommen und sagte ihm, er hoffe, daß er ihm den Bälgentreterdienst in Eilersrode wohl verschaffen werde; er solle nur fortfahren, sich streng nach den Befehlen des Predigers zu richten und ihm selbst von Zeit zu Zeit Nachricht geben über das, was sich in der Gemeinde zutrage.

Der Schuhflicker, der in ehrerbietiger Haltung an der Tür stehengeblieben war, mußte dem Superintendenten erzählen, was man im Dorfe über den Amtmann und den Pastor im allgemeinen rede; besondere Teilnahme äußerte der geistliche Herr für das Wohlergehn des letztern. Er erkundigte sich genau nach den häuslichen Zuständen der Predigerfamilie und schien mit besonderer Herablassung zuzuhören, als Thomas von den wohlgeordneten Verhältnissen, von der guten Butter, den vielen Eiern, Würsten und dem Geflügel des Pfarrhauses sprach und dabei sehr ins einzelne ging. – Ehe der Erzähler sich aus dem Hause des Superintendenten entfernte, ließ ihm derselbe ein kleines Frühstück auf der Diele verabreichen, lud ihn ein, bald wiederzukommen, und entließ ihn sehr freundlich und wohlwollend.

Niemand war glücklicher als Thomas; er freute sich in der Seele, seinen Vorsatz, die Gans zu schlachten, wider den Willen seiner Frau in Ausführung gebracht zu haben und dachte im stillen darüber nach, ob er es nicht möglich machen könnte, bald einmal wieder einen Braten in die Küche der freundlichen Frau Superintendentin zu liefern. Da fuhr ihm ein böser Gedanke durch den Kopf, vor dem er anfangs selbst heftig erschrack, der sich aber mit unwiderstehlicher Gewalt immer wieder in seinen Sinn einschlich. Um sich das Wohlwollen seines neuen hohen Gönners durch fernere Geschenke zu erhalten, fehlte es ihm gänzlich an eigenen Mitteln. Die einzige Gans, welche er besessen, war nicht mehr sein; in Eilersrode auf der Wiese gab es aber viele Gänse, besonders viele, die dem Amtmann gehörten. Auf dem Amtsteich hörte das Geschnatter der Enten jahrein jahraus nicht auf; das Gegakel der Hühner tönte den ganzen Tag auf dem Amtshof, und die Amtstauben flogen hundertweise vom Schlage ab und zu. Thomas dachte an den heiligen Crispin, von dem er gelesen, daß er den Reichen das Leder gestohlen, um den Armen Schuhe daraus zu machen; er dachte an seine Frau, die gesagt hatte, es sei natürlich und vernünftig, den Reichen von ihrem Überfluß zu nehmen. Mit dem Gedanken an die Ausführbarkeit einer Reihe von Crispinaden verließ er das Haus des Superintendenten. Der Zufall wollte, daß, gerade als er die steinerne Treppe vor der Haustür hinabstieg, der Amtmann bei der Kirche um die Ecke bog und hart an ihm vorüberritt. Der Schuhflicker wurde totenbleich vor Schrecken; er zog die schwarze Ledermütze eilig vom Kopf und verbeugte sich mehrere Male vor dem gefürchteten Reiter, der höhnisch auf ihn herabblickte, ohne seinen Gruß zu erwidern.

Diese plötzliche Erscheinung hatte Thomas' Seele so heftig erschüttert, daß er bei sich selbst hoch und teuer schwur, von seinem bösen Vorhaben, den Amtmann zu bestehlen, abzustehen und lieber die Gunst des Superintendenten verscherzen als sich der Gefahr preisgeben zu wollen, noch einmal in die Hände des Dorfrichters zu fallen. Als er aber zum Tore hinausgelangt war und den Amtmann in der Ferne im scharfen Trabe dahineilen sah, fielen ihm die Schläge wieder ein, welche er auf des harten Mannes Befehl erhalten hatte, und der Gedanke, sich an seinem Peiniger zu rächen, verwischte den kaum gefaßten Vorsatz zum Guten. Während er langsam dem Dorfe wieder zuwanderte, überlegte er schon, wie er es beginnen könne, sich nachts aus seiner eigenen Wohnung zu entfernen und dem Amtmann an seinem Eigentum zu schaden. Er berechnete, welche Vorteile ihm daraus erwachsen müßten, wenn er der Frau Superintendentin ein zweites, drittes, viertes Mal mit einem Geschenk vor die Augen treten würde, und wie gewiß er auf den Bälgentreterdienst rechnen könne, wenn er sich die Gunst ihres Mannes erhalte, den er in dieser Sache für allmächtig hielt. – Dann aber schrak er wieder bei irgendeinem Geräusch in dem Birkengebüsch zur Seite des Wegs zusammen und kämpfte seine Diebesgedanken nieder. Dann dachte er aufs neue an die Möglichkeit, seinen gestörten Hausfrieden wiederherstellen zu können, indem er seinem erzürnten Weibe für das verschenkte Gut Ersatz biete. Kurz, der Teufel hatte den Schuhflicker bei einem Haar gefaßt und sollte ihn bald beim ganzen Schopf halten.

Schweißtriefend und außer Atem langte Thomas in Eilersrode an und schlich sich sogleich ins Pfarrhaus, wo er die ihm aufgetragenen Grüße an die Bewohner desselben bestellte und über den ihm selbst zuteil gewordenen günstigen Empfang einen freudevollen Bericht abstattete. Von seinem Zusammentreffen mit dem Amtmann sagte er nichts, denn er fürchtete, man möge ihm seine geheimsten Gedanken gegen denselben aus den Augen lesen. Der Prediger und dessen Frau waren über die Aussage ihres Schützlings sehr erfreut und gaben ihm neue Beweise ihres eigenen Wohlwollens und die Versicherung, es werde alles nach Wunsch gehen.

Von dieser Stunde an plagte aber den Schuhflicker das böse Gewissen gar sehr, seine Seele fand nirgend Ruhe und fühlte im voraus, außer der Süßigkeit der Rache und der verbotenen Lust am fremden Eigentum, die Qual der Reue und das Entsetzen vor der Strafe der Gerechtigkeit. Thomas ging mit seinen Diebesplänen lange schwanger; je mehr er sich mit ihnen umhertrug, desto tiefer schlugen sie Wurzel und desto sicherer glaubte er sich vor Entdeckung und Strafe.

Der Schulmeister war jetzt recht in seinem Element. Er ließ fast keinen Tag vergehen, ohne ins Dorf zu kommen und bald den Amtmann, bald den Prediger, bald die beiden Bälgentreterkandidaten oder andere Dorfleute zu besuchen, sie auszuforschen, ihnen seine Vermutungen und Ratschläge mitzuteilen und überall das Feuer zu schüren, indem er jedem einzeln recht gab, solange er sich mit ihm beriet, und das eben geschenkte Vertrauen der einen sogleich hinter ihrem Rücken zugunsten der andern mißbrauchte. Er ging dabei so schlau und vorsichtig zu Werk, daß er aller Vertrauen in hohem Grade besaß und bei niemandem als Heuchler und Zwischenträger in Verdacht geriet, weil er jedem nach dem Munde sprach, ihm etwas Angenehmes zu sagen und ihn dadurch zu Mitteilungen aufzumuntern wußte. Ohne den Schulmeister wäre wahrscheinlich der ganze Streit in der Geburt erstickt worden; er war es, der durch seine Einflüsterungen und Lügen immer neues Öl ins Feuer goß, die Gemüter aufstachelte und den gegenseitigen Haß nährte. Von ihm erfuhr der Amtmann unter anderm, daß Thomas sein Weib geprügelt und dem Superintendenten eine Gans ins Haus gebracht habe. Des Schuhflickers Frau hatte dem Schulmeister selbst ihr Leid geklagt und ihn gebeten, er möge bei dem Herrn Amtmann ein gutes Wort für sie und ihre Kinder einlegen, weil sie die Opfer der Verschwendung, der Trunkfälligkeit und schlechten Aufführung ihres Mannes werden würden. Der Amtmann hatte große Lust, den Schuhflicker wegen Völlerei und Schlägerei abermals exemplarisch zu bestrafen; der Schulmeister bat aber, ihn diesmal noch zu begnadigen, weil er voraussetzte, daß sich bald eine neue Gelegenheit finden lassen werde, Thomas zu züchtigen und dann um so härter und nachdrücklicher.

Die dem Amtmann feindlich gesinnten Bauern hatten sich an demselben Tage, an welchem jener seinen vergeblichen Besuch beim Superintendenten abgestattet, bei dem Prediger eingefunden und ihrem Seelsorger aufs neue offen gestanden, daß sie ganz auf seiner Seite wären und manche gerechte Beschwerde gegen den Ortsrichter auf dem Herzen hätten. Dem Pastor war gar viel daran gelegen, sich auch auf eine Demonstration der Gemeindemitglieder gegen den Gevatter berufen zu können; er ermunterte daher die Bauern, ihm alles mitzuteilen, was sie an ihrem Amtmann Sträfliches oder Tadelnswertes kennengelernt hätten, und merkte sich wohl, was jeder einzelne in dieser Beziehung vorbrachte. Die Bauern beschwerten sich vorzüglich über das willkürliche Verfahren ihres Vorgesetzten in bezug auf ihre dem Hofe zu leistenden Hand- und Spanndienste, von denen sie, nach dem Willen der Gutsherrschaft selbst, in gewissen Fällen, wie bei Neubauten, Hochzeiten, Begräbnissen und andern Gelegenheiten, teilweise oder ganz befreit sein sollten; sie behaupteten, der Amtmann übervorteile sie, und einige sprachen unverholen die Vermutung aus, er führe keine richtigen Verwaltungsregister, lasse sich von einzelnen bestechen und betrüge seinen Gutsherrn.

»Bedenkt es wohl, liebe Leute«, sagte der Pfarrer, »daß ihr keine der mir gemachten und noch zu machenden Erörterungen aus der Luft greift; denn es könnte sein, daß ich mich in den Fall versetzt sähe, von diesen euren Aussagen Gebrauch machen zu müssen. Würdet ihr alles, was ich soeben vernommen habe, als Männer von Ehre und Gewissen vertreten können, wenn dies gefordert werden sollte?«

»Ich kann beschwören« – sprach einer der Bauern –, »daß sich alles so verhält, wie ich gesagt habe, und werde immer die Wahrheit behaupten, selbst gegen den Herrn Amtmann.«

»Ein schlechter Kerl« – meinte ein anderer – »wäre ich, könnte ich dem Amtmann nicht auch ins Gesicht sagen, was ich hier hinter seinem Rücken gesprochen habe.«

»So wahr wir alle selig zu werden hoffen« – »gewiß und wahrhaftig« – »der Herr Pastor kann einen Eid darauf ablegen« – »alles ist die reine lautere Wahrheit« – ließen sich die übrigen Bauern vernehmen.

Nun nahm der Prediger ein förmlich Protokoll auf, zu dessen Abfassung die Angeber und Beschwerdeführer sämtlich Platz nehmen mußten. Da den Sprechern die Lippen trocken wurden, ließ der Pastor ihnen Bier verabreichen, das ihnen aber, weil es frisch und schwach war, nicht sehr munden wollte. Die Pastorin merkte dies und unterließ nicht, den Grund anzugeben, weshalb sie kein besseres Bier im Hause hätte.

»An dem Amtmann muß wirklich Hopfen und Malz verloren sein« – brummte einer der Bauern, indem er das Bierglas schmunzelnd an die Lippen führte –, »daß er der Frau Pastorin so dünnes Bier schicken mag.«

»Wer weiß« – sagte ein anderer –, »wie bald auf dem Amte besser gebraut werden wird!«

»Wißt ihr wohl« – sprach der Pfarrer, als die Konferenz beendet war, auf das Protokoll deutend –, »daß dies sehr schlimme Sachen für den Amtmann sind, die ihn von Haus und Hof bringen können! Der Herr von Eilersrode könnte und würde nicht dazu schweigen, wenn er sähe, in was für Hände er das richterliche Amt auf seinen Gütern gelegt hat und erführe, welch einen bösen Lebenswandel sein Pächter führt, wie er die Gemeinde tyrannisiert und herunterbringt. Auf solche Anklagepunkte war ich selber gar nicht vorbereitet, sehe aber nun wohl ein, daß der Herr Amtmann sich an euch und dem Herrn von Eilersrode viel schwerer vergangen hat als an mir und den Meinigen.«

Die Bauern wurden sehr freundlich entlassen; sie begaben sich vom Pfarrhofe nach dem Kruge und überlegten nachträglich, ob sie ihr dem Pastor gegebenes Versprechen, ihre Aussagen nötigenfalls vor Gericht zu vertreten, wirklich halten könnten.

»Etwas gelinder hätten wir es schon machen können« – sagte einer kleinlaut.

»Dazu ist immer noch Zeit« – erwiderte ein anderer. »Dem Amtmann kann's nicht schaden, wenn wir ihn wirklich bei dem gnädigen Herrn ausstechen. Jeder andere würde uns besser behandeln als er.«

Hätte der Pastor dem Gespräch der Bauern zulauschen können, würde er sich überzeugt haben, daß die Sprecher keineswegs geneigt waren, dem Amtmann gegenüber ihre Aussagen zu bekräftigen, sondern daß sie nur darauf hinzuwirken suchten, daß der Pastor die Kastanien für sie aus dem Feuer holen, übrigens aber seine eigene Haut zu Markte tragen sollte. Sie hielten niemand für geschickter, den Dorfrichter bei dem Gutsherrn zu verdächtigen als den Seelsorger und gaben sich, seit dem Ausbruch der Feindseligkeiten zwischen beiden, ganz der Hoffnung auf einen Beamtenwechsel hin, bei dem sie sich eine günstigere Stellung erringen zu können meinten.

Wie im Dorfe überhaupt nichts mehr geschehen konnte, ohne daß es den Beteiligten heimlich hinterbracht worden wäre, so erfuhr der Amtmann auch die Zusammenkunft der Bauern bei dem Prediger und vermutete den Beweggrund derselben. Er ließ sogleich den Dorfschulzen kommen, den er für alle Konspirationspläne in der Gemeinde verantwortlich machte, und sagte ihm, er werde bald ein schreckliches Gericht halten, bei dem es einem dutzend Großmäulern im Dorf übel ergehen solle. Diese Drohung wurde den Bauern durch den Schulzen mitgeteilt und versetzte die Rädelsführer der Unzufriedenen in nicht geringe Unruhe.

Der Pastor schickte sich an, dem Herrn von Eilersrode einen bogenlangen Bericht abzustatten, in welchem er einige der von den Bauern zu Papier gegebenen Beschwerden andeutete. Nach des Pastors Schilderung konnte der Amtmann nur ein Betrüger und sittenloser Mensch sein, der unter keiner Bedingung länger ein Mitglied des Kirchenvorstands sein dürfte. Der Schreiber hütete sich zwar, den Dorfrichter geradezu der Betrügerei gegen den gnädigen Herrn zu zeihen, ließ aber dennoch kein gutes Haar an ihm. Über die unlauteren Motive, welche der von dem Amtmann in Vorschlag gebrachten Wahl des Leinewebers zum Bälgentreter unterlagen, glaubte der Pastor sich vorzüglich verpflichtet, dem gnädigen Herrn die Augen zu öffnen und sprach es als eine allgemein bekannte Tatsache aus, daß Christoph Heisert eine Person geheiratet habe, welche früher mit ihrem Brotherrn, dem Amtmann, verbotenen Umgang gepflogen hätte; er setzte sogar die Vermutung hinzu, daß diese Person vielleicht dem Herrn Amtmann nur unter der Bedingung, ihrem Manne den vakanten Posten zu verschaffen, noch jetzt Zugeständnisse mache, vor denen jedes rechtliche und sittliche Gefühl sich empört zeigen müsse, und sprach zum Schluß endlich die zuversichtliche Hoffnung aus, der Herr von Eilersrode werde unter so bewandten Umständen den Amtmann nicht länger unterstützen, sondern baldmöglichst den Thomas Kunze in seinem interimistisch verwalteten Amte zu bestätigen die gnädige Gewogenheit haben.

Dieses inhaltschwere Schreiben traf mit einem ähnlichen, vom Amtmann verfaßten, ungefähr um dieselbe Zeit bei dem Herrn von Eilersrode ein. Dieser stutzte nicht wenig, als er des Pfarrers lange Anklageakte durchzustudieren anfing; je weiter er las, desto bedenklicher kam ihm die Sache vor, über die er anfangs als über eine gleichgültige Kleinigkeit gelächelt hatte.

Als ein erfahrner und billig denkender Mann wollte er den Dorfrichter nicht eher beurteilen, als bis er dessen Brief gelesen. Er erbrach das Schreiben mit dem Amtssiegel und prüfte den Inhalt desselben genau. Der Amtmann holte nicht ganz so weit aus als sein Gevatter, sondern brachte sogleich das rebellische Verfahren desselben zur Sprache und stellte dem Gutsherrn die Notwendigkeit vor Augen, dem Pastor gehörig auf die Finger zu klopfen, damit ihm ein für allemal den in der Gemeinde ohnehin herrschenden Geist des Widerspruchs zu nähren unmöglich gemacht werde. Er schilderte die Versammlung der Bauern im Kruge ausführlich, wie der Schulmeister sie ihm berichtet hatte, sowie die Zusammenkunft im Hause des Predigers als förmliche, gesetzwidrige Manifestationen gegen seine ihm vom Herrn von Eilersrode verliehene Autorität. Den Schuhflicker bezeichnete er, noch genauer als früher, als einen feilen Pfaffenknecht, der dem Superintendenten auf Anraten des Pastors Geschenke ins Haus schleppe, auf herrschaftlichem Grund und Boden Viehfutter für die Frau Pastorin mause und Frau und Kinder mißhandle.

Der Gutsherr sah nun wohl ein, daß er die Bälgentreterangelegenheit viel zu leicht genommen habe und daß es sich hier um die Bestätigung viel wichtigerer zur Sprache gebrachter Dinge handle; er nahm sich daher vor, weder dem Amtmann noch dem Prediger sogleich zu schreiben, sondern seinen gelehrten Freund, den Juristen, zuvor zu Rate zu ziehn.

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