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Der Bälgentreter von Eilersrode

Georg Gottlieb Schirges: Der Bälgentreter von Eilersrode - Kapitel 21
Quellenangabe
pfad/schirges/baelgent/baelgent.xml
typefiction
authorGeorg Schirges
titleDer Bälgentreter von Eilersrode
publisherc.w. leske verlag
booktitleDorfgeschichten aus dem Vormärz
editorHartmut Kircher
year1981
pages101-300
firstpub1845
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120711
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20

Die Glücklichsten auf Erden.

Unser letztes Kapitel ist das kürzeste, aber das erbaulichste von allen unsern Kapiteln. Die beiden Liebenden sahen sich wieder. Welche Feder vermöchte das Aneinanderschmiegen zweier Seelen wie die der Langgetrennten zu schildern? Aurora brauchte Tage, Wochen, ehe sie sich überzeugte, daß Wilhelm wirklich lebe und atme wie sie. Hätte sich ihr Geliebter für einen Geist ausgegeben, sie würde an seine Geisternatur geglaubt haben. Glich er doch ganz dem schönen Bilde, das sie sich von ihm entworfen hatte; und das war wirklich voller Geist.

Wilhelms Ruf war ihm vorangegangen; sein Erscheinen, sein Talent erregten in der Residenz Aufsehn. Alle Welt war von der herrlichen Sangeskraft seiner Brust entzückt. Der König ließ ihn vor sich kommen und überhäufte ihn mit Beweisen seines Wohlwollens. Der Herr von Eilersrode machte große Augen, als er in dem berühmten Sänger und dem Liebling des Monarchen den Sohn des Pfarrers erkannte. Als der König von der geprüften Liebe Aurorens und ihres Freundes hörte, beschloß er, selbst um des Amtmanns Einwilligung werben zu lassen. Er schickte den Herrn von Eilersrode ab und ließ den Amtmann um seine väterliche Zustimmung zur Vermählung seiner Tochter mit des Pfarrers Sohn ersuchen. Natürlich kehrte der Bewerber mit einer bejahenden Antwort zurück.

Auf einem in der Nähe der Residenz gelegenen Schlosse des Königs wurde die Vermählung des schönen Brautpaars gefeiert ; so hatten es sich die Liebenden von der Güte ihres hohen Gönners erbeten. Die Familien des Pfarrers und des Amtmanns und wenige vertraute Freunde aus der Stadt waren Zeugen eines Glücks, das die Glücklichsten sich nie hätten träumen lassen. An Geschenken und glänzenden Überraschungen fehlte es nicht. – Der Amtmann und der Pastor tranken beide Brüderschaft, und der erstere erklärte dem letztern: es gebe allerdings einen dritten Stand ; Anmerk. [d. Verf.] Von einem vierten Stand war zur Zeit unserer Geschichte noch nicht die Rede. wogegen der Pastor dem Gevatter die Geschichte des Diebes erzählte, dem er einst das Schurzfell vom Leibe geschossen hatte.

»Eins habe ich zu fragen vergessen« – sagte Wilhelm, sich bei Tisch zu den Gevattern wendend –, »wer ist Bälgentreter in Eilersrode geworden?«

Die beiden alten Duzbrüder sahen sich lachend an, und der Amtmann erzählte, daß die Ironie des Schicksals durch die Untersuchungskommission in Eilersrode einen Mann zum Bälgentreter eingesetzt, an den niemand zuvor gedacht habe, nämlich den Dorf Schneider.

Acht Tage lebten Wilhelm und Aurora auf dem schönen Schlosse. Ihre Eltern kehrten von Entzücken und Stolz berauscht ins Dorf zurück; ihre glücklichen Kinder schlugen ihren gemeinsamen Wohnsitz in der Residenz auf. Die Strafe, welche Wilhelm dem falschen, hinterlistigen Freund zugedacht hatte, erließ er ihm auf Aurorens Bitten.

»Brachte er mir doch das Zeichen deiner Liebe, die Locke unsers geschiedenen Freundes«, sagte sie.

»Ich wollte sie mit dir teilen«, sprach Wilhelm, seine junge schöne Gattin sanft auf die Lippen küssend. Er holte eine ähnliche Kapsel wie die, welche er Auroren geschickt hatte, herbei; des Küsters Haar und Aurorens lagen darin verschlungen; sie legten die Locken zusammen, und Wilhelm erzählte seiner Gattin von des Küsters keuscher Liebe zu ihrer Mutter.

»Wir sind glücklicher als sie« – flüsterte das junge Weib, sich wehmütig traut an die Brust des Geliebten schmiegend. »Die Glücklichsten« – sagte Wilhelm –, »die Glücklichsten auf Erden!«

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