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Der Bälgentreter von Eilersrode

Georg Gottlieb Schirges: Der Bälgentreter von Eilersrode - Kapitel 20
Quellenangabe
pfad/schirges/baelgent/baelgent.xml
typefiction
authorGeorg Schirges
titleDer Bälgentreter von Eilersrode
publisherc.w. leske verlag
booktitleDorfgeschichten aus dem Vormärz
editorHartmut Kircher
year1981
pages101-300
firstpub1845
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120711
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19

Überraschungen.

Die Erlebnisse der beiden vergangenen Jahre hatten dem Pastor über den sittlichen Zustand seiner Gemeinde die Augen geöffnet. Er mußte sich gestehen, daß wenig Christentum in den Herzen derer, die er auf dem Pfade christlicher Tugenden erhalten und weiterführen sollte, lebendig geworden war. Als ein ernster, verständiger Mann forschte er nach dem Grunde dieser Härte der Gemüter und verhehlte sich nicht, daß er selbst gegen eine der ersten und schönsten Christenpflichten, die Nächstenliebe, grobe Verstöße begangen, indem er statt zu ermahnen nur gegeißelt, statt zu bitten nur gedroht habe. Der Pastor war ein guter Mensch; er konnte als solcher nur so lange über seine eigenen Fehler im unklaren bleiben, als sie dem Rechte anderer förderlich zu sein schienen. Sobald er dieses Rechtes Ungrund einsah, bereute er sie aufrichtig. Er hatte seine Leidenschaftlichkeit schwer gebüßt, hatte sein ganzes Vermögen zugesetzt, sich in Schulden gestürzt und sah sich in dem schönen Glauben an die Menschheit tief erschüttert. Einen Teil des Mißtrauens, das er auf die Menschen übertrug, fühlte er aber auf sich selbst zurückfallen. Um sich vor der eigenen innern Entwertung zu schützen, beschloß er, einen Schritt zu tun, der nicht verfehlen konnte, auf seine Gemeinde einen tiefen, heilsamen Eindruck zu machen. Er ging mit einer neuerrungenen Begeisterung an die Ausarbeitung seiner nächsten Predigt; sie ward ein Meisterstück von einer Kanzelrede und würde manchem Verkündiger des Evangeliums zum Muster dienen, könnte sie hier ihrer ganzen Länge nach mitgeteilt werden.

Der Pastor betrat die Kanzel und bat seine Brüder und Schwestern in Christo, ihm ein recht aufmerksam Ohr zu leihen; er wolle nicht von den Pflichten der Gemeinde, sondern von seinen eigenen, den Pflichten des Predigers reden. Die Bauern spitzten das Ohr, und der Schulmeister horchte hoch auf, denn das angekündigte Thema war neu. – Der Redner schilderte zuerst die Mühen und Drangsale der ersten Christentumsapostel, ihre Begeisterung und ihre felsenfeste Liebe zu Christus, ihre Genügsamkeit und ihren musterhaften Lebenswandel. »Nun« – fuhr er fort – »frage ich euch: Gleichen die heutigen Verkündiger des heiligen Evangeliums diesen ihren Vorgängern; gleicht euer eigner Lehrer ihnen? Ach nein, nein, nein, er ist ihnen nicht ähnlich! Blicket zurück auf die jüngste Vergangenheit, sie beweist euch, daß ich selber nicht nach den Worten gehandelt habe, deren Sinn und Wahrheit ich euch einzuprägen stets bemüht war. Ihr habt mich störrig und leidenschaftlich, verfolgungssüchtig und hochmütig gefunden. Wundert euch nicht, daß ich es in eurer Gegenwart ausspreche, daß ich mich hier selber offen als einen Sünder kundgebe, mich vor Gott anklage. Wenn mich etwas der Gnade des Himmels teilhaftig machen kann, wenn euch selbst etwas zum guten Beispiel dienen kann, so ist es dies. Ich verlangte von euch, ihr solltet einander tragen und lieben wie Brüder, und mein eigen Herz war voll Verrat und Haß gegen meine Mitbrüder. Darum tue ich hier, an dieser Gott geweihten Stätte, euch allen Abbitte, denn ich habe euch allen Unrecht getan; darum bitte ich euch, mir eure Liebe und Achtung wieder zuzuwenden, euer Vertrauen, das ich verscherzte, wieder zu schenken; darum gelobe ich dir, mein Gott, in dieser reuevollen Wehmutstunde, vor diesen Brüdern und Schwestern, mich deiner väterlichen Gnade wieder würdig zu zeigen, kräftig nach den Tugenden zu ringen, die du uns in deinem heiligen Wort vorgeschrieben hast; darum flehe ich zu dir, du milder Freund aller Reuigen und Betrübten, du großer Dulder am Kreuz, stärke mich mit deiner Liebe, mit deinem hohen Beispiel; blicke vergebend auf mich herab, höre den Schmerz meiner Seele und das Gelübde meines Herzens. Ich will, ich will besser werden, auf daß es besser werde um mich!«

Als der Pastor mit solchen Worten seine Predigt endete und ein kräftig Vaterunser betete, herrschte in der Kirche die tiefste, feierlichste Stille. Kein Auge war trocken; die Worte des Redners hatten aller Herzen getroffen und Reue, Beschämung und stille Gelübde zur Besserung erwirkt. Die Amtmännin war von der Rede des Predigers freudig ergriffen; unter Tränen dachte sie an die Möglichkeit einer Versöhnung zwischen ihrem Manne und dem Pastor und ging voll schöner Zuversicht und Erhebung aus der Kirche zu ihrem Gatten, dem sie eine warme Schilderung von der öffentlichen Selbstanklage des Predigers machte. Auch der Schulmeister stellte sich auf dem Amte ein; er war über die unerwartete Wendung, welche des Seelsorgers Sinnesart genommen, und über die gehaltene Rede desselben höchst erstaunt. Die Amtmännin forderte ihn auf zu gestehen, daß die eben gehörte Predigt auf alle Zuhörer den tiefsten Eindruck gemacht habe.

»Ja« – sagte der Schulmeister nicht ohne Widerwillen –, »die Predigt hatte Hand und Fuß, das muß man gestehen; wollten die Herren Geistlichen immer bei sich zuerst zu tadeln anfangen, würden sie weit mehr Glauben finden, als indem sie in der andern Augen immer Balken sehen.« – »Hand und Fuß«, sprach der Amtmann, »hatten seine Predigten von jeher, aber der Fuß saß ihnen an der Stelle der Hand und die Hand an der Stelle des Fußes. Wir wollen erst abwarten, ob es dem Herrn Pastor mit seinem Sündenbekenntnis wirklich ernst ist.«

Als der Prediger die Kirche verließ, stand die ganze Gemeinde wieder auf dem Kirchhof und harrte seiner. Alle Bauern nahmen die Hüte und Mützen ab, und die Frauen machten tiefe Knickse vor dem Geistlichen; jeder drängte sich zu ihm, um ihm die Hand zu reichen; einige stotterten ihm ihren Dank, andere sahen ihn mit Tränen in den Augen sprechend an. Auf allen Gesichtern konnte er den guten Erfolg lesen, den seine Worte hervorgebracht hatten. Noch an demselben Tage stellten sich die Bauern, welche den Prediger in der Klage gegen den Amtmann so schändlich verleugnet hatten, bei ihm ein und bekannten sich vor ihm schuldig und voll Reue. Dieser Sieg des Guten machte dem Pastor unendlich viel Freude. Er versprach, das Bekenntnis der Bauern heilig und geheimzuhalten. »Lassen wir die Vergangenheit im Grabe ruhn« – sagte er –, »wir wollen den alten Menschen aus- und einen neuen anziehn. Ich selbst habe euch zum Unrechttun verführt. Alles sei vergeben und vergessen.«

Die Bauern hatten zusammengelegt, um dem Pastor die Prozeßkosten zu erstatten, die er teilweise ihretwegen gehabt hatte; als sie sich mit dem aufrichtig gemeinten Gelübde, künftig einen bessern Lebenswandel führen und die Kirche fleißiger besuchen zu wollen, von ihrem Seelsorger trennten, legten sie ihm einen Beutel voll Geld auf den Tisch und sagten, das sei, um ihre Schuld zu tilgen. Der Pfarrer sträubte sich zwar, das Geld zu nehmen, mußte es aber behalten. Er ließ nun sogleich den Leineweber rufen und zahlte demselben das geliehene Kapital zurück.

»Nun kann ich dem Herrn Pastor im Vertrauen auch sagen« – sprach Christoph –, »von wem das Geld eigentlich herstammt: von der Frau Amtmännin, die mir auftrug zu tun, als käme es von mir.«

Wenn den Pastor etwas in seinen guten Vorsätzen bestärken konnte, so war es dieser Umstand. Das Benehmen der guten Frau rührte ihn tief; seine eigene Frau verstummte vor solchem Edelmut und ward durch die Erkenntnis des schönen, vermittelnden Charakters der Amtmännin nicht wenig beschämt.

»Ich will nicht auf halbem Wege stehenbleiben« – sagte der Prediger –, »sondern aufs Amt gehen und dem Amtmann meine Hand zur Versöhnung bieten.«

Er ließ sich sogleich bei dem Gevatter anmelden und ihn um eine Unterredung bitten. Der Amtmann ließ ihm sagen, er solle willkommen sein. Mit feuchten Blicken trat der Prediger bei dem Dorfrichter ins Zimmer. Die leidenden, vom jahrelangen Verdruß und Kummer durchfurchten Züge, das graue Haar des verkannten Freundes machten auf den Amtmann einen tiefern Eindruck als die Worte des Eintretenden. Gerührt nahm er die ihm dargebotene Rechte und schüttelte sie herzlich. Als er den Gevatter vor Wehmut weinen sah, schloß er ihn in seine Arme und wehrte seinen eigenen Tränen nicht. »Laßt es gut sein, Gevatter« – sagte er –, »wir haben beide unrecht gehabt und wollen uns bessern.« Die Amtmännin war vor Freude außer sich; sie lief durch den Garten und eilte nach dem Hause des Predigers; dort trat sie zu der Pastorin und schloß die beschämte Frau an ihre Brust. »Unsere Männer haben sich in dieser Stunde ausgesöhnt« – sagte sie –, »lassen Sie auch uns wieder gute Freundinnen sein. Haben Sie mir vergeben?« Die gute Frau tat, als habe sie etwas verbrochen und war doch diejenige, vor der sich alle andern hätten beugen sollen, um ihr Abbitte zu tun. Das ist die wahre Reinheit und Güte des menschlichen Herzens, die gern die Schuld der andern auf sich nimmt, nur um sie im Leben zu tilgen. Die Pastorin fühlte sich vor dieser edlen Natur tief gedemütigt; ihre Tränen waren nicht ohne Reueschmerz. Die Amtmännin ließ nicht von ihr ab, sie mußte die Kinder mitnehmen und sogleich mit ihr aufs Amt kommen. Hier herrschte eine große Freude. Jeder war über die Aussöhnung der beiden Gevatter entzückt; die Kinder wurden bald wieder gute Kameraden. Die ganze Familie des Predigers blieb auf dem Amte zu Tisch, es war ein Versöhnungsfest; der beste Wein ward aus dem Keller geholt, und beide Männer tranken sich vor lauter Freude ein kleines Räuschchen.

»Wie schade« – sagte die Amtmännin zur Pastorin–, »daß unsere ältesten Kinder diesen Freudentag nicht mit uns erleben!« Beide Mütter erzählten sich gegenseitig die Leiden und Sorgen, welche ihnen ihre beiden Erstlinge verursachten. Die Amtmännin erfuhr, daß Wilhelm noch immer nicht geschrieben habe und daß niemand wisse, wo, noch ob er lebe; die Pastorin, daß Aurora von den Bewerbungen des Freiherrn viel zu leiden und dem Vetter des Herrn von Eilersrode einen Korb gegeben habe; daß sie fortwährend still und in sich gekehrt sei und an den Freuden der Residenz wenig Lust empfinde.

»A propos! Herr Gevatter« – rief der Amtmann, die Gläser füllend. »Sie wissen doch, daß in diesen Tagen der Termin abgelaufen ist, welchen der verstorbene Küster für die gerichtliche Eröffnung seiner Testamentsverfügungen festgestellt hat!«

»Ja«, sagte der Pastor –, »ich entsinne mich einigermaßen, wie die Sachen standen; es werden nun zwei Jahre sein, seit der Küster starb.«

»Sie wissen, daß er ein Testament hinterließ, welches seinem Hauptinhalt nach erst jetzt bekanntwerden wird. Das Inventarium des Verstorbenen wurde, nach seinem Willen, teilweise seiner alten Wärterin geschenkt, teilweise zu Gelde gemacht und zu dem Kapital geschlagen, das der alte Knauser während seines langen Lebens zusammengespart hatte. Was mit diesem Gelde geschehen soll, wird uns die versiegelte Klausel lehren, welche, nach seiner Verfügung, nach Ablauf zweier Jahre gelesen werden soll. Ich werde morgen die Zeugen zitieren und fordere Sie, Herr Gevatter, hiermit auf, bei der Eröffnung des Testaments gegenwärtig zu sein.«

Der Pastor versprach, sich zur rechten Stunde einzustellen, und die Gesellschaft trennte sich abends spät unter neuen Freundschaftsversicherungen, Händedrücken und Umarmungen.

Der einzige in der Gemeinde, der die Freude über das auf dem Amte gefeierte Versöhnungsfest nicht teilte, war der Dorfschulmeister. Für ihn konnte nichts Unwillkommeneres geschehen, als was er jetzt mit eigenen Augen sehen, mit eigenen Ohren hören mußte. Sein Reich war nun zu Ende; er durfte dem Amtmann keine Klatschereien mehr hinterbringen und fürchtete sich, von dem Pastor wegen mancher Angebereien zur Rechenschaft gezogen zu werden. Da er selbst scheinbar mit aller Welt auf friedlichem Fuße lebte, war niemand, mit dem auch er sich hätte versöhnen können; und doch fühlte er sich von aller Welt von dem Augenblicke an verstoßen, in welchem die Herzen einander entgegenschlugen. Von dieser Zeit an hütete man sich allgemein vor dem Umgang mit dem gleisnerischen Schulmeister; es ward endlich allen klar, daß er es gewesen, der die Flammen des Hasses, den Unmut und die Unzufriedenheit in den Gemütern durch seine beständige Zwischenträgerei genährt und zu solcher Höhe gebracht hatte, daß an ein Ersticken derselben kaum noch gedacht wurde. Die Bauern wollten nichts mehr von ihm wissen, wenn er auf den Pastor oder den Amtmann zu sticheln anfing und der neuen Freundschaft zwischen beiden ein nahes Ende prophezeihte. Er erntete den Lohn seines feilen, gesinnungslosen Lebenswandels und sah sich endlich in ebenso hohem Grade von allen Parteien verachtet und gemieden als er früher von ihnen beachtet und gesucht worden war.

Das Tagesgespräch in Eilersrode sollte noch durch eine Nachricht vermehrt werden, über deren Mitteilung besonders der Pastor und dessen Gattin große Freude empfanden. Es ergab sich nämlich aus des verstorbenen Küsters hinterlassenem Testament, daß derselbe den ältesten Sohn des Predigers zum Universalerben seines baren, nicht unbedeutenden Vermögens eingesetzt hatte. Der Pastor überlegte mit dem Amtmann, welche Mittel angewendet werden sollten, um den jungen Erben, über dessen Aufenthalt niemand Kenntnis besaß, von seinem Glücke zu benachrichtigen. Es wurde sogleich von Amts wegen eine Aufforderung an Wilhelm zu Papier gebracht, welche durch verschiedene in- und ausländische Zeitungen veröffentlicht werden sollte.

Der Küster hatte angeordnet, das Testament erst nach Ablauf von zwei Jahren, von dem Tage der Ausfertigung an gerechnet, zu öffnen, weil er den Sohn des Pastors bis dahin im Besitz des Eilersrodeschen Stipendiums sicher glaubte und ihn durch die Aussicht auf eine unerwartete bedeutende Erbschaft in seinen Studien nicht stören wollte. Unter anderen väterlichen Ratschlägen, welche der Küster seinem Liebling schriftlich hinterließ, war auch dieser: Wilhelm möge, im Fall er am Schluß seiner akademischen Studien und nach reiflicher Prüfung zum geistlichen Stande keine vorherrschende innerste Neigung verspüre, sein musikalisches Talent ausbilden und dazu das vermachte Vermögen verwenden. Der Alte hatte einen tiefern Blick in die Seele des Jünglings getan und das innerste Verhältnis derselben zur Welt richtiger abgemessen als alle, die auf das Schicksal Wilhelms einwirkten.

Der Schulmeister war der einzige, der sich über die veröffentlichte Testamentsverfügung des Verstorbenen ärgerte. Er konnte seinem Nebenmenschen nie etwas Gutes wünschen und dachte daher auch mit geheimer Schadenfreude an die Möglichkeit, daß alle Anstalten zur Entdeckung des Erben scheitern könnten. Auch diese tückische Lust sollte mit einem Schlage und kurze Zeit nach dem Versöhnungsfest der Gevatter zuschanden gemacht werden.

Die Sonne des Friedens und des Glückes war über Eilersrode wieder aufgegangen; der Segen des Himmels folgte recht sichtbar der edlen Regung auf dem Fuß, welche den Prediger angetrieben hatte, einen Versuch zur Versöhnung der Gemüter zu machen. Gewiß, der Segen des Himmels war's, denn dieser ist stets da, wo das Gute rein und mit ganzer Willenskraft gewollt und getan wird. Das Pfarrhaus erntete diesen Segen in vollem Maße. Die äußere Lage der Familie war nicht allein durch die erhaltenen Geldbeiträge der Bauern zur Erstattung der Gerichtskosten, sondern durch eine Menge Geschenke verbessert, die der Küche und dem Keller des Predigers vom Amtshof wieder zuflössen. Der Amtmann schien aufrichtig wiedergutmachen zu wollen, was er in der langen Zeit des Haders versäumt und verschlimmert hatte. Es verging fast kein Tag, ohne daß er seinem Gevatter Beweise seiner Freundschaft gegeben hätte.

An einem stillen Abend, als der Pfarrer im Kreise seiner Kinder, an der Seite seiner Gattin bei der Lampe saß, und, sich des wiedergefundenen Friedens freuend, im traulichen, behaglichen Gespräch Vergangenes und Zukünftiges berührte; als draußen im Dorf die Mädchen und Knechte, nach schwerem Tagewerk, vergnügt miteinander kosten, die Bauern friedlich beisammen in der Schenke saßen; als sich das Dunkel der Nacht immer schwärzer über den Friedhof der Toten und die Wohnungen der Lebenden breitete, trabte ein Paar kräftiger Rosse, einen bequemen Reisewagen hinter sich, ins Dorf. Die Einwohner, welche dem Fuhrwerk begegneten, glaubten, der gnädige Herr von Eilersrode komme wieder aufs Schloß; die Kutsche aber fuhr nicht auf den Amtshof, sondern nach dem Pfarrhause, vor dessen Tür sie stillhielt. Der Knall der Peitsche lockte die Kinder ans Fenster und den Pastor vor die Tür. Noch ehe er sie erreicht hatte, flog dem geistlichen Herrn ein junger schöner Mann in die Arme und umschlang ihn mit stürmischer Freude. Es war der Sohn. Vater und Mutter weinten und lachten vor Freude und herzten und küßten ihren Ältesten, der so plötzlich ihr Glück vollständig zu machen kam.

Nachdem der Sturm der ersten Freude sich gelegt und einer ruhigen Prüfung des frohen Ereignisses Raum gestattet hatte, musterte die Pastorin ihren Sohn vom Kopf bis zum Fuß, und der Pastor bat Wilhelm, zu erzählen, wie es ihm seither ergangen. Bis tief in die Nacht hinein saßen die Glücklichen beisammen, und die entzückten Eltern horchten auf die Schilderungen, welche ihnen ihr wiedergefundener Sohn von den Schicksalen und Erlebnissen aus seinem reich bewegten Leben entwarf. Es lohnte sich der Mühe, des jungen Mannes Erzählung mit anzuhören; doch, da Eltern sich von ihren Kindern länger und breiter verschwatzen zu lassen pflegen als Leser vom Dichter, so möge hier von Wilhelms Mitteilungen nur so viel angeführt werden, wie zum Verständnis des Ganzen in diese Blätter paßt. Des Pfarrers Sohn war, nachdem sein akademischer Sommer zu Ende gegangen, wie die Zugvögel in den Süden gewandert; er hatte das deutsche Vaterland und Italien durchstreift und war, unter einem angenommenen Namen, als Sänger der großen Oper mit so glücklichem Erfolge aufgetreten, daß er sich in kurzem einen bedeutenden Namen in der Kunstwelt und ein hübsches Sümmchen Geldes erworben hatte, das ihm, bei weiser Haushaltung, trefflich zustatten kam. Die Errichtung eines neuen, großen Opernhauses in der Residenzstadt seiner Heimat verschaffte ihm einen ehrenvollen Ruf in die Hauptstadt; auf der Reise aus dem fernen, schönen Süden in dieselbe kam er jetzt, vor allem die Seinigen nach langer, schmerzlicher Trennung wieder zu umarmen. Von der ihm vermachten Erbschaft wußte er kein Wort, und die Mitteilung dieser Nachricht rührte ihn sehr; mit Tränen in den Augen las er die väterlichen Ratschläge, welche der Küster mit eigener Hand für ihn niedergeschrieben hatte. Das geerbte Vermögen teilte er mit seinen Eltern und Geschwistern; auch schenkte er ihnen seinen schönen Reisewagen, um sie über den Verlust der alten Landkutsche zu trösten. – Die Pastorin erschrak zwar bei dem Gedanken, ihren Sohn statt die Kanzel nun die Bühne betreten zu sehen, und der Pastor verhehlte ihm nicht, daß er das Glück seines Sohnes lieber auf minder gefahrvollem Wege erreicht sehen möchte; aber Wilhelm entwarf ihnen eine so feurige Schilderung von dem Beruf des Standes, dem er sich mit ganzer Seele ergeben, daß sie wohl einsehen mußten, welche durchaus verkehrten Begriffe sie sich über Kunst und Künstler gebildet hatten.

Als Wilhelm sich nach dem Freiherrn erkundigte, den er in der Fremde kennengelernt und der sich mit Aufträgen für seine Eltern und Aurora von ihm getrennt hatte, erfuhr er zu seiner nicht geringen Entrüstung, daß dieser falsche Freund zwar seit einem Jahre wieder zurückgekehrt sei, sich aber bei den Eltern Wilhelms nie habe blicken lassen. Die Pastorin erzählte ihrem Sohne, was sie von des Freiherrn Bewerbungen um Aurorens Hand und über sie selbst erfahren hatte. Wilhelm hörte aufmerksam und mit klopfendem Herzen zu. Bei dem Besuch, welchen er dem Amtmann und dessen Frau abstattete, wurde er mit großer Auszeichnung empfangen, und nichts schien ihn an die Behandlung erinnern zu sollen, die er einst von Aurorens Vater hatte erdulden müssen. Da die Amtmännin gerade an ihre Tochter geschrieben hatte, machte sie schnell noch eine Nachschrift, in welcher sie ihr Wilhelms Ankunft in Eilersrode meldete. Ohne diese Vorsicht hätte des Amtmanns Tochter von dem plötzlichen Wiedererscheinen ihres totgeahnten Geliebten auch sicher einen tödlichen Schrecken gehabt.

Wilhelm hielt sich einige Tage bei seinen Eltern auf. Sein Erscheinen in Eilersrode, die märchenhaften Erzählungen, die über seine Laufbahn, seine Reisen und sein Glück in Umlauf gesetzt wurden, seine Freundlichkeit mit den Dorfleuten, seine Gänge auf den Kirchhof, das Amt, in den Amtsgarten, das alles gab den Besuchern des Krugs vielfältigen Stoff zur Unterhaltung. Alle freuten sich über das Glück, das der Pastor an seinem Sohne erlebte; nur der Schulmeister gönnte es ihm nicht, und da er sich von Wilhelm mit Verachtung behandelt sah und wohl merkte, daß der Prediger ihn seinem Sohne mit lebendigen Zügen geschildert haben mußte, warf er einen tödlichen Groll auf den vielbeneideten jungen Mann, wie er längst alle übrigen Bewohner des Pfarrhauses und Amts haßte. Er mußte seine innere Bosheit und seinen unmächtigen Haß bis an sein unseliges Ende in sich verschließen, denn er fand hinfort keinen Menschen, nicht einmal den Dorfbarbier mehr, dem er sich hätte im Vertrauen nahen dürfen; bis zu seinem Tode behielt er den Namen Neidhammel und erntete den Lohn, den jedes heimtückische, böse Gemüt auf sich herabbeschwört: die Verachtung aller Besseren, in denen die Wahrheit sich durch Nacht und Sturm immer wieder Bahn bricht.

Nach Verlauf weniger Tage eilte Wilhelm mit frohem, hoffnungsseligen Herzen seinem neuen Wohnort zu. Aus den Mitteilungen, welche der Pastorin von der Amtmännin gemacht waren, durfte er abnehmen, daß Aurora seiner noch immer gedenke, ihn vielleicht noch liebe wie er sie. Des Freiherrn rätselhaftes, hinterlistiges Betragen empörte ihn; er ahnte, welche Tücke ihm dieser falsche Freund gespielt haben mußte, dem er sich einst nur allzu leicht und unvorsichtig anvertraut hatte.

Der Weg von Eilersrode in die Residenz ward dem Reisenden unendlich lang, länger wie damals, als er von allem, was ihm auf Erden lieb und heilig, auf ewig Abschied nehmen zu müssen geglaubt hatte.

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