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Der Bälgentreter von Eilersrode

Georg Gottlieb Schirges: Der Bälgentreter von Eilersrode - Kapitel 12
Quellenangabe
pfad/schirges/baelgent/baelgent.xml
typefiction
authorGeorg Schirges
titleDer Bälgentreter von Eilersrode
publisherc.w. leske verlag
booktitleDorfgeschichten aus dem Vormärz
editorHartmut Kircher
year1981
pages101-300
firstpub1845
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120711
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11

Der Leineweber wird vor den Pastor beschieden. – Auroras Genesung. – Welche Nachrichten über Wilhelm eintrafen und wie er die ihm zuteil gewordenen Ermahnungen aufnahm.

Der Schuhflicker und sein Weib ließen sich die gestohlene Gans gut schmecken. Sie verzehrten sie bei verschlossener Tür und tranken sich beide dabei in Bier und Branntwein einen Rausch. Auf die Bedenklichkeiten, welche Thomas über einen zweiten Griff in des Amtmanns Gänsestall äußerte, erwiderte seine Frau: »Ei, du bist ein Narr, wenn sie dich nur nicht fangen, so ist's keine Sünde. Was durch den Mund geht, dürfen die Armen den Reichen nehmen. Ob der Amtmann im Jahre ein Dutzend Hühner, Enten und Gänse mehr hat oder weniger, darauf kommt es ihm gar nicht an, uns aber macht's viel aus; wir freuen uns dabei doch auch einmal des Lebens und wissen, wie Braten schmeckt. Es ist ja am Ende doch nur Zufall, daß der Amtmann nicht dein Schurzfell trägt und du nicht Amtmann bist. Ihr beide könnt, wenn ihr sterbt, sowenig was mitnehmen wie der selige Küster und wir alle.«

Der Schuhflicker machte gegen diese Bemerkungen seines Weibes, das man heutigentags für eine Kommunistin halten würde, keine Einreden. Er dachte an die schimpfliche Behandlung, welche er unter den Händen des Leinewebers erlitten hatte, an die nicht minder schmerzhafte, welche ihm der Amtmann hatte angedeihen lassen; das Gelingen seines Diebesplans und der ungestörte Genuß seiner Beute machte ihn wieder dreist, und im stillen reiften neue Raubgedanken in seinem Kopf. Nachdem er ein Mittagsschläfchen gehalten, begab sich Thomas zu seinem Prediger und brachte bei demselben eine Beschwerde gegen den Leineweber vor.

»Ich habe mich im stillen sehr gewundert« – sagte der Pastor –, »daß Ihr mir nichts von dieser Angelegenheit mitgeteilt, sondern daß ich erst von andern Leuten erfahren mußte, wie schimpflich Ihr behandelt worden seid.«

»Der Herr Pastor waren ohnehin angegriffen und hatten Ihre Sorgen« – antwortete der Schuster mit einem Schafsgesicht –, »ich wollte Ihre Last nicht noch vermehren.«

Der Pastor hatte gerade Zeit und Lust, dem Leineweber die Leviten zu lesen; er schickte daher zu ihm und ließ ihm sagen, er möge sofort vor ihm erscheinen.

Christoph verließ seinen Webstuhl, zog Stiefel an und stellte sich bald darauf bei dem Pfarrer ein. Der letztere fuhr ihn hart an, nannte ihn einen gefährlichen Bösewicht und sagte:

»Wenn kein anderer im Dorfe ist, der auf Ordnung und öffentliche Sicherheit hält, so werde ich dafür sorgen, daß die Mitglieder meiner Gemeinde nicht auf offener Straße Gefahr laufen, umgebracht zu werden. Weiß Er wohl, daß ich Ihn exkommunizieren kann? Weiß Er, was das heißt? Ich werde ihn in den Kirchenbann tun, wenn Er sich nicht bessert und nicht bald anfängt, einen christlichen Lebenswandel zu führen. Ich werde Ihn vom Altar des Herrn ausschließen, Ihm und seinem Weibe die heiligen Sakramente verweigern, wozu ich die Macht habe, versteht Er?«

Der arme Leineweber ward bei den Worten exkommunizieren – Kirchenbann – ganz betäubt; er konnte nichts zu seiner Verteidigung vorbringen und ging beschämt und bestürzt nach Hause. Thomas horchte draußen vor der Tür und freute sich, als er hörte, wie seinem Gegner der Text gelesen wurde. Auch dieser Umstand trug dazu bei, ihn in seinem Vorsatz zu einer neuen nächtlichen Mauserei zu bestärken.

Die Dorfleute hatten zu keiner Zeit so viel Stoff zum Geplauder gehabt als eben jetzt. Der Tod des Küsters, die Krankheit Aurorens, die Prügelei zwischen Thomas und Christoph, der angekündigte Besuch des gnädigen Herrn – der Gänseraub – das alles gab viel zu denken und noch mehr zu sprechen. Der Krüger hatte nie so viel Bier und Branntwein geschenkt als um diese Zeit. Die Aufreizung der Gemüter gab zu einem nicht unbedeutenden Geldumsatz im Kruge Anlaß; der Bälgentreterkrieg jagte den Erlös mancher Hufe Landes durch die Gurgel. So setzen die Menschen oft ihr Hab und Gut für des Kaisers Bart aufs Spiel und haben doch kein Haar darin.

Aurora, deren Krankheit von der Pastorin als eine Strafe Gottes für ihren Vater bezeichnet ward, erholte sich sehr langsam. Sie war so schwach und hinfällig geworden, daß sie, obschon in der Besserung, doch nur für wenig Minuten auf ihren eigenen Füßen stehen konnte; ihre Wangen waren blaß und eingefallen; nur an ihrem schönen Auge, das nichts an Glanz und Ausdruck verloren, und an ihren Lippen, auf denen noch der erste Kuß der Liebe fortzuglühen schien, konnte man abnehmen, daß sie noch sehr jung sein mußte. Als sie sich das erste Mal ans Fenster führen ließ, blickte sie auf die roten und gelben Blätter der Obstbäume des Amtgartens und auf die kahle Laube, in welcher sie mit Wilhelm die Glückseligkeit schöner, kurzer Augenblicke durchlebt hatte.

»Es war ein flüchtiger Frühling« – sprach sie aufblickend zu ihrer Mutter. Die Amtmännin schloß ihr Kind an die Brust und küßte ihm eine Träne der Erinnerung aus den Wimpern.

»Aber er war schön« – setzte das Mädchen leise hinzu.

»Scheuche jeden trüben Gedanken aus deiner Seele« – bat die Mutter –, »stelle dir nur meine Freude vor, dich wieder genesen zu sehen.«

»An ihn denken darf ich doch, Mama, nur an ihn denken – das ist doch kein Verbrechen? Das sind ja auch keine trüben Gedanken«, sagte Aurora.

Zum ersten Mal durften die Jüngern Kinder wieder in der Schwester Stube spielen und sich von ihr erzählen lassen. Aber die Geschichten, welche Aurora erzählte, waren nicht mehr so lustig wie sonst; sie sprach so oft von Menschen, die sich aus Liebe tot grämten oder langsam hingemartert wurden. Die Kinder saßen ihr zu Füßen, und oft weinten sie in ihren Schoß, und die Erzählerin weinte mit ihnen.

Zum ersten Mal durfte die Kranke sich auch wieder an ihr Klavier setzen. Der Arzt hatte es erlaubt; aber die Saiten waren gerissen oder verstimmt und der Küster kam nicht mehr, sie aufzuziehn und zu stimmen. Jugend und innere Kraft gewannen in Aurora bald die Oberhand; rascher als der Arzt es erwartet hatte, stellte sich die Gesundheit in dem jugendlichen Körper des Mädchens wieder ein. Als der erste Schnee im Dorfe fiel, hatten sich Aurorens Wangen wieder leicht gerötet; aber ihre Seelenheiterkeit war mit den Blättern des Sommers von dem Baume ihres Lebens abgefallen. Ihr Blut durchrieselte den schönen, zarten Bau ihres Körpers wie sonst; ihr Haar, das sie während der Krankheit verloren, wuchs wieder und ringelte sich in schönern Locken wie zuvor in den blendend weißen Nacken hinab; ihre Wangen, ihre Brust zeugten wieder von Lebensglut; aber sie war nicht mehr das tändelnde, heiter lachende, flinke Kind. Ein kalter Nachtfrost hatte die Blütenwelt ihrer Liebe berührt; ihr war wie einem Übermüden, der den Schlaf in allen Gliedern hat und doch nicht schlafen kann, der sich auf seinem nächtlichen Lager umherwälzt, tausendmal einschlummert und tausendmal wieder aufgeschreckt wird. In das Auge ihrer Liebe kam auch kein Schlummer, seine Wimper schloß sich nicht, es starrte offen in eine lange, öde Nacht hinaus und weinte um den verlorenen Schlaf.

Als des Amtmanns Tochter zum ersten Mal wieder ins Freie gehen durfte, lenkte sie ihre Schritte nach dem Friedhof und ließ sich des Küsters Grab zeigen.

»Wenn der Frühling kommt« – lispelte sie dem Toten unter seiner schmucklosen Decke zu –, »will ich dich pflegen; will dir Kränze winden und Blumen auf deinen Hügel pflanzen. Du sollst meine Gartenlaube werden; hier will ich meine liebsten Augenblicke leben und ungestört an ihn denken.«

In den Amtgarten ging Aurora für lange Zeit nicht wieder. Nur von ihrem Fenster aus maß sie mit wehmütigen Blicken die Ewigkeit, welche zwischen ihr und dem kleinen Pförtchen sich ausdehnte; jeden Morgen sah sie hinab und den kleinen Vögeln zu, die zwischen den kahlen Zweigen hin und her flatterten. Von Wilhelm erhielt sie keine Kunde; niemand wagte es, seinen Namen in ihrer Nähe auszusprechen, von ihm zu erzählen oder nach ihm zu fragen. Und doch gehörte des Pfarrers Sohn mit zu denen, welchen die Ehre des Tagesgesprächs in Eilersrode zuteil ward.

Wilhelm hatte, seit er wieder zur Universität zurückgekehrt war, seinen Eltern nur höchst selten und immer nur flüchtig und oberflächlich geschrieben. Der Schulmeister wußte dies vom Pfarrer selbst, der ihm vertraut hatte, daß er wegen der Zukunft seines Sohnes ernstlich anfange, besorgt zu werden.

»Es ist eine Verwandlung mit ihm vorgegangen« – hatte der Pastor gesagt –, »er scheint kein Gefallen an seinen Studien mehr zu finden und in böse Gesellschaft geraten zu sein; anders kann ich mir seine kurzen und verworrenen Briefe nicht erklären.«

Dem Rat, welchen der Dorfschulmeister seinem Vorgesetzten gegeben, sich nämlich bei einem Lehrer an der Universität nach der Aufführung und dem Treiben seines Sohnes zu erkundigen, hatte der Pfarrer Beifall gezollt und sich auch vorgenommen zu befolgen. Wirklich setzte sich der Pastor nieder, um ein Schreiben an den Universitätsrektor, der ein alter Bekannter von ihm war, abzufassen. Er wiederholte seinem Freunde die früher schon einmal ausgesprochene Bitte, sich seines Sohnes väterlich annehmen zu wollen und ersuchte ihn, ihm über die Aufführung des jungen Mannes baldmöglichst ausführliche Nachricht zu geben. Vierzehn Tage nach Absendung dieses Schreibens lief die Antwort auf dasselbe ein. Sie erregte eine große Betrübnis und den väterlichen Zorn des Pastors. Der Rektor schrieb, daß Wilhelm sich allerdings sehr geändert habe, daß er, statt wie früher zu der Zierde der Universität gehörend, jetzt einer der ersten Raufbolde und losen Vögel der hohen Schule sei. Der Rektor hatte des Pfarrers Sohn zu sich kommen lassen und ihn ernstlich zur Rede gestellt, sein Gemüt zu rühren und ihn zur Umkehr zu bewegen gesucht; allein, er hatte tauben Ohren gepredigt. Es lasse sich – schrieb der Freund des Pastors – von dem Unglücklichen nichts weiter sagen, als daß er der beste Sänger, der gewandteste Schläger und der größeste Schwärmer der Universität und ein gefährliches Muster von glänzenden Untugenden für die ganze Jugend sei. Er besuche kein Kollegium mehr, sondern treibe sich auf den Fechtböden, in den Kneipen der Stadt und in der ganzen Umgegend zu Roß, zu Fuß und zu Wagen umher. Des Stipendiums, dessen er sich jetzt noch erfreue, werde er sich ohne Zweifel verlustig machen, da er es nur zu törichten, eiteln und verwerflichen Dingen vergeude. Der Rektor gab dem Vater den Rat, seinem Sohne einen Drohbrief zu schreiben, machte aber den niederbeugenden Zusatz, er glaube nicht, daß väterliche Ermahnungen auf das Herz des verlornen Jünglings noch Einfluß ausüben würden.

Der arme Pastor weinte vor Kummer bittere Tränen über diese Nachrichten und war unvorsichtig genug, sich in seinem Schmerz dem Schulmeister mitzuteilen.

»Der Herr Pastor sehen, daß ich recht gehabt, wenn ich Sie auf den Gedanken brachte, an den Rektor zu schreiben« – sagte der Schulmeister mit einer zutraulich weisen Miene –, »übrigens mag wohl der Herr Rektor ein wenig mit allzu schwarzen Farben gemalt zu haben. Jugend hat keine Tugend; das ist ein alter wahrer Satz, und die akademischen Jahre sind auch doch nicht dazu da, um, wie in einem Kloster, sich hinter Gebeten und Büchern lebendig zu begraben.«

Der Pastor fühlte sich wirklich bei diesen Worten etwas erleichtert und dankte dem Schulmeister für seine Teilnahme, die dieser seine Schuldigkeit nannte. Nachdem er des Pfarrers Familienkummer ergründet hatte, begab er sich zum Amtmann und erzählte demselben, was er in Erfahrung gebracht. Die Kunde, welche der Amtmann auf diese Weise über den Sohn seines Feindes erhielt, verursachte ihm große Freude; er ließ dem Erzähler ein Glas Wein vorsetzen und ihm sogar eine tönerne Pfeife reichen; beide plauderten bis tief in den Abend hinein über den verdienten Lohn, welcher dem Pfarrer von seinem eigenen Kinde gezahlt würde.

»Und so ein Lump wagt es, sein Auge zu des Herrn Amtmanns eigener Tochter zu erheben!« rief der Schulmeister, als ihm der Amtmann, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, mitteilte, daß Wilhelm um die Hand Aurorens angehalten habe.

»Er soll daran denken« – sprach der Dorfrichter und rieb sich boshaft lächelnd die Hände. – »Ich werde dem gnädigen Herrn sogleich Nachricht von dem geben, was ich erfahren. Der Herr von Eilersrode soll endlich einmal einsehen, welcher unwürdigen Familie er seine Wohltaten zuteil werden läßt.«

Der Schulmeister dachte wenig an den Gram, den er seinem Vorgesetzten bereitete, indem er dem Feinde desselben eine neue Waffe in die Hand gab, sondern freute sich über den Fortschritt, den er in der Gunst des Amtmanns getan zu haben glaubte. »Des Pfarrers Sohn würde ohnehin seinem Rächer nicht entgehn«, dachte er, »wer weiß, welchen Dienst ich ihm erzeige, indem ich dazu beitrage, daß er bald aus seinem schlimmen Lebenswandel herausgerissen wird!« Furcht vor einer Entdeckung seiner bösen Zwitternatur kannte der Schulmeister nicht. Er war nach wie vor der Vertraute beider Parteien und wußte, daß keine ihn je bloßstellen werde, weil jede in dem Wahn stand, der Verräter handle in ihrem Interesse. Beide wurden von ihm hinters Licht geführt. So macht sich im Leben gewöhnlich der Unredliche und Schlechte die Torheiten und Fehler der besseren zunutze und hilft fremdes Wasser trüben, damit er im Trüben fischen kann. Der Redliche und Gute genießt nur dann die Früchte seiner Tugend, wenn er ganz ist, was er zu sein strebt.

Der Amtmann schrieb einen langen Brief an den Herrn von Eilersrode, dessen Ankunft sich von Monat zu Monat verzögerte. Er schilderte des Pfarrers Sohn als einen Taugenichts der darauf ausgegangen sei, sich bei seiner Familie einzuschwärzen, und der seine Tochter ins Verderben geführt haben würde, wenn nicht das scharfe Auge des Vaters sie noch zur rechten Stunde dem Untergange entrissen hätte. Er würde – schrieb der Amtmann – sich keine Klage über den jungen Mann erlaubt haben, wenn dessen Aufführung bloß für ihn und seine Familie von nachteiligen Folgen geblieben wäre; da aber der Herr Studiosus sich durch seinen Leichtsinn und seine Ausschweifungen auch an dem gnädigen Herrn vergehe, indem er das Stipendium, durch das er sich zum guten und geschickten Staatsbürger heranbilden solle, verprasse und der weisen Ermahnungen spotte, welche, wie er erfahren, der Rektor der Universität ihm väterlich habe angedeihen lassen – so sähe er sich endlich genötigt, das Interesse des gnädigen Herrn auch in dieser Angelegenheit wahrzunehmen und dafür zu sorgen, daß kein Unwürdiger der Gnade des Herrn von Eilersrode teilhaftig werde oder bleibe. Diesen Brief schickte er am nächsten Tage ab. Das Schreiben des Amtmanns brachte bei dem Empfänger die erwartete Wirkung hervor. Da der Termin zur Auszahlung des Stipendiums gerade vor der Tür war, gab Herr von Eilersrode Befehl, ihm zuvor die nötigen Zeugnisse des Stipendiaten vorzulegen. Dies geschah in kurzer Zeit; die Zeugnisse waren der Art, daß sie des Amtmanns Aussagen nur bestätigten, indem sie für des Pfarrers Sohn sehr ungünstig ausfielen. Herr von Eilersrode ergriff nun selbst die Feder und schrieb einen eigenhändigen Brief an den Pastor, in welchem er ihm ankündigte, daß er seinem Sohne das Stipendium nehmen und es einem andern geben werde, wenn die Zeugnisse, welche ihm im nächsten Semester wieder vorgelegt werden sollten, nicht zu seiner vollständigen Befriedigung ausfallen würden. Er schickte dabei das Geld und warnte den Pastor, gegen seinen Sohn auf seiner Hut zu sein.

Als dieses Schreiben im Pfarrhause eintraf, wurde der elterliche Zorn der Empfänger abermals in seiner ganzen Heftigkeit rege. Der Pastor und die Pastorin schrieben beide ihrem Sohne ein paar bogenlange Briefe voller Vorwürfe und Bitten. Der Vater stellte ihm vor, wie unverantwortlich er gegen seine eigene Familie handle, wie stark er sich an Gott versündige, der ihm bis jetzt so sichtbar seinen Segen verliehen habe; er bat ihn, zu bedenken, daß es sich jetzt um sein ganzes Lebensglück und um die frohe Aussicht seiner Eltern auf ein friedliches, schönes Alter handle und drohte ihm endlich, im Fall er nicht in sich gehen, zu seinen vernachlässigten Studien zurückkehren und sein Leben zum Guten ändern werde, ihn zu enterben. Der Mutter Brief war vor lauter darauf gefallenen Tränen kaum lesbar. Beide Schreiben, nebst einer Abschrift des Briefes von der Hand des Herrn von Eilersrode, gingen zusammen mit der nächsten Post an ihren Bestimmungsort ab. Bald darauf erhielt der Pastor eine Antwort von seinem Sohne, die ihn vollends zu Boden schlug. Wilhelm meldete ihm den Empfang des Geldes und erklärte, daß es das letzte wäre, was er von dem Herrn von Eilersrode annehmen würde. Er habe keine Lust zur Theologie und sähe ein, daß seine Eltern einen großen Mißgriff begangen, indem sie in ihm Beruf zum geistlichen Stande wahrzunehmen sich eingebildet hätten. Der jüngste Aufenthalt in Eilersrode habe ihm die Augen geöffnet; nie werde er die Kanzel betreten, weder in seiner Heimat noch sonst irgendwo. Er wolle frei sein und sich von den griesgrämlichen Ansichten anderer Leute nicht unterjochen lassen. »Was Ihre Drohung, mich enterben zu wollen, anbetrifft« – schloß der Schreiber –, »so ist sie längst in Erfüllung gegangen. Ich bin enterbt, lieber Vater, mir ist mehr genommen worden, als Sie je zu verleihen hatten. Ich bin enterbt; eine ganze Welt ist mir entrissen, ein ganzes Himmelreich, ein ganzes Paradies. Wollen Sie mir dazu noch Ihren Fluch geben, den ich nicht verdient habe? – Ich werde ihn ertragen müssen, wenn er mich auch noch unglücklicher machen würde, als ich ohnehin schon bin. Ich gehe mit einem kargen Pflichtteil in die Welt und will damit Wucher treiben; nach Eilersrode kann ich nicht wieder zurückkehren; es sei denn, daß ich den Beweis mitbringen könnte, daß ich eine andere Heimat zu haben verdiente als die, innerhalb welcher ich gebannt zu werden Gefahr lief. Trösten Sie meine Mutter und sich selbst: Ihr Sohn ist kein Verlorner, kein Missetäter. Sein Weg ist bloß ein anderer als der, welcher ihm vorgeschrieben wurde.«

Der Schluß dieses Briefes entwaffnete den Zorn des Vaters; es lag etwas Wehmütiges und Kräftiges zugleich in den Worten, etwas menschlich Edles, für das des Priesters Herz nicht unempfänglich war. Er glaubte, in der Seele seines Sohnes gelesen zu haben; zwischen diesen Zeilen klang etwas anderes hervor als der Mißton gemeiner Schmerzen. – Die Pastorin wollte sich durch die Trostgründe ihres Mannes nicht beruhigen lassen; sie weinte und gebärdete sich über die Maßen betrübt und unglücklich.

»Alles kommt am Ende doch von dem Zerwürfnis mit dem Amtmann« – sagte Wilhelms Mutter schluchzend. – »Des Amtmanns Tochter hat dem armen Jungen den Kopf verrückt, das ist gewiß; wer weiß, ob er sich nicht gar noch Leids antut.«

»Das wird er nicht« – sprach der Pastor mit der Miene der Zuversicht; »dazu ist unser Sohn zu kräftig und lebensfroh. Nein, ich hoffe, er wird dennoch nicht für uns und nicht für die Menschheit verlorengehn. Wir wollen uns in Geduld in das fügen, was wir nicht verschuldet haben und nicht abändern können.«

Als der Schulmeister kam und der Pastor ihn den Inhalt des Briefes von seinem Sohne, dem Hauptinhalte nach, mitteilte, schüttelte der weise Mann bedenklich den Kopf und sperrte verwundert den Mund auf. Ein solcher Trotz war ihm noch nicht vorgekommen, so ein freiwilliges Opfern des eigenen Vorteils konnte er nicht begreifen. Die Erklärung Wilhelms, auf das Stipendium Verzicht leisten zu wollen, schmälerte um vieles die geheime Schadenfreude des Mannes. Alle gemeinen Seelen haben Momente im Leben, in welchen sie ein geheimer, nagender Schmerz beschleicht, wenn sie die Menschen, deren Schaden ihnen Freude macht, besser und edler finden als sie sich dachten. Ihre Scham vor der eigenen inneren Häßlichkeit dauert aber selten lange, denn die Gebrechlichkeit der unvollkommenen Welt gibt ihren neidischen Blicken bald neue, andere Blößen, an denen sie sich weiden können.

Der Dorfschulmeister hatte nichts Eiligeres zu tun als mit der neuen Botschaft aufs Amt zu gehen und sie dem Amtmann zu überbringen, der darüber lachte und sprach: »Lieber wäre mir's freilich gewesen, wenn dem jungen Taugenichts das Stipendium würde genommen worden sein, nun wird er sich noch damit großtun, daß er des gnädigen Herrn nicht bedarf, um seinen Weg in der Welt zu machen.«

»Er wird bald am Ziele sein« – sagte der Schulmeister –, »am Ziel aller leichtsinnigen jungen Leute, die heutzutage der Alten nicht mehr zu bedürfen wähnen. Ob er aber die Wohltat des gnädigen Herrn von sich ablehnt oder ob sie ihm entzogen wird, das ändert an der Sache selbst doch im Grunde nichts.«

Der Amtmann gab dem Schulmeister recht und nahm sich vor, seine Tochter bei der ersten besten Gelegenheit wissen zu lassen, wie unverantwortlich des Pfarrers Sohn gehandelt und wieviel Ursache sie selbst habe, ihn sich aus dem Sinne zu schlagen. Er wählte dazu einen ruhigen Winterabend, an welchem er mit seiner Gattin und Auroren allein war, und begann mit der ersteren vom Prediger und dessen Verhältnissen zu sprechen. Aurora hörte still zu und blickte starr auf den geöffneten Ofen, aus welchem eine warme Helle ins Zimmer strömte. Als der Name Wilhelm ihr Ohr traf, war's, als hätte sie plötzlich eine unsichtbare Hand berührt. Sie zitterte bei diesem Namen; das Herz pochte ihr lauter, und ihre Brust atmete tiefer. Kein Wort ging ihr von dem verloren, was der Vater erzählte. Er teilte seiner Gattin mit, daß des Pfarrers Sohn die Liebe seiner Lehrer verscherzt, daß er des Herrn von Eilersrode Stipendium schnöde zurückgewiesen hätte; daß seine Eltern über eine solche Aufführung ihres Sohnes in Verzweiflung geraten wären; daß der leichtsinnige junge Mann ohne Stütze in die Welt wandern und nie nach Eilersrode zurückkehren zu wollen erklärt habe.

»Ich weiß nicht« – sagte der Amtmann – »wen ich mehr bedauern soll, die Eltern, die einen solchen Sohn haben, oder den Herrn, der solche Eltern besitzt. Jedenfalls kann es niemand wundernehmen, daß die Verhältnisse der Pastorenfamilie den Krebsgang gehen. Die Leutchen haben es nicht anders haben wollen.«

Der Amtmann hatte sich über Wilhelm schonender ausgesprochen als man hätte erwarten sollen; er wollte aber nicht des Pfarrers Sohn, sondern seine eigene Tochter schonen, deren Schwermut er allmählich zu verscheuchen dachte. Seine Mitteilungen machten indes einen ganz andern Eindruck auf das Mädchen als er voraussetzte. Nach langer Zeit hörte Aurora den Namen ihres Geliebten zum ersten Mal wieder laut nennen. Der bloße Name war für sie eine ganze Geschichte; was sich aber um diesen Namen legte, das konnte sie immer nur mit dem verklärenden Auge der Liebe ansehen. Sie war auf viel Schlimmeres gefaßt gewesen: auf die Kunde von seinem Tode; auf das Schlimmste: auf den Verlust seiner Liebe. Von alledem war nicht die Rede; was ihrem Geliebten zum Vorwurf gemacht wurde, das rechnete sie ihm zur Ehre an; in dem Kummer seiner Eltern, in seinem Leichtsinn, seinem Entschluß, in die große Welt zu eilen, erkannte sie nur ein und denselben Grund, und über diesen jubelten tausend Stimmen in ihr Triumph. Als der Vater ausgesprochen hatte, stand sie auf und schloß ihn in ihre Arme, nicht, wie er wähnte, weil sie ihn verstanden und als eine willige Tochter ihm zu folgen beschlossen hatte, sondern weil sie ihm im Innern lebhaft dankte für die Kunde von dem Freunde ihrer Seele. Keine größere Stärkung hätte ihr geboten werden können als die, welche ihr in so entgegengesetzter Absicht an diesem Abend zuteil ward; keine süßere Nahrung hätte ihr Herz finden können als diese kalten, harschen Worte über ihren Freund. »Er liebt dich noch, er liebt dich noch«, lispelte sie, die Hand auf das pochende Herz legend, nachdem sie sich in ihr Stübchen zurückgezogen hatte. »Er hat dich nicht vergessen.« Vor Freude weinte sie sich satt, vor Freude schloß sie die ganze Nacht kaum ein Auge. Sie ging die ganze kleine, inhaltschwere Geschichte ihrer Liebe wieder und wieder durch, lebte all die süßen Stunden der Vergangenheit mit ihrem Geliebten noch einmal durch, die Wonnetage, die sie ihm verdankte.

Ein Trost leuchtete durch die Nacht, welche den Himmel ihrer Liebe plötzlich überwölkt hatte: Wilhelm war im Besitz ihrer Briefe geblieben; er hatte der Aufforderung, sie zurückzusenden, nicht Folge geleistet, hatte die Pfänder ihrer Treue vor Augen. Daß er sich von ihnen nicht getrennt, war ihr immer ein lieber Gedanke gewesen; nun wußte sie gewiß, warum er es nicht getan. Sie dachte sich, wie er, in die Welt gehend, wenn nicht die Blätter selbst, die er von ihr in Händen, doch gewiß die Locke mitnehmen würde, die sie ihm einst in einem Briefe geschickt hatte; wie er sie nicht vergessen, nicht an seiner Aurora zweifeln könnte, solange ihn noch ein Zeichen ihrer innigen Liebe an ihn erinnerte. Wohl fürchtete sie diese weite Welt auch, in der sie ihren Freund so gern anders als bloß in Gedanken begleitet hätte, aber sie vertraute seinem Geiste, seiner Kraft, seiner Liebe. Sie traute ihm ganz andere Taten zu als die, deren seine Eltern und seine Feinde und Freunde ihn für fähig hielten; sie hatte den schönen Glauben an das Göttliche in der Brust ihres Geliebten; sie wußte, daß er nicht verlorengehen könnte; sie schwelgte in dem Gedanken, daß er für sie selbst nicht verloren sei. – Nun ging Aurora auch wieder in den Garten, nun fürchtete sie sich nicht, die Laube zu betreten. Der Winter hatte seinen Einzug in sie gehalten; Schnee lag auf der Bank, auf der sie mit Wilhelm gesessen; ein frostiger Wind wehte kalt durch die offne, blätterlose Decke, unter deren duftenden Blütenzweigen sie mit ihm dem Schlage der Nachtigallen gelauscht hatte. In dieser Eiswelt aber schlug ihr Herz wieder warm.

»Es wird wieder Frühling werden«, schien ihr gen Himmel erhobenes Auge zu sagen.

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