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Der Aufruhr um den Junker Ernst

Jakob Wassermann: Der Aufruhr um den Junker Ernst - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Aufruhr um den Junker Ernst
authorJakob Wassermann
year1995
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-12080-0
titleDer Aufruhr um den Junker Ernst
pages3-165
created20030509
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1926
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VII

Wie die Erdrinde und jede Frucht ihre verschiedenen Schichtungen hat, von denen die einzelne immer einen vergangenen Zustand bezeugt und einen künftigen erwarten läßt, so hat auch, gemäß der Idee, welche die Natur bei allen ihren Gestaltungen verfolgt, die Menschenseele ihre zahlreichen abgetrennten, doch aufeinander bezüglichen Lagerungen, besonders was ihr geheimes Werden und dem Wissen entzogenes Leben betrifft. Bei vielen liegt dieses Traumwirken dicht unter der Oberfläche und zerrinnt beim ersten Anprall des Tages und der Welt; bei andern wieder treibt es seine Wurzeln in größere Tiefen, so daß die Gegenwartsmächte sich härter mühen müssen, es herauszuheben; jedem ist da sein eigenes Gesetz eingepflanzt worden; bei einigen Seltenen hat es sich in solche Abgründe gewühlt, daß alle anstürmenden Kräfte nichts dawider vermögen, und ein solcher Mensch ist nur leiblich als ein Ganzes geboren, sein Sinn und Geist wohnt außerhalb der Welt, oberhalb oder unterhalb ihrer, und das war wohl auch die Ursache, daß der Junker Ernst bis in sein sechstes Jahr beinahe ohne Sprache blieb. Nach dem Tod des Vaters und der Trennung von der Mutter konnte er sich nur über das Notdürftigste verständigen, und was nicht Mienenspiel und Auge war, blieb stumm. Die Veränderung seines Lebensschauplatzes, aus dem lärmenden Gassengewirr der Kaiserstadt in die fränkische Einsamkeit, schien kaum sein Inneres zu berühren, ließ ihn nicht einmal aufmerken, und damals hatte der Magister Onno Molitor sich häufig der Befürchtung zu erwehren, ob er in seinem Zögling nicht ein von Geburt schwachsinniges Geschöpf vor sich habe. Beim Unterricht blickte der Knabe unsehend vor sich hin, lächelte, wo nichts zu lächeln war, staunte, wo nichts zu staunen war, und mit acht Jahren redete er noch von sich selber in der dritten Person und mit erfundenen, vielleicht auch aufgeschnappten Namen, zum Beispiel der Heimerlein, der Schattenzart oder das Kniehupferlein. Wenn er in einem Winkel kauerte und in sich hineingrübelte und dann wie aufwachend zusammenhanglose Sätze murmelte, schien es oft, als seien aus der frühen Kinderzeit Begriffe in seinem Hirn und Dinge in seinem Aug verblieben, Farbiges und Prunkvolles, Gärten, Paläste, nächtliche Fackelzüge, straßenfüllende Kavalkaden, schöngeputzte Frauen, das feierliche Innere einer Kirche, ein lichterstrahlender Saal, daneben auch Düsteres und Schreckliches, und als ob er um diese Bilder tief unten im Bodenlosen ringe, mit gestammelten Wörtern ohnmächtig hinter ihnen her taumle.

Hiezu kam, daß in jenen frühen Jahren, wo seine Verlassenheit das Herz der tauben Lenette rührte, ihn die nicht selten am Abend auf den Schoß nahm, vor dem Herd, in dem die Holzscheite brannten, während an den verrußten Mauern und über das Tonnengewölbe der Decke unruhige Schattenfetzen zuckten, und ihm Geschichten erzählte, schnurrige, gruselige, abenteuerliche Geschichten von fluchbeladenen Prinzen und verzauberten Prinzessinnen, Höhlengeistern und weißen Frauen, Hünenbergen und Judensteinen, von Fridigern und von der Bamberger Wage, von den Semmelschuhn und vom Buttermilchturm. Alles dies hatte er damals nicht auffassen können, so hatte es wenigstens geschienen, wie ein verbogener Klotz hockte er auf den Knien der Lenette, stocherte töricht mit einem Spreißel zwischen den Herdziegeln, und das Erzählte war nicht mehr, als bliese man über seine Augenlider hin. Doch täuschte der Anschein, das bunt- und dunkelphantastische Wesen traf ihn, die Tiefe unten saugte es ein, um es aufzubewahren, und wenn er seine eigentümlichen Spiele trieb, kam es hervor wie im Februar grüne Halmspitzen aus dem Boden. Allem verlieh er Leben, den Äpfeln in der Apfelkammer, dem silbernen Reif an seinem Finger, den Seifenblasen am Strohhalm, der träufenden Dachrinne, dem Spinnrad und dem Schöpflöffel; mit allen Dingen redete er und erst recht mit den Tieren, mit Kuh und Katze, Storch und Schwalbe, denen er Zeichen gab, die sie erwiderten und für die er Sprüche wußte und mancherlei Beschwörungen. In jeder Beschäftigung verharrte er stundenlang und mußte immer von außen weggezogen werden, so daß der Magister kein Ende fand mit Mahnungen und Strafen und die Lenette mit Fürbitten und Wehklagen. Voll Eifer scharrte er Eicheln und trockene Beeren zusammen und trug sie in sein Bett, um sie abends vor dem Einschlafen, wenn die Decke über seinen gespreizten Knien ein ungeheures Gebirge bildete, Schluchten und Täler, mit geschäftigen Fingern, von denen jeder ein im Schnee verirrter Wandersmann war, in entlegene Felsgegenden zu verbringen, indes der Hauch aus seinem Mund Orkan war und das Ausstrecken der Beine Wirkung göttlichen Zorns, der den Berg in ein Blachfeld verwandelte. Spät kam der Schlaf nach solchen Ergötzungen. Er hatte innen zu viel zu tun, zu schauen, zu ordnen. Wenn im November der Sturm das Gebälk zittern machte und im Januar die Wölfe draußen bellten, wenn im Mai der gelbglühende Mondteller von einem Fensterrand zum andern rollte und im zitternden Licht die Fäden auf dem Bettüberzug sich wie zahllose winzige Füßchen bewegten, die davonlaufen wollen und nicht können, da mußte er lauschen und spinnen und spielen und an die Sterne denken und auf die Erdgeister warten. Alles verwandelte sich, wenn ers nur nannte, alles vergrößerte sich auf dem Weg vom Hören zum Wiederhören ins Unermeßliche, alles war anders, wenn ers ergriff, als wenn ers sah. Der Regentümpel im Hof wurde zum grenzenlosen Gewässer, die Vorstellung davon überwältigte ihn bis zum Schaudern, und alsbald war das Gewässer ein handelndes Wesen mit Gesicht und Stimme. Er hatte kaum vom ersten Menschen gehört, da kroch er in den dumpfen Bretterstall zu den Kühen und war der Adam im Paradies, der mit Löwe, Schlange, Reh und Auerstier in seligem Verständnis hauste. Der Amboß klirrte von den Schlägen Wallorks, er lief zur Lenette und berichtete ihr mit hochgeründeten Brauen, den Mund an ihrem Ohr, der Meister Grimmerlein stehe draußen und brülle um seinen Blutzins. Wer war der Meister Grimmerlein? Ein Meister von Junker Ernsts Gnaden. Und was war der Blutzins? Niemand wußte es, auch er selber nicht. Lenette lachte ihm ins Gesicht. Sie gewöhnte sich bald daran, ihn seiner lügenhaften Erfindungen wegen zu verlachen; er brauchte sie bloß anzureden, so grinste sie schon, und sobald er den Mund aufmachte, sagte sie trocken: »Das glaub ich nicht.« Das reizte ihn auf, und er überbot sich in schreckhaften und wunderlichen Einfällen, in blühenden Übertreibungen und Ausdenken von Erlebnissen, die er gehabt haben wollte. Bald hatte er solche Geschicklichkeit darin, daß es ihm immer öfter gelang, die gute Lenette anzuführen; mit heimlichem Entzücken spürte er, wie sie zweifelte, seinen Worten allmählich unterlag und von Furcht erfüllt oder von Erwartung gepackt wurde, während sie ihm gleichzeitig ihr trotziges: »Das glaub ich nicht« zurief. Als er einmal so weit war, versuchte er es beim Verwalter Wallork, bei den Schafhirten, den Kärrnern und den Jägern und schließlich wagte er sich auch an den Magister Molitor. Er wagte es, weil er im Ausdruck nach und nach eine Rundheit und Flüssigkeit erworben hatte, die ihn selbst berauschte, wie einen Schwimmer die eigene Gelenkigkeit kühner und ausdauernder machen kann; jeden Tag wußte er neue Worte und Bezeichnungen, Eigenschaften, Farben, Zustände, Vorgänge. Die Worte stürzten über ihn her, daß ihm zumute war, als stehe er in einem Wasserfall, der ihm den Atem verschlug. Sämtliche Dinge zwischen Himmel und Erde begriffen sie in sich; man konnte sie durcheinanderwerfen wie Spielsteine; jedes bedeutete was, hinter jedem türmte sich Geschehnis auf, unendlich war Verbindung und Verknüpfung, vielfältig machte einen das leiden und freuen. Zu einer gewissen Zeit begann er, die Bücher und Folianten des Magisters in dessen Abwesenheit durchzublättern; es kam ihn die Lust am Lesen an; in unverständlichen Abhandlungen und philosophischen Traktaten sogar fand er das Schillernde, Regenbogenhafte, Bewegte, aus dem sein Geist Nahrung sog; die bloßen Zeichen genügten oft schon, die Formel; er lockerte sie auf, nahm, was er suchte und was er fand (auch wenn es nicht drin war), heraus und warf die Hülsen weg. Waren es aber Stiche und Bildnisse, ein Ritter, ein geflügelter Drache, ein Engel auf einer Wolke, Pharao, wie er den Joseph ehrt, da wurde ihm heiß und kalt, er war gleich selber Ritter oder Drache, selber der edle Joseph, in atemlosem Glück der ruhevolle Engel. Dann saß er bei Wallork und log dem staunend Aufhorchenden vor, oben im Saal sei ein Mensch in goldener Rüstung auf ihn zugeschritten, habe sich Fürst des Morgenlandes geheißen und ihm befohlen, sieben Jahre und sieben Tage gegen Osten zu wandern, am Ende dieser Zeit werde er was Großes erfahren. Den Schäfern und Jägern erzählte er, ein graubärtiger Alter sei im Verlies der Rottensteiner Burg eingekerkert, man höre ihn zur Mitternacht rufen und stöhnen, und einmal habe er ihm anvertraut, er wisse einen vergrabenen Schatz, aber wenn der Bischof davon Kunde erhalte, werde er ihn erwürgen lassen. Wenn die Leute ungläubig den Kopf schüttelten oder ratlos dreinschauten, schilderte er Gesicht, Haltung und Sprache des Gefangenen so ausführlich und genau, schmiegte sich so listig in die Einbildungskraft der Zuhörer, daß die arglosen Menschen stutzig wurden und das böse Gerücht im Land herumtrugen, obschon sich nachher das Spukgebilde als zu schemenhaft selbst für das wahnvolle Volk erwies. Dem Magister Molitor ging er dann, durch Probe und Übung gestärkt, schon wesentlicher zuleibe. Er entwendete ihm eines Tages ein altes Pergament mit schön gemalten Initialen, ein seltenes Exemplar, das für Herrn Onno großen Wert besaß; ein Augustiner hatte es ihm für geringes Geld überlassen. Diesen Umstand kannte der Junker. Mit erstaunlicher Wahrheitsmiene erzählte er dem Magister, als dieser von einem Besuch beim Propst Lieblein in Würzburg zurückkehrte, der Mönch sei dagewesen, habe ihn mit drohenden Gebärden angefahren und von ihm gefordert, daß er ihm augenblicks das Pergamentum herausgebe, er habe es wohl an den Magister verkauft, habe aber nicht gewußt, daß derjenige, der es besitze, zu jeder Zeit, bei Tag wie bei Nacht, unverwehrten Einlaß bei allen Königen der Erde wie auch beim heiligen Vater in Rom habe, daß er ferner in voller Leibes- und Lebenssicherheit durch alle Länder reisen könne, in denen Krieg oder Pest wüte. Zuerst habe er, Ernst, behauptet, er wisse nichts davon, weil sich aber der Mönch gar verzweifelt aufgeführt und ihm mit endlosen Bitten und heftigen Reden zugesetzt, habe er sich verschnappt und ihm dann den Platz gewiesen, wo die wundertätige Rolle lag; der Mönch habe sie genommen und sei verschwunden. Magister Onno lauschte dem merkwürdigen Bericht mit finsterer Ungeduld, eine braune Zornader schwoll auf seiner Schläfe, er nahm den Junker scharf ins Verhör, wieder und wieder, trat des Nachts an sein Lager, riß ihn aus dem Schlaf, um ihn mit Fragen zu überfallen, hielt ihm vor, daß niemand im Schlosse zu der angegebenen Stunde den Mönch erblickt hätte, wies ihn auf die Ungereimtheit seiner Angaben hin, bedrängte ihn mit Erbitterung und mit Milde, schlug ihn am Ende sogar mit der eisernen Rute: es war umsonst, der Junker setzte allem eine Miene entgegen, als begriffe er den Zweifel nicht, brachte täglich neue, überzeugendere Umstände vor, und nicht nur das, spann auch mit einer Unverfrorenheit, die nur von seiner beständig wachsenden, seltsam anmutigen Beredsamkeit übertroffen wurde, den Faden weiter, stürzte eines Morgens erregt und blaß in die Stube des Magisters, verkündend, der Mönch sei ihm begegnet, habe ihn mit geflüsterten Worten in den Wald gelockt und ihm einen Schwur abverlangt, daß er ihn nicht verraten wolle, dann sei er erbötig, das Pergament wieder zur Stelle zu schaffen, doch müsse auch der Magister am dritten Tage von heute an beim Aufgang des Mondes unter der großen Pappel beim Wegeinnehmerhaus einen Eid schwören, daß er den Dieb fernerhin weder verfolgen noch bezichtigen werde; betrete er hierauf seine Kammer wieder, so werde er die Zauberrolle auf dem alten Platz finden.

Der Magister weigerte sich ergrimmt, den Hokuspokus zu verüben, denn er war ein weit über seine Zeit aufgeklärter Mann, richtiger Philosoph und Anhänger des Aristoteles, doch der Junker wußte ihm so stürmisch, so schmeichlerisch zuzureden, daß er, nur um zu sehen, was daraus entstünde, zu tun versprach, was von ihm begehrt wurde, nicht ohne stillen Vorsatz, das unerforschliche Treiben des Junkers aufzudecken, und nicht ohne sich selber zu grollen, weil er von der Art und Rede des Zwölfjährigen bezwungen und umgarnt war wie noch von keinem Menschen zuvor. Als nun die Stunde kam, wo das Gelöbnis abgelegt werden sollte, war es mit dem feierlich angesagten Mondaufgang nichts, wohl aber herrschte ein heftiges Gewitter, der Regen schüttete in wahren Bächen herunter. Der Magister tat, als schrecke ihn das nicht im geringsten, Ernst hingegen, auf dessen Gemüt Blitz und Donner stets gewaltigen Eindruck machten, hatte etwas Zauderndes in seinem Wesen und schien in Gedanken verloren. Als sie nun beide unterm Haustor standen und in das tobende Unwetter hinausschauten, fuhr ein Blitz nieder, der den Schloßhof, den Brunnen, die Mauer und weit drüben ein Stück Forst in schwefelgelbes Licht tauchte. Der Junker prallte zurück. Da legte ihm der Magister die Hand auf die Schulter und sagte: »Vorm Angesicht des Elements, Junker, wollt Ihr nun als Wahrheit aufrechterhalten, was Ihr mir angegeben habt? Sprecht und seid redlich mit mir.« Der Knabe blickte mit verträumtem Trotz zu Boden; plötzlich, bei einem abermaligen Blitz, erhob er seine Augen, die wie zwei schwarze Juwelen funkelten, und erwiderte: »Ich hätt es Euch ohnehin bekannt, wenn die Geschichte zu Ende war. Eine Geschichte muß aber doch ein Ende haben.« Es war nicht Schuldbewußtsein, es war Anruf und Sichbehaupten in seiner Stimme. »Wie denn das?« stammelte Magister Onno. »Eine Geschichte? Nicht Lüge, nicht Hinterhältigkeit und boshafte Hintergehung, eine Geschichte?« Der Knabe erhob die Hände gegen ihn, und in den verrollenden Donner hinein rief er: »Ja, ich hab Euch eine Geschichte erzählt, nichts anderes.« Der Magister schwieg. »Und ists Euch nicht leid, daß sie kein Ende hat und doch schon aus ist?« fragte treuherzig der Junker.

Der Magister, von allen Geistern der Pädagogik verlassen, blickte den Junker sprachlos an. Als er in seine Stube kam, lag das Pergament wieder dort, wo es immer gewesen war.

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