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Der Aufruhr um den Junker Ernst

Jakob Wassermann: Der Aufruhr um den Junker Ernst - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Aufruhr um den Junker Ernst
authorJakob Wassermann
year1995
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-12080-0
titleDer Aufruhr um den Junker Ernst
pages3-165
created20030509
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1926
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VI

Mit achtzehn Jahren hatte sie geheiratet, ein Spätkind von alten Eltern, mit fünfunddreißig sah sie noch wie ein Mädchen aus. Doch was Jugend schien, war nur in den Formen geblieben, die Haut hatte was Starres und Regloses wie bei getrockneten Blüten, und die Gebärden erinnerten an Gewesenes. Sie redete nicht viel, immer über dieselben Dinge mit denselben Worten und einer seelenlosen Vogelstimme. An den Bischof hatte sie gar nicht gedacht, als sie nicht wußte, womit sie den Fuhrmann bezahlen sollte, der mit unverschämter Dringlichkeit sein Geld forderte. Er war schon in Kassel beim Beginn der Reise entlohnt worden, nicht von ihr selbst freilich, aber sie hätte es wissen sollen, hatte es nur vergessen. Mit dem letzten Geld, das sie gehabt, hatte sie den Jäger und die Kammerfrau bezahlt, die sie in Arnstein beide verabschiedet, weil sie sich geweigert hatten, mit ihr durch den verrufenen Spessart zu fahren, in dem noch dazu seit einiger Zeit allerlei verlaufenes Kriegsvolk schwärmte, versprengte Tillysche Reiter, wie es hieß. Gleich nach der Ankunft und nachdem man sie in das in aller Eile hergerichtete Zimmer geführt hatte, begab sie sich zu Bett und verlangte nach einem Arzt. Die taube Lenette wars, die sie auf den Bischof verwies, und unter ihrem Drängen schrieb die Freifrau an den bischöflichen Schwager. Sie mußte nicht schreien mit der Lenette wie fast alle andern Leute, sie nicht und der Junker Ernst nicht. Lenette schaute bloß auf ihre Lippen und wußte, was gefordert, was gesagt wurde. Sie kannten ja einander so lang, Lenette war schon auf dem heimatlichen Schloß zu Bourdonnay die Spielgefährtin Theodatas gewesen. Niemand konnte sagen, woher sie kam und wessen Eltern Kind sie war; ein Landsknecht hatte sie einst auf die Schwelle der Kirchentür gelegt, zwei goldene Portugaleser hingen, in ein Linnenstück genäht, am Hals des Säuglings, das war wohl über vierzig Jahre her. Doch Lenette wußte nicht, wie alt sie war, um den Kalender kümmerte sie sich nicht, und ihr Verhältnis zu Zeit und Zeitverlauf war ungefähr dasselbe wie bei der Freifrau. Acht Jahre hatte sie die Herrin nicht gesehen, acht Jahre nichts von ihr vernommen; als die Freifrau aus der Reisekutsche stieg, nickte ihr Lenette bloß zufrieden zu, nachdem sie sich versichert, daß es die Dame Theodata war und keine andere. Sie erlaubte sich nicht, eine Frage an die Herrin zu richten, obwohl sie fürs Leben gern gewußt hätte, was in all den Jahren mit ihr geschehen war.

Am ersten Tag verließ die Freifrau das Bett nicht und wollte niemand sehen als Lenette. Am Morgen des zweiten erhob sie sich, zog ein schönes dunkles Kleid aus schwerem Stoff an und hüllte sich in einen schweren Mantel mit silberner Stickerei. So ging sie lange auf und ab. Dann horchte sie, als ob sie der tiefen Einsamkeit gewahr würde, ergriff ein Hämmerchen und klopfte damit auf eine erzene Glocke, deren Ton dröhnend bis in die entferntesten Räume des Hauses drang. Nach einer Weile erschien Lenette, mißtrauisch blickend, zielloses Mißtrauen war eine Folge ihres Gebrechens, und fragte nach dem Begehr der Herrin. Die Freifrau klagte: »Mich friert, Lenette, was soll ich tun?« Das überraschte Lenette nicht, die Freifrau fror seit ihren Kinderjahren, im Winter und im Sommer, bei Tag und bei Nacht, im Bett und im Bad, am Kamin und im Sonnenschein. So war es am letzten Tag vor der langen Trennung gewesen, so wars noch heute, also hatte alles seine Richtigkeit und seinen Zusammenhang. Wenn sie sagte: mich friert, Lenette, dann wurde, wie damals, ihr kleines Gesicht noch kleiner, der Mund verzog sich weinerlich, die Fußspitzen kehrten sich rührend gegeneinander. Wie sollte aber Lenette dem Frieren abhelfen? Sie lachte gutmütig, zündete Feuer an trotz der Aprilwärme draußen, schleppte wollene Decken herbei und stopfte Stroh in die Fensterfugen.

Als der Bote ohne Geld von Würzburg zurückkam, wußte die Freifrau nicht, was beginnen, der Fuhrmann wurde unverschämt, er saß in der Gesindestube beim Verwalter Wallork und schimpfte über die verlorene Zeit, er sah wohl, was für ein Armeleuteschloß das war, was für eine Armeleutewirtschaft, das machte ihn frech. Schon faßte Theodata den törichten Plan, selber in die Residenz zu fahren und beim Bischof vorstellig zu werden, da kam Lenette mit strahlender Miene und hielt einen Geldbeutel im erhobenen Arm. Den hatte sie im Reisegepäck der Freifrau gefunden, in einer Schatulle, die Schatulle war in einer schmalen Mahagonikiste gewesen, mitten zwischen allerhand Kram, Wachsbossierungen, Bronzen, astrologischen Karten, einem Zahn von einem Meerfisch, Straußenfedern, zwei indianischen Schuhen, einer Korallenblüte, einem Perspektiv und ähnlichen Dingen, die Theodata in vielen Jahren gesammelt oder geschenkt bekommen hatte. Den Beutel samt dem Geld hatte sie vergessen, und als sie den Inhalt auf den Tisch schüttete und Lenette die Münzen ordnete und zählte, war es eine stattliche Barschaft, zwölf gemeine Dukaten, neun goldene Rosenobel, vierzehn Silbertaler und dreißig Gulden fränkische Währung. Damit war der Not vorläufig gesteuert.

Lenette wurde beim Anblick des Geldes, eines ihr unbekannten Überflusses, immer nachdenklicher und schien manches auf dem Herzen zu haben, womit sie auch nach und nach herausrückte. Sie stellte der Freifrau vor, da sie doch nun so reich sei, möge sie darangehen, sich der Schäden und Mißstände anzunehmen, um die sich niemand geschert und keiner scheren würde, bis nicht eines Tages das Schloß in Trümmer falle. Es war alles verhaust, alles brüchig, alles vermorscht. An Regentagen regnete es durch das Dach in die oberen Flure und Gemächer, und so oft Wallork die Ziegel und Schindeln ausbesserte, der nächste Sturm warf doppelt so viel herunter, denn die Sparren waren angefault, in den Balken haftete kein Nagel mehr. Das Tor ging nicht zu, die Schlote waren eingestürzt, die Türen schlotterten in den Angeln, zerbrochene Fenster waren mit Papier verleimt oder durch Bretter ersetzt, die Schwellen waren wurmstichig, die Dielen zertreten, die Öfen verstopft, in den Mauern saß der Schwamm. Im großen Saal tummelten sich Ratten und Mäuse in vergnügten Herden, im Keller stand das Wasser klafterhoch, der Stall war windschief, und am Ziehbrunnen waren die Randsteine abgebrochen. Sie meine ja nicht, daß das alles gleich in Angriff genommen werden solle, aber fürs Dach und die Schornsteine wenigstens solle man Handwerker aus der Stadt berufen, damit man nicht immer in der Angst schwebe, die ganze Natur wälze sich über einen, wenn man nächtens auf seinem Strohsack liege. Und dann der Saal; der Saal müsse gesäubert und instand gesetzt werden, wohin solle man den Herrn Bischof führen, wenn er wirklich am Walpurgistag zu Besuch kam, wie er durch den Boten habe vermelden lassen.

Die Freifrau wollte von nichts wissen. Sie hörte gar nicht recht zu. Sie ging auf und ab und summte klagend vor sich hin. So oft auch Lenette an diesem und am folgenden Tag wieder anfing, erst zuredend, dann fordernd, dann scheltend, und die Gebresten des Hauses wie solche ihres Körpers bejammerte, die Freifrau hörte nicht zu, ging auf und ab und summte klagend vor sich hin. Da sagte Lenette erbittert: »Und wenn Ihr das alles nicht mögt, Gnaden, so kauft wenigstens dem Junker ein neues Kleid. Seht doch an, was er am Leibe trägt, wie das zerschossen und geflickt ist, sehts Euch doch an.« Theodata hielt im Gehen inne und kehrte Lenette das erschrockene Kindergesicht zu. Sie schürzte ein wenig die Lippen, und hinter dem Schrecken dämmerte das Entsetzen von damals, von jener Nacht her, wo der Sechsjährige, aus einem Traum aufgerissen und vielleicht nur den Traum ins Wachen mit hinübernehmend, die Arme um den aufgedunsenen Hals seines unholdischen Vaters geschlungen. Das war wieder da, sobald sie ihn sah, wiederkehrende Wirklichkeit, gegen die sie blind verzweifelt stieß wie der Vogel an die Wände eines Glashauses. Und sie hatte ihn seit ihrer Ankunft nicht öfter als zweimal gesehen, am ersten Tag, als sie schon im Bett gelegen und der Magister Molitor hatte fragen lassen, ob ihr der Junker seine Aufwartung machen dürfe; da war er gekommen, hatte sich fein verbeugt, hatte höflich gesagt: Grüß Gott, Frau Mutter, hatte sie mit einem Blick angeschaut, als liege sie in einem Busch versteckt, nicht vor ihm im Bett, und war wieder gegangen. Dann gestern am Ziehbrunnen, als sie beim Fenster gestanden war; der Ziehbrunnen, eben der, von dem die Randsteine abgebrochen waren, lag gerade unterm Fenster, fünfundzwanzig Ellen, mehr warens nicht bis zur Öffnung mit dem geschmiedeten Bogen, woran der Eimer hing. Er trug das verschossene und geflickte Tuchröcklein und ein altes ledernes Barett auf den kohlschwarzen Haaren, die lockenlos über Ohren und Nacken flossen und sich erst am Ende gleichsam aus Gefälligkeit ein wenig ringelten. Er wußte nicht, daß sie hinunterschaute, und sie gewahrte nichts von seinem Gesicht, das der schwarzen Brunnentiefe zugeneigt war, und wenn er die geringste Bewegung machte, zuckte sie ängstlich zusammen. Es kann einer nicht ewig am Brunnen stehn, und als er genug hatte, ging er weg, durchs Tor durch und trotz der einbrechenden Dämmerung gegen Randersacker zu, das war einer von seinen vielen geheimnisvollen Gängen, oft kehrte er erst in der halben Nacht zurück, um an dem händeringend wartenden Magister arglos vorüberzuschlendern.

Auch jetzt zuckte die Freifrau zusammen, als Lenette von ihm sprach. »Nein, nichts soll er haben, nichts will ich ihm kaufen«, sagte sie bestimmt und hart, »da bettelst du vergebens.« Lenette näherte sich ihr mit gekrümmtem Rücken, streckte die Hände wie zwei Schalen vor und rief: »Nicht einmal ein Feiertagsgewand, nicht einmal einen Flaus? Und da schämt Ihr Euch nicht, Gnaden, wo Ihr einen Beutel voll Gold habt?« Die Freifrau antwortete: »Nein, auch keinen Flaus soll er haben.« Lenette geriet in Zorn. Sie ging zum Tisch, griff in die Lade, in der der Beutel war, nahm ihn heraus und sagte: »So gebt mir wenigstens einen Taler, daß ich ihm ein Paar neue Schuhe kaufen kann.« Kaum hatte die Freifrau gewahrt, daß sich Lenette des Beutels bemächtigt hatte, so sprang sie hin, entwand ihn ihr und sagte starrsinnig: »Nein, du sollst ihm keine neuen Schuh kaufen und sollst mein Geld in Ruh lassen. Und daß du siehst, daß es ums Geld nicht ist, werf ichs in den Brunnen hinunter.« Damit riß sie das Fenster auf, und ehe die bekümmert aufschreiende Lenette es hindern konnte, schleuderte sie den Beutel hinab. So gut hatte sie in ihrem irren Eifer gezielt, daß der Beutel geradewegs in das dunkle Brunnenloch fiel.

»Was habt Ihr da getan, Gnaden?« flüsterte Lenette scheu und bekreuzigte sich.

»Geh nur«, sagte die Freifrau und winkte.

Als Lenette traurig hinausgeschlichen war, ließ sich Theodata auf einem Schemel nieder, legte das Gesicht in beide Hände und begann zu weinen. Die Tränen wollten überhaupt nicht aufhören zu fließen, eine Stunde verging, und sie weinte immer noch, als ob ihr der liebste Mensch gestorben wäre, hätte sie einen liebsten Menschen nur gehabt. O das Wirkliche, das Nahe, das Jetzt! Wie war doch alles so wirklich und so jetzig um sie; kein Gestern, kein Morgen, nicht einmal ein Heute, nur ein Jetzt, und kaum war das da, wieder ein Jetzt. Lauter Löcher, in die man hineinfiel, eins nach dem andern, und jedes so tief wie der Ziehbrunnen.

Während sie noch weinte, öffnete sich die Tür und der Junker Ernst kam herein, langsam, mit einer Art von Vorsicht. Er war durch den Flur geschritten, da gewahrte er im Halbdunkel Lenette. Diese kniete vor der Schwelle, schon seit geraumer Zeit. Sie hörte es nicht, aber sie ahnte, daß die Freifrau in der Stube saß und weinte. Es mußte so sein, nun mußte sie drinnen weinen, wenn nicht die ganze Welt verdreht war. Indem sie ihr Ohr gierig an die Tür drückte, fühlte sie sich an der Schulter angerührt, und als sie emporblickend den Junker gewahrte, erhob sie sich, zog ihn zur Stiege und berichtete ihm, der Frau Mutter sei ein Beutel mit Gold in den Brunnen gefallen, brachte es so vor, als sei es aus Unbedacht geschehen, und deshalb sitze sie in der Stube drin und gräme sich. Denn Lenette wünschte, daß der Junker zu seiner Mutter hineinging und mit ihr redete, damit die unheimliche Erstarrung von ihr genommen würde, in der Lenette ein pures Teufelswerk sah. So geschah es auch; Ernst befolgte die Weisung der alten Magd. Leise ging er zu dem Schemel hin, auf dem die Freifrau hockte, sah eine Weile nachdenklich auf sie herab, berührte sie dann mit derselben Bewegung an der Schulter, wie er es draußen bei der tauben Lenette getan, und sagte mit seiner schmeichelnd-tiefen Knabenstimme: »Getröstet Euch, Frau Mutter, Ihr müßt Euch nicht kränken um den Beutel mit Geld. Es ist nur dann schade drum, wenn Ihr drum weint. Hört auf zu weinen.« Indem er ihr so zusprach, kauerte er sich neben ihr auf den Boden nieder, blickte mit seinen Augen, die so braun und so groß wie Kastanien waren, ruhig zu ihr empor und wiederholte: »Hört auf zu weinen. Das macht alt und häßlich, und Ihr seid jung und schön. Wenn Ihr nicht mehr weint, will ich Euch eine Geschichte erzählen . . . Merkt nur auf, ich will Euch eine Geschichte erzählen . . .«

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