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Der Aufruhr um den Junker Ernst

Jakob Wassermann: Der Aufruhr um den Junker Ernst - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Aufruhr um den Junker Ernst
authorJakob Wassermann
year1995
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-12080-0
titleDer Aufruhr um den Junker Ernst
pages3-165
created20030509
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1926
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XIV

Er hatte schon viel vom Junker von Ehrenberg gehört, ihm war die ganze Landschaft der beiden Bistümer vertraut, und in den Städten und Dörfern kannte er viele Menschen. So hatte er die wunderbaren Wirkungen des Knaben zu einer Zeit erfahren, als sie noch nicht über den Umkreis einiger Spessartgehöfte gedrungen waren, aber jedesmal, wenn ihn seine Wanderungen wieder in die Gegend brachten, wurde ihm Neues von dem Märchenerzähler berichtet und manches, was selber wie Märchen klang. Bisweilen hatte es ihn verlockt hinzugehen, dabeizusein, zu sehen, zu lauschen, aber da riefen dringendere Geschäfte, zu viel Unglückliche gab es, die nach ihm verlangten, er durfte sich nicht aufhalten bei frohen Dingen. Ob das frohe Ehrenberger Ding auch ein frohes Ende nehmen würde, das dünkte ihn eh und je zweifelhaft, er konnte sichs nicht reimen mit der sonstigen Stimmung im Lande, wie dem Bauern und dem Städter zumute war, was die Herren mit Knecht und Froner trieben. Er hatte wenig Heiteres gesehn und erlebt, was an Hoffnung noch in ihm war, magerte mit jedem Jahr ab, bis nichts mehr übrig war als eine dürre Ranke, an der sich sein Geist mit edler Beflissenheit aufrechthielt, bestrebt nach Umschau und Annäherung an das Göttliche. Manche macht der Kummer lahm, ihn machte er beweglich und behend, manche fliehen in die Einsamkeit, wenn das Gesicht der Welt sie in seiner knöchernen Wahrheit anstarrt, er nicht, er blieb unter den Menschen und trachtete danach, nicht müde zu werden, ihrer nicht, ihrer Taten nicht. Die Liebe drängt mich und brennt in mir, sagte er und ging weiter, und während ihn der Anblick der Leiden und der Verrichtungen des Wahns erstickte wie Qualm in einer unterirdischen Höhle, dichtete er die schönen Lieder der Trutznachtigall. Er hatte keinen Besitz, ihn gelüstete nach keiner Ehre, keinem Dank, keinem spiegelnden Zeichen seines Wirkens, aber die Armen und Geschändeten legten die Zeugnisse davon am Throne Gottes nieder. Er war aus einem alten Geschlecht, sein Vater war Burgvogt des Kurfürsten Gebhardt Truchseß von Waldburg gewesen, im Jesuitengymnasium zu den drei Kronen hatte er studiert und war Jesuit geworden, weil er in die fernen Missionen hatte gehen gewollt, das allein hatte seine jungen Jahre erfüllt, er hatte es dem Ordensgeneral Mutius Vitelleschi einst geschrieben: Indien hat mein Herz verwundet. Aber bald sah er, daß ihn die Heimat nötiger brauchte und die unerlösten Heiden noch warten mußten, solang es die Christen trieben, wie sies trieben. Da fing er an, von Ort zu Ort zu wandern, ein leibhaftiges Licht: Als wie die schön gezündte Kerz / sich selber muß verzehren / weil aus ihr selbst das brennend Herz / sich selber muß ernähren / also verzehrt sich alles gleich / auf dieser Welt geschwinde / da fließt es her in einem Streich / die Kerze steht im Winde. Den unglücklichen Frauen, die die lebendigen Fackeln abgeben mußten in der Finsternis des Jahrhunderts, wurde er zum Führer in das Tor des Todes und ließ den Glauben an eine Überwelt in ihnen erblühen, deren Gestalt und Sinn er mit Worten, so frisch und rein wie der Anfang des Lebens, aus der Tiefe seiner Seele formte. Das mochte der Grund sein, weshalb ihn dünkte, ein unsichtbarer Faden liefe von ihm zum Junker von Ehrenberg, und wenn jemand seinen Namen nannte, war ihm, als empfange er Nachricht von einem jüngeren Bruder, den er nie gesehen, es war was Fremdes und Abscheidendes da, aber auch was Blutnahes und Verbindendes. Lang hatte er ihn aus den Gedanken verloren, wußte nur, daß er bei seinem Oheim, dem Bischof weile; die aberwitzige Wut des Bischofs raubte Spe seit Jahr und Tag den Schlaf; er hatte sich nichts Ersprießliches von dem Aufenthalt des Jünglings in der Umgebung des Bischofs versprochen, das Schlimme kam bälder als er gedacht; als er vom Propst Lieblein vernahm, sie hätten den Junker in den Kerker geworfen, beschloß er gleich, ihn aufzusuchen, dazu hatte er vom Kollegium die Befugnis, es war ihm kraft seines Beichtigeramtes zu jeder Zeit unverwehrt. Still war er bei Tisch gesessen, als der Magister Onno, schon vom Fieber geplagt, um Hilfweisung für seinen Zögling flehte, noch stiller lauschte er der Erzählung der tauben Lenette, die soviel Mut vor den gelehrten Herren nicht aufgebracht hätte, wenn ihr nicht Entrüstung und Schmerz die Zunge gelöst hätten. Still nahm er dann Abschied, vom Propst zur Tür geleitet und ihm die Hand drückend. Er wollte nicht bis zum andern Morgen warten, aber als er ans Gefängnis kam, wurde ihm bedeutet, er könne den Junker nicht sehen, es sei strenges Verbot ergangen, auch für die Patres, ihn zu besuchen. Das Verbot konnte nur vom Pater Gropp erlassen worden sein, Spe schickte den Dominikaner Lambrecht Dynand zu ihm, der gerade von einem Hexenbrand kam, aber der Pater Gropp war nicht zu finden, es hieß, er habe mit dem Bischof die Stadt verlassen, dieser habe nach nichts sonst getrachtet, als sich vor dem vermeintlichen Zorn des Volks in Sicherheit zu bringen. Das geduldige Volk, es wagte nicht zu mucken, der Hexenglauben war ihm zu tief ins Fleisch gebläut. Indessen rief den Pater Spe die geistliche Pflicht zu andern Verdammten, am Morgen erfuhr er, der Freifrau von Ehrenberg seien Daumstock und Beinschraube angelegt worden, der Sohn sei dessen Zeuge gewesen und ohnmächtig vom Platz getragen worden; ob die Freifrau den nächsten Grad der peinlichen Frage überstehen werde, sei zweifelhaft, sie wolle aber keinen Beichtiger vor sich lassen, singe bloß wahnsinnig vor sich hin und liebkose ein Luftbild, das sie für ihren lieben Sohn halte. Erst am Freitag, dem Tag Mariae Heimsuchung, nach abermaligem Appell an den Pater Gropp, der mittlerweile in die Stadt zurückgekehrt war und die Amtsgeschäfte des Bischofs führte, ward dem Pater Spe der Zutritt in den Kerker des Junkers verstattet.

Der Junker saß auf einer hölzernen Bank, beide Hände hielten das Sitzbrett, er schaute gradaus in die Höhe. Sein Gesicht war verfallen, aber die Augen hatten einen Glanz, daß der Pater den Blick nicht aushalten konnte. Durch ein schießschartenähnliches Fenster fiel schwaches Licht in den modrigen Raum, der dem Innern einer bauchigen Flasche glich; die Decke war hoch gewölbt. Der rechte Fuß des Junkers stak in einem eisernen Ring, von dem eine schwere Kette am Steinboden entlang zu einem andern in der Mitte der Mauerwand befestigten Ring lief. Seine Züge hatten noch nicht den Ausdruck des unermeßlichen Erstaunens verloren über das, was mit ihm geschehen war und geschah. Manchmal hatte er sich jäh erhoben, mit wildschlagendem Herzen, und war, die Kette nach sich schleifend, in der Zelle auf- und abgelaufen, die Mauer antastend, mit den Fingerspitzen an der rauhen kalten Mauer entlang. Er horchte in der Nacht auf die furchteinflößenden Geräusche, die aus dem Haus, von weit oben her, zu ihm drangen oder von unten oder von rechts und links, er konnte es nicht unterscheiden, ersticktes Flüstern war es, dann ein Sägen, ein Pochen, auf einmal ein ferner Schrei wie von einem Pfau. Er konnte es nicht fassen, daß immerfort Mauern um ihn waren, die wuchtige wuchtigverschlossene Tür, an der jedes Rütteln umsonst war, sie ließ einen nicht hinaus. In den ersten Tagen rührte er keine Speise an, trank nur vom Wasser, nicht aus Trotz, aus Verwunderung. Dreimal hatte man ihn zum Verhör geführt, er verstand die Fragen nicht, statt zu antworten, lachte er, sah sich ungläubig um. Es erschien ihm alles so töricht wie ein unbegreifliches Schelmenstück, das ihm angetan worden, aber im Traum angetan, er fand keinen ordentlichen Zusammenhang und keine Vernunft darin. So erregte er den Zorn des Richters, aber Hand an ihn zu legen durfte man nicht wagen, es war nur erlaubt, ihn mit der Folter zu bedrohen und ihm die Instrumente zu zeigen, aber seine Haltung, sein treuherziges Sicherkundigen, die Furchtlosigkeit, die in ihm war, nicht anders als in einer Pflanze, es verfehlte seinen Einfluß selbst auf die versteinerten Gemüter nicht, Richter, Profoßen und Knechte, die alles schon gehört und gesehen hatten, was das Bewußtsein der Unschuld den Verzweifelten eingibt, gegen alle Beteuerung, alle Qual abgestumpft waren, vor dieser geisterhaften Heiterkeit und halb lächelnden Verlorenheit aber widerwillig-ratlos standen. Oft erstaunte ihn auch das Grausige und die Erwartung der Schrecken nur, das gibt es also auf der Welt, schien er sagen zu wollen, das muß ich mir merken, es war als schaue er sich selber zu, sowie er den andern zuschaute, als seien seine Person und sein Schicksal zweierlei Sachen und er müsse das neue Wissen, das ihm zuteil wurde, erst in sich verweben, in sich verfluten lassen. Dann holten sie ihn, damit er der Marterung der Freifrau anwohnen sollte, sie erachteten es als ein sicheres Mittel, um das Geständnis seiner unholdischen Beschaffenheit von ihm zu erlangen, bei ihr wußten sie sich der Sorge ledig, in ihrer wehleidigen Schwäche würde sie sich schon nach dem ersten Grad als Hexe bekennen. Da hatten sie aber falsche Rechnung gemacht; als die Freifrau, den Knaben gewahrend, mit jubelnd-inbrünstiger Bewegung die Arme nach ihm ausstreckte und alles andere um sich vergaß, die wilden Schmerzen und daß sie dalag, nackt bis zu den Hüften, flüsterte der Junker nach einem glücklichen Aufleuchten in den Augen, denn er sah ja nun, daß er eine Mutter besaß, sie vom Schicksal erwirkt hatte wie die märchenhafte Irina, von der er ahnungsvoll dem Bischof erzählt, flüsterte also: »O du armer Heiland« und sank wortlos auf die roten Fliesen nieder. Alles war rot, die Fliesen, das Feuer, die Fackeln, das Blut, die Wämser der Knechte. Sie mußten ihn forttragen, die Besinnung kehrte erst zwölf Stunden später zurück, sie beließen ihn dann in seiner Zelle, weil der Dominikanerpater Gassner, in der Befürchtung, die Seele könnte dem Malefikanten zu früh entfliehen und die Kirche um die verdiente Beute kommen, es vorerst so anordnete. Nun saß er schon den ganzen Tag auf der Bank, die Hände am Sitzbrett und schaute. Was gab es denn zu schauen?

Der Pater Spe stand eine Weile stumm, das Haupt gegen die Brust geneigt, dann sagte er leise: »Gott grüß dich, Junker.« Der Junker lauschte, es dauerte ziemlich lang, ehe er antwortete: »Eure Stimme klingt mir sehr angenehm, wer seid Ihr denn?« Der Pater sagte: »Ich bin der Pater Spe, vielleicht hast du mich schon nennen hören, ich bin oft gegen Rimpar hinauf in den Spessart gewandert, am Ehrenberger Schloß oft vorbeigegangen.« Darauf der Junker: »Das kann wohl sein, Pater.« Darauf der Pater: »Wenn ich dir unbekannt bin, so möcht ich, du lerntest mich kennen, dich kenn ich gut.« Der Junker schwieg und schien nachzudenken. »Wenn Ihr mich kennt«, entgegnete er endlich in seinem verwunderten Tonfall, »so vermögt Ihr mir vielleicht zu sagen, warum ich hier bin.« Darauf schwieg nun wieder der Pater. »Ihr könnts mir nicht sagen«, fuhr der Junker fort, »das hab ich mir gleich gedacht, so sagt mir wenigstens: steht die Welt noch auf ihrem alten Platz?« Es klang wie Scherz, in der alten anmutigen Weise, und war doch keiner. »Das tut sie, Junker, unverrückt steht sie auf ihrem Platz, dafür sorgt unser Herr im Himmel.« – »Und scheint die Sonne, Pater? Mir hat geträumt, der Herr Jesus hat den drei Erzengeln befohlen, die Sonne mit einem großen Laken zuzudecken, bis das andere Jahr kommt, und welcher Mensch dagegen murrt und bloß einen Lakenzipfel mit der Hand anrührt, der soll verurteilt sein, die eigene Mutter aus dem feurigen Ofen schreien zu hören.« Der Pater sagte, und seine Brust dehnte sich schmerzlich: »Junker, ich bitte dich, mach nicht den Traum zu deiner Uhr, von der du die Zeit abliest.« Das spehaft wunderliche Wort; der Junker Ernst stutzte, als er es vernahm, war ihm doch Traum und Leben in eins zusammengestürzt, war nicht wirklich Zifferblatt und Zeiger von der Traumwelt noch in ihm und wies die falsche Stunde? Er blickte sinnend in die Luft, forschend auf den Besucher, dann legte er mit seiner Lieblingsgebärde die Hände aneinander und sagte: »Ihr habt noch ein so junges Gesicht, Pater, warum habt Ihr schon weiße Haare?« Der Pater lächelte. »Dasselbe hat mich neulich der junge Kanonikus Philipp von Schönborn gefragt«, erwiderte er; »ich habe ihm geantwortet: das ist von der vielen Vergeblichkeit gekommen.« – »Wie meint Ihr das?« – »Von der Vergeblichkeit der vielen Seufzer und Tränen, die immer wieder Seufzer und Tränen hervorrufen. Man kann die Tränen nicht trocknen, man kann die Seufzer nicht stillen, jene sind wie das Meer, diese wie der Orkan, es schwillt und schwillt. Von der Vergeblichkeit der Worte, fast auch von der Vergeblichkeit der Taten. Von den Unschuldigen, die erliegen, von den Schuldigen, die mit hoher Stirn gehn. Von all dem Allzuviel, Junker, von all dem Garzuschweren. Ich habe gesehen, was unter der Sonne vorgeht, ach, ich habe mehr die Toten gepriesen als die Lebendigen, und als die Glücklichsten eracht ich die Nichtgeborenen, die nicht sehen müssen, was vorgeht unter der Sonne. Die ganze Natur trauert darob, wie soll also ich nicht trauern und wie sollte mein Haar nicht weiß geworden sein?«

Der Junker sah ihn lange Zeit schweigend an, hierauf sagte er: »Wollt Ihr nicht herkommen zu mir, ehrwürdiger Pater, wollt Ihr Euch nicht neben mich auf die Bank setzen?« Spe nickte freundlich und zögerte nicht, der Aufforderung zu folgen. Es war ihm eine angenehme Empfindung, den Junker so nah zu wissen, selten hatte er solche Sympathie aus sich und zu sich her strömen gefühlt, der Mensch, nicht bloß der eine da, den er sehen und hören konnte, sondern das Menschenwesen selbst wurde ihm wie nie zuvor unendlich teuer und über alles liebenswert, brüderliches Geschöpf aus dem gleichen Mutterschoß und gelenkt von dem unerahnbaren Geist, den kein Glaube, kein Aussagen, kein Name, kein Gebet erreicht, den man nur atmen kann, um durch ihn zu sein. Der Junker blickte ihn gespannt an. »Sprecht, lieber Pater«, sagte er. »Was soll ich denn sprechen?« fragte Spe. »Erzählt mir«, bat der Junker, »erzählt mir was von Euch.« Unerwartetes Verlangen aus diesem Mund, das den Pater Spe rührte, wie wenn ein Singvogel auf seine Hand geflogen wäre, um den rauhen Lauten aus der Menschenkehle zu lauschen. »Bist dus nicht, Junker, der im Erzählen als ein Meister gilt?« fragte er zart scherzend. »Was könnt ich dir Neues bringen?« Der Junker schüttelte den Kopf, seine Lippen stammelten etwas, Spe konnte es nicht verstehen. Wohl aber begriff er, daß da einer war, der den Weg verloren hatte, der verirrte Sinn des Knaben rief ihn an und flehte um Führung und Weisung. Er war in die Finsternis gestoßen worden, der sorglos wandelnde Jüngling, die Elemente hatten ihm viel gegeben, Natur hatte ihn reich beschenkt, seine Seele war wie eine feurige Kugel, die ohne Schwere durch den Raum schwebt, sich selbst in ihrer schönen Glut genügend, doch das Schicksal hatte sie aufgefangen und hielt sie in seiner gewaltigen Faust, so daß ihr angst und bang war. Darüber hatte der beflügelte Genius keine Macht, dem er sich bisher spielend anvertraut hatte, er war zu einsam gewesen, zu sehr auf sich gestellt und in seine Träume gesunken, ohne Vater, ohne Mutter, ohne Freund und Geschwister, und wonach er dürstete, waren die Worte des Lebens, die Nähe der Herzen, die Nähe der Erde und ihrer Wirklichkeit. Das erkannte Spe, und er fing an, ihm seine Geschichte zu erzählen, wie er ausgegangen, um den Armen beizustehen, aus Sorge um das Volk von Land zu Land, von Stadt zu Stadt gewandert und überall nur Not und Bedrückung gefunden, Lüge, Grausamkeit und Haß, wie schwer es gewesen, den Mut nicht sinken zu lassen, das Vertrauen in den Menschen nicht dranzugeben. Er sprach von der Kriegsgeißel, von Pest und Mißernte, von der Verblendung der Glaubenseiferer, der Treulosigkeit der Großen, dem bittern Jammer, in den das deutsche Vaterland geraten, all dem Neid und Aberglauben, der Verleumdung und Ehrabschneiderei, ein kranker Körper, der seinen Arzt mit Füßen stoße und seinen Pfleger bespeie. Er schilderte dem atemlos zuhörenden Junker Begebenheiten und Begegnungen; wie er, vor kurzem erst, am Rand eines brennenden Waldes zwei kleine Kinder im Schutt aufgelesen; wie er in einem verlassenen Dorf einen Greis gefunden, anzusehen wie der Prophet Jeremias, in Verwünschungen und Schreckensgesichten sich ergehend gleich diesem, und wie er den Alten in den Arm genommen als wärs ein Säugling und zum Frieden gebracht habe; wie er in eine Stadt gekommen, deren Bewohner fast alle wahnsinnig geworden seien, gleich einer Seuche habe der Wahnsinn alt und jung, vornehm und gering erfaßt, alle hätten den Untergang der Welt erwartet, zuviel hatten sie aushalten müssen, dreimal die blutigen Greuel der zu- und widerziehenden Heere, dreimal Qual und Verdammnis, nun warteten sie aufs Ende. Dann aber berichtete er von den Hexen, von seinen Gesprächen mit ihnen; wie sich Dünkel und Fanatismus überall an allem edlen und seltenen Frauenzimmer vergreife, die Gutmeinenden stünden ahnungslos davor, indes die Brunst frecher Träume sich am Anblick schönen zuckenden Fleisches letze, da sei einem zumut, als müsse man seinen Schmerz in späte Zeiten des Menschengeschlechts hinausschreien, da die Mitgeborenen taub an Leib und Geist und Seele seien. Welche Geheimnisse, Junker, schwarzes Gelüsten, Laster der untersten Tiefen, als Gesetz und Recht der Welt angelogen, verkocht mit dem Gedankensud aus den Küchen unfaßbarer Giftmischer. Die armen Weiber, o gemarterter Christ, wenn er ihrer gedenke! Wie sich manche an ihn angeklammert wie der Ersaufende an einen Balken, welche Worte sie geredet, wie das Grauen aus ihren Lippen hervorgekrochen sei, die geplagte Haut an ihren Leibern geschwärt, wie nichts und nichts gegen den Wahn helfen gekonnt, Unvernunft sich zur Wollust gesteigert habe und er sich immer wundere, daß Tag und Nacht einander noch in altgewohnter Ordnung folgten, daß Pferd und Kuh und Esel noch den Hauch des Menschen ertrügen, obschon nicht den Blick, den ertrüge kein Tier. Und doch wieder sei der Mensch ein hohes Wesen, aus der Schlechtigkeit leuchte manchmal das edle Metall seiner ursprünglichen Natur. »Da war zu Cöln ein Missetäter«, erzählte Spe, »ein Mörder, der sollte hingerichtet werden. Umsonst alle Versuche, ihn zur Reue zu bewegen. Da sagt ich zu ihm: du weißt, daß ich einiges Gute auf meiner Rechnung habe, ich setz es auf die deine und schenk es dir zum Eigentum, wenn du Leid über dein Verbrechen bezeugst. Da ging der Mann in sich, daß er sich zurückbedachte und in großer Zerknirschung Buße tat. Aber bevor er sterben sollte, flehte er mich auf Knien an, mein Gutes wieder zu mir zu nehmen, er könne mit den erschlichenen Taten nicht vor Gott den Herrn hintreten. Es war jedoch zu spät, ich hatte ihm ja alles verpfändet, es blieb mir nichts übrig als ganz von vorn anzufangen.« Er schwieg eine Weile und fuhr dann fort: »Das war meine schwerste Zeit, ich hatte die guten Werke an den armen Sünder verloren und wandte mich im Gebet an meinen Heiland; ich bat ihn, er solle alle, die mich bisher geliebt, mich hassen lassen, alle die mich gefördert, mich verfolgen lassen, damit mir Gelegenheit gegeben sei, meine ganze Seelenkraft auf die Probe zu stellen. So kam es auch, die Bitte ist mir gewährt worden. Von da ab war ich der Stein des Anstoßes bei meinen Vorgesetzten, gemieden im Konvent, beargwöhnt von den Landesfürsten, verleumdet von meinen geistlichen Brüdern. Aber ich trags mit Freuden.«

Der Junker hatte sich allmählich zu Spe hinübergebeugt, um ihm besser ins Gesicht sehen zu können, seine beiden Hände ruhten auf einem Knie des Paters, die eine Schulter hatte er gegen dessen Brust geschmiegt, und so lauschte er, den Kopf emporgewendet, gedankenvollen Blicks. »Ich hab nichts gewußt von den Menschen«, sagte er, »Ihr lehrts mich erst.« – »Wenn du die Lehre aufnimmst, Junker, mußt du sie wieder vergessen. Manche leben von den Augen, manche vom Verstand, wenige mit dem Herzen.« – »Ich brauch die Augen, lieber Pater, macht sie mir nicht schlecht.« – »Freilich; mich dünkt, du hast vieles geschaut mit deinen Augen, ich hab nur vieles gesehen.« – »Ich kenn alle Schlupfwinkel im Wald«, sagte der Junker fast stolz. »Und was noch?« fragte Spe. »Ich weiß, wo die Eulen nisten, wo die Rehe zur Tränke gehn.« – »Und was noch?« – »Ich kenn die Sternbilder und weiß, wo das Siebengestirn aufgeht, Sommer und Winter, und der Bär und das Haar der Berenice.« – »Das ist allerlei, Junker, aber es hat, wie du sagst, mit den Menschen nichts zu tun.« Der Junker wurde immer zutraulicher. »Und wenn man bedenkt«, flüsterte er, »was für Schätze in der Erde drin verborgen sind, Gold und Silber und edles Gestein, wenn einer auserwählt ist, sieht ers leuchten in der Nacht. Man kann auch hören, wie der Saft in den Bäumen rinnt, was das Wasser im Brunnen spricht.« – »So bist du also doch ein Zauberer, Junker?« – Der Junker fragte mit zuckenden Lippen: »Ist das Zauberei, Pater?« – »Es könnte Zauberei sein«, erwiderte Spe versonnen, »eine Art jedoch, von der im malleus maleficorum schwerlich was zu lesen ist. Es gibt zauberische Spiele, Kind, und ein verzaubertes Hangen, die den Menschengeist, wenn er sich drin verspinnt, von seiner wahren Aufgabe weglocken. Und jetzt willst du von mir erfahren, was die wahre Aufgabe ist? Aber siehst du, das kann ich dir nicht sagen. Ich darfs mich nicht unterfangen, es zu sagen. Da ist Lehre nur Wind, das Wort eine klingende Schelle. Das muß aus deinem Gefühl entsprießen, verstehst du? Wollte Gott, du verstündest mich recht, sonst hab ich dir nichts gebracht als Irrtum und Beschwernis.«

Im Gesicht des Junkers ging etwas Ungewöhnliches vor, ein paar Augenblicke lang war es ganz erstarrt, die Lider schlossen sich aufeinander, dann, als sich der Krampf gelockert hatte, flüsterte er: »Ich glaub, ich glaub, ich versteh Euch, Pater. Seit mir in dem Haus da meine Mutter erschienen ist, seitdem ist mir so anders zumut, ich kanns Euch nicht beschreiben, wie. Gelt, Pater, es war doch eine Erscheinung? Sagt es mir: es war doch eine Erscheinung?« Gespannt und angstvoll schaute er Spe ins Gesicht, als fürchte er das Nein nicht minder als das Ja, als wolle er täuschen und getäuscht werden und sich dem Wissen mit aller Kraft der Phantasie entringen. Ohnmächtiges Bemühen. Seine Züge verfurchten sich wie die eines alten Mannes, er legte die gefalteten Hände auf die Schultern Spes und bat: »Ihr müßt mir Botschaft von ihr bringen, Pater, versprecht mir das, eh ich nicht Botschaft hab, ist mir all mein Sinn abwendig gemacht, versprecht mirs, guter Pater.«

Es war inzwischen dunkel geworden, Spe seufzte tief und wollte die verlangte Zusage geben, da drang unerklärlicher Lärm zu ihnen, ein fernes helles Schwirren und Brausen, das beständig näher kam und gewaltig anschwoll.

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