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Der Aufruhr um den Junker Ernst

Jakob Wassermann: Der Aufruhr um den Junker Ernst - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Aufruhr um den Junker Ernst
authorJakob Wassermann
year1995
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-12080-0
titleDer Aufruhr um den Junker Ernst
pages3-165
created20030509
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1926
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XIII

Die erste Nachricht von der Gefangensetzung des Junkers gelangte nach Ehrenberg durch einen Botenreiter, der nach dem nördlichen Spessart unterwegs war. Von ihm erfuhr es Wallork, der es nach seiner mürrisch-verschlossenen Art und weil ihn das Alter schon schwachsinnig gemacht hatte, für sich behielt. Weitere Botschaften, von Jägern und Landstreichern herzugetragen, ließen nicht lang auf sich warten. Der tauben Lenette wurde es vom Amtsschreiber von Randersacker mitgeteilt, der aufs Schloß kam, um die Viehsteuer einzuheben. »Auf Befehl des Bischofs wegen Zauberei in das Gefängnis bei der Münze verbracht.« Da war sicher nichts geflunkert oder übertrieben, wen verschonte denn der Bischof in seiner Angst und seinem Aberwitz. Die Lenette stand eine Weile da, als hätte sie der Schlag gerührt. Dann sagte sie trotzig: »Das glaub ich nicht.« Zu Mittag war noch kein Feuer im Herd. Zum Magister war das Gerücht auch bereits gedrungen, ihn konnte es nicht überraschen, wenn er sich die Worte und das Gehaben des Jesuiten in Erinnerung rief. Er verfaßte noch denselben Tag eine Epistel an seinen Freund, den Propst Lieblein in Würzburg und bat ihn um Hilfe bei der Angelegenheit. Den Brief schickte er durch einen Hirtenbuben in die Stadt. Am Abend bekam er die Antwort. »Ich kann Euch nicht helfen, amicus, ich kann Euch nicht einmal raten«, schrieb der Propst, »in unserer Welt geht alles drüber und drunter, will sagen die Unvernunft drüber und der Verstand drunter und bald werden wir am Ende sein, was wäre da noch für einen alten Mann zu erklecken? Rührt Euch nicht vom Fleck, das ist der beste Rat, den ich Euch zu erteilen vermag. So Ihr Euch aber doch auf den Weg und herüber begeben wollt in unsere bescheidene Behausung, will ich Euch mit dem Pater Spe zusammenbringen, einem klugen und frommen Mann, wie es wenige mehr gibt im heiligen römischen Reich, vielleicht kann der Euch nützen, er wird am Sonntag Peter und Paul bei mir zur Nacht speisen.« Die Mahnung, er solle sich nicht vom Fleck bewegen, fiel beim Magister Onno nicht auf unfruchtbaren Boden, das wars was er wollte, unbelästigt und ungeschoren bei seinen Folianten und Scripturen bleiben. Nach der Abreise des Junkers hatte sich niemand um ihn gekümmert, und trotzdem es hier kein Amt mehr für ihn gab, hatte er sich nicht entschließen können, Ehrenberg zu verlassen. Wohin hätte er auch gehen sollen, er wußte keinen Ort auf der weiten Erde, wo er Unterschlupf finden konnte. Aber da es nun um Wohl und Weh des Junkers ging, bemeisterte er seine Schwerfälligkeit und Weltscheu, und am Abend vor der Wanderung nach Würzburg vertraute er der Lenette an, was für einen Gang er vorhatte, auch daß er sich nicht eben viel davon versprach. Das grauhaarige alte Mädchen saß elend vor dem Herd, und ihr verrunzeltes Gesicht erhellte sich ein wenig; obschon sie die Person des Magisters ziemlich gering einschätzte, hegte sie doch einen dumpfen, dem Aberglauben ähnlichen Respekt vor seiner Gelehrsamkeit, man konnte ja nicht wissen, ob er nicht ihren Junker zu retten vermochte. Es war alles anders, seit der Junker Ernst fort war, die Treppen waren doppelt so schwer zu steigen, das Holz doppelt so schwer zu spalten, jede Nacht war wie ein Grab, der Wald wuchs überm Dach des Hauses zusammen. Ohne ihn fühlte sie sich als ein erbärmliches Stück Mensch, und wenn er gleich tagelang nicht nach ihr hingesehen hatte, er war doch da und ging und kam, man schürte Feuer für seine Suppe, wusch das Linnen für sein Bett, flickte das Hemd für seinen Leib, fast wie eine Mutter.

Und die Mutter, was machte die derweil? Sie wußte nicht einmal, wie es um den Sohn stand und was ihm drohte. Niemand hatte ihr was gesagt. Niemand außer Lenette hatte bei der Kunde an sie gedacht. Niemand sprach davon, daß sie die Mutter war, daß das Unglück am meisten sie anging. Niemand kam in ihre Nähe, und sie ihrerseits verlangte keinen Menschen zu sehen. Gestern hatte Lenette sich vorgenommen, ihr alles zu sagen, kaum hatte sie den Namen des Junkers ausgesprochen, so hatte ihr die Freifrau heftig zugewinkt, sie möge schweigen. Da schwieg sie. Doch überlegte sie sich, wie sie die Frau geliebt und wie sie ihr ein Leben lang gedient und wie sie zum traurigen Schatten geworden war, mannlos, sohnlos, gottlos, was sollte daraus werden. Sie ging, und diesen Abend, als der Magister mit ihr geredet, kam sie wieder. Kerzen flackerten im Gemach, die Freifrau schlief noch nicht, sie hatte ein Metallfigürchen zwischen den Händen, eine Diana mit dem Bogen, und liebkoste es, indes ihr Blick geistesabwesend ins Leere flatterte. »Was treibt Ihr da, Gnaden«, sagte Lenette, »Ihr tätet besser, Euch um Euer Kind umzuschauen, statt mit dem heidnischen Unzeug die Zeit zu vertändeln.« Die Freifrau, erloschenen Angesichts, murmelte: »Warum ist er von mir weggegangen?« Lenette glaubte nicht recht gehört zu haben, sie hielt die rechte Hand wie eine Muschel ans Ohr und beugte sich gegen das Bett der Herrin. Aber Theodata schüttelte langsam den Kopf, und zwischen ihren schöngeschwungenen Wimpern glänzten Tränen. Lenette stammelte: »Dauert es Euch, Gnaden? Wahrhaftig? Ist Euch das Herz im Leib erweicht worden und gedenkt Ihr seiner wie eine richtige Mutter?« Mit matter Geste wehrte die Freifrau die zudringlichen Fragen ab. »Magst mich immer nach deiner Weise verstehen«, sagte sie bitter vor sich hin, »wen hätt ich, der mich nach meiner verstünde? Wär ich Mutter, so wär ich Weib und hätt auch ein Herz und hätt nicht das Leben vertan und hätt ihn aufgezogen und besäß ihn für gewiß. Schlechtes Gewissen macht schlecht.« Da nahm Lenette, die jede Silbe aufgefangen hatte wie ein Dürstender das Wasser, ihren ganzen Mut zusammen und sagte: »Der Würzburger Henker hat ihn gefaßt, und er schmachtet im Kerker, Gnaden.«

Theodata sprang auf als sei das Laken unter ihr in Brand geraten. »Der Bischof?« fragte sie mit Mund, Augen, Händen. Lenette nickte. »Wessen klagt er ihn an?« – »Der Hexerei klagt er ihn an.« – »Und sie werden ihn auf die Marter legen?« – »Das ist zu fürchten, Gnaden.« – »Du lügst, Lenette, du lügst, Verdammte, das kann nicht sein, das soll nicht sein; was stehst du da, was stehn wir da, worauf warten wir, nach Würzburg, gleich, gleich, mein Mantel, meine Schuh, nach Würzburg, zum Bischof, glotz mich nicht an, schnell, schnell!« Dabei lief sie barfuß und im Nachtgewand im Zimmer herum und griff besinnungslos nach allerlei Gegenständen, die sie alsbald wieder von sich schleuderte. Die Lenette, freudig betroffen von dem Ungestüm, auf das sie nicht vorbereitet war, hielt es gleichwohl für notwendig, sich dem entsetzten und angstvollen Eifer der Herrin entgegenzustellen und sie zur Geduld bis zum Morgen zu ermahnen, da es unmöglich sei, den Weg bei Nacht anzutreten, zu weit sei es für die zarten Füße der Freifrau, zu groß die Unsicherheit der Straßen, wenn Wallork gleich jetzt nach Rimpar gehe, um eine Kalesche zu holen, könnten sie in aller Frühe fahren und hätten nichts versäumt. Es bedurfte vieler Bitten und Beschwörungen, um die Freifrau zum Warten zu bewegen. Sie lief beständig auf und ab, als wolle sie die Zeit jagen, auf und ab mit gefalteten Händen und heiserem Flüstern.

Seit der Stunde, wo der Junker von ihr Abschied genommen, war in ihrem Innern die Sehnsucht zum Sturm angewachsen. Wie er vor ihr gestanden war und gewartet hatte, worauf gewartet? Sie wußte es so wenig wie er selbst, war alles wiedergekommen von jener einen unseligen Nacht, sie sah den roten dicken Hals des Vaters und um ihn geschlungen die Ärmchen des Kindes, sie hörte den nie verklungenen Schrei in ihrer Brust: so wirst du werden, Mann artet nach Mann. Nun suchte sie die Züge, lauerte bang auf das Gräßliche, das sie schon einmal ins bodenlose Elend hinuntergeschleudert hatte, traute keinem Augenschein, wagte keinen zu sehen. Als der Knabe sie dann verlassen hatte, dünkte ihr, sie habe ihn vergessen, sie schritt von Fenster zu Fenster, schaute in den Brunnen, schaute in den Himmel und vergaß, vergaß. Sie trällerte ein leichtsinniges Liedchen und vergaß, vergaß. Aber etwas in ihr wollte nicht vergessen, konnte nicht, er ist ja anders, sagte das Etwas, schau ihn doch an, hat ihn die Natur nicht wie zum Gegensatz erschaffen, als solle er das Bild seines Vaters austilgen? Und wieder vergaß sie, ließ sich hoffnungslos und müde machen von den vielen tückisch aufeinanderfolgenden Jetzts. Das Vergessen war stets mit dem Frieren verbunden, sie schlug mit dem Hammer auf die erzene Glocke, und als die Lenette kam, jammerte sie: mich friert. Draußen wars so heiß, daß die Katzen die Sonne mieden und die Vögel schläfrig wurden, Lenette murrte: »Das glaub ich nicht, Gnaden, daß Euch friert«, warf aber einen Arm voll Spreu in den Kamin und machte Feuer. Da kam nagend und plagend die Sehnsucht nach dem Entschwundenen, mit jeder Stunde ärger, sie konnte nicht mehr vergessen, seine Gestalt, sein Lächeln, seine Stimme, sein Dastehn, alles hatte was unsäglich Lockendes und Liebliches, der Vater wurde völlig zum Schatten, der Sohn allein war da, ihr Sohn, und sie klagte vor sich hin: »Ach vielleicht lebt er gar nicht, vielleicht hab ich ihn bloß geträumt, vielleicht war er mein erster und einziger Traum, und weil er nur in meiner Einbildung ist, weiß er nichts von mir, hat mich nie gesehn, kennt nicht mein Gesicht, ach Gott, was soll ich tun, wie soll ichs machen, daß er mich glaubt, daß ich ihm bin.« Unter so verstörten Anrufungen, die wie ein geisterhafter Widerhall der scholastischen Conclusionen des Pater Gropp waren, oder nachdem sie das silberne Figürchen gepackt und leidenschaftlich geflüstert hatte: gib mir einen Rat, holde Diana, eilte sie in der Nacht, mit der brennenden Kerze in der Hand, durch die Räume des alten Hauses, schließlich sogar auf den Dachboden hinauf, um durch eine Luke gen Süden zu schauen, wo sie die Stadt Würzburg wußte. Ungeheuer breitete sich die Finsternis zwischen den hölzernen Pfeilern, das vielfach überschnitten und verzweigt aufstrebende Gebälk sah aus wie das Wurzelgeflecht eines riesigen Baumes, der zu den Sternen hinaufwuchs, rings lagen Haufen unversponnener Wolle, Späne, Kehricht und Fetzenzeug, allerlei Gerümpel von Geschlechtern her, da war die Dunkelheit der Sommernacht draußen, in die sie die Blicke tauchte, wie kühles Bad, und wenn sie die Frösche quaken und das Käuzchen schreien hörte, die Tannenwipfel bis zum Horizont hin sich unter einem sanften Wind bogen, machte sie ihrem gepreßten Herzen Luft, indem sie ein Lied sang, nicht mehr das leichtfertige, ein ganz anderes, von dem sie nicht wußte, wo sie es zum ersten Mal vernommen hatte:

»Die Tränen mich ernähren,
sind meine Speis und Trank,
von Zähren muß ich zehren,
weil ich vor Liebe krank.
Ach wann doch wird erscheinen
der schön und weiße Tag,
daß ich nach stetem Weinen
einmal ausruhen mag.«

Lenette hielt ihr Versprechen, der Wagen war um sechs Uhr am Tor, sie dachte, der Magister solle die Gelegenheit benützen und mitfahren, aber der war schon anderthalb Stunden zuvor aufgebrochen. So setzte sie sich allein zu der Herrin in den Wagen, in ein verschossenes Capuchon gehüllt, da es zu regnen begonnen hatte. Gegen neun Uhr kamen sie in Würzburg an, im Maintal hatte sich das Wetter geklärt, als die schwerfällige Kutsche durchs Stadttor rasselte, lagen die Straßen wie golddurchwirkt in der Sonne. Überall standen die Leute in Gruppen beisammen, vor den Kirchen drängten sich schweigende Mengen, Erregung füllte die Gemüter, die Stadtknechte sahen finster drein, außer an den geschlossenen Gewölben der Kaufleute merkte man nichts vom Feiertag. Kein Wunder, die Raserei des Bischofs hatte in den letzten Tagen das Erträgliche überstiegen, keine Bürgerfamilie war mehr von den Angebern verschont, kein Zunftmeister konnte sein Handwerk in Frieden betreiben, vom Hochzeitstisch wurde die Braut weggeschleppt, den Säugling rissen sie von der Mutterbrust, und die Mutter zerrten sie vors Hexengericht, damit war ihr auch schon das Todesurteil gesprochen, ohne ewiges Siechtum durch die Folter kam sie auf keinen Fall ledig. Einheimische, Fremde, Matronen, Jungfrauen, adlige Damen, armselige Dirnen wurden in täglichen Bränden geopfert, es fehlten schon die Hände zum Mordgeschäft und das Papier zum Schreiben, wo von obrigkeitswegen gemordet wird, da muß auch geschrieben werden, das ist zu jeder Zeit und in jedem Jahrhundert dasselbe Ding, wenn der Schreiber nicht schreibt, kann der Henker nicht töten. Trotz des blauen Himmels, der sich über den verschichteten Dächern dehnte, lag was Fahles über der Stadt, ein unheimliches Glimmen in den Augen der Menschen, sie wandelten zu nah am Tode hin, es hauchte sie von unten her gespenstisch an, in der Luft war ein Flattern von unsichtbaren Flügeln, das waren die Seelen der Umgebrachten, die sich nicht trennen wollten von Weib, Kind, Eltern und Geschwistern. In einer Welt, in der die Wände zwischen Zeitlichkeit und Ewigkeit so dünn sind, daß sie zwischen heut und morgen zu bersten drohen, werden die Geister der Menschen über die Grenzen getrieben, von der Verzweiflung zur Ausschweifung ist nur ein Schritt, so waren alle Wirtshäuser dicht besetzt, das tobende Geschrei der Betrunkenen übertönte die Kirchenglocken, in den Gassen des untern Mainviertels, wo die Schiffer und Flößer wohnten, tanzten lachende Paare am Ufer entlang, die Schaubuden hinterm Juliusspital hatten schon zu der frühen Stunde Zulauf, namentlich das Kasperltheater und das Entenschlagen. Neben dem Strom der Hoffnungslosigkeit und dem trotziger Lust war noch einer zu spüren, der sich zwar in der Menge verlor, jedoch bald da, bald dort, auf einer Brücke, vor einem Garten, im Schutz einer Mauer, geheimnisvoll sichtbar wurde gleich wiederkehrenden Strudeln und von Stunde zu Stunde merklicher. Es war als ob gewisse Botschaften umhergetragen würden, als wäre von einem Punkt aus ein Befehl ergangen, der nach verschiedenen Seiten weitergegeben wurde. Manche Bürger blieben jeweils erstaunt auf der Gasse stehen, es dünkte ihnen, wie wenn heute doppelt, dreifach, fünffach so viele Kinder in der Stadt wären als sonst; sie erblickten unbekannte Gesichter, anfangs nur wenige, später Hunderte; woher die nur kamen, fragten sie sich. Es waren bei der auffallenden Bewegung nur Kinder zu sehen, neunjährige, zehnjährige, zwölfjährige, Knaben und Mädchen, auch ältere, dreizehn-, vierzehnjährige, aber die verhielten sich stiller, benahmen sich vorsichtiger. Um Mittag stand ein ganzes Rudel auf dem Domplatz, lautlos, als warteten sie auf wen; als sich ihnen der Feldwebel von der Schloßwache näherte, stoben sie auseinander wie die Sperlinge. In der Gegend des Münzgefängnisses war ein fortwährendes Laufen und Rennen, viele mußten sich in den Gebüschen und Felsenlöchern des Marienbergs versteckt haben, nach dieser Richtung verschwanden die meisten und tauchten an der großen Mainbrücke auf, wenn sie von oben kamen. Schon fingen die Leute an, über das ungewohnte Treiben zu reden und sich zu beunruhigen, aber wenn sie sich um Auskunft an die ihnen bekannten oder auch die eigenen Kinder wandten, erhielten sie keinen Bescheid. Es gab ein Stichwort, das an diesem Peter- und Paulstage von Mund zu Mund der schweifenden Verschwörerscharen flog, ein Wort, das nichts besagte und wahrscheinlich alles bedeutete, es hieß: Mariae Heimsuchung vor Sonnenuntergang.

Die Kalesche der Freifrau fuhr am Portal des bischöflichen Palastes vor. Die Freifrau stieg aus, die Wache ließ sie passieren, als sie ihren Namen nannte, Lenette wich nicht von ihren Fersen. Auf der Treppe stand ein Laienbruder, den forderte Theodata auf, sie zu Seiner bischöflichen Gnaden zu führen, er entgegnete, der Bischof sei beim Hochamt im Dom. Sie sagte, sie wolle warten, ein zweiter Laienbruder, der hinzutrat, meinte, sie werde gar lang warten müssen, nachher sei Empfang der Domherren und Äbte, und dann werde Seine Gnaden wegen der großen Hitze nach Veitshöchheim aufs Schloß fahren. Es war aber nicht die Hitze Ursache dieses Beschlusses, wie alle wußten, sondern weil Seine Gnaden von einer Unrast gepeinigt wurde, die die Bedenklichkeit seiner ganzen Umgebung hervorrief; seit der Gefangensetzung des Junkers hatte er nicht gegessen, nicht geschlafen, auch zum Gebet hatte er sich nicht zu sammeln vermocht. Stimmen von außen waren ihm zugekommen, die von der Erbitterung und bedrohlichen Haltung der Bürgerschaft Kunde gaben, infolgedessen mißtraute er jedem Menschen, jeder Miene, jedem Laut, stellte Wachposten vor die Zimmer, in denen er weilte, sah die Luft voll fletschender Fratzen und hörte allenthalben unheimliche Geräusche. Theodata konnte davon keine Kenntnis haben, aber da das Gebaren der Diener ein Spiegel von der Verfassung des Herrn ist und ihre aufgewühlte Seele in schmerzhafter Empfindlichkeit zitterte, spürte sie die Verstörung des Hauses mit jedem Atemzug, ihre angstvolle Ungeduld wuchs immer mehr dadurch, sie beharrte bei dem Vorsatz, den Bischof sehen zu wollen, und blieb, die schweigende, groß und bestürzt dreinschauende Lenette hinter sich, auf dem Treppenabsatz stehen. Hohe geistliche Würdenträger im festlichen Ornat schritten an ihr vorüber, manche blickten sie verwundert an, manche finster und gleichsam tadelnd, manche freundlich und fragend, manche Gesichter verrieten Kummer oder Versunkenheit, manche Härte und Hochmut. Sie hätte sich mit aufgehobenen Armen vor all die Männer hinstürzen mögen, aber etwas hielt sie in Bann, das stärker war als das Gefühl der Hilflosigkeit: die tiefe Erfahrung von der Unrührbarkeit der Welt, die sie in sich trug, ohne es recht zu wissen. Endlich erschien der Bischof in der Mitte seines Hofstaates, langsam stieg er die Treppe empor, doch kaum hatte er die Freifrau gewahrt, die zwei Schritte ihm entgegen tat, als er zurückprallte und mit schriller Fistelstimme seinen Begleitern zurief: »Schafft sie fort! Schafft mir das Weib aus den Augen!« Darauf war Innehalten, erschrockenes Gemurmel, Staunen, Mißbilligen, Gewirr von Stimmen, der Domherr Franz von Hatzfeld näherte sich der Freifrau, um sie wegzuführen, sie sträubte sich, er sprach ihr dringlich zu, sie aber schrie, die Treppe hinab, dem Bischof ins Gesicht: »Gebt mir meinen Buben wieder, Herr Bischof und Schwager, sonst künd ich vor allem Volk, daß Ihr und nur Ihr allein in diesem Land mit dem Teufel im Bunde seid.«

Das Wort ließ den Bischof erstarren, eine solche Anklage hatte er nie zu hören erwartet, der bloße Gedanke daran war ihm, dessen Leben der Ausrottung des Teufels gewidmet war, so fern wie Gottesleugnung und Zweifel an den Dogmen der Kirche. Sein Entsetzen, dem sich sogleich die eisige Furcht gesellte, man könne ihn zur Verantwortung ziehen, war so groß, daß er taumelte und sich mit den Armen an den Schultern des neben ihm stehenden Paters Gropp festklammerte. Da ihm wohl bewußt war, daß ein Schatten von Verdacht hinreichte und tausendmal hingereicht hatte, Menschen ins Verderben zu stürzen, da die Anzeichen immer nur von andern beschworen, von den Betroffenen aber bis zum letzten Augenblick in verzweifelte Abrede gestellt wurden, traf ihn die Erkenntnis, daß seine Person nicht außerhalb des schrecklichen Zirkels stand, mit einer Gewalt, als zerschelle das Erdreich unter ihm. Es konnte ja möglich sein, der Versucher konnte sich ihm genaht und ihn, auch ihn überlistet haben, alles drehte sich im Kreis, er stieß ein mißtöniges Geheul aus und drückte die schlotternden Lippen auf den Arm des Jesuiten. In der unbeschreiblichen Verwirrung, von der die Anwesenden ergriffen waren, behielt nur die taube Lenette ihre Kaltblütigkeit. Sie erkannte die Gefahr, in der sich die Herrin befand, faßte sie beim Handgelenk und zog sie mit unwiderstehlicher Kraft aus dem Getümmel der geistlichen Herren, die Treppe hinab, über den Flur und zum Palasteingang. Dort schob sie die ihrer Sinne kaum Mächtige in die Kalesche und sprang selber hinein, indem sie dem Kutscher bedeutete, weiterzufahren. Ein Ziel gab sie nicht an, erst als die Pferde in der Richtung gegen das Aschaffenburger Tor liefen, beugte sie sich aus dem Schlag und rief: »Zur Münze! Zur Münze!« Bei der Münze war das Gefängnis. Sie wollte den Versuch machen, ob man sie nicht zum Junker einließe, und erriet damit die Absicht der Freifrau. Als sie hinkamen und Lenette die Bitte vorbrachte, lachte ihnen der Wächter, ein grober blatternarbiger Kerl, ins Gesicht. Da müßten sie schon einen bischöflichen Permeß dazu haben, meinte er anzüglich, und dann sähe es mit dem Wiederherauskommen übel aus. Die Freifrau rang die Hände. Sie rief, sie wollte nicht von der Stelle weichen, Tag und Nacht, und wenn sie auf dem Pflaster schlafen müsse. Allerlei neugieriges, mitleidiges, spottendes, ängstliches Volk versammelte sich um die beiden Frauen, der Wächter alarmierte seine Kameraden, ein Stadtsergeant erschien, vogelhafte Pfiffe erschallten aus den verwinkelten Seitengassen, eh man sich versah, woher sie gekommen waren und wohin sie verschwanden, huschten Scharen der jugendlichen Verschworenen vorüber, und man hörte sie vielstimmig wispern: Mariae Heimsuchung vor Sonnenuntergang. Wer die vornehme Dame war, die ihren Jammer zum Schauspiel der Gasse machte, und wem der Jammer galt, war rasch ruchbar geworden.

Am selben Abend, nachdem sie in ihrer Verzweiflung nochmals zum Haus des Bischofs gefahren, nochmals war abgewiesen worden, sodann aufs Rathaus und zum Bürgermeister, hierauf zum Kommandanten der Stadt, dem Herrn Grafen Philippsburg geeilt war, überall Beschwerde und inständige Bitte erhoben, auf ihr altes Geschlecht und hohe Geburt verwiesen, mit Klage beim Reichskammergericht, beim Kaiser, beim Landgrafen von Hessen, beim König von Frankreich gedroht, abwechselnd geschluchzt, gerast, geschmeichelt, sich gedemütigt hatte und schließlich wie außer sich wieder zur Pforte des Gefängnisses zurückgekehrt war, um, wenn alles fehlschlug, die Wächter mit ihrem Schmuck und ihren Juwelen zu bestechen, nach alledem war sie dort von den Häschern des Bischofs ergriffen und als der Hexerei im hohen Grade verdächtig in einen der unterirdischen Kerker gebracht worden. Die Maßregel ging vom Pater Gropp aus, der Bischof war unfähig, eine Verfügung zu treffen, er hatte grade noch seine Unterschrift geben können, die brauchte der Pater zu seiner Sicherheit, aber der alte Mann hatte dabei wie Espenlaub gebebt und das Bild einer sinnlosen Kreatur geboten.

Der Pater ordnete an, die Freifrau solle noch in der nämlichen Nacht peinlich befragt werden, auch über den Junker, ihren Sohn, und seine Verfehlungen und sündhaften Künste. Hiezu war er nach dem vom Bischof unterschriebenen Haftbefehl berechtigt, während er bisher durch keinerlei Vorstellung hatte erreichen können, daß man auch den Junker selbst durch die Folter zum Geständnis bringe, der Bischof hatte immer gehofft, daß der Junker freiwillig bekennen werde, geschreckt und eingeschüchtert, doch nicht am Körper beleidigt, dazu wollte er seine Zustimmung nicht geben, auch zum Verbrennungstode nicht; wenn alle Bemühungen vergeblich blieben, sollte er enthauptet werden. Dies wurmte den Pater Gropp, doch er versprach sich viel von der Inquisition der Freifrau, bei der der Junker zugegen sein sollte, ihr zarter Organismus würde voraussichtlich keinem ernstlichen Angriff gewachsen sein, und die seelische Qual, die der Junker dabei erlitt, würde vielleicht stärker auf ihn einwirken als die eigene leibliche, bei der ihn der Dämon hartnäckig machen und ihm eine falsche Märtyrerkrone verheißen konnte. Den willkommenen Anlaß zur Gefangennahme der Freifrau hatte die Nachricht gegeben, die zu Mittag in die Stadt gelangt war, daß das Ehrenberger Schloß in Flammen stehe und daß die Bauern und Hirten draußen die Freifrau beschuldigten, den Brand, der im Dachboden ausgebrochen war, wissentlich und vorsätzlich gelegt zu haben. Wohl möglich, daß durch ihr Herumirren mit der Kerze in der Nacht ein Funken auf das leicht entzündliche modrige Gerümpel gefallen war und zwei Tage oder mehr weitergeschwelt hatte; als sie von der Feuersbrunst erfuhr, seufzte sie aus dem Innersten auf und sagte in ihrer unbedachten Weise: »Gelobt sei Jesus Christus, daß das Unglückshaus vom Erdboden vertilgt ist.« Was als ein halbes Bekenntnis gedeutet und vermerkt wurde.

Während sie sich von den Söldnern ruhig festnehmen ließ und von ihnen umringt plötzlich voll Würde durch das Gefängnistor schritt, das kindlichschmale Gesicht mit der wächsernen Haut leicht erhoben und von den rauchenden Pechfackeln abgewendet, hatte sich Lenette rasch der Schuhe entledigt und war unter dem Schutz der Dunkelheit katzenfüßig entschlüpft. Eine Stunde später hatte sie den Magister Molitor gefunden; von einem schweren Fieber gepackt, lag er in der Wohnung seines gelehrten Freundes, des Propstes Lieblein. Sie berichtete das Geschehene. Das graue Haar hing zersträhnt über die Schläfen, ihre Kleider waren zerrissen, das Capuchon hatte sie verloren, doch ihre Erzählung war klar und kurz. Sie schloß mit den Worten: »Ich bin ein unwertes Weibsbild vor Gott dem Herrn, aber wenn ich ihn noch glauben soll, muß er jetzt helfen.« Am Bettende saß der Propst mit niedergeschlagenen Augen und schmerzlich verzogenem Mund, ein schöner Greis, im Hintergrund der Stube, wohin kein Licht fiel, lehnte Friedrich Spe an der Mauer.

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