Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jakob Wassermann >

Der Aufruhr um den Junker Ernst

Jakob Wassermann: Der Aufruhr um den Junker Ernst - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Aufruhr um den Junker Ernst
authorJakob Wassermann
year1995
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-12080-0
titleDer Aufruhr um den Junker Ernst
pages3-165
created20030509
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1926
Schließen

Navigation:

XII

Er folgte dem Bischof in dessen Gemach, dort blieb er nah an der Wand stehen, zu Boden schauend, hager und stumm. Die Arme hingen schwarz am schwarzen Kleid herab, aus den Ärmeln kamen die Hände hervor wie zwei große bleiche fleischige Früchte. Er schwieg, weil er die Rede des Bischofs abwartete, obwohl er besser wußte, was in dessen Brust vorging als dieser selbst. War er doch dazu erzogen, Menschen zu erraten und sie nach seiner Wissenschaft zu lenken, dadurch hatte er die Sicherheit gewonnen, die den Unsichern willfährig macht, und die Kälte, die den Lauen schreckt. Seine Verstandesschärfe hielt der düstern Erfahrung die Waage, die Schwärze, in der er sich bewegte, kannte kein Gesetz als das des blinden Gehorsams, und Leben bedeutete wenig, Geburt und Tod, gegen die Regel und ihre Einhaltung. Doch kann sich niemand seiner Menschenart entziehen, kann nicht ohne geheimes Selbstsein die Kreatur von unsichtbaren Hegern und Befehlern werden, die ihn in eine fertiggezimmerte Welt pferchen, damit er diene und schweige, so ist es nicht, immer bleibt der Kreis, den er außen abschreiten kann, so weit wie der Raum in seiner Seele, sonst hätte es nicht einen Mann wie Friedrich Spe geben können, Jesuitenpater wie der bischöfliche Kanzler, doch so verschieden von ihm wie unirdischer Stoff von irdischem, der zur selben Zeit trostbringend und leidheilend (so gut ers eben vermochte) als Hexenbeichtiger durch die Städte der fränkischen Bistümer wanderte und den Ketzerrichtern ein Dorn im Auge, dem Pater Gropp aus vielen Gründen ein Dorn im Herzen war.

Lossagung vom Junker war es, was der Pater Gropp zuvörderst vom Bischof verlangte. Der Bischof begehrte auf, sein Zappeln und Schelten verbarg nur schlecht die Furcht, die er vor dem Jesuiten empfand, der seinerseits so unerregt sprach, als läse er die Titel von einem Index ab. Bereits in dieser ersten Unterredung fiel das Wort Zauberei. Daß der Junker sich des todeswürdigen Delikts schuldig gemacht, litt keinen Zweifel, es handelte sich nicht mehr um Verdacht, da war Tatbestand und Beweis, wenn anders sich die Pestilenz, von der alles im Schloß und die Jugend in Stadt und Landschaft angesteckt war, aus dieser Quelle herleitete. Offensichtlich war der eingerissene Verderb, die Aufgelockertheit, die Wortlüsternheit, der Wahn und Rausch, in den er sie versetzte, das Schalksnarrentum, die Verminderung des Wohlanstands und der respektvollen Distanz, die Verkettung ihrer Gedanken mit den verruchten Gebilden, die seit der Anwesenheit des Junkers sogar in die Sinne der Ehrenfesten Eingang gefunden, wodurch das gemeine Wesen in Gefahr der Auflösung geriet. Dergleichen hatte sich schon ereignet. Hundert Jahre wars her seit den Böhaimischen Unruhen, die das Volk im Tauberkreis und Maingau ergriffen hatten; der Herr Bischof hatte nie davon gehört, Pater Gropp zögerte nicht mit der Belehrung. Ein schwärmerischer Jüngling, Hans Böheim, Bauernsohn aus Helmstadt im Taubergrund, zog mit Pauke und Sackpfeife auf Kirchweihen und Tanzfesten umher und verwirrte die Bauern mit Weissagungen und Predigten; die Reichen sollten sich ihres Reichtums entäußern, damit die Armen satt zu essen bekämen, Wald, Wasser und Luft, Wild, Fische und Vögel sollten jedem zur Benutzung frei sein, kirchliche wie weltliche Herrschaft werde enden, keiner werde mehr besitzen als der andere und Fürsten und Herren würden um Tagelohn arbeiten wie der Knecht. Die Dorfbewohner kamen mit Gaben zu ihm, Wachskerzen spendeten sie für die Kirche von Nicklashausen, wo er seinen Sitz hatte, Scharen von Pilgern strömten herzu, und sobald der Narr erschien, warf sich die Menge vor ihm nieder und flehte um seinen Segen. Heiliger Jüngling, bitt für uns, schrien sie, den Jüngling nannten sie ihn schlechtweg, das Hänselein, und die Frauen schnitten ihre Zöpfe ab, rissen die Brusttücher und spitzen Schuhe herunter, die Männer opferten ihre Brettspiele und Karten auf einem großen Feuer, wenn er sie nur anredete, waren sie verzückt, denn auch er war mit dem Schein der Unschuld und Schönheit ausgerüstet wie viele seinesgleichen, und wäre der Bischof Rudolf von Scherenberg, der dazumal regierte und ein schwacher Herr war, nicht vom Erzbischof Diether von Isenburg zu richterlichem Einschreiten gedrängt worden, die aufgewiegelten Horden hätten die Mauern von Würzburg erstürmt, die Stadt geplündert und ihn selber erschlagen, so aber bemächtigte man sich rechtzeitig des zauberischen Buben, der noch auf dem Scheiterhaufen sein Satanswerk vollführte, indem er Hymnen zum Preis der Jungfrau sang, bis der Rauch seine Stimme erstickte. »Jetzt habt Ihr das nämliche Unheil vor Euch«, schloß der Pater, »auch über den Junker von Ehrenberg hat der Böse sein lockendes Kleid gebreitet, hat ihm Reiz und angenehme Gebärde verliehen, Schelmerei und das schmeichlerische Wort. Handelt sonach, wie es Euch Euer Gewissen und Euer Seelenheil vorschreibt.« Der Bischof jammerte: »Laßt mir Zeit, ich wills bedenken, laßt michs überschlafen, was rechtens ist, soll geschehn.« Der Pater hatte gegen eine Frist nichts einzuwenden; mit Verhaft und Verhör konnte er erst vorgehen, wenn der Bischof die Bewilligung erteilt, aber deren war er gewiß, und es verschlug ihm nichts, zu warten. Der Bischof lag stundenlang im Gebet und enthielt sich der Speise, ihm dünkte, die Luft sei dick von dämonischem Atem, er verbot, daß der Junker zu ihm komme, er verbot es sich selbst, dann spürte er Reue und Verlangen, zeigte sich rastloser denn je und wurde vor den Augen seiner Leute zum Türenhorcher. »Vielleicht kann man es bei der Exorzierung bewendet sein lassen«, schlug er am Abend dem Pater vor. Der Pater lächelte, was ihm übel zu Gesichte stand. »Feilscht Ihr mit mir um seine Seele, Herr Bischof?« fragte er mit kaum sich öffnenden Lippen. »Und wenn ichs täte?« rief der Bischof in furchtsamem Ärger. »So wärs ein schlechter Handel«, gab der Pater trocken zurück, »am Ende würdet Ihr zu Euerm großen Schaden draufzahlen.« Der Bischof sann abermals auf Zeitgewinn. »Laßt ihn selber kommen, hört ihn selber«, murmelte er. Der Pater schüttelte in verächtlicher Melancholie den Kopf. «Worauf hofft Ihr?« forschte er bitter. »Daß mich der Irrwisch in die Büsche lockt? Ihr wißt, Herr Bischof, daß der Satan in einem Menschenleibe sich nicht von dannen rührt, wenn man ihn glimpflich anfaßt, sondern nur, wenn man ihn hart befragt.« Der Bischof begann zu zittern, gerade das war es, wogegen er sich, in diesem einen Falle, sträubte. Es auszudenken war Grauen, doch wo das Grauen am dichtesten schwelte, lockte eine Lust. Der Pater las in der geschlängelten Falte auf der Stirn des Greises und sah, daß ihn förderte, was er las. »Ihr könnt ihn zärtlicher ans Herz schließen, wenn er Euch in der Pein als seinen wahren Wohltäter erkennt«, sagte er düster und in einer Eingebung, die sein Inneres stärker erhellte als sonst ein Wort aus seinem vorsichtigen Munde; »habt Ihrs nicht oft erfahren: beim Schreien des gemarterten Teufels lobsingt das Blut in unsern Adern wie Engelschöre; Zeuge zu sein von der Qual des Bösen reinigt, und doppelt lieben wir den, der uns in seinem Jammer erkennen läßt, daß wir verblendet waren und daß wir uns seinem geläuterten Leibe zuneigen dürfen.« Der Bischof erblaßte, wenn das Grauwerden seiner schlottrigen Backen so zu nennen war. Ihm war als stehe er in einem Kreis von Trichtern, in jedem einzelnen konnte er, durch die Verengung schauend, die Bilder gewahren, die zu vielen Hundert Malen seinen Geist in schauerliches Entzücken versetzt hatten, nicht allein, weil sie ihm die Gewähr gaben, daß er sich um die Herrlichkeit des Glaubens verdient machte und den Erzfeind an der empfindlichsten Stelle schlug; nicht allein, weil ihn die bebenden Leiber, die Todesseufzer, das zerrissene Fleisch, in Strahlen aufschießende Blut, das erstickte Stammeln und markzerschneidende Schreien unmißverstehlich versicherten, daß ihm ebensoviel dämonische Versuchungen und Bedrohungen erspart blieben, als da arme Sünder und Sünderinnen unter der Faust der Folterknechte winselten; es war auch etwas anderes dabei, Unerforschliches, nachtdunkles Wohlgefühl, das die Brust ausdehnte und zusammenzog, als ob sie das Innere einer von Melodien durchbrausten Orgel wäre. Es konnten zahllose Kammern sein, in die er durch die Trichterlöcher schaute, es war vielleicht nur eine einzige von zahllosen Opfern bevölkerte, aber das unersättliche Auge fiel stets auf den Pater Gropp, der als grauer Schatten durch den Purpurdunst schritt, um zu prüfen, welches Maß von Schmerz ein Mensch ertragen kann, damit er in blutiger Nacktheit sein Geschlecht vergesse und in die ausgebreitete Hand Gottes stürze wie ein vom Sturm verwehtes Sandkorn in eine schützende Mulde.

Der Bischof zauderte und zauderte. Sein Schwanken war Fieber, er faßte den Plan, den Junker entführen zu lassen und sprach mit dem Bruder Felician darüber, eine Stunde später wußte es Gropp und traf Vorkehrungen. In der darauffolgenden Nacht forderte er nachdrücklicher als bisher die Entscheidung. »Hängt Euch nicht an ein Trugbild, Herr Bischof«, warnte er. »Joannes de Rubescissa sagt: der Dämon weiß, wem er die Lüsternheit des Gaumens beibringt und den Antrieb zur Lust, wen er durch Freude verwirrt, durch Trauer verdunkelt, durch Traum verführt. Habt Ihr nicht gelesen, daß zum heiligen Parthenius, der Bischof war wie Ihr, Bischof von Lampsacus, ein Mann von unreinem Geist gebracht wurde, daß der Mann den Heiligen grüßte und der den Gruß nicht erwiderte, weil er mit einem einzigen Blick seines Seelenauges den Dämon in ihm erkannte? Warum gibst du mir nicht die Ehre des Grußes? fragt der Mann; ich habe dich gesehen und erkannt, warum du mich nicht? Der Heilige antwortet: Wenn du mich wirklich gesehen und erkannt hast, so verlasse das Geschöpf Gottes. Der Dämon ruft bestürzt: Willst du mich denn aus meiner Wohnung treiben? Ich bitte dich, gib mir wenigstens eine Frist. Ists nicht schon zu lange, daß du hier deine Wohnung hast? fragt der Heilige. Von Jugend auf, entgegnet der Dämon, und nie hat mich jemand erkannt außer du in diesem Augenblick. So ist es überliefert, Herr Bischof. Auch ich, obwohl ich mich in keinem Stück mit jenem Heiligen vergleichen kann, auch ich habe gesehen und erkannt.« Der Bischof riß erschrocken die Augen auf. »Wie denn? Zu welchem Zeitpunkt denn? Laßt hören, Gropp«, murmelte er verstört. Der Pater näherte sich dem Bischof und sagte, indem er seine sägende Stimme dämpfte: »Seit dem Tag, da ich des Junkers zum ersten Male ansichtig geworden, fühlte mein Geist die Lähmung durch höllische Phantasmagorie. Ist Euch nicht schon selbst die Ahnung gekommen, Herr Bischof, daß er in Wirklichkeit gar nicht existiert?« – »Wie? Nicht existiert? Um Gottes und Christi willen, wie meint Ihr das, Gropp?« lispelte der Bischof und bekreuzigte sich. »Es ist nur Spiegelung, was wir von ihm gewahren«, antwortete der Pater, »phantasmagorisch wie sein Wesen ist auch seine Person. Zwingt ihn, zu erscheinen, und Ihr werdet von der Magie befreit sein, die von ihm ausströmt. Da habt Ihr das Rätsel, da ist seine Deutung.« Der Bischof erhob sich, die Beine trugen ihn kaum. »Demnach wäre es nur ein dämonisches Gespenst, das mir mit dem Schein der Leiblichkeit vor den Sinnen schwirrt?« hauchte er. Der Pater nickte stumm. »Und Ihr meint, daß wir erst sein wahrhaftes Ich aus dem grausigen Schlund heraufholen müssen?« Der Pater nickte. »Im Spiegel drin, da ist er«, fuhr der Bischof fort, schlüpfte mit den Händen in die Ärmel der Soutane und schritt verzweifelt auf und ab, »da spricht er, erzählt er, lacht er, zaubert er, und im Raum ist nichts von ihm da, nicht ein Haar seines Leibes von ihm da?« Der Pater nickte. »Ich habe es erlebt«, sagte er und erhob langsam die Lider, hinter denen die flüssige Schwärze der Augen schillerte, »indem er mich nötigte, seine unwirkliche Existenz für eine wirkliche zu nehmen, war ich selber in Gefahr, meine wirkliche einzubüßen. Ich ging zum ersten Male hin, ich ging zum zweiten Male hin. Ich ging nach Ehrenberg hinaus und sah ihm zu und folgte ihm unbemerkt. Es war als hätte sich alle Wahrheit, deren ich bis zu einem gewissen Grad teilhaftig geworden, in Lüge und Verzerrung gewandelt. Er ist der Lügenschein. Er ist der Widersacher und die Widersach in einem.«

Den Junker Ernst als den Widersacher zu benennen, war aus einer dem Pater Gropp vielleicht unbekannten Tiefe seines Innern gesprochen. Hätte er ihn gebilligt und angenommen, so hätte er sich vertilgt und von der Bahn hinabgestoßen, auf der er mit eiserner Überzeugung wandelte; hätte er ihn nur zu verstehen gesucht, so wäre er schon ein Anderer gewesen, nicht mehr der Hasser des aus sich selbst erblühten Lebens, Verfolger der frei spielenden, schwerlos schwebenden Kreatur. Eben der trat er entgegen, als Bändiger, um sie in Ketten zu legen, damit sie seinem Geist gefalle und dem Herrn untertan war, für den auch er in Ketten ging. Du sollst nicht schweifen, dieweil ich in Ketten gehe, sagen diese; du sollst nicht lachen, dieweil ich erstarre vor der Verderbnis der Welt; du sollst nicht spielen und deine Gefährten ergötzen, indes meine rächende Hand nach dem Herzen der Menschheit greift, um mir seinen Schlag gehorsam zu machen; ich darf dich weder wissen noch sehen noch fühlen, denn du bist das sündhaft Abgelöste und mußt vor mir vergehn, sofern ich Bestand haben soll auf der Erde. So hätte er auch zum Baum reden können, zu einem schönen Tier, zu einer singenden Stimme, wäre sie nur vor seinen Augen so in die Greifbarkeit gewachsen wie dieser Mensch oder hätte sein Denken dieselbe grausame Folgerichtigkeit gehabt wie sein Handeln; aber es gibt einen Punkt, wo der kühnste Vernichter an das Gesetz der Gestirne und Gezeiten geschmiedet ist, und da muß er innehalten, da bricht seine Macht, das weiß er, und darum ist er so finster und so schweigsam.

Der Bischof, in seiner Not, entschloß sich zu einem letzten Versuch, zu einem, der seine Einfältigkeit und seinen abergläubischen Wahn aufzeigte, wobei ihn aber Pater Gropp gewähren ließ und sich begnügte, den seine Stunde erharrenden Zuschauer zu machen. In aller Frühe wurde einer der oberen Säle des Palastes bis zu halber Höhe der Mauern mit schwarzem Tuch ausgeschlagen. Auf einem schwarzverhangenen Tisch stand ein fünfarmiger Leuchter, und als die fünf Kerzen angezündet waren, gab der Bischof den Befehl, daß man den Junker Ernst hole. Man mußte ihn aus dem Schlaf wecken, und bis er sich gewaschen und angekleidet hatte, dauerte es eine gute Viertelstunde. Der Bischof war während der Zeit hinausgegangen, der Pater Gropp stand regungslos an der schwarzen Wand, den Blick zur Erde gekehrt. Da er von der Tür her helles Knabengelächter vernahm, schaute er unwillig empor. Der Bischof und der Junker waren auf der Schwelle zusammengestoßen; aus einem verschwiegenen Ort im Flur kommend und nach seiner Gewohnheit fahrig und kurzsichtig vorwärtslaufend, hatte der Bischof den Knaben nicht bemerkt und rannte ihn beinahe um. Der Junker hatte gesehen, woher der Oheim des Wegs kam, und als er nun so närrisch zu lachen begann, fragte ihn der Bischof unwirsch, weshalb er lache. Er habe an eine komische Geschichte denken müssen, antwortete der Junker. Was für eine Geschichte? Schon wieder eine Geschichte, immerfort Geschichten, nun, was für eine denn? drängte er, als Ernst nicht recht mit der Sprache heraus wollte. »In einer Stadt«, erzählte der Junker mit heiter zuckenden Lippen, »lebte ein reicher Bürger, der Geschäfte mit der kaiserlichen Majestät betrieb, und da er nicht mit sich im reinen war, ob er darüber mit seiner Ehefrau sprechen könne, beschloß er zu erproben, wie es um ihre Verschwiegenheit bestellt sei. Zu dem Zweck vertraute er ihr eines Tages an, daß ihm, während er auf einem gewissen Ort war, ein Rabe aus dem Hintern geflogen sei. Die Frau erstaunte und erschrak, sann eine Weile hin und her, konnte aber dann doch nicht anders als das Geheimnis einer Nachbarin zu berichten. Aber da waren es schon zwei Raben. Die erzählte es einer andern Nachbarin, da waren es drei Raben, und so wurden es immer mehr Raben, bis es, als die Kunde zu dem Bürger zurückkam, vierzig Raben waren, die ihm aus dem Hintern geflogen sein sollten, und um zu verhüten, daß es nicht noch weit mehr solche Unheilsvögel würden, versammelte er seine Mitbürger um sich und erklärte ihnen das böse Gerücht. Die Frau aber, da er sie als so geschwätzig erkannt hatte, ließ er natürlich nichts von seinen Angelegenheiten wissen.« Er brach von neuem in Gelächter aus, der Bischof verzog wider seinen Willen das Gesicht zu einem krampfhaften Schmunzeln, sah aber scheu in die Richtung, wo gleich einem im Stehen Schlafenden sich der Pater befand. »Paß auf, herzliebes Söhnchen«, wisperte er dem Jüngling zu und legte seinen Arm um dessen Nacken, »wir werden anitzt etwas mit dir vornehmen, und du mußt dein Bestes tun, mußt alle Kräfte zusammenraffen, damit der Ausgang für dich günstig sei.« Der Junker schien erst jetzt die schwarzen Vorhänge und die brennenden Kerzen zu gewahren. Sein Gesicht verfärbte sich, und er fragte: »Was ists, Herr Oheim?« Der Bischof näherte seine lederharte Wange der weichen des Junkers, und da ihn die Bartspitzen kitzelten, bog Ernst den Kopf zur Seite. »Fürcht dich nicht, Söhnchen«, schmeichelte der Bischof, und vor unsinniger Zärtlichkeit bebte seine alte Stimme, »fürcht dich nicht, tu nur alles, was ich dir sage.« Da erscholl die Stimme des Paters: »Ich denke, Herr Bischof, es ist genug an dem.« Gleichzeitig kam aus dem Winkel, hinter einem Betpult hervor, das Murmeln eines lateinischen Gebets. Dort kniete der Bruder Felician, Ernst sah nichts von ihm als seine langen eckigen Ohren unter dem Scapulier. Der Bischof trat in die Mitte des Raums, seine Züge verzerrten sich auf einmal zu schrecklicher Bosheit und Strenge, und er kreischte: »Zeig dich, Unhold! Zeig dich nunmehr in deiner wahren Gestalt!« Voll beklommenen Staunens schaute der Junker nach ihm hin. »Bin ichs, zu dem Ihr redet, Herr Oheim?« fragte er schüchtern. »Zeig dich in deiner wahren Gestalt oder sei verflucht!« schrie der Bischof in gellendem Diskant. »Ich bin ja da«, flüsterte der Junker. »Nicht du bists, dein Dämon ists«, war die zornige Entgegnung, »stoß ihn von dir, damit du bist.« Der Junker, unwillig und mit erwachendem Stolz, gab zurück: »Was Ihr da sagt, Herr Oheim, kann ich nicht verstehn.« Der Bischof reckte die Arme in die Luft: »So beschwör ich dich zum letzten Mal, im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, erscheine mir in deiner Wirklichkeit!« Der Junker schaute sich um, Schlimmes ahnend. Er sah die regungslose Figur des Paters abgewendet stehen und schlug beide Hände vor die Augen. »Gott gnad mir«, flüsterte er und sank auf die Knie; und wieder »Gott gnad mir«, und als er die Blicke auf das grausig zerrissene Gesicht des Bischofs richtete, rief er: »Anders kann ich nicht werden, Herr Oheim, so will ich bleiben, wie ich bin, und wär ich nicht, wie ich bin, dann wollt ich werden, wie ich bin.« Jetzt erhob der Pater Gropp triumphierend das Haupt. Der Bischof sagte mit verflackernder Stimme: »So möge das Recht seinen Lauf nehmen, Pater Gropp.« Zwei Soldaten von der Schloßwache traten ein und ergriffen den Junker.

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.