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Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande. 1. Band

Fritz Mauthner: Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande. 1. Band - Kapitel 7
Quellenangabe
authorFritz Mauthner
titleDer Atheismus und seine Geschichte im Abendlande. 1. Band
publisherDeutsche Verlags-Ansta
year1922
firstpub1920
correctorreuters@abc.de
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VI

Wir haben gesehen, daß die Befreiung vom Glauben an die Vorsehung, an die Unsterblichkeit der Seele, an die Wunder insofern doch einen Kampf gegen den Gottesbegriff in sich faßt, als diese Vorstellungen zwar nicht unmittelbar zu dem Wesen des abstrakten Gottes gehören, aber doch zu seinen Eigenschaften; und die Eigenschaften sind vom Wesen kaum zu trennen. Ich wollte mit allen diesen Ausführungen eigentlich nur begründen, weshalb ich mich berechtigt und verpflichtet fühle, alle diese religiösen Zweifel in einer Geschichte der Gottlosigkeit einen breiten Raum einnehmen zu lassen. Ich hätte den Zusammenhang noch allgemeiner ausdrücken können: es gibt gar keinen abstrakten Gottesbegriff, und darum ist der Kampf um Gott, dessen Geschichte ich bieten will, wirklich nur der Kampf um den bestimmten Gott des christlichen Abendlandes; schon darum durfte ich mich nicht auf die verhältnismäßig seltenen Fälle der radikalen, theoretischen, ich möchte sagen konfessionslosen Gottesverneinung oder Gottesleugnung beschränken, darum mußte ich alle antichristlichen Richtungen, auch die vorsichtigeren und selbst die maskierten, in meine Darstellung einbeziehen: den Socinianismus, den Deismus und das ganze weite Gebiet der Freidenkerei und der Aufklärung. Ja sogar die Forderung einer religiösen Duldsamkeit, weil sie der christlichen Religion ebenso fremd ist wie vielleicht der Religion Christi nahe steht, mußte für die gesamte christliche Zeit in den Rahmen dieser Darstellung einbezogen werden. Duldsamkeit hört eigentlich erst in unseren Tagen langsam auf, ein Zeichen verwegener Freidenkerei zu sein; volle Gleichberechtigung der Menschen verschiedener Konfessionen herrscht auch heute noch nicht.

 

Altertum

Doch auch die weite Ausdehnung, die ich so dem Kampfe gegen den Gottesbegriff gebe, zwingt mich nicht, verpflichtet und berechtigt mich nicht, die Freidenkerei und die religiöse Duldung der Griechen und Römer in gleicher Weise zu behandeln wie die Forderung von Freidenkerei und Duldung der letzten anderthalb Jahrtausende. Alle diese Begriffe werden gefälscht oder in ihrer Bedeutung unbewußt verändert, wenn man sie auf das Altertum anwendet.

Der gläubige Christ war zweimal darauf eingeschworen, daß er sein ewiges Heil einbüßte, wenn er gegen irgendein Dogma Zweifel hegte oder gar gegen das Dasein Gottes; er wurde dadurch ein Ketzer. Der christliche Fürst oder Staatsmann, wenn er gläubig war, durfte einen Zweifler oder Ketzer unter seinen Beamten nicht haben, durfte einen Zweifler oder Ketzer des bösen Beispiels wegen überhaupt nicht im Lande dulden; ganz abgesehen davon, daß dem Fürsten oder Staatsmanns von der Geistlichkeit die Ausrottung jeder Ketzerei zur Pflicht gemacht wurde. Im Altertum dagegen gab es keine theologischen Sätze, auf die der einzelne eingeschworen gewesen wäre; die Gottlosigkeit in Athen, deren allgemeine Verbreitung Platon in einer seiner letzten Schriften, also kurz vor der Mitte des 4. Jahrhunderts beklagt, ist ja niemals ein Zweifel an irgendeinem angeblichen Gotteswort; die vorurteilslose Erforschung der Natur war freigestellt und auch die materialistische, mechanistische, atomistische Naturerklärung war nicht gottlos, solange der Lehrer den in der Stadt üblichen Gottesdienst nicht vernachlässigte oder verhöhnte. Der Gottesdienst gehörte zu den Einrichtungen des Stadtstaates, nicht mehr und nicht weniger als im Mittelalter und noch etwa zwei Jahrhunderte länger die christlichen Kleiderordnungen zu den sittlichen Einrichtungen unserer Städte gehörten, und wie die Kleiderordnungen des Mittelalters, so wurden auch die Gebräuche des heidnischen Gottesdienstes bald strenger geschützt, bald einer gewissen Willkür preisgegeben. Im Altertum waren die Anklagen auf Gottesleugnung eigentlich immer nur – wie oft genug gesagt – Anklagen auf Vernachlässigung oder Störung des Gottesdienstes; die nicht sehr zahlreichen Prozesse gegen Gottlose waren also im Grunde immer politische Prozesse, auch dann, wenn nicht ausdrücklich überliefert ist, daß politische Gegner die Anklage betrieben hatten. Der Umstand, daß hier und da – wie in dem berühmtesten Falle, dem des Sokrates – die Todesstrafe verhängt wurde, darf uns nicht irremachen und darf uns nicht an die Greuel der Inquisition denken lassen; die Griechen und gar erst die Römer waren im Strafvollzuge rechte Barbaren und achteten das Leben nicht hoch, wenn sie auch von der teuflischen Grausamkeit christlicher Glaubensrichter nichts wußten; etwas von der Gleichgültigkeit gegen Todesqualen geht ohne Sentimentalität durch die antike Welt.

War aber nur der volkstümliche Gottesdienst gesetzlich geschützt, nicht irgendeine theologische Götterlehre, so konnte noch weniger der Glaube an andere Götter als die landesüblichen gesetzlich verboten werden; der Polytheismus war seinem Wesen nach duldsam. Wohlgemerkt, die alten, eingebürgerten Götterkulte sollten nicht vernachlässigt oder gestört werden; desto besser, wenn der Fromme noch anderen Göttern opferte, wie denn nachweislich manche Götter, die jetzt zur ältesten griechischen Mythologie zu gehören scheinen, jüngere Importen sind. Und das ist der Hauptunterschied zwischen der Duldung als einer Forderung der Freidenkerei und der Duldung im Altertume: die berüchtigte Vielgötterei der Griechen und Römer war, in den philosophisch gebildeten Kreisen wenigstens, so monotheistisch, daß eigentlich nur etwas Göttliches oder ein göttliches Etwas verehrt wurde, die Verehrung sich nach freier Wahl an diesen oder jenen Lokalgott richten konnte, die Götter aufeinander nicht eifersüchtig waren, zu religiöser oder gottesdienstlicher Unduldsamkeit also gar keine Veranlassung vorlag. Daß der Monotheismus aber bereits bei den Juden nicht echt war, nur ein exklusiver Dienst des jüdischen Lokalgottes, der gegen die dämonischen Götter der Nachbarvölker eiferte, daß das Christentum sogar die Heidengötter nicht leugnete, sondern sie wieder nur zu Dämonen oder Teufeln hinabdrückte und alle Ketzer als von solchen Teufeln besessene Menschen verfolgen zu müssen glaubte. Man könnte das Verhältnis der antiken und der christlichen Zeit zur Duldungsfrage auch so ausdrücken: die Griechen und Römer waren von Hause aus duldsam, besser noch, sie kannten den leise herabwürdigenden Begriff der Duldung gar nicht, sie freuten sich vielmehr, das Göttliche in den religiösen Vorstellungen anderer Völker wiederzufinden; das Christentum (wie vorher das Judentum) war von Hause aus unduldsam, eifersüchtig, der eigene Gott durch seine Priesterschaft herrschsüchtig, so daß schon die unwürdig bescheidene Forderung der Duldung als eine Auflehnung herauskam, als eine Auflehnung gegen den Alleinherrscher, der die Welt und die Unterwelt regierte. Die Griechen konnten gar nicht unduldsam werden, weil sie wohl eine Religion besaßen, aber keine Kirche; unduldsam war höchstens der Mysterienkult, der wirklich so etwas wie eine Kirche in das freie Wesen des Altertums hineinbrachte: einen geheimnisvollen (heute noch nicht ganz entschleierten) Kult, eine Heilansage für alle Glaubensgenossen, Ausschließlichkeit also, und die sonst den Griechen fremde Propaganda. Man hat die Mysterien von Eleusis oft mit der Mystik des christlichen Mittelalters verglichen; ich fürchte, man hat sich durch den etymologischen Zusammenhang der beiden Bezeichnungen verführen lassen. Mag man bei der heiligen Handlung an die katholische Messe denken oder bei dem sonstigen Treiben in Eleusis an die andere Messe, die Marktmesse, just die mystische Einheit fehlt.

Hatte ich so die Pflicht, den Begriff des Atheismus zu erweitern oder vielmehr den Rahmen so groß zu nehmen, daß er die Vorbereitungen zum Atheismus (Kirchenfeindschaft, Aufklärung, Duldsamkeit) mitumfassen konnte, so hatte ich doch auch das Recht oder nahm es mir, den Begriff des Atheismus räumlich und zeitlich einzuengen. Ich wollte mich auf die Geistesentwicklung beschränken, welche die Dogmen über den uns allen geläufigen Gott des christlichen Abendlandes leugnete oder auslöste. Es wäre eine ganz andere Aufgabe gewesen, etwa die Legende, nach welcher alle Völker der Erde an einen Gott glaubten, zu zerstören. Es wäre wieder eine andere Aufgabe gewesen, den buddhistischen Atheismus Asiens mit dem Atheismus des Abendlandes zu vergleichen; nach meiner Absicht gehört es zu meinem Gegenstande, auf die Bestrebungen hinzuweisen, die den atheistischen Buddhismus – samt einigen philosophischen Grundlagen und einigen abergläubischen Begleiterscheinungen – seit hundert Jahren zur Zukunftsreligion Europas machen möchten; der Buddhismus selbst bleibt außerhalb meines Planes. Doch auch zeitlich soll meine Darstellung erst da beginnen, wo die Aufklärungsarbeit sich gegen eine fertige christliche Kirche richtete, gegen den nach endlosen Streitigkeiten erst fest definierten Gott der christlichen Mythologie. So glaube ich im Rechte zu sein, wenn ich die Männer, die in dem Jahrhundert des Dogmenstreites z. B. die Dreieinigkeitslehre als eine Neuerung verwarfen und an dem einzigen Gotte festhielten (wie Arius selbst), nicht zu den Kirchenfeinden und Aufklärern rechne, wohl aber die Ketzer, die sich nachher gegen das Dogma und gegen die Kirche empörten, wie die Pelagianer und zuletzt die in ihrer ganzen Wirkung bis heute nicht genügend gewürdigten Socinianer. Und beinahe aus dem gleichen Grunde verzichte ich darauf, über den Atheismus der antiken Welt so eingehend zu berichten wie über den christlichen Atheismus. Die wichtigsten Erscheinungen und Ereignisse sollen hier in der Einleitung behandelt werden, eigentlich nur, weil die Renaissance auf die griechischen und römischen Atheisten zurückgriff und so die antiken Gottesleugner doch wieder in der Geschichte des christlichen Atheismus lebendig wurden.

Alte Philosophen und Dichter genossen Freiheit, sich über des Gottes Wort, soweit es aus den Orakeln sprach, lustig zu machen. Der Gottesbegriff selbst war nicht definiert, konnte also mit erstaunlicher Freiheit untersucht werden, nicht viel anders als bei uns die Begriffe: Naturgesetz, Energie, Entwicklung. Bei deren Erörterung es ja auch nicht immer ohne Drohungen und Denunziationen abgeht. In den geistig besseren Zeiten, die nicht gerade die politisch besseren sein mußten, herrschte bei den Griechen und Römern eine solche religiöse Freiheit, daß zu einer philosophischen Gottesleugnung gar kein besonderer Mut gehörte, daß die Meinungen über Gott einander unbefangen gegenüber standen wie die Meinungen über andere physikalische Fragen. Wirklich: vom Standpunkte namentlich der griechischen Naturphilosophen gehörte das Dasein Gottes zu den physikalischen Fragen. Der eine erklärte das Feuer für die erste Ursache, der andere das Wasser, der dritte den Gott oder die abstrakte Gottheit; keine Bibel bildete ein Hindernis; Homeros stand in hohem Ansehen, war aber eben doch nicht Gottes Wort. Ich hätte diese Freiheitlichkeit des antiken Denkens einfach so ausdrücken können: die Griechen und Römer glaubten keine Wissenschaft von Gott zu besitzen und stellten darum der Schriftstellerei über Gott und die Götter nicht die Unduldsamkeit und Zudringlichkeit der christlichen Theologie entgegen.

Die Griechen und Römer waren demnach so glücklich, eine Volksreligion oder Volksreligionen ohne Bibel und ohne Theologie zu besitzen; es wäre aber ganz ungeschichtlich, zu meinen, die antike Welt hätte die Unduldsamkeit und den Futterneid der Priester gar nicht gekannt. Das Dogma von der unvergleichlichen Herrlichkeit des klassischen Altertums täuscht uns. Die Wortführer des Humanismus im 16. und im 18. Jahrhundert beriefen sich gern auf die alten Griechen und rühmten die Toleranz des griechischen Volkes und der römischen Kaiser. Gegen die Humanität der Griechen spricht es schon, daß sie den Barbarenbegriff erfanden; gegen Barbaren wie gegen Sklaven war kaum eine Roheit verboten. Odysseus hängt die Mägde seines Hauses wie Krammetsvögel nebeneinander auf und Achilleus bringt dem Patroklos Menschenopfer; vor der Schlacht von Salamis, also in der Hellen Zeit der Geschichte schon, werden den Göttern Menschen geschlachtet. Die Griechen hatten also gar keine Ursache, ihre Randvölker Barbaren zu nennen. Die wahnsinnigen Infamien der Hexenprozesse und der Ketzerverbrennungen blieben ihnen allerdings fremd; aber so human waren sie denn doch nicht, daß sie nicht die Todesstrafe auch über kleinere Vergehen verhängt hätten, wie wegen Diebstahl, wie wegen Gotteslästerung. Nur daß sie sich just um das nicht kümmerten, was den christlichen Theologen Gotteslästerung ist, die Leugnung irgendeines Dogmas nämlich, daß sie durch Jahrhunderte die Phantasien ihrer gottlosen Naturphilosophen ruhig duldeten und erst dann einschritten, als das Volk selbst zu »praktizieren« aufzuhören schien. Gegen fremde Götter wie gegen den Gebrauch fremder Sprachen waren die Griechen nicht so duldsam wie die Römer; wenn aber die eigenen Götter in irgendeiner allgemeinen Not nicht geholfen hatten und der Aberglaube sich an die Gottheit eines Nachbarvolkes wandte, dann war man sehr geschickt, in dem neuen Kult den alten wiederzufinden. Erst Alexander der Große machte die Duldung fremder Götter zu einem Mittel seiner Politik, seines Imperialismus, wie man heute sagen würde; er erwies dem Apis der Ägypter und dem Jehova der Juden die gebührenden Ehren und ließ so die Vorstellung aufkommen, daß all den verschiedenen Religionsübungen der gleiche Dienst einer unbekannten Gottheit zugrunde lag. Eine solche Duldsamkeit, die schon Gleichgültigkeit war, wurde erst recht den Römern ein Mittel ihres dauernden Imperialismus, ihrer Welteroberungspolitik. Unduldsame Priester hat es auch im Altertum gegeben, besonders die Orakelpriester verteidigten ihre Einkünfte und ihr Ansehen zäh gegen die Aufklärer und Spötter; aber niemals war damals die Priesterschaft stark und einig genug, um der Regierung als ein Staat im Staate Schwierigkeiten zu machen.

Eigentlich waren die Griechen und Römer bereits Agnostiker, nicht im modernen Sinne, nicht so, als ob sie die Vorfragen der Religion unbeantwortet gelassen hätten, die letzten Fragen der Erkenntnis, aber doch so, daß sie jeden religiösen Zweifel gestatteten. Es war ihnen selbstverständlich, daß man sich der Landessitte fügte und den Göttern die üblichen Opfer darbrachte; es war ihnen aber ebenso selbstverständlich, daß man darüber nachdachte und redete, ob diese Götter wirklich existierten und ob sie die guten und nützlichen Eigenschaften besäßen, die ihnen zugeschrieben wurden.

Der antike Mensch brauchte, wenn er die Götter nicht fürchtete, keine Angst zu haben vor Verfolgungen der Behörden, seltene Fälle ausgenommen; noch freier war er aber dadurch, daß er keine innere Angst kannte vor jenseitigen Strafen des Atheismus. Der qualvolle Zustand eines Zweiflers, der seine Zweifel zu unterdrücken sucht, der sich mit Gebet und Kasteiung, mit Selbstvorwürfen und Demut zum Glauben zurückzuzwingen sucht, der seine eigene Überzeugung verdammt, der Zustand einer frommen Heuchelei vor sich selbst war dem Griechen und dem Römer ganz unbekannt. Der Glaube war keine Frage, die über das Leben nach dem Tode entschied.

Alle die Worte, welche die Freidenkerei betreffen, finden sich schon in der Sprache der Alten, aber sie haben bei ihnen einen anderen Sinn als heute: Gottlosigkeit, Gotteslästerung. Nach dem gemeinen Sprachgebrauch freilich hieß damals wie jetzt »gottlos«, wer die Sitte oder Moral seiner Zeitgenossen und Landsleute nicht achtete, wer also ein »schlechter« Mensch war. Im besonnenen Sprachgebrauch jedoch war Gottlosigkeit den Griechen auch nur dieser Mangel an Herdensinn oder an Takt, während wir im Ernste von Gottlosigkeit nur dann sprechen, wenn das Dasein eines Gottes geleugnet wird. Im Altertum, als die Vielgötterei Volksreligion war, konnte schon gottlos heißen, wer just das Dasein eines einzigen, unbekannten, namenlosen Gottes behauptete. Schon das griechische Wort für Gottlosigkeit, die Asebeia, ging nicht auf eine Überzeugung, sondern auf das gewohnte Benehmen: gottlos hieß, wer die Götter nicht fürchtete, am geordneten Gottesdienste nicht teilnahm; gottesfürchtig, wer (nach einer Erklärung des guten Xenophon) die Götter so ehrte, wie es nötig war, d. h. wie es herkömmlich war. Es ist kein Zufall, daß der fromme Luther den Ketzerbegriff beinahe mit den gleichen Worten erklärte: »Ein Ketzer heißt, der nicht glaubet die Stücke, die not und geboten sind zu glauben.« Neu ist in dieser Definition das Verlangen eines Glaubens und der Hinweis auf die Stücke des Katechismus, alt ist die Meinung, daß die Unterwerfung unter das Dogma oder unter den religiösen Brauch not oder nötig sei. Warum nötig? Nach der öffentlichen Meinung, also nach dem Herkommen. Über die Berufung auf das Herkommen oder bestenfalls auf den Staat gelangten die griechischen Verteidiger der Gottesfurcht niemals hinaus. Zwischen Gottlosigkeit und Landesverrat wurde nicht sehr genau unterschieden; wer sich des einen Frevels schuldig machte, der war auch des anderen verdächtig. Das delphische Orakel forderte keine andere Religiosität als den äußeren Gottesdienst nach der ererbten Sitte des Landes oder der Stadt. Und der angesehenste Mythologe der Griechen, Hesiodos, hatte gelehrt, man müßte nach hergebrachter Weise opfern und das älteste Gesetz wäre immer das beste. So darf man wohl sagen, daß die Griechen, wenn sie einen Freidenker wegen religiöser Vergehen verfolgten, die Anklage eigentlich niemals aus Gottesleugnung einrichteten, sondern immer auf dasjenige Unrecht, das man heute – wie schon hervorgehoben – etwa Störung des Gottesdienstes oder Religionsstörung nennen würde; auf ein Vergehen also, das auch eine atheistische Mehrheit nicht völlig aus dem Strafgesetzbuche streichen müßte.

Für den Bedeutungswandel, den der Begriff Atheismus im Laufe von zwei Jahrtausenden erfahren hat, glaube ich kein besseres Beispiel bieten zu können als einen Satz, der noch gegen Ende des 17. Jahrhunderts die frommen Christen nicht wenig erregte. Der Satz steht bei Plutarchos, der rebellische Gedanke wurde von Pierre Bayle hineingelegt: daß der Aberglaube schlimmer sei als der Atheismus.

 

Atheismus und Aberglaube

Plutarchos (ungefähr im Jahre 40 n. Chr. geboren und ungefähr 120 gestorben) hat den neuen christlichen Glauben in allen seinen Schriften niemals erwähnt und auch in den Zeilen, um die es sich mir handelt, natürlich nicht an christlichen Aberglauben gedacht. Ich gebe die Stelle, um jeden Verdacht einer tendenziösen Übersetzung auszuschließen, nach der alten Übersetzung des allzu vernünftigen Wolffianers Gottsched, der ein Feind der Franzosen und der Katholiken, aber durchaus kein Feind der christlichen Kirche war. Man tue der Gottheit mehr Schimpf an, wenn man sich dieselbe so einbilde, wie die Abergläubischen sich solche vorstellen, als wenn man glaube, sie sei gar nicht. »Ich kann mich nicht genug verwundern, wie man sagen kann, die Atheisterei sei eine Gottlosigkeit. Der ganze schulberühmte Aufsatz »Über den Aberglauben« ist in christendeutscher Sprache schon darum nicht wiederzugeben, weil das Titelwort (δεισιδαιμονια) eben wörtlich »Gottes furcht« heißt und nicht »Aberglauben«. Plutarchos meint wirklich: Gottesleugnung ist nicht so schädlich wie übertriebene Furcht vor den Göttern. Das sollte man vom Aberglauben und nicht von der Gottesleugnung sagen ... Ich für meine Person würde es lieber sehen, wenn alle Menschen in der Welt sprächen: Plutarch sei niemals gewesen, als wenn sie sagten: Plutarch sei ein unbeständiger, leichtsinniger, zorniger Mensch, der durch die geringsten Beleidigungen aufgebracht und über nichtswürdige Dinge verdrießlich werde.«

Wir werden uns später mit der Ketzerei zu beschäftigen haben, die Bayle aus diesen Worten des Plutarchos herauszog; Bayle faßte unter dem Begriffe des Aberglaubens sehr viel zusammen: antiken Glauben, neuen Aberglauben und dazu jede Art religiöser Schwärmerei, die von der offiziellen Kirche nicht geboten wurde und leicht zu Fanatismus führen konnte. Bei Bayle hatte also die These, Aberglaube wäre schlimmer als Atheismus, einen scharf freidenkerischen Sinn, besonders in politischer Beziehung: der Staat, der damals eben in Frankreich die Hugenotten ausrotten wollte, hätte gegen alle Ketzer, auch gegen die Atheisten, mehr Duldung zu üben als gegen die frommen Eiferer; ein Atheist könnte ein vortrefflicher Staatsbürger sein, ein atheistischer Staat oder ein Staat von Atheisten wäre ganz gut möglich. Wir werden sehen, wie Bayle mit dieser Lehre sogar noch über die Toleranzforderung Lockes hinausging. In wunderlicher Eigenbrödelei hat dann Rousseau, politisch ebenso radikal wie religiös oft rückständig, in seinem »Emile« gegen Plutarchos und gegen Bayle die Gefährlichkeit des Atheismus behauptet; der Fanatismus beweise trotz aller seiner blutigen Greuel doch eine große und edle Leidenschaft, die Gottlosigkeit sei friedfertig, doch nur aus Niedrigkeit der Gesinnung.

Was aber Plutarchos, der seiner bürgerlichen Stellung nach ein hochbezahlter Geistlicher war und als Philosoph ein mehr neuplatonischer als platonischer Moralprediger, mit seiner Verteidigung des Atheismus etwa sagen wollte, das hat mit der Freidenkerei eines Bayle gar nichts zu schaffen. Man könnte den Gedankengang des Plutarchos, des römischen Griechen, vielleicht so ausdrücken, daß der Unterschied zwischen der alten und der neuen Vorstellung von göttlichen Dingen deutlich herauskäme. Ungefähr so:

Eine sogenannte Wissenschaft der Theologie gibt es bei uns Griechen und Römern nicht; unsere Kirche hat kein Lehramt, unsere Religion hat keine Glaubensartikel. Darum ist unser Denken wirklich frei, wenigstens frei von theologischen Schranken. Philosophen und Priester sind oft entgegengesetzter Meinung, aber sie sind auch nicht verpflichtet, gleicher Meinung zu sein. Der Priester hat nicht den Beruf oder die Aufgabe, den Ursprung der Religion zu untersuchen und etwa gar den Gottesdienst auf eine göttliche Offenbarung zurückzuführen; er hat nur über die Einhaltung der alten gottesdienstlichen Bräuche zu wachen und jeden neuen Brauch für einen Aberglauben und eine Religionsstörung zu erklären. Der Philosoph dagegen hat den Beruf gewählt und sich selbst die Aufgabe gestellt, die Ursprünge der Welt und aller Dinge zu untersuchen; kommt er da zu dem Ergebnisse, daß der Ursprung das Wasser sei oder das Feuer oder eine Seelenkraft, so mag das richtig oder falsch sein, geht aber den Priester nichts an. Und wenn Plutarchos übermütig gewesen wäre, was er niemals war, so hätte er mit Benützung eines Wortes des von ihm verehrten Cicero auch sagen können: Wir opfern den Göttern, damit sie uns lieb haben, damit sie uns beglücken; sollten jedoch die Götter gar nicht existieren, so opfern wir ihnen weiter und sie können uns – gern haben.

Die von mir oft, vielleicht allzuoft, wiederholte Bemerkung, daß das Altertum keinen Katechismus seiner Religion besessen habe, kann für einen Leser von einiger Geschichtskenntnis nicht überraschend sein; und doch ist noch kaum bedacht worden, was alles mit diesem Unterschiede zwischen Christentum und »Heidentum« zusammenhängen mag. Wir sind daran gewöhnt, daß die religiösen Begriffe von der sogenannten Theologie untersucht und bestimmt werden, wie andere Begriffe von anderen »Wissenschaften«, daß die religiösen Vorstellungen in Dogmen oder Glaubenssätzen geordnet sind, daß man an diesen Dogmen den Rechtgläubigen wie den Ketzer genau erkennt, daß übrigens (was freilich erst Sache der Kirche war, nicht Sache der Religion) der Ketzer als ein Feind zu verfolgen ist. Die Griechen und Römer wußten nichts von Theologie, von Orthodoxie, von Ketzerei oder gar von systematischer Ketzerverfolgung.

 

Theologie

Das Wort »Theologie« besaßen sie freilich; die junge christliche Kirche, allerdings noch nicht das Neue Testament, hat es ja von den Griechen entlehnt. Wie aber die Griechen überhaupt griechisch als ihre Muttersprache redeten, wie darum ihre griechischen Worte keine wissenschaftlichen Termini waren, so war ihnen »Theologie« nicht die Bezeichnung einer besonderen Wissenschaft. Das spätere Christentum unterschied, wie es sich einbildete, zwischen der Theologie als der systematischen Lehre vom wahren Gott und der Mythologie als den zusammenhanglosen Geschichten von den falschen Göttern. Aristoteles, dessen Logik nachher so vielfach zur Begründung der scholastischen Theologik benützt wurde, konnte eine solche Wissenschaft von einem wahren Gotte gar nicht aufstellen; er hatte kein Buch vor sich, das er für Gottes Wort gehalten hätte; ihm war es darum ganz gleichgültig, ob er einen Dichter einen Mythologen oder einen Theologen nannte. Mythologie und Theologie waren gleichbedeutende Ausdrücke für die Dinge, die in der physischen Weltordnung nicht nachweisbar waren. Auch Platon und die Stoa errichteten kein Gebäude der Gotteswissenschaft, wenn sie auch recht viel von Gott zu erzählen wußten. Daß die Schule der Neuplatoniker nur eine neue Mythologie schuf, mit dem Rechte aller alten Dichter und Philosophen, das ist so gewiß, wie daß diese Mythologie nachträglich zu einem Teile der christlichen Theologie wurde. Nach antiker Anschauung waren Dichter wie Orpheus, Homeros, Hesiodos die eigentlichen Theologen; in der christlichen Zeit ging diese Bezeichnung δεολογος von den Fabeldichtern oder Mythologen auf Verfasser der biblischen Bücher über, ausdrücklich auf Moses und auf den Evangelisten Johannes. An die neue Theologie, die zunächst Christologie war, wurde von den Gläubigen geglaubt, was man so glauben nennt. Neu war gegenüber der Heiterkeit des Altertums, daß ein robuster Glaube ernsthaft verlangt wurde. Es hing eben für das Heil des einzelnen zu viel davon ab, daß die Berichte der neuen Theologie als auf Tatsachen beruhend geglaubt wurden: es gehöre zum Wesen des neuen Gottes, z. B. Gottes Sohn zu sein, von den Toten auferstanden zu sein. Ein Theologe hieß von jetzt ab, wer die Lehre vom Wesen Gottes und seinen unfaßbaren Geheimnissen, besonders der Trinität, in ein System brachte, eigentlich erst seit dem Kirchenvater Gregor von Nazianz, dem Theologen par excellence, also seit der Mitte des 4. Jahrhunderts, nachdem das Konzil von Nikäa gesprochen hatte. Es würde gar zu weit führen, wollte ich hier zeigen, wie die angebliche Gotteswissenschaft sich dann im Mittelalter zu einer umfassenden Wissenschaft von Gott und der Welt entwickelte, alle weltlichen Wissenschaften sich und damit der Kirche unterwarf, wie dann am Ende der Entwicklung die Selbstzersetzung des Protestantismus dazu führte, daß die Theologie (etwa seit Schleiermacher) zu einer Psychologie des Glaubensgefühls und dadurch wieder (bei Strauß) zu einer höheren, wissenschaftlichen Mythologie wurde.

Für den Unterschied des antiken und des christlichen Religionsbetriebes scheint es mir aber sehr bemerkenswert, daß die Auszeichnung des Heidentums, keinen Katechismus zu besitzen, im Mittelalter noch durch viele Jahrhunderte fortdauerte; es läßt sich nur schwer beweisen, scheint mir aber sicher, daß die Festlegung der Glaubensartikel und die Verfolgungssucht der Kirche gegen die Ketzer, die erst durch die Dogmen geschaffen wurden, einander wechselweise förderten. Ein Religionsunterricht in der uns geläufigen Ausdehnung bestand nicht. Man verlangte, noch tausend Jahre nach Christi Geburt, vom Christen nur, daß er das Kredo und das Vaterunser aufsagen konnte, womöglich auf Lateinisch, in einer auch der Form nach unverständlichen Sprache. Aber diese Kenntnis wurde allgemein nur von den Erwachsenen verlangt, namentlich von den Paten, die in der Lage sein sollten, ihren geistlichen Kindern das Kredo und das Vaterunser beizubringen. In einer Zeit, wo ganze Völker freiwillig oder gezwungen zum Christentum übertraten, konnte man es mit den Glaubensartikeln so genau nicht nehmen; auch lag der allgemeine Unterricht noch sehr im argen, und der Dogmenstreit war unmöglich bei einer Bevölkerung, die des Lesens und Schreibens unkundig war. Ohne die Schrift, ohne das geschriebene Wort, keine Ketzer und keine Ketzerverfolgungen. Und ohne den Egoismus einer herrschenden und reichen Kirche kein Antrieb zur Ketzerverfolgung.

Mit der entscheidenden Bedeutung eines wörtlich zu glaubenden Katechismus steht in engem Zusammenhang, daß der sogenannte Anabaptismus oder die Wiedertäuferei sehr früh, Jahrhunderte vor der Tragikomödie von Münster, zu einer verdammten Ketzerei wurde. Bekanntlich ist der Name dieser Sekte wieder einmal von ihren Gegnern aufgebracht worden; die Ketzer selbst konnten sich gar nicht Wiedertäufer nennen, weil sie ja die Gültigkeit der ersten Taufe nicht anerkannten. In Wahrheit machten nur die Wiedertäufer vollen Ernst mit der Lehre, das Heil jedes einzelnen hinge von seinem Glauben an den Wortlaut des Katechismus ab, den er doch verstehen mußte, um ihn glauben zu können; unbewußt steckte hinter diesem Ernste ein wenig Rationalismus, der sich um das Geheimnis der Taufwirkung nicht kümmerte. Die rechtgläubige Kirche begnügte sich mit dem Geheimnisse des Sakraments und fragte darum nicht viel danach, ob der Katechismus auch verstanden wurde. Darin aber waren die Orthodoxen und die Wiedertäufer so ziemlich einig, daß das höchste Gut des einzelnen abhängig wäre von seiner Unterwerfung unter die Sätze des Katechismus.

Man könnte demnach die Sachlage auch so ausdrücken, daß die antike Welt ihre Religion ohne Dogmen hatte. Die antike Welt brauchte darum auch gar nicht die Geistesanstrengung, die zur Befreiung von diesen Dogmen gehörte. Wer z. B. das Dasein der Götter leugnete, dem konnte das schlecht bekommen, wie überall und immer die Abkehr von der allgemeinen Volkssitte; aber er war nicht meineidig gegen einen Schwur, den er als Jüngling geleistet hatte.

 

Theologische Fakultät

Aber die antike Welt konnte auch nicht, wie die christliche nach einem Befreiungskampfe von ungefähr fünfzehnhundert Jahren, dazu gelangen, den Dogmenglauben in eine Dogmengeschichte aufzulösen und so wiederum die Theologie in eine Geschichte der Mythologie zu verwandeln. So fehlte dem Altertum die höchste wissenschaftliche Leistung, zu der wir es endlich gebracht haben, auf religiösem Gebiete nämlich: die vergleichende Religionsgeschichte; nur daß Griechen und Römer eine gewisse Vergleichung der Göttermythen immer trieben, allerdings mit dem durchaus unkritischen Geiste, der ihre Stärke im Leben und ihre Schwäche im Denken war. Dafür fehlte aber dem Altertum auch eine Erscheinung, die dereinst als eine Schande der christlichen Zeit empfunden werden wird: die Zugehörigkeit einer sogenannten theologischen Fakultät zu den Hochschulen, die so stolz auf ihre Aufgabe sind, das Wissen der Menschheit zu erhalten und zu vermehren. Ich weiß, daß diese Hochschulen in einer Zeit eingerichtet worden sind, die ehrlicherweise an Gott und die Gotteskunde glaubte, die das Wissen von göttlichen Dingen für das gewisseste Wissen hielt und darum berechtigt war, die theologische Fakultät als die älteste und wichtigste Fakultät zu ehren; diese geschichtliche Sachlage drückt sich ja schon darin deutlich genug aus, daß Staat und Kirche auch bei Errichtung neuer Universitäten die Anstellung theologischer Professoren unter Zustimmung der übrigen Fakultäten verlangen dürfen, daß aber Menschen und Hühner in ein schallendes Gelächter ausbrechen würden, wollte man den technischen Hochschulen theologische Lehrstühle angliedern. In Wahrheit besteht zwischen einer Universität und einem Polytechnikum bezüglich der Religion kein Unterschied: beide haben das Wissen zu erhalten, zu vererben und zu vermehren, nicht das Nichtwissen. Unter den vielen Disziplinen der Geschichtswissenschaft wäre ein Plätzchen oder ein Platz für vergleichende Religionsgeschichte, für Dogmengeschichte usw., wie ja auch Vorlesungen über indische und griechische Mythologie, über Astrologie, über den Hexenwahn zum Nutzen der Studenten gehalten werden. Ich habe noch von keinem deutschen Professor, von keinem Vertreter der voraussetzungslosen Wissenschaft gehört, daß er die Berufung an eine Universität mit der Begründung abgelehnt hätte, sie hätte sich von ihrer theologischen Fakultät noch nicht befreit; während es doch arme Jünglinge genug gibt, die den Buchhalterposten in einem Bankgeschäft ablehnen, welches auch nur in dem Rufe steht, unsichere Wertpapiere unter die Leute zu bringen.

Dafür, daß es im Altertum so ein Unding wie eine theologische Fakultät nicht gab, daß also wissenschaftliche Aufklärung ohne jede Kritik eines göttlichen Worts möglich war, nur ein Beispiel: die Unabhängigkeit der antiken Astronomie – wie aller Physik – von der Theologie.

 

Astronomie

Die Umdrehung des Himmelsgewölbes um die Erde wurde allgemein geglaubt, aber diese Lehre berief sich nicht auf Gottes Wort und war darum keine religiöse Glaubenssache. Als einige Naturphilosophen zu der Ahnung gelangten (niemals zu der wissenschaftlichen Entdeckung), die Erde wäre keine Scheibe, sondern eine Kugel, die Erde drehte sich um sich selbst oder um ein fabelhaftes Zentralfeuer, da gehörte zum Aussprechen einer solchen Phantasie gar keine besondere Tapferkeit, denn weder die Behörden noch die Priester fühlten den Beruf, die hergebrachten astronomischen Vorstellungen zu beschützen. Hätte ein Astronom des Altertums die Tat des Kopernikus geleistet oder leisten können, die Bewegung der Erde (um ihre eigene Achse und um die Sonne) berechnet oder berechnen können, so wäre dieser neuen Weltanschauung keine Priesterschaft und keine von Staat und Kirche unterhaltene Fakultät entgegengetreten; wie wir denn auch nicht hören, daß die griechischen Astronomen – von den Pythagoreern bis auf Aristarchos von Samos –, die sich die Welt heliozentrisch vorzustellen begannen, verfolgt worden wären. Die geozentrische Lehre, die sich auf Aristoteles berufen konnte, blieb im Altertum herrschend, aber nicht einer Bibel zuliebe, nur durch die Kraft der geistigen Trägheit; erst in christlicher Zeit wurde es zu einem Verbrechen, zu einer Gotteslästerung, an der geozentrischen Lehre des Aristoteles und des Alten Testamentes zu zweifeln. Ich sage nicht zu viel: im Altertum selbst regte man sich über die Frage, ob die Erde stillstände oder nicht, weniger auf, als vor etwa siebzig Jahren deutsche Forscher (Gruppe und Boeckh) sich über die philologische Frage aufregten, ob die Achsendrehung der Erde zum kosmischen System Platons gehört hätte oder nicht.

Und da ich einmal auf die Astronomie hingewiesen habe, möchte ich die kleine Abschweifung durch einige Worte über den Zusammenhang zwischen Astrologie und Theologie ergänzen. In närrischer Weise kreuzt sich mit dem Glauben an den Teil der Theologie, der für die Selbstsucht des Gläubigen immer der wichtigste ist, mit dem Glauben an die göttliche Leitung des Einzelschicksals, der Glaube an die Astrologie oder an die Vorherbestimmung des Einzelschicksals durch die Sterne. Nicht mehr als ein lustiger Zufall ist es, daß das zweite Stammwort in den Wortbildungen Theologie und Astrologie das gleiche ist; ursprünglich war »Astrologie« die jeweilige Wissenschaft von den Sternen und sank zur Bezeichnung für den Aberglauben an den Einfluß der Sterne erst in den jüngsten Jahrhunderten herab; ich werde es kaum erleben, daß »Theologie« denselben Weg nimmt. Ein Zufall ist es auch nur, daß der natürlichen eine positive Astrologie gegenüber steht wie der natürlichen Religion eine positive, obgleich in beiden Fällen die positive Ansicht die vergänglichere war. Merkwürdiger ist es schon, daß der Glaube an die Astrologie ungefähr zu der gleichen Zeit bei den Gebildeten des Abendlandes aufhörte, zu der die natürliche Religion oder der Deismus das positive Christentum zu überwinden begann; waren nämlich auch viele Kirchenhäupter der Astrologie ergeben gewesen (viele Päpste, aber auch Melanchthon), so war doch die Astrologie, von uralten Heiden des Orients erfunden und von Arabern nach Europa gebracht, eigentlich unchristlich, wurde von dem verchristelten römischen Recht und von der alten Kirche für strafbar erklärt. Unter den Griechen waren die fatalistischen und deistischen Stoiker überzeugte Astrologen, ein Astrologe war unter den Römern der ganz atheistische Seneca. Und noch in neuer Zeit glaubten mehr oder weniger an die Macht der Sterne die Unchristen Paracelsus und Cardanus.

Wer die Geschichte der Theologie mit der Geschichte der Astrologie genauer vergleichen wollte, dürfte den Umstand nicht vergessen, daß es auch im Sternenaberglauben Heuchler gab. Agrippa von Nettesheim lebte gelegentlich von der Astrologie, deren Unsinn er erkannt hatte, und selbst der große Kepler, während er den Todesstoß gegen die Astrologie berechnete, mußte Horoskope stellen, wenn er nicht verhungern wollte. Man denkt an die Päpste, die an den Christus nicht glaubten, als dessen Statthalter sie die Weltherrschaft beanspruchten.

Den Unterschied zwischen dem, was die christliche Welt Religion nennt, und dem, was die antike Welt so oder ähnlich nannte, hat schon Schopenhauer klar erkannt. Die Griechen besaßen keine heiligen Urkunden und kein Dogma, keinen Unterricht im Glauben, und ihre Priester predigten keine Moral; der Kultus in den Tempeln wurde von den kleinen Staaten geleistet und war also Polizeisache. »Bloß wer die Existenz der Götter öffentlich leugnete oder sonst sie verunglimpfte, war strafbar, denn er beleidigte den Staat, der ihnen diente ... Also Religion in unserem Sinne des Wortes hatten die Alten wirklich nicht.« Es war ein Spiel der Phantasie und ein Machwerk der Dichter aus Volksmärchen; die Verhöhnung eines Gottes wie die in den »Fröschen« des Aristophanes wäre in christlicher Zeit nicht möglich gewesen.

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