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Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande. 1. Band

Fritz Mauthner: Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande. 1. Band - Kapitel 32
Quellenangabe
authorFritz Mauthner
titleDer Atheismus und seine Geschichte im Abendlande. 1. Band
publisherDeutsche Verlags-Ansta
year1922
firstpub1920
correctorreuters@abc.de
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Neunzehnter Abschnitt
Der Socinianismus

 

Arianer

Die Unterscheidung zwischen Ketzern und Aufklärern läßt sich in Definitionen durchführen, nicht in einer Geschichte der Gottlosigkeit. Es ist immer nur eine Frage des Erfolges, ob die Anhänger eines bestimmten Dogmas nachher Rechtgläubige oder Ketzer genannt werden. Die Arianer waren so lange Altgläubige, Rechtgläubige, bis die Trinitarier siegten. In den arianischen Germanenstaaten wiederum wurden die römischen Trinitarier solange als eine Ketzersekte betrachtet, wohl auch verfolgt, bis die gotischen und fränkischen Fürsten alle ein Abkommen mit Rom getroffen hatten. Man muß die Geschichte nur nicht gläubig lesen, obgleich sie wie ein Legendenbuch geschrieben ist. Und wieder tausend Jahre später fühlten sich die neuen Antitrinitarier als die Rechtgläubigen, als die Bewahrer des Urchristentums, während sie von Katholiken und Protestanten als Ketzer, ja als Unchristen verschrien wurden. Wer sich an das Lehrgebäude hält, das durch Faustus Socinus ausgearbeitet wurde, mit viel Verstand und wenig Leidenschaft, um die Antitrinitarier in Polen zu einer geschlossenen Kirche zu organisieren, der wird ein wenig Aufklärung, viel Toleranz und gar keine Gottlosigkeit an den Antitrinitariern finden, die erst von da ab Socinianer hießen; wer aber im Auge behält, wie der linke Flügel der Socinianer mit der Dreieinigkeit auch die Anbetung Christi verwarf, wie die unruhigen Geister aus den westlichen Ländern bei den Socinianern Schutz suchten und fanden, wie die politischen Umsturzideen der Wiedertäufer sich an die Taufsitten der Socinianer knüpften, wie endlich in Holland die socinianischen Flüchtlinge von allen radikalen Parteien als Brüder aufgenommen wurden, wie vielleicht auch in Deutschland der Rationalismus durch Verbreitung socinianischer Schriften vorbereitet wurde, der wird nicht an der Tatsache zweifeln, daß Deismus und Aufklärung durch die socinianische Bewegung entscheidend beeinflußt worden sind. Wegen dieser geschichtlichen Zusammenhänge ist hier die Sekte der Socinianer eingehender zu behandeln als irgendeine andere der vielen christlichen Sekten.

 

Namen der Sekte

Die Schwierigkeiten einer verständlichen Darstellung beginnen schon beim Namen der Sekte. Sie bestand schon seit einigen Jahrzehnten, als sie durch die Lebensarbeit des Faustus Socinus einen Katechismus erhielt und nach diesem Socinus benannt wurde; zunächst von den Gegnern; viele Antitrinitarier lehnten es ab, ihre religiöse Überzeugung nach einem Menschen zu benennen. Bei den Gegnern jedoch behielt der Name »Socinianer« einen üblen Klang. In ähnlicher Weise, wie schon bei den Römern die Bezeichnung »Epikureer« einen schimpflichen Nebensinn bekam und durch anderthalb Jahrtausende behielt, wie bei den alten Christen bestimmte Ketzernamen, die nur das Bekenntnis zu einer angeblich irrigen Lehre aussprachen, von den Orthodoxen mit einer verächtlichen Nebenbedeutung verbunden wurden, so ging es seit dem 17. Jahrhundert besonders mit dem Namen »Socinianer«. Unitarier nannten sie sich gern selbst; nach der heutigen Mode hätten sie dafür Monisten gesagt, wie sie denn auch gegen die Bezeichnung Monarchianer nichts einzuwenden hatten. Auch nicht gegen die Spitznamen Collegianten und Prophetanten. In Polen hießen sie auch Afrikaner (wegen Berufung auf afrikanische Synoden?) oder Ebioniten, in Holland Alogi und auch Mennoniten, was sie um so entschiedener abwiesen, als Menno Simonis ein Wiedertäufer gewesen war und sie selbst zwar nur Erwachsene zu taufen pflegten, mit Eintauchung des ganzen Leibes, aber einmal getaufte Kinder nicht zum zweiten Male tauften. Trotzdem blieb ihnen auch in Polen der Name Wiedertäufer oder Novobaptizantes (polnisch nowo-chrzczenczy) nicht erspart. Selbstverständlich wurden sie auch unter der Rubrik der Arianer aufgeführt. Man begegnet aber auch dem Spitznamen Photinianer. Photinos (gest. 376) war ein wunderlicher Heiliger aus der Zeit des arianischen Kirchenstreites, mit den strengen Arianern nicht in allen Punkten einverstanden und darum von Athanasius in Gnaden aufgenommen. Wer Näheres über diesen Mann zu erfahren wünscht, mag das 4. Buch im 1. Teile der »Kirchen- und Ketzerhistorie« von Arnold nachlesen, die sich mit Recht auf dem Titel »unparteiisch« nennt. Eine Geschichte der Schimpfwörter müßte noch geschrieben werden; sie wäre ein arger Beitrag zur Geschichte der menschlichen Dummheit und Bosheit. Und noch hat die Lautfolge »Socinianer« den böswilligen Sinn nicht ganz verloren. Vor einigen Jahren sprach ich mit einem katholischen Geistlichen über die religiöse Weltanschauung Bismarcks. Als ich die Meinung, er wäre ein Atheist gewesen, zurückwies, bekam ich die heftige Antwort: »So war er ein Socinianer.« Dann stellte sich heraus, daß der Pfarrer so gut wie nichts von den Socinianern wußte und mit dem Worte unklar die Vorstellung von einem Materialisten oder Naturalisten verknüpfte.

Der zweifelhafte Ruhm, den Haß gegen die Socinianer zumeist verbreitet zu haben, gebührt einmal nicht Rom, sondern den protestantischen Sekten. Diese Erscheinung hat ihre guten inneren Gründe. Den Katholiken konnte eine durch halb Europa umhergehetzte evangelische Sekte ganz willkommen sein, die den kirchlichen Protestantismus durch Unbotmäßigkeit und durch das Pochen auf die Vernunft kompromittierte. Nur in den halbasiatischen Ländern, in Ungarn, Siebenbürgen und Polen, erlangten die Socinianer eine Macht, die auch dem Katholizismus gefährlich zu werden schien; und dort sammelten denn auch die Jesuiten der Gegenreformation ihre ganze Kraft und nahmen den Kampf gegen die Calvinisten, die Lutherischen und die Socinianer mit gleichem Erfolge auf. In den westlicheren Ländern waren die Katholiken entweder selbst verfolgt (wie in Holland und England) oder der Protestantismus erschien ihnen als der schlimmere Feind. Nur in Deutschland, wo die Reformation eine starre Form angenommen hatte, fürchtete man von der Sekte, die die Gottheit Christi leugnete, neue Änderungen und neue Unruhen. Den protestantischen Päpstlein schien sie die schwerste Gefahr. Die ersten Reformatoren hatten ja die Kirche nur reinigen wollen; sie übertrafen die römische Kirche weit an Innigkeit des Glaubens und an Vertrauen auf die Bibel. Ihrem germanischen Ernste war schon die äußerliche Kirchlichkeit Roms nicht genug. Der Socinianismus kam aber aus Italien her und stand in Verbindung mit dem heidnischen Platonismus der Renaissance.

Wer aber war der erste Wiederbeleber des alten Arianismus? Der nur zufällig den Namen Socinianismus erhielt.

 

Aufleben des Arianismus

Wo ein Reformator zugleich ein tüchtiger Organisator war oder durch zufällige Umstände zur Gründung einer dauernden Kirche geführt wurde, da scheint es einfach, die neue Lehre auf seine Persönlichkeit zurückzuführen: man braucht nur offiziös die Augen zu schließen für die Widersprüche in seiner Persönlichkeit und für die fremden Einflüsse auf seine Lehre. Wo aber die Bewegung sich zu keinem dauernden Bilde gestaltete, wie bei den Antitrinitariern, da erkennt man die Kompliziertheit, die man bei Luther und Calvin zu übersehen liebt. Die Redensart von der doppelten Wahrheit hatte der Theologie jedes Vorrecht vor der Philosophie eingeräumt, hatte aber nicht verhindert, daß schon sehr früh ein gewisser Rationalismus sich gegen die Widervernünftigkeit oder Übervernünftigkeit einiger Dogmen empörte. Als nun durch das siegreiche Fortschreiten der Reformation ein Beispiel gegeben war für die Möglichkeit, sich dem Dogma gegenüberzustellen, traten sofort vereinzelte Antitrinitarier in Süddeutschland und der Schweiz hervor; ohne jeden Erfolg; im Jahre 1529 wurde einer von ihnen in Konstanz, einer in Basel enthauptet. Immerhin schienen die Schriften dieser Männer den zielbewußten Reformatoren so gefährlich, daß man in der diplomatischen Augsburgischen Konfession es für nötig hielt, das Geheimnis der Trinität gegen die alten und ausdrücklich gegen die neuen Arianer festzulegen. »Samosatenser« sagten die Verfasser der Augsburgischen Konfession und meinten die Arianer; auf den Namen kommt es nicht an, seit zwölfhundert Jahren hatte ja die Auflehnung gegen das übervernünftige Dogma von der Dreieinigkeit niemals ganz aufgehört, und diese monotheistischen oder unitarischen Ketzer waren bald so, bald so beschimpft worden, nannten sich bald selbst Arianer oder wiesen bald die Bezeichnung Arianer zurück. Ich habe es nicht nötig, die ganze Geschichte des Arianismus Aus der dreibändigen » Histoire de l'Arianisme« des Jesuiten Louis Maimbourg (geb. 1610, gest. 1686) ist immerhin viel zu lernen, wenn der Verfasser auch leichtgläubig und haßerfüllt ist wie nur ein alter Kirchenvater. Maimbourg wurde später verdammt, weil er für die gallikanische Kirche gegen Rom Partei nahm. In der »Geschichte des Arianismus« ist er päpstlicher als der Papst und predigt überall Ausrottung durch Feuer und Schwert. auszuschreiben, um das Wiederauftauchen dieser Ketzerei im 16. Jahrhundert zu erklären. Wieder: es ist ein ganz ander Ding, ob Arius im 4. Jahrhundert als altgläubiger Mann die Neuerung des Athanasius zurückwies, oder ob zwölfhundert Jahre später ein Freidenker die Dreieinigkeit, die inzwischen – es muß wiederholt werden – eine der wichtigsten Lehren der orthodoxen Kirche geworden war, leugnete. Arius war nur konservativ gewesen, die neuen Arianer waren Rebellen, Rebellen gegen die alte römische Satzung, aber auch gegen die neuen protestantischen Kirchenordnungen. Man darf sich also auch nicht darüber wundern, daß dieser radikale Aufstand gegen das Dogma in den romanischen Ländern auftrat, während die Reformation, die eben keine Revolution sein wollte, an dem alten Dogmenbestande blutwenig änderte. Die Reformation, besonders in Deutschland, behauptete ja, an der bisherigen Kirche festhalten und nur Mißbräuche bessern zu wollen, die deutsche Reformation war von Hause aus mehr praktisch und sittlich als theologisch; die einsamen Denker in Spanien und Italien, die kein freiheitsuchendes Volk um sich und keine ländergierigen Fürsten hinter sich hatten, gingen weiter, weil sie ohne politische Absichten Logik und Philologie allein gegen das Dogma ausspielten.

Das Staunen über das scheinbar plötzliche Emporkommen des romanischen Arianismus hat dazu verführt, die Bewegung auf Erasmus zurückführen zu wollen, der ja einmal geäußert hatte: »Ich hätte es mit den Arianern gehalten, wenn es nur auch die Kirche getan hätte.« Das war Gleichgültigkeit gegen alle theologischen Stänkereien. Er konnte höchstens ein Anreger sein, weil er doch selbst ein Schüler des italienischen Humanismus war, der allen Formen der anfänglich so wirren Bewegung erst den Boden bereitete, der Reformation wie dem Arianismus. Richtig ist nur, daß dieser abseits stehende Mann, der ein Lukianist und sogar ein Atheist hieß, allein durch seine menschliche Schwäche verhindert wurde, sich gegen Rom zu erklären; ob für Luther oder für Arius, das mochte ihm wieder eine neue theologische Stänkerei scheinen. Selbstverständlich stand er innerlich im Streite um die Dreieinigkeit auf der Seite der Logik und Philologie; sein Cicero hätte niemals an die Dreieinigkeit geglaubt. Dieser sein Indifferentismus war so bekannt, daß ein katholischer Gegner den Scherz machen konnte, ihn Ariasmus anstatt Erasmus zu nennen; mit ähnlichem Witze sagte ein Socinianer Satanasius für Athanasius.

In Italien waren die Gelehrten und mit ihnen der gebildete Mittelstand, und die Fürsten erst recht, innerlich durch die Renaissance vom religiösen Glauben frei geworden; sie hatten die Kirche satt und fanden nur nicht den Mut, auch äußerlich mit ihr zu brechen. Als nun die Nachricht über die Alpen kam, Deutschland und die Schweiz hätten den Kampf gegen Rom mit Erfolg aufgenommen, war das für die italienischen Humanisten ein Signal, ihrer bisherigen Heuchelei ein Ende zu machen. Das taten sie aber in ganz anderer Weise als die glaubensinnigen deutschen Protestanten. Einerseits gingen sie unmittelbar an die Kritik der Dogmen, die den Protestanten heilig blieben, und verwarfen zunächst die Dreieinigkeit, das Gottmenschentum und die Genugtuung; anderseits beschränkten sie sich darauf, solche Verwegenheiten in geheimen Gesellschaften vorzutragen, besonders in Norditalien. Die römische Regierung ging bald sehr streng gegen alle diese protestantischen oder arianischen Konventikel vor, und so flüchteten zahlreiche Italiener, die irgendwie vom Katholizismus abgefallen waren, nach Genf. Hier finden wir etwa um 1550 schon die beiden Italiener, die nachher zur Ausbreitung des Arianismus im Osten Europas beitrugen: Lelio Sozzini, Biandrata; auch Ochino und Gentile gehören ja zu der italienischen Kolonie von Genf.

Man ersieht schon aus der Vergleichung der Jahreszahlen, daß der durch seinen Märtyrertod berühmteste Arianer der Reformationszeit, Michael Servet, nicht eigentlich als der erste romanische Antitrinitarier anzusehen ist; sein gräßliches Ende mag sogar lähmend auf die ohnehin geringe Tatkraft der Italiener eingewirkt haben.

 

Servet

Ich darf der Erscheinung Servets hier keinen weiteren Raum geben, weil dieser Mann sicherlich kein Gottesleugner, höchstens im Sinne auch der reformierten Kirche ein Unchrist war. Michael Servet war ein Spanier, wahrscheinlich 1511 geboren. Seine persönlichen Beziehungen zu Luther scheinen eine Legende zu sein. Sehr früh schon wurde es bekannt, daß dieser Spanier, der sich damals in Basel und Straßburg aufhielt, in seiner ersten Schrift (1531) sich arianisch über die Gottheit Christi geäußert hätte. Servet ging nach Frankreich, wurde dort Doktor der Medizin, trieb aber weiter Bibelkritik und gab 1553 sein Hauptwerk heraus, an dem er, halsstarrig und den Warnungen Calvins unzugänglich, viele Jahre gearbeitet hatte. » Christianismi Restitutio«, also wieder einmal ein Versuch, auf ein Urchristentum zurückzugehen. Von diesem Werke, das mit dem Verfasser zugleich verbrannt wurde, sollen heute nur noch drei Exemplare vorhanden sein. Er nennt darin die rechtgläubige Trinitätslehre unbiblisch, tritheistisch, atheistisch. Servet hatte sich nicht zu dem Buche bekannt; aber es war ein öffentliches Geheimnis und Calvin, der ihn schon vorher mit dem Tode bedroht hatte, wurde sein Todfeind. Er denunzierte ihn der französischen Inquisition, die den Spanier zum Feuertode verurteilte, aber (vielleicht um Calvin zu ärgern) entwischen ließ. Servet wollte über die Schweiz nach Italien flüchten und war so unvorsichtig, den Weg über Genf zu nehmen. Hier betrieb Calvin seine Verhaftung und dann, nicht ohne infame Heuchelei, seine Verurteilung. Servet stürzte sich nicht freiwillig ins Martyrium; in Nebenpunkten (Kindertaufe) erbot er sich zu einem Widerruf, in der Trinitätsfrage half er sich mit scholastischen Unterscheidungen. In Genf gab es eine starke Partei der »Libertiner«, die den Ketzer gegen Calvin schützen wollte. Aber die Theologen von vier Schweizer Städten sprachen sich für die Todesstrafe aus, und der Rat von Genf gab nach. Jetzt schien Servet schwach zu werden und flehte Calvin um Erbarmen an. Als aber Calvin unerbittlich blieb, ging Servet ohne Widerruf in den grauenvollen Feuertod, am 27. Oktober 1553. Am 27. Oktober 1903, 350 Jahre nach der Verbrennung, wurde an der Richtstätte ein Sühnedenkmal errichtet, dessen groteske Inschrift das fromme Kunststück zustande bringt, den Mörder des tapferen Helden, dem das monument expiatoire geweiht ist, in Worten der tiefsten Ehrfurcht und Dankbarkeit zu preisen und zu entschuldigen.

Die populäre Geschichtschreibung ist in Deutschland so protestantisch gerichtet, daß wir viel mehr über die Opfer der katholischen Inquisition erfahren als über die Opfer der reformatorischen Verfolgungssucht. Der Spanier Servet, nebenbei ein hervorragender Physiologe, wurde lebendig verbrannt, unter höllischen Qualen; Calvin war dabei der Bluthund Gottes, Melanchthon, Bucerus (»man sollte dem Servet die Eingeweide aus dem Leibe reißen«) und andere Verkünder des deutschen Evangeliums bellten ihren Beifall. Es ist eine Schmach und ein Jammer.

Die Ketzerei des Servet war eben, daß er bezüglich der Dreieinigkeit (er hat sie einen Cerberus genannt) auf das Neue Testament zurückging, die ganze theologische Terminologie verwarf und die drei gleichen und doch unterschiedenen Götter leugnete. »Es hat noch niemand jemals sagen und lehren können, wie man diese drei, deren jegliches ein Gott ist, doch nur der Zahl nach als Einen Gott verstehen möge.« Sehr merkwürdig ist (spielt aber meines Wissens in seinem Prozesse keine Rolle), daß er das Wort Gott ein nomen appellativum genannt hat; es war für ihn vielleicht ein sprachlich sehr guter Ausweg, um Jesus Christus trotz seines arianischen Bekenntnisses zur Not göttlich nennen zu dürfen, »wie Kaiser Augustus für Vergilius ein Gott war«.

Ich muß da eine Bemerkung einfügen, die für alle Arianer gilt, auch für die Socinianer, und die mir für das Verhältnis dieser Lehren zum Deismus und zum Atheismus von entscheidender Bedeutung zu sein scheint. In den scholastischen Streitigkeiten freilich, die über tausend Jahre lang die dogmatisierte Trinitätslehre behandelten, wurden immer nur die gleichen Begriffe gespalten und wiedergespalten, ohne daß einer der Doktoren der Kirche an dem unverstandenen Dogma selbst zu zweifeln wagte. Theologie gab sich für Wissenschaft aus. Sobald aber in der Renaissance der Menschenverstand der Antike sich zu regen wagte, bekam der alte Arianismus einen anderen Sinn. Die christliche Kirche hatte sich nun einmal so sehr mit der Trinitätslehre identifiziert, daß die Religion, die nur eine der drei Personen als Gott anerkannte, kein Christentum mehr war. Es war also ganz natürlich, wenn die Arianer des 16. Jahrhunderts außer der Trinität auch noch die Klerisei, ja auch die Sakramente angriffen. Sie waren in allen diesen Fragen wirklich den späteren Deisten sehr ähnlich, die sich denn auch auf das Verdammungswort des Servet beriefen: es sei eine Gotteslästerung oder Gottlosigkeit, drei Götter zu statuieren.

Nun wurde der Vorwurf des Atheismus gegen die Arianer (und die Socinianer und die Deisten) allerdings ohne viel Federlesens, ohne Überlegung und ohne Begründung erhoben, als der einfachste Versuch, den theologischen Gegner dem Henker zu überliefern. Als ein Schimpfwort, das tödlich wirken konnte und vielleicht sollte. Genau genommen konnten aber die orthodoxen Theologen, wenn sie nur auf dem Boden des gemeinen Volksglaubens standen, den Vorwurf mit gutem Gewissen machen. Für das christliche Volk war in seinem religiösen Alltag Jesus Christus nicht nur eine Person der Gottheit, er war der Gott, der Erlöser der Menschheit, der Richter des Jüngsten Tages. Wer deistisch nur den Gottvater anerkannte, die Gottheit des Sohnes aber leugnete, der war in den Augen des Volkes in Wahrheit ein Gottloser. Wie heutzutage einem guten Katholiken schon gottlos scheinen muß, wer sich weigert, die Jungfrau Maria zu verehren, die Muttergottes, die doch nicht zur Trinität gehört, und dennoch im Herzen recht inniger spanischer oder italienischer Katholiken zum Gotte geworden ist. Es wäre nicht unmöglich, daß sich daraus noch ein Dogma von der Gottheit Mariä usw. entwickelte; dann hießen wieder Ketzer, die an diese Lehre nicht glaubten. Heute schon ist man nicht ganz gottlos, wenn man zwar Gott leugnet, aber der Madonna vertraut. Sehr hübsch wird das dargestellt in einer kleinen Geschichte Multatulis, der »Seekrankheit«. Ein seekranker Mann ohne Religion wird von einem Barfüßermönch zum Beten ermahnt. » Mon père, je ne saurais prier ... Je suis athée.« Worauf der Barfüßer: » Bien, bien, j'en connais! Mais la Vierge, Monsieur, la Vierge?« Die Allegorie, die bei Multatuli oft wundervoll und mitunter auch schlecht hinter der Poesie verborgen liegt, ist in dieser Geschichte kaum angedeutet; kleine Madonnenfigürchen aus Zinn oder Blei wirken gegen die Schmerzen des Zweifels ungefähr so wie das Wundermittel des Dr. Colineau gegen die Seekrankheit. Man sieht hoffentlich, daß ich gar sehr geneigt bin, für die Mörder des Servet Milderungsgründe zu suchen; die Psychologie des Bluthundes ist am Ende auch Psychologie.

 

Lälius Socinus

Es ist nicht unwahrscheinlich, daß just die Ausbreitung arianischer Gemeinden in der Schweiz die Sorge Calvins bis zur Wut aufpeitschte; Ausrottung solcher Ketzer war für Katholiken wie für Protestanten eine natürliche Forderung, weil es doch nur einem Atheisten einfallen konnte, Toleranz oder Gewissensfreiheit zu verlangen. Man kann sich aber ausmalen, wie die Schilderung der grauenhaften Hinrichtung Servets auf die italienischen Arianer wirken mochte, von denen keiner ein Martyrium auf sich zu nehmen wünschte. Lelio Sozzini (der sich dann in dem barbarischen Westen und Osten Europas Lälius Socinus nannte, unter dieser Namensform bekannt wurde, weshalb ich weiterhin für ihn und seinen Neffen bei der Form Socinus bleiben will) war beim Tode Servets 28 Jahre alt. Er hatte wahrscheinlich schon in Italien arianischen Konventikeln angehört, hatte dann in der Schweiz, in Deutschland und in den österreichischen Erblanden Beziehungen zu mancherlei evangelischen Sekten angeknüpft, in Böhmen auch zu den polnischen Reformatoren, und war durch die päpstliche Inquisition um sein Vermögen gebracht worden. Der Tod Servets, der ein Erlöschen der arianischen Bewegung überall in der Schweiz zur Folge hatte, schreckte auch den Lälius Socinus so sehr, daß er es nicht mehr wagte, für die arianische Reformation öffentlich aufzutreten; und sein Name wäre heute vergessen, wäre ganz gewiß nicht der Name einer Sekte, wenn ein Neffe die Aufgabe des Onkels nicht unter günstigeren Umständen auf sich genommen hätte, ohne die Kraft oder Leidenschaft des Genies, aber mit dem Eigensinn und der Eitelkeit eines organisatorischen Talents. Der Onkel, der mit den bedeutendsten Theologen der beiden neuen Kirchen, mit Bullinger und Melanchthon, ebenso freundschaftlich verkehrte wie in Böhmen und später (1558) in Polen mit den Böhmischen Brüdern, begnügte sich damit, die Herren durch bescheidene Darlegung seiner Zweifel zu ärgern, übrigens aber seine Schriften und Notizen, oder was es war, vor der Welt zu verschließen. Es ist noch heute eine offene Frage, ob Faustus Socinus in der Hinterlassenschaft seines Onkels bloß die Anregungen zum Socinianismus gefunden habe oder bereits das ganze System.

 

Faustus Socinus

Faustus Socinus war nur vierzehn Jahre jünger als sein Onkel; er wurde 1539 zu Siena geboren. Während Lälius, ursprünglich Jurist, ungefähr das theologische und philosophische Wissen der Zeit beherrschte, hatte Faustus, früh verwaist, nichts Rechtes gelernt. Sein Onkel scheint ihn von Jugend auf zu einem Ketzer erzogen zu haben und ihn, wenn das nicht eine nachträgliche Prophezeiung war, zum Vollender des Werkes bestimmt zu haben: der Menschheit die arianische Reformation zu bringen. Der Onkel war der einzige Lehrer des Neffen, vielleicht noch mehr als Lehrer. Vielleicht bestand die ganze Lebensarbeit des Faustus Socinus nur darin, daß er die nachgelassenen Schriften des Lälius herausgab oder ordnete. Nachdem das Vermögen der Familie in Italien konfisziert worden war, hatte der Onkel in Zürich, der Neffe in Lyon eine Zuflucht gefunden. Als nun drei Jahre später (1562) der Onkel starb, brachte der Neffe den schriftlichen Nachlaß in Sicherheit, gab aber zunächst nur eine Erklärung vom ersten Kapitel des Evangeliums Johannis heraus, ohne Nennung des Verfassers; es ist nicht ganz sicher, ob Faustus da nur mündliche und schriftliche Anregungen des Onkels benützt oder dessen fertige Arbeit veröffentlicht habe. Gegen 1570 folgte eine Schrift über die Autorität der Bibel; die Tendenz war christlich, die Methode schon rationalistisch. Aber noch fühlte sich Faustus nicht als Religionsstifter. Er lebte von 1562 bis 1574 am Hofe des Großherzogs von Florenz, nach seinem eigenen Geständnisse als ein müßiger Hofmann. Erst nach dieser Zeit scheint er den Plan gefaßt oder sich reif gefühlt zu haben, das geistige Erbe seines Onkels zu verwalten. Von Basel aus veröffentlichte er (1577 und 1578) zwei reformatorische Bücher, das eine in großem Stile gegen die rechtgläubige Rechtfertigungslehre, das andere gegen die Annahme, die Menschen wären als unsterbliche Wesen geschaffen worden und der Tod wäre erst als Folge des Sündenfalls in die Welt gekommen.

Faustus, durch den Namen seines Onkels schon allen Antitrinitariern empfohlen, scheint durch diese Arbeiten rasch bekannt geworden zu sein; denn er wurde 1578 von Biandrata nach Siebenbürgen eingeladen, um dort für den zahmeren Arianismus gegen die radikalen und wirklich schon antichristlichen Nonadoranten (die die Anbetung Jesu Christi für einen Götzendienst erklärten) zu disputieren. Der Erfolg blieb aus und auch der Verkehr mit dem italienischen Landsmanne Biandrata muß für den vornehmen Faustus Socinus unerfreulich gewesen sein; Faustus ging 1579 nach dem benachbarten Polen, wo die Bedingungen günstiger schienen, die ihm angeblich vom Onkel gestellte Aufgabe zu lösen: eine arianische Reformation zu organisieren.

 

Pucci

Ich übergehe für jetzt einige italienische Eigenbrötler, die außer den genannten das Heil ihrer Seele oder auch nur das Heil ihres Leibes diesseits der Alpen suchten; ich darf aber nicht – der Zeit etwas vorgreifend – den wunderlichen und noch über hundert Jahre später vielgenannten Pucci übergehen, nebenbei, der den protestantischen Theologen Deutschlands, ich weiß nicht warum, immer wieder als der nichtswürdigste unter den italienischen Freigeistern erschien.

Bald unter den Atheisten, bald unter den Naturalisten; d. h. unter den Bekennern einer Naturreligion, wird dieser Francesco Pucci angeführt, der 1592 ein Buch herausgab, welches allen Menschen, auch ohne Taufe und ohne Christenglauben, die Seligkeit zusprach, und der um 1600 starb. Wahrscheinlich in Prag, wo er »auf den persönlichen Rat eines Engels« in den Schoß der katholischen Kirche zurückgekehrt war; die Nachricht, er sei in Salzburg verhaftet und dann in Rom verbrannt worden, scheint wirklich falsch zu sein.

Es fällt schwer, aus den Schriften dieses Schwarmgeistes die Gedanken herauszulösen, die ihn trotzdem zu einem Deisten, zu einem Vorläufer des Herbert von Cherbury machen. Der wichtigste Umstand scheint mir der zu sein, daß Pucci zwar kein Socinianer war, von den polnischen Socinianern abgelehnt und von Faustus Socinus selbst heftig bekämpft wurde, daß er aber mit seinem sogenannten Naturalismus dennoch auf dem Boden der Socinianer stand. Pucci war ein unklarer und unruhiger Kopf. Als Italiener – es bleibe dahingestellt, ob er, der in Lyon das Gewerbe eines Kaufmanns trieb, wirklich aus einem alten Adelshause war Der tridentinische Index behauptet, er habe sich zu Unrecht den Namen der Pucci, unter denen es sogar Kardinäle gab, beigelegt. – war er selbstverständlich katholisch; in Lyon schloß er sich den Reformierten an, scheint aber bald, von neuen Zweifeln gequält, den Anschluß an Faustus Socinus gesucht zu haben; mit Disputationen, nicht als unterwürfiger Jünger. Auch von einem Zusammengehen mit den niederländischen Wiedertäufern wird berichtet. Häufig verfolgt, von katholischen, reformierten, lutherischen und unitarischen Schriftstellern um die Wette beschimpft (Galgenvogel, Monstrum, Teufelsknecht), trieb er sich in der Schweiz, England, Holland und Polen umher, bis er – wir wissen nichts über sein Alter – in Prag die Ruhe des Grabes fand.

Der Zorn aller dieser Sekten spricht für den Mann, der jedenfalls ein Eigenbrötler war, ein Enthusiast, wie man damals viele Leute nannte, die Gottsucher auf eigene Faust waren. Was jedoch den Haß aller dieser Dogmatiker gegen Pucci erregte, ist darum schwer auszumachen, weil die Streitigkeiten in einer Sprache geführt wurden, die nicht mehr unsere Sprache ist. Ich habe schon bei einer anderen Gelegenheit bemerkt, daß der starre Bibelglaube des 16. Jahrhunderts uns hindert, uns ganz in die Seele der damaligen Theologen hineinzuversetzen; und Pucci war überdies kein richtiger Theologe, er war ein Dilettant, der wie die Quäker und die Pietisten das Wort Gottes aus der Tiefe des Gemüts erklären wollte, ohne die landesüblichen Mittel der logischen und philologischen Gelahrtheit. Wieder stand es um diese Wortstreitigkeiten wie um die Scholastik, soweit diese auf Aristoteles eingeschworen war; in beiden Fällen fehlte eine ernsthafte Kritik. Auch die subjektivistische Bibelkritik mußte unterliegen, solange nicht eine Antwort gesucht wurde auf die beiden Fragen: Welches ist der wirkliche Sinn des Bibelworts? Ist die Bibel wirklich Gottes Wort? Galt die Bibel für Gottes Wort und galt die Meinung einer geschlossenen Kirche für objektiv und rechtgläubig, so waren die Lutheraner und die Reformierten, ja sogar die Socinianer im Vorteil gegen einen Einzelnen wie Pucci, wie die römische Kirche mit ihrer älteren Tradition im Vorteil war gegen alle Ketzer. So konnte ein gallikanischer Eiferer spottend behaupten, die Sekte des Puccianismus hätte nur drei Tage gedauert; in Wahrheit könnte von einer solchen Sekte kaum die Rede sein. Pucci wurde aber bis ins 18. Jahrhundert hinein viel genannt und immer wieder beschimpft, weil er mit Leidenschaft die duldsamen Grundgedanken des Deismus vorweggenommen hatte: der Glaube an einen Gott-Schöpfer wäre allen Menschen gemein und natürlich und zur Seligkeit hinreichend; es gäbe keine Erbsünde und des Menschen freier Wille könnte ohne besondere Gnade die Sünde meiden und das Heil erlangen. Die Socinianer schlossen den eigensinnigen Mann aus, weil er ein Dogma des Faustus Socinus, daß nämlich die Menschen sterblich erschaffen worden wären, nicht anerkennen wollte; in diesem Punkte erscheinen uns die Socinianer freilich moderner als Pucci, der die moralischen Folgen der Erbsünde leugnete und wunderlich genug die physiologischen zugab. Die Wut der Katholiken und Protestanten jedoch richtete sich gegen seine Toleranz; sie nannten es Gotteslästerung, daß er lehrte (Arnold II. S. 315): »Die einfältige Unwissenheit und Unglaube und der Mangel der Taufe, wo keine Bosheit dabei ist, schadet niemandem. Alle, welche Gott wahrhaftig trauen und anhangen, werden durch einen göttlichen Trieb erleuchtet und stimmen mit den wahren Christen ein, wenn sie nur friedlich und gütig gegen jedermann sind und andere nicht anfeinden und verfolgen.« Wir werden noch sehen, wieviel schwerfälliger Lamothe le Vayer die Heilsmöglichkeit der Nichtchristen begründete, wieviel tiefer und wirksamer Herbert die Naturreligion der Deisten aufstellte.

 

Bibelkritik der Socinianer

Ich habe schon erwähnt, daß sowohl Lälius Socinus als einige deutsche Nachfolger seines Neffen ihre Zeit durch die Kritik in Erstaunen setzten, die sie an den Worten der Bibel übten. Das darf uns den Unterschied zwischen den Socinianern und den eigentlichen Kritikern der Bibel nicht übersehen lassen. Die Socinianer, wie vor ihnen die Reformatoren und in alter Zeit die Arianer, hatten sich nur von der orthodoxen Deutung der Bibelstellen befreit, nicht vom Bibelglauben; sie glichen alle den alten Philologen, die stark waren in einer ganz unabhängigen Erklärung ihres Homeros, die Existenz des Homeros jedoch als eine Tatsache hinnahmen. Die Socinianer leugneten den heiligen Geist als eine göttliche Person, zweifelten aber nicht so recht daran, daß die Bibel von einem heiligen Geiste inspiriert wäre. Erst Spinoza und die englischen Deisten erweiterten die Kritik auf die Bibelworte selbst, verloren die Ehrfurcht zuerst vor dem Alten, dann vor dem Neuen Testamente und brachen so eine neue Bahn. Wir dürfen aber nicht vergessen, daß bei den Socinianern schon vorgebildet war, was uns nachher wie ein Neues entgegenkommt; daß sowohl in den populären wie in den gelehrten Glaubenssätzen der Socinianer sich die nackte Vernunftreligion bereits ankündigte.

Nach dem Rakowschen Katechismus, der vor allem antipapistisch ist und es mit den protestantischen Kirchen nicht ganz verderben möchte, gibt es keine sichtbare, keine zuverlässig wahre Kirche. Man müsse das Wort Gottes mit Hilfe der gesunden Vernunft deuten. Die Lehre von der Erbsünde stehe nicht in der Bibel und sei offenbar gottlos, weil sie Gott zu einem ungerechten und grausamen Wesen mache. Der Mensch sei von Natur gut. Auch die Dogmen von der Gnade und von der Prädestination werden als widervernünftig verworfen. Die Taufe sei von Jesus Christus nicht eingesetzt und für den Christen darum nicht notwendig. Die Abendmahlfeier sei eine bloße Erinnerung und kein Mysterium. Die Ehe nur ein bürgerlicher Vertrag.

Die Vorstellungen von der Hölle seien vielleicht ein böser Traum, die von der Auferstehung ganz unmöglich. Gegen die Auferstehung wird unter anderem ins Feld geführt, daß nicht nur die Menschenfresser menschliche Körper als Nahrung in sich aufnehmen; auch sonst wandere ein Menschenkörper im Kreislaufe der Natur durch die Verwesung und Verwandlung des Stoffs in Pflanzen von einem Menschen in den anderen, und so wäre es am Jüngsten Tage undurchführbar, jeden Stoff einem einzelnen Besitzer oder gar dem ursprünglichen Besitzer zuzuweisen.

Der Zorn der protestantischen Sekten richtete sich aber bekanntlich zumeist dagegen, daß die Socinianer, die darum allgemein die Unitarier oder die Antitrinitarier hießen, das Mysterium der Dreieinigkeit verwarfen. Schlimm genug, daß sie sich für die Unverständlichkeit dieses Dogmas auf ein lange nicht genug bekanntes Wort des heiligen Augustinus berufen konnten: » Dictum est tamen tres personae, non ut aliquid diceretur, sed ne taceretur.« ( de trin. V. 9)

Auch das Dogma von der Inkarnation behaupteten sie nicht zu verstehen, weder den Sinn noch den Nutzen der Inkarnation. Gott brauchte ja nur die Menschen als Heilige zu schaffen oder sie im Notfalle durch seinen Willen zu bessern; dann hatte er es nicht nötig, sie durch das Blut seines fleischgewordenen Sohnes zu erlösen.

Es war natürlich, daß die Socinianer bei so rationalistischen Anschauungen auch über den Staat und die Moral ketzerisch dachten. Sie lehrten: es gäbe nur eine einzige gute Moral, nämlich die für die menschliche Gesellschaft nützliche; das Wort des Gesetzes wäre das wahre Wort Gottes; eine Religion, die die einzig wahre zu sein behauptet, wäre unduldsam, also für keine Regierung annehmbar; die Regierungen dürften sich um theologische Streitigkeiten nicht kümmern und müßten volle Freiheit gewähren, über Religion, Politik und Moral nach Gutdünken zu schreiben; es gäbe keine ausschließlich gute Religion, gottgefällig wären nur die guten Bürger, gottlos nur die Störer des Gesellschaftsvertrages; kein guter Christ dürfte Soldat werden oder als Beamter Gewalt gebrauchen.

Die Gelehrten, die das Werk des Faustus Socinus fortführten, ein Crell, ein Völkel, haben schon viel von dem ausgesprochen, was dann durch die englischen Deisten Gemeingut des Abendlandes wurde; besonders Bibelkritik trieben sie schon mit erstaunlicher Gründlichkeit, wiesen sogar schon auf die Hebraismen im Neuen Testamente hin. Entscheidend ist, daß sie das Dasein eines einzigen, notwendigen, ewigen und unendlichen Gottes anerkannten, nicht aber, daß diese Idee uns natürlich und angeboren wäre. Auch von der Persönlichkeit Gottes und von der Vorsehung können wir uns keinen Begriff machen. »Der Immaterialismus ist ein indirekter Atheismus; man macht aus Gott ein geistiges Wesen, um aus ihm ein Nichts zu machen; denn ein Geist ist ein reines Vernunftwesen.« Endlich machen die Socinianer, als rechte Unitarier, keinen Unterschied zwischen dem Menschen und anderen Tieren.

Alle diese Ketzereien wurden nach christlicher Sitte durch Bibelstellen bewiesen. Da ist aber doch zu unterscheiden zwischen den deutschen Theologen der Socinianer einerseits und den englischen Deisten sowie vielleicht dem Lälius Socinus selbst anderseits. Lälius war bereits so unchristlich, daß er behauptete, man hätte auf die Sakramente zu großen Wert gelegt. Die englischen Deisten emanzipierten sich zwar nur langsam zuerst vom Alten und dann vom Neuen Testamente, aber sie betrieben doch die Bibelkritik von Anfang an mit einiger Freiheit. Anders die Theologen der Socinianer, sie wären ja sonst keine Theologen gewesen. Die Unterlage ihrer Bibelkritik war ein strammer Bibelglaube. Es mag ihre Sache bleiben, wie sie den Gegensatz von Kritik und Glauben vereinigten.

Übrigens wird auch von den Socinianern, wie erstaunlicherweise von so vielen anderen Ketzersekten, berichtet, daß sie weniger durch ihre Lehren, als durch ihr unsträfliches Leben so viele Anhänger gewannen. Die Gemeindemitglieder waren auch bei Andersgläubigen um ihrer Tugenden willen so wohlgelitten wie etwa die wackeren Leute der Brüdergemeinden; ihre Geistlichen hielten sich frei von der Simonie, von der die orthodoxen Amtsgenossen überall befleckt waren. Nur ausnahmsweise wurden sie als Menschen beschimpft: sie hätten den Teufel angebetet, »sie wären in Nobis-Krug Der Sinn ist deutlich: sie wären zur Hölle gefahren. Ich zitiere die Stelle, die im Deutschen Wörterbuch fehlt, nach Arnold (II. S. 535), der seinerseits das »Wächter-Hörnlein wider die Rosencreutzer« von Christianus Gilbertus de Spaignart p. 90 anführt, »andere heftige expressiones hievon zu geschweigen«. Die Etymologie des Wortes Nobis-Krug ist immer noch ungewiß; die alte Herleitung von abyssus scheint mir mehr als gewagt. dahingewandert«.

Versteht man unter dem Socinianismus nur die christliche Sekte, die eine Zeitlang in Polen und dann in Ungarn und Siebenbürgen ihre Kirchen und ihre Geistlichkeit besaß, dann darf man und muß man von dem eigentlich theologischen Lehrbegriffe einer bestimmten Religion sprechen, der sich aus dem Rakowschen Katechismus, aus den Schriften des Faustus und der anderen socinianischen Theologen ebenso einfach zusammenstellen läßt, wie der lutherische Glaube aus dem Katechismus und den Schriften der Lutheraner. Es darf aber nicht übersehen werden, daß man später unter Socinianismus die Geistesrichtung verstand, die sich durch die Leugnung der Gottheit Christi dem unchristlichen Deismus immer mehr näherte. Gerade die mehr negativen Theologen unter den Socinianern, wie nachher die mehr negativen Geister unter den Arminianern – die auch sofort als Socinianer verketzert und verfolgt wurden – stellen erst den gedanklichen und geschichtlichen Übergang zu Spinoza und zu den englischen Deisten her. Wie aber just in dem Jahrhundert der Reformation die Gottheit Christi geleugnet werden konnte, von hitzigen Reformatoren, nicht von Atheisten, das kann man nicht verstehen, wenn man sich nicht vorher von der Lehre der – ich möchte sagen – rechtgläubigen Socinianer einen Begriff gemacht hat; wobei schwer zu entscheiden sein wird, wie weit die offiziösen Prediger des Socinianismus ehrlich ihre künstlichen Glaubensartikel glaubten und wie weit sie sich eines Abfalls von der gemeinsamen christlichen Kirche bewußt waren. In einigen Dingen waren die Socinianer alle Fortsetzer der Reformatoren: sie waren geneigt, das Alte Testament fallen zu lassen, auch im Neuen Testament Irrtümer zuzugeben, die Vernunft und die Moral über den Wortlaut der Bibel zu stellen und so eine halbe Vernunftreligion zu begründen; aber sie gingen ja nicht so weit, an der Göttlichkeit der Heiligen Schrift zu zweifeln. Das Dasein Gottes erkannten sie selbstverständlich an, wenn sie auch die philosophischen Gottesbeweise nicht gelten ließen, einige Eigenschaften Gottes (Allwissenheit des möglichen Zukünftigen) einschränkten und aus der Vernunft und der Schrift zu beweisen suchten, die Dreieinigkeit ließe sich mit dem einen göttlichen Wesen nicht verbinden. Sie leugneten die Schöpfung aus dem Nichts und griffen die Lehre von der Erbsünde an: eine Sünde durch Erbgang wäre ohne Schuld, also keine Sünde. Wunderlich aus vernünftelnden und gläubigen Teilen gemischt war ihre Vorstellung von Christus. Er sei wesentlich ein Mensch gewesen, aber sein Werk sei doch weit über menschliche Erfahrung hinausgegangen. Christi Lehre habe das gelehrt, was wir seit Nietzsche den Übermenschen nennen. Er war also doch wieder kein bloßer Mensch und aus übernatürlichem Wege erzeugt. Die Radikalen, die Christum nicht anbeten und nicht anrufen wollten, wurden vom rechtgläubigen Katechismus der Socinianer für Unchristen erklärt. Bezüglich der kirchlichen Gemeinschaft waren auch die rechtgläubigen Socinianer den Einrichtungen der Katholiken und der Protestanten feindlich. Taufe und Abendmahl waren ihnen als bloße Zeichen und Erinnerungen nicht wichtig. Der Opfertod sei keine Bedingung einer Verzeihung der Sünden. Dem Staate wurden alle Rechte über die Kirche eingeräumt, nur nicht das Recht der Ketzerverfolgung. Die Auferstehung des Fleisches im buchstäblichen Sinne wurde preisgegeben, aber an der Unsterblichkeit der Seele und den Höllenstrafen wurde von einigen Socinianern festgehalten, natürlich auch am Teufelswahn.

 

Katechismus

Ein so kurzer Auszug aus der Lehre der Socinianer würde vollauf genügen, wenn es sich um eine gewöhnliche Ketzersekte handeln würde; aber der Socinianismus war eben mehr und weniger als eine solche Sekte. Weniger, weil die Anhänger, obgleich sie einige Jahrzehnte lang in Polen und Siebenbürgen anerkannt waren, Kirchen, Schulen und Druckereien einrichten durften, doch nicht wie die Katholiken, Lutheraner und Calvinisten auf Glaubensartikel eingeschworen waren; die Bücher der Polnischen Brüder waren eigentlich doch nur Privatarbeiten, und selbst der Katechismus von Rakow, nach welchem in den Schulen unterrichtet wurde, war – wie gesagt – keine verpflichtende Formel, die bei ihnen verbreitete Bibelübersetzung galt nicht für unfehlbar wie die Vulgata bei den Katholiken und, wenn man das Wort »unfehlbar« nicht zu genau nimmt, auch Luthers Übersetzung bei den Protestanten. Der Socinianismus war aber auch mehr als eine ketzerische Sekte, weil er – mit mehr oder weniger Kühnheit und Bewußtsein bei den verschiedenen Schriftstellern – die Vernunft zur Richterin über die Glaubenssätze machte. Der fromme Walch, der wieder einmal den Satan für die Erklärung der socinianischen Bewegung bemüht, hat so unrecht nicht, wenn er (»Religionsstreitigkeiten außer der lutherischen Kirche« IV, S. 342) die Socinianer den Rationalisten zuzählt, wenn er ihnen vorwirft, daß sie keinen Unterschied machen zwischen dem, was der Vernunft unbegreiflich, und dem, was ihr zuwider ist; freilich wirkt es auf uns nur humoristisch, wenn Walch da zornig ausruft: »Ein schändlicher Mißbrauch der Vernunft zeigt überhaupt keinen subtilen Verstand an«; wahr ist aber, daß die subjektive Bibeldeutung der Socinianer häufig an den Punkt kommt, wo die ketzerische Erklärung des Schriftworts in rationalistische Bibelkritik übergeht. Aus diesem Grunde muß ich auf einige Lehren der rechtgläubigen Socinianer noch etwas näher eingehen, obzwar mich ihre eigentlichen Ketzereien nicht beschäftigen.

An der göttlichen Herkunft der Bibel wird gewissermaßen amtlich festgehalten. Da aber außer den kanonischen Büchern auch andere gepriesen werden und Fälschungen in den kanonischen und in den apokryphischen Schriften nicht geleugnet werden, wird einer Bibelkritik Tür und Tor geöffnet. Die Vernunft könne bei der Deutung um so mehr zur Richtschnur genommen werden, als die Bibel ein allgemein verständliches Buch sei und man zu ihrem Verständnisse einer besonderen Erleuchtung nicht bedürfe. Was nun die Socinianer aus der Bibel über die Eigenschaften Gottes erschließen, von seiner Ewigkeit, seiner Allwissenheit, seiner Allgegenwart, seiner Güte und Gerechtigkeit, das ist größtenteils so theologisch oder scholastisch ausgedrückt, daß von da ab kein gerader Weg zu führen scheint zu der Vernunftreligion der englischen Deisten und der französischen Enzyklopädisten; aber einige Socinianer gehen wiederum in einer entscheidenden Frage noch weiter als die aufklärerischen Verkünder einer Naturreligion – ich könnte nicht sagen, ob es aus Überlegenheit oder aus Beschränktheit geschieht –, indem sie die Bibel als alleinige Quelle jeder Gotteserkenntnis betrachten und jeden natürlichen Weg zu Gott leugnen. So waren Gedankengänge angeregt, die, wenn erst die Bibelkritik die göttliche Herkunft der beiden Testamente unwahrscheinlich gemacht hatte, anstatt zum Deismus zum Atheismus führen konnten.

Der wichtigste Unterschied der Socinianer von den damals anerkannten christlichen Sekten bestand aber natürlich doch in ihrer Abwendung von der Dreieinigkeitslehre, worin sie bekanntlich die Nachfolger der zahlreichen arianischen Ketzer waren. In dieser Beziehung muß der Gesichtspunkt eingenommen werden, den man meines Wissens noch niemals bei Behandlung dieser Dinge herausgefunden hat, gerade seiner Einfachheit wegen. Ich glaube es nicht oft genug sagen zu können.

Es war eben eine ganz andere Sache, jetzt nach mehr als tausendjähriger Geltung das Dogma des Athanasius, das zum heiligsten Geheimnis aller christlichen Kirchen geworden war, bekämpfen und stürzen zu wollen. Das war noch mehr als das Schlagwort der meisten Ketzer, Rückkehr zum Urchristentum, das war, wenn man will, ein Rückschritt zu dem einen alten Judengott, über dessen Eigenschaften man so wenig Sicheres wußte, das war also, trotz aller angeführten Bibelstellen und trotz einer stark christelnden Ausdrucksweise, die Verkündigung einer – wenn ich so sagen darf – deistischen Offenbarungsreligion. Die Schwärmereien der Neuplatoniker hatten einst die Dreieinigkeit in die christliche Theologie und in die Sätze des Katechismus hineingebracht; jetzt waren es neue Platoniker, zu denen mit den beiden Socinus fast alle italienischen Antitrinitarier zählten, die die Dreieinigkeit wieder beseitigen wollten. Dazu gehörte eine offensive Kraft und ein Aufklärungseifer, während bei Arius nur von Defensive, von einem Widerstande gegen eine Entwicklung die Rede sein konnte. Gegen eine Entwicklung, die nur ein Hegelianer notwendig nennen dürfte.

Die Socinianer leugneten also ohne viel Federlesens die drei Personen in der Gottheit; gestützt auf die Bibel und auf die Logik erklärten sie den Vater allein für den Monarchen von Himmel und Erde. In diesem Punkte waren sie alle mehr oder weniger einverstanden. Sie leugneten demnach auch die Gottheit Christi, lehrten aber, er wäre zwar ein bloßer Mensch gewesen, doch vom Heiligen Geiste empfangen, von der Jungfrau Maria geboren und vom Vater an Sohnes Statt angenommen worden. Nur dürfe man in ihm nicht zwei Naturen annehmen, eine Sache könne nicht zugleich Feuer und Wasser sein. Damit fiel freilich das Verdienst und der Heilsgrund Christi fort. Über das Wesen des Heiligen Geistes, von dem dieser bloße Mensch empfangen sein sollte, waren sie sehr verschiedener und sehr unklarer Ansicht. Eine göttliche Person war ihnen der Heilige Geist keinesfalls; nur so ungefähr eine Kraft (in ihrem Katechismus heißt er » virtus«) oder bestenfalls eine wesentliche Eigenschaft Gottes.

 

Erbsünde

Noch freier äußert sich die Bibelkritik der Socinianer, wo sie die Erbsünde und damit die Grundlage der christlichen Sittenlehre behandeln; da ist der Vorwurf der Orthodoxen nicht unberechtigt, sie seien Naturalisten gewesen. Einen Stand der Unschuld habe es niemals gegeben; daß der Mensch nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen sei, das bedeute weder Heiligkeit noch ursprüngliche Unsterblichkeit, sondern nur die Herrschaft des Menschen über die anderen Geschöpfe. Von Anfang an sei der Mensch sterblich geschaffen worden; der Sündenfall habe also den Tod nicht erst in die Welt gebracht. Noch weniger habe der Sündenfall den Nachkommen schaden können. Der Mensch sei durch keine Erbsünde verderbt worden; er habe den freien Willen im Naturstande gehabt und durch die sogenannte Erbsünde nicht verloren. Offenbar könne also der Mensch durch seine eigene Naturkraft selig werden und brauche dazu nicht die Heilsordnung Christi, welche schon dadurch aufgehoben schien, daß Christus als ein bloßer Mensch gar nicht erst Mensch werden konnte. Viel schwieriger war es den Socinianern, sich mit der Auferstehung auseinanderzusetzen, die ja in den Evangelien ausführlich berichtet wird; sie halfen sich da mit scholastischen oder auch mit allegorischen Deutungen. Den Gesetzgeber Jesus Christus erkannten sie aber an und waren geneigt, ihm, obgleich er kein Gott wäre und nicht als Gott für uns gelitten hätte, so etwas wie göttliche Verehrung zu erweisen; im Gegensatze zu den Nonadoranten oder Davidisten. Ein neues Gesetz habe Christus verkündet, nicht aus eigener Kraft die Welt erlöst; die Lehre von der Genugtuung sei ungereimt, denn der Unschuldige dürfe nicht für den Schuldigen leiden; die Lehre von der Genugtuung sei sogar unmoralisch, in sittlicher Beziehung schädlich. Übrigens wird auch das königliche Amt Christi nur zögernd anerkannt, nur insoweit das Neue Testament ausdrücklich davon spricht; für einige Zeit werde Christus das Reich regieren, dann aber werde ihm die Herrschaft von Gott wieder abgenommen werden.

Es ist natürlich, daß die Leugner der Gottheit Christi von den Gnadenmitteln der Kirche wenig hielten. Durch die Taufe allein können weder Kinder noch Erwachsene wiedergeboren werden; einige nannten die Taufe einen Götzendienst, andere möchten sie als einen hübschen Gebrauch beibehalten wissen, wenigstens für Erwachsene. Eine Taufformel in Siebenbürgen lautete: »Ich taufe dich im Namen des Vaters als des Größeren, im Namen des Sohnes als des Kleineren und des Heiligen Geistes als des Kleinsten.« Faustus Socinus suchte ängstlich in dieser Sache zwischen den Parteien zu vermitteln; er gestattete die Wiedertaufe, unterzog sich ihr aber selbst nicht. Über den bloßen Erinnerungswert des Abendmahls waren die Socinianer einig; es war ihnen kein Sakrament.

Einig waren sie auch in ihrer Meinung von der Unsterblichkeit der Seele; aber diese Meinung war ein unerträgliches Gemisch von naturalistischen und höllischen Vorstellungen. Der leibliche Tod sei zunächst eine völlige Vernichtung, es gebe aber eine Auferstehung, nicht der Leiber, wohl aber der Seelen, die für den Himmel oder für die Hölle bestimmt wären. Die Streitigkeiten begannen erst da, wo die Stufen der Seligkeit und die Ewigkeit der Strafen in Frage kamen.

Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß die Bekenner eines solchen unchristlichen Christentums von den katholischen wie von den protestantischen Orthodoxen für äußerst lasterhaft erklärt wurden; es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß die Socinianer Menschen waren wie ihre Gegner, und je nach ihrem individuellen Charakter häßliche oder schöne Menschenzüge zeigten. Im ganzen waren die Führer der Sekte immer und überall, wo der Socinianismus zu einiger Macht gelangte, schlau und nachgiebig gegen die Fürsten, eigensinnig gegen Neuerer, doch nicht so unterwürfig nach oben und nicht so verfolgungssüchtig nach unten wie etwa Luther und die späteren lutherischen Theologen. Und als es mit dem Ansehen der Socinianer in den östlichen Ländern vorbei war, als die Ärmsten in westlichen Staaten eine Zuflucht fanden, galten sie, namentlich in Holland, für Muster eines sittlichen Lebenswandels.

Größe, geistige oder sittliche Größe, besaß die Sekte nicht. Nicht einmal die hinreißende Kraft eines neuen Gedankens. Man darf es getrost aussprechen, daß die beiden Socinus, der Onkel wie der Neffe, so wie die Theologen des Katechismus von Rakow in dogmatischer Beziehung nur ältere Gedanken wiederholten; und sie hatten einen großen Zulauf und konnten eine Gemeinde gründen, halb Kirche, halb Schule, weil sie geistloser waren als Servet und ihren Anhängern nicht ein Eingehen auf den idealen Pantheismus des unglücklichen Spaniers zumuteten; und weil sie in geschraubten Sätzen den Zusammenhang sogar mit der Orthodoxie Roms, anderswo mit der Reformation herstellten. Wer die Sätze Servets zu Ende zu denken wagte, wer den Stifter der christlichen Religion als einen bloßen Menschen nicht mehr angebetet wissen wollte, der verdarb es wieder mit dem Volke sowohl als mit den Gewalthabern, und mußte zugrunde gehen.

Dem Volke, besonders dem geistig so zurückgebliebenen Landvolke von Polen, mußten nicht nur die Nonadoranten, sondern auch die gemäßigten Socinianer, weil sie die Gottheit Christi leugneten, als radikale Unchristen erscheinen, und der Abscheu der Bevölkerung vor einer solchen Ketzerei wurde denn auch von der Gegenreformation weidlich ausgenützt. Wenn wir aber die Theologie auch der späteren Socinianer mit der Philosophie vergleichen, die sich gleichzeitig in Frankreich und in den Niederlanden zu regen begann, so wird uns die Halbheit deutlich, die nicht nur bei Faustus Socinus, sondern auch bei dem gründlicheren Wissowatius das Aussprechen des letzten Wortes hinderte. Ich will mich hier darauf beschränken, diese Sachlage an der Lehre zu erweisen, die von der Glaubwürdigkeit der Bibel und von dem Verhältnisse zwischen Vernunft und Offenbarung vorgetragen wurde.

 

Bibel

Die römische Kirche hatte ungefähr die Kirche auf die Bibel und wiederum die Bibel auf die Kirche gestellt; die protestantischen Sekten wollten diesen Schnitzer gegen alle Logik vermeiden und behalfen sich mehr oder weniger mit der mystischen Vorstellung, daß die Göttlichkeit der Bibel durch ihre innere Kraft bewiesen werde, die Echtheit der Schrift durch die Wahrheit des Inhalts. Eigentlich war bei diesem Gedankengange die Göttlichkeit der Bibel immer schon vorausgesetzt. Und diese Voraussetzung werden auch die Socinianer nicht los, so viele Mühe sie sich auch geben, den Zirkelschluß in der Beweisführung zu vertuschen. Die Socinianer gehen freilich viel weiter als die Protestanten, da sie sich, auf eine Gewißheit verzichtend, mit einer Wahrscheinlichkeit des Satzes begnügen, die Bibel sei göttlichen Ursprungs; sie ziehen den Schluß aus der moralischen Vortrefflichkeit der christlichen Religion und haben schon eine Ahnung davon, daß ein Werturteil über die Vortrefflichkeit auf dem Vorhandensein einer Natur- oder Vernunftreligion beruhen müsse. Sie machen aber nicht den entscheidenden Schritt, sich auf diese Natur- oder Vernunftreligion zu beschränken. Sie haften noch an dem tautologischen Satze: die Bibel ist göttlich, weil sie göttlich ist.

 

Wunder

Durch eine solche Unterwerfung unter die Bibel wird auch ihre ewige Berufung auf die Vernunft zu einer Halbheit. Sehr hübsch hat Wissowatius selbst das Verhältnis der Vernunft zur Bibel in einem Bilde dargestellt: die Heilige Schrift sei darin anderen Gesetzbüchern ähnlich, daß sie nicht selbst richte oder urteile, sondern der Vernunft das Urteil nach Maßgabe des Gesetzes überlasse. Die Schwierigkeit, welche unglaubliche Dinge der Vernunft bieten, wird nach dem Muster der Spätscholastik durch die beliebte Unterscheidung überwunden: nicht alles, was über die Vernunft sei, sei auch gegen die Vernunft. Manches, was man nicht begreifen kann, kann dennoch wirklich sein. Mit vorwissenschaftlicher Unbefangenheit wird diese alte Distinktion auf den Begriff des Wunders angewandt. Etwa so: was gegen die Erfahrungssätze der Natur behauptet wird, was gegen die Gewohnheit der Natur geschehen sein soll, wie z. B. der Stillstand der Sonne oder die jungfräuliche Geburt, das mag immer noch glaubhaft sein; was aber den logischen Gesetzen widerspricht, wie z. B. die Identität von Eins und Drei, das hat für unglaubhaft zu gelten. Hier scheint mir der Keim zu liegen, aus welchem sich der naturalistische Atheismus entwickeln konnte, eigentlich wider Willen der Socinianer. Machte erst die Naturwissenschaft solche Fortschritte – und das begann damals –, daß die Naturgesetze ebenso unverbrüchlich erschienen, wie einst nur die logischen Gesetze, so lag es nahe, etwa den Stillstand der Sonne oder die jungfräuliche Geburt für ebenso unglaubhaft zu erklären wie die Einheit in der Dreiheit. Kein echter Socinianer hat sich dazu verstiegen, sich durch Leugnung aller Wunder völlig von jeder positiven Religion zu lösen. Wissowatius, bereits in der neuen Philosophie heimisch, war kühn genug, in seiner »Vernunftreligion« die Unterwerfung der Vernunft unter den Glauben abzulehnen, weil sonst jedes Dogma jedes Bekenntnisses den gleichen Anspruch auf Anerkennung hätte; aber auch Wissowatius wollte ein christlicher Theologe heißen. Trotzdem bleibt der Socinianismus gedanklich und geschichtlich eine Vorfrucht des Deismus und somit des Atheismus. Es ist kein Zufall, daß Spinoza in seinem theologisch-politischen Traktate manche Tendenz des Socinianismus aufnimmt und nur mit unvergleichlich schärferem Schnitt das Ziel der Philosophie vom Ziele der Religion trennt. Und wieder ist es kein Zufall, daß im 19. Jahrhundert ein Mann, der sich wieder einen Unitarier nennt, der Amerikaner Theodor Parker, in einer Untersuchung über religiöse Fragen (» A discourse of matters pertaining to Religion« 1846) das Ideal einer absoluten Religion aufstellt, die bei allen Verbeugungen vor Jesus Christus wirklich kein Christentum mehr ist. Man müsse aufhören mit den Interpretationskünsten, die widervernünftige Dinge verteidigen wollen; man müsse jede Autorität der Bibel aufheben; darin bestehe der Fortschritt der neuen Unitarier gegenüber den alten Socinianern. »Unser Christentum ist leeres Geschwätz: es ist nicht im Herzen, nicht in der Hand, nicht im Kopf, sondern lediglich auf der Zunge.« Nur die religiös gerichtete Stimmung unterscheidet einen solchen neuen Unitarier von den Feinden des Christentums.

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