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Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande. 1. Band

Fritz Mauthner: Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande. 1. Band - Kapitel 25
Quellenangabe
authorFritz Mauthner
titleDer Atheismus und seine Geschichte im Abendlande. 1. Band
publisherDeutsche Verlags-Ansta
year1922
firstpub1920
correctorreuters@abc.de
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Zwölfter Abschnitt
Befreiung von der Hexenreligion

 

Agrippa von Nettesheim

Der schon genannte Agrippa von Nettesheim (1486-1535) hat der Reformationszeit ein Werk geschenkt, das voll ist von Ketzerei und Aufklärung, über »die Eitelkeit und Unsicherheit der Wissenschaften«; doch er war seinem Charakter nach zu gottlos für einen Ketzer, zu unehrlich oder zu abergläubisch für einen Aufklärer. Ein Tollkopf auf eigene Faust, der durch Alchimie, Astrologie, Scharlatanerie und andere geheime Künste nach Geld und Ehre strebte und nur einmal, in bedrängter Lage, sein skeptisches Bekenntnisbuch wie einen Aufschrei hervorstieß, ohne darum seine okkultistischen Schriften für immer zu verleugnen. Eine von den problematischen Naturen im Sinne Goethes: keiner Lage gewachsen, in der sie sich befinden, und denen keine genug tut. Ein unzuverlässiger und schon darum unglücklicher Mensch. Es muß ihm aber hoch angerechnet werden, daß er den Hexenwahn nicht nur in seinem skeptischen Buche so leidenschaftlich bekämpfte wie jede andere Meinung der Zeit, sondern daß er sogar in einer amtlichen Stellung, so ungefähr als Syndikus von Metz, die Rettung einer Hexe gegen die Dominikaner durchsetzte. Übrigens war er zwei Jahre lang der Lehrer und Erzieher von Weyer und hat wahrscheinlich diesen tapfersten Gegner des Hexenwahns entscheidend beeinflußt. Für das Leben und die Schriften Agrippas darf ich auf meine eigene Einleitung zu seinem Hauptwerke verweisen (Bibliothek der Philosophen, 5. und 8. Band). Hier will ich nur einige Züge hervorheben.

Agrippa war zwar ein Deutscher, aus Köln gebürtig, reiht sich aber nach seiner Lebensführung den schlimmeren italienischen Humanisten an; er war wie sie gelehrt und gewissenlos, gierig und selbstsüchtig. Auch sein in manchen Stücken gewaltiges Hauptwerk »über die Eitelkeit und Unsicherheit der Wissenschaften« ist nicht skeptisch im Geiste einer ruhigen Abgeklärtheit, sondern nur ein letztes Wort der Verzweiflung. Agrippa hatte nach der Schlacht von Pavia seine Stellung als Leibarzt der Königin-Mutter von Frankreich eingebüßt, er war aus Trotz (vielleicht aus Rache) in die Dienste des Connétable von Bourbon getreten, und der Connétable war bei der Belagerung von Rom umgekommen, gegen die Prophezeiung Agrippas. Das war 1527. Agrippa war mit Frau und Kindern dem Hunger preisgegeben. Da vergaß er in wildem Hochmut seinen ganzen Lebensplan, Zauberei, Kabbala, Wichtigtuerei mit seinem ärztlichen und geheimen Wissen, da vergaß er alle gewohnte Rücksicht auf Fürsten und Höfe, auf die weltlichen und geistlichen Fakultäten und schleuderte mit grimmigem Lachen seine letzte Überzeugung » de incertitudine et vanitate omnium scientiarum atque artium« aus sich heraus. Es war ein geradezu zynischer Streich von ihm, eine für uns kaum begreifliche Frechheit, das okkultistische und das skeptische Werk beinahe zu gleicher Zeit zu veröffentlichen und sich nicht darum zu bekümmern, daß das eine vom anderen aufgehoben wurde; eine Geschichte der Gottlosigkeit wird von diesem unerhörten Widerspruche kaum berührt, weil doch auch die magischen Bücher Agrippas, soviel oder sowenig er von ihrem Inhalte in den Jahren der Drucklegung noch ehrlich geglaubt haben mag, eher heidnisch als christlich waren. Berührt wird unsere Geschichte durch diesen Zynismus nur insofern, als wir es da einmal mit einem starken, ja eigentlich faustischen Geiste zu tun haben, den ein Moralist freilich sehr niedrig einschätzen dürfte. Wie der Faust des Volksbuches war Agrippa von Nettesheim bei allem Titanismus auf der Oberfläche seines Lebens ein Abenteurer und Schwindler; vielleicht hat Goethe, der das Bekenntnisbuch Agrippas als Knabe entsetzt gelesen hatte, manchen Zug für seinen Faust benützt, der ja nicht der Faust des Volksbuches ist. Und manchen Zug des diabolischen Hofrats Hüisgen für seinen Mephistopheles. Hüisgen, ein Feind Gottes und der Menschen, hatte dem Knaben Goethe das Buch Agrippas empfohlen, ihn zu einem Pessimisten zu machen gesucht und ihn einmal mit dem Worte aufgeschreckt: »Auch in Gott entdeck' ich Fehler.«

Agrippas kabbalistischer Aberglaube, der sich – wie gesagt – mit seiner Kirchenfeindschaft recht gut verträgt, stimmt wirklich sehr schlecht zu seiner Bekämpfung des Hexenwahns; denn wer das Dasein aller anderen Zauberer lehrte, hatte keinen Grund, das Dasein von Hexen zu leugnen. Trotzdem hat Agrippa den Hexenprozeß der Inquisitoren mit der äußersten Schärfe angegriffen, auch bereits mit den theologischen Gründen (daß die Taufe ja gegen den Teufel schützen müsse) Weyers; er hat auch schon auf die Infamie hingewiesen, mit der die Hexenrichter und die bischöflichen Gerichtsherren durch die Prozesse Geld erpreßten. (Man vergleiche das 96. Kapitel, II., S. 137 ff. meiner Ausgabe.)

Zu einem deutlichen Atheismus bekennt sich Agrippa übrigens (um das gleich hier zu sagen) an keiner Stelle seines Bekenntnisbuches, ist aber nicht weit davon, ist jedenfalls ein dezidierter Nichtchrist. Von den Einrichtungen des Katholizismus redet er mit äußerster Verachtung; die meisten Päpste seien Pharisäer und Heuchler gewesen, die Kutte sei eine Erfindung des Teufels, das päpstliche Recht aus schändlichem Geize wider Gottes Wort entstanden, die Bettelmönche seien Schmarotzer, viele Geistliche Kuppler; man glaubt oft Luthers Stimme zu vernehmen, den Agrippa viel gerühmt, den er den unbesiegten Ketzer genannt hat, ohne sich jedoch der Reformation anzuschließen. Vielleicht mit aus Vorsicht, wie Erasmus, vielleicht aber doch, weil er überhaupt außerhalb des Christentums stand. Allerdings deckt er sich in dem Untertitel seines Buches, dann in einem besonderen Kapitel, dem 100., und in seiner Verteidigungsschrift mit dem Vorgeben, er habe das untrügliche Wort Gottes über alle trüglichen Wissenschaften gestellt; allerdings beruft er sich (II., S. 274) auf die scholastische Lehre von der doppelten Wahrheit, mit der sich so viele mittelalterliche Aufklärer behalfen; aber die Ironie, mit welcher Agrippa die Apostel zuerst Esel nennt (II., S. 180) und sich dann mit einer Lobrede auf die Esel zu schützen sucht, ist denn doch zu durchsichtig, als daß man an irgendeine Achtung vor der Bibel glauben könnte. Dazu kommt noch, daß Agrippas blutige Ironie (man beachte besonders die Stelle über Bibel und Papst I., S. 253) seinen Zeitgenossen unmittelbarer verständlich und darum belustigender sein mußte als uns. Endlich läßt Agrippa (im 56. Kapitel, I., S. 221) trotz eines rechtgläubigen Vorbehaltes keinen Zweifel darüber, daß er alle positiven Religionen, auch die christliche, als auf dem Belieben ihrer Stifter, also doch auf Betrug beruhend ansehe, als Erfindungen, in denen außer der Eitelkeit auch eine nicht geringe Bosheit enthalten sei. Nur eine unklare Naturreligion mag er etwa als den Menschen angeboren anerkennen, mit Berufung auf Aristoteles, den er übrigens oft und ganz unchristlich beschimpft, nicht anders als Luther es getan hatte.

Seine eigenen menschlichen Schwächen hat Agrippa sicherlich noch besser gekannt als wir, soweit sie nicht Charakterzüge der damaligen Gelehrten waren und ihm darum nicht ins Bewußtsein zu kommen brauchten; ein Sündenbekenntnis hat er freilich niemals abgelegt. Um so stolzer aber sich auf geistigem Gebiete eines seit Beginn der christlichen Zeit unerhörten Titanismus und Agnostizismus gerühmt. Ein lateinisches Epigramm, das er hinter das Inhaltsverzeichnis seines Buches wie versteckt hat, schließt mit den faustischen Worten: »Agrippa ist ein Philosoph, ein Dämon, Heros, Gott und alles.« Und die Widmung: »Nichts zu wissen, das glücklichste Leben.« Nihil scire felicissima vita.

 

Weyer

Mit ungleich größerem Ernste als der geniale Scharlatan Agrippa von Nettesheim hat sein Schüler Johannes Weyer (geb. 1516 in Nordbrabant, gest. 1588) den Kampf gegen den Hexenwahn in dessen schlimmster Zeit aufgenommen. Ich bleibe bei der Namensform Weyer, obgleich die lateinischen Ausgaben seines Hauptwerkes regelmäßig die Form »Wierus« zeigen und deutsche Berichterstatter ihn gewöhnlich »Wier« nannten. Binz hat überzeugend nachgewiesen, was übrigens schon Albrecht von Haller wußte, daß der niederländische Arzt sich in seiner Muttersprache etwa Wier schreiben konnte, was aber aus holländisch zweisilbig wie Weier ausgesprochen wurde, daß er und seine Söhne in deutschen Urkunden nie anders als Weyer hießen und daß der lateinische Name ( Piscinarius) ebenfalls auf »Weiher« hinweist. Entscheidend scheint mir, daß die erste deutsche Ausgabe seines Buches von der Zauberei (1567), an deren Herstellung er offenbar beteiligt war, den Herrn Johann Weyer als Verfasser nennt.

Das Religionsbekenntnis Weyers kann uns gleichgültig sein; nicht aber die offenbare Tatsache, daß es ihm selbst recht gleichgültig war, daß er den Protestantismus hochschätzte, zu einem förmlichen Übertritt aber nicht Veranlassung fand. Er war wie Erasmus indifferent; lebte aber in einer stilleren Zeit, in welcher ihm unter dem Schutze seines Herzogs eine entschiedene Stellungnahme erspart blieb. In der lateinischen Urschrift seines Zauberbuches hält er mit dem Lobe protestantischer Männer und Lehren etwas zurück; die deutsche Ausgabe nähert sich der Reformation weiter. Ich kann aber nicht finden, daß die lebhafte Stelle der ersten deutschen Vorrede ein Bekenntnis zum Protestantismus enthalte. Weyer redet da nur zu deutschen Protestanten und benützt die Gelegenheit zu dem erregten Vorwurfe, die Reformation habe den katholischen Hexenwahn beibehalten. »Wir sind so sehr fromm, wir sind evangelisch, wir sind dies und jenes, damit wir uns entschuldigen und rein machen wollen ... derhalben sucht man anderswo Hilf' und Rettung, hat seine Zuflucht zu den Wahrsagern, greift etwan die alten Weiber, macht ein Brandopfer davon, so kann Meister Hans (der Henker) das Ungewitter mit dem Feuer stillen und alles Unglück abwenden.« Leider wüte die Hexenverfolgung bei der reformierten Kirche am meisten. (Ebenso einseitig offen klagt später der tapfere Jesuit Spee darüber, daß der Hexenaberglaube bei den Katholiken besonders stark sei.) Beachtenswert ist es, daß Weyer den lateinischen Urtext mit der Erklärung schließt, er unterwerfe sich dem billigen Urteile der katholischen Kirche und sei zu einem Widerrufe bereit, daß aber in der deutschen Ausgabe das Wort »katholisch« durch »allgemein christliche Kirche« wiedergegeben wird. Auch in einer medizinischen Schrift von 1580 redet er (in der Widmung an eine protestantische Gräfin) vom Evangelium als der reinen Lehre und von dem »rechten Brauch«, ersetzt aber in späteren Auflagen die Worte durch »reformierten Brauch«. Man kann wohl sagen, daß Weyer schon seit seinem fünfzigsten Lebensjahre innerlich dem protestantischen Glauben zuneigte, den äußeren Übertritt niemals vollzog und in der lateinischen Originalausgabe seines Hauptwerkes gar nicht Partei nahm, weil er die Wirkung bei den Katholiken nicht abschwächen wollte.

 

Edelin

Jedenfalls ist er von Janssen ohne jedes Recht für den Katholizismus in Anspruch genommen worden. Wollte man einem Katholiken die Ehre geben, schon früher gegen den Hexenwahn aufgetreten zu sein, so hätte man Edelin nennen müssen, den Prior von St. Germain-en-Laye; der (vgl. S. 385) hatte gegen den Zauberglauben gepredigt, hatte dann widerrufen und bekennen müssen, er habe selbst an einem Hexensabbat teilgenommen und habe auf Anstiften des Teufels zur Schädigung der Kirche alle Zauberei für Einbildung erklärt; er wurde für seine fußfällige Abbitte zu lebenslänglichem Kerker begnadigt. Nur darf nicht übersehen werden, daß dieser Fall sich 1453 ereignete, also ein Menschenalter vor der amtlichen Bestätigung des Hexenwahns durch eine päpstliche Bulle, und daß bis zu Anfang des 16. Jahrhunderts sich manche Bischöfe – wie erzählt – der Mitwirkung bei den Hexenprozessen widersetzten. Auch die Notiz über Edelin entnehme ich dem Buche von Carl Binz »Doctor Johann Weyer, ein rheinischer Arzt, der erste Bekämpfer des Hexenwahns« (2. Auflage 1896), dem ich überall folge, wo ich nicht auf die lateinische Urschrift » Joannis Wieri de Praestigiis Daemonum et Incantationibus ac Veneficiis« (Basel 1566) und auf die deutsche Übersetzung von 1586 zurückgreife.

 

Weyer

Johann Weyer wurde zu Grave an der Maas als Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns geboren; Brabant gehörte damals politisch zu Deutschland; er selbst nennt einmal die deutsche Sprache, womit er aber das niederländische Niederdeutsch gemeint haben kann, seine Muttersprache. Er war noch nicht siebzehn Jahre alt, als er dem tollen Agrippa von Nettesheim übergeben wurde, um in dessen Hause unterrichtet und erzogen zu werden. Das war 1532 zu Bonn, wo Agrippa, eben aus den Niederlanden vor seinen Schulden und der Ungnade des Kaisers entflohen, unter dem Schutze des Erzbischofs von Köln, eines heimlichen Lutheraners, für kurze Zeit ein behagliches Heim gefunden hatte. Agrippa hatte damals sein skeptisches Bekenntnisbuch von der »Eitelkeit der Wissenschaften« schon herausgegeben und darin seine Meinung über Inquisition und Hexenprozeß schneidend genug ausgesprochen. Für seine Zeitgenossen, wohl auch für seinen jungen Schüler Weyer, war er aber zunächst ein berühmter Arzt, der sich mit Magie, Alchimie und allen okkulten Wissenschaften beschäftigte, gewiß auch selbst, von Aberglauben und Zweifel hin und her gerissen, allerlei Zauberwerk trieb. Als Agrippa drei Jahre später starb, zu Grenoble, erzählte man von seinem Ende Geschichten, die wieder an das alte Volksbuch Faust erinnern. Ein schwarzer Hund – der sein »Herr« gewesen sein mußte, weil Agrippa das Tier Monsieur nannte – sei bis zu seiner letzten Stunde um ihn gewesen; an seinem Todestage habe Agrippa das Halsband des Hundes, das magische Zeichen trug, abgenommen und gerufen: »Hinweg, du verfluchtes Geschöpf, durch das ich mein Heil verloren habe«; der Hund sei in den Wellen des Flusses verschwunden und in derselben Stunde sei Agrippa vom Teufel geholt worden.

Das Interesse, oder doch mein Interesse, an diesem Berichte ist so groß, daß ich die ganze Stelle nach der Übersetzung von 1586 hersetzen will. Weyer redet von dem Zauberbuche, das man seinem ehrwürdigen alten Tischherrn und Präzeptor ( meo olim hospiti et praeceptori honorando) zugeschrieben. »Und dieweil ich einmal auf Cornelium Agrippam kommen bin, so kann ich der lieben Wahrheit zu Gutem nicht verschweigen, was davon zu halten sei, daß etliche namhaftige Leute schreiben, er habe bis an sein letztes Seufzen einen Teufel zum Gefährten und in Hundsgestalt mit sich laufen gehabt, welcher zuletzt auch nach seinem Tod verschwunden sei. Was nun meine Person hie anlangt, kann ich mich fürwahr nicht genugsam verwundern, was doch diese hohe und ansehnliche Leute für Nöt angangen sei, daß sie solche lahme Zoten und ungeschickte Ding haben gedenken, reden und durch den öffentlichen Druck aussprengen dürfen, dessen sie keinen anderen Grund und besseren Beweistum auflegen können, denn das gemeine Geschrei der Leute, welches doch erstunken und erlogen ist. Was aber den schwarzen Hund anlangt, ist es wohl wahr, daß er einen gehabt hat, der ziemlichen groß gewest und einen französischen Namen Monsieur gehabt, welches auf teutsch soviel heißt als ein Herr; habe ihn auch besser gekannt denn keiner, ja mit meinen Händen zum oftermalen, wann ich etwan mit Agrippa ausgangen bin, an einem hären Strick selbst daher geführet; ist aber nicht, wie die Sage gehet, ein Teufel, sondern ein rechter, wahrhaftiger, natürlicher Hund gewest und zu Wahrzeichen ein Männlein, welchem er auch, alldieweil ich noch bei ihm zuhaus gewesen, eine Hündin auferzogen, die an Farben und Gestalt des Leibes dem Männlein gar ähnlich gesehen und auf französisch Madamoselle geheißen, welches auf teutsch so viel heißt als eine Frau im Haus. Daß aber das Geschrei von ihm ist auskommen, mag vielleicht die Ursach sein, dieweil er den Hund so lieb hatte, auch zuweilen, wie vieler Gebrauch ist, küßete und gemeiniglichen bei sich am Tische an seiner Seite sitzen, und nachdem er anno 1535 sein Weib die Mechlerin zu Bonn verstoßen, bei sich in seinem Bette unterm Leiltuch des Nachtes schlafen hatte, wie er denn auch stets fast den ganzen Tag über in dem Gemach, da Agrippa seine Librarey innen hatte, die traun groß und herrlich war, auf dem Tische zwischen mir und ihm lage, wann wir gegen einander über saßen und studiereten. Es mag auch das Geschrei vielleicht daher seinen Ursprung überkommen haben, dieweil Agrippa, dazumal mein Herr, stets daheim über seinen Büchern saß, auch oft in acht ganzen Tagen nicht ein Tritt vors Haus heraus täte und doch gemeiniglich alles wußte, was hin und wieder geschahe oder sich zutruge. Dieses haben etliche unverständige groben Leute, auch da ich noch bei ihm gewesen bin, dem Hund als einem Teufel zugeschrieben. Aber in der Wahrheit davon zu reden, so hatte ers nirgend anders woher denn aus den Briefen, die von allen Orten und Enden her durch gelehrte Leute an ihn geschrieben wurden.« (S. 98. Weyer erwähnt noch, daß er sich zu Paris aufhielt, da Agrippa im gleichen Jahre zu Lyon gefangen gesetzt wurde und bald darauf in Grenoble starb. Diese ganze Erinnerung an Agrippa steht noch nicht in der dritten lateinischen Ausgabe von 1566.)

Weyer blieb bei Agrippa in Bonn, dann begab er sich nach Frankreich, wo er in Paris und Orleans studierte; den medizinischen Doktorgrad erlangte er 1537 in Orleans. Es scheint eine Fabel zu sein, daß er abenteuerliche Reisen nach Afrika und gegen Kleinasien hin gemacht, und daß er noch in Frankreich einen Band lateinischer Gedichte herausgegeben habe. Seit 1540 lebte er als Arzt in Deutschland, seit 1550 als Leibarzt des Herzogs Wilhelm von Jülich-Cleve-Berg. Das kleine Herzogtum machte damals in den Staatskanzleien viel von sich reden, weil das Aussterben des Fürstenhauses erwartet wurde und danach ein kleinerer oder größerer Erbfolgestreit; selbstverständlich waren auch die religiösen Parteien an dem Ausgange dieses Streites beteiligt. Weyers Herr, der Herzog Wilhelm III., erlitt 1566, als er zu dem Reichstage nach Augsburg reiste, einen ersten Schlaganfall; er lebte zwar noch bis 1592; blieb aber kränklich, war halb gelähmt und vorübergehend geistig gestört. Er war vorher ein ausgesprochener Indifferentist, gegen die Protestanten mindestens sehr duldsam; sein Leibarzt Weyer, der sehr viel um ihn war, muß seinen Einfluß zugunsten des Protestantismus oder doch der Religionsfreiheit ausgeübt haben; wahrscheinlich wurde sein Rat auch in politischen Dingen eingeholt. Der spanischen oder kaiserlichen oder katholischen Partei war dieser Arzt, wohl schon seit der Herausgabe seines Aufklärerbuches ein Dorn im Auge. Wir wissen, daß der berüchtigte Alba von den Niederlanden aus in Spanien angeberisch vor Leuten aus der Umgebung des Herzogs warnte, um Gottes willen und um der spanischen Herrschaft willen. Sicherlich war nur oder auch Weyer gemeint. Eine solche Anzeige war in jenen Tagen nicht ganz ungefährlich. Die spanische Partei scheute kein Mittel, das Herzogtum Jülich-Cleve-Berg dem Katholizismus zu erhalten. Als unter dem kinderlosen Nachfolger des Herzogs Wilhelm der Anfall des Herzogtums an protestantische Erben unmittelbar zu drohen schien, wurde die Herzogin (höchst wahrscheinlich) von der spanischen Partei ermordet und ein grotesker Versuch gemacht, die Impotenz des Herzogs in einer zweiten Ehe durch geistliche Beschwörung zu vertreiben. Das an einem Hofe, dessen Leibarzt Weyer gewesen war. Schon in seinen letzten Regierungsjahren war Herzog Wilhelm, auf dessen milde und vernünftige Gesinnung Weyer bauen zu dürfen geglaubt hatte, wieder ganz in den Händen der Spanier, und die aufklärerische Lebensarbeit seines Leibarztes schien vergeblich gewesen zu sein.

Das Buch, das Weyer 1561 auf dem Schlosse Hambach bei Jülich zu schreiben begonnen hatte, während der Herzog mit seinem Hofe sich, noch ein gesunder Mann, dem Weidwerk hingab, war 1563 erschienen; in der Widmung an den Herzog wird ehrlich gesagt, daß es sich gegen die gottlosen Albernheiten des Hexenhammers richte. Wer das Buch heute ohne vorbereitende geschichtliche Schulung liest, wird einigermaßen enttäuscht sein über die Gemeinplätze, die dem Hexenwahn entgegengestellt werden; aber das Aussprechen solcher Gemeinplätze war damals eine tapfere Tat. Wer das Teufelsbündnis der Hexen leugnete, der wagte selbst den Feuertod.

Das ist aber das Besondere an der Schrift Weyers, daß er, ein Kind seiner Zeit, den grauenhaften Unfug der Hexenprozesse bekämpfen zu können glaubte, ohne den Teufel zu leugnen. In einer Zuschrift an den unbesiegten Kaiser und an alle weltlichen und geistlichen Fürsten, die dem Buche von der dritten Auflage an beigegeben ist, beschuldigt Weyer den Teufel, diesen alten Fuchs und Tausendkünstler, der Christenheit den Schandfleck der Hexenprozesse aufgedrückt zu haben.

Im ersten Teile des Buches selbst, der dem Wesen und der Geschichte des Teufels gewidmet ist, gibt er eine ganze theologische Satanologie, und einige Stellen lassen daraus schließen, daß er an das Dasein des Teufels so ehrlich geglaubt habe wie an das Dasein Gottes. Es ist ihm auch gar nicht darum zu tun, den Teufelsglauben zu zerstören; für einen solchen Atheismus oder Adiabolismus war die Zeit noch nicht reif. Er weiß freilich auch ganz gut, daß eine Leugnung des Teufels den Verfasser auf den Scheiterhaufen bringen und den armen Hexenweiblein nichts nützen würde. Er beschränkt sich also darauf, die Übermacht des guten Gottes über den bösen Teufel aus der Schrift zu beweisen: alle Wunder Gottes, wie die Schöpfung aus dem Nichts oder wirkliche Verwandlungen der Körper, seien für den Teufel unnachahmlich. Der wichtigste Umstand ist: der Teufel sei ein Geist, habe keinen Körper, habe also auch nicht die Glieder und die Säfte, um mit einer Hexe Unzucht treiben oder Kinder zeugen zu können.

Es ist überhaupt eine eigene Sache um die Frömmigkeit und um das Christentum Weyers. In den einleitenden Schriftstücken und im Abschiede vom Leser, wohl auch in einigen Anweisungen über die Behandlung der Besessenen, klingt etwas wie ein Kanzelton durch, ja, Weyer wird in seinem Eifer sogar recht pfäffisch, wenn er ein schreckliches Ende von Angebern, Hexenrichtern und selbst von Zuschauern der Hinrichtungen für eine Rache Gottes erklärt oder eine solche Rache gar herbei wünscht. Durchaus nicht fromm ist aber sein Zorn gegen die hexengläubige Geistlichkeit und sein Hohn gegen allerlei christlichen Aberglauben. Was er da z. B. über die Wirkung der geweihten Glocken vorbringt und daß man die alten Bräuche nicht beobachten müsse, das könnte ihn noch heute in den Ruf eines Religionspötters bringen. Besonders unkirchlich und für seine Zeit starkgeistig ist es, daß Weyer hie und da eine Tracht Prügel als das wirksamste Heilmittel der Besessenheit empfiehlt. Eine adelige Gutsherrin ließ einem Mädel, das in der Kirche bei einer bestimmten Stelle des Gottesdienstes regelmäßig Krämpfe bekam, den Hintern kräftig mit einer Rute bearbeiten, und das Mittel half. Vorsichtig fügt Weyer hinzu: das gleiche Augenwasser helfe nicht gegen jede Augenkrankheit. Vielleicht war es verhängnisvoll für die Wirkung des Buches, daß Weyer es als ein Arzt verfaßte, nicht – wie er in der Widmung und dann wieder auf einer der letzten Seiten hervorhebt – als ein Jurist oder ein Theologe. Der Arzt habe täglich Veranlassung, sich über den Aberglauben zu ärgern, auch über den Aberglauben der Ärzte und Chirurgen. Als Arzt behauptete er, der fleischliche Umgang des Teufels mit den Hexen wäre unmöglich; als Arzt untersuchte er die Wirkung von Tollkirsche, Bilsenkraut und anderen Giften auf die Einbildungskraft der armen Weiblein im Wachen und im Schlafe und erklärte so aus der Hexensalbe viele Erscheinungen, ohne jedoch darüber die Tatsache der psychischen Ansteckung zu übersehen. Immer wieder kehrt er zu dem Satze zurück, man dürfe natürliche Dinge nicht aus übernatürlichen Gründen erklären. Wenn die Besessenen Nadeln, große Nägel und Tuchlappen ausbrechen (was sehr beliebt war), so untersucht er wie ein moderner Sachverständiger den Magen, vergleicht die Ausdehnung der Gegenstände mit der der Speiseröhre und kommt zu dem Ergebnisse, daß all das Zeug im Munde versteckt war. Die Impotenz der Männer, die man lieber den alten Hexen als allzuvielen jungen Hexlein zuschrieb, behandelt er mit der derben Unbefangenheit eines Mediziners, empfiehlt dagegen mitunter Gebet, niemals Fasten. In Liebestränken vermutet er meistens Gifte. Sein Rat ist jedesmal: schneller einen Arzt zu rufen als einen Beschwörer. Er selbst muß für seine Zeit ein sehr tüchtiger und vorurteilsfreier Arzt gewesen sein; er hielt die meisten Schüler des Paracelsus für Schwindler, aber die neuen, durch die Chemie gewonnenen Arzneien des Meisters benutzte er gern und, wie er versichert, nicht ohne Erfolg.

 

Weyers Teufelsglaube

Erst der dritte Teil seines Werkes ist eigentlich den Hexen aufgespart, die er lamiae nennt. Er erzählt, oft ganz lustig, eine Menge von Hexengeschichten, die er nüchtern und naturalistisch bald für Betrügereien, bald für Einbildungen erklärt. Wieder wird der Teufel ganz und gar nicht geleugnet, also im Grunde auch nicht das Vorhandensein von sogenannten Hexen. Weyer befand sich da in einer wunderlichen Zwangslage, die wir nicht im Geiste unserer Zeit beurteilen oder verurteilen dürfen. Er hatte das Dasein des Teufels ohne jede Einschränkung zugegeben; wir werden schwerlich ergründen können, ob er wirklich an den Teufel glaubte, ob er der Inquisition dieses Zugeständnis machte oder ob er endlich – und ich halte das für das Wahrscheinlichste – in einer Frage nachgab, die ihm noch nicht ganz geklärt schien. Der Teufelsbegriff gehörte eben noch zum lebendigen Sprachschatze der Zeit. Wer den Teufel leugnete, der wurde bei Katholiken und Protestanten mit verkehrter Theologik zu den Atheisten gerechnet. Ein wenig anders, aber nicht sehr viel anders, stand es um den Hexenwahn. Das Volk glaubte an die Hexenbündnisse und an die Untaten der Hexen so fest wie an die Wunder der Bibel. Der spanisch-niederländische Jesuit Delrio stellte (1593) in einem Handbuche der Zauberei, das den Hexenhammer in eine juristischere, gebildetere Form brachte, den Satz auf: wer auch nur den Hexensabbat leugne, entgegen der Lehre der unfehlbaren Kirche, der sei schon ein Ketzer. Und wir werden noch sehen, wie häufig Weyer mit den Schimpfnamen Lutheraner und Atheist bedacht wurde.

Eine besondere Schwierigkeit für ihn war die Tatsache, daß nach der landläufigen Übersetzung in der Bibel über Hexen berichtet wurde; Weyer wäre also durch einen Zweifel am Vorhandensein von Hexen nicht nur mit den Theologen, sondern anscheinend auch mit den Bibelworten selbst in Widerspruch geraten. Nun war es ihm offenbar nicht um eine Theorie zu tun, um Begriffsstreitigkeiten; er hatte sich praktisch das einzige Ziel gesetzt, der hundsföttischen Hexenbrennerei ein Ende zu machen. In dieser Absicht wagte er es, die Bibelworte umzudeuten, glaubte es aber nicht nötig zu haben, das Dasein der Hexen zu leugnen. Mit breiter und schiefer Gelehrsamkeit erklärt er, die Hauptstelle, auf welche sich die Hexenrichter beriefen ( Exodus 22, 18, »Die Zauberinnen sollst du nicht leben lassen«), sei falsch wiedergegeben und beziehe sich im Hebräischen auf Giftmischerinnen. Aber an den biblischen Geschichten über den Einfluß des Satans deutelte er nicht und gelangte so zu einer Hexenvorstellung, die für seine Zwecke zu genügen und doch dem Bibelglauben nicht zu widersprechen schien.

Seine Definition oder Eingrenzung des Hexenbegriffs ist für mein Sprachgefühl unübersetzbar, weil keines der lateinischen Worte im Sinne Weyers einem gegenwärtigen deutschen Worte entspricht. » Maleficio affecti dicuntur, qui variis et insolitis plerumqiue modis, praeter naturam, Dei assensione, a daemone in suis corporibus exercentur, sive homines sunt sive bestiae« etc. (dritter Teil, 1. Kapitel). Der Sinn dieses Wortschwalls, der sich so unvorteilhaft von seiner sonstigen Darstellung unterscheidet, ist dennoch deutlich: es gibt in Wahrheit Hexen oder Weiber, die mit Zustimmung Gottes vom Teufel verführt werden, an ihr Bündnis mit dem Teufel, an eine fleischliche Vermischung, an Zaubermittel und an Zaubermacht zu glauben; nur daß alle diese Dinge Einbildungen sind. Die Verführung durch den Teufel steckt ihren Pferdefuß immer wieder hervor; dazwischen aber führt der Arzt, der Anatom und der Psychologe Weyer ganz unbefangen aus, wie die Einbildungen der angeblichen Hexen körperlich oder seelisch, durch Nervengifte oder durch Melancholie, natürlich zu erklären seien. Man merkt, die Teufelshypothese ist für Weyer nur ein Grund mehr, für eine menschliche Behandlung der Hexen einzutreten; sie sind unschuldig daran, wenn der Teufel sich ihrer Seele und ihres Leibes bemächtigt hat. Die ihnen zugeschriebenen Taten und Untaten sind erfunden, wenn auch vom Teufel ihnen eingegeben, weil sie widernatürlich sind. Die Hexen können weder Krankheiten verursachen noch Sturm erregen, noch Mißwachs erzeugen; sie können nicht schaden, also dürfen sie nach dem geltenden Strafrecht gar nicht bestraft werden.

Diese Vermischung von Aufklärung und Aberglauben macht das Buch Weyers für uns oft unerfreulich; es ist aber durch die Fülle der mitgeteilten Hexen-, Geister- und Gespenstergeschichten und durch den oft saugroben Ton, den Weyer gegen die Fabrikanten des Hexenhammers, gegen die Teufelsbeschwörer und gegen die unwissende Geistlichkeit überhaupt anschlägt, doch so lustig zu lesen, ist ein so beredtes Dokument des Adiabolismus, daß ich der Versuchung nicht widerstehen kann, noch einige Proben, namentlich aus dem dritten Teile, hinzuzufügen.

Die ersten Bücher behandeln, wie gesagt, den Teufelsglauben, und hierin unterscheidet sich Weyer etwa von Luther nur so wie der Volksglaube an den alten Herrgott im Himmel von einem halbrationalistischen Glauben an einen rein geistigen Gott. Der Teufel Weyers hat keinen Körper, keine Gliedmaßen und darum wenig Handlungsfreiheit, er spielt aber trotzdem eine sehr bedeutende Rolle in der Menschengeschichte; der Arzt Weyer, der sonst viele Geschichten von Besessenen fast modern naturwissenschaftlich erklärt, wundert sich gar nicht darüber, daß sein Teufel ohne Gehirn denken und das Denken der Menschen beeinflussen könne. Das Bibelwort, das er freilich oft umdeutet, ist ihm unfehlbar; auch zweifelt er nicht daran, daß die Götter der Heiden Teufel seien und daß deren Macht nach der Geburt Christi aufgehört habe. Weyer beruft sich für seine Auffassung durcheinander auf die Bibel und die Kirchenväter, auf antike und neue Profanschriftsteller, aber auch auf ganz gewöhnliche Anekdotensammler. An dem Ernste seines Teufelsglaubens könnte man irrewerden, wenn er gelegentlich über die Geistergeschichten derb genug spottet; dann aber wird das »subtile schnelle Wesen« des Teufels so feierlich zur Erklärung von Zauberkunststücken benützt, »so weit die Ordnung der Natur gestattet und zuläßt«, daß man den Verfasser unmöglich den Aufklärern zurechnen kann. Manche Dinge seien dem Teufel allerdings versagt: er könne also nichts aus dem Nichts erschaffen, er könne kein Geschöpf verwandeln, er könne die Undurchdringlichkeit der Körper nicht aufheben, er könne nicht auf die Beschwörung einer bösen Vettel in einen Menschenleib hinein und wieder heraus fahren. »Aus diesem allen schleußt sich kräftiglichen und erfolgt, daß bisher dem Teufel und seinem Heer viel Ding, als wären sie wahrhaftig ohn allen Betrug geschehen, so es doch lauter Verblendungen und Verzauberungen, Lügen, Betrug und Teufelswerk gewesen, von unerfahrnen Leuten zugeschrieben worden sind« (S. 77); man achte darauf, daß diese Dinge, die dem Teufel abgesprochen werden, dann wieder Verzauberungen und Teufelswerk heißen; nach Weyers Meinung sind eben alle diese gespenstischen Erscheinungen nur als Verblendungen Werke des Teufels, aber in der Wirklichkeit entspricht ihnen nichts.

Im zweiten Buche werden nach einer schiefgelehrten Abhandlung über die Namen des Teufels zunächst die verschiedenen Arten der Zauberei aufgezählt, insbesondere zwischen der infamen und der natürlichen Magie unterschieden; die Geschichte von Faust wird nacherzählt (S. 93), dann geht es um munteren Trab von den Zaubergeschichten der Bibel und der Griechen zu den neuesten Bauchrednern und Gauklern, zu den Streichen der Meßpfaffen und Mönche, zu den Schwindeleien der Ärzte; immer läuft es darauf hinaus, daß die Zauberer Betrüger sind, aber immer bleibt die Allmacht Gottes und die unergründliche Bosheit des Teufels bestehen. Einen Reiz eigener Art bilden überall in der deutschen Ausgabe von 1586 die zahlreichen Knittelverse, mit denen lateinische Sprüche und Gedichte ganz unhistorisch übersetzt werden. So wird z. B. »der zornigen Vettel Juno« anstatt des bekannten Verses » Acheronta movebo« der Reim in den Mund gelegt: »So mich die Götter nicht erhören, will ich wohl zu den Teufeln kehren.« Überall wird der antiken Welt der christliche Teufelsgedanke zugeschrieben.

Im dritten Buche endlich (das ganze Werk ist in fünf oder auch in sechs Bücher abgeteilt) kommt Weyer auf die Hexen oder Unholden. Wieder beginnt er mit einer Abhandlung über die lateinischen und neueren Namen der Hexen. Dann aber wendet er sich mit großer Kraft gegen die Anschauungen des Hexenhammers. Das ganze Verhältnis zwischen den Unholden und dem Teufel, wie es von dem Hexenhammer dargestellt werde, sei sinnlos und widerspruchsvoll, insbesondere das sogenannte Teufelsbündnis ein untüchtiger und kraftloser Vertrag; der Teufel habe keinen Körper und deshalb sei es erstunken und erlogen, daß er ein Handgelöbnis annehme; eine grobe und unverschämte Lüge oder lautere Phantasey, was von den durch Zaubersprüche ermordeten und nachher ausgegrabenen und gekochten Kindern erzählt werde. Ein Affenspiel der »Hammerschmiede« ( mallei fabricatores). Dem Gespött, Fatzwerk und den Zauberkünsten des Teufels seien außer den Melancholikern besonders die ungläubigen, zweifelsüchtigen, wunderfitzigen, boshaftigen Menschen ausgesetzt, mehr als alle anderen die leichtgläubigen und schwachen Weiber. Ein Melancholiker habe von selbst eine verrückte und verderbte Imagination; doch auch die gewöhnliche Phantasey des Menschen könne nach den Lehren des Aristoteles so gefälscht werden, daß die Einbildungskraft auf den Stuhlgang und die Zähne einwirke. »Es sind solche Vetteln den Ecstaticis nicht fast unähnlich, welche dermaßen verzückt aller Empfindlichkeit und Bewegnis beraubt werden, daß sie da nit anders, denn als ob sie steinharttot, liegen. Und bald als wenn sie aus einem tiefen Schlaf erwachet oder vom Tod wieder lebendig worden, wiedrum zu ihnen selbst kommen und wunderbarliche Fabeln und Stemponeyen Ursprünglich ein Tanzlied; dann: Scherz, »sinnloses Zeug«. erzählen« (S. 167); so werden die Hexen durch Verblendung des leidigen Teufels dazu gebracht, Handlungen zu glauben und zu bekennen, die auszuüben ihnen unmöglich ist. Der Teufel selbst kann die Menschen durch die Luft führen, nach der Schrift, auf unerklärliche Weise; durch Zauberei aber kann niemand durch die Luft geführt werden, wofür recht metaphysische Gründe beigebracht werden. Ebenso bilden sich die Hexen nur ein, durch Zauberei die Krankheiten verschuldet zu haben, mögen sie sich auch selbst schuldig bekennen. »Es ist den Ketzermeistern nicht um die Religion zu tun, sondern ums Geld und Gut derer, die sie zum Feuer verdammen ... Solcher Gewalt wider diese arbeitselige Leute ist von einem ehrsamen weisen Rat der Stadt Venedig aufgehebt worden, dieweil er sahe, daß der zuckenden Wölfe Fressigkeit so weit war kommen, daß auch die Unschuldigen von Nutzes ja Raubs wegen daraufgingen und man nicht nach denen, so Gott verachteten, sondern viel Guts besaßen, stellt und betracht. Hierzwischen ist die Sekte der Lutherischen entstanden; als man nun in diesen nicht nur Arme, sondern auch Reiche begreift, haben sie von den vorigen gelassen und sich an diese gesetzt« (S. 177). Auf diese furchtbare Anklage folgen wieder wüste Geschichten zum Beweise dafür, daß die Hexen weder ein Wetter machen noch die Feldfrucht verfluchen können; die Äcker können nur vom Teufel selbst, wenn es ihm anders von Gott gestattet wird, geschädigt werden oder von Giftbereitern. Dann nimmt der Arzt Weyer wieder das Wort und redet ganz natürlich von den Salben und Kräutern, durch welche die Hexen in einen Traumzustand versenkt werden; wir lernen das Rezept zu einer Hexensalbe kennen, erfahren märchenhafte Dinge über wundertätige Steine und die Alraunwurzel, aber auch ernsthafte Berichte über die Wirkungen des Opiums, des Haschisch und des Tabaks. Dann kommt Weyer auf den Hauptpunkt, auf die angebliche Unzucht der Hexen mit den Teufeln, auf die allgemeine Meinung also, »so nicht allein bei dem gemeinen Volk überhandgenommen, sondern auch bei den Weisen und Gelehrten eingewurzelt ist, damit doch einmal die Opinion wieder ausgereutet werde« (S. 197). Diese Vermischung der Weiber mit den bösen Geistern sei eitle Einbildung; ein Geist habe weder Fleisch noch Bein, auch keine Genitalien, leide ebensowenig an Geschlechtsgier wie an Hunger und Durst. Ohne Vereinigung von Männlein und Weiblein könne weder ein Heros oder Halbgott noch ein Mensch noch ein Tier geboren werden. Die Erfindung eines Bischofs (in einer Predigt von 1565), daß Luther ein Sohn des Teufels sei, wird als eine unverschämte Lüge mit Entrüstung zurückgewiesen. Dagegen über Bübereien der alten Priester berichtet, die im Namen ihrer Götter Weiber zur Unzucht verführten: »Die Pfaffen haben allezeit für ihre Götzen gefressen und gesoffen ... solche fleißige Nachforschung wäre auch noch auf dem heutigen Tage nicht allein sehr nützlich, sondern auch hoch von Nöten« (S. 212). Rücksichtslos gegen etliche Theologen, »so ihnen anders der Name gehöret«, besonders gegen die Hexenschmiede und sogar gegen den heiligen Thomas wird die Lehre von dem Sperma des Teufels als Unsinn aufgezeigt; die ekelhafte Mönchsphantasie wird mit nicht übler Naturwissenschaft widerlegt; die Geständnisse der Hexen seien nichts als Fabelwerk. »Die Unholden haben keinen andren Lehrmeister als ihre eigene und verrückte Phantasey« (S. 224).

Wesentlich anders stehe es um die Giftmischer und die Hersteller von Liebestränken, die selbstverständlich nach dem gemeinen Recht bestraft werden sollen; diese Buhltränklein seien zwar eher geeignet, einen Menschen unsinnig zu machen, als zu Liebe und Holdschaft zu zwingen, seien aber immerhin Gifte. Ausführlich wird das uralte Liebesmittel Hippomanes behandelt, welches Wort von Füglin recht hübsch mit Roßwüte übersetzt wird.

Das vierte und fünfte Buch bringt fast nur eine Nachlese toller Geistergeschichten: von Nonnen, die vom Teufel geplagt wurden, von allerlei Besessenen, von einem Mädchen, dem ein schwarzer Hund ein langes Messer in den Leib zauberte (mit Abbildung des Messers), von hexengläubigen Ärzten, von der Unmöglichkeit des Nestelknüpfens und anderer Ligaturen, von der Verwandlung der Menschen in Tiere, von der Teufelssucht der Pfaffen, von Beschwörungen und anderem Mißbrauch des Gottesworts, von Amuletten und ähnlichen Mitteln, von den Exorzismen, die bei den »beschorenen Gugelfranzen« im Gebrauch sind, und wieder von Besessenen. In jedem Kapitel ein neuer Versuch, den Hexenwahn zu vernichten, ohne den Teufelswahn anzutasten.

Erst das sechste Buch kehrt wieder auf mancherlei für uns ergötzlichen Umwegen zu der ernstesten Absicht Weyers zurück: die Verfolgungen der Hexen abzuschaffen oder doch einzuschränken. Nicht alle Zauberer verdienen die gleiche Strafe. Die Zauberbücher seien zu verbrennen und die Todesstrafe der Wahrsager sei durch kaiserliche Edikte verordnet. Die Hexen jedoch seien weder den Ketzern zuzurechnen noch der Untaten schuldig, die sie unter der Folter bekennen; es sei unchristlich, arme alte Weiber um ihrer Einbildungen willen auch nur in den Turm zu werfen, der billig nicht ein Menschengefängnis, sondern ein Marterbänklein genannt zu werden verdiente; noch unchristlicher sei es, diese armen Vetteln im Prozeß einer vorher ungebräuchlichen, ja unerhörten Pein zu überliefern. Man solle doch zwischen Sicherheitsgewahrsam und Strafanstalt unterscheiden. Die beschuldigten Hexen gestehen lieber und erleiden lieber den Tod, als daß sie die Folter noch einmal durchmachten. Auf das Geständnis der Hexen sei darum gar kein Verlaß, abgesehen davon, daß die Geständnisse unsinnig und oft widerrufen seien. Die vermeintlich Besessenen seien einfach melancholisch. Ingrimmig werden Beispiele von der Unschuld einiger Hexen und der Bosheit der unbarmherzigen Richter gegeben; dagegen wird die Weisheit einiger Fürsten und Herren gerühmt; der Herzog Wilhelm von Cleve und Jülich, der Pfalzgraf bei Rhein Friedrich, der Graf Hermann zu Neuenahr werden genannt. Im Vertrauen auf solche Beschützer geht nun Weyer so weit, auch im Falle der Ketzer, mit denen die Hexen über einen Kamm geschoren worden sind, eine mildere Behandlung zu verlangen; man gehe gegen die Ketzer sophistisch vor; in Glaubensprozessen seien die Mönche zugleich Kläger, Zeugen und Richter. Heute werde als Ketzer verdammt und verbrannt, wer daran zweifle, daß der Papst über das Fegefeuer Gewalt habe. Juristische Autoritäten werden angeführt zum Beweise, daß das Bekenntnis allein in Strafsachen nicht maßgebend sein dürfe. Überdies wird aus Virgilius, Plinius, Aristoteles und Euripides der Satz verteidigt, daß Weibsleute nicht so hart zu bestrafen seien wie Mannspersonen. Die Hexen (abgesehen von den Giftmischerinnen) seien weder gottlos noch Mörder. Der Richter habe nur die Tat zu strafen, nicht die Absicht; »Gedanken sind zollfrei«. Und die fleischliche Vermischung der Hexen mit dem Teufel, das zu wiederholen wird Weyer nicht müde, sei eine reine Einbildung.

Das 27. Kapitel zieht in ruhiger und fast juristischer Weise den notwendigen Schluß aus der Darstellung aller sechs Bücher. Die Unholden können das Ding, dessen man sie beschuldigt, auf keinerlei Weise vollbringen, weder durch sich selbst noch durch Zauberei noch durch die Teufel; aber auch die Teufel können durch die Unholden nichts Böses tun. Diese sind gewöhnliche Menschen und vermögen weder durch die Elemente noch anders irgend etwas über die Natur und die natürlichen Ursachen. Wenn die Unholden zu Asche verbrannt sind, so hören ja darum die Wirkungen, die man ihnen zugeschoben hat, nicht auf. Taten, die nicht möglich sind, soll man nicht bestrafen, auch wenn das Unmögliche eingestanden worden ist. »Die Vernunft ist des Gesetzes Kraft, Saft und Leben; alle Gesetze bekommen aus der Vernunft ihre Erklärung und Bedeutung« (S. 469). Wenn dagegen gesagt wird, daß diese alten Weiber, auch wenn sie Menschen und Vieh nicht umbringen können, um ihrer bösen Absicht willen zu bestrafen seien, so verwechsle man (das kommt freilich nicht mit der nötigen Klarheit heraus) den strafbaren Versuch mit dem nicht strafbaren bösen Willen. »Der Unholden Wille ist nichts anders, denn eine kindische Beredung des Gemüts, eine betriegliche Opinion oder eine schlechte einfältige Destination, so in den leiblichen Geschäften etwas zu tun allein nichts vermag ... Also kann der Mensch deren Ding halben, so von Natur zu vollbringen unmöglich und in keines Menschen Gewalt stehen, nicht verurteilt werden« (S. 470). Aber auch die Hexenrichter, die das alles zugeben und die »arbeitseligen« mühseligen. Weiber dennoch verbrennen lassen, weil sie angeblich Christum verleugnet und ein Bündnis mit dem Teufel geschlossen haben, seien im Unrecht; noch einmal wird, und in recht rabulistischer Weise, die Unmöglichkeit eines richtigen Pakts mit dem Teufel erwiesen. »Derwegen man sich viel mehr über die Unholden, dieweil sie von dem Teufel durch List, Gewalt und Furcht betrogen, verführet, unsinnig, ohnmächtig und unverständig gemacht werden, erbarmen, denn sie zur Strafe anbringen soll, dieweil sich's ohnedies mit weiterer Bekümmernis den, so vorhin bekümmert, zu betrüben nicht gebühren will« (S. 475). Werden doch auch Wahnsinnige und Tobsüchtige nicht bestraft; auch der Zustand der sogenannten Hexen sei eher ein Leiden als ein Tun. Was sie aber etwa gegen Gott gesündigt haben, das sei Gott anheimzustellen; die Obrigkeit habe nur die äußerlichen, sichtbaren und bewußten Übeltaten zu bestrafen. Mit Berufung auf den Canon Episcopi (S. 477), auf die Bibel und auf Augustinus wird geraten, die schwachen, alten und törichten Weibspersonen in der Religion zu unterweisen und so zu bessern. Übrigens sei der Wille Gottes unerforschlich und auch der scharfsinnigste Mensch könne darüber nichts ausmachen und sich nicht zum Richter aufwerfen. Zum Schlusse setzt sich Weyer mit seinen Gegnern unter den Theologen und Juristen auseinander, die ihn anbellen. Die Theologen sollen von ihrem schändlichen lästigen Zauberwerk abstehen »oder aber wo nicht, so mögen sie mich ob der Sach mit Recht suchen, sie werden mich so Gott will nicht ohn Antwort finden«. Den Juristen erwidert er, daß er mehr Wert auf Gottes Wort lege als auf das Zwölftafelgesetz.

Die deutsche Ausgabe von 1586 fügt noch eine Selbstverteidigung Weyers nebst einigen günstigen Urteilen von Zeitgenossen hinzu, druckt sodann die » Pseudomonarchia Daemonum« in deutscher Sprache ab und leitet das wunderliche Stück mit Knittelversen ein, die doch vermuten lassen, daß es sich da dem teufelsgläubigen Weyer um eine Parodie gehandelt habe.

 

Juristen

Wo aber Weyer geradezu auf sein Ziel losgeht und unbekümmert um Medizin, Philosophie und Theologie den Juristen ins Gewissen redet, da vernehmen wir laut die Stimme einer neuen Zeit. Die Jurisprudenz war scholastisch geworden wie die anderen Fakultäten; aber mit ihren Gütern, um die sich das Eigentumsrecht drehte, und mit den Straftaten des Kriminalrechts, auch der Carolina, stand sie auf dem festen Boden der Menschenerde. Und vollends der Weg des Rechtes, der Prozeß, war im ganzen und großen geordnet worden, bevor es neben dem bürgerlichen ein besonderes theologisches geistliches Recht gab. Weyer sah das Entsetzliche: daß selbstmörderische Geständnisse und auch Zeugenaussagen durch die Folter erpreßt wurden, daß die Habgier der Richter und mancher Gerichtsherren (der Bischöfe) die Hexenprozesse vermehrten, die gegen reiche Lutheraner oft nur verkappte Ketzerprozesse waren. Weyer dringt noch einmal darauf, die bestehenden Gesetze anzuwenden. Nach der Carolina sollen nur diejenigen Zauberer mit aller Strenge bestraft werden, die für Gesundheit oder Vermögen einen Schaden angerichtet haben; darum soll man gegen die harmlosen Weiber und Schwindler, die sich nur einbilden, durch Anwendung von Zaubermitteln Schaden gestiftet zu haben, nicht mit Folter und Feuer wüten. Übrigens seien die Hexen nicht den Ketzern gleich zu achten. Doch auch die armen Weiblein, über welche der Teufel Macht gewonnen hat, solle man im Glauben stärken und nicht in den Turm werfen. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß Weyer sich auch gegen den Wahnsinn der auf der Folterbank erpreßten Geständnisse auflehnte und gegen das hirnverbrannte Beweismittel der Wasserprobe, bei welcher (kurz gesagt) die Angeklagte für unschuldig galt, wenn sie ertrank, für schuldig, wenn sie, vielleicht mit Hilfe des Henkerknechts, auf dem Wasser schwamm.

Mag man auch bei einzelnen Zauberberichten über den geheuchelten oder eingewurzelten Teufelsglauben Weyers den Kopf schütteln, es klingt aus seinem Buche ein Ton menschenfreundlicher Leidenschaft, der uns trotz aller Schwächen des Mannes mehr als Liebe zu ihm, der uns Ehrfurcht einflößen muß. Schon die Widmung an den Herzog schreit es hinaus, daß er ans Werk gehen mußte, weil niemand sonst sich der Menschheit annehmen wollte. Einmal verweist er die blutdürstigen und entmenschten Hexenrichter auf das Jüngste Gericht. »Da wird Gott urteilen zwischen mir und euch. Die zertretene und begrabene Wahrheit wird auferstehen, euch ins Antlitz springen und um Rache schreien für eure Mordtaten.« Uns mag es eine größere Tapferkeit dünken, daß Weyer die Inquisition, als daß er die Zauberer herausforderte; für einen Mann aber, der doch irgendwie an den Teufel glaubte, sind die folgenden Zeilen eine prachtvolle Kühnheit. »Die erschrecklichen Zauberkünste kümmern mich nicht ein Haar, ob sie mich auch in ein Tier zu verwandeln drohen, mich an den Galgen zu bringen oder mich in einer Kloake zu ersticken. Ich brauche gegen diese fürchterlichen Gespenster kein Weihwasser; mit solchen Unwesen macht man mir nicht bang. Über das Nestelknüpfen der Hexen, womit sie Krankheiten Hervorrufen und die Zeugekraft mitsamt den Zeugegliedern fortnehmen und wiederbringen wollen, lache ich einfach. Mögen die verrückten Hexen mir nur ruhig das Schlimmste anwünschen. Die einzige Gefahr, die ich fürchte, ist der wirkliche Schaden, den sie mir durch Giftmischerei zufügen können.« Er verachte die Wahrsager, die ihm alles Übel voraussagen, weil er ihnen in ihr Heiligtum geschissen hat. ( De Praestigiis, S. 718; Binz hat das grobe Wort wie manche andere Natürlichkeit Weyers nicht zu übersetzen gewagt; diese Dinge, die sogar in der Krankengeschichte einer hochgeborenen Gönnerin nicht fehlen, sind aber für den Mann und sein Werk zu bezeichnend, um eine Unterschlagung zu gestatten.)

Weyers Schrift hatte einen außerordentlichen buchhändlerischen Erfolg; binnen zwanzig Jahren, bis 1583 also, erschienen sechs lateinische Ausgaben, bald nach der Erstausgabe gab es auch deutsche und französische Übersetzungen. Diesem Bucherfolge entsprach jedoch die Wirkung durchaus nicht. Einige Fürsten, unter ihnen Herzog Julius von Braunschweig, wurden zwar für einige Jahre milder gestimmt, aber namentlich in den geistlichen Fürstentümern wüteten die Hexenprozesse weiter, und gegen das Ende des 16. Jahrhunderts brannten die Scheiterhaufen überall in Deutschland, als ob Weyer niemals gelebt hätte.

 

Delrio

Die Hauptursache der geringen Wirkung wird vielleicht doch darin zu suchen sein, daß Weyer aus inneren und äußeren Gründen am Teufelswahn festhielt. Alle seine Ausführungen wurden durch den logischen Schnitzer verdorben, daß er den Glauben an den Gegengott, an den Vater alles Bösen für einen wesentlichen Bestandteil der christlichen Religion beibehielt und nachher den Teufelskult leugnete, daß er dem Teufelsaberglauben eben nur die Hexengeschichten abhandeln wollte. Den Teufel selbst zu leugnen ging über seine sittliche Kraft, vielleicht auch über seine beschränkte Geistesfreiheit. Selbstverständlich wurde die Wirkung seines Buches auch durch die Gegenwirkung der katholischen und evangelischen Geistlichkeit und der elenden, blutgierigen Juristen gehemmt. (Weyers Buch wurde auf den Index gesetzt, schon 1570, eben durch Herzog Alba; wohl anerkannte eine päpstliche Bulle, allerdings erst 1623, die Teufelsbündnisse, das Nestelknüpfen und das Vernichten der Feldfrüchte, also den gesamten Hexenwahn als eine katholische Glaubenssache; aber Papst und Index hatten doch den Sieg der kopernikanischen Lehre nicht lange hindern können.) Auch die theologischen, juristischen und medizinischen Gegenschriften allein hätten die Wirkung Weyers nicht vernichten können. Die Sache lag schlimmer. Die Epidemie des Hexenwahns war noch im Wachsen begriffen, das Volk verlangte nach Hexenprozessen, und die Gelehrten billigten sie. Es war ohne jede Bedeutung, daß einige Theologen und Juristen sich dazu herbeiließen, die Dauer der Folter ein wenig herabzusetzen und zwischen schwereren und leichteren Fällen der Zauberei zu unterscheiden. Es hatte glücklicherweise auch keine böse Folge für Weyer, daß er (wie von Bodin) von seinen heftigsten Gegnern selbst für einen Hexenmeister erklärt wurde. Kein Geringerer als König Jakob I. von England schrieb gegen Weyer als gegen einen Spießgesellen der verruchten Hexen. Gefährlicher als alle Äußerungen der Päpste und der Inquisition, gefährlicher als alle anderen Privatarbeiten war das neue Handbuch des Hexenprozesses, das der schon genannte Jesuit Delrio (1593) unter dem Titel Disquisitiones magicae herausgab. Auf dieses Handbuch konnten sich die Juristen mit besserem Gewissen berufen als auf den widerlichen Hexenhammer. Die katholische Geschichtschreibung rühmt ja diesen Delrio, weil auch er die Dauer der Folter abgekürzt wissen wollte und z. B. lehrte, Knochen und Muskeln dürften auf der Folterbank nicht gänzlich gebrochen und zerrissen werden, sondern nur maßvoll auseinandergezerrt. Für Delrio ist Weyer ein Satansknecht, ein gottloser Hexenpatron.

 

Carpzov

Unter den Protestanten steht diesem spanisch-niederländischen Jesuiten mit gleicher Bösartigkeit der Jurist Carpzov zur Seite, dessen Familie übrigens ebenfalls aus Spanien stammte; Benedikt Carpzov (1595 bis 1666) war orthodox lutherisch und durfte sich rühmen, zwanzigtausend Todesurteile gefällt zu haben, meist gegen Hexen. Mit kalter Glätte verurteilt dieser Jurist die Hexen wie ihren Verteidiger Weyer. Katholiken und Protestanten gingen über Weyer zur Tagesordnung über; er war ihnen ein paradoxer Neuerer, der zum Atheismus neigte.

Außer dem Buche über die Zauberei besitzen wir von Weyer eine medizinische Schrift, die von den Geschichtschreibern der Medizin (Hirsch S. 45) gerühmt wird. Auch einige aufklärerische Arbeiten hat er noch herausgegeben: die schon erwähnte Parodie der Zauberbücher, die uns jetzt zu fremdartig anmutet, um noch lustig zu wirken; eine Abhandlung über das angebliche Fasten von Schwindlern, in der diese Art des Betruges sehr gut auf Hysterie und diese wieder auf Sensationssucht zurückgeführt wird; endlich eine nur scheinbar philosophische, in Wahrheit damals wie heute sehr zeitgemäße Untersuchung über die Krankheit des Zorns, über die Menschenwut.

 

Bodin

Ich habe bereits die Angriffe kurz erwähnt, die aus zwei durchaus verschiedenen Lagern gegen Weyer gerichtet worden waren, den des Königs Jakob und den des Erzdemokraten Bodin; auf die Schrift Bodins will ich näher eingehen, weil sie eine richtige Denunziation war und den niederdeutschen Arzt der Inquisition zur weiteren Behandlung empfahl, weil sie also deutlich erkennen läßt, warum Weyers tapferes Buch trotz des buchhändlerischen Erfolges zunächst unwirksam blieb und wie lebensgefährlich damals noch eine Leugnung des Hexenwahns war. Die Schrift Bodins erschien als Anhang zu seiner » Démonologie«; ich folge der ersten Ausgabe einer lateinischen Übersetzung (von 1581), wo sie den Titel führt » Opinionum Joannis Wieri Confutatio«.

Die Frage wird uns noch beschäftigen, ob Bodin, dessen » Heptaplomeres« sein unchristliches, durchaus deistisches, vielleicht schon atheistisches Testament ist, ein Dutzend Jahre vorher wirklich noch so gut katholisch war, daß er außer an den Teufel und alle Gespenster auch noch an die Unfehlbarkeit der Bibelworte glaubte; ich habe bei Weyer, dem ersten und kühnsten Bekämpfer des ganzen Hexenprozesses, die ähnliche Frage offen gelassen, ob sein unentwegter Glaube an das Dasein des Teufels und der Hexen eine vorsichtige Anpassung an den Zeitgeist oder eine Folge des Zeitgeistes war. Es wäre für den geschichtlichen Rückblick keine üble Komödie, wenn die beiden starken Gegner unehrlich gewesen wären, wenn sie beide nicht so recht an die Hexen geglaubt hätten, die Bodin weiter verbrannt wissen, die Weyer aus den Händen der Henkersknechte retten wollte. Wie dem auch sei, die Widerlegung Bodins ist der beste Beweis dafür, daß den angeblichen Hexen nicht geholfen werden konnte, bevor der Teufelswahn selbst nicht beim Volke und bei den Richtern ausgerottet war. Man mag sich darüber wundern, daß gerade Bodin, der schon vor Grotius ein Naturrecht lehrte, auf die juristischen Bedenken Weyers, auf die gesetzliche Unhaltbarkeit des ganzen Hexenprozesses gar nicht einging; Tatsache ist, daß Bodin seine Widerlegung als ein Theologe schrieb und daß Weyer dem Theologen sein Spiel erleichtert hatte durch das Zugeständnis, an dem Dasein des Teufels wäre nicht zu zweifeln. Es handelt sich also nur noch darum, ob diese Hexen zu bestrafen seien oder nicht; Bodin ist sich bewußt, als ein Mann Gottes mit Recht in Zorn geraten zu sein bei dem Gedanken, die Hexenverbrennungen könnten aufhören.

Zunächst wird Weyer als ein Schüler, Diener, Haus- und Bettgenosse des Agrippa, des berüchtigten großen Zauberers, der öffentlichen Verachtung preisgegeben; deutlich wird zu verstehen gegeben, daß Weyer selbst nicht besser sei als der Hexenmeister Agrippa. Die Hypothese Weyers, die vermeintliche Hexerei sei eine vom Teufel erregte Geisteskrankheit der armen Weiber, eine Art Melancholie, wird abgelehnt; die Behörde habe keine Gewalt über den Teufel, nur über seine Diener; wenn man die Hexen nicht verbrenne, so könne man aus dem gleichen Grunde auch Räuber und Mörder ungestraft lassen, die zu ihren Untaten ja ebenfalls vom Teufel angetrieben werden (S. 374). Bodin beruft sich mit erschrecklicher Gelehrsamkeit durcheinander auf die Klassiker, auf die Bibel, auf den Hexenhammer und auf die Akten der Hexenprozesse; auch auf den heiligen Thomas und die goldene Legende; die Geständnisse der Hexen, auch die auf der Folter erpreßten, sind ihm Beweis genug dafür, daß die Hexen wirklich durch die Luft fahren und mit dem Teufel entsetzliche Buhlschaft treiben. Nun behaupte Weyer, die Hexe habe keine Macht über die Elemente, könne durch ihre Zaubermittel keine unnatürlichen Wirkungen hervorrufen; das Gesetz bestrafe aber nur Handlungen, die einen handgreiflichen Schaden verursacht haben. Einerlei, die Hexe wird verbrannt. »Ja, die Zauberer verdienen für ihre Verleugnung Gottes und ihre Teufelsanbetung eine tausendfach härtere Strafe als Vater- und Muttermörder und als Brandstifter« (S. 387). Und wenn der Teufel wirklich selber die Schändlichkeiten begehe, um die die Hexen ihn beschwören, so sei das ebenso, wie wenn Gott die Gebete der Frommen erhöre; so sind die Hexen doch wenigstens Mitschuldige an den Verbrechen (S. 388). Die Hexe und der Teufel arbeiten zusammen wie der Blinde und der Lahme in der Fabel. Mit philosophischen und logischen Gründen wird ferner gezeigt, daß der Teufel keinen Zwang auf die Hexen ausübe, mindestens, daß das Teufelsbündnis freiwillig vollzogen werde. Endlich müßten (ein unfaßbarer Gedanke) alle alten und neuen Schriftsteller, die Hexengeschichten berichteten, und alle alten und neuen Gesetzgeber, die die Zauberei bestraften, im Unrechte gewesen sein, wenn die Wahrheit bei Weyer wäre. Nur ein Sophist könne die Hexen verteidigen; mit solchen juristischen Sophistereien als wie mit einer Pest sei aber zuerst Italien und jetzt auch Frankreich angesteckt worden (S. 396). Unter den Vorgängern Weyers wird auch der Neapolitaner Johannes Baptista de la Porta genannt, ein Mathematiker und Astrologe. Zu einem besonderen Vorwurfe wird es dem Weyer gemacht, daß er nicht einmal an den Werwolf glaubt und überhaupt an die Macht der Hexen, Menschen in Tiere zu verwandeln. Wo doch die Bibel selbst erzähle und Weyer nicht leugne, daß Nebukadnezar in einen Ochsen verwandelt worden sei; wer an der Verwandlung der Hexen in Werwölfe zweifle, der zweifle also auch an der Wahrheit der Bibelworte.

In diesem Zusammenhange erwähnt auch Bodin den berühmten Canon Episcopi, der allen Verteidigern des Hexenwahnsinns so unbequem war, weil da – wie wir gesehen haben – mindestens ein Hauptzug des Hexenglaubens, die nächtlichen Fahrten der Hexen, für eine heidnische Ketzerei erklärt wurde; eben hatte sich Weyer mehr als einmal auf den unbezahlbaren Kanon berufen. Nun gibt sich Bodin die größte Mühe, diesen Kanon so umzudeuten, wie es ihm paßt; es werde da nur gelehrt, daß der Teufel und die Zauberer nicht aus eigener Kraft übernatürliche Erscheinungen hervorrufen können, daß aber der allmächtige Gott dem Teufel und den Zauberern solche Kräfte geben könne. Schließlich aber (S. 482) wagt es Bodin, den Kanon selbst zu bestreiten; der sei weder von einem allgemeinen noch von einem engeren Konzil beschlossen worden, sondern nur von einer bedeutungslosen Versammlung, sei überdies von allen Theologen (Augustinus, Thomas und den Inquisitoren) widerlegt worden. Was Bodin sonst vorbringt, um die Nachtfahrten der Hexen begreiflich und die Verworfenheit Weyers offenbar zu machen, das ist traurige Gelehrsamkeit. Der Mann, der ein Dutzend Jahre später in seinem Religionsgespräch sich deutlich auf die Seite der Unchristen stellt, unterwarf sich in der Dämonologie, überzeugt oder heuchlerisch, dem Hexenwahnsinn der Kirche, gab sich selbst zum Hexenrichter her. Ich muß gestehen, daß ich dieses psychologische Rätsel doch nicht zu lösen vermag. Das Rätsel des Mannes, der in seinem Pulte bald nachher eine der freiesten Schriften der Weltliteratur verwahrte, jetzt aber sich nicht damit begnügte, das Pariser Parlament und seinen Präsidenten gegen die Hexen aufzuhetzen, der sogar eine neue Form der Denunziation in Frankreich einführen wollte, nach italienischem Muster: ein stummer Denunziationskasten sollte in der Kirche aufgestellt werden; durch einen Spalt mochte dann jedermann seine Anzeige hineinwerfen.

Weyer machte also der gegen die armen Hexlein ärger als die Hundswut rasenden Menschenwut kein Ende; aber er hatte doch nicht umsonst gelebt. Alle die Männer, die nachher bis zum Siege des gesunden Menschenverstandes gegen den Hexenprozeß auftraten, konnten sich auf ihn berufen. Schon die dritte Auflage seines Hauptwerks brachte einige zustimmende Gelehrtenbriefe. In Deutschland schrieb der Jurist Gödelmann im Sinne Weyers über die Hexen: sie wären als melancholische Geschöpfe nicht zu bestrafen, auch wenn sie unmögliche Dinge bekannt hätten. In England griff Reginald Scot ( The discovery of witchcraft, 1584) den Hexenprozeß und den »nach Lüge und Papisterei stinkenden« Hexenhammer noch derber an, wofür er denn auch von König Jakob ein Sadduzäer geschimpft wurde, d. h. ein Leugner der unsterblichen Seele. Wieder in Deutschland schrieb als ein Schüler Weyers gegen den Hexenwahn Hermann Witekind (1522-1603), der unter dem Namen Lercheimer 1585 ein frisches Buch herausgab: »Christlich Bedencken und Erinnerung von Zauberey«. Er war Calvinist und legte seine Professur zu Heidelberg nieder, als man einen Übertritt zum Luthertum von ihm verlangte. Daß er für die Herausgabe des Buches ein Pseudonym wählte, mag mit auf Vorsicht zurückzuführen sein, immerhin wird auch über seiner Grabschrift, die er selbst verfaßte, sein Name nicht genannt. Witekind folgt dem Gedankengange Weyers, auch wo er sich nicht auf ihn beruft. Er ist aber viel freier oder kecker in seinen Urteilen über die hergebrachte Gewohnheit und über die öffentliche Meinung; das ganze Strafrecht möchte er vermenschlichen, nicht nur den Hexenprozeß; den Übertritt zum Luthertum hat er verweigert, als sein Landesherr ihn verlangte, aber er selbst steht unabhängig zwischen Calvin und Luther, will alles prüfen und das Gute behalten. Von seinem Tone nur eine Probe, die ich aus getrennten Sätzen zusammenstelle. (Binz S. 104 und 106.) »Und wenn sie gleich Stecken, Besen und Gabeln schmieren, darauf zum Tanze zu reiten, welches doch nicht ist: damit tun sie niemanden Schaden. Laßt sie tanzen, bis sie müde sind, so man doch leidet, daß alle anderen Leute tanzen, wann es sie gelüstet ... Ja wohl, tanzen! Arme, verschmachtete, arbeitsame, mühselige Weiber gelüstet nicht zu tanzen. Das Holztragen aus dem Wald, das Misttragen in den Weinberg und andere schwere Arbeit vertreibet ihnen die Wollust und Üppigkeit, macht sie müde, daß sie des Nachts ruhen und schlafen müssen, nicht zu tanzen begehren, auch nicht daheim auf einer ebenen Tenne oder getäfeltem Boden, geschweige denn draußen auf der wässerigen Wiese oder auf dem unebenen Acker im Winde, Regen und Frost. Gute Tage und vollauf macht tanzen.« Das ist doch eine viel weltlichere und innigere Sprache als bei Weyer.

In den Niederlanden versuchte zuletzt ein anderer Schüler Weyers zu wirken, unglücklich genug, der ärmste Cornelius Loos. Cornelius Loos, um 1546 zu Gouda in Holland geboren, brachte es in seiner Vaterstadt zu der Würde eines Kanonikus; die Reformation vertrieb ihn; im geistlichen Kurfürstentum Trier lernte er als Flüchtling alle Greuel einer gründlichen Hexenverfolgung kennen. Als eifriger Katholik erhob er gegen das Buch Weyers manchen theologischen Einwand, war aber vorurteilslos genug, in seiner Gegenschrift, die in Köln gedruckt werden sollte, auch die Unwissenheit, Bosheit und Habsucht der Hexenrichter zu brandmarken. Die Handschrift wurde nicht freigegeben, der Verfasser wurde eingekerkert und durch den Generalvikar Binsfeld, einen ruchlosen Erneuerer des Hexenhammers, durch Seelenqualen zu einem traurigen Widerrufe gezwungen: er widerrufe die aufrührerische Meinung, daß die Ausfahrten der Hexen Erdichtungen seien, daß die Geständnisse der Hexen durch die bittere Tortur erpreßt worden seien (an dieser Stelle des Widerrufs steht der Satz von der neuen Alchimie); daß es keine Zauberer und Teufelsanbeter gebe. Loos mußte noch erklären, er verdiente jede Strafe, wenn er rückfällig würde. Als er gegen den Hexenwahn schrieb, mußte er (1592) in der schimpflichsten Weise widerrufen, – wie unten bemerkt – wenn er dem Scheiterhaufen entgehen wollte. In Brüssel fand er als Geistlicher ein Unterkommen, äußerte abermals die Ketzerei des »Weyerschen Giftes«, wanderte wieder in den Kerker, kam wieder frei, wurde abermals rückfällig und starb elend. Von ihm ist den Richtern und Gerichtsherren das Brandmal aufgeprägt worden (ich wiederhole das Wort): ihnen sei der Hexenprozeß eine Art Alchimie, um aus Menschenblut Gold und Silber zu machen.

In dem geistlichen Kurfürstentum Trier spielte auch die gräßliche Tragödie von Dietrich Flade, der nicht schriftstellerisch auftrat, aber seine Duldsamkeit mit seinem Leben büßte. Sein Verbrechen scheint darin bestanden zu haben, daß er als Oberrichter ein altes Weib nach sechsmaliger Folter laufen ließ und überhaupt drei Jahre lang das Verfolgen der Hexen einstellte. Man ließ endlich neue Hexen auf der Folterbank seinen Namen nennen, ließ ihn selbst, als ihm die Flucht nicht gelungen war, bis zum Geständnisse foltern, offenbar auf besonderen Befehl des Kurfürsten. Er wurde 1589 hingerichtet, aber der Henker hatte den Auftrag, ihn vor der Verbrennung »gnädiglich und christlich zu erwürgen«.

Vielleicht wieder ein Schüler, jedenfalls ein Landsmann von Weyer, war der reformierte, im Calvinismus ketzerische Pfarrer Johann Greve, der in seinem » Tribunal reformatum« (1622) allgemein für Abschaffung der Folter wirkte, dieses Schandflecks christlicher Justiz.

 

Tanner

 

Friedrich von Spee

Die spanischen Priester hatten sich in den Dienst der Gegenreformation gestellt, die vor keiner Rechtsbeugung zurückscheute, um die Reformation zu schädigen, um die Ketzerei unter dem Namen der Zauberei zu verfolgen. Die Gerechtigkeit gebietet die Tatsache hervorzuheben, daß just deutsche Jesuiten – des Mordens müde – mit besonderer Leidenschaftlichkeit die Verteidigung der armen Weiblein übernahmen. Als erster ist zu nennen Adam Tanner aus Innsbruck (geb. 1572, gest. 1632), der in einem großen theologischen Handbuche sich gegen die Wirklichkeit der Hexenfahrten erklärte; auf die Geständnisse sei nicht viel zu geben, am wenigsten auf die durch die Folter erpreßten Geständnisse. Man solle die Prozesse einschränken und nicht jede Angeklagte für schuldig halten. Ernsthaft drang Tanner auf Einhaltung von Rechtsformen im Prozesse; durch einfache Kirchenbuße werde dem Teufel mehr Abtrag geschehen als durch tausend Todesurteile. Tanner rührte also mit keinem Worte an den Hexenwahn selbst; dennoch entging er nur durch Zufall der Verfolgung, und beinahe wäre seine Leiche ohne ehrliches Begräbnis geblieben, weil in seinem Nachlaß ein »Glasteufel« mit Haaren und Krallen gefunden worden war – eine Mücke unter einem Mikroskop. Eine Wirkung hat Tanner ebensowenig ausgeübt wie sein gleichgesinnter Ordensbruder Paul Laymann (geb. 1575 zu Innsbruck, gest. 1635 zu Konstanz); in seiner Moraltheologie behandelt er die Frage, ob man Anklagen auf Hexerei ungeprüft für wahr halten solle oder nicht, und entscheidet sich für das kleinere Übel einer sorgsamen Prüfung. Die Zeit für eine günstige Wirkung war erst gekommen, als der berühmte Jesuit Friedrich Spee 1631 – nur wenige Jahre nach den allgemeinen theologischen Werken von Tanner und Laymann – eine besondere Schrift über die Hexenprozesse herausgab unter dem Titel » Cautio criminalis«. Die Schrift erschien durch die ganze noch übrige Zeit der Hexenbrände, also noch durch ein Jahrhundert, in immer neuen Auflagen und wurde auch mehrfach übersetzt; eine vollständige deutsche Übersetzung, schon früher abgefaßt, erschien im Jahre des Westfälischen Friedens unter dem Titel »Hochnotpeinliche Vorsichtsmaßregel oder Warnungsschrift über die Hexenprozesse, gerichtet an alle Behörden Deutschlands, an die Fürsten und ihre Räte, an die Richter und Advokaten, Beichtiger, Redner und an das ganze Volk«. Der fast gleichsinnige (nur die Widmung an das Volk fehlt) lateinische Titel der Urschrift hatte von dem unbekannten Verfasser nur gesagt, er wäre ein rechtgläubiger Theologe; die Autorschaft Spees wurde erst viel später bekannt. Die Nachricht, daß Spee der Verfasser der Cautio criminalis gewesen sei, fand sich erst achtzig Jahre später, und zwar in der Theodizee von Leibniz (I. § 97); er hatte es aus sicherster Quelle, vom Kurfürsten von Mainz: »Dieser Pater habe sich damals im Frankenlande befunden, als man daselbst auf die Verbrennung der vermeinten Hexen ganz unsinnig war; und als er viele zum Scheiterhaufen begleitet, sie insgesamt, aus der Beichte und anderen Untersuchungen, die er deswegen an ihnen getan, für unschuldig erkannt. Dadurch sei er dergestalt gerühret worden, daß ungeachtet der damaligen Gefahr, die Wahrheit zu sagen, er sich entschlossen, die angezogene Schrift zu verfertigen, jedoch ohne sich zu nennen; die auch einen großen Nutzen geschaffet.« (Er soll auch dem Kurfürsten auf die Frage, woher er so jung schon graue Haare habe, geantwortet haben: unter den zweihundert Hexen, die er auf den Feuertod vorbereitete, habe er keine einzige schuldig befunden.) Übrigens ist die streng gewahrte Anonymität Spees ein Beweis dafür, daß die Cautio ohne Billigung des Jesuitenordens gedruckt wurde; sie wäre sonst sicherlich nicht zuerst in einer protestantischen Druckerei erschienen. Leibniz, der Jesuitenfreund, der diesen Spee als einen der allervortrefflichsten Leute seines Ordens rühmt, redet in diesem Zusammenhangs nur von der theologischen Milde, die auch in dem deutschen Andachtswerke Spees, dem »Güldenen Tugendbuch«, die Unduldsamkeit der Prädestinationslehre verwarf. Die Gedichtsammlung »Trutz-Nachtigall« (»das Büchlein trutz allen Nachtigallen süß und lieblich singet«), die Spee einen Platz in der deutschen Poesiegeschichte sichert, mag Leibniz gar nicht mehr gekannt haben; sie war 1649 zuerst erschienen und zu Anfang des 18. Jahrhunderts schon verschollen; erst Brentano brachte diese geistlichen Lieder wieder zu Ehren, die dichterisch hoch über den Versuchen des immer wieder gepriesenen Opitz stehen und einfacher, inniger sind als die oft überspitzten gereimten Epigramme des geistig freieren Pantheisten Angelus Silesius. Friedrich Spee, aus einem adeligen Geschlechts, das erst nachher den Grafentitel erhielt, 1591 im Kölnischen geboren, war seit seinem dreißigsten Lebensjahre Mitglied des Jesuitenordens, zunächst als Professor der Philosophie und Moral eifrig in der Gegenreformation tätig, dann um seiner Verdienste willen den Bischöfen von Bamberg und Würzburg zugewiesen, die das Geschäft der Gegenreformation auf ihre Weise trieben: im gesetzlichen Rahmen der Hexenverfolgung sollten die Protestanten ausgerottet und nebenbei die bischöflichen Finanzen aufgebessert werden. Der wackere Priester starb schon 1635 zu Trier, wo er im Liebesdienste, als Krankenpfleger verwundeter Franzosen, einer ansteckenden Seuche erlag. Es ist klar, daß Spee alles eher war als ein Aufklärer; auch sein Kampf galt nicht dem Hexenwahn, sondern nur dem Hexenprozeß, eigentlich nur der Hexenfurcht des Pöbels, dem Leichtsinn und der Habsucht der Fürsten und der Richter, vor allem dem Wahnsinn des Folterbeweises. Gewiß, es gebe Zauberer, Hexen und Unholde, wenn auch nicht in so großer Zahl, wie der Pöbel meine. Namentlich in Deutschland solle es eine Unzahl von Hexen geben; das schließe man aber fälschlich aus dem ewigen Rösten, Sengen und Brennen Unschuldiger, die dem Aberglauben oder der Bosheit zum Opfer fielen. Des Brennens, bis das ganze Land verbrannt und sonst hingerichtet sei, werde kein Ende werden, wenn man nicht den möglichsten Fleiß anwende, den Irrtum zu berichtigen. Gegenwärtig liege die Sache so, daß die Fürsten die Verantwortung den Richtern zuschieben, die Richter den Fürsten. »Ist das nicht, Gott erbarm's, eine lustige Sache? Fürsten und Herren legen alle Sorge von sich ab und hängen dieselbe auf ihre Amtleute und Räte und deren Gewissen; diese tun dergleichen und werfen's auf ihrer Herren Gewissen! Ist das nicht ein schöner Zirkel? Welcher aber wird vor Gott verantworten müssen? Denn weil es jener sehen will und dieser soll's sehen, geschieht's, daß es niemand sieht oder achtet.« In der 51. Frage (oder »Zweifel«) gibt nun Spee eine Darstellung des ganzen Verfahrens, die auf uns wie eine Satire wirken könnte, die aber um so grauenhafter ist, als sie – freilich mit dem Unterton des Entsetzens – einfach eine sachgemäße Beschreibung ist. Aus Mißgunst und Aberglaube, die leider auch bei den katholischen Deutschen eingewurzelt seien, stamme die Neigung, daß aller Schaden nicht von Gott oder der Natur komme, sondern von den Hexen, daß also die Behörde einzuschreiten habe, so oft Herr Omnes einen Verdacht äußere. Die Geistlichen gehorchen dem Wunsche der Fürsten, die weltlichen Behörden überdies dem Geize, beide den bösen Zungen. Das erste, das beste arme Weiblein, das beschuldigt wird, ist auch verloren. Alles wird zu einem Verdachtsgrund. Hat sie einen bösen Leumund, so wird ihr auch die Hexerei zugetraut; hat sie einen guten, so hat sie sich verstellt. Sie wird ins Loch gesteckt, wo sie sofort die übelste Behandlung zu erwarten hat. Zeigt sie nun Furcht, so läßt das auf ein schlechtes Gewissen schließen; zeigt sie keine Furcht, so hat der Teufel sie mutig gemacht. Immer haben die Inquisitoren oder Untersuchungsrichter Jagdhunde an der Hand, die die Beschuldigte zu belasten wissen. Gefoltert wird sie auf alle Fälle, mit oder ohne ausreichenden Verdacht. Einen Verteidiger findet sie nicht, weil es gegen das Ausnahmeverbrechen der Hexerei kein ordentliches Verfahren gibt und weil die Angst, selbst verdächtigt zu werden, jeden Anwalt verstummen heißt, jede Feder stumpf werden läßt. Spricht das arme Weiblein selbst für sich, so hat wieder der Teufel sie beredt gemacht. Bekennt sie bei dem ersten, schon entsetzlichen Grade der Folter, so heißt es, sie habe gutwillig bekannt; bekennt sie nicht sogleich, so hat der Inquisitor das Recht, so oft und so scharf zu martern, wie er irgend will. Verdreht sie dabei die Augen, so hat sie nach dem Teufel geschielt, ihrem Buhlen; fällt sie in Ohnmacht, so hat ihr der Teufel zum Schlafe verholfen; stirbt sie unter der Folter, so hat der Teufel ihr den Hals gebrochen und der Henker begräbt das Aas unter dem Galgen. Übersteht die angebliche Hexe alle Grade der Folter, ohne zu bekennen, so wirft sie der nachdenkliche Richter in ein noch schmutzigeres Loch, um sie gleichsam einzubeizen, bis sie mürbe wird. Ungestüme Priester kommen zu ihr, die ihr mit ihren Höllendrohungen noch schrecklicher sind als der Henker selbst. »Das wäre den Inquisitoren eine Schande, daß sie eine Person, so sie einmal zur Haft gebracht hätten, loslassen sollten.« Sie wird verbrannt: von Rechts wegen, wenn sie bekannt hat, durch die Kniffe der Richter, wenn sie nicht bekannt hat. »Du elendes, törichtes Weib! Warum willst du so oft sterben, da du anfangs mit einem Tode hättest bezahlen können? Folge meinem Rat und sage straks zu, du seiest eine Hexe, und stirb.« Und ist nicht einmal wahr; bekennt sie, so wird sie weiter gefoltert, um Mitschuldige anzugeben; sie nennt Leute, deren Namen man ihr in den Mund gelegt hat; diese werden wieder gefoltert, und hier ist kein Ende oder Aufhören. Und wiederum: fliehen die Beschuldigten, so machen sie sich verdächtig, fliehen sie nicht, so hat der Teufel sie zum Bleiben genötigt. Mitunter geht es den Hexenverfolgern selbst an den Kragen. »Da kommen dann deren viele mit ins Spiel, die anfangs so hart gerufen und getrieben, daß man brennen und brühen sollte, und haben die guten Herren im Anfang sich nicht besinnen können, daß die Reihe auch an sie kommen würde, und die haben denn ihren gerechten Lohn von Gott, weil sie uns mit ihren giftigen Zungen so viel Zauberer gemacht und so viele unschuldige Menschen dem Feuer hingegeben haben.«

Die Wirkung der Cautio war sehr tief, aber nicht schnell; man berief sich auf sie, wenn man in Frankreich und in den Niederlanden gegen die Folter schrieb, doch gerade in Deutschland geriet sie wieder in Vergessenheit; Thomasius kannte die Cautio, hielt sie jedoch für eine viel jüngere Schrift. Unter dem unmittelbaren Einflusse Spees hörten die Hexenbrände im Kurfürstentum Mainz auf und erloschen langsam sogar im Bistum Bamberg.

Volle vier Menschenalter nach Weyer, dem indifferentistischen Arzte, zwei Menschenalter nach Spee, dem menschenfreundlichen Katholiken, veröffentlichte Bekker sein Buch gegen den Hexenwahn, das zu günstigerer Zeit erschien (nach dem Ende des größten Religionskrieges) und darum stärker wirkte als irgendeine offen adiabolistische Schrift. Balthasar Bekker (1634-1698) war in Friesland als Sohn eines reformierten Predigers deutscher Abstammung geboren, wurde selbst ein Geistlicher und gelangte noch in seinen letzten Jahren zu einer Anstellung in Amsterdam, obgleich er sich vorher des Cartesianismus und sogar des Socinianismus verdächtig gemacht hatte. Wir haben es hier nur mit seinem Hauptwerk zu tun, das in holländischer Sprache (»De betoverde weereld«) 1691 erschien; ich halte mich an die deutsche Übersetzung von 1693, gegen neunhundert Quartseiten, die nicht in bestem Deutsch geschrieben ist, aber zuverlässig sein soll. » Die Bezauberte Welt, oder eine gründliche Untersuchung des Allgemeinen Aberglaubens, betreffend die Art und das Vermögen, Gewalt und Wirkung des Satans und der bösen Geister über den Menschen, und was diese durch derselben Kraft und Gemeinschaft tun, so aus natürlicher Vernunft und H. Schrift zu bewehren sich unternommen hat, Balthasar Bekker, S. Theol. Doct. und Prediger zu Amsterdam« usw.

Das vielgerühmte Buch bietet dem heutigen Leser in den ersten drei Teilen viel ungenießbare Kost; erst der letzte Teil mit seinen zahlreichen Geschichten von Besessenen und ihrer vernünftigen, oft allzu vernünftigen Erklärung ist fast lustig zu lesen, so oft der Zorn über die Dummheit und den Blutdurst der geistlichen Hexenrichter nicht wieder traurig stimmt. Die ersten und grundlegenden Teile werden dadurch meist unverdaulich, weil sie gegenüber dem ziemlich vorurteilslosen Weyer, mehr als ein Jahrhundert später, einen Rückschritt bedeuten. Weyer hatte das Dasein des Teufels und der Hexen nur gerade so weit gelten lassen, wie es in der Zeit der tollsten Hexenverfolgung für seine persönliche Sicherheit nötig schien; die Bibel bemühte er nur in seltenen Fällen. Bekker geht in einer freien, allegorischen, ja selbst aufklärerischen Auslegung der Bibel oft viel weiter, aber er hält fest an einem schwerfälligen Teufelsglauben und schielt unaufhörlich nach der Bibel; daß er trotzdem jeden Einfluß des Teufels auf menschliche Handlungen entschieden leugnet, dadurch dem Hexenwahn den Boden nimmt, daß er alle Berichte über Zauberei, Hexerei und Besessenheit aus dem Alten und dem Neuen Testamente rationalistisch hinausdeutelt, das kann nicht hoch genug angeschlagen werden für eine Zeit, in welcher die katholische Gegenreformation überall siegreich war und die protestantische Geistlichkeit in öden Katzbalgereien verkam. Auch war Bekker wie Weyer ziemlich frei von gemeiner Menschenfurcht und noch gemeinerer Teufelsfurcht; nicht ganz so prachtvoll wie Weyer, aber doch mit erstaunlicher Tapferkeit fordert er (II. S.269) den dummen und ohnmächtigen Teufel heraus; gibt übrigens kurz vorher zu, den ganzen Betrug des Hexenwahns erst spät durchschaut und vorher wie andere Prediger gedacht und nur mit Gebet gegen den Teufel gekämpft zu haben.

Der Arzt Weyer und der Jesuit Spee hatten beide gegen den Hexen prozeß geschrieben, also wesentlich juristisch; der Theologe Bekker stritt in der Hauptsache mit theologischen Gründen, und auch daher kommt es, daß sein Werk auf seine Zeit mächtig wirkte, unserem untheologischen Geschlechte jedoch veraltet erscheint. Bekker war durch und durch theologisch gerichtet, aber weder rechtgläubig wie Spee noch eigentlich rationalistisch wie die deutschen Aufklärer. Christenglaube und Ketzerei bildeten bei ihm ein seltsames Gemisch. Auf zwei nur schwer vereinbare Gedanken, die für seine Darstellung wichtig sind, möchte ich besonders hinweisen, bevor ich den Inhalt und die Absicht der »Bezauberten Welt« kurz wiedergebe.

Einmal (II. S. 253) spricht er es deutlich aus, daß die Wahrheit des Christentums gar nicht zugleich bestehen könne mit der allgemein verbreiteten Meinung von der Macht oder von einem Reiche des Teufels. »Ein Atheist bedarf keiner anderen Waffen, denn dieser Meinung, das ganze Christentum bis auf den Grund niederzureißen, und welches wir ihm selbst in die Hände geben, wenn wir von dem Teufel reden, wie man davon redet ... Was für Mirakel hat Christus jemals getan zum Beweis, daß er der Messias wäre, die der Teufel nach der gemeinen Meinung nicht alle Tage tut und noch viel mehr?« Der Teufelswahn schenke dem Teufel einen göttlichen Namen, göttliche Eigenschaften, göttliche Wirkungen und eine Art Gottesdienst; durch des Teufels Kraft leiste eine Hexe größere Werke als Moses und die Propheten, als die Apostel und Christus selbst. Man mache Gott zum Lügner, um die Macht des Teufels zu beweisen. Die Wahrheit des Christentums und die Heilsbotschaft werde durch den Teufelswahn in Frage gestellt. Bekker versteht es nur etwas anders als in dem Sinne, in welchem seine Wahrsagung eingetroffen ist. Der Atheismus machte wirklich in den letzten zwei Jahrhunderten so rasche Fortschritte, weil der Teufelsglaube unablöslich mit der Volksreligion verwachsen war, unter Zustimmung der katholischen und der evangelischen Kirche; aber nicht der Teufelsglaube selbst löste die Freigeister von der Kirche los. Es wurde nur der Zweifel am Dasein des Teufels von Jahrzehnt zu Jahrzehnt ungefährlicher, weil dieser Glaubensartikel in der Bibel und in den Katechismen nicht so feierlich und ausdrücklich ausgesprochen und verlangt wurde, wie der Glaube an Gott, und weil die Kirchen sich, eben des Hexenskandals wegen, des Teufels zu schämen anfingen. Weil nun der Teufel und die Hölle doch wieder unentbehrliche Einrichtungen der göttlichen Weltregierung waren, folgte dem Zweifel am Teufel bald der Zweifel an Gott. Die Geistlichen, die sich mit Händen und Füßen gegen die Teufelsleugner und gegen die Hexenleugner wehrten, waren die schlechteren Menschen, aber die besseren Kirchenpolitiker gewesen.

Der andere Gedanke, durch welchen Bekker über seine Zeit hinausweist, kann allerdings wieder als ein Versuch aufgefaßt werden, seine Bekämpfung des Hexenwahns mit dem Bibelglauben in Übereinstimmung zu bringen. Der Theologe fürchtet den Einwand, daß im Neuen Testamente so vielfach von Austreibungen des bösen Geistes die Rede sei, daß also der Heilige Geist den Glauben an Teufel und Besessene selbst gelehrt habe. Und da wird Bekker in der Zwangslage, entweder auf die Untrüglichkeit des Bibelworts oder auf seine aufklärerische Absicht verzichten zu müssen, in einem Hauptpunkte beinahe zu einem modernen Bibelkritiker. Was Lessing so eindringlich in seiner »Erziehung des Menschengeschlechts« verkünden sollte, daß Gott dem Menschen nicht alles auf einmal beibringen könne, daß das Neue Testament ein zweites, besseres Elementarbuch sei, für das Knabenalter der Menschheit, aber noch nicht das letzte Buch, daß also Gott sich in seiner Offenbarung dem Verständnisse des Volkes anpasse, das findet sich (nicht ganz zum ersten Male) schon bei Bekker im 28. Hauptstücke des 2. Buches (S. 188 ff.). Der Wortlaut des Neuen Testaments scheine allerdings die allgemeine Meinung zu stützen, als ob wahrhaftig böse Geister von außen in die Menschen gefahren wären und sie innerlich geplagt hätten. Bekker sei endlich zu einer neuen und beruhigenden Überzeugung gekommen: daß nämlich Jesus mit seiner Lehre immer nur die Sitten und den Gottesdienst habe verbessern wollen, niemals aber das Naturwissen oder die Sprachbegriffe; sogar die Glaubensvorstellungen zu entwickeln habe er den Aposteln (und wohl auch den Kirchenvätern) überlassen. Er habe sich also gar nicht einmal gegen mancherlei Irrtümer erklärt, die damals bei dem jüdischen Volk im Schwange waren. So habe er sich über die Geister und ihr Treiben in einer Weise ausgesprochen, die buchstäblich genommen sehr ungereimt lautet; wie wenn er z. B. den obersten der bösen Geister mit den jüdischen Schriftgelehrten Beelzebub nenne, das ist Fliegengott oder Dreckgott. »Man siehet denn, dünket mich, daß es die Weise des großen Meisters gewesen ist, die Menschen nicht allein zu der Zeit in solchen Irrtümern zu lassen, sondern sich auch nach der Sprache zu fügen, die zum Teil aus solchem Mißverstand entstunde ... Man tut keinen neuen Wein in alte Schläuche, auch setzet man keinen Lappen von einem neuen Kleide auf ein altes ... Weil der Seligmacher nicht vorhatte, die Wahrheit dieser Dinge zu erklären, so konnte er davon auch nicht anders reden als man redete, so er wollte verstanden sein. Er gab den Krankheiten solche Namen, als sie unter dem Volke hatten.« So würde er, wenn er heute lebte, Krankheiten wie die fallende Sucht mit ihren eingebürgerten mythologischen Namen nennen; so hätte er damals von den Bewegungen der Sonne nach dem Anscheine gesprochen und nicht nach der astronomischen Wirklichkeit, die wir heute kennen. Bekker nimmt nun (im 29. Hauptstück) die einzelnen Dämonengeschichten durch, die Heilungen der Besessenen und die Austreibung der bösen Geister in Schweine, um recht gewaltsam zu beweisen, daß es bei diesen Wundern verhältnismäßig natürlich zugegangen sei. Immer habe sich Jesus wie ein moderner Arzt in die Seele des Kranken oder des Geisteskranken hineingedacht und seine Sprache gesprochen; wie auch wir uns anpassen und einen Menschen, der sich einbildet, keine Eingeweide zu haben, als den Mann ohne Eingeweide behandeln. Redete Jesus schon mit dem gesunden gemeinen Volke die niedrige Sprache, die es bis dahin allein verstand, so ist es kein Wunder, daß er mit Wahnsinnigen nicht so redete wie mit verständigen Menschen.

Weder Spinoza in seinem theologisch-politischen Traktat, noch Bekker in seiner Bezauberten Welt, noch Lessing in seiner Erziehung des Menschengeschlechts gelangte zu dem sprachkritischen Ergebnis, daß die Sprache etwas zwischen den Menschen sei, daß also kein redendes Wesen, und wäre es ein Gott, sich mit den Menschen anders als in ihrer Gemeinsprache verständigen könne; aber alle drei, und besonders lebhaft Bekker, wendeten dieses Gesetz auf den besonderen Fall an, da sie Gottes Sohn mit den Menschen als mit Kindern kindlich reden ließen. Um die Vernünftigkeit der Bibel zu retten, die für Spinoza und Lessing ein Buch von hohem Werte war, für Bekker unbedingt das Wort Gottes, ein Diktat des Heiligen Geistes.

Wie man bisher gesehen hat, stand Bekker fest auf dem Boden der Reformation; die christliche Offenbarung war ihm die Heilswahrheit, und an der Wahrhaftigkeit der Bibel zweifelte er nicht; nur daß er die Vernunft, die an sich geringer war als die Offenbarung, bei Streitigkeiten über den Sinn der Offenbarungsworte zur alleinigen Richterin machte. Noch als junger Geistlicher war er in dem Traume des Teufelswahns befangen gewesen; schreckliche Erfahrungen in Friesland und der Gebrauch der Vernunft weckten ihn aus diesem Traume. Völlig aufgewacht ist er ja niemals, da er auf Engel und Teufel nicht ganz verzichtete; das verbot ihm doch der offenbare Teufelsglaube der Bibel. Damit aber, daß er die übernatürlichen Erscheinungen in einer Zeit, der sie alltäglich waren, als Seltenheiten darstellte, daß er den gefürchteten Teufel als einen ohnmächtigen Gefangenen Gottes schilderte, daß er also seinen von Teufelsangst umhergejagten Mitlebenden in ihrer eigenen Sprache zuredete, arbeitete er für die Befreiung mehr als mancher entschiedenere Freigeist. Mit seiner ganzen Schrift will er nicht mehr und nicht weniger beweisen, als daß der Teufel ein armer Teufel sei, sehr wenig wisse und sehr wenig vermöge.

Das erste Buch beschäftigt sich in breiter Gelehrsamkeit mit der Herkunft des landläufigen Teufelsglaubens. Alle Heiden der Vergangenheit und der Gegenwart haben irgendwelche Vorstellungen von bösen Geistern und von Zaubereien gehabt. Aber auch die Juden glauben nach der Bibel, dem Talmud und neueren Auslegern der Schrift an Einflüsse des Teufels, erst recht nach der Kabbala. Die Juden sind darin also den Heiden in diesen Stücken sehr ähnlich; ich möchte nicht behaupten, daß Bekkers Zusatz »abgesehen von der Hlg. Schrift« ironisch gemeint sei. Etwas besser als das Judentum erscheint der Islam, weil die besseren Auslegungen des Koran nicht unerträglich sind. Nun habe das Christentum in den ersten vier Jahrhunderten bereits einige Teufelslehren der Heiden und der Juden aufgenommen; so habe Lactantius die bösen Geister als aus einem dünnen Stoffe bestehend erklärt, und sehr früh habe sich auch die papistische Lehre vom Fegefeuer entwickelt. Ebenso früh habe man gegen die bösen Geister Beschwörungen angewandt. Die Hauptschuld aber an der gegenwärtigen Teufelsfurcht habe die Sekte der Manichäer, die dem guten Gotte einen bösen Gegengott im Teufel beigesellten, und so dem Teufel wirklich göttliche Ehren erwiesen. Bekker sagt es nicht ausdrücklich, deutet es aber an, daß alle Katholiken und Protestanten, die dem Teufel eine so große Macht über die Menschen einräumen, keine rechtgläubigen Christen sind, sondern ebenso arge Ketzer wie die Manichäer waren. Er schont der protestantischen Teufelsanbeter nicht, führt aber für seinen Zweck zumeist katholische Schriftsteller an. Wir erfahren, daß diese Leute (wie Delrio) all den Volksaberglauben von Geistern und Gespenstern, von Teufelsbündnissen und vom Hexensabbat als katholische Lehren vortrugen, unter Billigung ihrer Oberen. Die kirchlichen Mittel gegen Teufel und Gespenster werden aufgezählt und bei dieser Gelegenheit auch über den Hexenprozeß berichtet, der besonders in Deutschland häufig sei (I. S. 119); außer der Inquisition und der Folter werden die bekannten Hexenproben kurz erwähnt, die Probe des heißen und des kalten Wassers und die des glühenden Eisens; weniger bekannt ist und gottsträflich dumm muß eine andere Probe gewesen sein, nach der die verdächtige Person auf der Stadtwage von Oudewater gewogen und nach ihrem Gewichte so ungefähr für schuldig oder unschuldig erklärt wurde. Die Lutheraner seien in betreff des Teufelsglaubens von den Papisten nicht sehr verschieden; sie lehren zwar nicht ein Fegefeuer und sollten darum nicht so leicht die Erscheinung abgeschiedener Seelen annehmen; aber sie tun es doch und übertreiben unmäßig die Macht des Teufels und zweifeln nicht an der Tatsache der Teufelsbündnisse. Leider sei auch unter den Reformierten dieser Glaube sehr verbreitet.

Dieser Teufelswahn der gesamten Christenheit stamme aber nicht aus der Bibel, sondern aus Erziehung und Gewöhnung; das Gesicht des Verstandes richte sich nach der Brille, die man dem Kinde aufgesetzt habe. Auch in der Philosophie und in der Theologie folge man meistens der angelernten Meinung. »Man log vor Alters und lüget in fernen Landen eben so wohl als heutiges Tages und nahe bei« (S. 133).

Mit dem zweiten Buche geht Bekker daran, nach der Vernunft und nach der Bibel, in Wahrheit mehr theologisch als philosophisch, das Wesen des Geistes zu untersuchen. Er unterscheidet ganz naiv zwischen Geist und Leib und wendet sich bei dieser Gelegenheit heftig gegen die »Raserei« des Spinoza. Vorsichtiger behauptet er, daß die Vorstellungen von dem Seelenleben nach dem Tode, von Engeln und von anderen Geistern zum Teile falsch, zum Teile ungewiß seien, so weit man diese Vorstellungen nur auf die Vernunft gründe und nicht auch auf die Heilige Schrift. Die Lehre von den Engeln wird nach den wichtigsten Stellen des Alten Testaments ein wenig eingeschränkt, doch nicht angezweifelt; die Engel seien von Gott gut geschaffen worden, wie alle Dinge, zu bösen Geistern konnten sie also nur durch Abfall werden. Die Macht der guten Engel sei gering, die Macht der bösen Geister sei nicht größer. Mit schnurriger Gelehrsamkeit gewinnt Bekker aus der Bibel die Überzeugung, daß es viele böse oder abgefallene Geister gebe, aber nur einen Oberteufel, den Diabolos, das ist Lästerer, oder Satan, das ist Widersacher. Bekkers Hauptaugenmerk ist nun darauf gerichtet, die Ohnmacht der Engel aus der Bibel nachzuweisen, weil er so am schnellsten auf die Ohnmacht des Teufels weiterschließen kann. Mit halber Frömmigkeit und halber Vernünftelei deutet er an den biblischen Teufelsgeschichten solange herum, bis ein annehmbarer kleiner dummer Teufel herauskommt und das Schreckgespenst verschwindet. Die Logik Bekkers bei dieser Denkarbeit ist sehr einfach und sehr kindlich: was in der Bibel gegen die vernünftige Wahrheit oder gegen Gottes Ehre verstößt, was ungereimt ist, das sei nicht wörtlich zu nehmen; der Teufel, als ein Geschöpf Gottes, kann nicht mit Gott selbst verglichen werden, sondern nur mit anderen Geschöpfen, also höchstens mit den guten Engeln. Er hat weder Gewalt über die Naturgesetze noch irgendeine Kenntnis geheimer Gedanken oder künftiger Ereignisse. Er ist listig und böswillig, doch er ist unfrei, ein Gefangener Gottes. Bekker fühlt sich nicht verpflichtet, die biblischen Geschichten von der Verführung Evas, von der Peinigung Hiobs, von der Versuchung Jesu Christi, aus allen mit ihnen verbundenen Widersprüchen und Mißverständnissen zu lösen; es genügt ihm, den gefürchteten Teufel als einen entlassenen Diener Gottes dargestellt zu haben, der sich an der früheren Herrschaft durch Tratsch und durch gemeine Streiche zu rächen sucht.

Krankheiten kann der Teufel nicht erzeugen; was in der Bibel auf den Einfluß von Dämonen zurückgeführt werde, sei nur eine besondere Art von natürlichen Krankheiten gewesen, die aber auch Jesus – und in diesem Zusammenhange spricht Bekker, wie von einer neuen Entdeckung, von der schon erwähnten Anpassung des Heilands an die Volkssprache – Besessenheit oder so ähnlich nannte; so meinte er es auch, wenn er von der Austreibung von Teufeln redete. Endlich verstehe die Bibel unter einem Teufel oft auch nur einen bösen Menschen.

Nach diesen allgemeinen und vorbereitenden Kapiteln geht Bekker erst daran, an dem eigentlichen Teufelsglauben seiner Zeit zu rütteln. Der Teufel habe nicht einmal die Macht zu spuken, d. h. den Menschen im Schlafe oder im Wachen zu erscheinen; wie man denn auch von Erscheinungen der Engel schon lange nichts gehört habe. Noch weniger habe er die Macht, in der Gestalt abgeschiedener Seelen zu erscheinen. Bekker wolle darum nicht alle Spukerei leugnen; vielleicht gebe es Menschen, die die besondere Gabe haben, Gespenster zu sehen; ihm sei es genug, seine Leser davon überzeugt zu haben, daß der Teufel keine gottähnliche Herrschaft auf der Erde ausübe. Er lasse sich durch den Einwurf nicht irremachen: auch Gott und die Engel wären ohne möglichen Einfluß auf eines Menschen Leib, wenn der Teufel so ohnmächtig nur wegen seiner Geistigkeit wäre. Gerade Gottes Allmacht hebe jede Macht und Kraft des Teufels auf. Gott könne es gar nicht zulassen, daß eines seiner Geschöpfe wie ein Schöpfer werde und Wunder gegen die Naturgesetze verrichte. Darum streite die Teufelsfurcht des Volkes wie gegen die Vernunft, so auch gegen den Bibelglauben eines Christen.

Das dritte Buch wendet sich nun erst gegen den verbreiteten Glauben, daß der Mensch mit dem Teufel Umgang haben könne, also gegen den eigentlichen Hexenglauben. Modern beruft sich Bekker auf Descartes und auf die Unvereinbarkeit von Geist und Leib; doch selbst eine lose Verbindung des Teufels mit einer Menschenseele habe er selbst niemals sich vorstellen können und auch niemals erfahren. Auf der einen Seite könne der Teufel sich nicht mit den Menschen verbinden, auf der anderen Seite sei es doch Unsinn anzunehmen, daß ein Mensch Verlangen nach dem Teufel habe; ein alter Bösewicht stelle sich nicht selbst dem Gerichte oder dem Scharfrichter. Übrigens sei jedes solche Bündnis eine Torheit, weil der Teufel nicht zugleich Büttel und Richter sein dürfe, weil die Einhaltung des Vertrages (der Ablauf, also der Tod an einem bestimmten Tage eines bestimmten Jahres) gar nicht vom Teufel, sondern von Gott abhänge. Das Teufelsbündnis sei eine Erdichtung, also auch, was über die Hexen erzählt werde. Wahrsager habe es freilich gegeben und auch Zauberer, weil die Bibel von ihnen zu erzählen wisse; Zauberei und Wahrsagerei belege die Bibel mit den schwersten Strafen; aber sie bringe den Teufel mit diesen Lastern nirgends in Verbindung und erwähne nirgends die Möglichkeit eines Teufelsbündnisses. Was da berichtet werde über das Entziffern einer Schrift in eines Königs Gehirn, das sei wie jede andere Zauberei im Sinne der Bibel nur als Abgötterei strafbar. Und gar von sogenannten Hexenfahrten, für welche die hexengläubige Theologie freilich die gelehrte Bezeichnung strigiportium erfunden habe, geschehe in der Bibel keine Erwähnung.

Wieder, wie bei der Bekämpfung des Geisterglaubens, legt Bekker in dem Buche gegen die Teufelsbündnisse das Hauptgewicht darauf, daß ein Christ solche Lehren nicht annehmen dürfe. Das sei Gotteslästerung. Nichts erregt Bekker so sehr, wie der Hexenwahn reformierter Prediger, die auf der Kanzel das Vorkommen von Teufelsbündnissen behaupten und von denen einer sich nicht entblödet hatte, die Handschrift eines solchen Bündnisses, die der Teufel – ich weiß nicht warum – wieder hatte herausgeben müssen, öffentlich vorzuzeigen. »Wo bleibt der alte Bund und insbesondere der neue Bund Gottes, wenn der Teufel noch täglich und überall große Mengen von Menschen hat, die ihn anbeten, die ihm zu Dienste stehen, die bei ihm manches Mal zum Abendmahl gehen, die in seinem Namen getauft sind, die seine Merkzeichen tragen? Was Kraft und Gewalt hat Christus ihm genommen, wenn er mit mehrer Kraft in dem Volk seines Bundes wirkt als Christus tut in seinem teuer erkauften Volk?« (III. S. 102).

War es schon schwer, die Bekämpfung des Teufelswahns auf die Bibel zu stützen, so wurde es für Bekker eine noch schwerere und doch notwendigere Aufgabe, die Ohnmacht des Teufels mit den Glaubensartikeln und den Kultformeln seiner Kirche auszusöhnen. Er behilft sich damit, daß er die Glaubensartikel und die Kultformeln sophistisch deutet und schließlich die teufelsgläubigen Prediger eines Rückfalls in den Papismus verdächtigt. Kein Zweifel für uns, daß er den Rechtgläubigen als ein Ketzer erscheinen mußte, so oft er darauf bestand: die Leute dürften nicht mit Fabeln und Scheusalen erschreckt werden, der Teufel wäre nicht Gott (III. S. 179). Bekker ist bei aller Tapferkeit vorsichtig genug, bei aller Freigeisterei gläubig und auch abergläubig genug, um sich aus dieser Gefahr herauszuwinden; bald redet er von der Zauberei seiner Zeit als von Quacksalberei, Gaukelei und Betrug, erklärt Vorhersagungen mancher Art aus dem natürlichen Verstande, bald gibt er ganz unaufklärerisch das Vorkommen von Ahnungen und Sympathiekuren zu. Er ist nicht überzeugt davon, daß sein Werk dem Teufelswahn sofort ein Ende machen werde; doch eine gute Wirkung auf die Ärzte, auf die Richter, vor allem auf die Fürsten und Obrigkeiten verspricht er sich. »Ein Christ wird von Jugend auf besser unterrichtet, wenn man dem Kinde nicht mehr von dem Teufel oder von Gespenstern oder Hexen vorschwätzet« (III. S. 193). Die letzten Worte deuten darauf hin, daß Bekker, der offen nur die Teufelsbündnisse und die Hexen leugnete, des Teufelsdaseins selbst nicht so sicher war, wie er unter dem Zwange der Bibelworte immer wieder sagte. Dieses ganze dritte Buch, das krumm oder gerade die Bibelworte dazu benützt, die theologische Lehre von den Teufelsbündnissen zu zerstören, ist so eingerichtet, als ob der Verfasser den Teufel selbst zwar verkleinere, aber nicht leugne; im 17. Kapitel, wo das eigentliche Wesen des Bösen untersucht wird, ist freilich der Gedankengang von einer versteckten Teufelsleugnung nicht mehr weit entfernt. Doch erst im vierten Buche läßt sich Bekker freier gehen; auch da rührt er allerdings nicht an das christliche Dogma vom Teufel; aber er hat es jetzt nicht mehr mit dem Diktat des Heiligen Geistes zu tun, sondern immer wieder mit albernen Teufelsgeschichten menschlicher Skribenten, er lacht so unbefangen über all den frommen Unsinn, daß als Wirkung die Vorstellung übrigbleiben mußte: wenn alle die erzählten Einflüsse des Teufels auf Besessene, auf Hexen und auch auf Fromme Erfindungen sind, Betrügereien oder Selbstbetrügereien, so mag am Ende auch der Teufel eine Erfindung sein. Der Bibel zum Trotz. Die Wirkung, wie gesagt, dieses vierten Buches mußte so adiabolisch sein, wenn sich auch Bekker selbst vielleicht nicht zu solcher Klarheit durchgerungen hatte.

Als Beitrag für die Kulturgeschichte ist dieser vierte Abschnitt der »Bezauberten Welt« unschätzbar; Bekker erzählt viele Fälle, die er selbst beobachtet hat oder die er längst verschollenen hexengläubigen Flugschriften entnimmt. Die Kritik, die er an dem krausen Hexen-Einmaleins übt, ist von ungleichem Werte. Wo er, nüchtern und beschränkt, wie etwa hundert Jahre später Nicolai, die Gespenstergeschichten auf einen Betrug zurückführt, da wird er uns bei aller Verdienstlichkeit des Unternehmens oft lästig durch eine zudringliche Aufklärerei. Wir werden uns erinnern, daß nach der Mitte des 16. Jahrhunderts das legendäre Buch von den drei Betrügern wieder zu spuken begann, daß – allgemein gesagt – aus dem 13. Jahrhundert die Hypothese einer zwischen Atheismus und Deismus schwankenden Freigeisterei hervorgeholt wurde, nach welcher die Stifter der drei großen monotheistischen Religionen Betrüger gewesen wären. Die erwähnte Art von Bekkers Kritik steht auf gleichem Boden, entgegen den Anschauungen unserer Geschichtswissenschaft, die ein allmähliches Werden auch der Religionen lehrt und den Begriff der Volkspsychologie gefunden hat. Bekker wendet einfach die Betrügerhypothese auf den Teufel an; die Leute, die die Macht des Teufels erfahren zu haben behaupten, sind gemeine Gaukler und Betrüger. Ich möchte nicht mißverstanden werden. Bekker war und blieb durchaus Theologe; er war kein Atheist und nicht einmal ein deistischer Freigeist; ein Protestant, der in Christentum und Reformation fest stand auf dem Worte Gottes und sich die redlichste Mühe gab, seine Überzeugung und das Wort Gottes in Übereinstimmung zu bringen; nur daß seine Überzeugung, der Teufel hätte keine Macht, dem gewordenen Christentum, auch dem protestantischen, schnurstracks widersprach und schrittweise zur Leugnung des Teufels, zur vorurteilslosen Bibelkritik, zur Leugnung Gottes führen konnte und auch führte. Adiabolismus und Atheismus sind einander anders nahe, als der vielgläubige Bekker ahnte.

Ich habe schon gesagt, daß Bekker in den ersten drei Büchern seines Werkes, wo er die Theorie des Teufelsglaubens untersucht, durch Rücksichten auf die Buchstaben der Bibelworte zu Halbheiten genötigt war, daß er erst im vierten Buche, wo er es mit frommen, aber profanen Schreibern von Teufelsgeschichten zu tun hat, frei so redete, als ob der Teufel gar nicht existierte. Mit Scham erzählt er (S. 49), daß er selbst gelegentlich für die Heilung eines Besessenen Gebete gesprochen habe. Erst langsam gelangt er zu der Gewißheit, daß der Teufel kein Wesen für sich sei, sondern im menschlichen Fleische stecke. Er wird geneigt, die Behörden und Richter (in Holland, wo die Anklagen wegen Zauberei so gut wie aufgehört hatten) für nützlicher zu halten als die Geistlichen; er weiß jetzt, daß auf Zeugenaussagen nicht viel zu geben sei, am allerwenigsten auf die Aussagen von schriftstellerischen Zeugen, die vor hundert Jahren gelebt haben und auf die sich die Theologie zumeist berufe. Er weiß, daß die katholische Kirche mit ihren Lehren vom Teufel und von Geistererscheinungen nur folgerichtiger sei als die protestantische, daß also die Teufelsfurcht und die Wundersucht der reformierten Geistlichen nur noch tadelnswerter sei. Hätte Bekker die vorzügliche Kritik, die er an einzelnen Fabeln und Sagen übt (die Kinder von Hameln, die Zaubermittel gegen Kugel, Hieb und Stich), auf die biblischen Erzählungen selbst angewendet, so wäre sein Werk, mit oder ohne unmittelbaren Erfolg, zu einer endgültigen Vernichtung des bösen Gottes geworden. Hätte er so scharfsinnig, wie er die Untauglichkeit der Wünschelrute zur Auffindung von Mördern und Dieben bewies, und so kühn, wie er die Anpassung der Herrenworte an die Volksmeinung und Volkssprache behauptete, auch die Unmöglichkeit erkennen können, durch die Bibelworte zu einer richtigen Naturerkenntnis zu gelangen, so würde ihm eher als den englischen und französischen Deisten der Ruhm gebühren, das ganze Gebäude der Theologie gestürzt zu haben. Doch auch in seiner Beschränktheit hat er etwas Großes geleistet: er hat, nicht als der erste und nicht als der gründlichste Gegner des Hexenhammers, aber weithin vernehmbar, den Satz verteidigt, daß die Welt nicht verzaubert sei, daß weder die Angeklagte noch der Zeuge noch der Richter eigentlich wisse, worin die Zauberei bestehe; er hat die ganze Schmach des Hexenprozesses aufgedeckt, die Infamie der Peinbank, sowohl der körperhaften Peinbank, auf welcher der menschliche Leib grauenhaft gepreßt wurde, »so platt als ein Pfannkuchen«, als auch der Peinbank des Gemüts. Er hat, ohne die Hilfsmittel der modernen Psychologie, allein seinem gesunden Menschenverstande vertrauend, eine Menge Zaubergeschichten aus Dänemark, Schweden, Deutschland und England untersucht und ist zu dem Ergebnis gelangt, daß die evangelische Geistlichkeit nicht um ein Haar besser sei als die papistische. In den drei letzten Hauptstücken des vierten Buches (S. 292 bis zum Ende) kommt er zu dem Schlusse: daß alle diese Berichte über Spukerei, Wahrsagerei und Zauberei altvettelische Fabeln seien und daß die Behörde solchem Aberglauben zu widerstehen habe. Er will den Teufel und die Zauberei nicht durchaus leugnen; aber Betrug oder Bosheit stecke gewöhnlich hinter solchen Dingen. Bei einer ungewöhnlichen Erscheinung gleich an den Teufel als Urheber zu denken, sei ungereimt. »Gesetzt, ich sehe eine neue und nette Art von Schuhen, dergleichen ich niemals in eines Schusters Werkstatt noch an Jemandes Füßen gesehen. Mag ich daraus schließen, daß kein Schuh-Knecht noch -Meister, sondern wohl ein Bäcker oder Müller dieselben gemacht habe?« Des Teufels Werk oder vielmehr den Glauben daran habe man nicht vonnöten. Wo kein Richter mehr wegen Zauberei verurteile, da höre die Anschuldigung wegen Zauberei von selber auf. »Man siehet nun klärlich, daß ganz keine Zauberei sein würde, so man nicht glaubete, daß sie sei ... So es Atheisten sind, die solche Teufelsdinge leugnen, so sind es die Heiden und nächst ihnen die Papisten am wenigsten; am meisten dagegen, die zum Reinsten reformiert sind und am wenigsten von der Zauberei wissen ... So kann man Gott und Christum näher kennen, wenn man weniger von dem Teufel meinet zu wissen, außer dem, was uns die Schrift davon lehret« (S. 299). Der Teufel habe auf dem Predigtstuhl oder in den Büchern der Gelehrten nichts zu tun, als nur die Zeit und den Ort zu füllen; darüber hinaus seien jedoch die Folgen entsetzlich. »So die Obrigkeiten und die Richter mit so großem Ernst diejenigen straften, welche andere wegen Hexerei beschuldigen, und die Ankläger nur halb soviel peinigten, die Beschuldigung zu beweisen, als die anderen zu bekennen, ich bin wohl versichert, daß sie nicht viel Holz darum verbrennen sollten« (S. 302).

Bekkers Werk, das in Holland rasch nacheinander neu aufgelegt werden mußte und überdies bald ins Deutsche, Französische, Italienische und Spanische übersetzt wurde, erregte eine um so größere Bewegung, als es sich, ohne Gott und Gotteswort anzutasten, gerade an die rechtgläubigen Theologen zu wenden schien. Die Bücher und Traktätlein, die gegen Bekker herauskamen, bilden eine ganze Bibliothek; kein Vorwurf wurde ihm erspart, von dem des Cartesianismus bis zu dem des Atheismus. Heute wird er den Wohltätern der Menschheit zugerechnet. Bei seinen Lebzeiten wurde er von einer Synode seines geistlichen Amtes entsetzt (1692), wurde er an manchen Orten von der Teilnahme am kirchlichen Abendmahl, also nach damaliger Vorstellung von der bürgerlichen Gemeinschaft, ausgeschlossen.

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