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Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande. 1. Band

Fritz Mauthner: Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande. 1. Band - Kapitel 23
Quellenangabe
authorFritz Mauthner
titleDer Atheismus und seine Geschichte im Abendlande. 1. Band
publisherDeutsche Verlags-Ansta
year1922
firstpub1920
correctorreuters@abc.de
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Zehnter Abschnitt
Kaiser Sigmund und die Hussitenbewegung

Überall ging es rückwärts mit der Macht der einen, allgemeinen Kirche; es ist bald Ursache, bald Folge dieser Rückwärtsbewegung, es ist aber jedesfalls symbolisch, daß die eine und allgemeine Kirchensprache, die lateinische, fast überall von den Volkssprachen verdrängt wurde, zuerst in Italien und Frankreich, dann auch in England und in Deutschland. Mit Gott hatte man nur lateinisch reden können; jetzt gewöhnte man sich's ab, mit Gott zu reden. In Frankreich aber hatte sich eine nationale Kirche und ein nationaler Staat gebildet, die nationale Kirche war ein, oft schwieriges, Werkzeug des Königs geworden, der die Ideen von Staat und Kirche für seinen eigenen Nutzen mißbrauchte, bestenfalls für den Nutzen seines Hauses. In Deutschland waren alle ähnlichen Versuche an dem Egoismus der Fürsten und Herren gescheitert; man mag es so darstellen, als ob die tiefe Religiosität der Deutschen das verschuldet hätte; in Wahrheit war das deutsche Volk nicht frömmer und nicht abergläubischer als das französische, und nur die ererbte Uneinigkeit, die kleinliche Machtgier der geistlichen und weltlichen Herren, die eigentlich schon Landesherren waren, trug die Schuld daran, daß in Deutschland weder eine nationale Kirche zustande kam, noch ein nationaler Staat. So nahm hundert Jahre nach dem Siege Philipps über Bonifazius der Kampf zwischen Kaiser Sigmund und der Kirche wieder einen ganz anderen Verlauf.

 

Sigmund

Man könnte ja mit einigem Scheine von Recht sagen, Sigmund habe eine Reformation an Haupt und Gliedern sich zur Aufgabe gesetzt und habe auf den Konzilien von Konstanz und Basel das Schisma beseitigt, die Unterwerfung des Papstes unter die Kirche wenigstens formell durchgesetzt; in Wahrheit war Sigmund ebenso ungläubig wie Philipp oder Bonifazius und nahm, ein Lüdrian, ein Pumpgenie, dabei begabt, ehrgeizig und eitel, sich der kirchlichen Angelegenheiten nur an, um im Reiche und in seinen Hausländern seine sehr weltlichen Ziele fördern zu können. Ein Unterschied fällt freilich in die Augen: der König von Frankreich war reich gewesen, Sigmund war ein Kaiser mit der leeren Tasche, auf seinen unaufhörlichen Vetterlesreisen ein Schrecken für jede Stadt, die er durch seinen Aufenthalt ehrte. In der ewigen Geldklemme, die durch seine Prachtliebe gesteigert wurde, bezahlte Sigmund alle seine Hoheitsrechte mit Abtretung von Einnahmequellen an die geistlichen und weltlichen Fürsten. Nur so geschah es ja auch, daß er die Mark Brandenburg an den Burggrafen von Nürnberg verpfändete und den Grund legte für die durch genau fünfhundert Jahre wachsende Macht der Hohenzollern.

Als das Konzil nach Konstanz berufen wurde, betrog der herrschende Papst den Kaiser und der Kaiser betrog den Papst; die Vertreter Frankreichs, die sich auf Geld und Macht stützen konnten, dazu auf eine bessere theologische und juristische Gelehrsamkeit, wußten die Leitung des Konzils in ihre eigenen Hände zu spielen. Und wieder war es kein Zufall, war es symbolisch, daß da zum ersten Male nach Nationen abgestimmt wurde; die französische Nation wußte, was sie wollte, die deutsche nicht.

Sigmund trieb auch auf dem Konzil seinen Handel mit Ländern und Regalien weiter, wie ein junger Verschwender sich mit den Schätzen seiner Ahnen aus täglichen Verlegenheiten hilft. Der Prozeß des Hus war für ihn nur eine unerfreuliche Episode; er achtete gewiß gar nicht darauf, daß er dabei eine abscheuliche Rolle spielte. Aber auch in den großen politischen Fragen, von den kirchlichen ganz zu schweigen, ließ er sich in Konstanz übertölpeln; ihm waren Festgelage und Geldgeschenke immer wichtiger als der Friede zwischen Frankreich und England und der Ruf nach einer Kirchenreformation, der seit Beginn der wiclifitischen Bewegung nicht mehr verstummen wollte. Den besten Männern in Deutschland war diese Forderung heiliger Ernst, dem Kaiser nicht.

Auch in den Jahren der Hussitenkriege erwies sich Sigmund oft als ein kluger Diplomat, niemals als ein gläubiger Christ. Er und sein Bruder, der König Wenzel, führten Krieg und schlossen Frieden mit den Hussiten, den Utraquisten, den Taboriten, je nachdem ihre Kurzsichtigkeit einen Vorteil wahrzunehmen glaubte oder nicht. Die Prager Artikel, die hundert Jahre vor Luther schon den Protestantismus verkündeten, wurden bald zugestanden, bald abgelehnt. Ganz zynisch erklärte er einmal, er hätte Lust, auf die deutsche Krone zu verzichten, weil ihm nur seine ungarische Krone eine Versorgung (wir würden es heute Zivilliste nennen) böte.

Bei den wildesten Sekten der Hussiten gab es religiösen Fanatismus; da glaubte man an die Trommel, die nach dem Tode Ziskas seinem letzten Willen gemäß mit seiner Haut überzogen worden wäre, um panischen Schrecken in der verlotterten deutschen Reichsarmee zu verbreiten; bei Sigmund war nur der Wunsch rege, so oder so wieder in den Besitz der böhmischen Krone zu gelangen, durch Sieg oder durch Nachgeben. Und das Ende war, daß das zweite Konzil, das Sigmund als alter Herr erlebte, das von Basel, das große Fragen lösen sollte, schließlich den Hussiten gegenüber nachgeben mußte, weil die Deutschen zwar unablässig gegen die Hussitengreuel aufgereizt wurden, trotzdem aber die Lehre des Hus zu begreifen und zu lieben anfingen. So kam es, daß eine Verständigung zwischen Sigmund und den Hussiten erfolgte, ungefähr zu der gleichen Zeit, als Sigmund zum Kaiser gekrönt werden sollte, kostenlos, bei freier Bewirtung und freiem Quartier. Ohne jede moralisierende Zutat, die nur stören würde, einige Zeilen aus dem Berichte Windeckes, Sigmunds vielgewandtem Agenten, über diese Krönung. Der Papst und der König Sigmund saßen in der Peterskirche, jeder unter seinem Tabernakel. »Es nahete einer, der einen Kaiser zu krönen berufen ist, und fragte den Kaiser, ob er ein eheliches Kind, ein frommer Mann und Herr wäre. Da sagte der Kaiser: Ja, aber du bist nicht fromm und tugendhaft genug, dem Kaiser seine Krone aufzusetzen, denn du hast einer Frau die Brüste abgeschnitten ... Da erschien der, welcher einem Kaiser die Krone aufzusetzen pflegt, und setzte dem Kaiser seine Krone auf, so daß sie schief zur rechten Seite hing. Darauf kniete der Kaiser vor dem Papste nieder, und dieser hob den rechten Fuß und rückte ihm die Krone grade, wie es recht und herkömmlich ist.« Der Kaiser, in seiner Eigenschaft als Diakonus, sang das Evangelium bei der Messe; bei den Worten » et dabo tibi gladium« reichte der Papst nach der Sitte dem Kaiser das Schwert, mit der Spitze in die Hand; der Marschall des Kaisers aber drehte es um und übergab es richtig. Nach dem Hochamt küßte der Papst den Kaiser auf die rechte Backe und der Kaiser den Papst. Jetzt wollte Sigmund dem Papste in jeder Weise gefällig scheinen; doch er betrog den Papst, das Konzil und die Hussiten; mit diesen, d. h. mit den sehr gemäßigten Herren vom böhmischen Adel, wurden die Prager Kompaktaten geschlossen, die von keiner Seite ehrlich gemeint waren. Der Papst, der Kaiser und die Kardinäle trieben so ihre unchristlichen Geschäfte; die Rechnung hatten die armen Sektierer zu zahlen, die inbrünstig an die Lehre des Hus glaubten.

Zu der Unchristlichkeit Sigmunds gehören auch die Weibergeschichten, besonders die aus seinem Familienleben; denn seine übrigen fleischlichen Gelüste würden ja nicht gegen seine Frömmigkeit sprechen. Aber Sigmund, der seine eigene Tochter einmal an den türkischen Sultan zu verschachern gedachte, lebte in zweiter Ehe mit einer Frau, die im Rufe einer Atheistin stand. Man denke: eine deutsche Kaiserin zu Beginn des 15. Jahrhunderts.

 

Barbara von Cilli

Diese Barbara von Cilli (um 1395 geboren, 1451 ohne Reue gestorben, in Melnik; selbst ihr Ankläger Aen. Sylvius rühmt ihre Schönheit) scheint den schlechten Ruf, den sie als Weib besaß, redlich verdient zu haben, wenn auch die Häufung der Beschimpfungen bei Schlosser – Xanthippe und Messalina zugleich – wunderlich klingt. In den Kämpfen um die ungarische Krone, die ihm seine erste Frau zugebracht hatte, wurde Sigmund gefangen genommen; entweder Barbaras Vater oder ihre Verwandten leisteten ihm bei dieser Gelegenheit so wichtige Dienste, daß er sich zu der Ehe mit Barbara verpflichtete und noch vor dem Konstanzer Konzil sein Wort auch hielt. Muß man dem Klatsche der Zeit Glauben schenken, so bildeten die von Cilli eine saubere Sippschaft; ein Bruder Barbaras wurde von seinem eigenen Schwager beschuldigt, seine Frau ermordet zu haben, nachdem er sie acht Jahre lang mißhandelt hatte. Barbara selbst galt für ein schamloses Frauenzimmer; sie gab sich jedem Manne hin, der ihr gefiel, ohne auch nur seine Bewerbung abzuwarten. Sie muß es arg getrieben haben; denn der dienstbeflissene Bewunderer Sigmunds, der schon genannte Agent Eberhard Windecke, spricht sehr übel von ihr in der schlechten und offiziösen, aber offenbar wohlmeinenden Chronik, die er von dem Leben des Königs Sigmund hinterlassen hat. Allerdings meint er, Sigmund habe Treue mit Treue vergolten, da er Barbara, deren Schwester ihm die Freiheit verschafft hatte, zur gekrönten Königin von Ungarn machte. Doch nachher scheint er die Sitten der Königin preiszugeben. Er meldet ohne Widerspruch, daß sie verdächtigt worden sei, es mit einem der fürstlichen Gläubiger des Königs zu halten. Sogar das Gerücht, sie habe Sigmunds Tod verschuldet, sie sei ein böses und ganz niederträchtiges Weib, notiert er, ohne die Königin zu verteidigen. Es scheint, daß Barbara damals ihre Augen auf den jungen Bruder des Königs von Polen geworfen hatte; den wollte sie vielleicht heiraten und mochte auch politische Pläne mit ihm haben. Nach Sigmunds Tode wurde sie von seinem Schwiegersohne und Nachfolger politisch unschädlich gemacht: erst gefangengenommen, dann des Landes Ungarn verwiesen und auf einen mäßigen Witwengehalt beschränkt.

Es ist merkwürdig, daß in der Chronik von Windecke nur ein einziges Mal von einem Zerwürfnisse zwischen dem Könige und der Königin die Rede ist. Die Königin wurde 1421 »gröblich verleumdet« und darauf überaus hart gehalten; der Zwist dauerte anderthalb Jahre, bis geistliche und weltliche Würdenträger, auch Sigmunds Tochter erster Ehe, sich ins Mittel legten und die Versöhnung der gleichwertigen Gatten im Bette erfolgte.

Nun ist es schwer zu sagen, ob man Barbara für gottlos ausgab, weil sie ein liederliches Geschlechtsleben führte, ob man ihre Liederlichkeit übertrieb, weil sie eine Unchristin war, oder ob sie eben gottlos und wollüstig zugleich war. Der Geschichtschreiber Bonfinius, der noch im gleichen 15. Jahrhunderte Böhmen und Ungarn bereiste und dem man nach der aufkommenden Humanistensitte den Namen eines ungarischen Livius gab, berichtete von ihr: sie wäre von jeder Religion abgefallen und hätte Gott und Teufel geleugnet; weil nach dem Tode nichts übrigbliebe, brauchte man weder um Gott noch um die Seele Sorge zu tragen. Es gäbe weder über noch unter der Erde irgend etwas, das uns anginge.

Bayle hat in seinem Wörterbuche der gottlosen Barbara einen kleinen Artikel gewidmet, mit feiner Nase für die Pikanterien, die aus den Anekdoten über ihr Leben zu holen waren. Als man sie auf das Beispiel der Turteltauben hinwies, die treu in einer Einehe leben, soll sie geantwortet haben, sie zöge das Beispiel der Haustauben und der Spatzen vor, die sich mit jedem Männchen einlassen. Bayle benützt die Gelegenheit, sehr rückständig, auch für seine Zeit schon rückständig, über wissenschaftliche Bestrebungen der Frauen zu reden; seitdem das Frauenvolk sich aus der Unwissenheit keine Ehre mehr mache, sei bei ihm die Gottlosigkeit eingerissen, die bei der Kaiserin Barbara noch eine seltene Ausnahme war. Bayle aber denkt gar nicht daran, eine Erscheinung wie diese gottlose Fürstin als ein Zeichen der Zeit darzustellen. Er hastet an der einzelnen Tatsache und trennt ebensowenig das Individuelle von der Zeitströmung wie (wenigstens im Wörterbuche) die politische Seite der Gottlosigkeit von der theologischen.

Es ist aber eine ganz andere Sache, eine so wilde Zeit wie die der Hussitenkriege einmal unter dem Gesichtspunkte der politischen Geschichte darzustellen, ein andermal unter dem Gesichtspunkte der Loslösung vom Gottesglauben. Die Sektenbildung in Böhmen, viele Streitigkeiten auf den Konzilien von Konstanz und Basel, die Sympathie, welche die Hussiten trotz aller Verhetzung (durch Ausmalung ihrer Greuel) in Deutschland fanden, all diese Dinge waren nur Vorbereitungen zu einer Rettung des Kirchenglaubens, die dann in der eigentlich so genannten Reformation zur Begründung einer neuen Tyrannei wurde; die Weltanschauung aber, die bei den Gewalthabern vorherrschte – Sigmund und Barbara standen mit ihrer Unchristlichkeit durchaus nicht allein –, sprach dafür, daß die alte Kirche und der alte Glaube nicht mehr zu retten waren. Die Religion war seit zweihundert Jahren zu einem Werkzeuge der Politik geworden bei fast allen, die Politik machten.

 

Hus

Kein Wunder, daß die ganze Bewegung, die wir nach dem Magister Hus zu benennen pflegen, zwar von theologischen Fragen ausging, aber wesentlich einen nationalen und politischen Charakter erhielt; das wirkte weiter, so sehr, daß bis in die Gegenwart hinein nationale und politische Vorurteile zu Worte kamen, wenn ein Urteil über Hus und seine Leute gesprochen werden sollte. Als ich studierte, auf der Prager Universität, stand der Gelehrtenstreit um die Berechtigung des Hussitentums dort wieder einmal auf einem Höhepunkte. Der katholische Professor Konstantin Höfler, mein Lehrer übrigens, hatte den hussitischen Geist heftig angegriffen; Franz Palacky, der greise böhmische Landeshistoriograph, der sich der Union der Böhmischen Brüder zurechnete, der mit seinem »deutschen« Zylinderhute auf der Straße mit Fingern gezeigt wurde, der der eigentliche Vater des neueren tschechischen Aufschwunges war, hatte in großen und kleinen Schriften die Verteidigung des Hussitismus übernommen. Es tut mir nicht eben leid, sagen zu müssen, daß Höfler durchaus im Unrechte war, wissenschaftlich und moralisch, daß Palacky überall den Sieg verdiente, wenn er auch allzu einseitig die Tugenden seines tschechischen Volkes rühmte. Für unseren Standpunkt ist es besonders beachtenswert, daß noch Palacky, als ein nationaler Fanatiker, sich um die theologischen Fragen und um die Priorität in diesen Fragen gar nicht kümmerte; er hatte Wiclifs Schriften niemals gelesen.

Die engeren und weiteren Ereignisse, zu denen das Leben und der Tod des Magisters Hus einen Anstoß gaben, bildeten zu ihrer Zeit eine Einheit, eine sehr verwickelte Einheit natürlich, sind aber für uns nach Ablauf eines halben Jahrtausends kaum zu begreifen, wenn wir sie nicht in uns geläufigere Teilbewegungen auseinanderspalten. Da ist eine gewaltige nationale Erhebung am Werke, in den Hussitenkriegen, wie wir ihr sonst im christlichen Abendlande vor dem Beginn des 19. Jahrhunderts nicht wieder begegnen; wir werden nachher auf die Unchristlichkeit, ja versteckte Religionsfeindschaft zurückkommen müssen, die in den Hussitenkriegen wie in jeder Überspannung eines nationalen Ideals verborgen lag. Da ist ferner, ja für die Zeitgenossen als Hauptsache, der Zug einer Ketzerei, die gar nicht neu war, die erst unter Mitwirkung einer nationalen Leidenschaftlichkeit zu einer neuen Gefahr für die Kirche wurde. Da ist endlich, fast unlöslich mit gläubiger Ketzerei und nationalem Ehrgeiz verknüpft, ein Zug von Aufklärung, der allein in unseren Zusammenhang zu gehören scheint. Für das Verständnis aller dieser Bewegungen wird es vor allem notwendig sein, kurz auf den Zusammenhang zwischen Hus und seinem Vorgänger Wiclif hinzuweisen; in der Hinneigung zu nationalen und zu kirchenfeindlichen Absichten, die auch bei Wiclif nicht fehlen, war Hus selbständig, in der Ketzerei selbst war er nur ein Schüler Wiclifs.

 

Wiclif

Johannes von Wiclif (es gibt auch andere Schreibungen seines Namens) war um oder vor 1320 geboren. Er war nicht mehr jung, da er, bis dahin ein Lehrer an der Universität Oxford, eine Pfarre erhielt, die er bis zu seinem Tode (31. Dezember 1384) innehatte. Er war nicht nur als Theologe, sondern auch als Kirchenpolitiker ein Anhänger von Ockam. Gegen die römische Kirche scheint Wiclif schon 1365 aufgetreten zu sein, als der Papst – mit Frankreich, dem Erbfeinde Englands, eng verbunden – gegen England veraltete Rechte eines Lehnsherrn geltend machte; aber noch 1374, bei Friedensverhandlungen zwischen England und Frankreich zugezogen, scheint Wiclif nur als Theologe tätig gewesen zu sein, noch nicht als Reformator. Doch unmittelbar darauf begann er, in Flugschriften wie in größeren Werken, die Agitation für eine Ketzerei, die auf den ewigen Versuch hinauslief, an Stelle der despotisch herrschenden Kirche ein willkürlich aus den Jahrhunderten herausgegriffenes Urchristentum zu stellen. Die Kirche habe kein Recht auf weltliche Herrschaft und auf weltliche Mittel; das Eintreiben von Annaten und Ablaßgeldern sei Simonie. Es wird schwer auszumachen sein, ob Wiclif mit solchen Reformideen, die er von den Kanzeln der Londoner Kirchen aus eifrig und erfolgreich verteidigte, bewußt den politischen Absichten des Herzogs von Lancaster (bekannt aus Shakespeares Richard II.) dienen wollte oder ob der Herzog erst nachträglich die Reformforderungen Wiclifs benützte; genug daran, der Herzog beschützte den Ketzer, persönlich gegen seinen Bischof und vor dem Volke durch die Bettelmönche, die bei der von Wiclif gewünschten Säkularisation der Kirchengüter nur gewinnen konnten. Der Papst erließ Bullen gegen den Kirchenräuber (1377), die englischen Theologen warfen ihm bereits Blasphemie vor, was doch schon mehr gewesen wäre als Ketzerei; aber er hatte jetzt schon einen starken Anhang beim Volke und bald auch am Hofe, und so gewann er den Mut, in der Kirchenreform weiter zu gehen als bisher. Er warf seine Folgerungen in englischer Sprache in die Öffentlichkeit und stellte eine neue theologische Definition der Kirche auf: sie sei die Gemeinschaft der zur Seligkeit Vorherbestimmten, also könne der Papst, der vielleicht nicht vorherbestimmt ist, gar nicht Haupt dieser Kirche sein. Wiclif treibt eigene Bibelforschung (nicht Bibelkritik in unserem Sinne) und maßt sich ein Recht an, die Bibel nach seiner eigenen Vernunft zu deuten. So gelangt er Schritt für Schritt dazu, den Primat des Papstes einfach nicht anzuerkennen und den Papst – er schwankt, er meint bald den Papst überhaupt, bald nur den schlechten Papst – für den Antichrist zu erklären. Inzwischen hatte sich doch wohl eine Wandlung vollzogen; eine allgemeine Kirchenreform wurde ihm zur notwendigen Voraussetzung einer Änderung der äußeren Kirchenpolitik. Die Bibel wurde unter seiner Mitwirkung für das Volk in die englische Muttersprache übersetzt; Wiclifs Anhänger wurden darum die Bibelmänner genannt; übrigens auch »Lollarden«, vielleicht wirklich nach dem Unkraut ( lollium), das sie angeblich säten. Wenn die Herkunft des Namens nicht doch richtiger (oder modischer) von einem niederländischen Worte »löllen« = singen, psalmodieren behauptet wird; jedenfalls wird der Name der Sekte nur von der Legende auf einen Stifter Lolhard zurückgeführt. Bemerkenswert ist, daß die Lollbrüder schon vor Wiclif erwähnt werden, in einer Chronik von 1309 ( Lollardi sive Deum laudantes). Gegen Ende des 14. Jahrhunderts erscheinen sie als Volkspriester ( Poor Priests), die mit der englischen Bibel in der Hand gegen Mißbräuche der geistlichen wie der weltlichen Behörden predigten. Die Anhänger waren so zahlreich, daß sie (1395) es wagen konnten, das Parlament um die Durchführung einer Kirchenreform anzugehen, die immerhin einige kühne Sätze enthalten hätte: daß Rom die große Stiefmutter der englischen Kirche sei, daß das gefälschte Mirakel der Wandlung zu Götzendienst verführe, das Gelübde der Keuschheit widernatürliche Unzucht zur Folge habe, Krieg, aber auch Kunsthandwerk zu verwerfen sei. Der Antrag ging nicht durch. Und bald darauf nahm das Parlament das Gesetz an, das solche Ketzerei mit dem Tode bestrafte. Unter den Standesherrn, die auch in diesen rückläufigen Zeiten noch sich zu Wiclif und den Lollarden bekannten, muß ein Sir John Oldcastle nur darum genannt werden, weil er durch die Gnade Shakespeares in der Weltliteratur als John Falstaff weiterlebt. Daran, daß die Zuhörer bei Falstaff an Oldcastle dachten, ist gar kein Zweifel; sehr wenig Zweifel daran, daß Shakespeare wirklich den alten Wiclifiten als Modell vor sich sah; wie aber der Dichter dazu gekommen sein mochte, aus dem ehrlichen und tapferen Ketzer seinen bei aller Genialität ausbündigen Schuft zu machen, das haben die Shakespeareforscher bis zur Stunde nicht herausgebracht, vielleicht weil sie seine Nachgiebigkeit gegen den Zeitgeschmack nicht tief genug einschätzten. Der wirkliche Sir John Oldcastle wurde zu einem Märtyrer seiner Überzeugung; er wurde 1417 als Hochverräter und Ketzer hingerichtet; er hatte sich zu einem Widerruf nicht bereitgefunden. Eine gründliche Untersuchung von Shakespeares Abbitte (Heinrich IV., 2. Teil, Epilog) und von dem unterschobenen Drama »Oldcastle« wäre erwünscht.

Während nun Wiclif an seiner neuen Abendmahlslehre arbeitete, brach in England – ich erinnere nicht jedesmal an die Geschichte Luthers – ein Bauernaufstand los, den der Reformator zwar öffentlich mißbilligte, der sogar besonders heftig gegen John von Lancaster gerichtet war, der aber trotzdem von den Geistlichen benützt wurde, um den Reformator vor Gericht zu bringen. Wiclif war damals schon krank, körperlich durch einen ersten Schlaganfall gebrochen, aber geistig ungebeugt; es ist nicht wahr, daß er widerrufen habe. Er hörte nicht auf, bis zu seinem Tode, mit Flugschriften gegen alle geistliche Orden, auch die Bettelmönche, und gegen den herrschenden Papst, für den er einmal zur Zeit des Schismas eingetreten war. Auf dem Konstanzer Konzil wurde auch Wiclif verdammt, Bücherverbrennung und Grabschändung verordnet; aber erst 1427 gelang es der Kirche, in England die Grabschändung wirklich vorzunehmen. Unter der Regierung eines Urenkels jenes Herzogs von Lancaster, der der Beschützer Wiclifs gewesen war.

Das ganze Lebenswerk Wiclifs war politischer Art; erst in der Hitze des Kampfes gelangte er dazu, von der Ablehnung römischer Geldforderungen bis zu der Ablehnung von Dogmen zu schreiten; es ist darum immer eine unbewußte Fälschung mit dabei, wenn man die Lehre Wiclifs zu einem einheitlichen oder gar aufgeklärten System modernisiert. Wiclif war so wenig ein Aufklärer, daß er nicht einmal in der Hauptfrage der damaligen Philosophie und Theologie einen festen Standpunkt einnahm. In der Kirchenpolitik folgte er dem Nominalisten Ockam und überbot ihn sogar, da er – beinahe schon wie Hobbes – den Staat über die Kirche stellte; in der Dogmatik jedoch hielt er es mit den scholastischen Wortrealisten und verleugnete Ockam ausdrücklich; wenn er die Haarspaltereien der älteren Scholastik nicht mehr ernstnimmt, wenn er z. B. eine Disputation über den Satz, ob Gott ein Esel sein könne, nicht mehr für angemessen hält, so kann das in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts nicht mehr überraschen; man war doch etwas geschmackvoller geworden als im 12. Jahrhundert. Wiclifs Wortrealismus betrifft zumeist seine Lehren von Gott und Christus; hier kann nicht einmal von Ketzerei die Rede sein, soviel Mühe man sich auch gegeben hat, etwas Pantheismus in die verstiegenen Sätze hineinzudeuten. Eigentlich ketzerisch, d. h. der römischen Kirche entgegen, waren nur seine augustinischen Gedanken über die Gemeinschaft der Auserwählten und seine gequälte, im Grunde unverständliche Abendmahlslehre; ketzerisch war endlich seine Verhöhnung der geistlichen Hierarchie, weil er nur einen einzigen Grad des Priestertums anerkannte und alle höheren Grade als eine Erfindung des Cäsaropapismus verwarf.

Wiclif hatte bei seinen Lebzeiten einen großen Anhang, aber zu einer Kirchenreformation erstarkte der Wiclifismus nicht; als die Dynastie des Herzogs von Lancaster zur Regierung gekommen war, als gar der Hussitismus in Böhmen sich demokratisch gebärdete, verbanden sich die englischen Könige Heinrich IV. und Heinrich V. als Realpolitiker mit der Kirche, und das erste englische Gesetz wurde erlassen, das die Ketzer zum Tode verurteilte, zum Feuertode. Eines aber muß, so paradox es klingen mag, immer wieder gesagt werden, was für die Hussitenkriege die gleiche Geltung hat wie für fast alle Ketzerverfolgungen und Religionskriege vorher und nachher: die Realpolitiker jeder Zeit haben die Wortstreitigkeiten der inbrünstig beschränkten Ketzer niemals ernst genommen, haben den sogenannten Irrglauben wie den richtigen Glauben für ihre dynastischen, nationalen oder persönlichen Ziele benützt, genau so, wie die Realpolitiker neuerer Zeit die Schlagworte ehrlicher Fanatiker (Humanismus, Nationalismus, Freiheit usw.) für ähnliche Ziele benützt haben.

 

Böhmen

Auch die Hussitenbewegung in Böhmen war ursprünglich nichts weiter als eine Übertragung oder Einwanderung des Wiclifismus in das Land der Wenzelskrone; nur daß die besonderen Verhältnisse Böhmens die Sache bald viel stärker als in England zu einem nationalen Kampfe umgestalteten. Prag war damals als die Residenz des deutschen Kaisers zu großer Bedeutung gelangt und wurde gern mit Rom und Konstantinopel oder auch mit Paris verglichen als wäre es ein Mittelpunkt der abendländischen Kultur; aber dieses Prag als Landeshauptstadt, als Zentrale der Hausmacht der Luxemburger, war wiederum eine Stätte ewiger Unruhen, am Rande des deutschen Reichs, noch formlos zwischen die westlichen und die östlichen Einflüsse gestellt. Kaiser Karl IV., dessen Regierung von den feindlichen Parteien mit gleicher Unwahrhaftigkeit als das goldene Zeitalter Böhmens gepriesen wird, von den habsburgischen Jesuiten wie von den tschechischen Kirchenfeinden –, Karl IV. hatte aus Frankreich, wo er seine Jugend verlebt hatte, sein Ideal mitgebracht, eine starke, erbliche Königsmacht aufzurichten; gleichgültig gegen den alten Hader der Deutschen und der Tschechen, war er bemüht, nach dem Muster der französischen Monarchie die Erbfolge zu ordnen, den steifnackigen Adel zu unterwerfen und nebenbei auch die Geistlichkeit von der Krone abhängig zu machen. Hätte er seine ungewöhnliche Kraft daran gesetzt, als deutscher Kaiser im deutschen Reiche eine Feudalherrschaft zu erzwingen, wie sie trotz aller Widerstände in Frankreich und wieder anders in England Wirklichkeit zu werden begonnen hatte, so hätte er vielleicht den Zerfall Deutschlands verhindert; aber Karl kümmerte sich wie die Habsburger vor ihm zumeist um seine Hausmacht und wollte seine absolute Monarchie nur für Böhmen sicherstellen. Das gelang ihm einigermaßen für seine Person; das geplante Reichsgrundgesetz, die Majestas Carolina, konnte er nicht durchsetzen. Wichtig wurde es, zum Schaden Deutschlands und zum Nutzen des tschechischen Nationalismus, daß Karl, um die Geistlichkeit fester in der Hand zu haben, die kirchliche Loslösung Böhmens vom Mainzer Erzbistum und die Gründung eines besonderen Erzbistums Prag vom Papste erwirkte, der wiederum rein politische Beweggründe für seine Zustimmung hatte. Ohne innere Gläubigkeit förderte Karl die römischen Wünsche durch Äußerlichkeiten, wie durch eifriges Sammeln von Reliquien; ohne innere Empfindung für ihre nationalen Ansprüche unterstützte er die kühnen Ziele der Tschechen, so wenn er in der goldenen Bulle bestimmte, die Söhne der deutschen Kurfürsten sollten der tschechischen Sprache mächtig sein.

 

Johannes von Nepomuk

Dieses persönliche Regiment versagte unter seinem Nachfolger. König Wenzel besaß weder deutliche Ziele, noch einen festen Willen; die Günstlinge, die unter ihm eine ebenso bedenkliche Rolle spielten wie unter Richard II. von England, hatten wohl die Neigung, das absolute Königtum Karls gegen den hohen Adel und gegen die Geistlichkeit weiter zu bilden, aber es blieb bei einzelnen harten Maßregeln; Die Ermordung eines Geistlichen ist hier erwähnenswert, nicht weil sie die kirchenfeindliche Tat eines Aufklärers gewesen wäre, sondern weil sie zu einer der wunderlichsten Heiligsprechungen Veranlassung gab. Johannes von Nepomuk, der angebliche Beichtvater der Königin, dessen Standbild auf allen Brücken Böhmens steht und an unzähligen Wasserläufen Deutschlands, der böhmische Nationalheilige, der von allen guten Katholiken gegen Verleumdung und Wassersnot angerufen wird, hat wahrscheinlich niemals gelebt. Rom mag jetzt kein ganz gutes Gewissen in der Sache haben, denn die fünfhundertste Wiederkehr des Todestages ging 1893 ohne Feier vorüber. Die Wahrheit ist, daß ein Generalvikar des Prager Erzbistums, vermutlich ein Deutscher, wegen Bestätigung eines neuen Abtes, die der König nicht gewünscht hatte, in der Moldau ertränkt wurde, unter der steinernen Brücke. König Wenzel war etwas jähzornig. Dieser Generalvikar, der immerhin als ein Märtyrer starb, hatte den übeln Ruf, auf Wucher auszuleihen. Er wurde gewöhnlich Dr. Johanek (der kleine Johannes) genannt, hieß aber eigentlich Johann von Pomuk oder von Nepomuk, nach einem Städtchen bei Pilsen. Erst etwa zwei Menschenalter später kam die Legende auf, der kleine Dr. Johannes wäre der Beichtvater der edeln Königin gewesen, hätte dem wüsten König das Beichtgeheimnis nicht verraten und seinen Ungehorsam mit seinem Tode gebüßt. Diese Legende wurde dann 1621, also unmittelbar nach der Niederwerfung des tschechischen Aufstandes, dadurch dem Ritus eingefügt, daß dem sagenhaften Beichtvater in der Veitskirche ein Altar errichtet wurde; auch geschahen bald Wunder. Doch erst 1670 verstand sich ein Jesuit dazu, das Leben Nepomuks, also die eigentliche Legende, so zu gestalten, deutsch gesagt zu fälschen, wie sie jetzt überall zu lesen ist. Das Domkapitel wies zwar diese Vita als ein mythologisch rhetorisches Machwerk zurück, und Rom lehnte selbst die Seligsprechung ab. Aber Wunder folgten auf Wunder, Nepomukstatuen wurden errichtet, und endlich fügte sich die Kurie. Johannes von Nepomuk wurde 1729 heiliggesprochen und war bald, neben dem mehr politischen Nationalheiligen Wenzel, der kirchliche Nationalheilige Böhmens. Daß die Legende aus dem Zorn über den jüngeren König Wenzel entstanden sei, der die Hussiten und insbesondere die Taboriten (die die Ohrenbeichte verwarfen) aufkommen ließ, scheint mir eine gewagte Konstruktion. Viel ansprechender, doch ebensowenig bewiesen, ist die Vermutung von Abel und Lippert: das tschechische Volk habe seinem Märtyrer Hus überall Standbilder errichtet und deren Verehrung sei nicht zu unterdrücken gewesen; da habe die Kirche dem verbrannten Johannes den ertränkten untergeschoben, und so sei einfach die geschichtliche Tatsache zu erklären, daß es schon lange vor der Heiligsprechung Nepomukstatuen gegeben habe, sogar seit 1708 eine dem Manne geweihte Kirche; so sei vor allem die erstaunliche Popularität dieses Heiligen zu begreifen. der hohe Adel stiftete seinen Herrenbund, der bald mit den Prinzen aus dem Hause Luxemburg, bald gegen sie immer nur darauf bedacht war, die ehemalige Adelsherrschaft gegen das Königtum wieder herzustellen. In allen diesen Wirren verfolgte Wenzels Bruder Sigmund mit allen Mitteln den begreiflichen Plan, Wenzel beiseite zu schieben und das ganze Erbe Karls anzutreten: absolute Königsmacht in Böhmen und, nachdem er endlich deutscher König geworden war, Ausbeutung dieses Titels, um sich aller weltlichen und kirchlichen Gegensätze Europas für seine kleinen und großen Absichten zu bedienen. Auch die katholische Kirche hatte um diese Zeit, besonders seitdem sie in Avignon unter französische Abhängigkeit geraten war und gar seitdem es einen Gegenpapst gab, das Streben nach Weltherrschaft zurückgestellt und lebte mit erbärmlichen politischen Mitteln von der Hand in den Mund. Da war es selbstverständlich, daß von den Kaisern wie von den Päpsten die ganze Hussitenbewegung, die seit Anfang des 15. Jahrhunderts Böhmen in neue Unruhen versetzte, nur als kleiner Stein im politischen Brettspiel gewertet wurde, ohne jeden Sinn für die dogmatische Frage; und nicht stark genug kann es betont werden, daß bis zu dem Feuertode des Hus von einer besonderen hussitischen Ketzerei gar nicht die Rede war, sondern immer nur von Recht oder Unrecht des Wiclifismus. Dieser machte in Böhmen Schule, weil der tschechische Adel Abfall vom Papsttum, Einziehung von Kirchengütern, Errichtung einer tschechischen Nationalkirche, alles nach englischem und auch nach französischem Muster, aus Wiclifs Lehren herzuleiten glaubte, ohne nach der Meinung der Zeit den katholischen oder gar den christlichen Glauben aufzugeben. Das bißchen Ketzerei in dogmatischen Fragen ging nur so nebenher, eine Tonne zum Spielen für die theologischen Walfische.

 

Hus

 

Auszug der Deutschen

 

Konzil von Konstanz

Der meistgenannte Vertreter des Wiclifismus in Böhmen war eben der Magister Johannes von Husinec (geb. um 1370), nicht um einer hervorragenden Gelehrsamkeit oder Begabung willen, vielmehr nur weil er als Universitätslehrer und als Prediger der beste Sprecher war, in lateinischer wie in tschechischer Sprache, in Verteidigung der Anschauungen der wiclifistischen Hof- und Adelspartei. Bis zum Jahre 1408 blieb Hus im ganzen unbehelligt, weil der Erzbischof je nach der Laune des Königs Wenzel strenger oder milder war und weil die Laune des Königs außer von seiner Unberechenbarkeit und seiner Trunksucht auch von der jeweiligen kirchenpolitischen Weltlage abhing. Den Zorn des Erzbischofs und der Geistlichkeit erregte Hus erst, als er jetzt in der Bethlehemskapelle, vor ungelehrten Leuten, die Gebrechen der gesamten Hierarchie zu tadeln begann. Gerade im Sommer 1408 aber machten die Kardinäle einen ernsten Versuch, dem Skandal der zwei Päpste ein Ende zu machen und einem allgemeinen Konzil die Kirchenreform an Haupt und Gliedern zu übertragen; Wenzel wollte die Gelegenheit benützen, in dem Wirrsal der kirchenpolitischen Diplomatie seine Anerkennung im Reiche und seine Macht in Böhmen wiederzugewinnen. Bei diesem diplomatischen Spiele war es ihm sehr bequem, daß er die mächtig gewordene Partei der Wiclifiten in Böhmen gegen den einen oder den anderen Papst auf seiner Seite hatte; Hus und die gleichgesinnten Genossen wiederum benützten die Gelegenheit, um sich zu Herren der Prager Universität zu machen, die man ja nach der Sitte der Zeit zur Entscheidung in Glaubensfragen anrufen konnte, ja mußte. Die Prager Universität, 1348 von Karl gestiftet, hatte nach ihrem Pariser Vorbilde eine Einteilung in vier »Nationen«, die ja nicht völlig mit Volkstämmen zusammenfielen; in Paris entsprachen drei Nationen französischen Provinzen, so daß eine französische Mehrheit immer gesichert blieb; in Prag bildeten die Tschechen (nebst den Studenten aus Ungarn und Siebenbürgen) nur eine »Nation«, so daß sie durch Zusammenhalt der bayrischen (süddeutschen), sächsischen (norddeutschen) und polnischen (östlichen) Nation leicht überstimmt werden konnten. Der damals schon recht versoffene König Wenzel schwankte einige Wochen hin und her, von den rechtgläubigen Nationen aufgereizt, und bedrohte sogar einmal die tschechischen Abgesandten, Hus und Hieronymus von Prag, mit dem Scheiterhaufen; dann entschied er sich eines Tages plötzlich, vielleicht wirklich unter dem Einflusse französischer Diplomaten, für die Forderungen der Tschechen. Hus und die Wiclifiten triumphierten. Die Mitglieder der rechtgläubigen »Nationen«, meistens Deutsche, mußten von Prag abziehen, gegen fünftausend Männer, wenn man zu den Professoren und Studenten auch noch die zugehörigen Diener und Buchhandwerker rechnet, und gründeten bekanntlich die Universität Leipzig. Hus war durch seine Fügsamkeit in der Kirchenpolitik bei Hofe, durch seinen Sieg über die Deutschen beim Volke ein gefeierter Mann; übermütig gemacht, ließ er sich dazu hinreißen, nun in seinen Predigten sich auch dogmatisch zum Wiclifismus zu bekennen, wohlgemerkt nicht zu einer Ketzerei, sondern zu einem vermeintlichen Urchristentum, das bei der eben geplanten Kirchenreform Aussicht hatte, als Katholizismus anerkannt zu werden. Erst von da ab begannen die Anklagen gegen Hus ihm gefährlich zu werden. Von der Kurie kam der Befehl, die Bücher Wiclifs zu verbrennen und den ungehorsamen Hus mit dem Kirchenbanne zu belegen. Aber in Rom gab es nicht mehr die Tradition des festen Willens; die beiden Gegenpäpste waren abgesetzt worden, doch auch der richtige Papst Johannes XIII. (nach dem kurzen Episkopat Alexanders V.) fühlte sich zu abhängig vom Kaiser, um rücksichtslos gegen den Wiclifiten vorzugehen. Hus wurde wegen einiger Irrlehren in den Kirchenbann getan, zur Verantwortung nach Rom vorgefordert, nach seiner Weigerung wurde sein Aufenthaltsort mit dem Interdikt belegt, doch zu gleicher Zeit stieg sein Ansehen durch Angriffe des Hofes und des hohen Adels; als das Reformkonzil im November 1414 zusammentrat – der deutsche König hatte die deutsche Stadt Konstanz als Versammlungsort durchgesetzt –, hatte die tschechisch-nationale Partei eine Übermacht im Rathause der Prager Altstadt gewonnen, machte der Wiclifismus Fortschritte bei den Polen, Ungarn und Südslawen, und Hus war kein Phantast, wenn er die Hoffnung hegte, auf dem Reformkonzil nicht so sehr als ein Angeklagter aufzutreten, sondern vielmehr durch seine Rednergabe die Kirchenversammlung zur Annahme der Wiclifitischen Reformen zu überreden. Auch König Sigmund mochte so etwas für wünschenswert und für wahrscheinlich halten und stellte den Geleitbrief vielleicht ohne Falsch aus; Hus wurde noch zuversichtlicher, da er auf seiner langsamen Reise durch Deutschland überall die freundlichste Aufnahme fand.

Auf dem Konzile jedoch handelte es sich den leitenden Kardinälen um ganz andere Dinge als um den kleinen Magister aus dem fernen Prag; sie waren Häupter der Reformpartei, waren als Anhänger von Ockam Nominalisten und Zweifler und hätten demnach – und weil sie jeden Papst unter die Macht des Konzils stellen wollten – eigentlich die Lehren Wiclifs gutheißen müssen; aber sie verurteilten Wiclif und nachher den Wiclifiten Hus, weil sie selbst nationale Kirchenpolitik trieben und, geführt von dem ehrgeizigen Kardinal Pierre von Ailli, die Übereinstimmung zwischen dem deutschen Könige und dem Papste stören wollten. Dem deutschen Könige wurde die Meinung beigebracht, daß Hus seinem weltlichen Regimente in Böhmen gefährlich wäre und daß eine absolute Monarchie in Böhmen (nach französischem Muster) nur errichtet werden könnte, wenn man in Hus die Wurzel, in den böhmischen Adeligen die Äste des Freiheitsbaumes austilgte; so war es zuletzt Sigmund, der in der entscheidenden Sitzung die Verurteilung des Magisters verlangte; die französischen Kardinäle hätten ihn, wenn der König fest geblieben wäre, nach einem bedingten Widerrufe laufen lassen. »Setzt euer Vertrauen nicht auf die Fürsten,« schrieb Hus einmal bitter an die Freunde. Sigmund hat einen unverzeihlichen Treubruch begangen, nicht wegen des Geleitbriefs, der nur die übliche Formalität war und den Inhaber nicht gut gegen ein gesetzliches Urteil schützen konnte, sondern weil der König durch sein ganzes Verhalten sich zuerst als Beschützer des Hus zu erkennen gegeben hatte.

Es ist bemerkenswert, daß die neue nationale Idee wie bei den französischen Kardinälen so auch bei der Halsstarrigkeit des Magisters mitwirkte; er hörte niemals auf, seine Rechtgläubigkeit zu beteuern, weil er seinem Vaterlande durch den übeln Ruf der Ketzerei nicht schaden wollte; und er konnte sich anderseits zu einem Widerrufe, der ihm nahegelegt wurde, nicht entschließen, weil er seinen Anhängern und seiner Gemeinde in Böhmen kein schlimmes Beispiel geben wollte. Die Psychologie des Märtyrertums war bei den Ketzern der späteren Kirche die gleiche wie bei den alten Blutzeugen; nur daß im Falle des Johannes Hus zum ersten Male eine Rücksicht auf die Nation mitsprach.

 

Hieronymus von Prag

Von etwas anderer Art scheint Hieronymus von Prag gewesen zu sein, sein Genosse in Kampf und Tod; der weitgereiste Hieronymus kümmerte sich als Kirchenmann weniger um die nationalen Ziele der Böhmen, war aber ein um so leidenschaftlicherer Agitator für die kirchenpolitischen Ketzereien Wiclifs. Er kam freiwillig nach Konstanz, um dem Angeklagten beizustehen, ließ sich zur Flucht überreden, wurde unterwegs gefangen, nach der Hinrichtung des Hus zu einem Widerrufe genötigt, dann aber, als er sich zu einer Verleugnung der inzwischen bedrohlich angewachsenen hussitischen Bewegung nicht verstehen wollte, verurteilt und, 30. Mai 1416, lebendig verbrannt.

Bis zum Tode des Hus gab es in Böhmen, genau genommen, theologisch nur eine wiclifitische Partei; erst auf die Nachricht von der Verhaftung des Magisters setzte die eigentlich hussitische Bewegung ein, die unmittelbar nach der Hinrichtung zu sogenannten Ausschreitungen führte; unter Billigung des Hofes wurden in Stadt und Land die Häuser der nicht hussitischen Geistlichen gestürmt und geplündert, und ein adeliger Bund protestierte gegen die Verurteilung, bekannte sich also selbst zum Wiclifismus, zur freien Predigt des Evangeliums. Nun aber näherte sich König Wenzel einem rechtgläubigen Herrenbunde, und aus dem bewaffneten Gegensatze beim Adel mußte ein Bürgerkrieg entstehen. Das Lavieren Wenzels hielt beide Parteien noch einige Jahre zurück, gab aber den Hussiten Zeit, sich zu organisieren; als aber im Sommer 1419 während eines Prager Aufstandes einige deutsche katholische Ratsherren zu den Fenstern des Rathauses hinausgeworfen wurden (»gut altböhmisch«, po staroèesku, nannte man dieses Verfahren zweihundert Jahre später, als der berühmte Fenstersturz den Dreißigjährigen Krieg einleitete) und König Wenzel aus Erregung darüber starb, war unter seinem Nachfolger, dem längst reformfeindlich gewordenen Könige Sigmund, kein Halten mehr. Und zwar bildeten die unmittelbaren Schüler und Anhänger des Johannes Hus, die »Prager«, eine gemäßigte Partei, die in der Trennung im Dogma nicht einmal so weit ging, wie hundert Jahre später Luthers Reformation; sie nannten sich, weil sie das Abendmahl in beiderlei Gestalt reichten, auch im Kelche, die Kalixtiner oder Utraquisten. Es gehört nicht hierher, wie die Gegenreformation durchführte, was Pius II. schon 1462 begonnen hatte: den Vernichtungskrieg gegen den Kelch (lateinisch » calix«, tschechisch » kalich«) als das Symbol des Hussitismus; auch die Frage, ob wirklich, wie eben dieser Papst vielleicht erst erzählte, um den Tschechen den Kelch als eine deutsche Erfindung verdächtig zu machen – ob also wirklich ein sonst unbekannter Peter von Dresden das Symbol eingeführt habe, gehört nicht hierher. Kaum die Bedeutung, die der Kelch bei den Böhmischen Brüdern gewann. Ich kann es mir aber nicht versagen, an die sogenannte Hostienmühle zu erinnern, die sich denn doch nicht gar zu sehr von einer Gebetmühle unterscheidet. Kelch und Ähre waren von alters her Sinnbilder des Abendmahls. Da wurden denn Hostienmühlen künstlerisch hergestellt: die Evangelisten schütten Bibelsprüche in einen Mühlkasten, und unten kommt ein kleiner Christus in einem Kelche heraus. Ihnen stand bald eine radikale Partei gegenüber, an die man zunächst bei dem Namen der Hussiten denkt, die sich kaum in allen Dingen auf Hus berufen durfte, nur daß die Wut des Hussitenkrieges doch auf diese Partei, die der Taboriten, zurückgeht und daß die nationale Überspannung eben auch als ein Erbe von Hus herkam.

Das bisher geübte Verfahren der Kirche, Ausrottung der Ketzer durch Feuer und Schwert eines Religionskrieges, versagte. Dem Kreuzzuge des Papstes setzten die Böhmen zum ersten Male nationalen Fanatismus entgegen, konnten zur Offensive gegen das deutsche Reich übergehen und zwangen die Kirche wieder zum ersten Male zu Verhandlungen. Auf dem Konzil von Basel wurde die Ketzerei als ebenbürtige Macht anerkannt, und die Welt erlebte das Schauspiel, daß die Kirche nachgab. Unter mancherlei Verklausulierungen wurde den Böhmen das Abendmahl in beiderlei Gestalt zugestanden. Aber mit schlauester Benützung der dynastischen Verhältnisse in Deutschland und der Sektengegensätze in Böhmen verstand es die katholische Kirche, ihre Zugeständnisse Zug um Zug wieder zurückzunehmen, so daß die Gewissensfreiheit in Böhmen nicht einmal durch eine teilweise Verschmelzung des Utraquismus mit Luthers Reformation zu retten war. Und wieder hundert Jahre nach Luther, im dritten Jahre des Dreißigjährigen Krieges, schien die politische und religiöse Freiheit der Böhmen durch die Schlacht am Weißen Berge für immer vernichtet. Die Gegenreformation ging blutig ans Werk, Böhmen wieder katholisch zu machen und die beschworene Gewissensfreiheit aufzuheben.

 

Böhmische Brüder

Die freiesten Männer unter den böhmischen Wiclifiten, denen es weder um Krieg, noch um einen unwahren Kompromiß zu tun war, sondern einzig und allein um ein Leben innerer Wahrhaftigkeit, waren bereits 1433 den verlogenen Prager Kompaktaten nicht beigetreten; sie waren zu gering an Zahl, um noch eine politische Rolle spielen zu können; sie stifteten die Union der Böhmischen Brüder, und von da aus wirkten einige aufklärerische Gedanken des Wiclifismus aus die Folgezeit bis zur Gegenwart.

Das Dunkel über die geschichtliche Herkunft dieser Sekte wird wohl niemals völlig gelichtet werden; man hat sie mit den Resten der Taboriten in Verbindung gebracht, dann wieder mit den Waldensern und endlich mit den Ketzern unter den Franziskanern; sogar an diesem letzten Zusammenhange mag irgend etwas richtig sein, insofern wenigstens, als die Lehre von der Verwerfung aller schlechten Priester, auch wohl der Gebrauch des Brudernamens auf die Franziskaner zurückzugehen scheint, vielleicht die Ablehnung von Priestern, die sich im Stande der Todsünde befinden, geradezu auf Ockam; daß die Böhmischen Brüder im wesentlichen Wiclifiten waren, Wiclif aber kein konsequenter Nominalist war wie Ockam, scheint mir an sich keinen Widerspruch zu enthalten, weil die tiefsinnigen, erkenntniskritischen Gedanken Ockams allen diesen Leuten unzugänglich waren, dem kirchenpolitischen Ketzer Wiclif und seinem Schüler Hus ebensosehr wie den Hussiten und den Taboriten. Die Böhmischen Brüder stellten, wie vor ihnen die Waldenser, ein praktisches Lebensideal auf und gerieten nur gegen ihren Willen in dogmatische Streitigkeiten; wieder schwebte ihnen ein willkürlich angenommenes Urchristentum als Ziel vor, das gar keine Kirche sein wollte, sondern nur eine Gemeinschaft: bürgerliche Arbeit bei den Genossen, unbedingte Armut bei den Priestern, die nicht gelehrt zu sein brauchten, sondern nur »gut«. Mit der späteren Aufklärung, die nacheinander die Kirchenlehre, die Offenbarung, die Bibel und den persönlichen Gott anzweifelte und durch einen farblosen Deismus ersetzte, hat die Wirksamkeit der Böhmischen Brüder nichts zu schaffen, namentlich das Ansehen der Bibel nahm recht abergläubische Formen an; aber der Kampf der Brüder gegen ihre staatlichen und kirchlichen Unterdrücker mündete trotzdem in den Strom der Aufklärung, weil es ein Kampf um Religionsfreiheit und Gewissensfreiheit war. So oft die europäische Lage die Gewalthaber in Böhmen zu Verordnungen der Duldung zwang und die Böhmischen Brüder nach roher Unterdrückung sich wieder regen durften – unter Rudolf II. und endlich unter Joseph II. –, zeigte es sich, daß in der heimlich fortbestehenden Brüderschaft neben allerlei Duckmäuserei auch eine Neigung zu Freidenkerei lebendig geblieben war. Nirgends wird ausdrücklich gesagt, daß in der Idealgestalt Jesu Christi nur ein menschliches Vorbild verehrt werde; da aber jede andere kirchliche Tradition fallen gelassen war und auf irgendein Dogma kein Wert gelegt wurde, lief es doch darauf hinaus, daß man wenigstens im 19. Jahrhundert sich noch einen Böhmischen Bruder nennen konnte, auch wenn man in Jesus nur noch den edelsten und weisesten Menschen erblickte. Viel mehr als die Reformation in den übrigen Ländern hat die Brüderschaft in Böhmen dem freien Denken vorgearbeitet; und hat sich trotz vieler Berührungspunkte und trotz aller Bemühungen Luthers mit der Reformation niemals völlig vereinigt.

 

Soziale Bewegung

Die Hussitenbewegung hatte, wie anders nicht zu erwarten, einen starken wirtschaftlichen Einschlag: der böhmische Adel wollte, wie der französische und der englische, unter dem Vorwande dogmatischer Überzeugungen Kirchengüter an sich reißen und die wildesten Hussiten hatten kommunistische Neigungen. Zur Aufstellung modern sozialistischer Forderungen kam es aber in Böhmen kaum; wohl aber schon zur Zeit der Hussitenkriege und unter den ökonomischen und sittlichen Nachwirkungen ihrer Greuel in Deutschland, damals schon, beinahe hundert Jahre vor dem großen Bauernkriege. Noch war das Schlagwort »Sozialismus« nicht erfunden, noch bezeichnete das Schlagwort »Reformation« nicht wie heute ein einzelnes Ereignis; es war also möglich und lag dem Geiste der Zeit sehr nahe, die beiden Freiheitskämpfe, die man führen zu müssen glaubte, unter einer gemeinsamen Bezeichnung zusammenzufassen: den Freiheitskampf gegen die Kirche, die die Heilige Schrift verfälscht hatte zu der Lehre einer geistlichen Monarchie und Tyrannei, zu einem Kirchenrechte auf Ausbeutung der Völker, und den anderen Freiheitskampf gegen die geistlichen und weltlichen Fürsten und Herren, die – unterstützt von dem geistlichen und weltlichen Rechte der Römer – den armen Leuten Wald und Feld, Acker und Hof geraubt hatten und sie zum Lohne für ihre Arbeit hungern ließen.

 

Reformatio Sigismundi

Man hat sich daran gewöhnt, unter dem Worte »Reformation« die kleine Kirchenänderung zu verstehen, die im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts durch Luther und seine Nachfolger zum Abfall von Rom führte; Katholiken und Protestanten haben Beweggründe, es womöglich vergessen zu lassen, daß schon vorher, über hundert Jahre lang, allgemein eine Abschaffung der Mißbräuche, eine Rückkehr zu einem willkürlich datierten Urchristentum verlangt wurde, von Geistlichen und Laien, und daß so hundert Jahre vor Luther Reformation zu einem Schlagwort wurde, wie etwa später Aufklärung oder Fortschritt. Nur daß in den Ausdrücken Aufklärung und Fortschritt der Glaube an eine neue und bessere Zukunft mitverstanden war, in dem Wortschalle Reformation jedoch der Glaube an eine bessere Vergangenheit, eben an ein altes und besseres Christentum, zu welchem sich die Reformfreunde wie alle Ketzer zurücksehnten.

Das merkwürdigste Dokument einer Weltverbesserung in Staat und Kirche aus der Zeit vor Luthers Reformation ist eine Schrift, die seit dem Jahre ihrer Abfassung (wahrscheinlich 1438) bis zum Ausbruch des Bauernkriegs vielfach abgeschrieben und gedruckt wurde, allgemein für ein Werk des Kaisers Sigismund oder eines seiner Vertrauten galt und unter dem Titel der Reformatio Sigismundi ging, bis die historische Kritik unserer Zeit der Legende ein Ende machte. Zwar hatte schon ein abtrünniger Humanist, der aus Geldgier und Eitelkeit zum Todfeinde Luthers gewordene Cochlaeus, die Autorschaft des Kaisers bestritten, aber nur, um der neuen Reformation Luthers keinen Rückhalt in einem offiziellen oder offiziösen Aktenstücke zu lassen; doch erst Willy Böhm hat in seiner Ausgabe und Monographie »Friedrich Reisers Reformation des K. Sigmund« (1876) den philologischen Nachweis geführt, daß das Buch unmöglich bei Lebzeiten des Kaisers Sigmund geschrieben werden konnte, daß mit großer Wahrscheinlichkeit der 1458 zu Straßburg hingerichtete Prediger Reiser der Verfasser war. Neuere Untersuchungen haben allerdings die Ergebnisse Böhms in Zweifel gezogen und einen anderen Sektierer, den Augsburger Stadtschreiber Valentin Eber, als wahren Autor der Reformatio Sigismundi nachweisen wollen. Ich halte mich jedoch für berechtigt, den Darlegungen von Böhm zu folgen, weil sie für mich überzeugend sind und das Verhältnis der Reformatio zu ihrer Zeit richtig darstellen, auch wenn der Beweis für die Autorschaft Reisers nicht zwingend sein sollte. Es handelt sich um nicht mehr und nicht weniger als um die Tatsache, daß um die Zeit des Konzils von Basel die kirchenfeindliche und – wie man heute sagen würde – sozialdemokratische Agitation in Deutschland weit verbreitet war und die Reformatio im Dienste dieser Bewegung verfaßt wurde, einerlei von wem. In diesem Zusammenhange ist das Leben und Wirken Reisers auch dann beachtenswert, wenn ihm die Autorschaft der Reformatio wieder abgesprochen werden sollte.

 

Friedrich Reiser

Friedrich Reiser, bald nach dem Jahre 1400 bei Donauwörth geboren als der Sohn eines sektiererischen Kaufmanns, gehörte wie sein Vater zu den deutschen Waldensern, die den noch nicht ganz aufgeklärten Spottnamen der »Winkeler« führten. Friedrich Reiser scheint schon in früher Jugend zu einem Wanderprediger dieser Ketzer bestimmt worden zu sein, machte vielleicht noch eine Lehrzeit in Nürnberg durch und lernte da den aus England entflohenen Wiclifiten Payne kennen, der in Prag von den Hussiten brüderlich aufgenommen worden war und an einer Verbindung der versprengten deutschen Ketzer mit den Hussiten arbeitete. Es ist von Bedeutung, daß Payne, übrigens auch als Diplomat für die Hussiten tätig und nicht ganz zuverlässig, schließlich der radikalen Partei zugehörte, den Taboriten. Reiser war also etwa in den Jahren 1420 bis 1430 Kaufmann und Wanderprediger und auch ganz gewiß ein Anhänger des Hus, wie viele Deutsche. Johannes Hus war schon auf seiner Fahrt nach Konstanz in Nürnberg und in Süddeutschland mehr als freundlich aufgenommen worden, zur freudigen Überraschung dieses Deutschenhassers. Sein Märtyrertod hob sein Ansehen auch in Deutschland. In Regensburg wurden 1420 und 1423 ein Weltgeistlicher und ein anderer Mann wegen hussitischer Gesinnungen hingerichtet. Die Revolution in Böhmen wurde in Deutschland als ein Bauernaufstand gegen die Verelendung des Volkes und gegen den Gewissenszwang mit Teilnahme begrüßt, und die deutschen Adeligen waren gar nicht abgeneigt, sich nach böhmischem Muster der Kirchengüter zu bemächtigen; erst als später die Ritter und Bauern durch die Hussiten die Greuel des Krieges am eigenen Leibe kennen lernten, schlug die Stimmung um, und der deutsche Bauernkrieg, den die Reformatio Sigismundi vorhersagte und wohl auch vorbereiten sollte, ein Kampf zugleich gegen Kirche und Staat, wurde um zwei Menschengeschlechter hinausgeschoben.

Friedrich Reiser wurde während einer Reise in Österreich von den Hussiten gefangengenommen, aber offenbar bald als ein Gesinnungsgenosse gut behandelt; er lebte in Tabor, dann in Prag; hier wurde er im Herbste 1430 nach hussitischem Ritus zum Priester geweiht.

Der Verfasser der Reformatio nennt sich selbst (nach alter philologischer Vermutung) Friedrich von Landskron. Die Stelle, gleich auf einer der ersten Seiten der Reformatio, ist allerdings auf Täuschung berechnet. Der Verfasser oder Poet führt sich da als einen Diener der gemeinen Christenheit und Rat des Kaisers Sigmund ein, der das Buch nach hoher Meister Weisung, Gunst und Willen lateinisch gemacht und hernach ins Deutsche übersetzt habe. Es läßt sich aber nicht daran deuteln, daß der Schreiber von sich selbst als einem Friedrich von Lancironii spricht. Und daß in der Fraktur alter Handschriften das nichtpunktierte i einem c völlig gleich war, ein doppeltes nichtpunktiertes i einem kleinen Fraktur-a sehr ähnlich. Daß also, was die Abschreiber »Lancironii« lasen, ursprünglich sehr gut »Lanccrona« gewesen sein konnte. Merkwürdig ist dabei, daß bereits Goldast, der sicherlich von Reiser als einem Priester in Landskron nichts wußte, das »Lancironii« ohne Angabe seiner Gründe in »Lancekron« (Lantzkron) geändert hat. Vielleicht folgte er einer mündlichen Überlieferung. Friedrich Reiser war wirklich Pfarrer in Landskron geworden, in einem böhmischen Städtchen, wo er offenbar unter der deutschen Bevölkerung Hussitismus zu predigen hatte; vorher und nachher muß er die hussitische Sache in Basel vertreten haben. Nicht ganz aufgeklärt scheint mir der Umstand, der vielleicht seine spätere Verurteilung entschied. Reiser soll von den Taboriten zu einer Art Bischof geweiht worden sein, sich selbst den Titel eines Bischofs von Gottes Gnaden beigelegt haben, eines Bischofs der Armen, die die irdische Kirche und die Konstantinische Schenkung verwarfen, ja sogar den Titel eines Statthalters Jesu Christi. Wenn man nicht übersieht, daß die Dokumente über Reisers Lehrmeinungen nur Prozeßakten sind und daß seine und der Zeugen Aussagen unter der Folter abgegeben wurden, so bleibt zwischen seinen Gedanken und denen der Reformatio Ähnlichkeit genug bestehen, um an seine Autorschaft zu glauben. Ein wichtiger Unterschied besteht nur darin, daß die Reformatio die Konstantinische Schenkung anerkennt, ja zur ökonomischen Unterlage der Reform macht, während der hussitische Agent Reiser die Schenkung verächtlich findet; man hat zur Lösung dieses Widerspruchs schon hervorgehoben, daß die Reformatio geschrieben wurde, bevor Reiser förmlich ein Agent der Taboriten war, daß das sogenannte Patrimonium Petri dem Verfasser der Reformatio zur Zeit des Baseler Konzils noch unangreifbar scheinen mußte, weil eben die Berufung auf das reiche Erbe des römischen Stuhls die übrige Christenheit von allen Kirchensteuern befreien sollte; man hätte auch Wert legen sollen auf den Wortlaut des Geständnisses: der Angeklagte Reiser betrachtete ja die Konstantinische Schenkung nicht als eine Fälschung, Die entscheidende Schrift Vallas (von 1440) wurde in Deutschland erst 1517 durch Hutten allgemein bekannt. er verachtete sie nur, wie denn zu dieser Papstfabel lange schon der Zug gehörte, daß ein Engel über diese Schenkung sein dreifaches Wehe gerufen hätte. Schon vor Waldes, Wiclis und Hus hatten Walther von der Vogelweide und Dante die Schenkung beklagt, aber nicht angezweifelt; es lag kein Widerspruch darin, den Reichtum des Papstes unchristlich zu finden und dennoch die einmal vorhandene Sachlage zum Besten der Kirche wenden zu wollen.

Der Verfasser der Reformatio wäre unbedingt selbst ein Fälscher zu nennen, wenn er sein Buch ausdrücklich für eine Schöpfung des Kaisers ausgegeben hätte. Das hat er aber nicht getan; und der Traum Sigmunds, der den Kaiser als einen bewußten Kirchenreformator hinstellt, ist erst eine Zugabe des Drucks von 1476, der auch einen häufig wiederholten Holzschnitt bringt: Sigmund, in seinem Bette schlafend, wird vom lieben Gotte persönlich zur kirchlichen Revolution aufgerufen. In moralischem Sinne war aber der Verfasser schon wieder kein Fälscher, weil Kaiser Sigmund in vielen Dingen so dachte, wie der Verfasser schrieb; nur daß der Kaiser ein Realpolitiker war, für seine Macht über Papst und Reichsfürsten und für seine Kasse mehr besorgt, als für irgendein religiöses Bekenntnis oder für irgendeine Besserung der kirchlichen Zustände. Der Schreiber der sogenannten Reformatio Sigismundi war aber, ob er nun in Wahrheit Friedrich Reiser hieß oder nicht, ein ketzerischer Priester und wahrscheinlich (wenn es Reiser selbst war, ganz gewiß) ein Sendbote der Hussiten in Deutschland. Ein bezahlter Sendbote, was jedoch keinen Flecken auf seinen Charakter werfen muß. Er war jedenfalls ein überzeugter Anhänger der Lehre, daß ein Umsturz in Staat und Kirche notwendig geworden sei. Es war eine äußerst erregte Zeit, da die weltlichen Fürsten auf dem Konstanzer und dann auf dem Baseler Konzil die allgemeine Sehnsucht nach einer Kirchenreform für ihre egoistischen Zwecke benützten, da das Volk in Stadt und Land von den Fürsten gegen die geistliche Herrschaft aufgerufen und durch unklare Versprechungen gewonnen, sofort auch Abstellung der irdischen Beschwerden verlangte. Überdies hatten die Hussiten und besonders die Taboriten ein Beispiel gegeben, dem der Verfasser der Reformatio nur nachzufolgen brauchte. Ein System des Liberalismus kann er nicht bieten, dafür ist das 15. Jahrhundert nicht reif und er auch in der damaligen Wissenschaft zu fremd. Was er mit besonderer Schärfe bekämpft, das sind die Auswüchse des mittelalterlichen Handels und Wandels: das Zunftwesen, den Fürkauf (Lebensmittelwucher) und die kleinen Trusts, die bereits Wucher trieben. Aber er kennt doch schon den Begriff der Freiheit. »Es ist eine unerhörte Sache, ein Unrecht, über welches man der Christenheit die Augen öffnen muß, daß es Leute gibt, die zu jemand zu sprechen wagen: du bist mein eigen.« Er läßt die Maske, als rede er im Namen des Kaisers, fallen, wenn er im Namen der armen Priester die Massen zu Hilfe ruft. »Das geistliche Recht ist krank, das Kaisertum und alles, was ihm zugehört, stehet zu Unrecht. Man muß es mit Kraft durchbrechen. Wollen die Großen schlafen, so müssen die Kleinen wachen ... Jetzt hat der Teufel die Gewaltigen umstrickt, daß sie nichts tun. Aber Gott läßt die Seinen nicht ... Wenn die Zeit kommt, daß ihr vernehmt eine solche Eröffnung und Verkündung, so schlage jedermann zu.« Der Verfasser ist weder ein Atheist, noch ein Unchrist, aber so kirchenfeindlich, daß er allen Prälaten ihre Städte und Schlösser nehmen und nur den kleinen Pfarrern ein bescheidenes Auskommen belassen will. Der Papst habe ja im Patrimonium Petri das Mittel, sich und seine Kardinäle zu erhalten, ohne Ablaß oder irgendeine andere Simonie. Die Aufhebung des Zölibats war damals nicht unkatholisch, angesehene Kardinäle verteidigten die Priesterehe auf dem Konstanzer wie auf dem Baseler Konzil; uns scheint es drollig, wie der Verfasser der Reformatio die Sache einrichten will: der verheiratete Pfarrer soll je eine Woche bei seinem Weibe liegen, dann aber sich durch ein Bad und eine Beichte reinigen, um in der folgenden Woche wieder Messe lesen zu können; es mag ein Versuch gewesen sein, das Volk an Priesterehen zu gewöhnen. Selbstverständlich war die Reformatio auch gegen die Erbschleicherei der Kirche, besonders der Klöster.

Wichtiger als alle Einzelheiten aber ist der Grundsatz einer Trennung von Kirche und Staat, der mit aller Deutlichkeit ausgesprochen wird: daß sich das Geistliche vom Weltlichen allwege scheiden müsse. Selbstverständlich wird diese Forderung nicht in den Ausdrücken unserer Zeit aufgestellt. Der Verfasser hat sogar so etwas wie ein Gottesreich zum Ideal. Doch dieses Gottesreich soll von einem neuen Staate verwaltet werden, in welchem der Papst nichts zu sagen hätte. Die geistlichen Häupter (die einfachen Pfarrer werden um so besser behandelt) sollen alle ihre Schlösser und Gerechtsame an das Reich abtreten, das allein Gesetze über Höchstpreise und gegen Wucher und Schieberei zu erlassen hätte. Und einmal stellt der Verfasser kurz den Satz auf: »Item es soll kein Priester weder Stadtschreiber noch Notarius sein.« Also: nicht eigentlich Trennung wird verlangt, sondern Unterwerfung von Kirche und Staat unter das neue Recht einer religiösen und sozialen Freiheit.

Der berühmte Abt Trithemius, der an die Echtheit der Reformatio glaubte und nur die Abfassung in die Zeit des Konstanzer Konzils verlegte – wie damals mehrere Neudrucke –, berichtet in seiner Chronik, Kaiser Sigmund habe die Reformatio veröffentlichen lassen, um dem Hussitismus, der sich in ganz Deutschland eingeschlichen hatte, durch seine eigene Staats- und Kirchenverbesserung die Spitze abzubrechen. Er sagt von dem eigentlichen Verfasser, dem kaiserlichen Diener Friedrich, er sei eher ein Hussite als ein Christ gewesen. Der Kaiser habe dann den Plan fallen lassen, weil er auf dem Konzil keine Mehrheit fand.

 

Der Pfeiferhänsle

Die Reformatio Sigismundi hat in Deutschland weder einen kirchlichen noch einen staatlichen Umsturz hervorgerufen; der Verfasser war weder Schwärmer noch Draufgänger genug, um das Volk zu fanatisieren; auch erwartete man allgemein just um die Zeit, als das Buch zuerst durch Abschriften verbreitet wurde, eine Revolution von oben, durch die Beschlüsse des Baseler Konzils. Ein wilder Aufruhr in Deutschland, ein Vorspiel zu dem Bauernkriege, mag aber doch wohl mit Friedrich Reiser und mit seiner Würzburger Ketzergemeinde (von 1446), mit dem deutschen Hussitismus und zuletzt mit der Reformatio Sigismundi innerlich und äußerlich zusammenhängen: die Bauernbewegung, die Hans Böhm, der Pfeiferhänsle, in Niklashausen Anno 1476 erregte. Es ist sehr wahrscheinlich, daß der Pfeifer Hans nach der Sitte der Zeit »Böhm« hieß, weil entweder er selbst aus Böhmen stammte oder seine Lehren aus Böhmen geholt hatte.

Im Würzburgischen, nicht weit von Wertheim, wo beinahe dreihundert Jahre später eine recht fragwürdige Bibelübersetzung einen mehr literarischen Lärm verursachte, trat 1476 der Pfeifer Hans auf, der von der Jungfrau Maria erweckt zu sein behauptete, das Volk zur Freiheit und Gleichheit aufzurufen. »Ach weh, ihr armen Teufel.« Keine Zölle, keine Fronden mehr, freie Jagd und freie Fischerei. Keine Päpste, keine Fürsten, keine Bischöfe mehr. Gleichheit und Brüderlichkeit! Es soll noch dahin kommen, daß Fürsten und Herren um Taglohn arbeiten. Und die Geistlichen haben kein Recht auf die Zehnten. Die Geistlichen werden ihre Platte mit der Hand bedecken, um nicht erkannt und totgeschlagen zu werden. Die Pfaffen sollen nicht bannen und nicht mit dem Fegfeuer drohen. Die religiösen Schlagwörter sind nicht die gleichen wie die des Bauernkriegs, weil Hus mit dem Katholizismus noch nicht gebrochen hatte; es ist aber ganz der gleiche Aufruhr gegen die Pfaffen und gegen die Herren.

Niklashausen war ein Wallfahrtsort. Zum blutigen Austrag kam es, als der Sackpfeifer, von seinen Anhängern das »Hänselin« genannt, die Bewohner des Taubertals aufforderte, am Margaretentage (13. Juli) in Waffen zur Wallfahrt zu kommen. Nun ließ der Bischof von Würzburg den neuen Propheten in der Nacht vorher gefangen setzen. Die bewaffnete Rotte, vielleicht zehntausend Mann stark, zog vor den Frauenberg, um den heiligen Jüngling zu befreien, falls er sich nicht selbst durch ein Wunder befreien könnte. Der Bischof versuchte es erst mit Unterhandlungen, dann mit blinden Schüssen, endlich mit einem scharfen Angriff auf die Bauern; sie wurden in die Flucht geschlagen und dem Sackpfeifer wurde der Prozeß gemacht. Wenige Tage nach der Verhaftung wurde dem armen Hänselin sein »Bad gerüstet«, d. h. er wurde lebendig verbrannt. Die Bewegung hörte darum noch lange nicht auf; der Zulauf nach Niklashausen dauerte an, der Märtyrertod des Führers schien zur Bildung einer Gemeinde Veranlassung zu geben, bis der Bischof rücksichtslos einschritt, mit Bann und Interdikt, und die Gnadenkirche dem Erdboden gleichmachen ließ. Erst über vierzig Jahre später durfte sie wieder aufgebaut werden. Das Andenken an den Sackpfeifer von Niklashausen lebte in Volksliedern fort.

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