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Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande. 1. Band

Fritz Mauthner: Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande. 1. Band - Kapitel 21
Quellenangabe
authorFritz Mauthner
titleDer Atheismus und seine Geschichte im Abendlande. 1. Band
publisherDeutsche Verlags-Ansta
year1922
firstpub1920
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Achter Abschnitt
Gottlosigkeit geistlicher und weltlicher Herrscher

 

Mittelalter

Eine Darstellung der Aufklärung im Mittelalter wäre irreführend, wollte sie sich auf die Bewegung der Ideen beschränken, die in den Schriften der Zeit zum Ausdrucke kommen. Was Geistliche, Gelehrte und Dichter über Gott und die Welt niederschrieben, das war in den Jahrhunderten vor Erfindung des Buchdrucks noch weniger als heute der sogenannten öffentlichen Meinung gleichzustellen; es ist oft nur in Bruchstücken auf uns gekommen, war aber immerhin leichter zu sammeln. Viel schwerer ist eine Geschichte der Gottlosigkeit zu geben, namentlich für die drei Jahrhunderte vom Niedergang der päpstlichen Theokratie bis zur Reformation, wenn man die Gottlosigkeit der handelnden Menschen, der Gewalthaber auf der einen, und des Volkes auf der anderen Seite ins Auge fassen will. Es wäre eine besondere Aufgabe für einen geschulten Historiker, vielleicht nur für eine ganze Gesellschaft solcher Fachleute, aus der politischen Geschichte der neu entstandenen Nationalstaaten, der alten Stadtstaaten und der jungen Städtebünde die Züge herauszuheben, in denen die halbbewußte Gottlosigkeit der Fürsten, die sich jetzt Könige von Gottes Gnaden nannten, zutage tritt und zugleich das stoßweise wachsende Freiheitsbedürfnis der Völker, die unruhig gegen die leibliche, oft auch schon gegen die geistige Knechtschaft zu rebellieren anfingen. Anstatt Stichproben aus dieser politischen Geschichte zu bieten und so zu beweisen, daß religiöse Schlagworte etwa seit dem Ende der Kreuzzüge entweder verstummten oder ihre ehrliche Kraft verloren hatten, will ich mich damit begnügen, an zwei großen Beispielen zu zeigen, wie ganz und gar weltlich, in der Epoche bald nach dem scheinbar entscheidenden Siege des Papstes über den ketzerischen Kaiser Friedrich, selbst solche Kämpfe geführt wurden, die einen ausgesprochen religiösen Charakter zu tragen schienen. Ich denke an den so ganz anders verlaufenden Kampf zwischen dem Papste Bonifazius VIII. und dem französischen Könige, sodann an den Versuch des Kaisers Sigmund, die Kirche zu reformieren und sie mit den Forderungen einer neuen Zeit zu versöhnen. In Frankreich endigte die Sache gottlos mit einem vollständigen Siege des Nationalstaates über die Theokratie; in Deutschland gab es keinen Nationalstaat, die Hussitenbewegung schloß mit einem verlogenen Kompromiß und war darum nur ein Vorspiel zu den beiden Revolutionen, die im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts die Völker geistig und leiblich zu befreien versprachen und nachher aneinander schmählich zugrunde gingen; die beiden Revolutionen, die man hergebrachterweise nicht mehr zum Mittelalter rechnet, waren der Bauernkrieg und die Reformation. Ich werde mir aber erlauben, die Bezeichnung Mittelalter weit über die Epoche auszudehnen, die unsere Schulbücher unter dieser Überschrift zusammenzufassen pflegen. Versteht man unter Mittelalter alle die Jahrhunderte, in denen kirchliche Begriffe nachwirkten, in denen der handelnde Mensch in allen Fragen der Politik und der Moral sich auf die Bibel berufen zu müssen glaubte, in denen die einst herrschende christliche Religion im Hasse gegen Andersgläubige und gegen neue christliche Sekten ausklang, so dauerte das Mittelalter sicherlich bis zum Westfälischen Frieden, wohl auch in den Beziehungen der Staaten und in den Beziehungen zwischen Fürsten und Völkern bis zur französischen Revolution, so daß erst das 19. Jahrhundert den Übergang zu einer neuen staatsrechtlichen Weltanschauung bildet. Versteht man jedoch unter Mittelalter nur die Jahrhunderte einer unwidersprochenen Theokratie, einer Herrschaft Gottes durch die römische Kirche, dann muß man dieses Mittelalter lange vor dem Ende des 15. Jahrhunderts aufhören lassen, etwa schon zweihundert Jahre früher, etwa mit den Kämpfen zwischen dem Papste Bonifazius VIII. und dem Könige Philipp dem Schönen von Frankreich. Eine Vergleichung dieses wieder auf Leben und Tod geführten Streites und dem zwischen dem Kaiser Friedrich II. und den römischen Päpsten wäre eine dankenswerte Aufgabe. Wenn der deutsche Kaiser mit seinem ganzen Hause vernichtet wurde, wenn nur fünfzig Jahre später der französische König siegreich blieb, so lag das gewiß mit daran, daß in Frankreich schon damals eine nationale Einheit gegründet war, bei der Regierung wie beim Volke, und daß in Deutschland schon damals jeder kleine Herr sein Interesse höher stellte, als das des Ganzen. Aber nicht zu übersehen ist, daß in diesen fünfzig Jahren der Unglaube erstaunlich schnelle Fortschritte gemacht hatte, daß Päpste und Fürsten vollständig weltlich geworden waren. Noch herrschten in der Sprache die kirchlichen Worte und Begriffe, aber die Politik kümmerte sich nicht mehr um die Religion. Noch wurde das Schlagwort »Kreuzzüge« bei jeder Gelegenheit gerufen; aber in Wahrheit griff man zu den Waffen nur aus Geiz oder Ländergier. Münzverfälschungen des französischen Königs spielten bereits eine größere Rolle als die Leugnung von Kirchendogmen. Erst in einem solchen Geschlechte wurde ein Papst wie Bonifazius VIII. möglich, von dem seine Zeitgenossen glaubten, er hätte seinen Vorgänger vergiftet und wäre überhaupt ein Atheist.

Solange Geistliche allein im Besitze eines irgend zugänglichen Wissens waren, konnten natürlich auch Ketzer und Aufklärer nur aus dem Kreise der Geistlichen hervorgehen. Das war, wie wir gesehen haben, auch in den Jahrhunderten der Theokratie geschehen. Neu waren nur die Kardinäle und Päpste, die jetzt, oft mit äußerster Frivolität, die religiösen Grundlagen ihrer Macht verspotteten, das Dasein Gottes oder doch wenigstens die Erlösung durch den Gottessohn, die Kirchenmacht jedoch in keinem Punkte preisgeben wollten. Der merkwürdigste unter diesen gottlosen Päpsten war eben dieser Bonifazius, von welchem nachher ein Spruch sagte: er hätte sich eingeschlichen wie ein Fuchs, hätte regiert wie ein Löwe und wäre gestorben wie ein Hund.

 

Bonifazius VIII.

Er scheint keinen Widerspruch darin gesehen zu haben, daß er an Jesus Christus und wahrscheinlich auch an Gott nicht glaubte und dennoch (in der berühmten Bulle Unam sanctam von 1302) für den Statthalter Christi die Herrschaft über Könige und Völker in Anspruch nahm. Mindestens seine Ketzerei wird auch von gut katholischen Gelehrten zugegeben, nur über den Grad seines Unglaubens wird noch etwa gestritten; ich folge natürlich der Darstellung, die Wenck (Historische Zeitschrift, Band 94) von der Persönlichkeit und dem Prozesse dieses Papstes gegeben hat, nur daß bei mir im Zusammenhange mit der Ausbreitung des Averroismus die Erscheinung eines atheistischen Papstes vielleicht begreiflicher sein wird. Bonifazius VIII. war ein ausgezeichneter Kenner des Kirchenrechts. Und da er Papst war, überdies herrschsüchtig und leidenschaftlich von Natur, stellte er seine politische Schlauheit und seine gediegene Juristerei in den Dienst der Idee, die Gewalt des Papsttums konsequent ins Maßlose zu übertreiben. Daß er Anreden wie »Christus auf Erden« oder »Gott der Götter« duldete, würde nur geschmacklose Eitelkeit verraten; seine Realpolitik begnügte sich nicht mit so leeren Titeln. Er fühlte sich als den Herrn der Welt, wie nur der stärkste römische Kaiser gewesen war. Wir sehen den Wandel der Zeiten: genau dreihundert Jahre vor ihm hatte sich Sylvester II., bekannter unter dem Namen Gerbert, darauf beschränkt, im Bunde mit dem deutschen Kaiser, beinahe als ein Lehnsmann des Kaisers, die Christenheit geistlich zu beherrschen; Bonifazius forderte die Unterwerfung des Kaisers und der Könige, zugleich ein geistlicher und ein weltlicher Nero, ebenso kunstliebend, ebenso jähzornig, ebenso scharmant wie dieses legendäre Urbild eines römischen Tyrannen.

Als Papst glaubte er jeden Einfall rücksichtslos äußern zu dürfen. Ein Bürger, ein Geistlicher, der Zweifel an den Kirchenlehren ausgesprochen hätte, wagte seinen Kopf; ein Kaiser oder König wagte seinen Thron; der Papst hatte keinen geistlichen Richter über sich. Überdies gehörte brutale Rücksichtslosigkeit und eine gewisse Offenheit zu seiner Natur. Es sind beinahe hübsche Züge in seinem Bilde, diese Losbrüche seiner ungehemmten Kraft: wie er in Audienzen Fürsten mit Schimpfworten überhäuft, wie er einen zudringlichen Geistlichen manu propria tüchtig durchprügelt, wie er kurz entschlossen den Geschlechtsverkehr mit Weibern und Knaben (auch noch Schlimmeres) für erlaubt erklärt. Da war es kein Wunder, wenn Bonifazius (nach der Aussage eines feindlichen, aber sehr zurückhaltenden Zeugen) vor Kardinälen und Familiaren, ja sogar vor Fremden ketzerische oder blasphemische Worte über die christliche Religion aussprach. Von seinen Zeitgenossen werden viele solche Erschrecklichkeiten berichtet, die übrigens vielfach sich mit den Äußerungen decken, die wenige Jahrzehnte früher von einem anderen Papste dem Kaiser Friedrich zum Vorwurfe gemacht wurden. In eine Reihenfolge gebracht, die mit Philosophie anfängt und mit Antichristentum endet, besagen die Ketzereien des Bonifazius: daß die Welt keinen Anfang gehabt habe, also nicht geschaffen worden sei, auch nicht untergehen werde; daß die Seele mit dem Körper sterbe, daß es also weder ein Jenseits noch eine Auferstehung gebe (»auch die Heiligen werden ebensowenig auferstehen wie mein gestern gestorbenes Pferd«); Paradies und Hölle gebe es nur aus Erden (»wenn Gott es mit mir nur hier gutmacht, so kümmere ich mich um das Jenseits nicht den Deut«); Christus sei kein Gott gewesen, nur ein weiser Mensch und ein großer Schauspieler; als Papst sei er mächtiger als Christus, denn er könne Königreiche vergeben; die drei Religionen seien menschliche Erfindungen, um die Menschen im Zaume zu halten; die Lehren von der Dreieinigkeit, der jungfräulichen Geburt, der Auferstehung, der Menschwerdung und der Wandlung seien Unwahrheiten.

In allen diesen Zeugenaussagen, die protokolliert auf uns gekommen sind, wird der Vorwurf der direkten Gottesleugnung gegen Bonifazius nicht erhoben; der Ton jedoch, in welchem er als Kardinal und als Papst von seinem Gotte redet, ist oft so spöttisch, daß man Gottglauben kaum voraussetzen kann. Einmal soll er gesagt haben: nur Narren oder Träumer glauben, daß aus dem Jenseits irgend jemand wiedergekommen sei.

Der gründliche Streit darüber, auf welchem Wege Bonifazius zu solchen Anschauungen gelangt sei, ist noch nicht zu Ende geführt. Ob er in Paris studiert habe oder dort nur Kanonikus gewesen sei, jedesfalls lebte er, als er noch Benedetto Gaëtani hieß und noch nicht einmal Kardinal war, längere Zeit in Paris, wahrscheinlich in den Jahren, als der Averroismus noch Mode war und die heftigen Streitigkeiten zwischen den Fakultäten verursachte. Dabei darf man nicht überhören, daß seine gottlosen Äußerungen sich weder für päpstliche Entscheidungen ausgaben, noch für philosophische Sätze, daß sie einfach nur moderne Redensarten eines Weltmanns waren, freilich eines Weltmanns auf dem päpstlichen Throne. Es kann darum ein wenig irreführen, wenn Wenck, da er die Frage nach der Herkunft einer solchen Gottlosigkeit beantworten will, eigentlich nur eine Vergleichung mit den Sätzen Sigers von Brabant vornimmt; es ist nicht immer gut, bloß an die letzten Ergebnisse der Forschung zu denken; Siger war nur einer von den vielen Pariser Philosophen, die in der Frühzeit des Bonifazius der averroistischen, also der modernen Richtung zugehörten. Das Außerordentliche war nur, daß ein Kardinal und Papst sich die Freiheit nahm, diese Mode wie ein einfacher Weltmann mitzumachen. Alle Vermutungen darüber, ob Bonifazius als Kanonikus oder als Kardinal mit Siger in persönliche Berührung gekommen war, scheinen mir müßig. Das Groteske dabei aber war, daß hier ein Papst die Lehre von der doppelten Wahrheit eigentlich auf die äußerste Spitze trieb, indem er (natürlich nicht mit so klaren Worten) sagte: ich glaube weder an Gott noch an Christus, als ein moderner Mensch, der ich bin, aber von allen christlichen Völkern verlange ich den Glauben daran, daß mir als dem Statthalter Christi, als dem Statthalter Gottes die höchste Gewalt auf Erden zusteht. Es ist, als ob Thomas von Aquino diese Gefahr der doppelten Wahrheit geahnt hätte; er hatte davor gewarnt, ketzerische Schlußfolgerungen aus der Vernunft ziehen zu lassen, weil der Glaube Falsches enthalten müßte, wenn die Unmöglichkeit auch nur eines einzigen Glaubensartikels durch die Philosophie zu beweisen wäre. (Hundert Jahre nach Bonifaz wurde auf dem Konstanzer Konzil dem Papste Johann XXIII. von seinen Gegnern vorgeworfen, daß er die Unsterblichkeit der Seele verspottete.)

Noch eins ist nicht zu überhören: daß Bonifazius es in seiner hohen Stellung gar nicht für nötig hielt, wie etwa die ketzerischen Professoren, gelegentlich seine Rechtgläubigkeit zu versichern; als ein gebildeter Weltmann war er ein Freigeist und überließ den Glauben der Unwissenheit und der Dummheit. Der leidenschaftliche Mann, der geschlechtlich mindestens wie ein Unchrist lebte, der einmal die unchristliche Hoffnung aussprach, alle seine Feinde möchten vor ihm krepieren, dem nichts als weltliche Macht am Herzen lag, der eine diesseitige Strafe nicht zu fürchten brauchte und eine jenseitige nicht fürchtete, benützte, gewissenlos wie nur ein Renaissancemensch, hohnlachend den Glauben des Pöbels als Werkzeug seines Egoismus. Nicht einmal auf seinem Sterbebette scheint er sich bekehrt zu haben; wenigstens wird solchen banalen Behauptungen gegenüber durch zweier Zeugen Mund erklärt, der Papst habe noch in seiner letzten Stunde oder wenige Tage vor seinem Tode Christus und die Mutter Gottes sehr lebhaft abgelehnt. Kein Wunder, daß an ein Bündnis des Papstes mit dem Teufel geglaubt wurde.

Neuere katholische Gelehrte haben sich Mühe genommen, diesen wirklich unwahrscheinlichen Papst gegen die allerschlimmsten Anklagen zu verteidigen; sie hätten besser daran getan, die Berechtigung der meisten Beschuldigungen zuzugeben und zu sagen: ein Geistlicher mag als Politiker und als Jurist noch so hervorragend sein, er gehört nicht auf den päpstlichen Stuhl, wenn er nicht gläubig ist oder über seinen Unglauben nicht schweigen kann.

Darüber, daß Bonifazius VIII. von den Kardinälen gewählt und geduldet wurde, kann sich nur wundern, wer die römischen Zustände an der Wende des 13. und 14. Jahrhunderts nicht kennt. Anderswo mochte nebenbei auch um den Glauben gekämpft werden, in Rom nur um die Macht. Bonifazius hatte einmal verächtlich gesagt: der römische Papst wäre ohnmächtig, wenn die Könige einig wären. In der Tat wurde seine Tyrannei erst gestürzt (eine Anklage gegen ihn, als er noch Kardinal war, blieb ohne Folge), als der französische König durch die politische Lage die Freiheit erhielt, mit weltlicher Macht gegen den weltlichen Papst vorzugehen. Ganz unchristlich, nur mit den Waffen, standen einander gegenüber der allerchristlichste König und der Statthalter Christi. Es gelang dem Könige, den Papst gefangenzunehmen und seinen Tod dadurch wohl zu beschleunigen; die Kirche, d. h. die Oligarchen in Rom, zur Verdammung des gottlosen Papstes zu bringen, das gelang ihm nicht. Weder zu Lebzeiten des Bonifazius, noch sechs Jahre nach dessen Tode, als der Prozeß über dessen Ketzereien endlich angestrengt wurde. Der Felsen Petri, der sich als unerschütterlich erwies, war nicht der Glaube, sondern die Organisation der Kirche.

Wenck hat keinen Zweifel darüber gelassen, aus welchen Gründen der Prozeß von 1310 und 1311 im Sande verlief, so daß eine päpstliche Geschichtschreibung noch heute behaupten kann, der Prozeß habe mit einem non liquet geendet. Der neue Papst hatte ein Standesinteresse daran, daß sein Vorgänger, der Mehrer der päpstlichen Gewalt, nicht für einen Unchristen erklärt werde; und der König hatte seiner Hausmacht wegen ein Interesse daran, den neuen Papst günstig zu stimmen. So einigte man sich vorher, nach langem Hin und Her, über Führung und Ausgang des Prozesses, der darum zu einer verabredeten Komödie wurde. Alles scheint vorher ausgemacht worden zu sein: die Personen der Zeugen, die Fragestellung und sogar die Aussagen. So mußte herauskommen, was abgemacht worden war: daß der König den Papst Bonifazius in gutem Glauben hatte anklagen dürfen, daß aber die bezeugten Worte des Papstes zu dessen Verurteilung nicht hinreichten. An dieser Komödie nahmen ebenso die königlich gesinnten Kardinäle teil wie die bonifazisch gesinnten. Von beiden Seiten log man wie gedruckt. Frühere Aussagen über die haarsträubenden Ketzereien und Blasphemien des Papstes, der damals noch Kardinal Gaëtani war, wurden abgeschwächt oder zurückgezogen. Bei kritischer Prüfung des ganzen Prozesses bleibt aber für die Nachwelt der Eindruck bestehen: nicht nur in Frankreich, sondern auch am päpstlichen Hofe und in ganz Italien wußte man, daß der verstorbene Papst Bonifazius VIII. ein Unchrist, ein Leugner und Verhöhner aller Dogmen gewesen war. Nur zwei Menschenalter vorher war die Welt aus den Fugen gegangen, weil der Kaiser der Antichrist hieß; jetzt lachte man darüber, daß der Papst der Antichrist war und sein Gegner, der König von Frankreich, fast noch schlimmer: ein Unchrist.

 

Philipp der Schöne

Philipp der Schöne fand in Frankreich die Vorbedingungen vor, an die Stelle einer Art mittelbarer Theokratie das zu setzen, was man – wie gesagt – mit einem modernen Worte einen Nationalstaat nennen könnte. Die Aufgabe, an der Kaiser Friedrich II. scheiterte, brachte Philipp ihrer Lösung nahe: eine Königsmacht in der Person des Königs zu vereinigen und je nach Bedürfnis den Adel und den Klerus, ja sogar auch schon das Volk seinen Zielen dienstbar zu machen; so glückte ihm endlich ein völliger Sieg über den Papst. Aber er erstritt seinen Sieg als ein Realpolitiker und wußte das Geld anzuwenden, das er sich mit nichtswürdigen Mitteln verschaffte; Münzverfälschungen, Judenverfolgungen und auch der große Schlag gegen den Templerorden waren für ihn einfach Geldgeschäfte. Da nun auch Bonifazius ein Realpolitiker war, nicht minder herrschsüchtig als der französische König, da beide eigentlich ungläubig waren, drehte sich der Kampf beinahe ehrlich um Geld und Gut. In den päpstlichen Bullen wird zwar mit äußerster Anmaßung die Vormacht des Papstes wie ein Dogma behauptet und werden immer wieder kirchliche Fragen in den Vordergrund gestellt, auch der König mit kirchlichen Belohnungen (Heiligsprechung von Ludwig IX.) und Strafen verlockt und bedroht; aber zuletzt handelt es sich doch immer um bare Bezahlung. Und weil der König reicher war als der Papst, fand er an den französischen Prälaten eine Stütze. Eine deutschkatholische Kirche ist bis zur Stunde nicht Wirklichkeit geworden, eine gallikanische Kirche gab es schon damals, zum Glücke für Frankreich. Nicht nur der nationale Staat, auch die nationale Kirche hatte dringendere Interessen als Glaubensfragen; die Vertreter des Himmels und der Erde belogen einander oder belogen sich selbst, wenn sie religiöse Schlagworte nach wie vor gebrauchten; man sagte immer noch »Kreuzzug« und dachte nur an einen Vorwand, für nähere Aufgaben Geld zu erpressen.

Auch als es endlich zu jenem Prozesse über die Ketzereien des – inzwischen verstorbenen – Papstes Bonifazius kam, endeten die Verhandlungen mit der Komödie, in welcher, wie gesagt, beide Parteien logen; als fünfzig Jahre vorher der Papst den Kaiser Friedrich als einen Ketzer in den Bann getan hatte, endete die Sache mit der Tragödie des Hauses der Staufer. Die neunundzwanzig Anklagepunkte, die dem noch lebenden Bonifazius entgegengehalten worden waren, sind ohne Beweise oft auf bloße Gerüchte hin zusammengestellt, sollen die Rechtgläubigkeit des Anklägers, also des Königs, in das rechte Licht stellen, bilden aber dennoch ein Dokument des ungläubigen Zeitgeistes; Feindschaft gegen den Nationalstaat der Franzosen wird dem Papste, der noch vor wenigen Jahrzehnten für den König der Könige galt, zu einem ebensolchen Verbrechen gemacht wie z. B. widernatürliche Unzucht. Ich gebe nur einige Proben, um Wiederholungen zu vermeiden. Bonifazius habe gesagt, er wolle lieber ein Hund oder ein Esel sein, als ein Franzose, also als ein zur ewigen Seligkeit berufener Mensch. Er habe geäußert, er wolle Frankreich demütigen, und wenn die Kirche darüber zugrunde gehen sollte. Auch gesagt: sich mit Buhlerinnen ergötzen sei ebensowenig eine Sünde, als sich die Hände zu reiben. Er verkehre mit Wahrsagern und halte sich einen Hausteufel. Er treibe gewerbsmäßig Simonie und sei ein Sodomit. Er habe viele Geistliche in seiner Gegenwart ermorden lassen (auch seinen Vorgänger heimlich getötet), das Beichtgeheimnis verletzt und die Fasten nicht gehalten. Er habe geschworen, die Franzosen entweder zu Märtyrern oder zu Abtrünnigen zu machen. Da nun Bonifazius wenige Monate nach dieser tollen Anklage elend gestorben war, begnügte sich König Philipp nicht damit, von dem nächsten Papste absolviert und von dem zweitnächsten sogar für unschuldig erklärt worden zu sein; er verlangte eine nachträgliche Verurteilung des Bonifazius. Und eben dieser Prozeß wurde zu unwürdigem Schacher. Hinter den Kulissen eines scheinbar rechtlichen Verfahrens einigten sich die Parteien darüber – wie gesagt –, was die Zeugen aussagen durften und wie das Urteil ausfallen sollte. Der Sieg des Königs wäre womöglich noch vollständiger gewesen, wenn er sich ihn nicht hätte abkaufen lassen; die gleiche Kirchenversammlung rettete die Tradition vom unfehlbaren Papste dadurch, daß sie dem mächtigen Könige die Tempelherren preisgab, zur Beraubung und Abschlachtung.

 

Tempelherren

Das empörende Vorgehen des Königs gegen die Tempelherren würde hier eine eingehende Darstellung verdienen, weil es ein furchtbares Vorbild ist, aus dem Beginne des l4. Jahrhunderts, für die spätere Epidemie der Hexenprozesse, bei der ja auch den Opfern Unsittlichkeit und Gottlosigkeit nachgesagt und durch das Mittel der Folter nachgewiesen wurde, um die Gewalthaber zu bereichern. Der unermeßlich begüterte und sehr weltlich gewordene Templerorden bildete in Frankreich wirklich einen Staat im Staate, und so konnte Philipp der Schöne, dem es aber nur um das Vermögen der Templer zu tun war, so etwas wie ein Interesse seines mühsam geeinigten Königreiches vorschützen. Für die Nachwelt. Für die Zeitgenossen genügten die Anschuldigungen, mit denen von jeher jede christliche Sekte jede andere verfolgt hatte: daß die Templer Jesum Christum verleugneten, das Kruzifix beschimpften und die grauenhafteste Unzucht für erlaubt erklärten. Die armen Ritter wurden bald gräßlich gefoltert, bald durch Versprechungen der Milde geködert; so brachte man sie dahin, daß sie in Frankreich wenigstens unter Zustimmung des Papstes verbrannt werden konnten, während in anderen Ländern, deren Regenten kein Geldinteresse an der Vernichtung des Ordens hatten, die Unschuld der Templer an den Tag kam. Der Prozeß hatte 1307 begonnen; 1314 wurde endlich auch der Großmeister, der noch in den Flammen die Unschuld des Ordens beteuerte, lebendig verbrannt. Nicht leicht wird einer Bande von Straßenräubern beim Streite um die Beute eine solche Infamie nachgewiesen werden können, wie die war, die geistliche und weltliche Fürsten bei der Verteilung der Templerschätze begingen; die Hauptmasse der beweglichen und der unbeweglichen Habe fiel der Krone Frankreichs zu. Der Papst, Klemens V., der sich in diesen schmachvollen Handel eingelassen hatte, starb genau vierzig Tage nach dem Großmeister Jakob von Molay, der König ebenfalls noch in dem gleichen Jahre; eine Legende bildete sich, nach welcher der Großmeister seinen Mördern ihr Ende vorausgesagt hätte; die Legendenbildung scheint zu beweisen, daß das Volk auf seiten der gottlosen Templer stand.

Daran ist freilich kein Zweifel möglich, daß die Tempelherren ein unchristliches und wohl auch gottloses Privatleben führten, wenn auch die Behauptung erstunken und erlogen war, sie hätten ihre Neigungen zur Grundlage einer neuen Teufelsreligion gemacht.

Der Sieg des französischen Königs über Rom zeigt uns überall, wie es zu Beginn des 14. Jahrhunderts vorbei war mit den Vorstellungen und Begriffen, die man gewöhnlich mit dem Mittelalter verbindet, die aber nur während der Kreuzzüge die Christenheit tatsächlich beherrschten. Die geistlichen Ritterorden waren veraltet und ihren Zwecken entfremdet, weil die nationalen Staaten wichtigere Aufgaben zu lösen hatten als die Ausbreitung des Christentums und Eroberungen im gelobten Lande des alten Judengottes. Die Päpste mußten nachgeben und auf den Anspruch verzichten, über den weltlichen Königen die Herren der Erde zu sein. Die Herrscher der neuen Nationalstaaten trieben Politik und bemühten die hergebrachten religiösen Redensarten nicht ernsthafter als Gründe der Moral und des Rechts. Ein allgemeiner Machiavellismus, zweihundert Jahre vor Machiavelli, war Staatsräson geworden in Rom wie in Paris. Bei weltlichen und geistlichen Fürsten hatte die Aufklärung gesiegt, deren erster gekrönter Märtyrer Kaiser Friedrich II. gewesen war. Die Abkehr von der positiven Religion, die eigentliche Gottlosigkeit, war aber noch lange nur bei den Gewalthabern zu finden; die Religion war für die gelehrten und ungelehrten Bürger, für das Volk, erhalten geblieben und wurde von geistlichen und weltlichen Fürsten nach wie vor in den Dienst der Politik gestellt; die Kriegsherren, die selbst keinen Glauben besaßen, führten jetzt erst recht unaufhörlich Religionskriege, und dieses späte, unehrliche, heuchlerische Mittelalter endete nicht mit der Entdeckung Amerikas oder mit der Reformation.

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