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Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande. 1. Band

Fritz Mauthner: Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande. 1. Band - Kapitel 20
Quellenangabe
authorFritz Mauthner
titleDer Atheismus und seine Geschichte im Abendlande. 1. Band
publisherDeutsche Verlags-Ansta
year1922
firstpub1920
correctorreuters@abc.de
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Siebenter Abschnitt
Das Buch von den drei Betrügern

 

Die Parabel von den drei Ringen

Friedrich II. unterlag, aber das Wort von den drei Betrügern starb nicht mit ihm. Ganz gewiß ist der gleiche Gedanke ursprünglich gemeint gewesen in der Parabel von den drei Ringen, die in der Lessingschen Form Gemeingut geworden ist. Lessing scheut vor einer Erinnerung an die drei Betrüger nicht zurück, er ist dafür noch Aufklärer genug; aber seine Parabel ist nicht mehr rein negativ. In der ursprünglichsten Fassung, auf welche die Parabel von den drei Ringen zurückzuführen ist, ist von Lessingschem Geiste noch kaum eine Spur; nur die Berufung auf den Spender der beiden Edelsteine, den Juwelier Gott, findet sich schon in der alten Quelle, die jüdisch ist. Die Geschichte wird in die Zeit eines Königs von Aragonien verlegt, ungefähr in den Übergang vom 11. zum 12. Jahrhundert. Gerade der Umstand, daß da nur von zwei Edelsteinen die Rede ist (von Christen und Juden) und noch nicht von drei Ringen, scheint mir dafür zu sprechen, daß die schöne Parabel schon so lange vor Boccaccio, ihrem klassischen Erzähler, erfunden wurde.

Die Annahme, der Gedanke gehöre dem Zeitalter Kaiser Friedrichs an, also der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, und es sei in Süditalien entstanden, trifft für das geflügelte Wort sicherlich zu. Nur dort mischten sich die Kulturen der drei monotheistischen Religionen, wenn bei allen von Kultur die Rede sein darf; nur diesem romantischen, wie das Geschöpf eines Poeten aus dem Mittelalter zu uns herüberblickenden Kaiser, nur ihm und seinem starkgeistigen Hofe war in so früher Zeit die Ablehnung aller monotheistischen Religionen zuzutrauen, vielleicht schon die Ablehnung des Monotheismus selbst, also eine gottlose Weltanschauung, die beinahe fünfhundert Jahre vor der Blüte des englischen Deismus über diese Halbheit hinausging.

Die Parabel von den drei Ringen aber entspricht wie durch ein Wunder unseren gerechteren Vorstellungen vom Entstehen der Religionen besser, als die Betrugshypothese. Der alles verstehende Historismus hat uns fast alle Sünden der Kirchen verzeihen lassen; er hat uns den Haß ausgetrieben, mit welchem die Freidenker alle Religionsstifter für Betrüger erklärten. Unsere Forscher zweifeln eher an der persönlichen Existenz von Moses und Christus, als daß sie ihnen eine betrügerische Absicht zuschrieben. Die Parabel von den drei Ringen läßt die Fälschung vom Vater anordnen, und auch von dem nur in guter Absicht.

Der Streit darüber, ob der Vater betrogen worden oder selbst ein Betrüger gewesen sei, könnte nur von Leuten ausgefochten werden, die die Parabel von den drei Ringen für eine wahre Begebenheit halten. Womöglich noch törichter wäre der Versuch, den echten Ring ausfindig zu machen. Man wird den echten Ring so wenig finden wie das Hemd des Glücklichen. Der einzige Glückliche besaß kein Hemd, und kein Ring eines parabolischen Vaters kann echt sein. Wobei noch zu beachten ist, daß Gottglauben und Optimismus fast immer auf dem gleichen Holze wachsen und darum die beiden Bilder einander ähnlich sind.

 

Der Verfasser der Religionsurkunden

Es spricht natürlich gegen die historische Beweiskraft der drei Religionen, spricht aber auch ganz gewiß gegen die Anwendbarkeit des Begriffs »Betrüger«, daß keiner der Begründer der drei Religionen selbst der Verfasser des grundlegenden Buches war. Moses galt freilich bis zum Einsetzen einer ernsthaften Bibelkritik allgemein für den Schreiber der nach ihm benannten Fünf Bücher. Seit mehr als zweihundert Jahren ist diese Fabel langsam zerstört worden. Jesus Christus hat auch nach christlicher Lehre die Evangelien nicht selbst niedergeschrieben, hat sogar höchst wahrscheinlich nicht in der Ursprache der Evangelien gelehrt; und auch die von ihm überlieferten Herrnworte sind nicht dieselben und sind nicht gleich in allen Fassungen; ganz abgesehen davon, daß die verschiedenen christlichen Kirchen über die Zusammenstellung des Kanons niemals ganz einig gewesen sind. Der Koran endlich ist sicherlich nicht eine Arbeit des Propheten Mohammed, ist erst unter seinen Nachfolgern gesammelt worden. Merkwürdig ist dabei, daß die Geistlichkeit aller drei Religionen auf den gleichen Notbehelf verfiel, die mangelhafte Autorität ihres Buches zu stützen: auf die Legende von einer göttlichen Eingebung; am sinnfälligsten ist diese Sage bei den Mohammedanern entwickelt, die erzählen, der Koran sei von einem Engel vom siebenten Himmel heruntergebracht und dem Propheten stückweise offenbart worden. Daneben ist es aber dort nicht erst das Ergebnis einer späten Korankritik, sondern vielmehr alter Bestand der mohammedanischen Theologie, daß der Koran aus Sätzen, Predigten und Gesichten Mohammeds unter den drei ersten Kalifen gesammelt wurde (unsere Forscher sagen »redigiert« und noch dazu: schlecht redigiert), daß Zaid ibn Thabit, ein Schreiber des Propheten, zuerst unter Abu Bekr, sodann wieder unter Othman, der eigentliche Redaktor des Religionsbuches wurde. Dazu kommt, was bei Mohammed ganz deutlich ist, bei Moses und bei Jesus mit großer Wahrscheinlichkeit vermutet wird: daß alle drei mit heiligem Eifer nur die vorgefundene Religion ihres Stammes reinigen oder reformieren wollten. Man sollte also niemals die Stifter der drei Religionen Betrüger nennen, sondern höchstens die Abfasser der heiligen Bücher; ich brauche nicht erst hinzuzufügen, daß auch diesen gegenüber der Vorwurf ungerecht oder doch unbeweisbar wäre.

 

Das Buch

Mit der Nachwirkung des legendären Buches von den drei Betrügern werden wir uns noch mehr als einmal zu beschäftigen haben; es wurde zu Ende des 16. und dann zu Anfang des 18. Jahrhunderts gedruckt, nicht entdeckt, sondern jedesmal neu erfunden; im 16. Jahrhundert war die Zeitströmung dem neuen Buche mit dem alten Titel nicht günstig; im 18. Jahrhundert dagegen ging eigentlich der englische Deismus und der französische Naturalismus schon über die Frage des Mittelalters hinaus. Die Weltanschauung eines Toland war pantheistisch, die der Enzyklopädisten war materialistisch; man fragte nicht mehr nach der wahren Religion, man zweifelte schon an dem Dasein eines persönlichen Gottes oder des Gottes überhaupt.

Mag das alte Buch von den drei Betrügern eine Legende sein, der Titel dieses eigentlich niemals vorhandenen Buches war dennoch eine Macht. Dieser Titel gewann in früher Zeit die Stärke eines geflügelten Wortes. Niemand seit der Zeit von Friedrich II. hatte das zu dem Titel gehörende Buch gelesen; jedermann hielt sich für berechtigt, dieses Buch zu schreiben.

Das Einzigartige und wirklich Unerhörte an dem Buche von den drei Betrügern ist also die Tatsache, daß der Titel aus dem 13. Jahrhundert wie ein ungeheures Plakat dastand, daß niemand das Buch selbst kannte, daß man aber das Buch zum Verständnisse des Titels gar nicht nötig hatte. Eine stoßweise wachsende, schließlich zur Mehrheit anwachsende Gruppe von Menschen brauchte die Abhandlung selbst gar nicht zu lesen, um von der Wahrheit der These überzeugt zu sein: die Stifter der drei positiven monotheistischen Religionen wären Betrüger, wären ebensolche Betrüger wie zugegebenerweise die heidnischen Priester. Die Schlagkraft der These, die in dem alten Titel verborgen war, hörte erst auf zu wirken, just bei den Gebildeten wenigstens, als eine bessere Psychologie die Frage nach der Herkunft von Sitten und Religionen – wie gesagt – anders und besser gestellt hatte. Solange man nur zwischen einer wahren Offenbarung Gottes und einem Menschenbetruge die Wahl zu haben glaubte, solange war die These des Titels deutlicher, als die Abhandlung selbst irgend sein konnte. Man hielt sich also an den Satz allein. Dieser Umstand mag es erklären, daß man das Buch, das niemand kannte, nacheinander so ziemlich allen Schriftstellern zuschob, die der Freidenkerei verdächtig waren oder denen man etwas am Zeuge flicken wollte; ich nenne nur den Spanier Servet, den Hugenotten Barnaud, den Angelus Merula Ein niederländischer Lutheraner, kein Freigeist; lebte von 1482 (oder 1487) bis 1557; die Inquisition benützte seine Taubheit, um ihm Widerruf nachzusagen; er sollte verbrannt werden, starb aber unmittelbar vorher., dann die ganze Reihe Averroës, Aretino, Pomponatius, Vanini, Macchiavelli, Rabelais, Erasmus, Dolet, Bruno, Campanella, der übel berüchtigte Schönredner Muret, Poggio, Occhino, Boccaccio; sogar Milton wird gelegentlich genannt, und sehr oft wissen die Gelehrten, daß das Schlagwort bis auf den Kaiser Friedrich II. oder auf seinen Kanzler Petrus de Vineis zurückgeht. Bei allen diesen Angaben, die meistens Beschuldigungen sein sollen, ist unkritisch die Meinung nur: einem solchen Freigeiste sei die Behauptung des Satzes von den drei Betrügern wohl zuzutrauen.

 

Das Buch von 1598

Die Schrift selbst existierte aber, wenn nicht seit dem 13., so doch ganz gewiß seit dem 16. Jahrhundert. Doch nur wenige Menschen haben sie vor der Aufklärungszeit zu Gesicht bekommen. Dann wurden nach einem Drucke von 1598, von welchem nur noch drei Exemplare vorhanden sein sollen, öfter neue Ausgaben veranstaltet; die erste war von 1753, die neueste ist der Abdruck, den Weller 1876 veranstaltet hat; in zweiter Auflage; die erste Auflage von 1846 hatte dazu die erste und einzige deutsche Übersetzung gebracht, die nachher wohl aus feigen Gründen der Rücksicht wieder fortgelassen wurde.

Eine fachmännische Untersuchung über die Sprache dieser Schrift (die auch De impostura religionum oder so ähnlich betitelt wird) und somit über die wahrscheinliche Zeit ihrer Abfassung wäre sehr wünschenswert. Ich verstehe mich auf solche Dinge wenig und muß mich auf zwei Bemerkungen beschränken. Da ist einmal ein Hinweis auf Ignatius von Loyola, also der scheinbar unumstößliche Nachweis, daß das kleine Buch nicht vor der Mitte des 16. Jahrhunderts entstanden sein könne; im Gegensatze dazu ist das barbarische, scholastische Latein nicht zu übersehen, das so schlecht just von den humanistischen Freidenkern nicht geschrieben wurde, sicherlich nicht von den meisten Gelehrten, die der Urheberschaft verdächtig waren. Namentlich die zweite Hälfte (die ganze Schrift ist nur ein Fragment) hat den lebhaften, mitunter zänkischen Ton der öffentlichen Disputationen, der zwar im 16. Jahrhundert noch nicht verstummt, der aber damals doch nicht mehr Mode war, der auf irgendein früheres Jahrhundert zurückweist. Nach einer Notiz im Vorworte von Wellers Ausgabe wäre das Buch in Rakau gedruckt worden, d. h. in Rakow (in Russisch-Polen). Das wäre nun ein unabweisbarer Wink, den Ursprung der Schrift oder doch des Druckes auf die Socinianer zurückzuführen. Ist doch das Grundbuch der Lehre, die die Gottheit Christi leugnete, in dem Rakower Katechismus enthalten, der zuerst 1605 an diesem Orte herauskam. Auch finde ich bei Arnold (II., Buch 16, Kap. 33, 16) die Bemerkung: »Insonderheit haben sich die meisten Antitrinitarii an den neuerbauten Ort Rakau begeben, allwo sie hernach viele ihrer Schriften drucken lassen.« Um nichts zu versäumen, entnehme ich Arnold noch die Nachricht, daß ein Joachim Stegmann zu der Zeit der Ausgabe des Buches » de tribus Impostoribus«, Pfarrer in Rakow gewesen. Bei der noch niemals hervorgehobenen Bedeutung, welche die Socinianer für die neuere Aufklärung im Abendlande gewannen, wäre eine Prüfung meiner Vermutung sehr erwünscht, daß es nämlich ein Socinianer war, der sich des entscheidenden Schlagwortes bemächtigte und gegen Ende des 16. Jahrhunderts das legendäre Buch des Kaisers Friedrich nach unbekannten Vorlagen niederschrieb. Ich gelange also zu der Vermutung, die keine gelehrte Hypothese sein will: unserer Schrift liegt eine weit ältere zugrunde, die vielleicht mehr als einmal umgearbeitet worden ist. Nach der allgemeinen Einleitung ist es mir höchst wahrscheinlich, daß die Schrift wirklich gegen alle drei Religionsstifter gerichtet war, daß der Herausgeber aber nach einigen Einwürfen gegen Moses abbrach. Es ist aber Zeit, die alte Schrift selbst vorzunehmen.

Der Verfasser beginnt mit der fast sprachkritischen Bemerkung, man solle über Gottes Dasein nicht reden, bevor man nicht wisse, was Gott und was das Sein bedeute; ebenso stehe es um den Begriff der Gottesverehrung. Alle Erkenntnis Gottes sei ein Bekenntnis der eigenen Unwissenheit. Unendlichkeit ebenso wie »Ursache seiner selbst« laufe auf den Gedankengang hinaus: wir kennen keine Ursache Gottes, also gibt es keine. »Warum nicht ebenso: wir begreifen Gott selbst nicht, also gibt es keinen Gott?« Das Wesen, bei welchem der Verstand aufhöre zu denken, werde bald Natur, bald Gott genannt; bald nenne man die Verkettung aller Dinge wiederum Gott, bald verstehe man unter ihm ein besonderes Wesen, das weder gesehen, noch durch den Verstand gefaßt werden könne.

Dieser Gott, der also undefinierbar sei, soll nach der Meinung der Priester verehrt werden. Gott existiert, sagen sie, also muß er verehrt werden. In gleicher Weise könnte man schließen: der Großmogul existiert, also muß er verehrt werden. Der werde aber nur aus Furcht seiner sichtbaren Macht und aus Hoffnung auf Belohnungen verehrt; unsichtbare Mächte gelten für noch höher als die sichtbaren. Man rede freilich auch von einer Gottesverehrung aus Liebe, wegen seiner Liebe zu den Menschen. Eine seltsame Liebe, die alle Menschen wegen eines vorher bestimmten Sündenfalls verdammt und dann wieder durch die Martern des einzigen Sohnes losgekauft hat. »Etwas so Unhaltbares hat kein Barbar gelehrt.«

Der Beweis für das Dasein Gottes werde aus der Übereinstimmung aller Völker von Leuten geführt, welche entweder nur ihre Volksgenossen kennen oder etwa drei oder vier Bücher über diesen Gegenstand angeschaut haben. In Wahrheit gebe es selbst an dem Hauptsitze des Christentums sehr viele Libertiner, richtiger Atheisten. Man wolle sich nur auf die Männer von gesundem Urteil berufen? Auf den Papst oder die alten Auguren, auf Cicero, Cäsar, die Fürsten und die Priester? Diese haben vielleicht ein Interesse an solchen Lehren; ihr behagliches Leben hängt ja davon ab. Übrigens brauche man ja, auch wenn man einen Schöpfer anerkenne, noch nicht an eine göttliche Vorsehung zu glauben. Der Gott konnte alles so angeordnet haben, daß es von selbst sich zu dem vorgesteckten Ziele entwickelte; dann brauchte er nicht alle Elemente und Teile des Universums fortwährend zu besichtigen, wie ein Arzt den Kranken.

Auch die Anerkennung eines menschlichen Gewissens zeuge nicht für das Dasein Gottes; das natürliche Gewissen und die Begriffe von Gut und Böse wären recht gut aus der Bedürftigkeit des einzelnen und aus der Abhängigkeit von den Mitmenschen zu erklären. (Im folgenden scheint der Verfasser anzudeuten, daß die Tiere nicht weniger Verstand haben als die Menschen, aber ohne Gottesverehrung auskommen und sich von Priestern nicht foppen lassen wie die dummen Bauern und die guten Weiblein. Schon Friedrich II. war tierfreundlich gewesen.)

Die Einleitung beendet die Frage nach dem Dasein Gottes mit einem kühlen: Meinetwegen. » Esto, sit.« Und was die Verehrung Gottes betreffe, so seien zweifellos die Bekenner der einen Offenbarung in der Lebensführung nicht glücklicher als die anderen. Man behaupte, Gott habe von den Menschen überdies Erkenntnis seines Wesens verlangt. Woher aber wisse man das? Nach welcher Offenbarung habe man sich zu richten in diesem Mischmasch von Offenbarungen ( quanta revelationum farrago)?

Mit diesem verächtlichen Worte geht der Verfasser über, flüchtig und unordentlich wie überall, zu dem Hauptgegenstand seiner Untersuchung, der den Titel De tribus Impostoribus rechtfertigen würde; es ist eine bei aller Schülerhaftigkeit heute noch wirksame Religionsvergleichung, die ganz verwegen und mit einer unerhörten Unbekümmertheit die Prüfung der drei monotheistischen Religionen unternimmt und noch viel offener christusfeindlich ist, als etwa im 13. Jahrhundert die Averroisten der Pariser Hochschule oder der Geheimbund der Amalricaner oder die Brüder vom freien Geiste sein durften. Mir scheint nichts dagegen zu sprechen, daß gerade dieser Teil der Schrift überkommenes Gut aus der Zeit Kaiser Friedrichs enthalte; wobei ich jetzt der Beachtung anheimgebe, daß die ganze Untersuchung der Reformation mit keiner Silbe gedenkt.

Wer soll im Streite zwischen so vielen Offenbarungen und anderen angeblich heiligen Büchern (schon werden die Veden und die alten Schriften der Chinesen herangezogen) den Richter spielen? Den Worten des Moses und der Apostel steht der Koran gegenüber. »Und du, der du in einem Winkel Europas unterduckst, willst dich um die anderen Religionen nicht kümmern?« Es bestehe kein großer Unterschied zwischen den Mitteln und den Taten der drei Religionsstifter. Immer habe so ein Mann den früheren Glauben verbessert, Moses das Heidentum, der zweite das Judentum, Mohammed das Christentum; es sei abzuwarten, wer den Islam verbessern werde. »Die Leichtgläubigkeit der Menschen ist der Täuschung unterworfen; der Mißbrauch dieser Leichtgläubigkeit unter dem Scheine eines nützlichen Zweckes heißt mit Recht Betrug.« Gebe man also auch zu, daß die Natur des menschlichen Verstandes irgendeinen Gottesglauben und irgendeinen Gottesdienst fordere, so bleibe doch jeder Führer zu einer neuen Religion des Betrugs verdächtig. Die Wahrheitsliebe jedes Religionsstifters müsse geprüft werden durch Kritik seiner Worte, durch Kritik seiner Zeugen und der Zeugen seiner Zeugen. Keine Religion dürfe sich dieser Prüfung entziehen wollen, denn jede beschuldige jede andere des Betruges; alle müssen verglichen werden, ohne irgendein Vorurteil. Alle für wahr zu halten, sei lächerlich; der sichere Weg sei, keine für wahr zu halten. Um einen so einfachen Satz zu glauben, wie daß zweimal zwei vier sei, brauche man keinen Kongreß der Mathematiker. Die Religionen dagegen seien voneinander verschieden in allem und jedem und beanspruchen überdies, den Weg zur Seligkeit zu zeigen. Wie dürfe man sich da bei der Religion beruhigen, in der man zufällig geboren und erzogen ist. »Mit dem gleichen Rechte könnte ein Neger, der nie aus seinem Lande herausgekommen ist, annehmen, es gebe auf der Welt nur schwarze Menschen.« Und alle Religionen müsse man mit der gleichen Sorgsamkeit untersuchen, wolle man zu einem begründeten Urteile gelangen. Freilich die Weiber und die Kinder und die meisten aus dem Pöbel bleiben sowieso ohne jedes Urteil bei der Religion, in welche sie der Zufall der Geburt hineingestellt hat. Die allermeisten Menschen sind gar nicht in der Lage, alle Religionen mit der ihrigen zu vergleichen; und auch die Gelehrten haben gewöhnlich nicht nur nicht die Fähigkeit der Unterscheidung, sondern oft nicht einmal den guten Willen. Wer soll da die richtige Wahl treffen? Jesus hat keine Schrift hinterlassen, Mohammed den Koran; ob die Bibel von Moses herrühre, ist unsicher. Jede dieser Schriften wird von den Anhängern für echt erklärt, von den Gegnern für falsch; jeder Stifter wird von den einen für heilig gehalten, von den anderen für einen Windbeutel. Die gleichen Gründe, aus denen Mohammed für einen Betrüger erklärt wird, gelten z. B. auch für Moses. Wir haben keine Ursache, die Kritik, die wir auf den Koran anwenden, gegenüber der Bibel zurückzuhalten.

Und der Verfasser geht sofort daran, die Verbrechen des Moses aufzuzählen, also zunächst seinen menschlichen Charakter zu verdächtigen, und sodann die Echtheit der Bücher des Alten Testaments mit der Echtheit des Korans zu vergleichen. Auch viele Einwände, die nachher von den englischen Deisten gegen die Prophezeiungen vorgebracht worden sind, werden schon vorweg genommen. Endlich fehlt auch nicht der Hinweis darauf, daß auch schon die Apostel, also die Nachfolger und Anhänger des Moses, das Gesetz unerträglich, eine elende Vorschrift, einen toten Buchstaben usw. genannt haben. Mit einem letzten »etc.« läßt der Verfasser vermuten, daß man gegen die Göttlichkeit des Neuen Testaments ähnliche Bedenken vorbringen könnte. Und wie erschreckt schließt der Verfasser oder Abschreiber oder Herausgeber sein Fragment nach diesem letzten »etc.« mit einem » Tantum« plötzlich ab.

Ich bin wie gesagt geneigt, dieses Fragment für die Bearbeitung einer älteren, vielleicht viel älteren Schrift zu halten: weil die Ähnlichkeit mit den aufklärerischen Gedanken des 13. Jahrhunderts in die Augen springt, weil die offenbare Sympathie mit dem Islam der früheren Zeit besser entspricht als dem Jahrhundert der Türkenkriege, weil endlich gar zu auffallend ist, daß von den theologischen Gedanken der Reformationszeit sich nicht eine Spur vorfindet. Wie dem auch sei, das Buch selbst war fast ohne Wirkung, weil es so gut wie unbekannt blieb; nur das Schlagwort des Titels haftete fort im Gedächtnisse aller Freidenker und ihrer Feinde. Eins aber muß noch hervorgehoben werden: sowohl das Schlagwort als das Buch sind mehr antichristlich als atheistisch. Der Titel begnügt sich damit, die Stifter der drei monotheistischen Religionen als die drei großen Weltbetrüger hinzustellen und sagt nichts über den Gottesbegriff aus. Das Buch wirft zwar die Frage nach dem Dasein Gottes auf und geht bis zu einer Anzweiflung seiner Existenz, nicht aber bis zu ihrer Leugnung; um so entschiedener wird der gleiche Wert oder die gleiche Wertlosigkeit aller Religionen behauptet.

Campanella hat das Buch von den drei Betrügern gekannt; es hat wahrscheinlich, mittelbar oder unmittelbar, immerhin die ältesten englischen Deisten beeinflußt. Trotzdem war es hergebracht, das Vorhandensein des Buches, dessen Titel jedermann kannte, für eine Legende auszugeben.

Auch Bayle war der Meinung, daß das Buch niemals existiert habe. Man schreibe es mit Unrecht dem Aretino zu; das habe man getan, um die »Schande« nicht auf die Lutheraner fallen zu lassen. Mersenne habe den Stil Aretinos darin erkennen wollen. Grotius habe den Kaiser Friedrich (Barbarossa, aber berichtet werde es erst von Friedrich II.) für den Verfasser gehalten. » Chansons que tout cela

 

Das Buch von 1719

Nun gibt es aber freilich noch ein »Buch von den drei Betrügern«, aus dem Anfange des 18. Jahrhunderts, in französischer Sprache; es gibt davon sogar eine fast wörtliche deutsche Übersetzung aus dem Jahre 1787. Über den Verfasser herrscht ein Dunkel, das auch von Paulus, dem gelehrten ersten deutschen Herausgeber von Spinozas Werken, nicht aufgeklärt worden ist. Die Schrift ist nach seinen Forschungen zum ersten Male gedruckt worden 1719 zu Amsterdam unter dem Titel: » La Vie et l'Esprit de Mr. Benoit de Spinosa.« Der Drucker soll zuerst nur das Leben des Spinoza in den Nouvelles littéraires herausgebracht, dann verleugnet, endlich aber in dem gleichen Jahre, er selbst oder ein anderer, die Vie und den Esprit zusammen ediert haben. In französischer Sprache, in einem Büchlein, Kleinoktav, 208 Seiten. Kein Zweifel, daß eine Huldigung für Spinoza beabsichtigt war; ein vorgesetztes Motto lautet:

» Si faute d'un Pinceau fidelle
Du fameux Spinosa l'on n'a pas peint les traits,
La sagesse étant immortelle
Ses écrits ne mourront jamais.
«

Der Herausgeber deckte sich aber durch die Bemerkung, er habe nur so wenige Exemplare abziehen lassen, daß das Werk ebenso selten bleiben werde, als wäre es nur in Handschriften zugänglich; und durch die übliche ironische Versicherung, die gedruckte Ausgabe werde nur in die Hände von Leuten kommen, die geschickt wären, das ganze Lehrgebäude des Spinoza umzustoßen. Eine andere Notiz war noch mehr geeignet, den Preis des Büchleins hinaufzuschrauben: der Verleger habe eine Pistole (etwa ein Louisdor) für jedes Exemplar verlangt, sonach einen Teil der kleinen Auflage vor seinem Tode verbrennen lassen, so daß man nachher bis fünfzig Gulden für das Exemplar zahlte. Wie dem auch sei, das kleine begehrte Buch war sehr selten und wurde während des 18. Jahrhunderts handschriftlich verbreitet. Von jener Ausgabe, die die Vie und den Esprit vereinigt, scheint kein gedrucktes Exemplar mehr vorhanden zu sein. Die » Vie« erschien dann 1735 (angeblich zu Hamburg, als Verleger ist dieselbe Druckerfirma Kunrath genannt, die 1670 als Herausgeber des theologisch-politischen Traktats figurierte) unter dem Titel: » La Vie de Spinosa, par un de ses Disciples, nouvelle édition non tronquée, augmentée de quelques notes et du catalogue de ses écrits, par un autre de ses disciples etc.« Dem mir zur Verfügung stehenden Exemplare des seltenen Buches ist eine merkwürdige Liste gotteslästerlicher Schriften beigefügt, »die zum Feuer verurteilt wurden oder es verdient hätten«; ferner ist ein gedrucktes Blättchen eingeklebt, das zehn Nummern einer Spinozabibliothek enthält. Die vierte dieser Nummern zeigt an: » L'Esprit de Mr. Spinosa, c'est à dire ce que croit la plus saine partie du monde, par M. Lucas, Médécin, à la Haye. Ms. in 4to.« Paulus (Einleitung zum zweiten Bande seiner Spinozaausgabe, p. XXXI) scheint verschiedene Abschriften des » Esprit« verglichen zu haben und teilt mit, daß sie einander an vielen Stellen nicht ganz gleich wären; oder er hat es seinem gelehrten Freunde Pappelbaum nur nachgesprochen, daß dessen Manuskript einem neueren Drucke des » Esprit« nachgeschrieben war, der Zusätze in Voltaires Geiste angefügt hatte.

Ich besitze selbst, als liebe Gabe eines Freundes, eine saubere Abschrift von Vie und Esprit; der Sammler (dessen Unterschrift W. Göthe gelesen werden kann, aber auch anders) klagt in einer Notiz zum » Esprit«, er habe sein Buch 1763 aus einer Handschrift im Besitze des Stabsarztes vom Regiment Puttkammer abgeschrieben, als eine große Seltenheit, und habe dasselbe Werk eben jetzt, im Juni 1795, in einer Auktion für 6 Pfennig erstanden; es habe nun den Titel geführt: des trois Imposteurs.

Eine Abschrift des gleichen Traktats besaß Gottsched, wie er in seiner Bayle-Übersetzung (Anmerkung zum Artikel » Aretin«) erzählt. Er spricht sehr verächtlich von solcher Freigeisterei. Dankenswerter ist die Angabe, viele Sätze dieser gottlosen Stücke seien enthalten in dem gedruckten Buche » La Religion muhammedane comparée à la Payenne de l'Indostan par Ali-Ebn-Omar, trad. de l'Arabe, Londres 1737.« Gottsched macht noch ein anderes Werkchen namhaft, das zu seiner Zeit in Abschriften »unter den Liebhabern verbotener und seltener Bücher« verbreitet war. » De Imposturis Religionum breve Compendium, descriptum ab exemplari MSto, quod in bibliotheca J. Fr. Meyeri, Berolini an. 1716, publice distracta deprehensum et a Principe Eugenio de Sabaudia LXXX Imperialibus redemtum fuit.« Es beginnt: » Deum esse, eum colendum esse, multi disputant, antequam et quid sit Deus, et quid sit esse et quid sit colere Deum intelligant.« Gottsched kannte also auch das älteste vorhandene Buch de tribus Impostoribus, das von 1598.

Auf alle Fälle war es eine starke Zumutung an die Leichtgläubigkeit der Leser, die Arbeit in der französischen und dann in der deutschen Ausgabe für das legendäre Buch de tribus Impostoribus auszugeben, das aus dem 13. Jahrhundert stammen sollte; ein flüchtiger Blick mußte klarmachen, daß sie nicht vor Spinoza und den englischen Deisten angefertigt sein konnte. Der Hersteller hatte einfach von seinem Autorrechte Gebrauch gemacht, das berüchtigte Buch aus eigenen Mitteln neu zu schreiben, weil es zwar nützlich schien, aber leider nicht existierte. » L'Esprit de Mr. Spinosa« ist trotz einiger deistischer Redensarten durchaus atheistisch; der Verfasser holt etwas weiter aus, erklärt jedoch nach dem Programm des alten Titels und nach dem Vorgange einiger englischer Deisten (nicht Spinozas) Moses, Jesus und Mohammed für Erzbetrüger; es muß hier ein Auszug aus der Schrift gegeben werden, obgleich sie eine starke Wirkung – wenigstens öffentlich – auf die Zeitgenossen nicht geübt zu haben scheint. Atheistisch sind vor allem die beiden ersten Kapitel von Gott und von den Ursachen, »so die Menschen bewogen haben, sich ein unsichtbares Wesen einzubilden oder das, was man insgemein Gott nennet.« Die Unwissenheit sei die einzige Quelle der falschen Vorstellungen, die man von der Gottheit, von der Seele und von den Geistern hat; man habe das Volk an solchen Irrglauben gewöhnt, die Wahrheit zu sagen sei gefährlich, der Name Freigeist sei ein Schimpfwort geworden. Der natürliche Verstand genüge zu der Einsicht, daß Gott weder die schlechten noch die guten Eigenschaften haben könne, die ihm von den Aposteln und Propheten beigelegt wurden; diese Leute, die ja als Menschen irren und sogar lügen konnten, haben nicht mehr Verstand und Fähigkeit gehabt als andere, haben sich Gott körperlich vorgestellt, und man solle sich auf dergleichen dumme Leute nicht verlassen. Die Furcht der Menschen habe zu der Neigung geführt, unsichtbare Wesen zu erdichten. Aus der Vorstellung von einem menschenähnlichen Gotte habe man die Begriffe von Gut und Böse, von Unordnung und Ordnung (der Einfluß Spinozas ist an dieser Stelle unverkennbar), von Lob und Schande, von Schönheit und Häßlichkeit gebildet. Die allerdümmsten Theologen haben die Endursachen zu verstehen geglaubt, so daß sie bewiesen haben, daß Gott und die Natur ebenso unnütze Dinge vornehmen wie die Menschen; aber alle Endursachen seien bloß menschliche Erfindungen, der wahre Gelehrte, der nach den natürlichen Ursachen forsche, werde für einen Ketzer und gottlosen Bösewicht erklärt. Sehr kühn ist der siebente Paragraph des zweiten Kapitels, wo beinahe schon die hoministische Natur der moralischen, physikalischen und ästhetischen Begriffe (auch der Willensfreiheit) behauptet wird. Alle diese abstrakten Begriffe seien nicht einmal im Verstande, sondern nur in der Einbildungskraft. Was Gott sei? Ein unendliches Wesen von ausgedehnter Substanz. Der Aberglaube stelle sich ihn geistig vor, aber zugleich mit der Pracht eines Königs und mit Füßen, Händen, Augen und Ohren. (Der Herausgeber fügt den Satz des griechischen Philosophen Xenophanes hinzu: »Wenn der Ochse oder Esel Gott vorstellen und malen könnte, er würde ihn als einen Ochsen oder Esel malen und vorstellen.«) Man befrage über Gott die Bibel, obgleich sie ein zusammengestoppeltes Buch sei, von einem unwissenden Volke herrühre und fast ebenso verwirrt wie der Koran. Ein solches Gespenst werde angebetet; man solle lieber auf das natürliche Gesetz hören.

Mit nicht geringerer Kraft setzt das dritte Kapitel ein. Die Religion habe viel Lärmen in der Welt gemacht, der Glaube an ihre falschen Begriffe habe zu einer Verachtung gegen die Natur geführt, zu einer Ehrerbietung nur gegen die eingebildeten Wesen, die man Götter nannte. Nach diesem Eingang kommt aber die durch den alten Buchtitel berüchtigte Darstellung der Religionsstifter; die heute von einer noch ungläubigeren Zeit preisgegebene Annahme des Betrugs wird durchgeführt. Jeder ehrgeizige Religionsstifter habe sich auf die Unwissenheit des Volkes verlassen und sich für einen Propheten ausgegeben.

Moses kommt beinahe am schlechtesten weg, wie denn die Schrift, dem jüdischen Titel ihrer gleich zu besprechenden deutschen Ausgabe zum Trotze, judenfeindlich ist. Weil sie aussätzig gewesen wären, wurde das überaus leichtgläubige Judenvolk aus Ägypten gejagt; da habe sich Moses durch Lügen zum Oberhaupte aufgeworfen, habe von Jehova berichtet, was er in Ägypten über Osiris gelernt hatte, habe als ein Betrüger geherrscht und sei als ein Betrüger gestorben.

Auch Mohammed habe sich für einen Propheten ausgegeben und durch betrügerische Versprechungen Lumpengesindel um sich versammelt. Nach seinem Beispiel könne jeder Narr ein Gesetzgeber werden, denn durch die süßen Worte so eines dummen Kerls werde das Volk leicht verführt; er sei der letzte unter den berühmtesten Betrügern gewesen.

Jesus Christus steht in der Mitte zwischen Moses und Mohammed; ich komme auf ihn außer der Reihe, weil auch der Verfasser ihn im Verhältnisse zu den beiden anderen mit einiger Achtung behandelt, aus Überzeugung oder aus Vorsicht. Zwar alle Geheimnisse der Persönlichkeit Jesu werden grob als Fabeln abgetan, die ersten Jünger und die späteren Anhänger werden wieder als dumme Leute bezeichnet; aber immerhin wird zugegeben, daß der gute Mann nicht für sich selbst gesorgt habe. Göttlich sei die neue Religion freilich nicht gewesen, auch die Wunder nicht. Schon der Papst Leo X. habe beim Anblick seiner Schätze ausgerufen: »Diese Fabel von Christo hat uns zu so großem Reichtum verholfen.« Die Sittenlehre Jesu Christi sei zwar sehr schön, aber durchaus aus den griechischen Dichtern und Philosophen abgeschrieben; unter Martern habe sich Epictet z. B. standhafter benommen als Jesus. Das sei die Wahrheit, möchten auch die bezahlten Pfaffen reden, was sie wollen. Nur unter den Schwärmern und Erzdummen bestehe der Glaube an die Gottheit Christi. Jesus habe das nicht selbst gelehrt, es sei erst durch den großen Schwätzer Paulus aufgebracht worden. Doch geht der Verfasser in der Blasphemie so weit, gegen die Bibel, die ja davon nichts weiß, zu behaupten, Jesus habe seinen idiotischen Jüngern ( imdecilles bei Paulus, das quellengemäßere idiots in meiner Handschrift) eingeredet, der heilige Geist wäre sein Vater und eine Jungfrau seine Mutter. Meine Handschrift und auch die von Paulus, weist noch auf den Tschingis-Khan hin, der nach dem Glauben der Tartaren von den Sonnenstrahlen empfangen und von einer Jungfrau geboren wurde.

Die drei letzten Kapitel bringen billige Weisheit im Geiste eines oberflächlichen Materialismus. Gott sei materialisch, sei weder gerecht noch barmherzig, belohne und bestrafe nicht; er mache von einem Menschen nicht mehr Wesens als von einer Ameise; der vernünftige Mensch glaube weder Himmel noch Hölle, noch Geist, noch Teufel, noch Seele. Selbst Cartesius habe erbärmlich behauptet, die Seele sei nicht materialisch. »Gleich wie die Gesundheit kein Teil desjenigen ist, der sich wohl befindet, obschon sie in ihm ist, also ist auch die Seele kein Teil des Tieres, in dem sie ist, sondern nur eine wechselweise Übereinstimmung aller Teile, daraus es besteht.« Die Geister vollends seien nur Gespenster der Einbildung. Nicht nur das Alte, sondern auch das Neue Testament (weil Jesus eben ein Jude war) sei voll von Engeln und Teufeln, aber man erfahre nicht, ob sie materialisch seien oder nicht. Der Teufel müsse von Gott geschaffen worden sein, Gott lästere sich also selbst durch den Teufel oder er sei nicht allmächtig; es gebe dann ein gutes und ein böses Prinzip. (Man denkt an Bayles Artikel über Spinoza und die Manichäer.)

Das sechste oder letzte Kapitel wendet sich also gegen den Glauben an Geister, an Gespenster, an den Teufel; der beste Beweis, wenn es noch eines solchen bedurft hätte, daß die ganze Schrift atheistisch ist. In den Märlein, die man dem Volke auftische, sei kein Körnchen Salz der Wahrheit. »Man hat schon seit langer Zeit den Narren an diesen abgeschmackten Gedanken gefressen, aber es haben sich auch zu allen Zeiten aufrichtige Gemüter gefunden, die wider eine so offenbare Ungerechtigkeit geschrieben haben, gleichwie wir das in dieser kleinen Abhandlung eben getan haben. Diejenigen, so die Wahrheit lieben, werden ohne Zweifel einen großen Trost darin finden; und bloß diesen suche ich zu gefallen, ohne mich im geringsten um die zu bekümmern, welche ihre Vorurteile für unfehlbare göttliche Aussprüche halten.« Ich habe noch in eine andere Abschrift, » Traité de Trois Imposteurs« betitelt, Einsicht nehmen können, die damals in Privatbesitz war; sie ist offenbar nach einer älteren Vorlage von jemand angefertigt, der kein Franzose war; die Sprache dieser Vorlage weicht von meiner Handschrift an unzähligen Stellen ab, macht sehr häufig kurze logische Übergänge und sucht den Stil zu verbessern. Dem Schlusse des Kapitels über Mohammed ist am Ende dieser Abschrift eine Variante beigefügt, in welcher die drei Betrüger noch gröblicher beschimpft werden. Moses habe sich in einen Abgrund gestürzt, um für unsterblich zu gelten, Mohammed sei von einer jungen Jüdin vergiftet worden; » Jesus Christ fut honteusement pendu avec deux scelerats et fut ainsi couvert de honte pour recompense de son imposture«. Das Besondere dieser Abschrift besteht aber darin, daß ihr Anfertiger offenbar darauf ausgeht, den Glauben zu erwecken, die Abhandlung stamme wirklich aus dem 13. Jahrhundert. Die Zeitangaben werden überall so gemacht, als ob Kaiser Friedrich II. (oder sein Kanzler) tatsächlich der Verfasser gewesen wäre; dabei hat der Abschreiber nicht übersehen, daß (S. 168) Descartes ausdrücklich genannt wird; er schreibt ganz harmlos dessen Geburtsjahr (1596) an den Rand. In einer » dissertation préliminaire« wird ohne allzuviel Gelehrsamkeit behauptet, dieser Traktat » de tribus famosissimis nationum deceptoribus« (so wäre der wahre Titel) sei von Peter de Vineis aus Befehl des Kaisers Friedrich abgefaßt worden.

 

Die deutsche Übersetzung

Ich habe diese und andere Stellen fast durchaus nach der deutschen Übersetzung mitgeteilt, die, was ich bisher unerwähnt ließ, Paulus zwar schwerlich gekannt hat, aber ungenau nach Heydenreich (»Natur und Gott nach Spinoza«) anführt. Diese deutsche Übersetzung, die von meiner Handschrift nur in wenigen Worten abweicht und vielleicht die ganz genaue Übersetzung einer verwandten Handschrift ist, zeigt freilich im Titel, in der Vorrede und im Anhang den Charakter einer buchhändlerischen Mystifikation, falls es sich nämlich anders nicht so verhält, daß der Herausgeber ehrlich der Meinung war, die von ihm abgedruckte, belobte und erläuterte Handschrift, die gar nicht früher als zu Anfang des 18. Jahrhunderts entstanden sein konnte, wäre irgendwie doch das legendäre Buch von etwa 1230. Der Titel lautet: »Spinoza II. oder Subiroth Sopim. Rom, bei der Witwe Bona Spes. 5770.« Dazu in griechischer Sprache das Motto: »Allen gefallen ist sehr schwer.«

Ich habe einzugestehen, daß mich der Untertitel »Subiroth Sopim« lange gefoppt hat, wie andere vor mir gefoppt worden sind; ich ließ mich von dem Spaßvogel täuschen, der die Buchstabenfolge so gewählt hatte, daß man es mit hebräischen Worten zu tun zu haben glaubte. Als auch die gelehrtesten Orientalisten »Subiroth« nur ungenau und »Sopim« gar nicht deuten konnten, wurde mir die Sache durch eine hübsche Entdeckung Gustav Landauers aufgeklärt. »Subiroth Sopim« ist nichts anderes als ein Anagramm, fast eine genaue Umkehrung des Wortes » Impostoribus«. Das Exemplar der Münchner Staatsbibliothek enthält (mit Berufung auf Weller De trib. Impost. 1876 p. VII) den Vermerk, das Büchlein sei 1787 in Berlin bei Vieweg erschienen; dazu die ältere Notiz: es sei die überaus seltene Übersetzung des Buches von den drei Betrügern.

Ich habe die Überzeugung gewonnen, daß der Herausgeber von »Subiroth Sopim« zwar ein ganz gottloser Aufklärer war und ein Mann von mancherlei Kenntnis, also durchaus nicht der unwissende Mensch, als den ihn die Vorrede erscheinen läßt, daß er aber wirklich die Übersetzung von 1787 nicht selbst angefertigt, sondern eine ältere Übersetzung aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts vorgefunden hatte, die herauszugeben ihn entweder seine Freidenkerei antrieb oder buchhändlerischer Erwerbsinn; oder beides. Für das etwas höhere Alter der Übersetzung spricht zunächst, daß die Schreibart des Buches nicht etwa künstlich in eine altertümlichere Form gebracht ist, sondern ihre Herstellungszeit nur gelegentlich durch veraltete Worte (z. B. Beisorge) oder einen veralteten Satzbau verrät; ich vermute sogar, daß der Herausgeber sich bemüht hat, den Stil der Vorlage seinem eigenen Sprachgebrauchs anzupassen. Auch der Titel der irgendwie aufgefundenen Handschrift entspricht genau der Mode vom Anfange des Jahrhunderts: »Das Buch von denen dreyen Erzbetrügern, Mose, Mesia und Mahomed, oder vom Gebrauch der Vernunft, oder Subiroth Sopim. Ein überaus rares Manuskript in französischer Sprache. Nunmehro aber ins Teutsche übersetzt, und mit einer historischen Nachricht vermehret. 1745.« Ein Schriftsteller von 1787 hätte kaum daran gedacht und wäre auch nicht imstande gewesen, den Stil seines Großvaters vorzutäuschen. Endlich ist zu beachten, daß der Herausgeber in seinen Erläuterungen oft noch kecker ist als sein Text, während dieser, also die Übersetzung, wenigstens an einer Stelle die französische Vorlage abschwächt. Die Vorrede ist ein wirres Gemisch von Unsinn und Vernunft, von Vorsicht und Ehrlichkeit. Zuerst wird das Buch für den famosus liber de tribus Impostoribus ausgegeben, dann ganz vernünftig darauf hingewiesen, daß ein Buch, das den Cartesius nennt und seit Mohammed tausend Jahre verstrichen sein läßt, unmöglich unter Kaiser Friedrich II. entstanden sein konnte. Wieder wird behauptet – wie seit hundert Jahren unter fast allen Freidenkern üblich war –, es gebe gar keinen wirklichen Gottesleugner; dann aber stellt sich der Herausgeber als einen entschiedenen Aufklärer vor; er glaube kein Licht auf Stroh zu werfen und ein ganzes Gebäude in Flammen zu setzen, damit andere im Löschen geübt werden. (Was geradezu gegen das heuchlerische oder ironische Avertissement des französischen Originals gerichtet zu sein scheint.)

Im Anhang werden äußerst konfus einige Beiträge zu der Geschichte des Buches de tribus Impostoribus vorgebracht, darunter die Antwort auf eine Dissertation von de la Monnaye, die in einer späteren Ausgabe der Menagiana erschienen war und die Existenz des berüchtigten Buches geleugnet hatte. Diese Antwort ist mit den Buchstaben J. L. R. L. unterzeichnet und von Leyden, den 1. Januar 1716, datiert; immerhin ist sie merkwürdig genug, um eine Wiedergabe ihres wichtigsten Inhaltes zu rechtfertigen. Übrigens scheint unser Herausgeber gar nicht zu bemerken, daß eben nach diesem Bericht die Übersetzung im Jahre 1706 angefertigt wurde, daß er jedoch angeblich eine Handschrift von 1745 vor sich hatte; auch nicht zu bemerken, daß in seiner Handschrift die entscheidenden Eingangsworte fehlten, die auf das 13. Jahrhundert hinweisen sollten. Ich kann mich nicht darauf einlassen, zu untersuchen, was an der ganzen hübschen Geschichte sonst Wahrheit ist und was Erfindung; ich weiß nicht einmal, ob es gelungen ist, den Verfasser dieser Antwort herauszubringen. Der mir unbekannte J. L. R. L. erzählt also:

Als ich 1706 zu Frankfurt am Main war, ging ich nebst einem Juden und einem anderen guten Freund, einem Studenten der Theologie Namens Frecht, zu einem Buchhändler; wir gingen das Bücherverzeichnis durch; unterdessen kam ein deutscher Offizier herein und fragte den Buchhändler auf deutsch, ob er den Kauf abschließen wollte. Frecht stellte in dem Offizier, welcher Tausendorf hieß, eine alte Bekanntschaft fest, und fragte ihn aus. Tausendorf antwortete, er hätte zwei Handschriften und ein sehr altes Buch und wollte alles für die bevorstehende Kampagne zu Gelde machen; der Buchhändler wollte bereits 450 Reichstaler geben, er aber verlangte 500. Der hohe Preis Der Preis von fünfhundert Reichstalern spräche an sich nicht gegen die Glaubwürdigkeit des Berichts. Die Schrift, deren Vorhandensein von den Gelehrten bestritten wurde, war natürlich das rarste aller Bücher. Zufällig finde ich übrigens bei Morhof (I. I. XXV. 18) eine Notiz, nach der der schwedische Baron Salvius, der Besitzer einer großen Bibliothek, dem jüdischen Arzte de Castro den Auftrag gab, just den liber de tribus impostoribus um jeden Preis für ihn anzukaufen. Zu den Sammlern, die große Summen besonders für verbotene Bücher bezahlten, gehörte auch der Prinz Eugen von Savoyen; und das Exemplar der französischen Handschrift der » Trois Importeurs«, das in den Besitz von Karl Rosenkranz gelangte, enthielt das ex libris des Prinzen Eugen. Die Tatsache, daß für das kleine Büchlein eine so große Summe verlangt und bewilligt wurde, daß Toland von seiner Übersetzung der Bestia trionfante (auch dieses Buch kam in den Verdacht, das von den 3 Betrügern zu sein) einen Riesengewinn erhoffen durfte, mußte den Herausgeber sehr interessieren, wenn die deutsche Ausgabe wirklich, wie ich besonders aus der Mystifikation auf dem Titel schließe, eine Buchhändlerspekulation war. machte Frecht noch neugieriger. Tausendorf zog sogleich ein Paket aus der Tasche, das mit einer seidenen Schnur zugebunden war, und langte daraus die drei Bücher hervor. Das erste war in italienischer Sprache gedruckt und hatte den geschriebenen Titel » Specchio (für: Spaccio) della Bestia trionfante«. Der Druck schien nicht alt, ich glaube, Toland hat eine englische Übersetzung drucken lassen, davon man die Exemplarien so teuer bezahlt hat. Das zweite war ein altes lateinisches Manuskript, das sehr unleserliche Buchstaben hatte und keinen Titel. Aber oben auf der ersten Seite stand mit ziemlich großen Buchstaben: Ottoni illustrissimo, amico rneo charissimo F. i. d. f .; und das Werk selbst fing mit einem Briefe an, dessen erste Zeilen waren: »Was von den drei berüchtigsten Betrügern ganzer Völker aus meinen Befehl derjenige Gelehrte in Ordnung gebracht hat, mit welchem du in meiner Studierstube darüber gesprochen, das habe ich aufsetzen lassen und schicke dir solches Buch usw.« Ich habe in der Anmerkung zu S. 324 eine verbesserte französische Abschrift erwähnt mit ihren Wunderlichkeiten und mit all ihrer ganz unwissenschaftlichen Leichtgläubigkeit. Die stärkste Leistung war aber, daß dort diese Widmung an den bayrischen Herzog, von welcher in dem alten Berichte die lateinischen Anfangsworte stehen, in französischer Sprache vollständig hergesetzt wird. »Au très illustre Othon mon très fidel ami Salut. J'ai eu soin de faire copier le traité, qui a été composé touchant Ies trois fameux imposteurs par ce savant, avec qui vous vous êtes entretenu sur ce sujct dans mon Cabinet, et quoique vous ne l'ayés pas demandé, cependant je Vous envoye au plutôt ce Manuscript, ou la pûreté du Style egale la vérité de la matiére. Car je sais, avec quel ardeur vous souhaités de le lire. Aussi suis-je persuadé, que rien ne peut vous faire plus de plaisir, à moins que se ne soit la nouvelle, que j'ai terrassé mes cruels ennemis et que je tiens Ie pie sur la gorge à l'hydre Romaine, dont la peau n'est pas assez rouge du sang de tant de milliers d'hommes, que ses fureurs ont sacriffié à son abominable orgueil. Soyez persuadé, que je ne negligerai rien pour faire, que vous entendiez un jour, que j'en triomphe ou j'en mourrai dans la peine. Car quelque revers, qui m'arrive, jamais on ne me verra comme mes prédécésseurs aller plier les genoux devant elle. J'espère tout de mon epée et de la fidelité des membres de l'Empire. Vos avis et vos secours n'y contribûeront pas peu, mais rien ne serait plus capable d'avancer mes justes desseins, que d'inspirer à toute I'Allemagne les sentiments du docte auteur de ce livre. Mais où sont ceux, qui seraient capables d'executer un tel projet? Je vous recommande nos interêts communs. Vivez heureux. Je serai toujours votre ami.«
F(ridericus) I(mperator).
Das dritte Manuskript war etwa ein skeptisches Buch von oder nach Cicero. Frecht sah alle drei Bücher flüchtig durch, erkannte in dem einen die verloren geglaubte Handschrift von den drei Betrügern und riet dem Offizier, nichts von seiner Forderung abzulassen. Als der Buchhändler nicht nachgab, ging man aus Frechts Stube, wo Tausendorf mit gutem und reichlichem Wein bewirtet wurde. Trunken erzählte er, wie er zu den Büchern gekommen; nach der Einnahme von München durch die Österreicher (1705) wäre er in der Schloßbibliothek von einem Gemach ins andere gegangen, da wäre ihm das mit einer seidenen Schnur umwickelte Pergament aufgefallen, er hätte es für wertvoll gehalten und mitgenommen. Tausendorf trank weiter und gab den Freunden die Erlaubnis, die Schrift De tribus impostoribus von diesem Freitag abend bis Sonntag abend zu behalten, aber nur unter einem schrecklichen Eide, daß man es nicht abschreiben wollte. Die jungen Leute hielten es für redlich, diesen Eid so zu deuten, daß sie von der Handschrift eine Übersetzung anfertigen durften; Tausendorf erhielt am Sonntag abend nach einigen weiteren Flaschen des guten Weins die Handschrift wieder, und der Buchhändler zahlte ihm bald darauf die 500 Reichstaler.

Ich wüßte nicht zu sagen, welcher deutsche Aufklärer die Übersetzung und die scharfen Anmerkungen verfaßt haben sollte. Der Herausgeber von 1787 geht uns wenig an. Er hat Reimarus und Lessing mit Nutzen gelesen und unterscheidet sich etwa von Nicolai nicht allzusehr; er ist nüchtern bis zum Unverstand, trifft aber in seinen aufdringlichen Anmerkungen doch manchem Nagel auf den Kopf. Er hat dem Büchlein vier kleine Seiten »Von der Erbsünde« und »Einige Gedanken über das Ganze« angehängt. Da läßt er sich behaglich in den Gemeinplätzen eines atheistischen Deismus gehen.

Erbsünde? »Nur ein Tyrann kann die Schuld der Eltern auch auf die Kinder übergehen lassen und sich noch an diesen rächen.« Es stehe in der Bibel? »Folgt denn daraus, daß ich oder du das glauben müssen, was da steht?« Die Bibel sei nicht mehr und nicht weniger als ein anderes Buch, in welchem ebenfalls Wahrheiten und Lügen zu finden seien.

Die Schrift von den drei Betrügern werde vermutlich Aufsehen machen. Man habe den Fragmentisten den zweiten Goliath genannt, man werde den Verfasser des kleinen Buches den dritten Goliath nennen. Noch einmal wird der Wunsch nach einer Befreiung vom Judentume ausgesprochen, noch einmal werden die menschlichen Lehren Jesu gerühmt. Aber es sei parteilich, dem Verfasser eine Kritik Mohammeds zu gestatten, eine Kritik Mosis und Jesu zu verbieten. »Geschrieben auf dem Vorgebirge der guten Hoffnung (» Bona spes« auf dem Titel), am Tage, da sich die Wolken zerteilten und die Sonnenstrahlen ungehindert Leben und Freude geben konnten.« (Berufung der Stände in Frankreich?)

Wer aber war der Übersetzer, wenn ich anders darin recht habe, daß die Übersetzung wirklich aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts stammt und wirklich dem Herausgeber in einer Abschrift oder Bearbeitung von 1745 vorgelegen hat? Ich erlaube mir keine Vermutung. Wollte man an einen der tapferen, heute vergessenen deutschen Deisten jener Zeiten denken, so käme für 1706 nur etwa Dippel, genannt Christian Democritus, in Betracht, kaum der gelehrte Wachter, der zwar schon 1699 sein »Spinozismus im Judentum« veröffentlicht hatte; aber doch wohl, damals wenigstens, noch kein verwegener Freigeist war; für 1745 läge es nahe, Edelmann für den Übersetzer des Buches von den dreyen Erzbetrügern zu halten. Edelmann spricht in seinem »Abgenöthigten Glaubensbekenntnisse« (1746) über Bibel und Christentum oft ähnliche Gedanken aus wie der Verfasser des sogenannten » Esprit de Mr. Spinosa« und war ein guter Kenner der antichristlichen Literatur; man darf aber nicht übersehen, daß Edelmann seine eigenen gewagten Schriften mit voller Nennung seines Namens herausgab, also keinen Grund gehabt hätte, seinen Namen bei der Übersetzung eines französischen Buches zu unterdrücken.

Gegen das französische Original hat Voltaire, aber wahrscheinlich erst gegen das Ende seines Lebens, eines der Lehrgedichte geschrieben, in denen er für den Deismus eintritt, bald mehr lehrhaft, bald mehr lustig: » Sur le livre des trois imposteurs.« Wir wollen uns mit diesen Versen erst dann beschäftigen, wenn die Stellung Voltaires zum Deismus und zum Atheismus an der Reihe ist. Das Gedicht steht übrigens auch als Beigabe zu den Urteilen Voltaires über Holbachs » Système de la Nature«, die der angeblich Londoner Ausgabe von 1780 vorgedruckt sind. Eine Note Voltaires besagt: » Ce Livre des Trois Imposteurs est un très mauvais ouvrage, plein d'un Atheisme grossier, sans esprit et sans philosophie

 

Voltaire und Hegelei

Will man den Rückschritt von der rationalistischen Aufklärung der Enzyklopädisten zu der romantischen Philosophie Deutschlands in seiner ganzen Weite ausmessen, so vergleiche man einmal Voltaires Betrachtungen über das Buch von den drei Betrügern mit einer kleinen Schrift, die der Hegelianer Karl Rosenkranz ganze zwei Menschenalter später (1830) über den gleichen Gegenstand herausgegeben hat. Rosenkranz steckte damals (Hegel lebte noch) bis über beide Ohren in der Hegelei und täuschte sich wohl selbst, da er als alter Herr in seiner Selbstbiographie (1873) behauptete, er hätte in seiner Kritik der berüchtigten Schrift die gesamte Freidenkerei von Feuerbach vorausgenommen. Der Deist Voltaire hatte an dem Livre des trois Imposteurs eigentlich nur die Gottesleugnung zu tadeln und war sonst, wie sattsam bekannt, mit der Ablehnung aller positiven Religionen ganz einverstanden; der Hegelianer Rosenkranz dagegen steht oder stellt sich völlig auf dem oder auf den christlichen Standpunkt, und man muß schon sehr genau lesen und einen guten Willen mitbringen, um zu entdecken, daß mit solcher Dialektik nicht geradezu jeder Artikel des Katechismus verteidigt werde. Scholastisch wird an der Lehre von der Schöpfung festgehalten. »Schaffen ist schlechterdings Selbstbestimmung des Seins zum Dasein, nicht Setzen eines Daseins durch ein Sein;« scholastisch wird die Offenbarung als immanente Bestimmung des Geistes, als seine ewige Tätigkeit, als die absolute Tatsache gedeutet. Die Forderung, die Offenbarung durch Zeugen und die Wahrhaftigkeit dieser Zeugen wieder durch neue Zeugnisse zu prüfen, wird ein lächerlicher Vorschlag genannt. Der aufgeklärte Hegelianer redet zwar einmal wie ein Freigeist von der »Identität der Religion«, aber in gleichem Atem auch von dem »Nebel der natürlichen Religion«. In der Phraseologie Hegels war es eben möglich, die Worte oder Begriffe so zu setzen, daß einerseits die grobe Kinderlehre, andererseits etwas wie ein sublimierter pantheistischer Auszug herauszukommen schien. Offenbarung sei da, aber nicht so sehr als Faktum der göttlichen Willkür, sondern als immanente Bestimmung des Geistes; die Trinität sei nicht erst im Christentume verkündet worden, sondern sei (man kennt die Verkleidung aus Hegel selbst) eins mit der an und für sich seienden und sich absolut wissenden Wahrheit. Mit der Christologie wird die Begriffsentwicklung leicht fertig; »es versteht sich, daß es dem Begriff nicht darauf ankommen kann, ob die Geschichte ihm ein Schauspiel der Verworfenheit oder der Hoheit darbietet.« Wir werden im Verlaufe noch erfahren, wie schillernd noch der antichristliche und materialistische Ludwig Feuerbach sich ausdrückte, solange er im Banne der Hegelschen Sprache blieb.

Rosenkranz hatte durch seinen Freund Genthe (der später den Gegenstand wissenschaftlich bearbeitet hat) das Manuskript in die Hand bekommen, das beide Schriften über die drei Betrüger enthielt, die lateinische von 1598 und die französische von 1719; nach der Angabe von Rosenkranz entstammte dieses Manuskript wirklich, wie gesagt, der Bibliothek des Prinzen von Savoyen. Eine historische Untersuchung über das Verhältnis zwischen den beiden gleich oder ähnlich betitelten Schriften wird nicht gegeben; Philologie war nicht die starke Seite der echten Hegelianer. Rosenkranz bekämpft die Begriffe der beiden Verfasser von einer abstrakten Höhe aus, in welcher man nicht atmen kann; als ob diese Begriffe in dem älteren lateinischen und in dem jüngeren französischen Buche die gleiche Bedeutung gehabt hätten, als ob sie für die Zeit von Rosenkranz noch lebendig gewesen wären. Wir können darum aus seiner Kritik nichts lernen, nicht einmal den Inhalt und den geschichtlichen Wert der beiden Schriften de Tribus Impostoribus.

Mein Bericht über die Bücher, die nachträglich zu dem überlieferten Titel von Freigeistern geschrieben worden sind, wäre unvollständig, wollte ich nicht wenigstens kurz erwähnen, daß derselbe Titel auch parodistisch benützt wurde, um gegen die Freidenkerei zu eifern. Die Dreizahl wurde da immer künstlich zusammengestellt. Am häufigsten genannt wird ein gelehrtes Pamphlet, das Christian Kortholt (1680) herausgab, gegen Herbert, Hobbes und Spinoza, und das er » De tribus impostoribus magnis« benannte. Schon vorher waren ähnliche Traktätlein erschienen: einmal gegen Gassendi und seine Jünger, Neure und Bernier (Verfasser war der Atomistenfresser Morin), einmal gegen drei orientalische Betrüger, unter denen Sabbatai Zevi allgemeiner interessieren könnte. Ganz spielerisch ist endlich die Benützung des legendären Titels in einer populär wissenschaftlichen Schrift (1731), die von den drei Betrügern oder berüchtigten Volksverführern handelt, nämlich von dem Thee und Coffée, den commoden Tagen und der Hausapotheken.

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